Verlag: neobooks Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Chlorophyll - M.J. Herberth

Die Natur ist die größte Massenmörderin aller Zeiten. In M.J. Herberths Science Fiction - Thriller wird dies zur schrecklichen Gewissheit und der Untergang der Menschheit scheint durch mysteriöse, genetische Veränderungen besiegelt. Herberth inszeniert ein globales Katastrophenszenario, dessen Ursache zunächst im Dunkeln bleibt. Der vierzehnjährige Toni entdeckt im finnischen Wald eine unbekannte Pflanzenerkrankung, die sich rasend schnell ausbreitet. Am Grund skandinavischer Seen findet man fremdartige Organismen und Menschen fallen schnell wachsenden Pilzen zum Opfer. Der Biologe Alex Krämer und seine Geliebte finden in Finnland einen Meteoriten, der aus einem unbekannten chemischen Element besteht. Sind das nur Launen der Natur? Die beiden glauben nicht an Zufälle und Alex macht eine beunruhigende Entdeckung. Dann empfängt der Astronom Viktor Kaspuhl ein Signal aus dem Zentrum der Milchstraße und die Physikerin Mia Schindler erkennt die großen Zusammenhänge und den allem zugrunde liegenden Masterplan. Gemeinsam können sie das Schlimmste zunächst verhindern. Aber die Astrophysikerin Naomi Mae Wood bringt die ganze ungeheuerliche Wahrheit ans Licht und die Menschheit steht vor einem entsetzlichen Abgrund. Chlorophyll ist ein Roman aus dem Genre Hard Science Fiction. Die Handlung gründet auf heutigen biologischen, chemischen und astronomischen Erkenntnissen und könnte jederzeit so in einer nahen Zukunft stattfinden. Leserstimmen: „Wissenschaft meets Unterhaltung – das ist nicht immer ein Garant für ein gutes Buch, aber „Chlorophyll“ kann sich mit den besten Büchern in diesem Segment messen – Schätzing und Eschbach bekommen gute Konkurrenz!“ „Dass wir nicht allein im Universum sind, ist fast anzunehmen. Dass wir Menschen uns auf dem gleichen Entwicklungsniveau wie diese anderen „Zivilisationen“ befinden, ist kaum anzunehmen. Auch können wir uns kaum vorstellen, welche Intentionen so eine „Zivilisation“ haben kann. Aber was wäre, wenn der 1. Kontakt so aussieht wie hier in diesem Buch beschrieben?“ „Für SiFi- Fans ein Großereignis! Der Schreibstil lässt einen so lesen, wie das warme Messer durch die Butter gleitet. Die Geschichte ist stimmig und hat vor Ideen nur so gesprüht. Gratulation an den Autor!“ „Ich habe sehr selten ein derart durchdachtes und wissenschaftlich durchaus denkbares Buch gelesen. Es erinnert mich sehr an „Contact“ vom großen Carl Sagan.“ „Chlorophyll ist unfassbar neu, detailreich, wissenschaftlich fundiert recherchiert, damit authentisch und glaubwürdig. Die Story ist so bizarr wie realistisch geschildert.“ „Zunächst ein großes Lob an die Story und den Plot insgesamt - endlich einmal neue Ideen und nicht die einheitliche Science-Fiction- bzw. Weltuntergangseinheitskost“ „.....dann aber entfaltet sich eine Geschichte von epischem Ausmaß. Dabei ist sie intelligent geschrieben und fordert den Leser manchmal auch zum Nachdenken bzw. Nachschlagen heraus. Großes (Kopf) Kino!“

Meinungen über das E-Book Chlorophyll - M.J. Herberth

E-Book-Leseprobe Chlorophyll - M.J. Herberth

Chlorophyll

Von M. J. Herberth

2. überarbeitete Auflage

© Copyright 2015 by M.J. Herberth

Alle Rechte vorbehalten

Impressum

Verlag der Printausgabe:

M.J. Herberth

c/o

Papyrus Autoren-Club,

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin. m.j.herberth@outlook.de

E–Book erschienen bei neobooks Verlag, Erika-Mann-Straße 23, 80636 München

Umschlaggestaltung neobooks München

Redaktionelle Bearbeitung: Tat-Worte.de | Lektorat

Für tank girl

Teil 17

25. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla8

25. Dezember, Finnland – Universität Oulu,

Institut für Astrophysik17

26. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla21

29. Dezember, Deutschland – Frankfurt50

29. Dezember, Finnland – Kuopio,

Luftwaffenstützpunkt 31. Fliegerkommandostaffel66

27. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla76

29. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla80

29. Dezember, Deutschland – Frankfurt103

31. Dezember, Deutschland – Marburg,

Außenstelle des Institutes für Phytopathologie124

02. Januar, Deutschland – Berlin,

Bundesministerium fürLandwirtschaft 142

02. Januar; Schweden – Uppsala154

02. Januar, Ostsee157

03. Januar, der See177

04. Januar, Irland – Insel Dursey191

04. Januar, Finnland – Lappland, Region Salla195

20. Februar, Finnland – Inarisee,

nördliches Lappland215

Teil 2221

1. Mose – Kapitel 1221

01 März, Meteorologischer Frühlingsanfang226

04. März, Spanien – El Ejido, Region Andalusien231

10. März, Deutschland–Marburg,

Außenstelle des Institutes für Phytopathologie238

10. März, Finnland – Oulu246

11. März, Deutschland–Marburg,

Außenstelle des Institutes für Phytopathologie257

11. März, Finnland – Salla265

11. März, Deutschland – Kanzleramt Berlin269

11. März, Deutschland

– irgendwo in einem Biotop281

11. März, Australien – Uluru285

15. März, Deutschland–Marburg,

Außenstelle des Institutes für Phytopathologie287

16. März, Alaska – Sitka-Sund299

19. März, Grönland – Thule Air Base303

21. März, Deutschland–Marburg,

Außenstelle des Institutes für Phytopathologie315

21. März, Deutschland – Marburg,

Supermarktparkplatz327

25. Mai, Vereinigte Staaten – Kansas, Corning340

27. Mai, Deutschland – Berlin346

05. Juni, Frankreich – Paris363

05. Juni, Finnland – Oulu370

06. Juni, Finnland – Sikorsky H-3 Sea King388

15. Juni, Italien – Lago Maggiore396

15. Juni, Italien – Lago di Lugano407

15. Juni, Italien – Lago Maggiore,

Flughafen Locarno421

20. September, Deutschland – Bayerischer Wald425

29. September, Deutschland – Jagdschloss Marburg,

Aada434

30. September, internationale Gewässer

vor der amerikanischen Ostküste444

30. September, Baikonur / Kasachstan

– Biosphäre IV460

01. Oktober, Deutschland

– Jagdschloss Marburg497

01. Oktober, Irland – Insel Dursey500

01. Oktober, Alaska – Prospect Creek503

01. Oktober, Frankreich – Paris507

01. Oktober, Irland – Insel Dursey516

01. Oktober, Frankreich – Paris518

01. Oktober, Deutschland

– Jagdschloss Marburg522

02. Oktober, Deutschland

– Jagdschloss Marburg, Eyna539

29. Oktober, Greenland Warrior547

30. November, nordchilenische Anden

– Chajnantor-Plateau564

30. November, Biosphäre I

– Kontrollraum der europäischen Taskforce572

Teil 3 – Jahr 2593

02. Februar, Formentera – Biosphäre I599

02. Februar, Jake Osterhaus608

11. März, Deutschland – Jagdschloss Marburg614

11. März, Biosphäre in der argentinischen Pampa621

12. März, Deutschland – Jagdschloss Marburg627

12. März, Biosphäre in der argentinischen Pampa634

12. März, nordchilenische Anden

– Chajnantor-Plateau637

12. März, Deutschland – Jagdschloss, Marburg648

12. März, Chile – Atacamawüste,

Boeing C-17 Globemaster654

12. März, Naomi Mae Wood658

Epilog662

Teil 1

Die Asche macht alle gleich.

Lucius Annaeus Seneca

-

25. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla

Als Toni die Augen aufschlug und sein trübes Bewusstsein im Halbdunkel das Muster an seiner Zimmerdecke erfasste, war sein Kopf leer. Ihm fiel nicht ein, was heute auf dem Plan stand oder was er gestern gemacht hatte. Der erste verlässliche Gedanke war Halbdunkel! Das Muster an der Zimmerdecke erschien ihm immer deutlicher als Zifferfolge. Klar, sein Projektionswecker zeigte 09:57, und plötzlich konnte er auf die Festplatte in seinem Schädel wieder voll zugreifen.

»Halbdunkel, Sonne schon aufgegangen, Weihnachtsferien«, murmelte er leise. Der gestrige Abend lief wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab. Das Abendessen mit seiner Familie, der Joulukinkku und die vielen Geschenke. Der Gedanke an seine neuen Langlaufskier ließ alle seine Systeme auf neunzig Prozent schnellen. Er wusste genau, wie er den Tag verbringen würde. Heute war der 25. Dezember – der Tag nach Heiligabend.

Dann fiel ihm das Licht wieder ein. Später am Abend war er mit seinem Vater noch mal vor die Tür gegangen, um frische Luft zu schnappen. Gemeinsam hatten sie den wunderschönen Sternenhimmel betrachtet und etwas Merkwürdiges beobachtet. Für einen Augenblick von geschätzten zwei bis drei Sekunden war der Himmel taghell erleuchtet gewesen. Nicht so, als ob eine große Sternschnuppe ihn erhellte. Nein, es war, als hätte jemand die Sonne für einen kurzen Moment angeschaltet, um sie gleich wieder auszuschalten, als hätte dieser Jemand nachsehen wollen, ob in Salla oder in ganz Lappland noch alles in Ordnung ist. Oder um die Menschen in der Polarnacht – mit zwei Stunden und fünfzehn Minuten Sonnenschein am Tag – durch eine kleine Lichtspende in der Nacht zu entschädigen und ihnen die Hoffnung zu machen, dass es davon demnächst noch mehr geben würde. Vielleicht würde sich dann auch der Alkoholkonsum in Finnland auf einen normalen Pegel einpendeln.

Sie hatten im Familienkreis noch lange darüber diskutiert, was diese Himmelserscheinung hervorgerufen haben könnte. Auch die anderen hatten das Licht durch die Fenster wahrgenommen. Tonis sechsjähriger Bruder Elias, großer Star-Wars-Fan und seit der Bescherung stolzer Besitzer eines rasenden Falken, fühlte sich wie Han Solo und war nicht mehr davon abzubringen, dass hier irgendwelche Außerirdischen die Finger mit im Spiel gehabt haben mussten. Da im Radio aber keine Warnmeldung über eine außerirdische Invasion gekommen war, einigte sich der Familienrat schließlich auf eine große Sternschnuppe oder einen großen Meteor, der einfach nur sehr hell am Firmament verglüht sein musste.

»Frühstück! Toni, kommst du?«, rief sein Vater aus der Küche zwei Etagen unter ihm. Meist brachte Toni mit seinen vierzehn Jahren auf die Frage nur ein gelangweiltes Teenager-»Jaaa« heraus. Doch heute war er voller Tatendrang und sehr hungrig: »Yes Sir, komme gleich!«

Schnell war er aus seinem Bett in seine Cargohose und seinen über alles geliebten orangen Hoodie geschlüpft, halb im Rennen auf der Treppe fast über den Hauskater gestolpert, was dem Tag wahrscheinlich einen anderen Verlauf gegeben hätte, um dann an der wie immer verschlossenen Badezimmertür zu scheitern.

»Aada, wie lange noch? Ich will auch da rein. Nur einmal morgens der Erste sein!« Keine Antwort. Nur das Geräusch des sich im Schloss drehenden Schlüssels, dann ging auch schon die Tür auf, und Tonis zwei Jahre ältere Schwester Aada glitt an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Tonis Morgentoilette war schnell erledigt. Das halblange schwarze Haar kämmte er fast nie. Lediglich auf die Zahnpflege achtete er, das aber auch nur aus Angst vor dem Zahnarzt.

Am Frühstückstisch war die Familie schon versammelt. Aada zeigte ihm, als er sich setzte und alle ihn anschauten, schnell den Inhalt ihres Mundes und schnitt eine Grimasse. Bestärkt durch die ihm zuteilgewordene Schwesternliebe war ihm schnell klar, dass es kein langes Frühstück werden würde und er den größten Teil des noch verbleibenden Tages draußen verbringen wollte.

Seine Mutter schaute ihn mit diesem Blick an, der mit der Missbilligung seiner Körperpflege einherging, und sagte: »Heute musst du aber duschen! Dein Haar ist schon ganz fettig.«

»Ja Mum, aber reicht ja, wenn ich das heute Abend mache. Ich will noch raus mit meinen neuen Langlaufskiern, und außerdem will bestimmt Aada jetzt duschen. Die kriegt doch heute noch Besuch.«

Wenn sein Vater in dem Moment nicht zufällig aufgeschaut hätte, wäre Toni sicher wieder mit Sea-Food seiner Schwester beglückt worden, die wahrscheinlich auch andere Wege finden würde, ihn zu malträtieren.

»Wenigstens besucht mich jemand. Du hast ja keine Freunde!«, schoss sie mit vollem Mund zurück und hängte ein leises »Opfer!« an.

Toni hatte seine Retourkutsche schon auf den Lippen, aber sein Vater war schneller: »Hört endlich auf, zu streiten! Man, wir haben Ferien, können ausschlafen und in Ruhe frühstücken – chillt einfach mal!«, äffte er die Teenager nach.

So wurde das Frühstück weitergeführt. Man sprach über die Planung der nächsten Tage, Verwandtenbesuche, diskutierte, ob alle mit zu Onkel Anton fahren sollten oder ob man die beiden Teenager alleine zu Hause lassen könnte. Das grelle Licht der letzten Nacht wurde wieder zum Thema. Elias wollte wegen der Außerirdischen auf keinen Fall ohne Eltern sein und liebend gerne zu Onkel Anton fahren.

»Ich geh dann jetzt raus, ein bisschen Langlauf machen. Soll ich Drago mitnehmen?«, sagte Toni nach dem Frühstück.

»Gerne! Der freut sich. Drago war heute noch gar nicht draußen«, sagte Tonis Mutter Anna. »Aber sei zum Abendessen wieder zu Hause, mein Bester.« Toni hasste diesen Ausdruck. Mein Bester – wie sich das anhörte. Schnell war er aus dem Haus, dicht gefolgt von dem freudig bellenden Drago, über den Hof und in den Schuppen gelaufen. Dort empfing ihn der gewohnte Geruch nach Stroh und Holz. Der Schuppen wurde als Lager genutzt und war momentan bis unter das Dach gefüllt mit frischem und trockenem Brennholz. Sein Vater hackte hinter der Hütte mit monotonen Axthieben Holz für den Ofen. Das tat er in letzter Zeit oft, und Toni hatte das Gefühl, er machte es hauptsächlich, um dem Haus zu entfliehen und in Ruhe rauchen zu können. So viel kleines Anmachholz, wie hier mittlerweile herumlag, brauchte kein Mensch auf dieser Welt. Vielleicht tat er es auch, um seiner Mutter aus dem Weg zu gehen. Die beiden hatten sich nach Großvaters Tod und dem Umzug auf den Hof nicht mehr allzu viel zu sagen. Irgendein Schatten lag auf ihrer Ehe. Die Unbeschwertheit der letzten Jahre war gewichen. Vielleicht war es die Sorge um die laufenden Kredite, mit denen man die Geschwister seines Vaters hatte auszahlen müssen. Der fällte mittlerweile mehr Bäume, als für nachhaltiges Forsten erlaubt war, und Mutter hatte neben ihrer Lehrtätigkeit immer öfter Nachhilfeschüler im Haus.

Toni nahm seine Langlaufschuhe aus dem Regal neben der Tür und schlüpfte hinein, um sie dann mit einem Click zu verschließen und mit den nagelneuen Langlaufskiern zu verbinden. Er zog seine olivfarbene Skijacke an, nahm die Skistöcke und glitt durch die Tür in den Schnee.

Der Winter hatte in den letzten Tagen seine Krallen gezeigt. Die Temperaturen lagen weit unter dem Gefrierpunkt, und in der letzten Nacht waren zwanzig Zentimeter Neuschnee gefallen. Toni freute sich auf eine ausgedehnte Runde Langlauf. Er liebte es, nur mit seinem Hund als Begleiter durch die finnische Taiga zu cruisen. Er hatte noch nie verstanden, warum so viele Leute in Skigebiete mit ausgedehnten Loipennetzen fuhren, nur um ständig auf andere zu treffen. Er hasste das Loipenfahren und genoss es, die ersten Spuren in den noch jungfräulichen Schnee zu pflügen.

Seine Uhr zeigte ihm 11 Uhr und 30 Minuten an. Ihm blieben noch circa 45 Minuten Tageslicht, denn die Sonne sollte heute gegen 12:15 Uhr untergehen. Er griff in seinen Rucksack mit der Ausrüstung, um nach einigem Suchen die Hochleistungs-LED-Kopflampe in der Hand zu halten. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Lampe funktionierte und sich die Ersatz-Akkus an ihrem Platz im Rucksack befanden, stülpte er sie über seine Lappenmütze und fuhr mit gleichmäßigen Bewegungen los.

Seine Tour führte ihn über eine große Rodungsfläche direkt in den borealen Nadelwald. Zum größten Teil fanden sich hier Fichten und Kiefern. Aber auch einige Birken waren in den Wald gesprenkelt. Weiter im Norden veränderte sich die Vegetation zu deren Gunsten. Das Fahren mit den Langlaufskiern war für Toni mittlerweile zur Routine geworden und verlangte seinem durchtrainierten Körper keine allzu großen Anstrengungen ab. Wenn der Wald zu dicht wurde, was selten vorkam, dann fand sich immer ein Wirtschaftsweg. Die finnische holzverarbeitende Industrie war gigantisch.

Er fuhr die übliche Runde und freute sich über den Neuschnee, der seine Spuren von gestern verwischt hatte. Der Hund folgte ihm, holte ihn ein, rannte voraus und kam wieder zurück. Er lief die Strecke mindestens zwei- bis dreimal.

Nach gut fünf Kilometern erreichten sie den See, der am Ostufer von einem dichten Birkenwäldchen gesäumt war. Über dem Westufer stand die untergehende Sonne sehr tief und blendete Toni. Auf seinen Touren entdeckte er immer viele Spuren von Rentieren, Rehen und Elchen im Schnee. Er war mittlerweile zu einem erfahrenen Spurenleser geworden. Manchmal fand er auch Wolfsspuren, und einmal hatte er die Abdrücke von Bärentatzen im frischen Schnee entdeckt. Angst hatte er keine, weil er wusste, dass er nicht in das übliche Beuteschema von Wolf und Bär passte und weil diese Tiere sehr scheu waren und Menschen meist aus dem Weg gingen. Würde dies einmal nicht der Fall sein, so konnte er sich darauf verlassen, dass Drago sein Leben für ihn geben würde.

So hing er seinen Gedanken nach, während er den See im Westen umrundete, ohne dabei bewusst auf seine Bewegungsabläufe oder die nähere Umgebung zu achten, als er plötzlich in die eiskalte finnische Realität zurückgeholt wurde. Er fuhr gerade einen kleinen Hügel hinunter und schaute sich nach Drago um. Der Hund war nicht zu sehen.

»Wo ist denn der Mistkerl hin?« Wahrscheinlich hat er wieder ein paar Schneehühner aufgescheucht und ist auf der Jagd, dachte er, während er das Bellen hörte. Es kam aus der Fichtenschonung direkt hinter ihm, vielleicht zweihundert Meter entfernt. Die Jungfichten waren schon kapitale Bäume, um die fünfzehn Meter hoch und momentan vom Neuschnee gepudert. Nur die Bäume am Rand der Schonung waren durch den hier ständig blasenden Wind zum Teil von ihrer Schneelast befreit.

Toni stöhnte und machte kehrt. »Na, dann will ich dich mal holen«, murmelte er und fuhr in seiner Spur zurück. Er hatte gerade den Wald erreicht, als Drago ein fast schon ein hysterisches Bellen anschlug.

Toni fing an, sich Sorgen zu machen. Hoffentlich hat er keinen Fuchs aufgescheucht, schoss es ihm durch den Kopf, während er durch die Bäume in den Wald fuhr und versuchte, den Geräuschen seines Hundes zu folgen. Er war etwa fünfzig Meter weit gekommen und konnte Drago in unmittelbarer Nähe hören, aber noch nicht sehen. Direkt zu seiner Linken lag der Kadaver eines Rehs. Das Tier war noch nicht lange tot. Sein Bauch war aufgebrochen, die Därme lagen ausgebreitet in einem dunkelroten See im weißen Schnee. Die gebrochenen Augen guckten trübe in verschiedene Richtungen. Eines schien ihn direkt anzuschauen. Hier hatte in der Nacht wahrscheinlich ein Vielfraß Beute gemacht. Spuren waren im Neuschnee nicht mehr zu erkennen, aber Toni tippte aufgrund der Bisswunden und der Art und Weise, wie der Kadaver aufgerissen war, auf einen Vielfraß. Da das Reh sonst kaum Fraßspuren aufwies, kam Toni zu dem Schluss, dass der außergewöhnlich angriffslustige und starke Großmarder bei seiner Mahlzeit gestört worden war. Merkwürdig war für Toni nur der Umstand, dass er sein Mahl nicht später beendet hatte und dass das Reh offensichtlich nicht der Grund für Dragos Verhalten war.

Toni konnte den Hund jetzt zehn Meter vor sich sehen, wie er langsam rückwärtsgehend und laut anschlagend in seine Richtung kam. Er bellte etwas an. Da der Junge immer noch nicht den Anlass für Dragos Verhalten ausmachen konnte, fuhr er auf den Hund zu und versuchte ihn zu beruhigen. »Was ist denn los, Dicker? Was hat dich denn so erschreckt? Ruhig, ruhig!«, sprach er laut auf Drago ein, in der Hoffnung, einen womöglich in einem Baum lauernden Vielfraß zu verscheuchen, bevor er ihm ins Gesicht sprang.

Toni fasste seine Stöcke fester und schnellte auf seinen Skiern an einer Fichte zu seiner Linken vorbei mehrere Meter nach vorne, dicht gefolgt von dem immer noch anschlagenden Drago. Dann stockte ihm der Atem und er wäre fast mit seinem vierbeinigen Begleiter kollidiert, der mittlerweile an ihm vorbeigezogen war, als er sah, was Drago so zur Raserei gebracht hatte.

Er hatte schon viele kranke Bäume mit allen möglichen Symptomen gesehen. Schließlich war er im Wald groß geworden, aber der Anblick vor ihm sprengte seine gesamte Vorstellungskraft. Der Baum, wenn man hier noch von einem Baum im herkömmlichen Sinne sprechen konnte, war vollkommen vom Schnee befreit. Das alleine hätte schon gereicht, um ihn stutzig werden zu lassen. Aber was ihm Gänsehaut den Rücken hinunter jagte, war seine Farbe. Besser gesagt: die Farbe seiner Nadeln. Sie bildeten in leuchtendem Orange einen deutlichen Kontrast zu ihrer Umgebung. Vor ihm stand ein Baum, der aussah, als sei er nicht von dieser Welt. Bei kranken, von Schädlingen befallenen Bäumen kam es oft vor, dass Blätter sich verfärbten oder an den Blattspitzen Nekrosen zeigten. Oftmals wurden Blätter auch abgeworfen. Der Baum vor ihm aber sah aus, als hätte jemand fein säuberlich jede Nadel in einen kleinen Lackbecher mit oranger Farbe getaucht. Vielleicht weil das Grün des Chlorophylls nicht mehr gefiel oder weil man was Besonderes zu Weihnachten haben wollte? Und dabei war nicht eine Nadel vergessen, verletzt oder gar abgerissen worden. Nein, der Baum sah aus, als habe ihn jemand umlackiert, und im Schnee darunter lag nicht eine einzige orange Nadel.

Der Anblick war grotesk und hätte Toni fast schon wieder gefallen können, wenn er mit seinen geschulten Augen nicht erkannt hätte, um was es sich hier wirklich handelte: eine Krankheit! Und zwar eine, die er noch nie gesehen hatte.

»Meine Güte!«, zischte er. Deutlich konnte er auch an zwei anderen Fichten links und rechts davon die ersten orangefarbenen Nadeln erkennen, als ob die Farbe auch auf die Nachbarbäume gekleckert wäre. Offensichtlich breitete sich hier irgendetwas Unheimliches aus. Das glaubt mir kein Mensch!, dachte Toni, nahm seinen Rucksack ab und kramte sein Handy hervor, um einige Fotos aus mehreren Perspektiven zu machen. Als er das erledigt hatte, beschloss er, den Rückzug anzutreten, da es hier nichts mehr zu tun gab und um den noch immer verstörten Hund von hier wegzubringen. Er verließ den Wald, glitt in seine alte Spur und macht sich mit Drago in der mittlerweile einsetzenden Dämmerung auf den Heimweg, die Gedanken bei dem eben Entdeckten. Er musste morgen wieder herkommen und das noch mal überprüfen. So lange erzähl ich erst mal nichts zu Hause. Vater würde sich sonst unnötig Sorgen machen. Außerdem beschloss er, später eine ausgedehnte Internetrecherche zum Thema Pflanzenkrankheiten und Schädlinge zu machen und die Finger von seinen Computerspielen zu lassen.

25. Dezember, Finnland – Universität Oulu, Institut für Astrophysik

In der Fakultät für Astrophysik und Astronomie der Universität Oulu saß Viktor Kaspuhl zur gleichen Zeit an seinem Rechnerterminal und überprüfte die Daten des europäischen Feuerkugelnetzes. Viktor war 31 Jahre alt und hatte seinen Doktor der Physik seit zwei Jahren in der Tasche. Er hatte sich mittlerweile auf Astrophysik spezialisiert, was schon seit frühster Jugend ein Steckenpferd von ihm war. Schon als Teenager hatte er mit einem einfachen Teleskop, das er von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, den Nachthimmel abgesucht und sich oft die Ringe des Saturn angeschaut. Stunden konnte er so verbringen und hatte manche Nacht zum Tage gemacht. Bei der dabei immer wieder aufkeimenden Erkenntnis über die Größe des Universums und der damit verbundenen Frage, ob die Menschen auf diesem unbedeutenden Planeten alleine waren im Kosmos, stieß er immer wieder an die intellektuellen Grenzen seines Vorstellungsvermögens. Wahrscheinlich war das der Grund für die Wahl seines Studiums.

Heute war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut, und an eine große Karriere war nicht mehr zu denken. Da hatte sich schon vor Jahren die Spreu vom Weizen getrennt. Viktor hatte es sich mit seinem Posten an der Uni gemütlich gemacht, und die Neugier seiner Jugend war in dem Maße zu einer pragmatischen Trägheit geschrumpft, wie sein Bauchumfang gewachsen war. Hauptsache satt und jeden Abend ordentlich was zu trinken – das war nach all den Jahren sein Motto geworden. Aus diesem Grund war Viktor sauer auf seinen Chef, der ihn aus den verdienten Weihnachtsferien und dem Bett von Julia geholt hatte. Nur weil er gestern, am Heiligen Abend, zu vorgerückter Stunde eine sehr helle Lichtspur am östlichen Nachthimmel beobachtet hatte.

Wahrscheinlich ist er wieder hackedicht und glaubt, den Stern von Bethlehem über Finnland gesehen zu haben, dachte Viktor verärgert und rief die verschiedenen Kamerastationen des Feuerkugelnetzes auf. Vielleicht sollten wir für Oulu die Statistiken noch nach Jungfrauengeburten in den letzten Tagen durchforsten.

Das europäische Feuerkugelnetz wurde in den Siebzigerjahren aufgebaut und besteht heute aus über vierhundert Kameras über ganz Europa verteilt, die im Abstand von hundert Kilometern aufgestellt sind, sodass man mit ihnen in der Lage ist, nahezu den gesamten europäischen Nachthimmel nach Meteoren, umgangssprachlich auch Sternschnuppen genannt, abzusuchen und gegebenenfalls auch eine Einschlagstelle zu lokalisieren. Wenn so ein Meteor runterkam, ohne vorher vollständig zu verglühen, nannte man ihn – oder das, was von ihm übrig war – Meteorit, und es gab einige Verrückte, die sich auf die Suche nach so was machten. Manch einer dieser Verrückten hatte sich mit solchen Fundstücken schon eine goldene Nase verdient, wusste Viktor.

Da sein Chef Caspary die Feuerkugel im Osten von Oulu beobachtet hatte und den Verlauf der Flugbahn in nördliche Richtung für einige Sekunden weiter verfolgen konnte, wie er am Telefon berichtet hatte, wusste Viktor, welche der Stationen für eine Beobachtung in Frage kamen. Es waren drei. Eine hier am Institut betriebene, die er selbst betreute, eine im finnischen Kuusamo, betrieben von einem Physiklehrer im Ruhestand, und eine auf schwedischem Terrain. Auf seine Daten hatte er natürlich sofort Zugriff und den Film schon längst ausgewertet. Bei der Aufnahme handelte es sich um eine Langzeit belichtete Fotoplatte, auf der sich schnell bewegende Objekte wie Meteore als Lichtspur abzeichneten. Hiermit konnten die Helligkeit und die Winkelgeschwindigkeit des Objektes berechnet werden. Die anderen Daten konnte er sich schnell aus dem Netz ziehen, da sie immer online zur Verfügung standen. Ja, die Astronomen waren eine eingeschworene Gemeinschaft, jeder half jedem.

Die Auswertung der Daten war für Viktor mathematische Routine, und über verschiedene Berechnungen ergab sich für den Meteor eine Flugbahn von 142 Kilometern, die etwa in 104 Kilometern Höhe begann und irgendwo bei Salla auf Höhe Null endete. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre unter einem Winkel von ungefähr 55 Grad hatte der Meteor eine Geschwindigkeit von etwa 23 km/s gehabt und war durch die Reibung in den unteren Luftschichten auf etwa 4 km/s abgebremst worden.

Viktor stieß einen leisen Pfiff aus und murmelte: »Das muss ein ordentlicher Brocken gewesen sein. Ich könnte wetten, der hatte Bodenkontakt.«

Damit war das Objekt von einem Meteor zu einem möglichen Meteorit geworden. Viktor sicherte seine Daten auf dem Uni-Rechner und eine Kopie auf seinem USB-Stick. Außerdem nahm er sich vor, die wichtigsten Informationen auf die Online-Ausgabe ihrer Homepage zu stellen, wenn er Zeit dafür fand. Vielleicht würde sich wieder irgendein Verrückter auf die Suche machen. Die mögliche Einschlagstelle war ausreichend eingegrenzt. Aber wahrscheinlich ist der Dreckklumpen irgendwo in den unteren Luftschichten sowieso auseinandergebrochen oder explodiert, überlegte Viktor und war überzeugt, dass der Meteorit, wie so oft, nur eine Karteileiche in seinem Jahresabschlussbericht werden würde. Der Stern von Bethlehem sah auf jeden Fall anders aus, und Viktor wollte nur noch nach Hause, um zu verhindern, dass seine Freundin noch eine Jungfernzeugung erlitt. Da hatte er andere Pläne für heute Abend.

Er kicherte, schickte eine E-Mail mit den Ergebnissen an seinen Chef, der sich wahrscheinlich gerade abfüllte und jetzt vor seiner Frau mit einer astronomischen Jahrhundertentdeckung prahlen konnte.

Kann mir auch egal sein, dachte er, fuhr seine Rechner runter und machte sich aus dem Staub.

26. Dezember, Finnland – Lappland, Region Salla

In der Region um Salla waren in der Nacht wieder einige Zentimeter Neuschnee gefallen. Der Himmel war aber inzwischen wieder klar, und die Temperaturen fielen weit unter den Gefrierpunkt.

Toni fuhr nach einer unruhigen Nacht – er war immer wieder aufgewacht und hatte an den orangen Baum denken müssen – auf seinen Skiern über die schneebedeckte Rodungsfläche vor dem Hof seiner Eltern. Es war 10:00 Uhr, als er sich auf den Weg machte. Der Rest der Familie saß noch am Frühstückstisch und dachte gar nicht daran, das Haus heute am zweiten Weihnachtsfeiertag zu verlassen. Man wollte es sich lieber im gut geheizten Heim gemütlich machen und den Tag genießen.

Die Internetrecherche am gestrigen Abend hatte keine brauchbaren Ergebnisse geliefert. Toni konnte im ganzen World Wide Web keine Pflanzenkrankheit finden, die nur annähernd ähnliche Symptome zeigte, wie er sie gestern in der Fichtenschonung entdeckt hatte. Einen Nadelbaum, dessen Nadeln vom Grund bis zur Spitze so gleichmäßig orange gefärbt waren, gab es nicht und auch nichts Ähnliches. Was ihn nicht hatte schlafen lassen, waren nicht nur die fremdartig aussehenden Nadeln, sondern auch der Umstand, dass der Baum vollkommen schneefrei war. Dies alles konnte er sich nicht erklären, und das hatte ihn immer wieder aus dem Schlaf gerissen, wenn er kurz eingenickt war. Aber da war noch ein anderes, ihm in dieser Intensität unbekanntes Gefühl, das sich wie ein Dunst über die Gewissheit legte, irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Dieses Gefühl hatte ihm immer wieder die Luft abgeschnürt. Er hatte Angst!

Den Hund führte er heute im Geschirr, sodass er ihn besser kontrollieren konnte und gleichzeitig von ihm gezogen wurde. Auch Dragos merkwürdiges Verhalten gestern bestärkte ihn nicht in seinem momentanen Lieblingsgedanken an den möglichen schlechten Scherz von ein paar betrunkenen Holzfällern zur Weihnachtszeit.

Schon zwei Kilometer, bevor er die Fichtenschonung erreicht hatte, spürte Toni, dass ihn heute nichts Gutes erwarten würde. Der Hund spielte vollends verrückt. Drago heulte, bellte und zerrte in alle Richtungen wie ein wild gewordener Wasserbüffel. Nur nicht in Richtung der Fichtenschonung. An ein Weiterkommen war mit ihm nicht zu denken.

»Hier, Drago!«, sagte Toni und lenkte ihn in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nachdem der Hund sich einigermaßen beruhigt hatte, befreite Toni das verstörte Tier von seinem Geschirr und befahl ihm: »Platz und bleib!« Drago legte sich widerstrebend in den Schnee und schaute winselnd zu Toni auf, der wusste, dass der Befehl, unmissverständlich und einmal gegeben, von dem Hund eingehalten wurde. Da der Junge darauf vertraute, dass sein Begleiter hier auf jeden Fall auf ihn warten würde, nahm er all seinen Mut zusammen und setzte mit kräftigen Stockstößen seinen Weg fort. Nachdem er sich immer wieder nach Drago umgedreht hatte, bis er ihn kaum noch sehen konnte, konzentrierte er sich auf die Fahrt. Meine Spuren von gestern sind unter dem Neuschnee schon wieder verschwunden. In diesen Gedanken versunken, und in Gedanken auch bei dem zurückgebliebenen Hund, traf es ihn plötzlich wie ein Hammerschlag. Als ihm eine Hasenspur an der Stelle auffiel, an der er mit Drago hatte umkehren müssen, wunderte er sich darüber, dass der Hase an dieser Stelle offenbar auch eine Kehrtwendung gemacht hatte und in die entgegengesetzte Richtung davon gelaufen war. Plötzlich wusste er, was er übersehen hatte. Gestern waren in der Fichtenschonung keinerlei Wildspuren gewesen, was in dem jungfräulichen Neuschnee ungewöhnlich war. Hier gab es immer irgendwelche Spuren. Wenigstens einige Vogelspuren waren immer zu finden. Aber gestern? Nichts! Auch das tote Reh fiel ihm wieder ein, das zwar noch nicht so lange tot gewesen sein konnte, aber merkwürdigerweise schon längere Zeit unberührt dort gelegen haben musste. Auch dort waren keine Spuren im Neuschnee zu sehen gewesen. Ein Umstand, der bei einer geschlossenen Schneedecke und den momentanen Temperaturen nicht zu erwarten war, da in den Wäldern immer hungrige Fleisch- und Aasfresser unterwegs waren und dabei sicherlich nicht wählerisch sein würden. Das Reh hätte längst irgendeines Räubers Festmahl werden müssen.

»Hier stimmt verdammt noch mal etwas nicht!«, zischte Toni. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter, als er noch mehr Tierspuren entdeckte, die an einer imaginären Grenze kehrt machten und sich wieder entfernten. Dahinter waren keine Fährten zu erkennen. Nichts! Nicht einmal die Spuren eines Rotkehlchens – einfach nichts.

Toni musste schlucken, und etwas Schweiß rann zwischen seinen Schulterblättern hinab. Er schaute sich um. Weit und breit war kein Tier zu sehen und, noch schlimmer – er lauschte angestrengt –, es war kein Mucks zu hören, nicht einmal das Zwitschern eines Vogels. Nur das monotone Brummen eines weit entfernten Motorflugzeuges war gerade noch in der sonst absoluten Stille um ihn herum zu hören.

Unwillig nahm er langsam wieder Fahrt auf und bewegte sich vorsichtig weiter auf die Fichtenschonung zu. Dabei musste er zwangsläufig die imaginäre Grenze überschreiten. Er fragte sich, ob er noch in dieser Welt oder schon in einer anderen unbekannten und jenseitigen Welt mit anderen Naturgesetzen war und ob man ihn überhaupt noch von der anderen Seite sah. Fast hatte er damit gerechnet, beim Überschreiten dieser Bannmeile ein unsichtbares Kraftfeld überwinden zu müssen, welches keinem Lebewesen gestattete, den jenseitigen Raum zu betreten. Aber wider Erwarten spürte er nichts.

Du machst dich selbst verrückt und siehst schon Gespenster. Fahr einfach weiter, es wird schon nicht so schlimm sein. Das lässt sich doch alles erklären, dachte er ermutigt durch den einfachen Übergang und ließ sich einen Abhang hinuntergleiten, wobei er den Blick hob und das fiebrige, orange Mal sah, das gestern noch eine Fichtenschonung gewesen war.

Toni verlor die Kontrolle über seine Skier und verkantete den Rechten derart, dass er aus voller Fahrt plötzlich gestoppt vornüber ging und sich mehrmals überschlug. Nur den modernen Bindungen war es zu verdanken, dass er sich dabei nicht sämtliche Glieder brach und verrenkte, sondern ohne die Bretter an seinen Füßen mit dem Kopf voran auf dem Bauch zum Liegen kam. Das Erste, was er sah, als er langsam den Kopf aus dem Schnee hob, war der spitze Felsbrocken zwei Zentimeter neben ihm, der ihm fast das Gesicht zerschmettert hätte. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, und der Atem schoss stoßweise aus ihm heraus. Er stöhnte auf und hob den Kopf weiter, um über den Stein schauen zu können. Was er sah, übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Der Wald, oder das, was einmal ein Wald gewesen war, ragte orange vor ihm auf und nahm sein ganzes Gesichtsfeld ein. Die Fichtenschonung von gestern gab es nicht mehr. Sie war einer surrealen orangefarbenen, neuen Nadelbaumspezies gewichen und hatte eine Ausdehnung von circa hundert Metern entlang des angrenzenden Waldweges. Auf die Entfernung konnte er ausmachen, dass alle Bäume zusammen, mit orangen Nadeln gesegnet und von ihrer Schneelast befreit, den Eindruck erweckten, der Wald läge in fiebriger Agonie.

Toni stand sehr langsam auf und schüttelte seine Glieder einzeln, wie um zu überprüfen, ob noch alles am rechten Fleck war, und schaute dann wieder auf die bedrohliche Kulisse. Nicht nur die Nadeln waren orange. Auch der ehemals grüne Moosbewuchs am Grund der Baumstämme hatte sich mittlerweile verfärbt. Einzelne Flechten zeigten nicht mehr ihre ursprüngliche Farbe und hingen lustlos von den Bäumen herab.

Eine Pflanzenseuche, die vor Artgrenzen keinen Halt macht, ging es ihm durch den Kopf, während er fröstelte. Der Schock des Sturzes hatte ihn zittrig werden lassen. Der sich ihm bietende Anblick erledigte den Rest. Toni bebte am ganzen Leib.

»Ich muss mich bewegen, sonst kühle ich aus«, sagte er leise und klopfte sich den Schnee von Hose und Jacke. Er sammelte seine Skier ein und rammte sie samt der Stöcke in den Schnee. Mit vorsichtigen Schritten ging er trotzig in Richtung des Unfassbaren. »Gestern ein Baum und heute der gesamte Wald. Wie kann sich das so schnell ausbreiten?«, flüsterte er leise, als er sich dem Rand der Schonung bis auf zehn Meter genähert hatte. Weit und breit war kein Tier zu hören, geschweige denn zu sehen, keine Fährten im Schnee unter den Pflanzen und kein Schnee darauf. »Warum ist da kein Schnee mehr drauf?«, fragte er sich mit brennender Neugier, die ihn seinen Schockzustand vergessen ließ.

Als er den ersten Baum erreichte, fasste er Mut, als er dachte: Es gibt keine Pflanzenkrankheiten, die auf Menschen übertragbar sind!,und griff nach einem herunterhängenden Zweig in Orange.Er ließ sich einfach herunter biegen und machte einen normalen Eindruck. Toni nahm die orangen Nadeln in Augenschein und untersuchte sie konzentriert. Alles ganz normal, nur orange, und es roch auch wie ein Fichtenzweig. Verdammt, was war das? Und wo war der Schnee? Der konnte doch nicht einfach so geschmolzen sein.

Toni riss den Zweig ab, nahm sich ein Herz und lief zu einem zwanzig Meter entfernt stehenden, noch gesunden Fichtenschössling. Er griff einen Zweig mit der linken Hand, während er das orange Ding in der rechten hielt. Toni konnte es kaum fassen. Er hatte es eigentlich gleich gespürt, aber wieder verdrängt. Jetzt, als er die beiden Zweige in den Händen hielt, konnte er es deutlich spüren. Der verfärbte war ein kleines bisschen wärmer. Er wechselte die Zweige, in der Hoffnung, einer Illusion zu erliegen, in seinen Händen hin und her, aber der Eindruck eines Temperaturunterschiedes blieb. Toni war kurz davor, seinen Sinnen nicht mehr zu trauen, aber er hatte hier die logische Ursache für den verschwundenen Schnee in der Hand. Irgendetwas schien die Bäume von innen heraus zu erwärmen und den Schnee schmelzen zu lassen. Es kam ihm vor, als lägen die Bäume in fiebriger Krankheit, und man müsste ihnen kalte Umschläge machen.

Der Junge ging zurück zum Waldrand. Hier war er gestern auf der Suche nach Drago in den Wald gefahren. Toni machte einige Schritte, und plötzlich fiel ihm das tote Reh wieder ein. Vom Instinkt getrieben und mit wachsender Spannung schritt er voran. Er musste sich vergewissern. Das Reh konnte dort nicht mehr liegen. Er hatte schon viele Kadaver im Schnee gesehen, aber nie länger als einen Tag und niemals über Nacht. Irgendein hungriger, herumstreifender Jäger tauchte immer auf, um das Werk des Todes zu vollenden.

Das Reh, oder das, was von ihm übrig war, lag noch an der gleichen Stelle. Es war weder Schnee auf dem Reh zu erkennen – nach dem Schneefall der letzten Nacht unmöglich – noch waren neue Fraßspuren zu sehen. Der Kadaver war zusammengefallen, so als ob jemand die falsche Konfektionsgröße des Fells gewählt hätte. Es entstand der Eindruck, als habe das Reh sich selbst von innen heraus verdaut. Dort, wo gestern noch die trüben Augen gesessen und in verschiedene Richtungen geblickt hatten, waren nur blutige Höhlen mit knöchernen Rändern.

Das war nicht das Werk von Insekten und Würmern, den ersten Leichenbestattern im warmen Sommer. Bei den jetzigen Temperaturen undenkbar. Hier war etwas anderes am Werk. Eigentlich hätte hier gar kein Reh oder wenn, dann ein tiefgefrorenes im gleichen Zustand wie gestern, liegen sollen. Dieses Reh jedoch wurde künstlich über dem Gefrierpunkt gehalten von etwas Unheimlichem, das auch die Bäume vom Schnee befreite und Toni langsam die Kehle zuschnürte.

Der Junge überwand seinen Ekel und alle Ängste, um einen Stock zu greifen und den Kadaver vom morastigen Untergrund anzuheben. Ihm entfuhr ein durchdringender Schrei bei dem Anblick, der sich ihm bot. Es schien, als hätte der pelzige Leichnam Wurzeln geschlagen. Das dichte Geflecht hielt den in Auflösung begriffenen Körper fest am Boden, sodass Toni ihn nur mit Gewalt anheben konnte. Es sah fast so aus, als hätte das tote Reh Wurzelwerk ausgeworfen, um sich mit Nährstoffen aus dem Untergrund zu versorgen, damit es wieder in seinen Pelz hineinwachsen konnte.

Es dauerte einen kurzen Augenblick, der in Zeitlupe den Raum zum Bersten dehnte, bis sich aus einem konturlosen Nebel der unfassbare Gedanke in Tonis Bewusstsein formte: Nicht der Kadaver versorgte sich mit Nährstoffen – irgendetwas im Boden saugte den toten Körper aus!

Der Junge stolperte kreidebleich drei Schritte zurück, zog sein Handy aus der Hose, machte ein Foto von dem Kadaver und wählte die Nummer seines Vaters.

Tonis Vater Mikka war Forstwirt mit Leib und Seele. Das Bewirtschaften von Wäldern lag seiner Familie im Blut. Schon in sechster Generation lebten sie, wie viele finnische Familien, von dem Wald, der nach dem Tod von Tonis Großvater an seinen Vater übergegangen war. Insgesamt bewirtschaftete die Familie ein 3.000 Hektar großes Areal in der Region um Salla. Größtenteils reine Fichtenbestände, die Tonis Vater nachhaltig bewirtschaftete. Das heißt, es wurden nicht nur Bäume gefällt und der weiteren Verarbeitung zugeführt, sondern auch ständig neue aufgeforstet. Ein angepflanzter Fichtenschössling benötigte mindestens achtzig Jahre, bis man ihn als ausgewachsenen Baum schlagen konnte, um damit Geld zu verdienen – ein Generationenvertrag, der vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Die Bäume, die Mikka heute fällte, hatten sein Vater und zum Teil schon sein Großvater gepflanzt. Der Verdienst aus dem familieneigenen Betrieb reichte aber nicht aus, um die laufenden Kosten zu begleichen. Vor allem die Kredite, die Mikka aufnehmen musste, um seinen drei Geschwistern den Erbteil auszahlen zu können, belasteten die Finanzen, sodass er sich noch als Lohnunternehmer beim finnischen Staat verdingen musste. Hierzu hatte er sich vor drei Jahren einen riesigen Harvester, eine Holzerntemaschine auf sechs Rädern mit 300 PS, angeschafft, um in die Holzernte einsteigen und im eigenen Wald ökonomischer arbeiten zu können.

Ein weiterer Kredit, und Toni kam es manchmal so vor, als würde sich sein Vater übernehmen und Löcher mit Löchern stopfen. Mit der Arbeit für den finnischen Staat kam natürlich dringend benötigtes Geld in die Kasse, aber sein Vater war mit der Politik der Forstämter oft nicht einverstanden, da im Auftrag der Regierung ein Kahlschlag vorangetrieben wurde, den er ökologisch nicht vertreten konnte. Allein in den mehreren tausend Hektar Urwald der Region Salla mit jahrhundertealten Fichtenbeständen waren von Harvestern in wenigen Wochen 400 Hektar unwiederbringlich zerstört worden. Das machte seinen Vater sehr oft nachdenklich, und es war immer wieder Gesprächsthema zwischen Tonis Eltern.

Als das Telefon in Mikkas Arbeitshose vibrierte, lag er gerade mit ölverschmierten Händen unter einem schweren Traktor und versuchte, eine defekte Hydraulikleitung auszutauschen. Die Arbeit ging vor. Der Traktor musste morgen laufen, und die Familie konnte am zweiten Feiertag auch ohne den Vater auskommen.

»Hallo, wer spricht da?« Mikka konnte die Stimme am anderen Ende der Leitung nicht gleich einordnen. Hier peitschten Panik und Hysterie die Worte eines Menschen in den Stimmenverzerrer.

»Toni? Toni, bist du das? Was ist denn los? Wo bist du?«

Aus den Lauten in der Leitung kristallisierte sich langsam die Stimme seines Sohnes: »Papa, du musst sofort her kommen, der Wald ist krank! Ich hab so was noch nie gesehen. Komm schnell, ich habe Angst!«

»Aber wo bist du denn? Was ist denn passiert? Du machst mir auch Angst!«

Toni schrie schon fast eine Wegbeschreibung in das Telefon.

Mikka eilte in der Gewissheit, seinen Sohn noch nie so aufgelöst erlebt zu haben, mit dem Telefon am Ohr zu seinem Schneemobil vor dem Hallentor, startete den Motor, noch während Toni am anderen Ende wiederholt die Worte »Fichtenschonung am See« in sein Ohr schrie, und fuhr mit Vollgas los.

Das Letzte, was er in der einsetzenden Dämmerung im Scheinwerferkegel seines Schneemobils sah, während er das Hofgelände mit aufheulendem Motor verließ, war der Hund, der wie von allen Geistern verlassen auf das Haupthaus zu rannte.

Toni lief, das Handy noch in der Hand, im Halbdunkel seinen eigenen Spuren folgend aus dem Wald und schrie nach Drago. Atemlos stolperte auf den Weg und drehte sich wieder zum Wald um. Das orange Ungetüm streckte seine Finger nach ihm aus. Der Junge erinnerte sich an das letzte Geräusch im Telefon. Sein Vater war mit dem Schneemobil auf dem Weg zu ihm. Da war er sich sicher. Er versuchte, die Zeit einzuschätzen, die sein Vater mit der Maschine bis zu ihm brauchen würde.

Als er schlotternd in der Kälte stand und die Minuten sich wie Gummi dehnten, zog die Dunkelheit einen immer engeren Kreis um ihn. Von Drago war nichts zu sehen. Im letzten Licht erkannte er noch die Baumreihen fünfzehn Meter gegenüber der Fichtenschonung. Hier begann der Wald seiner Familie. Man konnte deutlich die ersten hellen Rostflecke an zwei mächtigen Fichten sehen. Sein letzter Gedanke, bevor er den Motor hörte, war: Bitte nicht auch das noch!

Der Motorschlitten kam schnell näher, und er konnte das Orange jetzt hin und wieder im Lichtkegel des Gefährts aufblitzen sehen. Sein Vater sprang förmlich von dem auslaufenden Schlitten und rannte auf ihn zu, ohne dem laufenden Motor weitere Beachtung zu schenken. Toni sank unendlich dankbar in seine Arme.

Mikka drückte ihn eng an sich. »Was ist los mit dir? Beruhige dich! Ich bin ja da! Was ist mit dem Wald? Warum ist der Wald krank? Und was ist mit Drago los? Der ist mir eben auf dem Hof entgegengekommen – ohne dich! Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht. Und wo sind deine Skier?«

Für Toni zu viele Fragen auf einmal. Er wand sich aus der Umarmung seines Vaters, drehte sich wortlos zu der orangen Seuche um und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Unfassbare im Scheinwerferlicht des Schneemobils.

Mikkas Blick folgte dem ausgestreckten Arm seines Sohnes. Ihm stockte der Atem beim Anblick der Bäume. Er ging im Schnee in die Knie und fragte: »Wann hast du das entdeckt?«

»Gestern!«, war die einsilbige Antwort seines Sohnes.

Mikka stand auf, ging zum Schlitten, der ein paar Meter hinter ihm stand, und nahm den Handhalogenscheinwerfer aus der Halterung an der Verkleidung. Das, was er dann im am Waldrand entlang streifenden Halogenlicht zu sehen bekam, sollte er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen.

Den Schockzustand seines Sohnes ignorierend, und selbst ohne Beherrschung bei dem sich ihm bietenden Anblick, schrie er Toni an: »Warum hast du mir das denn nicht schon gestern gesagt, mein Gott?«

Toni sah, wie sein Vater um Fassung rang, und während er mit leeren Augen auf den Familienwald zeigte, waren seine einzigen Worte: »Weil ich gestern nur einen orangenen Baum gesehen habe.«

Mikka folgte der Geste seines Sohnes und leuchtete die Szenerie mit dem Halogenstrahler aus.

»Keine Ahnung, was das ist, Toni! So was hab ich noch nie gesehen. Wie kann sich das so schnell ausbreiten? Das schaffen wir nicht alleine. Wir müssen das beim Forstamt melden.« Er nahm den Jungen wieder in die Arme. »Ich mach dir keine Vorwürfe. Hast alles richtiggemacht. Ich bin total geschockt, aber ich wollte dich nicht anschreien.«

Mittlerweile war es richtig dunkel geworden und man konnte das Nordlicht tanzen sehen, was die Szene noch unwirklicher erscheinen ließ.

Toni erzählte seinem Vater von den Erlebnissen der letzten beiden Tage. Er sprach von Dragos Verhalten, von den Wildspuren, die an der imaginären Grenze kehrtmachten. Er berichtete von dem Reh mit dem ominösen Wurzelgeflecht, er erwähnte die Wärme, die von dem Ast ausgegangen war und den Schnee unter und auf dem Reh hatte schmelzen lassen.

Sein Vater riss einen orangen Ast ab und konnte auch ohne direkten Vergleich mit einem gesunden Zweig spüren, dass die Temperatur leicht über dem Gefrierpunkt lag. Er nahm eine Handvoll Schnee und legte ihn behutsam auf die Nadeln. Sie sahen dabei zu, wie der Schnee langsam schmolz und nach unten tropfte.

Die beiden gingen daraufhin entgegen Tonis eindringlichen Bitten zu dem toten Reh, und Mikka leuchtete mit dem Handstrahler den Ort aus. Er hob den Kadaver, wie zuvor sein Sohn, mit einem toten Ast an und sah Tonis Bericht bestätigt. Der Junge hatte in seiner Panik nicht übertrieben. Auch Mikka war bei diesem Anblick geschockt und angeekelt. Nichts war hier mit gesundem Menschenverstand zu erklären. Vater und Sohn waren sich einig, dass hier etwas vor sich ging, was unbedingt der Klärung durch höhere Instanzen bedurfte.

»Ich hasse diesen Fettsack!«, sagte Mikka, als er im Speicher seines Handys die Nummer von Seppo Mikkosen suchte, dem Direktor der Forstverwaltung Lappland und nebenbei auch noch Besitzer einer Zellstofffabrik, und eine Verbindung herstellte. »Hoffentlich ist der Mistkerl nicht wieder vollkommen besoffen!«, sagte er an seinen Sohn gewandt.

»Hier Mikkosen!«

»Hallo Seppo, hier spricht Mikka!« Tonis Vater und er waren per Du trotz gegenseitiger Abneigung. Beide waren schon oft aneinandergeraten, wenn es um die Forstpolitik des Staates ging.

»Was kann ich für dich am zweiten Weihnachtsfeiertag tun, mein Lieber?«, kam die blasierte Antwort. »Ich hoffe, du hast einen triftigen Grund, mich ausgerechnet heute zu stören. Ich dachte, wir sehen uns sowieso morgen?«

»Wir sollten uns heute schon sehen. Ich stehe hier an der kleinen Fichtenschonung, die am Westufer des Sees direkt an unseren Familienwald angrenzt. Du weißt schon, die Grenze zwischen unserem Wald und dem Staatsforst.«

»Ja und? Was soll ich da? Suchst du ein Techtelmechtel mit mir oder was?«

Mikka erkannte an der aggressiven Sprechweise, dass Seppo tatsächlich einen im Tee hatte und er jetzt ein überzeugendes Argument liefern musste, um ihn hierher zu bewegen. Aber das hatte er schließlich!

»Wie es aussieht, habt ihr eine Pflanzenseuche im Wald, die auf meinen Wald übergreift. Ich habe so was noch nie gesehen. Deine Bäume sind alle orange, kein Grün mehr zu erkennen, sehen aus wie ein Schwarm Flamingos, und der Dreck breitet sich in Windeseile aus. Gestern waren es ein oder zwei Bäume, hat mein Sohn mir erzählt. Heute ist fast deine gesamte Schonung befallen. Außerdem sieht es so aus, als würde irgendwas die Pflanzen von innen heraus erwärmen. Die sind vollkommen schneefrei.« Von dem Rehkadaver erzählte er lieber nichts. Den sollte Mikkosen sich mit eigenen Augen ansehen.

»Hä? Was ist los?«, kam die verdutzte Antwort.

»Man Seppo«, blaffte er, »beweg einfach deinen Hintern hierher und schau es dir selber an!«

»Du bist doch besoffen!«, raunzte es nach einer Weile aus dem Telefon.

»Du weißt, dass ich nichts trinke, und mir ist auch nicht nach Witzen zumute. Glaub mir, wir haben hier ein Problem. Ich hab noch nie so ein ungutes Gefühl gehabt!«

Seppo konnte Tonis Vater zwar nicht besonders gut leiden, aber er hielt ihn dennoch für einen zuverlässigen Mann, dessen Urteil ihn schon oft vor größerem Schlamassel bewahrt hatte. Mikkas Stimmlage verriet ihm außerdem, dass Ärger im Anmarsch war. Seppo Mikkosen war ein Mann, der keinen Ärger wollte. Alles, was ihm zusätzliche Arbeit einbrachte, war ihm zuwider. »Bin in einer halben Stunde bei dir, und wehe, das ist einer dieser miesen Holzfällerscherze!«

Mikkosen war ein Hüne. Mit 1,98 Meter Körpergröße überragte er fast jeden Mann, und seine Leibesfülle, die er seinem ausschweifenden Lebenswandel zu verdanken hatte, ließ ihn noch imposanter wirken. Wenn man ihn so sah, und er jemanden mit seinem vom Wodka aufgedunsenen, pockennarbigen Gesicht zur Rede stellte, konnte man es – zart besaitet – mit der Angst zu tun bekommen. Und wenn er dann noch mit seiner schmierigen Art und mit seinen Metzgerspranken gestikulierend Befehle bellte, war er für jedermann eine furchteinflößende Gestalt. Und er war ein Kinderschreck. Aber das Schlimmste an ihm war, dass seine körperliche Erscheinung und seine widerwärtige Physiognomie ein Spiegelbild seines Charakters waren. Seppo Mikkosen war ein Lebemann, und er lebte im Hier und Jetzt. Moralische Werte oder Bedenken wurden für einen bequemen Lebenswandel und Profit einfach weggewischt. Alles war unwichtig, solange der Rubel rollte. Er war maßgeblich für den Kahlschlag im nordfinnischen Lappland verantwortlich. Hier wurde im Gebiet der Sami ein Raubbau an uralten Wäldern betrieben. Die Sami waren eine skandinavische Minderheit mit eigener Sprache und Kultur, die sich hauptsächlich von der Rentierhaltung ernährten. Da den Herden der Sami im Winter die alten Waldareale als Weidegründe dienten, drohte ihnen, die Lebensgrundlage entzogen zu werden. Die Rentiere ernährten sich im Winter bei geschlossener Schneedecke fast ausschließlich von den Baumflechten der Urwälder in Nordfinnland. Jede Dezimierung von Weidewald führte zur Dezimierung von Rentierherden und damit zwangsläufig zu existenziellen Einkommenseinbußen, die die Lebensweise der Sami stark bedrohten. Nachdem die Rentierhalter Klage gegen den finnischen Staat eingereicht hatten und trotzdem weiter gerodet wurde, hatten sie das UN-Menschenrechtskomitee angerufen, und der finnische Staat, vertreten durch Mikkosen, musste den Kahlschlag einstellen. Mikkosen war von höherer Stelle aus ein Maulkorb verpasst worden – ein herber Rückschlag für den selbstverliebten Seppo auf persönlicher Ebene und ein herber finanzieller Einbruch für seine Zellstofffabrik, die mit großem Profit das billige, im Auftrag des Staates geschlagene Holz verarbeitete und verkaufte. Dieses persönliche und finanzielle Waterloo hatte Seppo Mikkosen bis heute nicht überwunden.

Mikka hatte gerade ein Feuer entzündet, um sich und Toni bei den herrschenden Minusgraden zu wärmen, als beide das typische Motorengeräusch von Mikkosens V8 Geländewagen näher kommen hörten. Genau zwei Minuten später rutschte der Hüne mit seinem riesigen SUV amerikanischer Bauart über den verschneiten Waldweg und kam neben Mikkas Schneemobil zum Stehen. Seppo Mikkosen stieg aus seinem Wagen und starrte, ohne die beiden zu beachten, und ohne ein Wort der Begrüßung, auf den im Licht des Feuerscheins und von den Scheinwerfern seines Autos erhellten Wald. Er blickte mehrmals hin und her, schaute auf und ab und murmelte schließlich: »Scheiße noch mal, was ist das denn?« Er wandte sich zu Toni und Mikka um, die beide hinter ihm standen. »Heilige Scheiße, und du sagst, das waren gestern nur ein oder zwei Bäume?«

»Ganz recht, Seppo! Was machen wir jetzt? Wir müssen das Institut für Pflanzenpathologie in Oulu benachrichtigen. Die müssen herkommen und die Sache untersuchen. Vielleicht wissen die, was das ist, und haben irgendein Mittel.«

»Bist du von allen guten Geistern verlassen? Die machen uns den Laden für Wochen dicht und verhängen eine Quarantäne. Das geht gar nicht! Hab ich letztes Jahr oben im Norden schon alles durch. Zwei Wochen Stillstand für Menschen und Maschinen, keine Lieferungen mehr für die Fabrik. Das hat mich einen fünfstelligen Betrag gekostet. Nicht zu vergessen der ganze Ärger und Schreibkram. Und alles nur, weil wir so ein paar Scheißkäfer in den Holzpaletten aus China eingeschleppt hatten. Konnten wir gar nichts für, und die haben zehn Tage gebraucht, um das herauszufinden, diese Schwachköpfe. Und dann hieß es: abholzen und verbrennen. Ich sag dir, was wir machen!«

Mikka wollte intervenieren, doch Mikkosen war nicht zu stoppen.

»Das kann ich auch ohne die Deppen aus Oulu. Wir machen den Wald platt, und das Holz geht in meine Verarbeitung. Das überlebt sowieso kein Käfer.«

»Das können wir doch nicht machen!«, sagte Mikka aufgebracht. »Wir machen uns strafbar. Wir wissen doch gar nicht, was das hier verursacht hat. Kann ja auch ein Pflanzenvirus oder ein Bakterium sein.«

Toni stand neben seinem Vater und verlagerte nervös sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Dabei sah er alles andere als glücklich aus. »Papa, erzähl ihm von dem Schnee und den warmen Zweigen!«

Mikkosen schaute irritiert zu dem Jungen.

»Und zeig ihm das Reh!«

Mikka deutete auf die Bäume und machte Seppo auf den fehlenden Schnee aufmerksam. Ein Umstand, der dem noch gar nicht aufgefallen war.

Er nahm einen Ast zwischen seine Wurstfinger und schaute verklärt an dem Baum hoch. »Ja, ja, ein bisschen wärmer, na und! Vielleicht haben die heute mehr Sonne abbekommen und der Schnee ist geschmolzen. Das passiert und lässt sich alles erklären.«

Als Toni ihm von dem eingefallenen und am Boden festgewachsenen Reh erzählte und auch die fehlenden Wildspuren erwähnte, winkte Mikkosen ab und sagte: »Klar kann man da keine Spuren sehen, da liegt ja auch der ganze abgetaute und runter gerutschte Schnee drauf. Ich glaube, ihr seht langsam Gespenster. Und was hat ein verrottetes Reh mit dem ganzen Kram zu tun? Es reicht! Ihr schaut zu viele Horrorfilme.« Mikkosen hatte genug gesehen und gehört. Mit dem Bengel geht die Fantasie durch, dachte er und sagte zu Mikka: »Pass auf, mein Lieber«, wieder dieser Ton, »ich übernehme die volle Verantwortung! Du holst deinen Harvester am besten heute noch und fängst an, diesen Dreck zu roden. Morgen früh schick ich dir noch zwei Jungs mit zwei Maschinen, weil du das alleine so schnell nicht schaffen kannst. Übermorgen seid ihr fertig! Das Holz wird zur Fabrik gefahren, den Rest verbrennt ihr hier. Und vergiss nicht deinen Wald da drüben!« Er zeigte auf ihren Familienwald. »Da fängst du am besten an, und meine Leute kommen dir von der anderen Seite entgegen.«

Mikka nickte. Er wusste, dass jedes Widerwort sofort mit Getöse im Keim erstickt würde. Außerdem war es vielleicht nicht die schlechteste Lösung. Zumindest war es eine schnelle Lösung. Und bei der Geschwindigkeit, mit der sich das Zeug ausgebreitet hatte – wenn er den Erzählungen seines Sohnes Glauben schenkte –, war er für jedes schnelle Handeln dankbar. Vielleicht ließ sich so wenigstens der Familienwald retten. »In Ordnung! Ich fang heute noch an und mach eine Nachtschicht. Schick deine Jungs morgen früh her. Wir werden tun, was wir können.«

Mikkosen gab ihm die Hand und stieg in seinen Wagen. Er ließ noch mal die Scheibe herunter und sagte an Toni gewandt: »Und du hilfst deinem Vater! Wir können hier jede Hand gebrauchen!« Dann trat er das Gaspedal durch und fuhr mit durchdrehenden Reifen den Weg zum See hinab.

Toni und sein Vater schauten sich lange an, bis Mikka das Eis brach: »Das ist der richtige Weg! Wir holzen den Mist ab und verbrennen den Rest. Das wird schon!«

»Ich weiß nicht! Ich muss immer dran denken, dass das gestern nur ein Baum war. Morgen sind wir schlauer. Hoffentlich klappt das!«

Sie löschten das Feuer, Toni schnappte sich seine Skiausrüstung und schwang sich hinter seinem Vater auf das Schneemobil. Mit einem mehr als unguten Gefühl in der Magengegend fuhren beide zurück zum Gehöft, in Gedanken bei den unheimlichen Vorgängen im Wald, die Mikkosen einfach weggewischt hatte.

Als Seppo Mikkosen an der Südseite des Sees entlang fuhr, klappte er sein Handschuhfach auf und bediente sich ordentlich aus der Flasche Wodka, die er dort für solche Situationen immer griffbereit liegen hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das konnte er auch spüren. Aber die beiden übertrieben maßlos, und er hatte den Eindruck, dass Mikka sich von dem Bengel an der Nase herumführen ließ. Der Junge war ihm schon öfter unangenehm aufgefallen. Er verabscheute dieses vorlaute, halbwüchsige Gesindel. Hatten doch nur Unsinn im Kopf.

Als er seinen Blick über den im Mondlicht liegenden See schweifen ließ, hatte er für einen kurzen Augenblick den Eindruck, das Eis an der Westseite des Sees sei geschmolzen und das Wasser spüle dort schwer ans Ufer. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche und ließ die Gespenster der heraufziehenden Nacht hinter sich.

Mikka und Toni erreichten nach einer zehnminütigen Fahrt durchgefroren den Hof. Das Haus war hell erleuchtet, und aus den drei Schornsteinen stieg der Rauch der Öfen kerzengerade in den sternenklaren Nachthimmel. Drago kam ihnen bellend entgegen. Der Hund war eine Mischung aus einem Deutschen Schäferhund und einem tschechoslowakischen Wolfshund. Die meisten Menschen, die ihn das erste Mal zu Gesicht bekamen, hielten ihn für einen Schäferhund. Nur für Kinder, die unbeeinflusst durch Erfahrungen das Wesentliche sahen, war Drago ein Wolf. Der tschechische Wolfshund war aus einer Kreuzung von Schäferhund und Karpatenwolf entstanden. Für einen Kenner war das Wölfische in Dragos Körperbau und Verhalten sofort zu erkennen.

Drago sprang an den beiden abwechselnd hoch, und seine gelben Wolfsaugen leuchteten im Mondlicht.

Die anderen hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht und schauten Fernsehen. Tonis Mutter Anna konnte sofort die Anspannung der beiden an ihren Gesichtern ablesen. Aada und Elias schauten nur kurz hoch und sagten »Hallo!«, um sich gleich wieder ins Programm zu vertiefen.

»Kommt, wir gehen in die Küche! Ich mach euch einen Kaffee«, sagte Anna, bemüht um eine sorglose Stimme.

In der Küche saßen sie zu dritt um ihren riesigen Tisch, tranken Kaffee und schwiegen sich an. Es herrschte eine angespannte Atmosphäre, die keiner lange aushalten würde.

Als Anna schließlich fragte, was passiert sei, brach der Bann, und die beiden erzählten ihr alles. Sie fragte zwischendurch immer wieder nach, um Ordnung in die Geschichte zu bekommen, und nachdem Toni die Erlebnisse des gestrigen Tages zusammengefasst und mit den heutigen in Verbindung gebracht hatte, nickte sie verstehend und schüttelte dann gleich den Kopf ob dieser unglaublichen Geschichte.

»Warum sind die Bäume orange geworden?«, sagte sie mehr zu sich selbst. Anna hatte ihr Biologieexamen im Fachgebiet Botanik mit Auszeichnung bestanden und war eine exzellente Pflanzenkennerin. Sie ließ sich von Toni das Foto auf seinem Handy zeigen, welches er tags zuvor in der Fichtenschonung von dem einen Baum gemacht hatte, und sagte dann: »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die Fichte hat ihr gesamtes Chlorophyll verloren, das, wie ihr wisst, für die grüne Farbe der Pflanzen und für die Fotosynthese verantwortlich ist. Und das, was wir dort sehen, ist der Anteil der Restfarbstoffe in den Nadeln. Aber da müssten eigentlich auch noch andere Farben sein. Es sieht so aus, als ob man hier nur noch die Carotinoide sehen kann. Das ist eine Farbstoffklasse, die zum Beispiel für die Farbe von Möhren und auch für die Laubfärbung der Laubbäume im Herbst verantwortlich ist. Nämlich dann, wenn die Laubbäume das energiereiche Chlorophyll in den Blättern abbauen und als Reservestoff für den Winter speichern. Aber hier haben wir keine Laubbäume vor uns, sondern immergrüne Koniferen, Fichten, und die werfen keine Blätter ab, nicht im Herbst und schon gar nicht im Winter. Und das mit den Zweigen, die sich erwärmen und den Schnee tauen lassen – das ist mehr als komisch. Ich habe so was noch nie gesehen oder davon gehört. Ich glaube, Mikkosen hat erst mal recht mit dem, was er zu euch gesagt hat. Das ist alles sehr unheimlich, aber die Sache mit dem Rehkadaver kann man wahrscheinlich wirklich einfach erklären. Durch den Verwesungsprozess ist vielleicht auch Wärme entstanden und hat irgendeinen Schimmelpilz wachsen lassen. Wie auch immer, ihr solltet die Bäume schnellstmöglich fällen. Aber es könnte sich auch um eine neue Krankheit handeln, und wenn die Arbeit beendet ist, müssen wir Probematerial ins Labor nach Oulu bringen. Das muss auf jeden Fall untersucht werden. Ich glaube, das ist was völlig Neues, und wir wissen gar nicht, was das für uns bedeuten kann.«

Es herrschte erst einmal beklemmende Stille, bis Vater und Sohn ihr zustimmten und der kleine Familienrat sich einig war, so zu verfahren. Anna beschloss, den Besuch bei Onkel Anton fürs Erste abzusagen. So saßen sie noch eine Weile in der Küche zusammen und diskutierten, während Anna dicke Brote für die Nachtschicht schmierte und die Thermoskannen mit starkem, schwarzem Kaffee füllte.

Mikka und Toni fuhren in dem tonnenschweren Harvester auf einem Waldweg durch die klirrende Kälte der Nacht in Richtung der Schonung. Der Harvester hatte eine voll klimatisierte Kabine, sodass sie von der Kälte unberührt blieben. Beide waren guter Stimmung seit dem Gespräch mit Anna, die Mikkosen fürs Erste recht gab und damit das, was sie vorhatten, in ein anderes Licht rückte. Dabei hatte sie aber auch klar zum Ausdruck gebracht, dass die Vorgänge in den Wäldern noch eingehend zu untersuchen seien, und damit beiden aus der Seele gesprochen.

Als sie nach einer guten halben Stunde die Schonung erreichten, sahen sie im Licht der 15 starken Halogenscheinwerfer zuerst die unheimliche Kulisse von vorhin. Es war jetzt 19:45 Uhr, und die Polarnacht wurde nur von dem noch nicht ganz vollen Mond und den Scheinwerfern erhellt, wobei die Halogenstrahler den Wettbewerb um die stärkere Leuchtkraft eindeutig für sich entschieden. Erst der zweite Blick offenbarte ihnen die rasant fortschreitende Anomalie im Familienwald. Die hellen Rostflecke, die sie heute Nachmittag an zwei Fichten ausmachen konnten, hatten sich nicht nur auf den zwei Bäumen vollständig ausgebreitet – die Bäume leuchteten jetzt in dem typischen Orange –, sondern waren in den letzten Stunden auch auf mehrere angrenzende Fichten übergesprungen, die dem Befall nichts entgegenzusetzen hatten.

Mikka wendete die schwere Maschine und steuerte grimmig auf seinen Wald zu, wobei er halb an Toni gewandt, halb in die Koordination des Zehn-Meter-Kranauslegers mit dem frei beweglichen Fällkopf am Ende vertieft, schrie: »Das gibt’s doch gar nicht! Das Zeug greift ja um sich wie die Pest und die Pocken. Jetzt reicht’s, raus mit dem Gestrüpp!« Die gigantische 30-Tonnen-Maschine beherrschte er durch die Erfahrung der letzten drei Jahre mittlerweile blind. Er senkte den Kranarm, drehte gleichzeitig den Fällkopf mit dem riesigen Kreissägeblatt in die richtige Position und packte den ersten Baum mit den Vorschubwalzen. Die Säge trennte den Baum innerhalb einer Sekunde ab, und die Hydraulik schob das 30-Meter-Gehölz durch die Entastungsmesser des Fällkopfs. Der gesamte Vorgang dauerte maximal dreißig Sekunden. Mikka legte den entasteten Baum ab und packte mit dem Arbeitskopf den nächsten. »Ich mach euch jetzt alle weg!«, schrie er.

Toni musste lachen.

So fällte er im Minutentakt Baum um Baum im eigenen Wald und stapelte sie am Rand des Weges. Um Astwerk und Reisig würden sie sich später kümmern. Nachdem dort kein Orange mehr zu sehen war, wendete er und fuhr mit einem Schrei, der seinem Ärger Luft machte, auf die kranke Fichtenschonung zu.

Der Harvester erledigte sein Zerstörungswerk entlang des Waldsaums, von Mikka mit kalter Präzision gesteuert. Nach drei Stunden Arbeit waren sie bereits zehn Meter in den Wald eingedrungen, Mikka und die Maschine arbeiteten wie ein Uhrwerk. Als er die fünf Meter breite Gasse für den Holzernter weiter in die Schonung vorangetrieben hatte, legte er bei laufendem Motor eine Pause ein und drehte sich zu seinem Sohn um. Toni war trotz der Erschütterungen der schweren Hydraulik und der Motorengeräusche hinter ihm auf dem Notsitz eingeschlafen. Mikka trank einen heißen Kaffee und gönnte sich bei einer Stulle eine kleine Verschnaufpause. Er dachte über die Arbeit der letzten Stunden nach und überschlug im Geiste die Anzahl der Bäume, die er gefällt hatte. Er versuchte, sich die Ausdehnung der Schonung ins Gedächtnis zu rufen, und ging nach einer ersten Schätzung davon aus, dass er alleine mindestens zwei bis drei Tage brauchen würde, um den kranken Wald zu fällen.