Chronika - Julia Schmuck - E-Book

Chronika E-Book

Julia Schmuck

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Beschreibung

Chaos. Seit jeher beherrschte es die Legenden, nun besiegelt es ihr Schicksal. Als ihre beste Freundin brutal ermordet wird, entfesselt die Naturmagierin Helena Feyrsinger die längst vergessen geglaubte Chaosmagie. Trauer und Angst vor dieser tödlichen Macht lassen sie ein Leben in der Verbannung akzeptieren, bis ihre Geschwister spurlos verschwinden und Helena alles zu verlieren droht, was ihr noch geblieben ist. Zusammen mit dem Mann, der den Schmerz ihrer Vergangenheit noch immer wachhält, begibt sie sich auf die Suche. Schon bald gerät sie nicht nur zwischen die Fronten zweier magischer Völker, sondern auch in die tiefsten Abgründe ihrer Welt und muss für jedes Opfer bereit sein, ehe das Chaos sie auf ewig zeichnet.

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Chronika

Aus dem Chaos geboren

Julia Schmuck

Copyright © 2017 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Laura Evers

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-153-5

Alle Rechte vorbehalten

Für Laura Labas,

Schöpferin von Dämonen,

Göttern und Hexen

Inhalt

Prolog

1. « Chaosmagie »

2. « Isolation »

3. « So viele Tage, die vergingen »

4. « Feuer und Wasser, Erde und Luft »

5. « Distanz »

6. « Wenn Eis zerschlagen wird »

7. « Fern des Bekannten »

8. « Im Dunkel des Tages »

9. « Alte Probleme, neue Katastrophen »

10. « Von dem, was uns beherrscht »

11. « Das Undenkbare »

12. « Vertrauen »

13. « Das Herz Der Zeit »

14. « Das Geheimnis unserer Macht »

15. « Weiße Nacht »

16. « Im Schatten das Licht »

17. « Amorosa »

18. « Wer den Tod sucht »

19. « Mit anderen Augen »

20. « Aus Trümmern erschaffen »

21. « Als Tropfen gefallen ins Meer »

22. « Über den Schmerz hinaus »

23. « Abschied und Wahrheit »

24. « Schatten aus Vergangenem »

25. « Das Dorf der Chaosmagier »

26. « Im Angesicht des Feindes »

27. « Was das Chaos uns gibt »

28. « Blumen aus Eis »

29. « Narben und Versprechen »

30. « Chronos »

31. « Die Poetik des Feindes »

32. « Stille Welten »

33. « Zertrümmert »

34. « Chaosgeborene »

35. « Die Macht eines Pfeils »

36. « Erwachen »

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Prolog

« Klerikerblut »

Das kühle Metall des im Licht glitzernden Messers presste sich gegen meinen Hals, schnitt jedoch wie durch ein Wunder nicht in meine Haut. Mein Peiniger hielt es mit unbarmherziger Kontrolle fest. Mit dem anderen Arm hatte er von hinten meine Taille umfangen und mich an sich gedrückt. An meinem Schulterblatt spürte ich, wie seine Brust sich hob und senkte.

Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen und tief durchgeatmet. Um zur Ruhe zu kommen und dem Schrecken vor mir nicht mehr entgegensehen zu müssen.

»Ich muss sagen, ich hätte niemals gedacht, dass eine Klerikerin solchen Mut besitzt«, höhnte er mit einer ekelerregenden Ruhe. Mit jedem Wort, das er derart aus seinen Lippen presste, fühlte ich seinen Atem in meinem Haar, an meiner Wange, überall …

Selbst in diesem Moment, die glänzende Klinge an meiner Kehle, hätte ich mich ihm widersetzt, aber er hatte nicht mit mir gesprochen. Nicht ich war es, die plötzlich seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. 

»Ach nein?«, versuchte Jenna ihm entgegenzusetzen und ihre Stimme mutig klingen zu lassen. Die kleine Gestalt, die vor uns stand und die Pistole in ihrer leicht zitternden Hand auf den Kopf meines Geiselnehmers richtete, schien so stoisch, wie ich sie noch nie gesehen hatte. »Dann pass gut auf.« 

Ich hielt es nicht mehr aus. »Jenna, lauf!«, hinderte ich sie für einen Moment, ihr Ziel genauer anzuvisieren. 

»Ich bin wirklich beeindruckt. Dennoch wird es Zeit, dass wir das hier zu einem Abschluss bringen, nicht wahr?« Plötzlich setzte seine Atmung aus. Sein Körper war hart wie Stein und ebenso unnachgiebig.

»Jenna!«, mahnte ich, konnte aber nicht verhindern, dass mir ein Schluchzer entfuhr. Sie musste hier weg. Egal, wen genau dieser Kerl gerade bedrohte, Jenna war genauso in Gefahr wie ich. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr etwas geschah.

»Lass deine Waffe fallen, Kleines, dann kommt niemand zu Schaden.«

»W-was hast du mit ihr vor?« 

Kälte ergriff mich, ließ mein Herz gefrieren und meine Gedanken allmählich sterben. Sie würde nicht gehen.

»Sie kommt mit mir, aber ich verspreche dir, ihr kein Härchen zu krümmen.«

»Jenna«, schrie ich nun gegen ihn an. »Lauf! Bitte! Lauf, solange du noch kannst. Hol Hilfe, verschwinde!« 

Im selben Moment tat sich die Tür hinter meiner Freundin auf. Mein Herz machte einen Satz und Zuversicht durchströmte meinen gesamten Körper. Unsere Blicke trafen sich sofort. 

»Aidan, bring Jenna weg!« Ich schoss nach vorne, ungeachtet der Waffe, die nur noch auf einen leichten Impuls wartete, um mir die zarte Haut meines Halses zu durchtrennen. »Aid-«

Mein Peiniger riss mich zurück, ich prallte gegen seine harte Brust und dann spürte ich den Schmerz. Scharf schnitt die Klinge mir ins Fleisch. Ich keuchte, schluchzte, wimmerte. Für einen Moment verlor ich die Aufmerksamkeit für das, was um uns herum geschah. 

»Helena!« Jennas Schrei zwang mich, die Augen zu öffnen. Ihr blasses Gesicht ließ sie so schwach wirken, als würde sie jeden Moment zerbrechen. 

»Aidan, es ist mir eine Freude, dich wiederzusehen«, hörte ich die Stimme nahe meinem Ohr frohlocken und ich zuckte zusammen, als sein Atem über meine Wange strich. 

»Was ist hier los?«, knurrte Aidan und sein Blick bohrte sich in den Feind hinter mir. 

Die Wunde an meinem Hals pochte, das versicherte mir aber zugleich, dass der Schnitt nicht tief genug gewesen war. Solange ich den Schmerz spürte, war ich am Leben. 

»Verdammt, lass sie los.« 

Aidan baute sich zu voller Größe auf. Seine Erscheinung war beeindruckend und ich glaubte, nie im Leben etwas Bedrohlicheres gesehen zu haben.

»Die Pläne haben sich geändert, Junge.« Mein Herzschlag setzte aus. Er war ein Söldner. Ein Söldner wie Aidan selbst.

»Die Pläne haben sich geändert? Samuel, wir haben einen klaren Auftrag und das hier ist nicht …« Ich sah genau den Moment, in dem ihn die Erkenntnis wie ein Blitz traf. Ich sah, wie der Schrecken sich in seine Seele schlich.

»Bei allem, was uns heilig ist, Sam, nimm endlich das Ding weg von ihrem Hals.« Samuel lachte nur und zog mich noch ein wenig weiter mit sich – einfach, weil er mit mir machen konnte, was er wollte. 

»Tut mir leid, Bruder.« 

»Wir haben einen Eid geleistet, Sam!«

»Du, nicht wir. Und dein Eid an uns ist wesentlich älter. Entscheide dich, Aidan. Komm zu mir und wir alle gehen unverletzt von dannen, oder …« 

Samuel hob das Messer und dieses Mal setzte er es an meinem Kinn an. Ganz langsam zog er es über die Haut. Dieses Mal traf mich der Schmerz nicht unvorbereitet, doch mein ganzer Körper bebte und die Tränen liefen mir nun doch die Wangen hinunter, bis sie sich mit dem Blut meiner Wunde mischten. 

Ich wagte nicht, mich zu rühren. Zu schreien.

»Sam!« 

Die Klinge wanderte wieder zu meiner Kehle.

»Es tut mir leid. Du musst dich entscheiden.« 

»Aidan«, flüsterte ich, konnte aber nicht sagen, ob er meine Stimme überhaupt hörte. 

Er stand einfach nur da. Fast regungslos, doch ich sah deutlich, wie sein Körper von einem Zittern gefangen gehalten wurde.

»Jenna«, sagte er dann leise, ohne sie anzusehen. »Leg die Waffe hin.«

Jennas Augen weiteten sich, doch dann tat sie, was er verlangte und senkte die Pistole gen Boden.

»Zu mir. Bring sie zu mir, Klerikerin«, forderte Samuel und sie erstarrte. Stolz erfüllte mich, als sie ihre Angst augenblicklich wieder unterdrückte und auf uns zukam. Ich sah Tränen der Wut in ihren Augen glitzern, so nah war sie mir, als sie die Waffe in Samuels ausgestreckte Hand legte.

»Ich danke dir, Mädchen«, flüsterte Samuel leise.

Dann ertönte der Schuss. Jenna sackte zusammen.

»Nein!« Mein Schrei vermischte sich mit Aidans. Er war nicht schnell genug bei ihr. Ihr Kopf schlug hart auf dem Boden auf. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten ins Leere und …

Ich schrie und kämpfte gegen Samuel an. Sein Messer schnitt in mein Kinn, dennoch brachte ich die Kraft auf, mich loszureißen.

Die Magie erfüllte mich so rasant, dass ich nicht einmal wusste, woher sie kam. Die Gefahr aber war mir gleich. Wie von einer fremden Macht getrieben, wirbelte ich zu Jennas Mörder herum und schleuderte ihm die Flammen mit einem gewaltsamen Schwung meiner Arme entgegen. Seine Schreie erklangen nur sekundenlang. Ehe wieder die Stille eintrat, kniete ich bereits neben Jenna. Tief in der Lache aus Blut.

Kapitel 1

« Chaosmagie »

Es war die Erinnerung, die mich vor meinem Spiegelbild verharren ließ. Die Narben in meinem Gesicht und an meinem Hals, die dieses schreckliche Ereignis, Jennas Tod, wieder zurück in mein Gedächtnis gerufen hatten. Ich hätte die Spiegel längst verhängen sollen. 

Wütend auf mich und die Vergangenheit, griff ich nach einem dicken Schal, den ich mir eng um den Hals schlang, und versteckte auch mein Kinn in dem weichen Stoff, sodass die Male, die Samuels Messer auf meiner Haut hinterlassen hatte, gänzlich verdeckt waren. Dann streifte ich noch meinen Mantel über, ehe ich die Tür öffnete und mir kalte Luft entgegenschlug.

»Blue?«, rief ich und schützte mein Gesicht mit dem Arm vor dem grellen Licht der Sonne, das von den Schneeflecken auf den mit Gras bewachsenen Hügeln reflektiert wurde. 

Es dauerte nicht lange, bis ich das freudige Bellen meines besten Freundes vernahm und der irische Wolfshund um die Ecke meines kleinen Häuschens rannte. Der sanftmütige Riese stoppte kurz vor mir, um mich nicht umzureißen, dann stellte er sich auf die Hinterpfoten, legte die vorderen auf meine Schultern und leckte mir über das Gesicht. 

»Wo warst du nur wieder den ganzen Tag?«, fragte ich und drückte ihn dann mit aller Kraft wieder von mir fort. Er grunzte und sah mich aus treu dreinschauenden Augen an. Meist brachte mich das zum Lächeln, heute nicht. 

»Na komm«, seufzte ich. »Ich könnte auch einen kleinen Spaziergang gebrauchen.« 

Im Grunde gab es in meinem Leben auch nichts anderes zu tun. Annähernd zwei Jahre war es her, dass mich die Gemeinschaft, der ich selbst angehörte, isoliert hatte. Starr sah ich über das Plateau, das sich vor mir erstreckte. Die wunderschöne Landschaft einer vergessenen Insel zwischen Island und Schottland.

Hierher hatte man mich verbannt. Ich bewohnte ein riesiges Fleckchen Land für mich allein, doch da ich dieses nie verlassen konnte, stellte es für mich kein Paradies dar – vielmehr war es ein Gefängnis. Ein durch Magie vor der Menschheit abgeschottetes Gefängnis.

Die Menschen blieben mir fern, die Insel war nicht einmal auf den Karten verzeichnet und ich … ich war allein. Seit meinem frühen achtzehnten Lebensjahr hockte ich hier und bekam nur jemanden zu sehen, wenn man mir meine Verpflegung, neue Kleidung oder sonstige Nützlichkeiten sandte. Das geschah vielleicht einmal im Monat. Der zwischenmenschliche Kontakt erstreckte sich über ganze fünf Minuten.

Gefangen in meinen trüben Gedanken, hatte ich mich nicht gerührt und Blue war bereits eine ganze Strecke vorangelaufen. Nun drehte er sich zu mir herum und fragte mit einem flehenden Blick aus seinen großen braunen Augen nach meinem Verbleib.

Endlich setze ich mich in Bewegung, doch heute würde der dreistündige Spaziergang mir nicht die innere Ruhe verschaffen, die ich so dringend nötig hatte. Die letzten Nächte waren von Träumen durchzogen gewesen, die mich immer wieder hatten erwachen lassen.

Das waren Träume von Jenna, das waren Träume von Samuel, meinen Geschwistern und vor allem von Aidan. Ich kämpfte mich einen Hügel hinauf. In der Ferne weideten die zwei anderen und letzten Mitglieder meiner kleinen Inselgemeinschaft. Die Shetlandponys Fenna und Lilja, die mir meine ältere Schwester Amalia nach einem Englandaufenthalt gekauft und hierher hatte bringen lassen. 

Ein bisschen Freude, hatte sie es genannt. Ich grunzte bei der Erinnerung an ihre Worte. Sie war bemüht um mich und doch hatte auch sie sich nach den Ereignissen vor zwei Jahren von mir distanziert. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Amalia stand unserer Gemeinschaft vollkommen loyal gegenüber. Ihre Arbeit stahl ihr die Zeit. Ich glaubte nicht wirklich, dass sie mich absichtlich so lange unbeachtet ließ. Ich war nur einfach nicht die erste Priorität.

Ich stieß einen kurzen Pfiff aus und die Ponys hoben die Köpfe. Im Nu trabten sie freudig auf mich zu und ich tätschelte ihnen die Hälse. Mit ihren weichen Nüstern knabberten sie an meiner Jackentasche und schließlich holte ich ihnen die Leckereien hervor, die ich immer für sie dabeihatte. 

»Es tut mir leid, ich bin heute nicht sonderlich gut aufgelegt«, ließ ich sie wissen, doch sie waren ohnehin viel zu sehr mit meinen Mitbringseln beschäftigt, um das zu bemerken. 

Hörst du dich eigentlich manchmal selber denken?, fragte ich mich und schüttelte den Kopf. Jetzt war ich schon auf das Einfühlungsvermögen verfressener Ponys angewiesen und … 

Ich bereute diesen Gedanken sofort. Mochte ich doch langsam verrückt werden, sie waren meine einzigen Vertrauten hier. Keine verfressenen Ponys, meine Freunde.

Ich bedachte sie noch eine Weile mit Streicheleinheiten, dann machte ich mich wieder auf, zurück zu der kleinen Hütte, die zu meinem Heim geworden war, um Schutz vor dem aufkommenden Sturm zu suchen. Und dass einer im Anmarsch war, konnte ich fühlen.

Ich war eine gebürtige Naturmagierin. Zumindest zur Hälfte. Naturmagier – die eigentlich einzigen magisch begabten Menschen, die noch existieren – waren in der Lage, die Energien der Elemente in ihrer Umgebung zu erkennen und zu kontrollieren. Das, was wir Magie nannten, war im Grunde vielmehr die perfekte Harmonie zwischen Mensch und Natur. Dieses feine Gespür konnte allerdings durchaus zu einer Waffe perfektioniert werden, denn wir waren in der Lage, die Naturgewalten zu beeinflussen, manchmal sogar zur Gänze zu kontrollieren.

Inzwischen riss der Wind schon beinahe brutal an meinem Haar und ich brachte ihn mit einer einfachen Handbewegung etwas zur Ruhe. Während ich meine Schritte beschleunigte, hinderte ich auch den Regen daran, auf mich herunterzuprasseln. In einer Art Schutzblase, an der die Tropfen abperlten, lief ich zur Hütte zurück. Blue folgte mir und achtete ebenfalls peinlich genau darauf, nicht aus dem Radius meiner Magie herauszutreten, um nicht nass zu werden.

Die Ponys, die mich nach meinen Spaziergängen sonst stets bis zum Haus begleiteten, hatten sich augenscheinlich gegen den schnellen Lauf entschieden und ihre mittlerweile klitschnassen Köpfe wieder gen Gras gerichtet. Ich sah noch eine Weile zu dem Hügel, auf dem ich sie zurückgelassen hatte, dann öffnete ich die Tür. Kaum waren Blue und ich eingetreten, schoss die Wassersalve, die ich zurückgehalten hatte, hinter mir zu Boden.

»Und was jetzt?«, fragte ich, aber Blue war bereits Richtung Wohnzimmer gerannt, wobei er gleich zwei Stapel Bücher, die aus Platzgründen im Flur standen, umstieß.

»Blue!«, schalt ich ihn eher müde als böse und begann dann, die Hemingways und Shakespeares wieder behelfsmäßig aufzustapeln. Ich war gerade fertig, da klingelte das Telefon. So schnell ich konnte, rappelte ich mich auf und stolperte dabei selbst über die Bücher. Fast schon panisch sprang ich über einen weiteren Stapel im Wohnzimmer und über Blue, der sich der Länge nach in die Tür zur Küche gelegt hatte. 

»Greta?«, keuchte ich in den Hörer und hörte gleich darauf die Stimme meiner zweitältesten Schwester in einem glockenhellen Lachen ertönen.

»Natürlich, wer sollte es sonst sein?« Ihre Worte waren nett gemeint, doch sie schmerzten mich unheimlich. Ja, wer sonst …? Greta war die Einzige, die mich jeden Tag anrief, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Amalia und mein beinahe gleichaltriger Bruder Leonard beschränkten sich auf eher mäßig häufige Anrufe.

»Ich bin froh, dass du anrufst, Greta«, seufzte ich, zog mir einen der zwei Barhocker heran und setzte mich dicht an die Wand, an der das Telefon befestigt war.

»Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so gehetzt.« Nein, es ist nicht alles in Ordnung mit mir. Ich bin allein! Ich bin ganz allein und ich habe Angst, ich könnte …

»Alles in Ordnung«, versicherte ich ihr und Blue ließ vom Wohnzimmer aus ein missbilligendes Geräusch verlauten, das einem Stöhnen sehr nahe kam.

Ich hielt eine Hand auf die Sprechmuschel und funkelte ihn böse an. »Auf deine Meinung kann ich verzichten.«

Blue sah mich irritiert an, als hätte er nichts weiter getan als gegähnt, anstatt meine Lüge höhnisch zu kommentieren.

»Wie war das?«, hörte ich Greta und entschloss, mich jetzt endlich dem Telefonat mit meiner Schwester zu widmen, auf das ich jeden Tag wartete wie ein Verdurstender auf Regen.

»Nichts, gar nichts. Ich bin nur gerade von einem Spaziergang heimgekommen und hatte Angst, es nicht rechtzeitig zum Telefon zu schaffen«, erklärte ich und immerhin kam das der Wahrheit am nächsten.

Zwar hätte ich alle Zeit der Welt gehabt, zum Telefon zu gelangen, doch ich wartete immer noch auf den Tag, an dem Greta bereits nach dem zweiten Freizeichen auflegen würde, um ihrer Pflicht Genüge getan zu haben.

Mir wurde schon fast schlecht bei dem Gedanken, dass wir einander verpasst hätten, wenn meine Laune nicht so schlecht gewesen und mein Spaziergang somit nicht kürzer ausgefallen wäre. 

»Wie läuft’s bei der Arbeit?« Greta arbeitete im Archiv unserer Gemeinschaft als Chronistin. Ich und meine vier Geschwister waren zwar Teil einer mächtigen Familie von Naturmagiern, aber die Magie war in Greta und meinem nächstälteren Bruder Leonard nie wirklich stark ausgeprägt gewesen. Sie hatten sich entschieden, sie nicht weiterzuentwickeln und der Gemeinschaft in anderer Weise nützlich zu sein.

Leonard studierte Jura, um irgendwann die Interessen der Gemeinschaft zu wahren, während Greta stets darum kämpfte, Aufzeichnungen und Tagebücher der unseren ausfindig zu machen, aufzubereiten und zu archivieren.

»Wir haben eine ganze Menge Trainingsprotokolle aus dem 18. Jahrhundert gefunden. In einem längst vergessenen Ordenshaus in Rumänien. Ich werde in den nächsten Tagen beginnen, sie zu sichten. Vielleicht geben sie uns Aufschluss darüber, wie wir unsere Taktiken verbessern können. Daran wäre auch Amalia gelegen.« 

Meine älteste Schwester hatte die Arbeit im Außendienst erst vor Kurzem aufgegeben und nutzte ihre magische Begabung nun für den Unterricht unserer Nachkommenschaft.

»Es sollte mich wirklich nicht mehr wundern, dass du inzwischen auch Rumänisch sprichst.« 

Ich wusste genau, dass Greta immer das Gefühl gehabt hatte, im Schatten ihrer Schwestern zu stehen. Sie achtete wie keine von uns auf ihr Aussehen, wählte ihre Kleidung mit aller Sorgfalt aus und lernte darüber hinaus mehr als all ihre Geschwister zusammen. Sie war bewandert in Geschichte, Politik, Chemie, Philosophie und beherrschte diverse Sprachen.

»Nun, in den letzten Jahren sind immer wieder Nachweise dahingehend aufgetaucht, dass ein Großteil unserer Art dort ansässig gewesen ist«, erklärte sie. »Aber kommen wir zu erfreulicheren Dingen.« Damit meinte sie erfreulicher für mich, denn ich wusste genau, dass diese Nachricht Gretas Herz bereits hatte höherschlagen lassen. »Ich habe dir wieder ein paar Bücher geschickt. Sie müssten mit der nächsten Versorgungslieferung eintreffen.« 

Ich lächelte. »Greta, du weißt schon, dass mein Häuschen nicht größer wird?«

»Ach, für ein paar Bücher hat man immer Platz.« 

Ich lebte auf genau sechzig Quadratmetern, meine Büchersammlung belief sich dank Greta nun ungefähr auf sechshundert Exemplare. 

»Ich möchte einfach nicht, dass du dich langweilst.«

Ich seufzte. Sie meinte es gut, doch das, was sie intendierte, war nur ein weiterer Messerstich in meiner Brust. All die Bücher, all die Geschichten würden mich nicht darüber hinwegtrösten können, dass ich allein war. Sie bewahrten mich nicht vor dem Schrecken der Einsamkeit.

»Ich weiß und ich freue mich wirklich. Ich habe den Tolstoi gestern ausgelesen.« In der Originalsprache, hätte ich hinzufügt, wenn ich mit jemand anderem als mit meiner Schwester gesprochen hätte. 

Mit meinem fünfteiligen Sprachinventar kratzte ich an der absoluten Minimumsgrenze. Alle Naturmagier wurden stets in mindestens fünf Sprachen unterrichtet, da diese Kenntnisse sowohl für unsere Außenarbeit als auch für etliche andere Berufe in unseren Reihen unbedingt vonnöten waren. 

Greta sprach neun Sprachen fließend und übte sich meines Wissens momentan in drei weiteren. Rumänisch schien die zehnte zu sein, die sie perfektioniert hatte.

»Und was sagst du?« 

Ich schilderte ihr jeden Gedanken, der mir beim Lesen gekommen war, und versuchte darüber hinwegzutäuschen, dass ich in Anna Karenina nicht das sah, was sie mir hatte aufzeigen wollen.

Ich sprach über die Tiere, das Wetter und meine stümperhafte, Zeit vertreibende Malerei – eine Beschäftigung, die ich ebenfalls von ihr übernommen hatte. Greta mochte dieses Gespräch als anregend empfinden, mir reichte es, ihre Stimme zu hören; doch jeden Tag hoffte ich, dass sie das Thema in eine ganz andere Richtung lenkte. 

Heute konnte ich mich nicht zurückhalten.

»Greta?«, fragte ich zögernd und unterbrach ihre Ausführungen zu ihrer neuen Auszubildenden. »Wie geht es Cornelius?« 

Unser ältester Bruder hatte sich seit Monaten nicht mehr persönlich bei mir gemeldet. Unser Kontakt beschränkte sich seit Langem bereits auf kurze E-Mails in Telegrammstil. Seit einiger Zeit machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, diese an mich aufzusetzen.

»Helena«, seufzte meine Schwester und ließ mich dann eine Weile schweigend in der Luft hängen. »Du musst ihm Zeit lassen.«

»Das tue ich. Ich lasse ihm seit zwei Jahren Zeit, aber …« Ich stockte, konnte meiner Stimme nicht mehr vertrauen. »Aber … Er hasst mich, Greta, nicht wahr? Er kann mir einfach nicht verzeihen.«

»Es gibt nichts zu verzeihen. Cornelius weiß das, ich weiß das, wir müssen uns nur alle damit abfinden und wenn wir das geschafft haben, dann …« 

Jetzt hielt ich es nicht mehr aus. 

»Zwei Jahre!«, schrie ich förmlich in den Telefonhörer. »Es sind fast zwei Jahre vergangen und ich kriege E-Mails, die nie mehr als etwa zehn Worte umfassen.« 

Alles in Ordnung. Ich hoffe, es geht dir gut. Cornelius. 

»Er distanziert sich mit jedem Tag mehr und es ist, als wäre er gar nicht mehr Teil meiner Welt, er …«

»Aber er distanziert sich von uns allen. Ich weiß nicht, ob ich wirklich mehr Worte mit ihm wechsle, Helena.«

»Ich bitte dich, ihr wohnt zusammen.«

»Es ist eine schwierige Zeit für ihn.«

»Für mich etwa nicht? Ich war dabei. Ich habe gesehen, wie sie getötet wurde, und ich konnte es nicht verhindern. Ich trage die Schuld. An ihrem Tod … Daran, dass sie überhaupt erst an diesem gottverfluchten Ort gewesen ist. Wäre es nach ihr gegangen, wären wir zu Hause geblieben und …«

»Du kannst nichts dafür. Niemand konnte ahnen, dass die Söldner ihr Wort brechen würden, und du hast ihren Tod gerächt. Mehr war einfach nicht möglich«, betonte Greta mit gerade so viel Nachdruck, wie eine ältere Schwester ihn aufbringen konnte. Ich schwieg eine Weile.

Sie wollte, dass ich mich besser fühlte. So war Greta, so war sie schon immer gewesen, doch ihre Worte entsprachen nicht der Wahrheit. Ich war an diesem verdammten Ort gewesen. Ich hatte diejenige sein müssen, die aus Jennas Blutlache gezogen worden war.

»Weißt du, wo er jetzt ist?«, wagte ich zu fragen und Greta nahm dies als stilles Einvernehmen, dieses tragische Kapitel unserer gemeinsamen Vergangenheit ad acta zu legen.

»Er war es, der mir die Unterlagen aus Rumänien gebracht hat. In diesem Moment ist er, glaube ich, nach Irland aufgebrochen, um einigen Spuren nachzugehen.« 

Irland, so nah.

Diese Spuren interessierten mich nicht. 

Cornelius war anders als sein Zwilling Amalia noch immer im Außendienst tätig. Er verschaffte den Chronisten Material und rekrutierte neue Schüler. Es war immer dasselbe.

»Er wird sich bei mir melden«, fügte Greta mit hörbarem Widerstreben in der Stimme hinzu. Vermutlich wollte sie keine weitere Attacke meinerseits riskieren. Dazu hatte ich jedoch ohnehin keine Kraft mehr. Früher einmal vielleicht. 

»Sagst du mir dann Bescheid?«, fragte ich beschwichtigend. Das war nicht mehr ich und auch Greta musste das merken. Ihre Stimme wurde mit einem Mal wieder ganz weich.

»Selbstverständlich.« 

Tränen schossen mir in die Augen und ein dicker Kloß setzte sich tief in meinen Hals. Ich konnte momentan nicht auch noch ihr Mitgefühl aushalten.

»Hör zu, wir sollten jetzt auflegen. Ich habe noch eine ganze Menge zu tun. Das Haus muss endlich einmal wieder aufgeräumt werden, die Pflanzen wollen gegossen werden … Du weißt schon, all das, was ich zu Hause nie gemacht habe«, versuchte ich zu scherzen. Mir wurde beinahe schlecht, weil ich sie alle so vermisste. Ich wollte mich nicht verabschieden. Ich hatte hier nicht das Geringste zu tun.

Sobald die Stille mich wiederhaben würde, säße ich hier, allein mit meinen Gedanken.

»In Ordnung, und dir geht es wirklich gut, Helena?« 

Ich schluckte. »Natürlich.«

Das war die einfachste, die ungefährlichste Antwort. Gretas Einfühlungsvermögen war schwer zu täuschen. Je mehr ich mich in Lügen verstricken würde, desto eher würde sie hinter meine wahren Gefühle kommen. Sie würde versuchen, mit mir zu reden, aber nicht zu mir kommen.

Es war verboten. Und es würde mich zerstören.

»Ich hab dich lieb, Gretchen«, murmelte ich. 

»Ich hab dich auch lieb, Nell«, hörte ich sie noch, ehe ich den Hörer langsam auf die Gabel legte. 

Für eine ganz kleine Weile saß ich einfach nur da und bedauerte mich selbst. Mein eigenes Mitleid war sehr viel besser zu ertragen als Gretas. 

Irgendwann erhob sich Blue, trottete zu mir und leckte mir über die Hand. Für ihn rang ich mir ein Lächeln ab.

»Ist schon gut, mein Großer. Kümmern wir uns lieber um unseren Anbau. Wir wollen ja nicht verhungern«, wisperte ich und fragte mich zum wiederholten Mal, wo der Mut geblieben war, der mich einmal wie heiße Lava durchflossen hatte.

Abermals an diesem Tag schlüpfte ich in meinen Mantel und wickelte beinahe andächtig den Schal um meinen vernarbten Hals. Der Regen hatte sich noch nicht gelegt und ich zauberte eine Schutzblase um uns, ohne weiter darüber nachzudenken. 

Die Magie war schon immer stark in mir gewesen. Ebenso wie in Cornelius und Amalia, die allerdings eine Ausbildung absolviert hatten, die auch mir zugestanden hätte, wäre ich nicht isoliert worden. Heutzutage waren die wirklich begabten Naturmagier rar gesät. In vielen schlummerte lediglich nur noch ein kleiner Funke der Magie, die uns früher ausgemacht hatte. Da stellten Leonard und Greta keine Ausnahmen dar.

Cornelius, Amalia und ich besetzten mit den wenig anderen Mächtigen eine Sonderstellung, die uns bereits seit dem Tage unserer Geburt der Gesellschaft ein Stück entfremdet hatte. Schon immer lebten wir unter den wachsamen Augen der Kleriker. Sie hatten uns Besuche abgestattet und unsere magischen Fähigkeiten untersucht, dafür gesorgt, dass wir die Magie richtig verstanden und richtig einsetzten.

Die Kleriker waren keine Geistlichen in dem Sinne. Sie entsprangen einem alten Naturvolk, hatten einen unendlichen Wissensschatz über magische Heiltinkturen und die Durchführung uralter Rituale, deren Magie der unseren vollkommen entgegenstand. 

Seit Jahrhunderten hatten sie in alten Zeiten im Einklang mit uns gelebt und waren somit im Grunde schon von Beginn an Teil unserer Gemeinschaft. Einst hatten sie als so rein, so geläutert in Körper und Seele gegolten, dass sie den Wahnsinn in unserem Inneren zu kontrollieren vermochten, sollte er je aus uns herausbrechen. Sie waren unsere Wächter, unsere Sicherheitsgarantie und waren in der Lage, uns sicher in einem Bann vor der Außenwelt abzuschirmen, ohne dass wir jemals dazu fähig sein konnten, uns aus eigener Kraft zu befreien. 

Dieser Aufgabe gingen sie noch immer nach, doch mittlerweile waren sie auch zu unserer politischen Führung geworden. Sie bildeten den Großteil unseres auf zwölf Jahre gewählten Rates, während die Naturmagier nur eine kleinere Minderheit ausmachten. Noch immer vertraute die naturmagische Welt auf den Mythos der Reinen. Ich hingegen hatte sie auch von einer anderen Seite kennengelernt.

Die Klerikerin Tessa, Jennas Mutter, war eine gute Freundin meiner Eltern gewesen. Als sie starben, waren Cornelius und Amalia als ihre ältesten Kinder kaum vierzehn Jahre alt gewesen. Man hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, indem man Tessa nicht nur zum Vormund der verwaisten Feyrsingerkinder gemacht, sondern damit auch unsere sich noch entwickelnde Magie unter ständige Beobachtung gestellt hatte.

Mit Tessa war auch ihre neunjährige Tochter Jenna in unser Haus eingezogen, das zugleich Ordenshaus und Botschaft der Naturmagier gewesen war. Ich, wesentlich jünger, hatte dem Mädchen sofort in den Arm gebissen, woraufhin es mir auf den Kopf geschlagen hatte. 

Einander wirklich grün wurden wir uns erst, als sie begann, sich für meinen Bruder Cornelius zu interessieren. Ich war elf gewesen, als ich sie weinend im Zimmer der riesigen Villa meiner verstorbenen Eltern aufgefunden hatte. Jenna so vor mir zu sehen, das wunderschöne rundliche Gesicht in den Händen vergraben, die blasse Haut von Tränen zerfurcht, war mehr als nur furchtbar gewesen. Ihr Anblick hatte mir das Herz gebrochen. In diesem Moment war mir das erste Mal klar geworden, wie wichtig sie mir war. Wie eine dritte Schwester. 

Die Erklärung, sie könnte niemals gut genug für Cornelius sein, hatte mich gleich darauf sanft lächeln lassen. Dann hatte ich sie in den Arm genommen und sie nicht mehr losgelassen, bis ihre Schluchzer verstummt waren. Seitdem hatten wir trotz des Altersunterschieds mit jedem Tag nur noch mehr Zuneigung für die jeweils andere empfunden.

Wie hatte sie jemals denken können, nicht gut oder schön genug zu sein? Es stimmte, sie war ein Winzling – vor allem neben Cornelius – und wohl auch weit von einer schlanken Statur entfernt gewesen, doch niemand hätte jemals ihre ganz eigene Schönheit übersehen. Ihr lockiges rostbraunes Haar war ihr sanft bis auf die Schultern gefallen. Ein Blick aus ihren braunen Rehaugen und man war dahingeschmolzen. 

Ich seufzte. Ihr Strahlen hatte jeden anderen Makel wettgemacht. In Erinnerung versunken stapfte ich über den matschigen Boden bis hin zu meinem eigenen kleinen Gewächshaus. Ich hatte vor meiner Isolation erklärt, nicht ohne frisches Gemüse leben zu wollen, und so hatte man mir kurzerhand die Möglichkeit verschafft, meinen Bedarf selbst zu decken. Alle natürlichen Widrigkeiten glich ich mit Leichtigkeit durch meine Magie aus. So hatte ich selbst im tiefsten Winter frische Tomaten, Paprika, Gurken und alles, was ich noch begehrte, direkt vor der Tür.

Wie immer ließ ich zunächst Blue in das Gewächshaus huschen und sah ihm ein wenig wehmütig hinterher. Er war nun seit fünf Jahren an meiner Seite. Als Cornelius offiziell um Jennas Hand angehalten hatte, war der Hund ein Geschenk des Paares an mich gewesen. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne ihn tun sollte. 

»Ohne Helena hätte ich den Mut aufgegeben und das Vertrauen in uns«, hatte Jenna deklariert und mein lieber Bruder – vollkommen ergeben in seiner Liebe – hatte ihrem Wunsch, mich dafür zu beschenken, sofort entsprochen. 

Blue bellte fröhlich. Man sah ihm das Alter nicht an, doch ich wusste, spürte sogar, dass es bereits an ihm nagte. Manchmal war meine Gabe ein Fluch. Ich spürte in jeder Sekunde, wie die Welt zerfiel. Ebenjene Macht sandte ich gerade in die Erde der Erdbeerpflanzen und überprüfte die Konzentration der Nährstoffe. Es ging ihr bereits besser. Sanft strich ich über die feinen Blättchen und temperierte die Luft um sie herum optimal.

Diese Magie, diese Macht, sie war mir vertraut. Seit ich ein kleines Kind gewesen war, hatte man mich in dem Wissen großgezogen, dass ich eines Tages die Welt verändern würde, und das, obwohl ich nur zur Hälfte dieses spezielle Erbe in mir trug. Niemals hatte man mich wie ein halbes Kind behandelt, aber genau genommen war ich das. 

Als Mutter mit Leonard schwanger gewesen war und Cornelius, Amalia und Greta schon längst auf der Welt, hatte mein Vater eine längere Außenmission auf sich genommen. Er hatte seine schwangere Frau nicht verlassen wollen, doch der Rat hatte nicht mit sich reden lassen.

Erst nach einem Jahr war er zurückgekehrt, doch nicht allein. Er hatte mich, seine Tochter, zu seiner Familie in Baltimore gebracht. Mir wurde erzählt, Mutter liebte mich von der ersten Sekunde, in der sie mich sah, doch den Verrat an ihrer Ehe hatte sie meinem Vater wohl nur schwerlich verzeihen können. Sie tat es schließlich. So musste es gewesen sein, denn ich war in einem Haus mit so viel Liebe aufgewachsen, wie sie kaum eine Familie in dieser Art gekannt haben dürfte.

Meine leibliche Mutter war nie ein Thema für mich gewesen, doch gerade ihre Existenz hatte den entscheidenden Ausschlag dafür gegeben, wie mein Leben weiter verlaufen sollte. 

Jennas Tod hatte nicht nur in den Kreisen der Kleriker für größtes Aufsehen gesorgt. Auch die meinen hatten sich gefragt, was genau in diesen Augenblicken geschehen war. Für mich war die Sache klar und nicht von besonders großer Bedeutung gewesen. Jenna war tot. Vor meinen Augen erschossen worden und zu Boden gefallen. Im einen Moment hatte ich auf das klaffende Einschussloch in ihrem Kopf gestiert, im nächsten hatte ich nach der mächtigsten elementaren Magie in meiner Umgebung gegriffen und sie gegen Samuel gerichtet. Es war das Feuer gewesen, das mir zu Hilfe geeilt war. Ich hatte seine Kraft für mich beansprucht und war dann zusammengebrochen.

Diese Erklärung hatte jedoch niemanden zufriedengestellt. Man fürchtete, in mir könnte etwas ganz anderes schlummern, das sich plötzlich Bahn gebrochen hatte. 

Vor langer Zeit hatte eine andere Art von Magiern existiert. Das Mysterium ihrer Macht hatte die Naturmagier schon immer geängstigt. Als sie eines Tages wie ein Duft im Wind verschwunden waren, hatte diese Angst sich in kalte Panik verwandelt. Man fürchtete die unvorstellbaren Fähigkeiten dieser Menschen, deren Magie offensichtlich keine Grenzen gesetzt waren. 

Chaosmagie.

Und mit dem Verdacht, in mir könne diese Macht wohnen, fürchtete man fortan auch mich.

Kapitel 2

« Isolation »

« Zwei Jahre zuvor »

Schon bevor Samuels Schreie verklungen waren, kniete ich neben Jenna. Der Anblick hätte Übelkeit in mir auslösen sollen, doch ich konnte nur da sitzen und auf das blutige Einschlussloch starren, das ihr wunderschönes Gesicht verunstaltete. Rostbraune Strähnen nahmen ihr die Sicht.

Zittrig streckte ich meine Hand aus. Aidan, der sich mir langsam genähert hatte, war mir in diesem Moment ganz fern.

»Nell.« Auch seine Stimme war zu weit weg, als dass sie wirklich in mein Bewusstsein dringen konnte. »Tu das nicht.« 

Vorsichtig berührte ich Jennas weiches Haar und strich es ihr hinter das Ohr. Dann starrten mich ihre leblosen braunen Augen an. Der Tod umfasste mein Herz. Ich schrie auf und schreckte von ihr zurück. Das Blut begann langsam durch den Stoff meiner Jeans zu sickern und erst jetzt begann ich, wirklich zu sehen.

»Jenna«, schluchzte ich und immer wieder: »Jenna.« 

Irgendwann hatte Aidan mich an sich gezogen, aus dem Blut heraus, und mein Gesicht an seiner Brust geborgen. Sein Shirt sog alle Tränen, die ich vergoss, sofort auf.

Ich spürte seine Lippen an meiner Schläfe, konnte die Worte, die er mir zuflüsterte, jedoch noch immer nicht verstehen. Mein ganzes Sein war nur auf einen einzigen Gedanken fixiert. 

Samuel hat sie umgebracht. Er hatte mir meine Jenna genommen.

Nichts in der Welt würde daran noch etwas ändern können. Ich würde hier stehen und warten, als sei die Zeit eingefroren. Ich wäre auch eingefroren. In meinem Leiden gefangen. 

Langsam, ganz langsam begann ich, wieder mehr zu fühlen. Aidans Herzschlag an meiner Wange. Ich war es, die sich aus dieser Starre befreien musste, wenn sie nicht ewig halten sollte. Wenn ich eine Chance haben wollte, dass dieser Schmerz irgendwann verging. Selbst wenn ich nicht daran glauben konnte.

»Wir müssen die Kleriker informieren«, würgte ich die Worte hervor. Es schien mir beinahe, als würde das Sprechen auch die Tränen wieder heraufbeschwören. 

Aidan nickte nur und in einer fließenden Bewegung erhob er sich – mich noch immer im Arm haltend. Er unterzog mich einem prüfenden Blick, ehe er mich mir selbst überließ und zum Handy griff. Ich schwankte ein wenig, blieb jedoch aus eigener Kraft stehen.

Ich schluckte, kam aber nicht gegen den Kloß an, der sich in meiner Kehle gebildet hatte. Um Fassung ringend schlang ich die Arme um mich und schloss die Augen. 

Ich musste das viele Blut ausblenden und den Geruch. Ich musste stark sein. Jenna lag dort, nicht ich. Ich hatte stark zu sein.

»Nell?« Aidans Stimme riss mich aus meinem tranceähnlichen Zustand. Ruckartig öffnete ich die Augen und war dann da. Ich war einfach wieder hier, in dieser blutigen, traurigen Welt.

»Wann werden sie ankommen?«, fragte ich ohne jede Emotion, wagte es aber dennoch nicht, mich nochmals zu der Leiche meiner besten Freundin herumzudrehen. 

»Bald. Sie waren in der Nähe.«

»Sie waren …« Ich unterbrach mich und bohrte mir die Fingernägel in die Oberarme. Stark sein! 

Sie waren in der Nähe gewesen. 

Jenna musste sie verständigt haben, als wir den Eindringling bemerkt und uns im Schlafzimmer verbarrikadiert hatten. 

Hätten wir ein wenig länger ausgeharrt, wären uns die Kleriker zu Hilfe geeilt und … Ich versuchte, den Gedanken abzuschütteln, ging im Raum auf und ab.

»Helena?« Aidan stand da wie eine Statue, seine Miene skeptisch und zugleich irgendwie kühl. In diesem Moment interessierte mich das jedoch nicht. »Wollen wir nicht lieber in den Nebenraum …«

Ich schüttelte den Kopf, ehe er weitersprechen konnte. »Ich lass sie nicht allein.«

Offensichtlich fand er es müßig zu erwähnen, dass Jenna das Alleinsein nun nicht mehr stören würde und dass dieser Ort meine neu errungene Fassung allzu leicht zerstören könnte. Ohne all das anzusprechen, griff er nach der Überdecke, um Jennas Körper vor mir abzuschirmen.

»Es ist in Ordnung«, flüsterte ich. Irgendwann würde ich dieses Wort hassen, jetzt half es mir über die Verzweiflung hinweg. Wenn ich mir nur immer wieder einredete … Ich setzte mein Umherirren fort, bis ich einen anderen Untergrund unter meinen Füßen spürte. Teilnahmslos sah ich auf Samuels Überreste hinunter. Es war nicht viel. Komisch, dass ein ganzer Mensch zu so wenig zerfiel, wenn Feuer ihn erfasste. Einige Körperteile waren nicht einmal mehr erkennbar. Er musste lange gebrannt haben. Ich musste lange neben Jenna gekniet haben.

»Würdest du das Fenster öffnen?«, fragte ich und Aidan, der wohl einen neuen Zusammenbruch befürchtete, entriegelte die bis zum Boden reichenden Flügeltüren zum Balkon. 

Sobald ich die frische Luft hineinströmen spürte, atmete ich auf. Ich ergriff ihre belebende Energie. Mit einer mir fremden Nüchternheit betrachtete ich mein Werk. Mir blieb keine andere Emotion. Ich konnte in diesem Moment nicht kämpfen, die Kälte in mir bewahrte mich vor der zerstörerischen Trauer.

»Hel-«

»Hör auf.« 

Ich fuhr zu ihm herum und stieß auf die unnachgiebige, unbeteiligte Miene, die er als Söldner aufzusetzen gelernt hatte. Kurz stieg Wut in mir hoch. Jenna war in den letzten Monaten auch zu seiner Freundin geworden, oder nicht? Wieder vertrieb ich mir die unsinnigen Gedanken aus dem Kopf. Wahrscheinlich war meine Maske ähnlich gut wie die seine.

»Ich schaffe das. Lass mich selbst entscheiden, was ich mir zumuten kann.«

Ich wartete gar nicht erst auf sein Nicken und wandte mich Jennas Leiche zu. Ich hatte noch einen Rest Kraft in mir. Sie musste einfach ausreichen, um das hier zu ertragen. 

Ohne meine Freundin aus den Augen zu lassen, kniete ich mich wieder neben sie in die rote Lache. Eigentlich hätte ich sie aus dem Blut ziehen sollen, Aidan hätte mir geholfen, aber der Gedanke, sie wie einen Kadaver fortzuschleppen, trieb die Übelkeit in meinen Körper. 

Der Söldner war es selbst, der mir diese Entscheidung abnahm. Er schob mich ein wenig beiseite und beugte sich dann zu dem Leichnam hinunter. Vorsichtig, als würde er befürchten, sie zu wecken, hob Aidan sie in die Arme und legte sie behutsam auf die weiche Matratze des Himmelbettes. 

Wie schwebend trat ich zu ihr, hob die Decke an und enthüllte ihr geschundenes, leeres Gesicht. Ein letztes Mal strich ich ihr sanft über die Wange.

Als die Kleriker hineinstoben und mit dem blanken Entsetzen in den Augen den Raum inspizierten, flüchtete ich hinaus. Im Wohnzimmer unseres geräumigen Apartments lagen überall noch ihre Sachen verstreut. Ihre riesige geblümte Strandtasche, ihr roter Lippenstift, den sie vor dem Überfall hatte auftragen wollen und nicht einmal mehr geschlossen hatte, das Buch, von dem sie mir gerade hatte vorschwärmen wollen … Das zu sehen, war fast schlimmer als der Anblick des toten Körpers. 

Ich öffnete die Tür nach draußen und sah aus den Augenwinkeln noch, wie Aidan die Kleriker im Nebenzimmer aufklärte. Das brauchte ich nicht hören und so trat ich in das kleine Gärtchen hinter dem Haus, das wir uns extra für unseren Italienaufenthalt gemietet hatten.

Die grell strahlende Sonne verbiss sich in meine Augen. Es kam schon einem schlechten Witz nahe. Dort drinnen war es stockfinster gewesen, ein Mausoleum. 

Ich erinnerte mich kaum mehr an die Zahlenfolge, nachdem ich sie auf dem Display meines Handys berührt hatte. Meine Hand zitterte, als ich das mobile Telefon ans Ohr hielt. Es klingelte exakt viermal.

»Na, Schwesterchen, alles in Ordnung bei euch?« 

Nein. Nichts würde je wieder einfach in Ordnung sein.

»Cornelius«, krächzte ich und dann brachen sich Dutzende Schluchzer auf einmal Bahn. »Es … ich …« 

Ob ich die Worte wirklich aussprach, kann ich heute nicht mehr sagen. Wie hatte ich ihm vom Tod seiner Verlobten berichten können?

Als Cornelius eintrat, verriet mir bereits seine Miene, dass es nicht gut um mich bestellt war. Seufzend erhob ich mich, um mich meinerseits dem Verhör zu unterziehen.

Genau eine Stunde später kehrte ich in den Raum zurück, der an den Versammlungssaal angrenzte und in dem meine allesamt älteren Geschwister bereits auf mich warteten. Das winzige Zimmer war spartanisch eingerichtet und schimmerte in einem beunruhigenden Moosgrün: die schweren Vorhänge, die Sitzgarnitur, die Teppiche. Alles andere war in dunklem Teakholz gehalten. Ein Zimmer ohne Licht und ohne Freude. Ein paar Sessel und ein Sofa waren um einen Kamin herum drapiert, in dem jedoch nicht einmal Feuerholz lag.

Greta sprang sofort auf und nahm mich in die Arme. Nach wenigen Sekunden schon löste sie sich von mir. In den letzten Tagen hatte ich nicht viel von ihnen allen gehabt. Diese kurze Zeitspanne wärmte mein Herz bereits. Amalia stand mit verschränkten Armen vor dem Fenster und Leonard hatte sich erhoben, sobald ich eingetreten war.

Sie alle waren gekommen, obwohl sie unheimlich wichtigen Beschäftigungen nachzugehen gehabt hätten. 

Selbst Cornelius war noch da. Er saß teilnahmslos auf einem der Sessel und hatte die Arme auf die Knie gestützt. Sein Blick war gen Boden gerichtet. Früher einmal hätte ich gesagt, er sei dennoch geistig vollkommen da, doch seit Jennas Tod hatte sich so vieles verändert, er hatte sich verändert. Dieses Verhör heute musste auch ihm unsagbar zugesetzt haben.

»Wie war es?«, fragte Leonard, der nur ein paar Monate älter war als ich. 

Ich sah erst zu ihm, dann zu Amalia, die neugierig, aber zugleich mitfühlend wirkte. Ich schuldete ihnen eine Erklärung. Sie standen mir bei und ich wollte ihnen zeigen, wie viel mir das bedeutete. 

»Sie haben eine ganze Weile auf Kleinigkeiten beharrt«, seufzte ich und setzte mich auf das Sofa gegenüber von Cornelius. Taktisch nicht die beste Wahl, denn so konnte ich jede seiner Gesichtsregungen sehen, die von meinen Worten ausgelöst wurden. »Sie fragten nach den Umständen, die Jenna und mich nach Italien verschlagen hatten.«

Hier hielt ich bereits inne. Cornelius hatte so plötzlich den Kopf gehoben, dass ich erschrocken zusammengezuckt war. Konnte ich es ihm verübeln? Jenna wäre am liebsten den ganzen Tag in unserer Villa in Baltimore geblieben und hätte die Rückkehr ihres Verlobten erwartet. Seine Außeneinsätze hatten ihn oft in die entferntesten Länder getrieben. Jenna war vor Sehnsucht nach ihm beinahe die Wände hochgegangen – und ich vor Langeweile – und so hatte ich sie überredet, es ihm gleichzutun und zu reisen.

Unser Aufenthalt in Italien war meine Schuld gewesen. Wie so vieles andere.

»Dann«, fuhr ich fort und nahm dankbar Gretas Hand, die sie mir hinhielt, und drückte sie liebevoll, »fragten sie mich so ausführlich wie möglich, was ich gespürt habe, als ich das Feuer entfachte.«

»Und was hast du geantwortet?«, ergriff zum ersten Mal Amalia das Wort und setzte sich nun auch zu uns. 

»Dass ich nicht nachgedacht habe. Jen … Sie lag tot vor mir und ich habe einfach reagiert, nach der stärksten Energie im Raum gegriffen und sie gegen Samuel gerichtet. Das war nun einmal das Feuer.« Ich bemühte mich sehr, Cornelius bei diesen Worten nicht ansehen zu müssen. »Genau das, was ich auch euch schon erklärt habe. Aber der Rat …« Ich stockte und erschauderte, als ich mir Michael Dews Worte ins Gedächtnis rief. 

»Was hat er gesagt?«

»Naturmagische waren in den Tagen vor Jennas Tod in der Nähe und ließen keinen Zweifel daran, dass ich unmöglich ein solches Feuer hätte beschwören können. Die letzten Tage war es nicht annähernd heiß genug.«

»Ein italienischer Sommer nicht heiß genug?«, fragte Leonard skeptisch und ich lächelte ihn mit einer Bitterkeit an, die mir in den letzten zwei Monaten zur ewigen Vertrauten geworden war. Er hatte nie wirklich verstanden, wie unsere Magie funktionierte. 

»Nicht, um einen Menschen in so kurzer Zeit derart zu entstellen.« 

Keiner von uns erwiderte etwas darauf. Es war auch gar nicht möglich, diesen Worten zu widersprechen. Es gab keinen Mordfall in der gesamten Geschichte unserer Existenz, der diesem in irgendeiner Weise gleichgekommen wäre. Ganze Körperteile Samuels hatten sich zu einem elenden Häufchen Asche verwandelt. Die Finger, Teile der Arme … Das Gesicht war nicht mehr erkennbar gewesen. Nirgendwo war ein Nachweis einer solchen Macht verzeichnet – jedenfalls nicht in unserenChroniken. 

»Und«, setzte Greta an, »sie glauben wirklich, dass du das Feuer aus dem Chaos heraufbeschworen hast?« Das Chaos war die Welt vor der unseren. Das allumfassende Nichts, aus dem später ein ganzes Universum heraus entstanden war.

»Was sollen sie sonst glauben, Gretchen?«, murmelte Cornelius tonlos. »Wir arbeiten mit der Magie, die die Natur uns zur Verfügung stellt. Das scheint Nell in diesem Fall nicht gekonnt zu haben.« 

Chaosmagier waren in der Lage, praktisch alles aus dem Chaos, dem zeitlosen Nichts einer anderen Sphäre, heraufzubeschwören. 

»Cornelius, das ist lächerlich«, fauchte Amalia jetzt ihren Zwillingsbruder an. Nur sie wagte es, ihn in seiner Trauer um Jenna zur Rechenschaft zu ziehen. »Ich weiß, wie du dich fühlen musst, aber du kannst nicht ernsthaft glauben, dass Nell eine … von denen ist.« 

Eine von denen, schoss es mir durch den Kopf. Wir waren einmal ein Volk gewesen. Nur die Tatsache, dass die anderen einfach verschwunden waren, machte sie nun zu etwas Unfassbarem, etwas Unerklärlichem. Die Menschen fürchteten das Unerklärliche und auch die Naturmagier waren davon nicht ausgenommen.

Cornelius warf mir einen wissenden Blick zu.

Wenn du es ihnen nicht sagst, tu ich es, teilte er mir ohne Worte mit und ich spürte einen Stich in meinem Herzen. Er wusste Bescheid. Sie hatten ihn in ihrem Verhör aufgeklärt, ihm dieselben Dinge erzählt wie mir, nur schienen sie ihn nicht so aus der Bahn geworfen zu haben wie mich.

»Es gibt etwas, das ihr nicht wisst«, wagte ich zu sagen und drei Augenpaare huschten voller Überraschung zu mir.

»Ihr wisst, dass Vater auf einem längeren Außeneinsatz war, als er …« … Mutter betrog und mich als außereheliches Kind in die Welt setzte. 

»… als er dich zu uns geholt hat«, beendete Amalia meinen Satz bestimmt. Sie war eine meist sehr harsche Person, doch ihre Worte erwärmten mir das Herz. Sie war meine Schwester.

»Offensichtlich«, flüsterte ich, versuchte noch immer, das zu verarbeiten, was ich gerade erfahren hatte, »war dies kein normaler Außeneinsatz. Man beauftragte ihn, nach Mazedonien zu reisen, wo sich zu dem Zeitpunkt vor meiner Geburt starke Unruhen hervorgetan hatten. Man glaubte – sollten noch Nachkommen der ehemaligen Chaosmagier existieren –, könnten diese dort sein, um in den Wirren der politischen und gesellschaftlichen Ordnung unterzutauchen. Während dieser Aufgabe ist er auf meine leibliche Mutter gestoßen.«

Fast flehend sah ich Cornelius an, damit er mich erlöste. Hätte er ein einziges Mal aufgesehen und mir mit seinem Lächeln signalisiert, dass er dennoch an meiner Seite war, wäre alles so viel einfacher gewesen. 

»Vater hat nach Beweisen gesucht, Beweise für die Existenz noch lebender Chaosmagier«, schloss ich, als Cornelius meinen Blick nicht erwiderte.

»Und?«, drängte Amalia. »Hat er welche gefunden?«

»Nein«, antwortete Cornelius für mich, sah aber nicht auf.

»Dann ist doch alles klar«, seufzte Greta erleichtert, doch sah sie noch nicht, dass der Rat offensichtlich zu einem anderen Schluss gekommen war.

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Leonards Worte überraschten mich nicht. War er in magischen Belangen zwar nicht erfahren, so war er es jedoch trotz unseres jungen Alters in fast allen anderen. Jetzt war er schneeweiß um die Nase.

»Was willst du damit sagen?«, flüsterte Greta. »Vater hätte solche Beweise niemals unterschlagen.« 

»Vielleicht hätte er es getan«, setzte Amalia vorsichtig an und legte unserer Schwester eine Hand auf die Schulter, um sie auf irgendeine Weise wissen zu lassen, dass sie da war. Mir reichte ihr sanfter Blick, der mir innerhalb von Sekunden übermittelte, dass sie mir gegenüber loyal war, ganz egal, was meine Herkunft für Schattenseiten aufweisen mochte. »Er hätte es getan, um diejenigen, die er liebt, zu beschützen.«

Ich schluckte schwer. 

»Er hat dich geliebt, Helena«, bestätigte Cornelius, ohne jedwede Emotion, die mir gezeigt hätte, dass seine Gefühle für mich noch genauso waren. »Hätte er gewusst, dass deine Mutter zweifelhafter Abstammung ist, hätte er es verschwiegen. Er hat die Angst der anderen unserer Art immer leichtfertig als hysterisch abgetan.« Er erhob sich und wandte sich zur Tür.

»Du redest, als wäre ihre Mutter tatsächlich von zweifelhafter Abstammung«, knurrte Leonard. »Es ist nichts bewiesen und überhaupt, selbst wenn es so sein sollte … Du hast diese Angst vor den Chaosmagiern auch niemals ernst genommen. Sie waren einmal unsere Verbündeten und wir wissen nicht, was sie dazu trieb, unsere Gemeinschaft zu verlassen.«

Cornelius nickte, als hätte Leonard diese Worte nicht mit solcher Wut vorgetragen. 

»Wir wissen es nicht, das stimmt. Beides nicht. Aber ich muss sagen, es spricht schon einiges für die Theorie des Rates.« Dann verschwand er aus dem Raum, ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Ich sollte ihn für sehr lange Zeit nicht mehr allein, fernab der offiziellen Versammlungen, zu Gesicht bekommen.

»Wie kann er nur?«, schrie Greta auf. Die Verzweiflung in ihrer Stimme war unverkennbar. Langsam begann auch sie zu begreifen, dass es für mich übel aussah. »Selbst wenn du chaosmagische Wurzeln haben solltest, bist du deshalb noch lange nicht abartig oder gefährlich oder sonst irgendetwas. Und es macht dich nicht weniger zu unserer Schwester!«

Halbschwester, dachte ich bitter, sprach es aber nicht aus. Ihre Worte machten so vieles leichter. Wie ich sie liebte. Jedes meiner Geschwister, mochten wir auch nur zur Hälfte miteinander verbunden sein. 

»Er ist nicht gegangen, weil er Nell nun weniger liebt oder weil er sich vor ihr fürchtet, Greta«, warf Amalia traurig ein, die in einem Moment genau dasselbe erkannt hatte wie ich.

Ich nickte. »Er ist gegangen, weil er glaubt, ich hätte ihr … Jenna schon früher helfen können, ehe sie …«

»Das ist absurd. Wie hättest du das machen sollen?« Ich nahm die Hand meines gleichaltrigen Bruders, der so mühevoll nach Worten rang.

»Mit dem, was augenscheinlich Samuel getötet hat. Mit Chaosmagie, Leo«, benutzte ich den Spitznamen, den ihm unsere deutschen Großeltern gegeben hatten.

Wir schwiegen eine Weile und ich musste daran denken, ob Cornelius mir jemals würde verzeihen können, dass ich Jenna in diese Lage gebracht hatte, dass ich sie nicht beschützt hatte. Dann fragte ich mich: Sollte sich jemals rausstellen, dass ich der Chaosmagie mächtig war, würde ich mir verzeihen können, dass ich sie hatte sterben lassen?

»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Greta angsterfüllt und ich seufzte. Ich wusste genau, was jetzt geschehen würde, doch war ich bereit auszusprechen, was man sich für mich ausgedacht hatte? Ich musste. Hoffnung war jetzt wohl das Einzige, das Greta letzten Endes noch mehr verletzt hätte.

»Greta«, flüsterte ich und suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. »Sie werden mich eine Weile isolieren.«

»Nein! Da- das können sie nicht. Das ist seit Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen, sie …« 

Ohne weitere Worte zu verlieren, nahm sie mich in die Arme. 

»Was heißt eine Weile?«, fragte Leonard kühl und analytisch, als würde er bereits nach einem Ausweg suchen. Ich glaubte zu wissen, dass er die Antwort gar nicht mehr zu hören brauchte.

»Nun … Bis sie Beweise haben. Chaosmagisch oder nicht. Welches Ergebnis zu welchem Resultat führen wird, kann ich nicht sagen.«

»Nein«, fuhr Amalia mir bestimmt ins Wort, noch ehe ich zu Ende gesprochen hatte. »Das könnte Monate so gehen. Ich werde die Versammlung erneut einberufen. Sie sollen mir einen Plan vorlegen, wie sie die Beweise erbringen wollen. Können sie das nicht, lass ich sie dich nicht einsperren, bis irgendjemandem eine vermaledeite Idee kommt.«

Seither waren zwei Jahre vergangen. Man hatte Amalia einen Plan vorgelegt, den sie nicht akzeptiert hatte. Letztendlich war das jedoch egal gewesen.

Kapitel 3

« So viele Tage, die vergingen »

Die Erinnerungen zurückdrängend, schloss ich die Tür des Gewächshauses wieder und sah Blue hinterher, der fröhlich durch den Matsch tollte. Sein graues Fell sog sich regelrecht mit all dem Dreck voll. Für mich bedeutete das, den gesamten Abend damit zuzubringen, Hundefriseurin zu spielen.

Mein Badezimmer war sogar für die Verhältnisse meines Hauses klein und ich dachte ungern an die letzte Hunde-Bade-Aktion zurück. Wohlweislich ließ ich den wasserscheuen Wolfshund zunächst draußen, um die Badewanne zu füllen. Schlafende und vor allem ahnungslose Hunde sollte man nicht wecken. 

Als die Wanne zu einem Drittel gefüllt war, stoppte ich den Wasserfluss und sah für einen Moment auf die glatte, seidige Oberfläche des klaren Wassers. 

Seit meiner Isolation hatte ich den offiziellen Status: bedenklich. Die meisten nannten mich hinter meinem Rücken bereits aus dem Chaos geboren. Der Rat hatte mir versichert, eine Technik entwickelt zu haben, die es vermochte, chaosmagische Energien aufzunehmen. Man sagte mir, sie wüssten es sofort, sollte ich ein einziges Mal Magie anwenden, die nicht natürlich war. Und sie hatten gesagt, ich würde in ein paar Monaten wieder nach Hause zurückkehren können.

Dieses Versprechen hatten sie nicht gehalten. Kein einziges Mal in den letzten zwei Jahren hatte es eine chaosmagische Tendenz zu verzeichnen gegeben. Jedenfalls nicht, dass ich davon gewusst hätte. Die Furcht des Rates jedoch schien nicht gewichen zu sein. Die Furcht, ich könnte chaosmagisch sein. War ich es?

Ich hielt einen Finger in das klare Wasser und ließ es rapide abkühlen. Das war ein Leichtes für mich. Ich brauchte nur die restliche Wärme aus dem ohnehin schon kühlen Nass ziehen und an die mich umgebende Luft abgeben. 

Man sagte, während Naturmagier den bereits aufkeimenden Sturm lediglich anzufachen und zu kontrollieren vermochten, beschworen Chaosmagier ihn herauf. Ohne dass die Natur ihn in bestimmten Energien vorbereitet oder vorherbestimmt hatte, ließen sie ihn einfach aus dem Nichts entstehen. 

Sie beschworen Wasser in der Wüste, sie riefen das Feuer im eiskalten Meer. Ich ließ meine gesamte Hand eintauchen und versuchte Flammen zwischen meinen Fingerspitzen entstehen zu lassen, die das Wasser durch ihre Kraft und Hitze auf einen Schlag verdrängen würden. Unter idealen Umständen wäre ich sogar dazu fähig gewesen, ein Feuer zu entfachen.

Jetzt hatte ich keine Chance. Das Feuer wurde von dem kalten Wasser immer wieder niedergerungen, ehe es sich wirklich ausweiten konnte. Seufzend ließ ich von meinem merkwürdigen Unterfangen ab und rief Blue zu mir. 

Vollkommen durchnässt durch das Ringen mit dem wasserscheuen Wolfshund trat ich eine Stunde später an das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Ich sah in den trüben Himmel. Dort spannte sich die magische Kuppel, die all meine Magie absorbierte, über mich und die Insel. Für meine menschlichen Augen nicht zu erkennen, für meine Magierseele jedoch deutlich spürbar, machte sie diesen Ort praktisch unsichtbar für die Menschen. Wie aus einem inneren Instinkt heraus mieden sie diesen Bereich der Seekarte. 

Die Kleriker hatten diese Kuppel geschaffen. Sie waren zwar nicht von Natur aus magisch begabt, doch konnten sie durch jahrhundertealtes Wissen starke Bannzauber weben. Ein Schwur fesselte mich an diesen Ort und die Welt konnte mich nicht finden. Ich war ein Niemand in meinem eigenen Nichts.

»Ich hasse euch«, wisperte ich der unsichtbaren Abschirmung entgegen. Ich konnte nicht sagen, wie sie es geschafft hatten, aber die magielosen Kleriker hatten etwas heraufbeschworen, das mich bewährter einsperrte als jeder Eid, den ich ohnehin nie zu brechen im Sinn gehabt hätte. Aber wer konnte einer Chaosmagischen schon vertrauen?

Ich wandte mich von dem schmerzvollen Anblick des Himmels ab, um mich wenig später dem zweiten Tor zur Außenwelt in Form quälend kurzer Mails zu widmen.

Keine neuen Benachrichtigungen.

Sobald sich die Sonne am nächsten Morgen zeigte, verließ ich das Haus. Der Schlaf hatte mich gemieden, bis ich irgendwann eine ganze Kanne Kamillentee gekocht und mich vor den Fernseher gesetzt hatte. Immer wieder war ich für einige Momente auf dem Sofa eingedöst und hatte die Flüssigkeit in der Kanne noch einmal aufwärmen müssen. 

Jetzt fühlte ich mich merkwürdig schwach. 

Ich wanderte ein Stückchen auf der Insel umher. Es hatte ein wenig geschneit und der Boden war gefroren. Dennoch breitete ich eine Decke nahe der Steilklippe aus und setzte mich so darauf, dass ich gut in die Tiefe aufs Meer schauen konnte. Ich hatte schon lange nicht mehr einfach so dagesessen. 

Zu Beginn meiner Isolationszeit hatte ich diese Stille und auch diese Aussicht noch genossen. Die Sonne schien auf die unstete Meeresoberfläche und ließ jede Welle auf ihre ganz eigene Art glitzern. Hier hatte ich in aller Ruhe nachdenken können. Mittlerweile machte mich das Nachdenken krank.

Als die Kälte mir in die Glieder zog, hielt ich meinen Wärmehaushalt magisch aufrecht. Blue kuschelte sich eng an mich und ich streichelte abwesend sein weiches Fell. Das Meer rief so manche Erinnerung wach.

Der Tag war bereits weit fortgeschritten gewesen, als ich den Strand entlang spaziert war. Jenna hatte sich in ein Buch vertieft und war den ganzen Tag über nicht ansprechbar gewesen. Aidan, den man uns für die Reisen als Begleitschutz an die Seite gestellt hatte, war in die Stadt gefahren. Dafür, dass er uns hatte beschützen sollen, hatte er uns bemerkenswert oft allein gelassen.

Irgendwann hatte ich mich im Meer wiedergefunden. Die Wellen hatten um meine Oberschenkel herum getanzt und mein weißes Kleid hatte ich einfach ins Wasser hängen lassen. Die untergehende Sonne hatte mich merkwürdig glücklich gestimmt und ich hatte zu tanzen begonnen, während die Wassermoleküle von mir im Takt durch die Luft dirigiert worden waren.

Ich hatte gelacht und gesungen, so wie es damals meine Art gewesen war, bis ich mir meines Beobachters gewahr geworden war. Aidan hatte einfach nur dagestanden und nicht aufgehört, derart zu verharren, bis ich auf ihn zugegangen und direkt vor ihm zum Stehen gekommen war. Seine Miene hatte keine einzige Emotion offenbart und ich hatte es satt gehabt, dass sich dies niemals änderte, wenn er mich ansah.

»Hey.« Mein amüsiertes Lächeln hatte ich gar nicht erst zu verstecken versucht. Von diesem Mut gepackt, hatte ich die Hand nach seinem Gesicht ausgestreckt und die ernsten Fältchen um seine Mundwinkel nachgemalt.

Ehe ich noch ein weiteres Wort hatte verlieren können, hatte er mich näher an sich gezogen und ganz vorsichtig hatte ich meine Lippen auf die seinen gelegt und …

Bei der Erinnerung an diesen einen Kuss sprang mein Herz so in die Höhe, dass ich mit einer schmerzhaften Plötzlichkeit wieder ins Hier und Jetzt katapultiert wurde. 

Dieser Tag am Strand hatte mir einen Beweis für all das gegeben, was ich mir wochenlang nur erhofft hatte. Ein Beweis dafür, dass ich all die Blicke – mochten sie für einen Außenstehenden noch so kühl gewirkt haben – richtig interpretiert hatte. 

Ich seufzte. Dieser Tag am Strand hatte mich für einige Stunden schweben lassen, zum glücklichsten Wesen der Welt gemacht. Nur einen Tag später hatte Samuel den Abzug seiner Waffe gedrückt. Und ich hatte auf tragische Weise feststellen müssen, dass ein kleines Mädchen wie ich niemals eine wirkliche Bedeutung für einen umherziehenden Söldner gehabt haben konnte.

Nachdem er zu meinen Ungunsten vor dem Rat ausgesagt hatte, war er ohne Abschied zu seinem verräterischen Pack zurückgekehrt. Er hatte Samuels Verrat an uns durchaus aufrichtig verabscheut. Seine Augen hatten mir das gesagt. Doch er gehörte nun einmal zu ihnen.

Die Söldner waren neutral und kannten sich in der magischen Welt gut genug aus, um für ihre Gemeinschaften zu arbeiten. Meist meinte das den Personenschutz für außergewöhnliche Magier. Oft auch begleiteten sie die Magier im Außendienst auf der Suche nach Abtrünnigen.