Chromosom XY ungelöst - Christoph Koch - E-Book

Chromosom XY ungelöst E-Book

Christoph Koch

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Beschreibung

Macho oder Memme? Männergruppe oder Motoröl?

Darf ein Mann Feuchtigkeitscreme benutzen und »Germany’s Next Topmodel« gucken? Ist es schlimm, wenn er mehr Schuhe hat als seine Frau – aber keinen Fußballverein? Muss er sein Essen selbst erlegen können, und verlangt die Menschheit nicht geradezu von ihm, dass er weiß, wo der Vergaser sitzt? Was macht in unserer Zeit einen Mann aus – sind es immer noch Motoren, Muskeln, Mackertum?

Christoph Koch hat sich seinem eigenen Rollenverständnis gestellt und sich gefragt, ob er als moderner Mann nicht eine Menge verpasst. Er ist in den Boxring gestiegen, hat als Cowboy Rinder über die Prärie getrieben, er ist bei Eiseskälte durch Schlamm gerobbt und zum Fußball gegangen. Er hat Hugh Hefner um Rat gefragt und sich von Fußballtrainer Winnie Schäfer zeigen lassen, wie man auf den Fingern pfeift. Ob er sich danach irgendwie … männlicher fühlte?

Kochs neuer Selbstversuch: Es geht an seine Männlichkeit!

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Seitenzahl: 363

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Christoph Koch

Chromosom XY ungelöst

Von einem, der auszog, ein echter Kerl zu werden

1. Auflage

Originalausgabe © 2013 by Christoph Koch / Blanvalet Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-08887-3www.blanvalet.de

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1: Fußball

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 2: Richtiger Fußball

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 3: Boxen

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 4: Rangertraining

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 5: Männergerüche

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 6: Highland Games

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 7: Angeln

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 8: Motoren

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 9: Cowboys

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 10: Barkley-Marathon

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 11: Hugh Hefner

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 12: Aufreißer

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 13: Stadionbesuch

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Kapitel 14: Schlammlauf

Dinge, die ein erwachsener Mann niemals tun sollte

Fazit

Anhang: Mutproben für echte Kerle

Wie Sie diesem Buch helfen können

Danksagung

Hinweis

Literaturverzeichnis

Einleitung

»Als du geboren wurdest, stand ich mit deinem Vater auf dem Dach unseres Hauses und habe die Fernsehantenne aufgebaut.« Ich weiß nicht, wie oft ich diese Geschichte von meinem Großvater erzählt bekommen habe, bestimmt dutzendfach. »Es war ein Samstag, und die Sonne schien so warm, dass wir im Unterhemd arbeiten konnten – obwohl es Dezember war«, fuhr mein Großvater jedes Mal fort. Irgendwann habe das Telefon geklingelt, meine Großmutter sei aus dem Haus gekommen und habe nach oben gerufen, dass ich jetzt auf der Welt sei. Dann seien sie vom Dach gestiegen und zum Krankenhaus gefahren.

Ich mochte die Geschichte immer gerne und nahm nie Anstoß daran, dass die Installation einer Fernsehantenne meinem Vater scheinbar wichtiger war als die persönliche Anwesenheit bei meiner Geburt. Das war damals wahrscheinlich einfach so: Männer in Unterhemden machten Dinge auf Dächern fest und fluchten dabei. Frauen in Nachthemden lagen in Kreißsälen, gebaren und fluchten dabei. Eine klare Rollenverteilung, eine heile Welt, in der die Sonne schien – sogar im Dezember.

Ich muss an die Geschichte von der Fernsehantenne denken, als ich die matt schimmernde Urne betrachte, in der sich die Asche meines Großvaters befindet. Draußen vor der Aussegnungshalle fällt Schneeregen auf den Friedhof. Es hat mich immer mit einem seltsamen Stolz erfüllt, dass sich mein Großvater so gerne und genau an den Moment erinnerte, an dem ich diese Welt betrat. Und nun, über dreißig Jahre später, hat er sie verlassen – nach einem reichen, fast hundert Jahre langen Leben. Es war das Leben eines Mannes, der als uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, im Krieg dem Tod ins Auge blickte und der zu Fuß als Besiegter in sein Heimatdorf zurückschlich. Der eine Familie durch die mageren Nachkriegsjahre brachte, eine Firma aufbaute und ein Haus errichtete. Es gibt alte Fotos von ihm: hoch zu Ross in Uniform oder hinter seinem Schreibtisch, eine dicke Zigarre im Mund und einen Füllfederhalter in der Hand. Bilder aus der Zeit vor der Fernsehantenne, vor mir. In meiner Erinnerung ist er immer schon der Pensionär, der sich und meiner Großmutter einen Wohnwagen kaufte, mit dem sie sechs Monate im Jahr die Welt bereisten, von Nordafrika bis ans Nordkap, von Gibraltar bis in den Ural. »Nur nie nach England«, wie er sagte. Ich weiß nicht, ob wegen des Linksverkehrs oder wegen des Kriegs. Vielleicht auch nur wegen des Essens.

Jede Reise wurde minutiös geplant und nach der Rückkehr auf einer großen Landkarte eingezeichnet, die ich im oberen Stockwerk seines Hauses ehrfürchtig bestaunte. Ich hatte immer großen Respekt vor dem großen, stämmigen Mann, dem die Reisesonne eine Bräune verliehen hatte, die auch im Winter nie ganz schwand. Mein Großvater war ein Mann, der eine Meinung hatte und es liebte, diese lautstark zu verteidigen, wenn jemand sie nicht teilte. Der beim Skatspielen die Karten auf den Tisch drosch, dass man dachte, das Haus stürzte zusammen – und der gleichzeitig auch Jahrzehnte nach seiner Schulausbildung immer noch Altgriechisch und Latein beherrschte und menschliches Lexikon und Reiseführer in einem war. Sagen wir es so: Hätte mein Großvater es noch geschafft, sich für das Internet zu begeistern, wäre die deutschsprachige Wikipedia heute vermutlich doppelt so umfangreich und dreimal so gut. Bis auf die Artikel über England.

Mein Großvater war zwei Drittel seines Lebens ein Patriarch, wie er im Buche steht. Aber am Tag seiner Pensionierung ging er in die Küche, in der meine Großmutter jahrzehntelang für die gesamte Familie geschuftet hatte, bedankte sich bei ihr und machte in den letzten dreißig Jahren ihres gemeinsamen Lebens jeden Tag das Essen für sie beide.

Als die Trauergesellschaft aus der Aussegnungshalle nach draußen tritt, kann ich nicht anders, als mein Leben mit dem meines Großvaters zu vergleichen. Ich bin froh, dass ich nie auch nur in die Nähe eines Krieges gekommen bin – und ich weiß sehr wohl, dass es keine feindlichen Soldaten bräuchte, um mich umzubringen. Ich würde schon den vierwöchigen Fußmarsch durch Deutschland nicht überstehen, den mein Großvater dem Krieg, den er überlebt hatte, sozusagen noch als Bonus hinzufügte. Er ernährte eine große Familie und gab ihr ein Zuhause. Ich falle schon in Ohnmacht, wenn ich meine Kreditkartenabrechnung sehe, und das Letzte, was ich »gebaut« habe, war ein Joint, als ich noch in einem Studentenwohnheim lebte, für dessen Miete damals wiederum meine Eltern aufkamen. Während mein Großvater mit einer Landkarte auf den Knien einen Wohnwagen bis ans Nordkap lenkte, habe ich Mühe, ohne Navigationssystem zum Supermarkt zu finden. Als meine Großeltern mit Mitte achtzig irgendwann zu alt waren, um den Wohnwagen durch Ostanatolien zu steuern, verkauften sie ihn von einem Tag auf den anderen. Obwohl ich weiß, dass dies ein sehr trauriger Moment in ihrem Leben war, habe ich sie nicht ein einziges Mal darüber klagen hören. Wenn mich hingegen nach einer Kneipentour am nächsten Morgen verdiente Kopfschmerzen plagen, jammere und wehklage ich mindestens einen halben Tag lang darüber, wie viel besser ich solche Exzesse früher verkraftet habe, wie ungerecht das alles sei und dass mein Leben sowieso und unwiderruflich zu Ende gehe. Jetzt und hier, vor dieser Kloschüssel.

Während mein Großvater die Ilias in Originalsprache und rückwärts hätte aufsagen können und zu jedem Museum zwischen Thessaloniki und Reykjavík etwas zu erzählen gehabt hätte, muss ich im Internet nachschlagen, wie man Reykjavík überhaupt schreibt. Und was die Fernsehantenne auf dem Dach betrifft? Sagen wir es so: Mir wird bereits schwindlig, wenn ich auf einen Stuhl steigen soll, um eine Glühbirne zu wechseln.

Kurz zusammengefasst: Auf der Beerdigung meines Großvaters bin ich nicht nur traurig, ihn verloren zu haben, sondern auch darüber, dass ich als Mann im Vergleich zu ihm so schlecht abschneide.

In den folgenden Wochen und Monaten lässt mir dieser Gedanke keine Ruhe. Überall entdecke ich Beweise für meine Unzulänglichkeit als Mann. So stelle ich beispielsweise fest, dass ich mehr Schuhe besitze als meine Frau – aber keine Bohrmaschine. Ich benutze Conditioner für meine Haare und Feuchtigkeitscreme für meine Haut, habe aber keine Ahnung, wie ein Auto funktioniert. Statt Formel-1-Rennen oder Dokumentationen über Panzer schaue ich lieber »Germany’s Next Topmodel« oder Krankenhausserien wie »Grey’s Anatomy« im Fernsehen. Ich koche gerne, oft sogar vegetarisch, ahne aber, dass ich in der freien Natur nicht länger als vierundzwanzig Stunden überleben würde – es sei denn, es gäbe in der freien Natur so etwas wie einen Starbucks.

Natürlich ist mir klar, dass das traditionelle Männerbild vom einsamen Cowboy, der am Lagerfeuer an einer rohen Rehkeule nagt, am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts endgültig überholt ist. Das Konzept vom »modernen Mann« ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Jungs dürfen mit Puppen spielen, Männer zur Maniküre gehen. Fleisch zu essen ist nicht nur ungesund, sondern auch moralisch verpönt und macht dick – der moderne Mann achtet schließlich auf seine Figur und trinkt Coke Zero. Er hat gelernt zuzuhören und seine Gefühle zuzulassen und hat verstanden, dass Frauen gute Piloten sein können und Männer gute Kindergärtner.

Trotzdem ist den Männern zwischen fünfzehn und fünfzig eine große Unsicherheit anzumerken. Das geht bei kleinen Fragen los: Ist es höflich, einer Frau die Tür aufzuhalten – oder inzwischen hoffnungslos veraltet, gönnerhaft, überheblich? Es nagt bei den mittelgroßen Fragen: Ist es Aufgabe des Mannes, beim Flirt den ersten Schritt zu machen – oder begibt man sich in die Gefahr, ein unerwünschter Brüderle zu werden? Bei den ganz großen Fragen schließlich herrscht völlige Ratlosigkeit: Wie will ich als Mann leben? Was macht meine männliche Identität aus? Wie sieht meine Rolle aus in einer Welt, die viele traditionell männliche Eigenheiten abgeschafft oder entwertet hat?

Auf den harten »Bestimmer-Mann«, der die letzten Jahrhunderte die Macht innehatte und keinerlei Schwäche zeigen konnte oder wollte, folgte in den Siebziger- und Achtzigerjahren der verständnisvollere und zartere »Softie«. Der in Männergruppen über seine Gefühle sprach, Gewalt ablehnte und die Natur als etwas betrachtete, das man zu ehren und zu respektieren hatte, anstatt es sich untertan zu machen. Abgesehen davon, dass viel über die unterschiedlich verlaufenden Orgasmuskurven von Mann und Frau diskutiert wurde, galt zu Zeiten des Softies die Prämisse, dass es im Grunde keine Unterschiede zwischen Mann und Frau gebe.

Der Mann von heute ahnt, dass beide Extreme – der mürrische Macho, der seiner Frau Haushaltsgeld gibt, nachdem er sie geohrfeigt hat, aber auch der gefühlsduselige Softie, der die Schuld bei sich sucht, wenn seine Frau mit dem Yogalehrer durchbrennt – Irrwege waren. Doch ein neues Rollenbild ist nicht in Sicht. Oder besser gesagt: Es gibt so viele unterschiedliche und widersprüchliche Entwürfe, dass einem Mann der Kopf schwirrt, noch bevor der erste Schnaps getrunken ist. Da ist der Metrosexuelle, der sich die Augenbrauen zupft und sein ganzes Geld für Designerklamotten ausgibt. Da ist der ewig Jugendliche, der mit dem Skateboard ins Büro fährt, eine unverbindliche Beziehung pflegt und abends auf der PlayStation spielt. Da ist der Bodybuilder, der sich auf seine perfekt ausdefinierten Muskeln konzentriert, bis er eine Essstörung entwickelt.

»Der Mann hat seine Identität verloren«, schreiben die Brüder Andreas und Stephan Lebert in ihrem Buch »Anleitung zum Männlichsein«: »Die alten Bilder – Jäger, Cowboy, Ritter – hat er der Lächerlichkeit preisgegeben, neue hat er nicht entworfen.« Traurig, aber wahr.

Vor rund dreißig Jahren sang Herbert Grönemeyer über die Spezies Mann: »Männer haben Muskeln / Männer sind furchtbar stark / Männer können alles / Männer kriegen ’nen Herzinfarkt / Männer sind einsame Streiter / Müssen durch jede Wand, müssen immer weiter«. Männer – so die Hymne, die den nuschelnden Bochumer über Nacht bekannt machte – kauften einerseits Frauen, standen ständig unter Strom und bauten Raketen. Andererseits waren sie aber nur außen hart, innen waren sie ganz weich, brauchten viel Zärtlichkeit und bekamen dünnes Haar. Schon damals herrschte also Verwirrung darüber, was einen Mann nun zum Mann machte. Verglichen mit der heutigen Orientierungslosigkeit wirkt Grönemeyers Lied jedoch wie ein Manifest der Selbstsicherheit.

Die moderne Version des Liedes heißt »Supermänner« und ist ein Gemeinschaftsprojekt der Band »Sportfreunde Stiller« mit den Münchner Rappern »Blumentopf«: »Wir posieren in Posen, sind sensible Mimosen / Stehen unter Strom, arbeiten an Rechnern, spielen an Konsolen«, heißt es dort über die Männer von heute. Und abgesehen davon, dass Herbert Grönemeyer bei einer Zeile wie »Wir posieren in Posen« vermutlich noch einmal zum Synonymwörterbuch gegriffen hätte, wird klar, dass so gar nicht klar ist, was den Mann von heute eigentlich ausmacht: »Wir sind die frommsten Lämmer, verkrachte Penner, Gefühlsverklemmer, der kleinste gemeinsame Nenner. Wir sind Männer!«

Doch während in dem Lied die Männlichkeit wenigstens noch beschworen wird, sehen sie andere schon auf dem Weg ins Abseits: In ihrem Buch »Das Ende der Männer« beschreibt die US-Autorin Hanna Rosin, wie Männer in unserer postindustriellen Gesellschaft nach und nach überflüssig werden. Frauen haben es geschafft, in traditionellen Männerberufen Fuß zu fassen und die ehemals männlich dominierten Chefetagen zu besetzen, schreibt sie. Sechzig Prozent aller Uniabsolventen in den USA seien inzwischen weiblich. Den Männern sei es dagegen nicht gelungen, von nach und nach wegfallenden Jobs in klassischen Männerindustrien wie der Bau- oder Automobilbranche in zukunftsträchtigere Felder zu wechseln, wie die bislang von Frauen dominierten Pflege- oder Lehrberufe. In immer mehr Familien, so Rosin, sei deshalb der Mann nicht mehr der Ernährer, sondern sitze arbeitslos zu Hause, während die Frau das Geld verdiene.

Zwei andere Debatten zum Thema Männlichkeit wurden kürzlich von Journalistinnen ausgelöst: Die Zeit-Autorin Nina Pauer beklagte sich unter dem Titel »Die Schmerzensmänner« verkürzt gesagt darüber, dass der moderne Mann lieber einen Vollbart trage und weinerliche Musik höre, als Frauen in Bars anzumachen. Zu vergrübelt sei er, zu unsicher, zu verkorkst. Einige Monate später beklagte sich die Stern-Journalistin Laura Himmelreich ausgerechnet darüber, in einer Bar angemacht worden zu sein – und zwar vom mutmaßlich angetrunkenen FDP-Politiker Rainer Brüderle mit Sätzen wie: »Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.« Sicherlich unangenehm, gar keine Frage. Ich glaube nicht, dass Rainer Brüderle den Schmerzensmänner-Artikel gelesen und sich gesagt hat: »Runter mit dem Zottelbart, Schluss mit dem traurigen Falsettgesang von Bon Iver und der ewigen Zörgerlichkeit – heute Abend an der Hotelbar wird entscheidungsfreudig eine Attacke nach der anderen auf jede Frau geritten, die nicht bei drei ihr Pfefferspray gezückt hat!« Trotzdem zeigt sich, dass die Erwartungshaltung an Männer diffuser ist als je zuvor – und dass die beiden alten Modelle nicht mehr funktionieren: weder der zögerliche Softie, der so lange in sich hineinhorcht und seinen Gefühlen nachspürt, bis die Frau gelangweilt auf dem Barhocker eingeschlafen ist, noch der alte Patriarch, der glaubt, weil er einen mittelwichtigen Posten bekleidet, mit glasigem Blick und Weinfest-Vokabular junge Frauen entkleiden zu dürfen. Es ist einerseits begrüßenswert, dass Männer heutzutage auch traurige Musik hören statt wie früher immer nur Heavy Metal oder Motorsägengeräusche und dass eine dämliche Dirndl-Anmache von Männern, die sich an ihrer eigenen Macht berauschen, abgestraft wird. Aber allein die Tatsache, dass diese Diskussionen über die Rolle des Mannes – sei es bei Hanna Rosins Arbeitsmarktanalysen, bei Nina Pauers Kritik an den Schmerzensmännern oder bei der Brüderle-Diskussion – fast immer von Frauen angestoßen werden, zeigt, wie wenig sich der Mann von heute noch traut, seine eigene Rolle zu definieren.

Doch was ist überhaupt Männlichkeit, abgesehen von Überall-einschlafen-Können, Auf-dem-Klo-Lesen und Nur-höchst-widerwillig-nach-dem-Weg-Fragen? Der Männerforscher Walter Hollstein definiert es als »eine über Jahrhunderte und Jahrtausende tradierte gesellschaftliche Festlegung von spezifischen Werten, Verhaltensweisen und Überzeugungen, die durch eine vielschichtige Dynamik von Institutionen wirkt: Familie, Schule, Ausbildung, Arbeit, Militär, Religion, Sport, Massenmedien und soziale Beziehungen«. Männlichkeit ist nicht statisch, sondern unterliegt einem Wandel, einer Dynamik. Aktuell kann man dies sehr gut im Bereich der Männerkosmetik beurteilen. Während sich die Männer vor zwanzig Jahren allenfalls ein herbes Aftershave ins Gesicht patschten, wenn es nach dem Rasieren wieder einmal brannte, werden die Regalmeter, auf denen speziell für Männer entwickelte Kosmetikprodukte stehen, immer mehr. Der Umsatz für Damenkosmetik stagniert auf hohem Niveau, bei Männern liegt die Umsatzsteigerung von Beauty- und Pflegeartikeln in manchen Jahren bei 300 Prozent. »900 Millionen Euro haben die deutschen Männer 2009 für Gesichtspflege, Aftershaves, Haarstyling und Parfum ausgegeben«, schreibt die Süddeutsche Zeitung. »Bereits jeder sechste benutzt Anti-Aging-Produkte. Fragt man Marketing-Experten, ob das Potenzial nicht allmählich ausgeschöpft sei, kommt entsetzter Widerspruch: wie bitte? Dies sei erst der Anfang.«

Doch auch wenn sich manche Dinge wandeln, manche Männerbraue gezupft und manche Männerstirn gebotoxt wird – unser Bild von Maskulinität ist nicht völlig flexibel: »Jeder Mann muss seine eigene Lebensweise von Männlichkeit finden, verändern und immer wieder neu interpretieren«, schreibt Hollstein in »Was vom Manne übrig blieb«. »Der individuelle Freiheitsgrad ist aber durch die Tradition eingeschränkt.«

Ich möchte mich in diesem Buch auf meine individuelle Suche nach der Männlichkeit begeben. Ich möchte prüfen, welche Bestandteile der traditionellen Männerrolle nach wie vor wertvoll und wichtig sind – aber womöglich voreilig über Bord geworfen wurden. Ich möchte nachsehen, ob mein Standpunkt, alles Männliche als veraltet abzutun und mich ironisch drüber lustig zu machen, zu bequem war. Vielleicht habe ich all die Jahre etwas verpasst. Denn ich habe mich oft genug absichtlich gegen alles entschieden, was mir als »typischer Mackerquatsch« vorkam, weil mir das Konzept Männlichkeit insgesamt albern und lächerlich erschien. Ich war durchaus zufrieden damit, nicht mit einem Kreuzbandriss vom Fußballplatz zu humpeln, weil irgendein gegnerischer Verteidiger sich verschätzt hatte. Ich war stolz darauf, dass niemand in meinem Freundeskreis zur Bundeswehr ging. Und ich war froh darüber, dass es in meinem Zivildienstlehrgang auch Teilnehmer gab, die lieber lesen und zusammen Musik hören und Gitarre spielen wollten, als mit dem Zug in die nächste Stadt zu fahren, um dort in den Puff zu gehen. Ich fand alleine schon den Begriff Puff eine Zumutung.

Für eine ähnliche Zumutung hielt ich jahrzehntelang Weizenbier. Nicht wegen des Geschmacks, den ich gar nicht kannte – sondern weil mir Weizenbier in seiner Waldemar-Hartmann-haften Schnauzbärtigkeit schon allein aus Imagegründen zuwider war. Jemand, der Weizenbier trank, so meine stalinistische Getränkeideologie, konnte unmöglich mein Freund sein. Männer, die Rituale wie Sportschau, Bankdrücken oder Gespräche über Hubraum pflegten, waren für mich arme Würstchen, die so etwas nötig hatten, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Dass ich mich meiner selbst vergewisserte, indem ich viel Zeit in die Suche nach dem richtigen Friseur investierte, unlesbare Kurzgeschichten schrieb und Jamie Oliver im Fernsehen zusah, wie er »ein himmlisches Risotto« zubereitete, schien mir weniger fragwürdig.

Doch wie wird man von einer Weizenbier verachtenden Memme mit gut sitzender Frisur zu einem echten Mann? Reicht es schon, den Fernseher umzuschalten und statt Jamie Oliver Monstertruck-Rennen anzusehen? Den feinen Kaschmir-Sweater gegen ein kariertes Flanellhemd auszutauschen und ein bisschen öfter zu rülpsen? Was kann der Mann heutzutage überhaupt noch tun, um sich als Mann zu beweisen, fragt sich auch Hans Pleschinski in seinem Essay »Hier lebt der Mann«: »Reinhold Messner auf den K2 nachsteigen? Einen neuen Erdteil entdecken, den es nicht mehr gibt? Mit seinem Ford Escort sämtliche anderen Ford Escorts überholen? Oder lieber gleich nur, bescheiden, jeden Morgen den Müll zum Container hinuntertragen?«

Ich stelle mir ein Programm zusammen, das einige Eckpunkte beinhaltet, ohne die es meiner Meinung nach nicht geht: Fußball, Motoren, Waffen. Natur erleben, Angst aushalten, Werkzeug benutzen. Ich will das alte Männerbild des Jägers ebenso unter die Lupe nehmen wie das des Kriegers. Ich will lernen, wie man auf Fingern pfeift und wie man sich prügelt. Ich will Männer kennenlernen, die einen Weg gefunden haben, als echter Mann zu leben, ohne zu einem Klischee zu verkommen. Ich will in eine Welt eintauchen, die mir bislang verborgen geblieben ist. Ich will an ferne Orte reisen, dort etwas über Männlichkeit lernen – und danach besten Gewissens alle Quittungen bei der Steuer einreichen. Irgendwo muss sich das Verlassen der Komfortzone in Form meines Sofas ja auch lohnen.

Ich will aber auch mindestens ein Mal aus vollem Herzen fluchen, mein Männlichkeitsprojekt verwünschen und mir denken: »Scheißidee!« Ich will meine Grenzen kennenlernen – denn einen Feind der Männlichkeit glaube ich bereits identifiziert zu haben: die Bequemlichkeit.

Neben all den Dingen, die ich unternehmen will – Cowboy sein, Fußballfan werden, Tiere erlegen –, möchte ich aber auch männlicher werden, und zwar durch eine Sache, die ich unterlasse: Geld für Kleidung und Schuhe ausgeben. Laut einer Statistik, von der mir eine Freundin erzählte, die in der Modebranche arbeitet, könnten Frauen im Durchschnitt noch fünfunddreißig Jahre lang hervorragend angezogen durchs Leben gehen, wenn sie von einem Tag auf den anderen aufhören würden, Kleidung zu kaufen. Erst nach fünfunddreißig Jahren wäre das, was sie bereits besitzen, aufgetragen. Bei Männern liege die durchschnittliche Zeitspanne immer noch bei über zwanzig Jahren. Ein Blick in meinen Kleiderschrank verrät mir, dass ich vermutlich zweihundert werden könnte und immer noch genügend rosa Polohemden und Hosen mit Bügelfalte besitzen würde, um einwandfrei gekleidet aus dem Haus zu gehen und in der nächsten Kneipe mit Bundesliga-Liveübertragung als »Schwuchtel« beschimpft zu werden.

Mein Männerprojekt beginnt also mit dem Schwur, bis zur Fertigstellung des Buches keine Klamotten und keine Schuhe zu kaufen. Für jeden normalen Mann wäre so ein Vorsatz natürlich ein Witz und nicht der Rede wert – aber ein normaler Mann hat in seinen Online-Lesezeichen vermutlich auch keinen eigenen Ordner für Shopping-Webseiten. Und wenn doch, dann ist dieser Ordner nur Tarnung für seine Sammlung von Internetpornos.

Noch eine Warnung zum Geleit: Dieses Buch ist kein Sammelsurium von skurrilem Männerwissen à la »Wie lande ich eine Boeing 747?« oder »Wie verjage ich einen angreifenden Puma?«. Es gibt nichts Unmännlicheres als solche Bücher. Ich muss das wissen – ich habe ungefähr zwanzig davon zu Hause. Dieses Buch behandelt auch nicht »Heliskiing am Nordpol und andere extravagante Dinge, mit denen Millionäre zu Hause angeben, während sie das Au-pair-Mädchen befummeln«. Zum einen geht es mir weniger darum, einen Weltrekord im Männlichsein aufzustellen. Ich will einfach nur gerne den Weltrekord im Weicheisein an jemand anderen abtreten. Zum anderen konnte ich meine Frau Jessica noch nicht davon überzeugen, dass wir dringend ein Au-pair-Mädchen brauchen. (Vielleicht trage ich den Weichei-Weltrekord also zu Recht.)

Dies ist auch kein Buch, in dem mit »den Frauen« abgerechnet werden soll. In dem darüber geklagt wird, dass die Emanzipation viel zu weit gegangen ist, dass Väter seltener das Sorgerecht bekommen oder dass Männer statistisch viel früher sterben als Frauen. Auch von diesen Büchern gibt es bereits genügend. Das Mannsein, nach dem ich suche, definiert sich nicht in einer Gegnerschaft zur Frau.1Es soll nicht darum gehen, wer besser einparken kann oder besser zuhören. Natürlich kann und muss man einen Teil von Männlichkeit auch über die Abgrenzung zum Weiblichen definieren – aber mindestens ebenso wichtig ist eine zweite Abgrenzung: Wer ein Mann sein will, kann kein Junge mehr sein.

Vieles von dem, was mich und meine Mitmemmen davon abhält, echte Kerle zu sein, hat damit zu tun, dass wir nicht erwachsen werden wollen. Dass wir uns in einer ewig jugendlichen Welt eingerichtet haben, in der man oft auch noch im Alter von vierzig Jahren damit davonkommt, Turnschuhe zu tragen und sich keine Krawatte binden zu können. Es ist sehr angenehm in dieser Welt, weil nichts wirklich ernst ist, nichts ein tatsächliches Gewicht hat. Für alles gibt es einen ironischen Dreh – und wenn jemand von »Ehre«, »Mut« oder »Verantwortung« spricht, kann man mit den Augen rollen und sagen: »Schon klar.« Aber so wie man aus dem ausgebauten Speicher oder Keller des elterlichen Hauses irgendwann ausziehen muss, auch wenn es dort noch so bequem ist – so muss man auch aus dieser distanziert-ironischen Turnschuhwelt irgendwann aufbrechen.

Ich freue mich auf das Experiment – vielleicht habe ich ja wirklich mein Leben lang etwas verpasst. Aber ich habe auch Angst vor dem, was mich erwartet. Womöglich ist es gar nicht so einfach, sich für oder gegen einen männlichen Lebensstil zu entscheiden. Am Ende habe ich tatsächlich nicht das Zeug dazu, ein echter Kerl zu sein, und die Männerwelt spuckt mich schneller wieder aus als ein Cowboy seinen Kautabak. Aber ich muss es zumindest versuchen, denke ich mir. Das bin ich meinem Großvater schuldig.

Möge er mich im Geiste auf meiner Reise begleiten, durch welches Jenseits auch immer er gerade gemeinsam mit meiner Großmutter den Wohnwagen steuert.

1 Mir ist trotzdem bewusst, dass dieses Buch ganz klar aus der Perspektive einer heterosexuellen Beziehung heraus geschrieben ist und dass homosexuelle Männer unter Umständen in manchen Dingen andere Ansichten zum Thema Männlichkeit haben.

Kapitel 1: Fußball

… in dem ich mir einen Verein suchen lasse, ungewollt alles über die Gefühlswelt der Fußballtrainer erfahre und mit meinem Smartphone über die Existenz von Augsburg streite

Es gibt viele Dinge, die mich von einem echten Kerl unterscheiden. Das vielleicht offensichtlichste ist mein geringes Interesse für Fußball. Wobei »gering« noch untertrieben ist. In etwa so, als behaupte man, der Anteil an lila Außerirdischen im Deutschen Bundestag sei »gering«. Präziser müsste man also sagen: Ich interessiere mich genau null für Fußball. Ich bin gewissermaßen der Champions-League-Sieger der Fußball-Ignoranten, der Spitzenreiter der Ewigen Tabelle der Fußball-Egalos.

Dabei habe ich mich gar nicht einmal mein ganzes Leben lang nicht für Fußball interessiert. Als kleiner Junge saß ich auf dem Schoß meines Vaters, wenn er am Wochenende die Sportschau guckte. Ich war noch zu klein, um »Borussia Mönchengladbach« aussprechen zu können, die damals – manche werden sich erinnern – eine Macht im deutschen Fußball darstellten. Also sagte ich bei jedem Spiel: »Ich bin für die Weißen« – oder für die Roten oder die Blauen, je nachdem, welche Farben auf unserem Röhrenfernseher eben gegeneinander antraten. Am Ende freute ich mich, wenn die Farbe, der ich meine kleinen Daumen gedrückt hatte, gewann. Doch selbst wenn sie nicht gewann, war ich nicht traurig. Denn nicht viel später, das wusste mein fernsehbesessener Kinderkopf, kamen die Lottozahlen, und da sagte der Mann im Fernseher stets: »Wie immer ohne Gewähr«, und ich kicherte, stupste meinen Vater an und sagte: »Und ohne Pistole.«

Als ich älter wurde, konnte ich zwar »Borussia Mönchengladbach« fehlerfrei aussprechen; gleichzeitig versank die Mannschaft in der Bedeutungslosigkeit. Mir war das egal, ich war inzwischen Fan von Karl-Heinz Rummenigge, besaß Frottee-Fußballbettwäsche und klebte Panini-Bilder in ein Sammelalbum.2 Ich kannte alle Mannschaftsaufstellungen, sämtliche Spielergebnisse und den zweiten Vornamen des Torwarttrainers. Fußball war das Ding, da gab es nichts zu rütteln.

Im Lauf der Pubertät änderte sich dies jedoch, als plötzlich Punkrock, Mädchenbrüste und Apfelkorn wichtiger wurden – wenn auch in sehr ungleicher Verteilung. Apfelkorn, Bands mit Namen wie »Abstürzende Brieftauben« und Platten mit Titeln wie »Bier-Vampir« waren Realität, Mädchenbrüste existierten eher als eine vage Idee. Als etwas, das es vermutlich irgendwo da draußen geben musste. So munkelte man. Fußball galt mir und meiner damaligen Halbstarkenclique als »spießig« und »reaktionär«. Letzteres hatte ich mal von einem gut aussehenden Mädchen aufgeschnappt, das über diese mysteriösen Dinger namens Brüste verfügte. Nicht dass ich diesen je nahe gekommen wäre, aber ich lauschte beflissen ihren Ausführungen zu reaktionären Strukturen und dergleichen.

Irgendwann hängte Karl-Heinz Rummenigge seine Fußballschuhe an den Nagel, ich kannte die neuen Spielernamen nicht mehr und wusste irgendwann nicht einmal mehr, welche Vereine in der Bundesliga und welche in der Regionalliga spielten. Der Fußball ging mir auf dem Weg zum Erwachsenwerden verloren. Oder ich ihm?

Wenn ich jetzt, ein Vierteljahrhundert später, durch eine extrem unwahrscheinliche Verkettung von Zufällen einmal ein Fußballspiel im Fernsehen sehe, bin ich wieder auf dem Stand eines Fünfjährigen: Ich sehe Männchen über eine grüne Fläche wuseln und denke mir: »Ich bin für die Weißen.« Und freue mich, wenn nach den Lottozahlen der Spruch mit dem Gewehr kommt.

Selbst Frau Knapp, eine alte Dame, die ich ehrenamtlich alle zwei Wochen im Seniorenheim besuche, kennt sich besser mit Fußball aus als ich. »Und? Wat sangse zu den Bayern?«, fragt sie mich, während ich sie in ihrem Rollstuhl zum Imbiss schiebe, um ihr dort in einem fest etablierten Ritual ein halbes Hähnchen zu kaufen. Frau Knapp liebt – obwohl urberlinigste Urberlinerin, die es gibt – die Bayern. Mit ein bisschen Glück habe ich daran gedacht und in der Trambahn auf dem Weg zu ihr noch schnell die Bundesliga-Ergebnisse vom letzten Wochenende nachgesehen. Dann kann ich auf ihre Bayern-Frage Sachen sagen wie: »Na, die haben den Schalkern das Fell ja ganz schön über die Ohren gezogen.« Wenn ich es aber vergessen habe, in letzter Minute meine Konversationshausaufgaben zu machen, bleibt mir nur eine nebulöse Phrase wie: »Ja, meine Güte, das war ja kaum zu glauben, oder?« – die alles heißen kann. Ebenfalls als Ausflucht bewährt hat sich die rhetorische Frage: »Na, was soll man dazu sagen?«

Sobald die Bayern abgehandelt sind, möchte Frau Knapp über Hertha BSC reden. Die findet sie nicht annähernd so gut wie die Bayern, fühlt sich ihnen aber zumindest lokalpatriotisch verbunden. »Gurkentruppe«, sagt sie gern. Am wenigsten leiden kann sie Borussia Dortmund. »Ich weiß auch nicht, warum, aber die mag ich einfach nicht.«

Ich habe bei meinen ersten Besuchen bei Frau Knapp versucht, ihr vorsichtig klarzumachen, dass mein Fußballwissen für ein echtes Gespräch, das über vier Sekunden hinausgehen soll, nicht ausreicht. Doch so recht scheint Frau Knapp mir das nicht zu glauben. Ein Mann, das steht für sie fest, muss vielleicht nicht viel von Fußball verstehen, aber er muss sich zumindest dafür interessieren.

Vielleicht hat sie ja recht. Wenn in den letzten Jahren während eines Gesprächs unter Männern die Rede auf Fußball kam, war ich von einer Sekunde auf die andere ausgeschlossen – wie durch eine Stahltür, die ins Schloss kracht. Wenn ich mir Mühe gab, konnte ich das Gesagte nach etwa fünf Minuten wenigstens grob entschlüsseln und erkennen, ob es gerade um einen Trainerwechsel bei einem Bundesligaverein ging oder um die neue Freundin eines brasilianischen Spitzenstürmers. Aber selbst das gelang mir nicht immer, sodass ich irgendwann beschloss, gar nicht erst zu versuchen, durch vage Floskeln wie »Ja, ja, total krass!« oder »Auf jeden Fall!« so zu tun, als könnte ich dem Gespräch auch nur im Ansatz folgen. Fußball ist ein Themenfeld, auf dem sich Männer schnell miteinander verbrüdern. Egal wie kurz sie sich kennen und egal ob es sich um Paketboten oder Theaterregisseure, um Reclam-Leser oder RTL-Gucker handelt. Fußballgespräche sind der ultimative Eisbrecher für alle nur halb angenehmen, beruflich steifen Männergespräche. Sie sind der ultimative Gleichmacher, ein sozialer Kitt, der alles zusammenhält – bis auf denjenigen, der nichts von Fußball versteht. Bis auf mich also. Denn es gibt kaum einen enttäuschteren Blick als den eines Mannes, der mit dem Satz konfrontiert wird: »Es tut mir leid, aber ich interessiere mich nicht sonderlich für Fußball.«

Nein, so geht es nicht weiter. Ich muss mein Interesse für Fußball pünktlich zum baldigen Saisonstart neu entfachen. Ich brauche einen Verein. Aber welchen? Die 1. Bundesliga soll es schon sein – wenn schon, denn schon, denke ich mir. Natürlich ist diese Frage schon im Ansatz unmännlich, denn ein echter Mann sucht sich natürlich keinen Verein, er hat einfach einen. Punkt, aus, Ende. Wie eine Narbe, die man sich als Kind beim Schlittenfahren zuzieht, wie ein Spitzname, den man auf dem Pausenhof bekommt, so begleitet einen der Verein ein Leben lang. Man geht gemeinsam durch tiefe Täler und erklimmt die Gipfel des Erfolgs – so verkaufen es einem zumindest die besessenen Fußballfans, wenn man sie fragt, was mit Verlaub der Reiz bei der Sache sei. Aber ich habe nun mal keine solche lebenslange Bindung zu einem bestimmten Verein.

Ich beschließe also, wie ein Profitrainer zu handeln und meine Situation durch ein paar gezielte Einkäufe vor Saisonstart zu verbessern: Ich frage zwei Fußballexperten aus meinem Freundeskreis um Rat. Vielleicht kann ich durch diese angeheuerte Kompetenz wettmachen, was mir aufgrund meiner fußballlosen Biografie fehlt.

Felix ist Sportreporter, Jan ist Sportlehrer, und die beiden sind vermutlich die engagiertesten Fußballgucker, die ich kenne. Ich schildere ihnen meine Situation. Sie versprechen, sich darüber Gedanken zu machen – überraschenderweise ohne mich für meine Bitte zu hänseln. »Grundsätzlich bist du für mich ein klassischer St.-Pauli-Fan«, schreibt Jan ein paar Stunden später per E-Mail. »Die spielen aber nun mal nur zweite Liga und passen somit nicht in deine Erstliga-Vorgabe. Zweite Liga würde aber eigentlich auch besser zu dir passen …« Okay, ganz ohne Spott geht es wohl doch nicht.

»Ich denke, bei dir als gebürtigem Münchner sollte es ein Verein aus dem Süden sein«, schreibt Felix. »Aber nicht der FC Bayern, das wäre ja irgendwie langweilig.« Jan sieht das ähnlich: »Du brauchst einen Verein aus dem Süden. Aber es sollte kein etablierter, erfolgreicher Verein sein, denn du willst ja nicht als Erfolgsfan gelten, der sich nur an der Tabelle orientiert.« Nein, ich brauche einen kleineren Verein, da sind sich beide einig. Einen Verein, über den nicht längst jeder alles weiß. Einen Verein, der »sympathisch rüberkommt, ohne Millionen jongliert, einen Traum verfolgt, ohne Superstars auskommt, mit ehrlicher Arbeit Erfolg hat und für den man ein anerkennendes, überraschtes Nicken erntet, wenn man sich zu ihm bekennt«. Übereinstimmend kommen nach einer Weile beide zu dem Ergebnis, dass es für mein neues Leben als Fußballfan nur einen Verein geben kann: den FC Augsburg!

Voller Enthusiasmus und Elan kaufe ich mir im Zeitschriftenkiosk die Bundesliga-Sonderhefte von Kicker und 11 Freunde. Beide sind in etwa so dick wie das Telefonbuch einer mittelgroßen Stadt, das Kicker-Heft ist eher traditionell und voller Fakten, während die Variante der 11 Freunde ein wenig verspielter ist. Statt Fotos der aktuellen Mannschaften werden beispielsweise Aufnahmen aus den Sechzigerjahren gezeigt, neben gängigen Statistiken gibt es auch kuriose Infos. Über Augsburg lerne ich beispielsweise, dass die Fans sich bei der Vereinshymne »Rot-Weiß-Grün« ganze dreiunddreißig Strophen merken müssen. Dreiunddreißig Strophen! So viel konnte ich mir vielleicht früher merken, bevor ich mein Gehirn in der Pubertät durch jahrelangen Apfelkornmissbrauch vernebelt habe! Ich bin mir sicher, dass Felix und Jan das wussten und mir nur deswegen Augsburg ans Herz gelegt haben. Vereinshymnen auswendig zu lernen ist jedoch keinen Deut männlicher, als Gedichte auswendig zu lernen, beschließe ich und setze mich über diese Anforderung, ohne zu zögern, hinweg.

Sowohl 11 Freunde als auch der Kicker haben ein großes Interview mit Dortmunds Trainer Jürgen Klopp geführt; eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass ich in beiden Heften auf den meisten Seiten nur Bahnhof verstehe. Aber irgendwann muss man ja anfangen. Wenn ich jedoch abends noch etwas über das fünfzigjährige Jubiläum der Fußballbundesliga lese, fallen mir die Augen noch schneller zu als sonst.

Ein paar Tage vor Saisonstart treffe ich Felix auf der Straße und erzähle ihm von meinen gewissenhaften Vorbereitungen. »Hast du denn das DFB-Pokalspiel gestern gar nicht geguckt?«, will er wissen. Verdammt, den vermaledeiten Pokal gibt es ja auch noch! Ich habe mir zwar alle Bundesligaspiele von Augsburg in den Kalender eingetragen, aber den DFB-Pokal natürlich vergessen. Das geht ja gut los.

»Und? Gegen wen spielen deine Augsburger heute?«, fragt mich meine Frau Jessica, als es schließlich so weit ist und der erste Spieltag der Bundesligasaison ansteht. Der erste Tag meiner ersten Saison als brandneuer Augsburg-Fan! Mein Verein, dem meine ganze Leidenschaft, meine ganze Aufmerksamkeit gilt und der heute gegen … ja, gegen wen noch mal spielt? Ich habe es in den letzten Wochen Dutzende Male gelesen und trotzdem schon wieder vergessen. So wie es manche Leute gibt, die Stein und Bein darauf schwören, kein Mathe zu können, kann ich mir scheinbar keine Vereins- oder Spielernamen merken. Das merke ich auch, als ich mich nachmittags vor den Computer setze, um mir den Bundesliga-Liveticker anzusehen. Für ein Sky-Abo bin ich trotz meines harten Kurses in Richtung Männlichkeit zu geizig, und das Vergnügen, mir das Spiel in einer Sportkneipe oder im Stadion anzusehen, will ich mir für später aufheben. Die Saison ist ja lang, und es muss schließlich auch noch Luft nach oben sein.

Während ich den Liveticker lese, macht sich meine Namensschwäche jedoch besonders bemerkbar: »Bodzek zieht ab«, steht da beispielsweise. Schön und gut – aber wer ist dieser Bodzek? Und vor allem: Für wen zum Teufel spielt er?

Ich lege mir das Bundesliga-Sonderheft neben den Bildschirm und spicke immer mal wieder – hoffentlich wird das im Lauf der Zeit besser, denn wirklich Spaß macht es nicht, auf diese Art Fußball zu schauen.

Vielleicht ist ja die Sportschau am Abend ein größeres Vergnügen. Doch auch hier fühle ich mich wie jemand, der auf einem fremden Planeten gelandet ist und zwar die Sprache versteht, aber nicht immer ihren Sinn: »Bremen müssen wir jetzt ausblenden«, sagt ein Spieler von Preußen Münster zu einem Reporter. Wovon redet der Mann? Wissen die Bremer, was er mit ihrer schönen Stadt vorhat?

Auch bei den Spielberichten bekomme ich schnell das Gefühl, die Kommentatoren wissen genau, dass ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder vor der Sportschau sitze, und reden absichtlich in Rätseln: »Die Mannschaft von Trainer Luhukay war über weite Phasen spielbestimmend«, heißt es. Entschuldigung, aber wie schwer kann es bitte schön sein, den Namen der Mannschaft dazuzunennen?

Ich bin sauer. In meiner Wut fällt mir die Internetseite »Nachrichten Leicht« ein, die Weltnachrichten in sogenannter »leichter Sprache« aufbereitet. Leichte Sprache bedeutet, dass auf komplizierten Satzbau, auf Fremdwörter und auf unverständliche Floskeln, die sich sonst im Nachrichtenbetrieb eingebürgert haben, zugunsten von klaren, kurzen Sätzen verzichtet wird, die leicht verständlich sind. Statt »Kompromiss zur Neuregelung der Agrarsubventionen findet ministerielle Zustimmung« heißt es dann eben: »In Europa bekommen die Bauern Geld von der EU. Dieses Geld soll jetzt anders verteilt werden.« Warum kann es so etwas nicht für Fußball geben? Stattdessen scheint es unter den Sportkommentatoren einen internen Wettbewerb für die absurdesten Synonyme zu geben. Wenn jemand an die Latte schießt, ist das »ein Test für das Aluminium«, und wenn ein Stürmer gleich mehrere Gegner ausspielt, sagt der Sprecher: »Ja, da schickt er die Verteidiger ins Kino.« Redet in dieser mir fremden Fußballwelt außerhalb von Fernsehstudios wirklich jemand so? Immerhin gibt es noch das Tor des Monats, auch wenn ich die rockige Hintergrundmusik besser in Erinnerung habe und man keine Postkarten mehr an die ARD schicken muss, sondern jetzt im Internet abstimmen kann.

Endlich gibt es eine Werbepause, und ich sehe ein paar mir vertraute Gesichter. Der Jevermann lässt sich in die Düne plumpsen, und Michael Schuhmacher trinkt Mineralwasser in einem Boxstudio. Vermutlich gibt es kein besseres Destillat des Männlichkeitsbilds in einer bestimmten Ära als die Werbeblöcke während der Sportschau. Hier werden natürlich keine Haushaltsprodukte, Kaffeesorten oder Damenbinden beworben, sondern ausschließlich Bier, Autos und andere als männlich geltende Produkte. Wie ist es also um das Männerbild zumindest in den Werbeagenturen der Gegenwart bestellt?

In einem Spot wirbt Fernsehtausendsassa Joko Winterscheidt für ein Elektroauto. Dabei stellt er sich ungeschickt mit einem Fußball an, von dem sich nach ein paar Sekunden herausstellt, dass er an einer Stange festgeklebt ist. Ein unbeholfener wie unbedrohlicher Typ, der sich bewusst lächerlich macht – ist das der neue Mann?

Autor Wolfgang Michal sieht es in seinem Buch »Einsame Klasse« so: Die Rolle des lustigen, unbedrohlichen Tölpels sei als Antwort auf die Frauenbewegung zu verstehen. Das Patentrezept des modernen Mannes: »Werde zum Trottel, werte dich ab, verkleinere dich. Schrumpfe. Sei das Kind im Mann. Mach dich zum Idioten.« Vielleicht hat er recht: Von Stefan Raab über die diversen bis zu Alltagsunfähigkeit angetrottelten Tatort-Kommissare bis zu Joko und Klaas finden sich jedenfalls genügend Zeugen für seine These.

Während ich also die Werbepause genauer analysiere als alle vorangegangenen Fußballspielzüge zusammen, fällt mir noch etwas anderes auf: Überall sieht man Bärte. Stoppelbärte, Dreitagebärte, Vollbärte – egal ob Hornbachs Heimwerker, der smarte Bank-of-Scotland-Jüngling im Cardigan oder der Opel fahrende Kumpeltyp Jürgen Klopp – glatt rasiert hat man als Mann momentan keine Chance mehr. Zumindest nicht im Werbefernsehen. Ich will mich aber gar nicht über die Heile-Welt-Werbespots beschweren, in denen ein Männerleben vor allem im Garten beim Grillen, in der Hobbywerkstatt oder auf malerisch geschwungenen Straßen mit Meerblick stattzufinden scheint. Denn eine männliche Zielgruppe bedeutet auch Werbespots mit deprimierenden Sätzen wie: »Der häufige Harndrang hat mich schon sehr gestört«, oder: »Weniger oft müssen müssen.«

Zum Glück geht es jetzt wieder weiter mit Fußball, endlich ist auch Augsburg dran. Ich springe von der Couch auf und schwenke mangels Fahne ein Geschirrhandtuch.

Augsburg spielt gegen Düsseldorf – ich habe es mir vorgestern auf die Hand geschrieben, damit Jessica nicht völlig den Respekt vor mir verliert, falls sie mich noch mal fragen sollte. Sie fragt natürlich nicht, sondern zeigt nur irgendwann auf meine verschmierte Hand: »Ich glaube, du hast dich angemalt.« Immerhin ein halber Sieg: Meine Frau hält mich nicht für einen Fußball-Ignoranten – lediglich für jemanden, der mit Filzstiften nicht besonders gut umgehen kann.

Augsburg spielt ganz gut, hat nur leider – das kann sogar ich mit meinem eingerosteten Fußballblick erkennen – eine viel zu schlechte Chancenverwertung. Immer wieder sind sie vor dem gegnerischen Tor, und nichts passiert. Düsseldorf hat eine einzige Chance und »macht das Ding rein«, wie ich in möglichst weltmännischem Tonfall kommentiere.

Was mir auffällt: Als ich vor gut zwanzig Jahren zuletzt Fußball geschaut habe, wurde erheblich weniger Trara um den Trainer gemacht. Jetzt gibt es vor jedem Spielbericht eine Analyse der Trainersituation bei den beiden Vereinen, die Kamera zeigt, wie die Trainer auf der Bank Platz nehmen. Nach jedem Tor und jeder vergebenen Chance folgt eine Einstellung, die die Reaktion des Trainers zeigt. Diese Reaktion wird kommentiert (»Da ärgert er sich zu Recht!«, »Ja, es ist wirklich zum Haareraufen, wie man hier sieht«) – beinahe mehr als das Spiel selbst. Das ganze Gerede, Männer würden sich nicht für Gefühle interessieren, ist – wie man bei einer solchen Fußballübertragung schnell sehen kann – kompletter Unsinn. Es wird mehr über Emotionen gesprochen, als wenn drei beste Freundinnen die vierte trösten, die gerade sitzengelassen wurde. Bleibt der Trainer auf der Bank? Springt er auf? Was geht in ihm vor? Was schreit er? Wie gestikuliert er? Mit welcher Miene begrüßt er seinen Rivalen auf der gegnerischen Trainerbank? Kriselt es in der Beziehung zum Vorstand? Die Gefühlswelt des Trainers – so kommt es zumindest jemandem wie mir vor, der immer noch nachschlagen muss, was »indirekter Freistoß« bedeutet – ist zum zentralen Element der Berichterstattung geworden. Die Spieler sind seltener im Bild als früher, die Fans im Stadion so gut wie gar nicht mehr.

Wirklich Spaß macht mir das Fußballschauen bisher nicht. Aber mir bleibt ein kleiner Trost: Angeblich macht es mich klüger. In einer Studie des renommierten Fachjournals »Proceedings of the National Academy of Sciences« wies der Psychologe Sian Beilock nach, dass beim Betrachten von Sportübertragungen nicht nur unser räumliches Denkvermögen, sondern auch unsere Sprachfertigkeit verbessert wird. Eine gute Nachricht also für uns Männer – Fußball schauen ist gut fürs Gehirn. Wobei das vermutlich stark auf die Menge des dabei konsumierten Biers ankommt – und das mit den Sprachfertigkeiten auf die Frage, ob Béla Réthy oder Wolf-Dieter Poschmann moderiert.

Am zweiten Spieltag setze ich statt auf Liveticker im Internet und Sportschau auf die gute alte Konferenzschaltung im Radio. Hier gibt es mehr Stadionatmosphäre, man hört die Zuschauer deutlicher als im Fernsehen. Gleichzeitig fällt die ganze Trainer-Psychologisierung weg, und es wird nicht jedes einzelne langgezogene Gesicht ausführlich analysiert. Mir fällt es dafür schwer, die Stakkatosätze in meinem Kopf in Spielsituationen zu übersetzen. Außerdem wird immer dann zu einer anderen Partie geschaltet, wenn ich das Gefühl habe, einigermaßen kapiert zu haben, wie es bei der gerade kommentierten steht.

Schnell liegt Augsburg schon wieder 0:2 zurück. Immerhin wird mein Verein erneut sehr gelobt: Sie »kämpfen gut« und »halten wacker mit«, aber vorne klappt es einfach nicht. Auch wenn ich mir immer wieder sage, dass echte Vereinsliebe nicht am Ergebnis hängen darf, so ist es doch deutlich einfacher, sich für einen Verein zu begeistern, der seine Gegner vom Platz fegt, als für einen, der nach ein paar Minuten in Rückstand gerät und selbst kein einziges Tor schießt.

Ich überlege, ob ich in Zukunft Geld gegen Augsburg wetten soll. Dann könnte ich mich für meinen Verein freuen, wenn er gewinnt – und bei Niederlagen hätte ich wenigstens einen finanziellen Vorteil. Als ich im Internet nachsehe, stelle ich fest, dass die Quoten, wenn man darauf setzt, dass Augsburg verliert, so bescheiden sind, dass es sich gar nicht lohnt. Scheinbar wetten alle gegen meinen Verein. Da haben mir meine beiden Fußballsachverständigen ja eine ordentliche Prüfung auferlegt.

Am vierten Spieltag versuche ich, mich dem Spiel mit modernster Technik zu nähern. Auf meinem iPhone ist seit letzter Woche Siri installiert, die digitale Assistentin, die man alles fragen kann. Vielleicht kann sie mir in Sachen Augsburg auf die Sprünge helfen. »Soweit ich weiß, spielt der FC Augsburg heute nicht«, sagt Siri, als ich sie nach der Uhrzeit frage, zu der das Spiel losgeht. Ich versuche mein Glück noch mal und spreche laut und deutlich: »Siri, wann spielt der FC Augsburg?« Die roboterhafte Stimme antwortet freundlich: »Diese Mannschaft kenne ich nicht.«

Probeweise frage ich nach dem FC Bayern. Sekundenbruchteile später säuselt Siri: »Das Spiel Werder Bremen gegen Bayern München ist an diesem Samstag um fünfzehn Uhr dreißig.« Fehlt nur, dass mich die digitale Assistentin fragt, ob ich mir das Spiel ansehen und dazu ein Bier haben möchte.