Chloe. Das Perlenspiel - Frédéric Audery - E-Book

Chloe. Das Perlenspiel E-Book

Frédéric Audery

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Beschreibung

Das Spiel von Macht und Ohnmacht beherrschen nur wenige. Doch Marcel Montard gehört gewiss nicht dazu. Einst gefeiert als Fotograf erotischer Bildbände ist er nach einem beispiellosen Absturz nur noch ein Schatten seiner selbst. Da trifft er auf Chloe, die ihrerseits glaubt, das Spiel zu beherrschen. Sie hat sich auf eine gefährliche Liaison eingelassen mit dem Gangsterboss Luc. Aber schon bald muss sie erkennen, dass dessen 'Perlenspiel' sie an ihre Grenzen treibt - und ein gutes Stück darüber hinaus.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2016

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›Wer könnte ohne Zittern an all das Unglück

denken, das ein einziges gefährliches Verhältnis mit

sich führen kann? Welche Leiden vermiede man,

wenn man dies mehr bedächte!‹

Choderlos de Laclos, ›GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN‹ (1782)

Inhalt

Endstation

Hoffnung

Ergebung

Harmonie

Rituale

Kontrolle

Déjà-vu

Verdammnis

Verwirrung

Verrat

Ernüchterung

Rückkehr

Epilog

Über den Autor

Mehr von Frédéric Audery bei Ganymed

I. Endstation

Eigentlich war es das gewesen, vor zwei Wochen in Bastia. Sie hatten ihn quasi über Nacht aus dem Knast in Borgo entlassen. Es hatte keine Ankündigung gegeben. Niemand hatte mit ihm gesprochen. Er hatte auch keine Anträge gestellt. Diese Entlassung kam über ihn wie eine mittlere Naturkatastrophe.

Denn damit hatte Marcel auch den letzten Halt verloren. Nicht, dass das Leben im Gefängnis irgend einen Sinn für ihn gehabt hätte. Aber zumindest hatte es da eine Ordnung gegeben. Ihm war gesagt worden, wann er schlafen, wann er essen, wann er arbeiten sollte. Nur auf diesem Niveau hatte er noch gelebt und funktioniert. Von ihm selbst war nichts mehr ausgegangen.

So blieb es auch, als er nun auf der Straße saß. Die 18 Kilometer bis Bastia hatte ihn der Gefängnisbus transportiert, dann aber buchstäblich ausgespien und allein gelassen. Da ihm nun jeglicher äußere Rahmen fehlte, trieb Marcel dem Ende entgegen.

Rien ne vas plus – das traf es noch am besten. Buchstäblich nichts ging mehr. Die Roulettekugel rollte, es gab keine Einsätze mehr. Und jedes Feld, das die Kugel aufnehmen konnte, war schwarz. Jedes. Es war also egal. Nur diese kurze Zeitspanne, bis die Kugel ausrollte, war noch zu überbrücken.

Es ging nicht vor und nicht zurück, es gab kein Ziel mehr und keinerlei Sinn. Und das Schlimmste: Marcel war sich all dessen bewusst. Doch es war egal jetzt. Er hatte aufgegeben. Wenn da noch jemand gewesen wäre zum Sprechen, dann hätte Marcel nicht einmal recht zu sagen gewusst, wie er auf diese vermaledeite Insel gekommen war. Daran und an die letzten beiden Wochen gab es bestenfalls verschwommene Erinnerungen in seinem alkoholfixierten Hirn. Nun erfuhr er auf ganz neue Weise, warum Alkohol eine so schlechte Lösung war, wenn es um wirksames Vergessen geht. Das Zeug verlor viel zu schnell seine Wirkung, wenn man nicht mehr nachfüllte. Um nachfüllen zu können, bedurfte es jedoch einer gewissen materiellen Ausstattung. Marcel besaß rein gar nichts mehr.

Im Unterschied zu den Pariser Clochard, die Marcel in einem früheren Leben argwöhnisch bis mitleidig beobachtet haben mochte, war er sogar noch übler dran. Marcel konnte nicht betteln, konnte nicht stehlen, konnte sich nicht prostituieren und kein Blut spenden. Natürlich gab es auch im Hafen von Bastia Bettler, Flaschensammler, Obdachlose und Süchtige aller Art. Aber Marcel sah sie nicht. Ihr Schicksal hatte nichts mit seinem Los zu tun. Ihre Überlebensstrategien passten nicht für ihn. Er war keiner von ihnen. Nicht, weil er sich für etwas Besseres hielt. Marcel war längst jenseits von Einbildung und Dünkel. Was ihn unterschied, war vor allem dies: Diese anderen hatten sich notgedrungen auf ihre dauerhafte Notlage eingestellt. Sie hatten sich irgendwie arrangiert. Marcel ging die Fähigkeit zu einer solchen Anpassung vollständig ab.

Anders als all die anderen Ausgestoßenen, Ausgebrannten und Aussortierten ging er nämlich nicht davon aus, nun für den unbestimmten Rest seines Lebens zum Bodensatz der Gesellschaft zu gehören. Sein Leben hatte einfach keinen Rest mehr. Selbstmord kam nicht infrage, dafür hätte Marcel noch die Kraft zu einem Entschluss gebraucht. So also ließ er die Zeit, die ihm noch blieb, einfach auslaufen.

Er war schlicht und ergreifend fertig mit der Welt. Und so wartete er, täglich schwächer und gleichzeitig klarer werdend, auf das Ende. Er nahm noch Flüssigkeit zu sich, weil Trinkwasser umsonst war. Aber als er da am ersten echten Sonnentag des April um das alte Hafenbecken herumschlurfte, da hatte er seit drei Tagen nicht mehr gegessen. Und seit genauso langer Zeit mit niemandem ein Wort gewechselt.

Vor gut einer Woche hatte er seine letzte Bleibe und dann auch die letzten, wenn gleich schäbigen Habseligkeiten verloren. Erst hatte ihn der Besitzer einer fünftklassigen Absteige auf die Straße setzen lassen. Ohne Miete keine Bude – Marcel verstand das sogar. Er wehrte sich nicht. Er begehrte nicht auf. Er nickte und ging. Kaum, dass er sich darüber wunderte, von zwei kräftigen Burschen, die zusammengenommen vielleicht vier Jahre zur Schule gegangen waren, bis zur nächsten Ecke begleitet zu werden. Zuviel der Ehre.

Nun passte alles, was er noch hatte, in eine Plastiktüte von Carrefour. Aber dann war ihm in seiner ersten Nacht auf der Straße auch noch diese Plastiktüte gestohlen worden. Die zweite Nacht hatte er nicht mehr auf einer Bank verbracht, sondern war in eines der Abbruchhäuser umgezogen, die unweit des Hafens auf Sanierung oder Zusammenbruch warteten – stets im Ungewissen, was schneller über sie kommen würde. Hier behelligte niemand mehr Marcel, weil keiner sonst verrückt genug war, diese vom Trotz der Jahre gerade so noch locker zusammengehaltenen Steinhaufen zu betreten.

Solange der Alkoholnebel ihn sorgfältig von jeglicher echten Wahrnehmung abgeschirmt hatte, war Marcel die Einsamkeit nicht bewusst geworden. Nun aber, da er seit Tagen völlig und unwiderruflich total abgebrannt war, hatte sich der Nebel in seinem Kopf deutlich gelichtet. Er hatte schlicht keinen Alkohol mehr kaufen können, um sich zuzudröhnen.

Das war dann wohl ein untrügliches Zeichen dafür, ganz unten angekommen zu sein. Es reichte nicht mehr für den billigsten Fusel. Die angenehme Dumpfheit in seinem Kopf war also langsam gewichen, seine Augen wurden peu à peu wieder sehend, die Ohren wieder hörend. Und dann war es geschehen: Sein Hirn wurde wieder denkend. Das war nun wirklich das, was er mit aller Macht hatte verhindern wollen.

Die Ernüchterung war totaler, als er sie seinem schlimmsten Feind gegönnt hätte. Die Einsamkeit sprang ihn an wie ein wildes Tier. Vielleicht war Korsika eine schöne Insel. Vielleicht war der Hafen von Bastia pittoresk. Vielleicht gab es hier besonders schöne Lokale und einen spannenden historischen Hintergrund. Vielleicht sogar schöne Frauen?

In einem anderen Leben hätte ihn das alles interessiert. Aber als er jetzt, müde vom ziellosen Gehen, auf der Kaimauer hockte und in das Hafenbecken starrte, ging ihm das alles deutlich am Allerwertesten vorbei. Er sah wie hypnotisiert auf das Gekräusele unter sich. Und sein Gehirn begann wieder, wie schon mehrfach in den vergangenen Tagen, willkürlich irgendwelche Gedächtnisinhalte – Bilder, Sprachfetzen, Höreindrücke – abzuspielen, weil es Untätigkeit nie gelernt hatte.

›Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt‹ – wo war das nun wieder her? Was hatte ›Mr. Bojangels‹ zum Ohrwurm seiner letzten Tage geadelt? Und wieso sah er ständig den Louvre vor sich, wenn er die Augen schloss? Marcel war vollständig absorbiert von seinem eigenen Programm. Fast hätte er diese Stimme von weit her überhört, die ihn rief.

»Monsieur?!«

Sammy Davis jr. hörte auf zu steppen und zu singen, er lauschte stattdessen auf irgendetwas. Marcel beobachtete ihn verwundert dabei.

»Monsieur!«

Sammy war fort. Marcel schaute auf. Wo war er hin? Was war denn nun mit diesem Mr. Bojangles? ›Worn out shoes, silver hair, ragged shirt and baggy pants‹, das passte doch so schön.

»Monsieur, bitte, hören Sie doch.«

Tatsächlich, das galt ihm. Marcel hatte so lange schon mit keinem menschlichen Wesen mehr gesprochen, das es ihm merkwürdig vorkam, kommunizieren zu sollen. Jemand sprach ihn an. Jemand sprach IHN an.

Sein unsteter Blick wanderte über die Kaimauer. Mühsam drehte sich sein Körper, um den flackernd suchenden Augen noch etwas mehr Spielraum zu geben. Und dann blieben sie an dieser Frau hängen, die da in einem hübschen kleinen Café an einem Bistrotisch saß. Sie lächelte ihn an. Ihre Augen baten ihn, näherzutreten.

Vor Schreck wäre Marcel beinah in das Hafenbecken gestürzt. Er wuchtete sich hoch, schwankend, ohne den Blickkontakt aufzugeben. Ein, zwei Schritte taumelte er in ihre Richtung, dann stockte er mitten in der Bewegung. Stumm formulierte er seine Frage: ›Meinen Sie wirklich mich?‹ Seine Finger taten das, wiesen zögerlich auf seine Brust, weil die trockenen, spröden Lippen schlicht nicht mehr funktionierten.

Aufmunternd nickte sie. Ihr Blick bekam etwas Forderndes.

»Kommen Sie doch, Monsieur. Ich bitte Sie. Sie müssen mir helfen.«

II. Hoffnung

Linkisch trat er näher. Diese Frau, die ihn so freundlich angesprochen hatte wie niemand sonst seit Jahren, diese Frau war ausgesprochen elegant gekleidet. Das entging Marcel nicht, auch wenn er doch so sehr darauf bedacht gewesen war in der letzten Zeit, nichts mehr wahrzunehmen, sich von allem abzuschotten.

Sie trug ein weißes Etuikleid, hochhackige Pumps eines italienischen Luxusmodeherstellers, der Marcel partout nicht einfallen wollte, einen breitkrempigen Sommerhut und zarte Lederhandschuhe. Wie abgerissen er selbst aussehen musste, wurde ihm dadurch umso schmerzlicher bewusst. Natürlich hatte sie bemerkt, in welchem Zustand er vor sie trat. Solche Frauen bemerkten alles und missbilligten gewöhnlich selbst Andeutungen von Körpergeruch oder nachlässig geputzten Schuhen.

Umso erstaunlicher war, dass diese Dame ihn umstandslos bat, sich zu ihr zu setzen. Der aus eigenem Antrieb herbeigeeilte Kellner war schockiert. Er hatte diesen Herumtreiber seit Tagen beobachtet. Nun hätte er nichts lieber getan, als Marcel in die Gosse zurückzustoßen, in die er gehörte. Stattdessen sollte er seine Bestellung aufnehmen?

»Garçon, bringen Sie doch bitte meinem Gast und mir die Karte.« Die schöne Unbekannte war es offenkundig gewohnt, ihren Willen zu bekommen. »Und einstweilen, bis wir gewählt haben, hätten wir gern zwei Cappuccino und eine Flasche Mineralwasser, medium. Wenn Sie so freundlich wären?«

Damit war der Kellner entlassen und Marcel fand sich auf einem filigranen Kaffeehausstuhl wieder, in unbehaglicher Nähe zu einer Frau, an die er sich selbst in besseren Tagen kaum herangetraut hätte.

»Ich hoffe, ich greife Ihrer Wahl nicht ungebührlich vor? Aber dieser unverschämte Kerl …«

Sie lächelte Marcel so unverblümt an, dass er für einen Augenblick bereit war zu vergessen, in welchem Zustand seine Garderobe war und wann er zuletzt geduscht hatte. Er befeuchtete seine Lippen, hüstelte sich den Hals frei und versuchte zu sprechen. Seit Tagen hatte er das nicht mehr getan.

»Madame, ich bitte Sie … Seien Sie nicht so streng … Der Mann tat lediglich seine Pflicht. Sie sehen doch …«

Eine Geste machte deutlich, wie unwohl er sich jetzt in seinem Aufzug fühlte, der ihm vor wenigen Minuten noch völlig gleichgültig gewesen war.

»Ich sehe, dass Sie unglücklich sind. Und dass Sie vielleicht meine Hilfe so nötig brauchen, wie ich die Ihre. Aber entschuldigen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Chloe Faran.«

Sie reichte ihm galant ihre behandschuhte Rechte.

»Marcel. Marcel Montard. Sehr erfreut.«

Er erhob sich halb und wollte zu einem völlig deplacierten Handkuss ansetzen. Aber der Kellner kehrte genau in dem Moment zurück, brachte die Bestellung, die Karte und seine tiefste Missbilligung der Situation an den Tisch. Marcel fiel zurück in seinen Stuhl.

So unwohl hatte er sich noch nie gefühlt.

»Madame«, setzte der Kellner an, »Madame, verzeihen Sie meine Kühnheit, aber in unserem Etablissement …«

»Es ist gut, Garçon, es ist gut.« Die Dame blieb Herrin der Lage. »Jedes weitere Wort wäre jetzt eines zu viel. Lassen Sie es gut sein. Und wir lassen Sie wissen, wenn wir unsere Wahl getroffen haben.«

Damit wandte sie sich wieder Marcel zu, der Kellner konnte sich nur noch zurückziehen wie ein begossener Pudel.

»Madame Faran …«

»Chloe. Bitte sagen Sie Chloe, Marcel. Ich bestehe darauf. Und ich darf Sie doch Marcel nennen?«

»Selbstverständlich. Ja. Entschuldigen Sie, aber ich bin gerade … diese Situation … ich bin verwirrt.«

»Das verstehe ich. Aber nehmen Sie doch erst einmal eine kleine Stärkung zu sich. Dann werden Sie sich gleich besser fühlen.«

»Gern, Madame … äh … Chloe. Gern.«

Ob er sich allerdings dann wirklich besser fühlen würde, so sicher war sich Marcel da nicht. Er hatte seit Tagen nur Wasser zu sich genommen. Und in den letzten Jahren insgesamt nichts, was über Kantinenfraß übelster Sorte hinausgegangen war. Wie würde ein solcher Cappuccino wirken? In dieser Gesellschaft? Egal, er musste die Form wahren. Also nippte er vorsichtig.

»Möchten Sie etwas essen? Sie sehen ja ganz verhungert aus. Vielleicht ein wenig Brot zunächst? Und dann eine Suppe?«

Chloe öffnete die Karte für ihn. Doch Marcel schaute gar nicht hinein. Die Auswahl hätte ihn komplett überfordert.

»Das wäre wunderbar, ganz wunderbar. Aber Sie sollten nicht … ich kann das nicht annehmen … Sie wissen ja nicht …«

»Glauben Sie mir, ich weiß alles, was ich wissen muss.«

Sie trank von ihrem Cappuccino, Marcel tat es ihr gleich, um die Peinlichkeit nicht noch größer werden zu lassen.

»Madame … Chloe … Sie sprachen vorhin davon, dass Sie meine Hilfe bräuchten.«

Marcel versuchte, ein wenig die Initiative zu übernehmen.

»Was meinten Sie? Wie könnte gerade ich einer Frau wie Ihnen behilflich sein? Sie können doch unmöglich übersehen, in welchem Zustand ich mich befinde.«

»Marcel, Ihr äußerlicher Zustand ist mir natürlich nicht entgangen. Natürlich nicht. Aber dafür gibt es ja eine Erklärung.«

Er wollte zu einer solchen Erklärung ansetzen, aber sie legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. Allein diese Berührung, so federleicht sie war, brachte Marcel vollends aus der Fassung. Er war so entwöhnt von aller Freundlichkeit, von aller Mitmenschlichkeit, dass er fast in Tränen ausgebrochen wäre. Chloe schien das genau zu spüren, jedenfalls tat sie das einzig Richtige und wechselte das Thema.

»Marcel, ich bin völlig fremd hier auf Korsika. Wir sind erst an diesem Morgen vor Anker gegangen und ich hatte noch kaum Gelegenheit, mich umzusehen. Da sah ich Sie und traute meinen Augen nicht. Ich täusche mich doch nicht?! Sie sind doch dieser Pariser Fotograph, dem so übel mitgespielt wurde?«

»Madame?! Aber … wieso?«

Marcel bemühte sich, von seinem Stuhl hochzukommen. Er musste hier weg.

»Marcel, ich bitte Sie.« Chloe drückte ihn sanft zurück. »Glauben Sie mir, ich habe alles gelesen, was es in dieser Geschichte zu lesen gab. Und ich glaube Ihnen, nicht der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht. Was Sie erlebt haben … ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man so etwas auch nur überlebt.«

»Ach, Chloe, verzeihen Sie … aber … man überlebt so etwas nicht. Glauben Sie mir. Ich jedenfalls … ich habe es nicht geschafft.«

Die Worte kamen stockend, wie in Trance. Wann hatte er zuletzt mehr als drei Wörter gesprochen? Zu wem?

»Was reden Sie denn da? Sie sitzen doch vor mir. Sie sprechen. Sie atmen. Sie haben zweifellos überlebt. Das ist wie ein Wunder.«

»Ein Wunder? Ein Wunder???« Marcel war tatsächlich entgeistert. »Es ist ein Fluch. Die Einzelheiten wollen Sie nicht wissen. Bestimmt nicht.« Er leckte seine trockenen Lippen und versuchte, erneut aufzustehen.

»Sie reden hier mit einem Schatten. Lassen Sie mich gehen. Ich bin nicht … jedenfalls nicht der, für den Sie mich halten. Es gab da mal einen Namen. Ein Schicksal. Vorgänge, die ich bis heute nicht begreife. Aber das alles liegt Jahre zurück. Lassen Sie mich einfach gehen. Ich habe meinen Weg schon gefunden.«

Chloe berührte erneut sanft seinen rechten Unterarm. Das genügte schon, um das bisschen Spannung, dass er zum Aufstehen gebraucht hätte, völlig verpuffen zu lassen.

»Marcel, schauen Sie sich doch an. Was für ein Weg soll das sein? Sie sind ja nur noch Haut und Knochen. Ihr Maßanzug, Ihre schönen Lederschuhe – das sieht alles aus, als ob Sie darin geschlafen hätten. Was ist Ihnen nur widerfahren?«

Marcel rang sich ein schmerzhaftes Lächeln ab. Wollte sie das wirklich wissen? Wichtiger noch: Wollte er das jemandem erzählen? Er spürte Gefühle in sich aufsteigen, die er erfolgreich getötet zu haben glaubte. Seine schöne Gleichgültigkeit war zerstoben wie ein Hauch. Er machte eine fahrige Bewegung mit beiden Händen, die Protest hätte ausdrücken sollen, aber nur von Resignation und Aufgabe zeugte.

»Chloe, was tun Sie? Was machen Sie mit mir? Ich muss das so sagen: Sie zerstören mir gerade, was ich mühsam aufgebaut habe. Woher sollten Sie das wissen, aber … ich habe mit allem abgeschlossen. Wirklich mit allem … Sie können sich wirklich nicht vorstellen, was es mich gekostet hat. Aber nun bin ich so weit, ich bin eigentlich gar nicht mehr da … und da kommen Sie. Eine völlig Unbekannte! Und sagen mir, dass Sie an meine Unschuld glauben … und … und …«

Er schüttelte trübsinnig seinen Kopf, sackte noch etwas tiefer in sich zusammen. Ein Weinkrampf schüttelte seine Schultern. Chloe drückte seinen Arm und sagte für einige Augenblick gar nichts. Dann rückte sie ganz nah und sprach leise in das Ohr dieses gepeinigten Menschen, so leise, das niemand sonst sie hören konnte.

»Dann bin ich ja gerade noch zurechtgekommen. Marcel. Das lasse ich nicht zu. Verzeihen Sie, aber das kann ich nicht zulassen. Weil ich Sie brauche. Und sowieso nicht.«

Marcel reagierte nicht. Seine Schultern zuckten, sein ganzer Körper bebte.

»Warten Sie. Nur einen Moment, bitte.« Chloe winkte den Kellner herbei, der sich bereitgehalten hatte. »Garçon, bringen Sie mir bitte zunächst einen Salat und meinem Gast eine Bouillabaisse. Marcel, das ist Ihnen doch Recht?«

Zu schwach, sich zu wehren, nickte er mühsam. Genau wie der Kellner, der gehorsam die Bestellung in die Küche transportierte.

III. Ergebung

Danach war es merkwürdig einfach gewesen. Marcel war sich selbst kein geringes Rätsel, musste aber eingestehen, so etwas schon erlebt zu haben.

Eigentlich sah er sich gern als einen Kämpfer, einen Steher, der so leicht nicht einfach über sich verfügen ließ. Aber, das hatte er erfahren müssen, wenn sein Leben sich allzu rasch, allzu hart veränderte, dann war er völlig hilflos. Dann ließ er alles geschehen und ergab sich.

So war das gewesen, als er verhaftet und verurteilt wurde, als er seine Familie, seine Reputation, einfach alles verlor.

So war das gewesen, als man ihn zur Verbüßung seiner Haftstrafe auf die denkbar ferne Insel Korsika deportiert hatte, weit fort von Paris, dorthin, wo ihn garantiert niemand besuchen würde.