Christmas Blues - Sissi Kaipurgay - E-Book

Christmas Blues E-Book

Sissi Kaipurgay

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3,49 €

Beschreibung

Weihnachten naht. Das Fest der Liebe. Mit dieser Story verabschiede ich mich aus einem einigermaßen friedlichen 2016. Nun noch mal der Warnhinweis: (oder neuerdings Warmhinweis?) Mann mit Mann. Kitsch. Bettsport. Krankenhausaufenthalte. Unflätige Flüche. Brett vorm Kopf.  ca. 26.000 Worte Ich wünsche allen Lesern ein schönes 2017. *winke* Der Nachbar Louis' Mutter versucht seit Jahren, ihm den maulfaulen Nachbarn schmackhaft zu machen. Horst heißt der Kerl. Jeden Heiligabend und Geburtstag muss er den Typen ertragen. Bisher war es ihm immer gelungen, nach ein paar Stunden abzuhauen, doch an diesem Weihnachten kommt etwas dazwischen. ~ * ~

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 120




Sissi Kaipurgay

Christmas Blues

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Christmas Blues

 

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig. Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaiserlos

Foto von shutterstock – Design Lars Rogmann

Korrektur: Aschure. Danke!

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

1.

Seit drei Tagen versank Norddeutschland im Schnee. In den Radiosendern jubilierten Moderatoren überschwänglich über die anstehende weiße Weihnacht. Louis fand das alles zum Kotzen. Sowohl den Schnee, als auch die Labertaschen und die Feiertage sowieso.

Missmutig verließ er mal wieder als einer der letzten das Firmengebäude. Nur noch in wenigen der Büros, an denen er vorbeimarschierte, brannte Licht. So kurz vorm Fest hatten viele bereits Urlaub genommen, wie jedes Jahr.

Er würde am liebsten heute Abend ins Bett kriechen und erst am 1. Januar wieder aufwachen. Die Firmenleitung hatte Betriebsferien angeordnet. Man versprach sich davon Einsparungen. Louis hatte eigentlich gehofft, in dieser Zeit seine Rückstände aufarbeiten zu können. Im Prinzip wusste er, dass es sinnlos war gegen die Aufgabenflut anzukämpfen. Sobald er die Hälfte erledigt hatte, floss eine doppelte Menge in seinen Posteingang. Dennoch beackerte er weiterhin verbissen sein Schlachtfeld. Beharrlichen Erfolgswillen hatte ihm mal ein Vorgesetzter attestiert, aber vielleicht handelte es sich eher um eine neue Form von Masochismus.

In der Tiefgarage stieg er in seinen Porsche Cayenne. Er jammerte auf hohem Niveau, gab er insgeheim zu. Immerhin gestattete ihm sein ansehnliches Gehalt ein luxuriöses Leben. Teure Klamotten, eine Wohnung in guter Lage und regelmäßige Besuche bei Callboys.

Langsam ließ er den schweren Wagen zur Ausfahrt rollen, öffnete die Schranke mittels seiner Keycard und fuhr ins Schneegestöber hinaus. Nachdem die Abschirmung durch die Betonwände vorbei war, fing sofort das Radio an zu quaken.

„… haben nun einen Anrufer in der Leitung“, laberte eine Moderatorin. „Erzähl mal: Wie feierst du Heiliga…“

„Klappe!“, knurrte er und schaltete das Ding aus.

Er hielt an einer roten Ampel, tippelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad und sah auf die Uhr im Armaturenbrett. Kurz nach acht. Das Geschenk, das er vor einer Woche für seine Mutter bestellt hatte, war noch nicht eingetroffen. Mit viel Glück fand er im Briefkasten eine Benachrichtigungskarte vor und konnte es von der Packstation abholen. Anderenfalls … nicht auszudenken! Wo sollte er auf die schnelle etwas Passendes auftreiben?

Das Signal wechselte zu grün. Neben ihm fuhr ein Kleinwagen los und drohte auf seine Spur zu rutschen. Kopfschüttelnd sah er dem davonschliddernden Fahrzeug hinterher. Bei diesem Wetter sollten die meisten Leute besser auf öffentlichen Nahverkehr umsteigen.

Wenig später erreichte er den Wohnblock, in dem seine Eigentumswohnung lag. Anstatt seinen Porsche in die enge Tiefgarage zu lenken, ließ er den Wagen auf einem halbillegalen Parkplatz stehen. Den Kragen seines Trenchcoats hochgeschlagen, eilte er aufs Haus zu, schloss die Tür auf und inspizierte seine Post. Die ersehnte Karte befand sich darunter.

Es kostete ihn eine halbe Stunde, die Sendung von der Packstation abzuholen. Diese lag nur ein paar Straßen entfernt und wahrscheinlich wäre er besser zu Fuß gegangen. Die gesamte Umgebung war nämlich von Blechkarossen dichtgeschissen. Normalerweise parkte er in solcher Situation einfach in zweiter Reihe, doch angesichts der Glätte war ihm das zu heikel. Es gurkten einfach zu viele Trottel herum.

Als er endlich seine Wohnung betrat, atmete er tief durch. Nur noch den nächsten Tag überstehen, danach wollte er sich in seinen vier Wänden einigeln, bis der ganze Scheiß vorüber war. Warum er Weihnachten und Silvester so sehr hasste wusste er nicht. Es gab keine traumatischen Kindheitserlebnisse. Dennoch hatte er mit den Jahren eine schon krankhaft anmutende Abneigung entwickelt. Vermutlich wegen des Stillstands, der an den Feiertagen und dazwischen herrschte.

Während er Mantel und Schuhe an der Garderobe ablegte, fiel ihm sein letzter Urlaub ein. Zwei Wochen Ibiza mit Sebastian, einem gemieteten Begleiter. Party, Tag und Nacht. Sex ohne Ende. Hinterher hatte so viel Arbeit auf ihn gewartet, dass der Erholungseffekt innerhalb weniger Stunden verpuffte. Okay, als erholt konnte man seinen Zustand nach dieser Reise kaum bezeichnen. Ehrlich gesagt hatte er sich völlig ausgepowert gefühlt. Langsam wurde er alt.

Er brachte das Paket ins Wohnzimmer, überzeugte sich von dessen Inhalt und checkte seinen Anrufbeantworter. Die Stimme seiner Mutter erklang.

„Louis, Schatz. Pass auf dich auf. Es ist glatt auf den Straßen. Magst du eher herkommen? Ich würde gern den Tannenbaum, den Horst heute aufgestellt hat, gemeinsam mit dir schmücken. Ich hab dich lieb. Fühl dich umarmt.“

Horst! Schaudernd dachte er an den Kerl, an dem seine Mutter einen Narren gefressen hatte. Als er den Typen vor etlichen Jahren kennenlernte, war sein erster Gedanke: Es gibt den Bigfoot also doch. Zu einem Vollbart trug Horst langes Haupthaar, außerdem quoll aus dem Ausschnitt des Hemds Brustwolle. Mal abgesehen von diesem Wildwuchs, besaß der Typ ein angenehmes Gesicht und zurückhaltendes Wesen. Letzteres bedeutete, dass Horst die Zähne selten auseinander bekam, wenn sie am Geburtstag seiner Mutter und Heiligabend aufeinandertrafen.

Im Grunde war er froh über den Nachbarn, der seiner Mutter regelmäßig zur Hand ging. Horsts Anwesenheit schmälerte sein schlechtes Gewissen, viel zu selten den Weg nach Lüneburg zu finden. Meist blieb es bei den beiden festlichen Anlässen, ansonsten telefonierten sie gelegentlich. Nach dem Tod seines Vaters war er natürlich häufiger hingefahren, bis seine Mutter den Verlust einigermaßen verwunden hatte. Das war inzwischen über zehn Jahre her. Die zunehmende Arbeitsbelastung, entsprechend geringere Freizeit und Pflege seiner Hobbys hatten dazu geführt, dass sich seine Besuche auf ein Minimum beschränkten.

Es wäre also alles in schönster Ordnung, wenn seine Mutter nicht ständig Horsts Vorzüge anpreisen würde. Der Nachbar war nämlich schwul und damit in ihren Augen der perfekte Partner für den ebenfalls schwulen Sohn. Jegliche Versuche sie davon abzubringen, stießen auf taube Ohren.

Was meinte seine Mutter mit ‚eher herkommen‘? Sie waren, wie jedes Jahr, zum Kaffee verabredet, gegen halb vier. Zu telefonieren hatte er keine Lust, daher beschloss er um zwei aufzuschlagen. Das sollte früh genug sein.

Am nächsten Tag verließ er um eins in seinem Porsche die Tiefgarage. Über Nacht hatte es Neuschnee gegeben, doch mittlerweile waren die Straßen geräumt. Dennoch brauchte er weitaus länger als veranschlagt, um Hamburg hinter sich zu lassen. Kurz hinter Geesthacht, er war bereits eine Dreiviertelstunde unterwegs, fing es an zu schneien. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wurden die Flocken dichter. Als er Lüneburg erreichte, hörte der Spuk mit einem Schlag auf. Lediglich vereinzelt tänzelten, wie kleine Federn, Schneekristalle durch die Luft.

In der Siedlung, in der seine Mutter wohnte, waren die Straßen nur unzureichend geräumt. Hier und da hatten sich dicke Eisplacken gebildet. Langsam fuhr er an Einzelhäusern vorbei. Das seiner Mutter lag am Ende einer Sackgasse, an die sich ein Kleingartenverein anschloss.

Er manövrierte seinen Wagen in den, seit dem Tod seines Vaters leerstehenden, Carport. Unter dem einen Arm das Geschenk, in der anderen Hand einen Strauß Rosen, ging er aufs Haus zu. Er hatte die Tür noch nicht erreicht, als sie aufsprang und Horst in deren Rahmen erschien. Die ernste Miene des Nachbarn verhieß nichts Gutes.

„Hi. Komm erstmal rein“, bat Horst, ließ ihn eintreten und schloss die Haustür. „Ich hab nur die Festnetznummer von dir, sonst hätte ich es auf dem Handy versucht.“

Ein kalter Schauer lief über Louis‘ Rücken. In seinem Magen bildete sich ein Eisblock und seine Hände begannen zu zittern. War er zu spät gekommen? War seine Mutter …?

„Setz dich. Du bist ganz blass.“ Horst nickte zur Küche, folgte ihm hinein und nahm gegenüber am Tisch Platz.

„Ist sie …?“ Das schlimme Wort wollte nicht über seine Lippen.

„Als ich vor einer halben Stunde im Krankenhaus angerufen habe, hat man mir gesagt, dass es sich um einen Schlaganfall handelt. Zum Glück stand ich gerade am Fenster, als sie aus heiterem Himmel umfiel.“

„Schlaganfall?“, echote er geistlos.

„Mehr kann ich dir auch nicht sagen. Meine medizinischen Fachkenntnisse sind begrenzt.“

„Darf ich sie besuchen?“

„Das hab ich auch gefragt. Sie liegt auf der Intensivstation und ist noch nicht bei Bewusstsein. Die Schwester hat irgendetwas von einer Infusion erzählt. Sie ruft an, sobald Klara aufwacht.“

„Also … kommt sie wieder in Ordnung?“

Horst zuckte die Achseln. „Hoffentlich. Ich käme schwer damit klar, wenn sie plötzlich nicht mehr ist.“

„Ich auch“, flüsterte er, legte erst die Blumen, dann sein Geschenk auf den Tisch und vergrub vornübergebeugt das Gesicht in seinen Händen.

Seine Mutter war für ihn eine Art Institution. Jemand, der über den Dingen stand. Festzustellen, dass sie vergänglich war, erschütterte ihn. Natürlich wusste er, dass niemand ewig lebte, hatte das aber verdrängt. Der Verlust seines Vaters war auch schmerzhaft gewesen, doch aufgrund ihres nicht besonders innigen Verhältnisses nach seinem Outing erträglich. Seine Mutter hingegen … Wie oft hatte er sie in den letzten Jahren besucht? Verdiente er die Bezeichnung Sohn überhaupt noch?

„Heute Morgen hab ich für Klara was aus dem Supermarkt besorgt. Sie hatte vergessen Konditorsahne zu kaufen. Da war noch alles in Ordnung. Ich hab ihr eingebläut, dass sie das Schneeschieben mir überlassen soll. Na ja, du kennst sie ja. Sie nickt, macht aber sowieso was sie will.“ Horst seufzte. „Es hat kurz vorm Mittag nur minimal geschneit, nur eine Zuckerschicht, sonst wäre ich sofort rübergekommen. Ich weiß nicht warum … ich war irgendwie unruhig und hab dauernd aus dem Fenster geschaut. Plötzlich kam sie aus dem Haus, griff nach einem Besen und fing an zu fegen. Dann ist sie mit einem Mal …“

Er hob den Kopf und entdeckte erstaunt eine Träne, die aus Horsts Augenwinkel kullerte.

„Sie ist einfach so umgefallen. Ich bin sofort rüber zu ihr und wusste nicht, was ich tun soll. Hab mich nicht getraut sie hochzuheben, falls was gebrochen ist. Zum Glück hatte ich mein Handy dabei. Das waren die längsten fünf Minuten meines Lebens. Sie lag so schrecklich blass da, auf den kalten Steinen.“ Sein Gegenüber fummelte ein Taschentuch hervor, schnäuzte sich und fuhr heiser fort: „Erst wollte ich gleich hinterherfahren, aber sie hätte mir niemals verziehen, dich ahnungslos vor der Tür stehen zu lassen. Außerdem musste ich die Patientenverfügung und das Notarschreiben rauskramen, das mich bevollmächtigt, wie ein Familienangehöriger zu handeln. Ich hab den Kram eingescannt, ans Krankenhaus geschickt und …“

Horsts Stimme brach. Erneut lief eine glitzernde Spur über seine Wange und versickerte im dichten Bart.

2.

Noch immer sah Horst die Szene vor sich: Klara fegte und im nächsten Moment fiel sie um wie ein Stein.

Die liebenswürdige Frau war ihm ans Herz gewachsen. Seit über zehn Jahren bildete sie eine Art Mutterersatz, wobei das in Anbetracht seiner eigenen eigentlich eine Beleidigung darstellte.

Seine Eltern hatten ihm nie sonderlich viel Interesse entgegengebracht. Er war gewissermaßen die Erfüllung des Plansolls, das zu einer normalen Ehe gehörte. Von seinen Großeltern väterlicher Seite, die anderen waren schon tot, war er hingegen mit Zuneigung überschüttet worden. Leider nur wenige Jahre. Beide starben kurz hintereinander, da war er erst acht.

Die Zeit bis zur Volljährigkeit glänzte er durch Aufsässigkeit. Ihm war jede Gelegenheit recht, seinen Eltern irgendeine Reaktion zu entlocken, egal ob negativ oder positiv. Im Anschluss an ein mittelmäßiges Abitur packte er seinen Rucksack und zog in die Ferne.

Miese Jobs hielten ihn über Wasser, während er von Ort zu Ort tingelte. Manchmal verkaufte er seinen Körper, wenn das Geld gar zu knapp wurde. Er experimentierte mit Drogen, hatte Sex in jeder Konstellation. Eines Morgens erwachte er zwischen drei splitternackten Kerlen in einem Kaff in Spanien und hatte mit einem Schlag die Schnauze voll von dieser Art zu leben.

Also kehrte er in seine Heimat zurück und fand vorläufig Unterschlupf bei seinem alten Schulfreund Hanno, mit dem er all die Jahre sporadisch Kontakt gehalten hatte. Hanno betrieb einen Bioladen und stellte ihn als Aushilfe ein. Sechs Wochen benötigte er, um den Mut zu fassen seinen Eltern gegenüberzutreten. Es erwischte ihn eiskalt, seinen Vater in Trauer vorzufinden. Seine Mutter war vier Monate zuvor an Lungenkrebs gestorben.

Erstaunlicherweise jagte sein Vater ihn nicht fort, sondern bot ihm sogar Wohnraum an. Zu dem Zeitpunkt war sein Vater bereits unheilbar erkrankt und schon wenige Wochen später auf seine Hilfe angewiesen. Das erklärte das unerwartete Entgegenkommen. Mit fortschreitendem Siechtum wurden die gelegentlichen Hilfeleistungen zur aufopferungsvollen Rund-um-die-Uhr Pflege. Ohne Klara hätte er das niemals geschafft. Wann immer er ein paar Stunden im Bioladen arbeitete, leistete sie seinem Vater Gesellschaft. Er brauchte diese kurzen Auszeiten, um neue Kraft zu tanken. Manchmal kam Klara auch abends vorbei, mit Kuchen oder leckerem Nachtisch im Gepäck.

Vier Monate dauerte die Tortur, dann schlief sein Vater ein. Der passionierte Raucher starb an dem gleichen Leiden, das auch seine Mutter dahingerafft hatte. Wieder war Klara ihm eine Stütze, half die Beerdigung zu organisieren und hielt am Grab seine Hand. Obwohl er nie echte Liebe durch seinen Vater erfahren hatte, ging dessen Tod ihm nah. Blut war eben dicker als Wasser. Sogar seine gefühlskalte Mutter vermisste er. Wie sagte mal jemand? Besser schlechte Eltern, als gar keine.

Damals lebte Klaras Mann noch, ein eher unsympathischer Zeitgenosse. Ziemlich homophob eingestellt und gar nicht erfreut darüber, wie vehement sich die Gattin für den schwulen Nachbarn engagierte. Das entnahm er jedenfalls Klaras Andeutungen. Ihm gegenüber verhielt sich ihr Mann stets höflich distanziert.

Ihren Sohn kannte er anfangs nur aus Erzählungen. Erst nachdem Klaras Gatte das Zeitliche gesegnete hatte, lernte er Louis kennen. In den ersten Wochen, die dem Begräbnis folgten, erschien jener häufig. Horst nahm an, dass lediglich Louis‘ Vater schuld an den vormals überaus seltenen Besuchen war. Jedoch schon bald wurde er eines Besseren belehrt. Die Abstände zwischen Louis‘ Erscheinen vergrößerten sich, bis der alte Zustand wiederhergestellt war.

Er begriff dieses Verhalten nicht. Klara war eine gute Mutter und hatte es nicht verdient, derart lieblos behandelt zu werden. Selbstverständlich behielt er seine Meinung für sich. Es stand ihm nicht zu, Klara den Sohn schlechtzureden. Wann immer er Louis anlässlich Heiligabend oder Klaras Geburtstagen begegnete, fiel es ihm dennoch schwer, auf spitze Bemerkungen zu verzichten, daher sagte er möglichst wenig. Hinzukam, dass er Leute, die mit Markenklamotten und dicken Wagen protzten, verachtete. Für ihn waren solche Statussymbole lediglich der Versuch, über die eigenen charakterlichen Mängel hinwegzutäuschen.

„Eigentlich hasse ich dich“, sprach er seine Gedanken laut aus.

Louis zog verärgert die Brauen zusammen. „Ist wohl nicht der geeignete Moment, um über unsere persönlichen Diskrepanzen zu plaudern.“

„Stimmt“, gab er zu und stand auf. „Ich geh wieder rüber. Im Augenblick können wir eh nichts tun.“

Er verließ das Haus und lief rasch, da er ohne Jacke unterwegs war, hinüber zu seinem. Für den kurzen Weg hatte er nur seine Schuhe gewechselt.