Chroniken der Dämmerung, Band 2: Midnight Soul - Jennifer Alice Jager - E-Book

Chroniken der Dämmerung, Band 2: Midnight Soul E-Book

Jennifer Alice Jager

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Beschreibung

When darkness falls, trust the light within. Nie hätte die Nachtalbe Sheera gedacht, dass sie einem Menschen vertrauen könnte - noch dazu Lysander, dem Kronprinzen des Königreichs Amberan. Als ein Krieg zwischen Menschen und Alben ausbricht, stehen Sheera und Lysander plötzlich auf gegnerischen Seiten. Dabei können sie nur gemeinsam die Verschwörer am Albenhof enttarnen und weiteres Blutvergießen verhindern. Allerdings spürt Sheera, dass die zerstörerische Magie der Nachtalben in ihr mit jedem Tag stärker wird - und dass ihre Nähe Lysander in Gefahr bringt. Doch wie sollen sie sich voneinander fernhalten, wenn jeder Blick und jede Berührung ihr Herz in Flammen setzt? Band 2 der epischen Fantasy-Saga von Jennifer Alice Jager ***Leseprobe***"Mein Herz schlägt jedes Mal schneller, wenn ich dich anschaue, Sheera. Ich kann nicht mehr klar denken, alles andere scheint plötzlich unwichtig zu sein. Doch das ist gefährlich. Du bist gefährlich für mich. Nicht wegen der dunklen Magie, die der Dämmerstein in dir ausgelöst hat, nicht weil du eine Nachtalbe bist und ich ein Mensch. Sondern weil jeder Gedanke, jedes Gefühl in mir und alles, was mich ausmacht, nur dir gehören will." Er hob die Hand und ließ seine Finger über meine Wange wandern. Seine Berührung war so zärtlich, als hätte er Angst, den zerbrechlichen Moment zwischen uns zu zerstören. "Wenn ich es zulasse, dreht sich meine ganze Welt nur um dich, Sheera. Nur für eine Sekunde mit dir. Für einen Augenaufschlag. Ein Lächeln."

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Seitenzahl: 505

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Als Ravensburger E-Book erschienen 2021Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger VerlagCopyright © 2021 by Jennifer Alice JagerCopyright Originalausgabe © 2021 Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 RavensburgDieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München. Lektorat: Franziska JaekelUmschlaggestaltung und Vorsatzkarte: Carolin Liepins, MünchenVerwendetes Bildmaterial von © Marvin Dela Cruz, © Irina Alexandrovna, © progressman, © Bokeh Blur Background und © CARACOLLA, alle von ShutterstockAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-51074-0www.ravensburger.de

Eine Welle aus Schmerz fuhr durch meinen Körper, als ich auf feuchtkaltem Boden aufschlug. Der Aufprall zog mich zurück in die Wirklichkeit, ich stöhnte und ein Wirrwarr aus Farben, Geräuschen und Gerüchen strömte auf mich ein.

Wo ich mich befand und was mit mir geschehen war, wusste ich nicht mehr. Lysander hatte mich von den Fesseln befreit, aber danach? Die dunkle Magie war überall gewesen und alles, was geschehen war, nachdem sie mich eingehüllt hatte, lag wie hinter einem Schleier.

Was ich nun spürte, waren lehmige Erdbrocken unter meiner Hand und warmes Blut, das mir über die Haut floss.

»Das sollte genügen«, hörte ich jemanden über mir sagen. Die Stimme klang fern und dumpf, Schritte waren zu hören. Dann folgte Ruhe.

Ich war nicht fähig, aufzustehen. Nicht einmal bewegen konnte ich mich. Eigentlich hätte mir das Angst machen müssen, aber selbst dazu fehlte mir die Kraft.

Wieder stöhnte ich leise. Der Schmerz war unerträglich, ebbte jedoch allmählich ab, während mir zeitgleich immer kälter wurde. Es kam mir vor, als würde mir mein Leben durch die Finger rinnen – genau wie mein Blut.

War dem so? Lag ich irgendwo auf dem kalten Waldboden und verblutete? Ich spürte kein Laub unter mir, nur Erde und Wurzeln, und mit einem Mal begriff ich, wo ich war. Ich lag in Lysanders Grab. In dem Erdloch, aus dem er von den Blutalben gezogen worden war und in das man mich nun gestoßen hatte.

Bei dem Gedanken an Lysander fiel mir wieder ein, wie ich verletzt worden war. Er hatte mir meinen eigenen Dolch in den Leib gejagt. Aber wieso? Was war zwischen dem Erwachen der dunklen Magie und seinem Angriff geschehen? Ich konnte mich einfach nicht erinnern und je mehr ich es versuchte, desto unerträglicher wurde der Schmerz.

Ich wollte nicht sterben. Nicht so und nicht nach allem, was vorgefallen war. Jemand musste Athura aufhalten.

War er es gewesen, der gerade eben gesprochen, am Rand des Grabes gestanden und auf mich herabgeblickt hatte, während ich mich in diesem Erdloch krümmte wie ein zerteilter Wurm? Hatte er mich zum Sterben zurückgelassen?

Das durfte nicht das Ende sein!

Verzweifelt versuchte ich, mich hochzustemmen und meine Hand fester auf die Wunde an meinem Bauch zu pressen, damit das Blut nicht länger ungehindert daraus hervorquoll. Doch es gelang mir nicht. Mein Körper wollte mir einfach nicht gehorchen, sosehr mein Geist auch danach verlangte. Wie lange ich schon so dalag, unfähig, mir selbst zu helfen, wusste ich nicht. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit.

»Sheera!«, sprach mich plötzlich jemand an.

Die Stimme erreichte mich kaum. Ich hatte keine Ahnung, woher sie kam oder zu wem sie gehörte. War Lysander zurückgekehrt? War er gekommen, um mich zu retten? Ich hätte panisch werden müssen, weil ich wehrlos war und er mich niedergestochen hatte. Aber das Gegenteil war der Fall. Der Gedanke an ihn schenkte mir genug Kraft, um die Augen aufzuschlagen. Verschwommen sah ich Stiefel, gleich neben meinem Gesicht. Schatten legten sich über mich.

»Holt sie da raus«, sagte jemand.

»Aber was ist, wenn sie …?«

»Sie stirbt!«

Das Bild vor meinen Augen entglitt mir wieder. Es wurde still und es gelang mir kein weiteres Mal, mich an das zu klammern, was um mich herum geschah. Die Dunkelheit war einfach zu übermächtig und ich versank darin wie in einem See, während die Wirklichkeit immer weiter von mir wegrückte.

Schon einmal hatte Lysander im Kerker seines Vaters gesessen und die Gefangenen an der Wand ihm gegenüber beobachtet. Doch diesmal lag auch er in Ketten und seine Mitinsassen wussten sehr genau, wer er war. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, ihn in die Finger zu bekommen. Es war sein Glück, dass die Magie der Mahr abgeklungen und sein Verstand nicht mehr benebelt war. Andernfalls hätten sie leichtes Spiel mit ihm gehabt.

Durch schmale Augen musterte er sie und achtete auf jede Bewegung. Aber wie lange konnte er das durchhalten? Diesmal würde Vinzenz ihn nicht befreien – denn der einzige Mann, der Lysander je wirklich zur Seite gestanden hatte, war tot. Ermordet auf Befehl des Königs. Und wie es schien, würde Lysander bald schon sein Schicksal teilen. Wieso sonst hätten ihn die Gardisten gefangen nehmen und einkerkern sollen? Wieso sonst nannten sie ihn einen Verräter an der Krone?

Eigentlich hätte sich Lysander vor seinem drohenden Ende fürchten müssen. Er hätte einen Aufstand machen, wütend sein oder in Panik geraten sollen. Doch stattdessen schüttelte er nur müde den Kopf.

Dass ihn der Gedanke kalt ließ, was als Nächstes mit ihm geschehen würde, lag wahrscheinlich an dem, was er gesehen hatte. Die Mahr waren ein zu übermächtiger Feind, als dass er sich um sein eigenes Schicksal scherte. Ganz Amberan war in Gefahr. Nicht nur wegen der Mahr, die wohl nur auf die Nacht warteten, um in das Land der Menschen einzufallen, sondern vor allem wegen Athura und seiner Blutalben. Aber wenn Lysander ehrlich war, berührte ihn auch das kaum. Er fühlte sich innerlich wie tot. Als wäre ein Teil von ihm für immer verloren gegangen. Lag es an dem Zauber? An der bösartigen Magie der Mahr, die ihm den Verstand geraubt und sein Wissen über das Königreich seines Vaters und den Dämmerstein entrissen hatten? Oder steckte etwas anderes dahinter?

Lag es an dem, was mit Sheera geschehen war? Immer wenn er die Augen schloss, sah er ihr vor Schmerz und Entsetzen verzerrtes Gesicht, die Verzweiflung und Angst in ihrem Blick. Er spürte noch ihr warmes Blut, das ihm über die Finger geflossen und auf seinen Oberkörper getropft war. Und jedes Mal fühlte es sich an, als würde er sich den Dolch selbst in den Bauch jagen.

Sein Inneres verkrampfte sich und das Atmen viel ihm schwer. Er hielt es nicht aus, auch nur daran zu denken, was er getan hatte. Er wagte es ja nicht einmal, zu schlafen, weil er ihr in den Träumen so nah war, als stünde sie direkt neben ihm. Und wenn er dann aufwachte, war es, als würde sie erneut sterben. Wieder und wieder.

Wie viel Zeit wohl seit seiner Verhaftung vergangen war? Waren die Mahr bereits in Amberan eingefallen?

Erschöpft lehnte er den Kopf an die Wand, starrte zur Decke und versuchte, seine Erinnerungen an Sheera auszublenden. Aber das wollte ihm nicht gelingen. Er hatte sie erstochen und mit ihr war ein Teil von ihm selbst gestorben. Keine Empfindungen zu haben war besser, als an dem Gefühl der Schuld zu ersticken, und so gab es am Ende nichts, was die Leere in ihm füllen konnte.

Als die Tür aufgeschlossen wurde und ein Wachmann die Kette an seinem Fußgelenk löste, reagierte er nicht einmal.

»Mitkommen!«, verlangte der Mann und blickte mit Abscheu auf ihn herab.

Lysander fragte sich einmal mehr, was genau man ihm eigentlich vorwarf. Er stand auf und ließ sich ohne Gegenwehr aus dem Kerkertrakt führen. Zwei Wachen eskortierten ihn quer durch die Burg und geboten ihm, vor dem Thronsaal zu warten.

Lysanders Blick fiel auf das imposante Schnitzwerk, das die deckenhohen Flügeltüren zierte. Es zeigte das von zwei Löwen gehaltene Wappen Amberans. Dass ihm dieser Anblick vor nicht allzu langer Zeit noch Ehrfurcht eingeflößt hatte, fühlte sich merkwürdig an. Nachdem er im Palast der Mahr gewesen war, wirkte alles in der Burg von Agrino klein, dunkel und plump. Niemand hier ahnte, was hinter der Grenze lag und was bald schon auf sie zukäme.

Ob ihm sein Vater Glauben schenken würde? Die Mahr an der Grenze konnte niemand abstreiten, aber all die Dinge, die Lysander auf der anderen Seite des Waldes gesehen hatte, klangen selbst für ihn unwirklich. Wie aus einem allzu fantastischen Traum. Er bezweifelte, dass der König ihm Geschichten von Mahr in seidenen Gewändern, mit magischen Fähigkeiten, einer Stadt aus Elfenbein und unermesslichen Reichtümern abkaufen würde.

Das Absurde war, dass er wirklich vorgehabt hatte, ein besserer Mensch und würdiger Kronprinz zu werden. Er wollte der Mann sein, den nur Vinzenz in ihm gesehen hatte. Bevor alles aus den Fugen geraten war, hatte er beschlossen, sein Leben dem Königreich Amberan zu widmen. Nun stand er vor dem Eingang zum Thronsaal und war wahrscheinlich kurz davor, es im Namen des Königs zu verlieren. Aber auch das berührte nicht sein versteinertes Herz. Nicht wirklich.

»Seine Königliche Hoheit, Kronprinz Lysander von Amberan«, kündigte ihn eine laute Stimme an. Zeitgleich wurden die Türflügel aufgezogen und er blickte in die Gesichter der versammelten Adelsgesellschaft. Zu beiden Seiten füllten die Männer und Frauen den Saal. Eine der Wachen griff nach Lysanders Arm, doch er wehrte ihn ab. Es war nicht nötig, ihn vor seinen Vater zu schleppen wie ein Ferkel zur Schlachtbank. Er hatte keine Angst vor dem, was auf ihn zukam.

Erhobenen Hauptes schritt er durch die Reihen der Adligen und die anfängliche Stille wich bald einem leisen Gemurmel. Kein Wunder, so wie er aussah. Als er vor nicht allzu langer Zeit noch von diesen Menschen gefeiert wurde, hatte er in Brokat und Seide gekleidet zwischen ihnen gestanden. Nun zeigte sich ihnen ein ganz anderes Bild. Ihr bejubelter Kronprinz durchquerte den Thronsaal in zerrissenem Hemd, verdreckt und gerupft wie ein Huhn. Mit den Stoppeln in seinem bleichen Gesicht und den dunklen Augenringen war er sich selbst fremd vorgekommen, als ihm dieses Antlitz zum ersten Mal vom Boden einer Pfütze im Kerker entgegengeblickt hatte.

Erst auf halbem Weg zum Thronpodest schaute Lysander zu seinem Vater auf. König Nabran war das genaue Gegenteil von ihm. Mit gestutztem Bart und scharfem Blick saß er reglos wie eine Salzsäule auf seinem Herrschersitz. Er war in seine edelste Robe gehüllt, als wäre der Anlass dieser Versammlung eine Hochzeit und nicht die Anklage seines eigenen Sohnes.

In gebührendem Abstand fiel Lysander auf ein Knie. Nicht, weil er sich mit dem König gutstellen wollte oder vorhatte, um sein Leben zu flehen, sondern weil er längst nicht mehr der aufmüpfige Taugenichts war, für den sein Vater ihn mit Sicherheit noch hielt. Wenn er schon vor Gericht stehen musste, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, dann wenigstens mit Anstand.

Die Kleidung des Königs raschelte, doch Lysander blickte nicht auf.

»Krieg!«, brüllte sein Vater laut und durchdringend. Das Wort fuhr Lysander durch Mark und Bein. »Das ist es, was du über unser Land gebracht hast. Ich habe dir Amberan zu Füßen gelegt, habe getan, was ich konnte, um deinen Weg auf den Thron zu ebnen. Und was tust du? Du verrätst uns! Verrätst jeden einzeln Bürger Amberans. Es gibt keine Strafe, die angemessen wäre, um das zu vergelten.«

Lysander schaute stur zu Boden. Wut war in ihm aufgeschäumt, sein Körper begann zu beben und er musste gegen den Drang ankämpfen, aufzuspringen und seine Ankläger als Lügner zu beschimpfen.

Das warf man ihm also vor? Sie wollten ihn für den drohenden Krieg verantwortlich machen, obwohl er alles riskiert hatte, um seinen Vater vor den Mahr und ihrer boshaften Magie zu warnen? Er hatte sogar Sheera sterbend im Wald zurückgelassen, war jedoch sofort verhaftet worden, nachdem er die Grenze überschritten hatte.

»Steh auf!«, verlangte der König.

Lysander schnaubte verächtlich, gehorchte aber. Er erhob sich und ballte die Hände zu Fäusten, um seinen Zorn im Zaum zu halten. Wenn er gehört werden wollte, durfte er seinem Vater nicht ins Wort fallen. Er musste ihn reden lassen und warten, bis er an der Reihe war. Auch wenn es ihm schwerfiel.

Nabran betrachtete ihn ausgiebig und schüttelte schließlich voller Enttäuschung den Kopf. »Mein eigen Fleisch und Blut. Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

Lysander öffnete den Mund, doch sein Vater unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. Offenbar hatte er gar nicht vor, ihn anzuhören.

»Lass …!«, stieß Lysander noch aus, da packten ihn schon zwei Gardisten. Einer von ihnen legte ihm drohend sein Schwert an die Kehle. Wie hätte er berichten können, was hinter der Grenze lag, wenn er nicht einmal ausreden durfte? War am Ende alles umsonst gewesen?

»Dein Volk war in Sorge, nachdem du plötzlich verschwunden warst«, fuhr der König fort. »Ich ging von einem Überfall aus, einer Entführung. Aber wer könnte den stärksten Kämpfer des Landes überwältigen und verschleppen? Wer? Es war keine Entführung, nicht wahr? Es war eine Flucht. Die Flucht vor deiner Verantwortung. Vor deinem Erbrecht. Wo ist das junge Ding, mit dem du die Burg verlassen hast? Hat sie das Weite gesucht, kaum dass ihr die Reichtümer verprasst hattet, die ihr aus meiner Schatzkammer gestohlen habt? Hat sie dich dazu verleitet, den Dämmerstein – das Zeichen des Waffenstillstands zwischen Amberan und Farhir – zu stehlen und den Mahr zurückzubringen? Ich kenne dich nicht mehr, Lysander. Ich weiß nicht, ob du den Friedenspakt mit Absicht oder aus reiner Dummheit gebrochen hast. Aber ihnen den Stein zu bringen, kam einer Kriegerklärung gleich und das kann ich nicht ignorieren. Selbst wenn ich es wollte. Und jetzt sag mir, hast du diesen Hochverrat begangen? Hast du den Dämmerstein gestohlen und damit die Grenze nach Farhir überschritten?«

Das Getuschel der Adligen wurde lauter und ließ Lysander befürchten, dass es keine Rolle mehr spielte, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Er war in der Schatzkammer gewesen, hatte den Stein eigenhändig entwendet und nach Farhir gebracht. Das konnte er nicht leugnen. Aber deswegen war er kein Landesverräter.

»Ich habe keinen Hochverrat begangen«, widersprach er.

»Hab wenigstens so viel Anstand, mich nicht zu belügen! Willst du leugnen, einen der Männer ermordet zu haben, die ich dir und deiner Liebschaft hinterhergeschickt habe? Willst du meine Gardisten Lügen strafen, die sahen, wie du ihm sein eigenes Schwert durch den Leib getrieben hast?«

»Hör mich wenigstens an«, verlangte Lysander und kämpfte gegen die Männer an, die ihn noch immer festhielten. »So viel Respekt kannst du deinem Sohn doch wohl entgegenbringen, wenn du ihm schon weniger glaubst als denen, die nach deiner Krone trachten.«

»Respekt?«, spie Nabran ihm entgegen und wandte sich an die Adelsgesellschaft. »Habt ihr das gehört? Der Junge verlangt Respekt.« Er gab den Gardisten mit einer knappen Geste den Befehl, seinen Sohn loszulassen, und noch bevor Lysander reagieren konnte, verpasste ihm der König einen heftigen Schlag ins Gesicht.

Der Schmerz durchzuckte seinen Körper und die Wucht brachte ihn zu Fall. Er landete auf allen vieren und fasste sich an die heiß pochende Wange. Der Hass auf seinen Vater und dessen Ignoranz wuchs in ihm ins Unermessliche. Er spuckte Blut auf den glatt polierten Boden des Thronsaals.

»Hast du die Grenze überschritten?«, schrie ihn sein Vater an.

Lysander atmete tief durch. »Ja, das habe ich.«

Nabrans Schatten legte sich über ihn. »Du warst schon immer ein Nichtsnutz. Ein feiger, aufmüpfiger Schürzenjäger, der mir nichts als Schande gebracht hat. Dass du mit dem Schwert umgehen kannst und bereit warst, der Krone zu dienen, hat mich für einen Moment schwach werden lassen. Aber du hast nicht mal einen Tag gebraucht, um die Hoffnung zu zerstören, die ich in dich gesetzt hatte. Nicht einen einzigen Tag!«

Lysander hatte genug. Er sprang auf, wollte auf seinen Vater zustürmen, doch die Gardisten waren schneller und hielten ihn auf. »Du hast keine Ahnung, was ich für unser Land getan habe! Du weißt nicht, was ich geopfert habe und was hinter den Grenzen Farhirs auf uns lauert.«

Der König deutete auf die Tür des Thronsaals, als läge das Reich der Mahr unmittelbar dahinter. »Was du in unser Land gelassen hast, lauert längst nicht mehr hinter der Grenze. Die Mahr stürmen bereits die äußeren Provinzen, sie töten mein Volk. Genau in diesem Moment herrscht Krieg und du hast ihn über uns gebracht. Ob mit Absicht oder aus reiner Dummheit mag für jene, die deinetwegen sterben, keine Rolle spielen. Für mich, der mit der Schande leben muss, aber sehr wohl. Also sag mir, Lysander, hast du einen meiner treuen Gardisten ermordet, um ins verfluchte Reich Farhir fliehen zu können, wo du den Dämmerstein an unsere Feinde übergeben hast?«

Lysander blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hätte alles sagen können und damit doch nichts am Entschluss des Königs geändert. Sein Leben lang war er diesem Mann nicht gut genug gewesen und würde es auch nie sein. »Er war kein treuer Diener der Krone«, sagte er abgeklärt. »Aber das interessiert dich nicht, oder? Du willst nur, dass ich bestätige, was du schon immer von mir dachtest. Bitte, dann tue ich dir den Gefallen. Ja, ich habe ihn getötet und ja, ich hatte den Dämmerstein bei mir, als ich die Grenze zu Farhir überschritten habe.«

Nabran atmete tief durch und straffte die Schultern. Neben der Abscheu in seinem Blick sah Lysander noch etwas anders. Eine tief empfundene Zufriedenheit, als wäre es die größte Genugtuung für ihn, seinen eigenen Sohn als Verräter entblößt zu haben. Warum er so sehr darauf erpicht war, ergab für Lysander keinen Sinn. Die Schande fiel doch auch auf ihn zurück und bisher hatte er sich stets die größte Mühe gegeben, genau das zu vermeiden.

»Hört mein Urteil«, sagte Nabran.

»Warte!«, fiel Lysander ihm ins Wort. »Hör dir wenigstens an, was ich über die Mahr zu sagen habe. Lass mich erklären …«

»Schweig! Ich brauche weder deine Erklärungen noch deine Ausflüchte, um die Mahr zu besiegen. Meine Vorfahren haben sie schon einmal zurückgeschlagen und wir werden es wieder tun.«

War es das? Wollte Nabran diesen Krieg? Wollte er ihn genauso sehr wie Athura? Und war er bereit, seinen einzigen verbliebenen Sohn zu opfern, um dieses Ziel zu erreichen? Ihm war doch gar nicht klar, worauf er sich einließ!

Der König ging die Stufen zum Thron hinauf und wandte sich den Adligen zu. »Der Verräter soll sterben. Doch nicht durch den Strick. Er soll an der Grenze durch die Hand jener Monster sterben, die er in unser Land gelassen hat. Und ich bete dafür, dass er im Tod die Ehre findet, die ihm im Leben nicht zuteilwurde.«

»Damit unterschreibst du nicht nur mein Todesurteil!«, brüllte Lysander ihn an. »Du weihst ganz Amberan dem Untergang, wenn du glaubst, das Land allein mit Waffengewalt gegen die Mahr verteidigen zu können.«

Nabran sank auf seinen Thron und würdigte Lysander keines Blickes. »Schafft ihn fort. Und dann lasst Rheon eintreten.«

»Rheon?« Lysander wehrte sich aus Leibeskräften. Nabran durfte den Angriff der Mahr nicht auf die leichte Schulter nehmen und vor allem durfte er diesem Rheon nicht vertrauen.

»Die Mahr sind erst die Vorhut«, schrie er, während ihn die Männer aus dem Thronsaal bugsierten. Verzweifelt schaute er sich unter den Adligen um, in der Hoffnung, wenigstens ein Gesicht zu entdecken, das ihm Glauben schenken würde. Doch selbst wenn einer von ihnen am Urteil des Königs zweifelte, hatten alle zu viel Angst, um Lysander auch nur anzusehen. »Ihr ahnt nicht, wer euer wahrer Feind ist und was euch hinter der Grenze erwartet.«

Doch es war zwecklos. Der König hatte sein Urteil gefällt und niemand hörte ihm zu. Als sie ihn aus dem Thronsaal gezerrt hatten, wartete dort bereits Rheon in Begleitung einer ganzen Schar bewaffneter Krieger. Selbstzufrieden schaute er dabei zu, wie Lysander fortgeschafft wurde.

Wie ein gemeiner Verbrecher lag er in Ketten und wurde auf einem Pferdekarren dem Volk zur Schau gestellt. Auf dem Weg durch die Straßen von Agrino bewarfen sie ihn mit faulem Obst, Dreck und Steinen.

Lysander ertrug es mit Fassung. Was blieb ihm auch anderes übrig? Warum sein Vater so gnadenlos mit ihm ins Gericht gegangen war, verstand er immer noch nicht und er wurde das Gefühl nicht los, nur einen Teil der Geschichte zu kennen. Es musste noch mehr dahinterstecken. Vielleicht weitere Lügen, die Rheon über ihn verbreitet hatte?

Der König hatte ein kleines Heer aus Fußsoldaten losgeschickt, um die Mahr an den Landesgrenzen zurückzuschlagen. Es waren kaum dreihundert Mann, die dem Karren folgten, und eine Handvoll Reiter. Viel zu wenige, um die Horde besiegen zu können, die er gesehen hatte. Aber wahrscheinlich konnte so kurzfristig keine größere Truppe auf die Beine gestellt werden. Schließlich war der größte Teil der königlichen Armee im ganzen Land verteilt und in Kämpfe gegen die eigenen Provinzen verstrickt.

Lysander vermutete, dass Rheon die Aufgabe zugefallen war, die verstreute Kriegsmacht Amberans unter einer Flagge zu vereinigen und den entscheidenden Schlag gegen die Mahr anzuführen. Anschließend läge ihm ganz Amberan zu Füßen. Nur ahnten wohl weder der König noch Rheon, mit welchem Feind sie es in Wirklichkeit zu tun hatten.

Wieder traf ihn ein Stein an der Schulter. Mit dem faulen Obst kam er zurecht, aber die Steine machten ihm wirklich zu schaffen. Er hatte bereits überall blaue Flecken, sein Ohr war aufgeplatzt und pochte heiß. Offenbar reichte es nicht aus, dass er für sein Versagen als Kronprinz sterben musste. Er sollte in Schimpf und Schande untergehen.

»Stirb, du Verräter!«, rief jemand.

»An den Galgen mit ihm!«

Einige Gardisten hielten das Volk auf Abstand, sodass sich der Zug langsam, aber stetig, in Richtung Stadtgrenze bewegen konnte. Doch das brachte die aufgewiegelte Menge nicht von dem Versuch ab, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen.

»Tod dem Prinzen!«, grölten die Umstehenden, während Lysander immer wieder beworfen wurde.

Plötzlich brachen ein paar Männer durch die Reihen der Gardisten und stürzten sich auf den Karren. Mehrere Hände packten Lysander, rissen sein Hemd endgültig in Fetzen und zerrten an seinen Haaren.

»Fort mit euch!«, schimpfte der Kutscher und schlug mit der Peitsche nach den Männern, die versuchten, Lysander vom Karren zu ziehen. Da die Kette um seine Handgelenke jedoch am Boden des Karrens befestigt war, gelang es ihnen nicht, sodass der Kutscher sie schließlich vertreiben und die Gardisten sie zurückdrängen konnten.

Lysander nickte dem Mann dankbar zu, obwohl er nicht wusste, welche Art zu sterben gnädiger wäre: durch die Hände seines eigenen Volkes oder durch die Mahr, die ihm an der Grenze die Seele rauben würden.

Der Kutscher bedachte ihn mit einem abfälligen Blick und spuckte auf die Ladefläche, bevor er sich wieder seinem Pferd widmete.

Resigniert senkte Lysander den Blick. Er bereute nicht, Sheera gefolgt zu sein. Er bereute nicht, ihr Leben verschont und die Wahrheit über das, was hinter der Grenze lag, herausgefunden zu haben. Aber sterben zu müssen, ohne Amberan mit seinem Wissen über die Mahr helfen zu können, zerriss ihn schier innerlich.

Er hatte Sheera in ihrem eigenen Blut liegend zurückgelassen, um den König zu warnen. Wie sollte er sich das je verzeihen können? Wütend zerrte er an der Kette. Die Schellen hatten ihm bereits die Handgelenke aufgeschürft, der Schmerz zog sich bis in die Fingerknochen. Dennoch tat es bei Weitem nicht so weh wie das Gefühl der Machtlosigkeit in seiner Brust.

Wie lange würde es dauern, bis die Mahr Agrino erreicht hatten und ganz Amberan fiel? Unzähligen Menschen drohte der Tod und er konnte es nicht verhindern. Nichts von alledem.

Kraftlos sackte er in sich zusammen und blendete die Schreie und Flüche der Menge aus. Als sie die Stadt verließen und auf eine staubige Straße Richtung Grenzland abbogen, wurde das Gegröle zu einem fernen Rauschen in Lysanders Ohren, bis er schließlich die Besinnung verlor.

Er wusste, dass es ein Traum war, als er das Zwitschern von Vögeln hörte, warme Sonnenstrahlen auf seiner Haut spürte und sein Herz von einem inneren Frieden erfüllt wurde, wie er ihn schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Er wusste es und es tat unsäglich weh, dass er das Ende dieses Traums bereits kannte. Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Er spürte seidene Laken unter seinen Fingern, strich mit der Hand darüber und blickte zur Seite, wo Sheera neben ihm lag und friedlich schlief. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in tiefen Atemzügen, ihre mondblasse Haut glitzerte wie Kristall im Schein der Morgensonne und ihr Haar wirkte wie tiefschwarzes Pech, das ihr über die Schultern floss. Lysander sehnte sich danach, in ihre Augen zu blicken. So viele Geheimnisse lagen darin. So vieles gab es zu ergründen. Doch danach zu fragen, war ihm nicht vergönnt. Er richtete sich ein Stück weit auf, beugte sich über sie und strich ihr über die Wange. Ihre Haut war kühl wie frisches Quellwasser. Weder so dunkel noch so warm wie die der Menschen. Sie war so völlig anders als alle Frauen, die er je kennengelernt hatte – so mutig und willensstark. Nichts hätte sie je brechen dürfen. Sein Körper verkrampfte sich bei diesem Gedanken. Sheera schlug die Augen auf und starrte ihn voller Entsetzen an. Schmerz, Angst und reine Verzweiflung lagen in ihrem Blick. Sie schaute an sich hinunter, sah genau wie er das viele Blut, das die Laken tränkte. Ihr Blut. Es quoll aus einer Wunde am Bauch, während seine Hand um den Griff eines Dolches lag, der darin steckte. Erschrocken blickte er zu ihr auf, doch die Sheera, die er kannte, war verschwunden. Ein Mahr mit grauer Haut, mondblinden Augen und weit aufgerissenem Mund lag unter ihm, schrie und stürzte sich auf ihn.

Lysander war sofort wach, saß aufrecht und fand sich auf dem Pferdekarren wieder, noch immer mit eisernen Schellen an den Handgelenken gefesselt. Sein Atem ging stoßweise und Schweiß klebte ihm an der Stirn.

Er hatte wieder diesen Traum gehabt. Und wieder blieb in ihm das Gefühl zurück, Sheera gerade erst getötet zu haben. Nicht schon vor Tagen. Nur sein eigener Tod konnte die Qualen beenden, die ihm seine Erinnerungen bereiteten.

Anscheinend waren mehrere Stunden vergangen, denn die Sonne ging allmählich unter. Als ihm der Geruch nach kalter Asche in die Nase stieg, schaute er auf.

Dass die Mahr sich bereits über die Grenzlande hergemacht hatten, wusste er längst. Doch wahrhaftig zu sehen, was geschehen war, kam kaum an seine Vorstellungskraft heran. Sie fuhren an niedergebrannten Bauernhäusern und schwarz verkohlten Feldern vorbei, bis sie ein verlassenes Dorf erreichten. Rauch stieg von den Ruinen einiger ausgebrannter Gebäude auf, Fenster waren zerschlagen, Türen eingetreten oder ganz aus den Angeln gerissen worden. Lysander erinnerte sich an den Volksglauben, dass die Mahr nur mit Feuer vertrieben werden konnten. Wenn ein Mahr erst einmal ein Haus aufgesucht hatte, kam er Nacht für Nacht wieder, bis er jedem Bewohner die Seele ausgesaugt hatte. Das Gebäude musste bis auf die Grundmauern niedergebrannt werden, um benachbarte Häuser und Höfe vor dem Fluch der Mahr zu schützen. Offenbar war genau das hier geschehen.

Auf den Straßen lagen die Habseligkeiten der Menschen, die sie eilig gepackt und auf der Flucht dann doch zurückgelassen hatten. Dazwischen fanden sich bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leichen, deren Anblick Lysander die Luft zum Atmen nahm.

Noch nie hatte er so etwas gesehen. Die Körper waren ausgemergelt bis auf die Knochen, ihre Haut grau, die Augen traten aus den Höhlen hervor. Beinahe erinnerten sie an Brandopfer, doch nur wenige von ihnen waren im Feuer umgekommen. Es waren die seelenlosen Hüllen ausgesaugter Menschen, die überall in den zerstörten Häusern und auf offener Straße lagen – das, was die Mahr übrig ließen, nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten.

Lysanders Blick blieb an einem zusammengekauerten Geschöpf zwischen den Mauern einer Häuserruine hängen. Ein Kind, kaum mehr als solches zu erkennen.

Ein Schauer überkam ihn, er ertrug es nicht länger, sich umzuschauen. Könnte seine Hinrichtung wiedergutmachen, was geschehen war oder weiteres Leid verhindern, wäre er offenen Auges in den Tod gegangen. Aber dem war nicht so. Die Mahr wurden von dunkler Magie getrieben und nichts konnte ihre Gier nach menschlichen Seelen bändigen. Was Lysander an diesem Ort sah, war erst der Anfang des Schreckens, der auf Amberan zukam. Sein Tod sorgte nur dafür, dass sein Wissen um die Mahr verloren ging.

»Eines würde ich gern wissen«, sagte ein Reiter. Er hatte sein Pferd neben den Karren gelenkt und blickte stur nach vorn. Hass lag in seinen schmalen dunklen Augen. Er war noch jung, ungefähr in Lysanders Alter, wirkte schmächtig, mit weichen Zügen und der makellosen Haut eines Kindes, das gerade erst zum Mann geworden war. Wie die meisten Kämpfer, die der König mit dieser aussichtslosen Mission beauftragt hatte, schien er keine Kriegserfahrung zu haben. Er war ein Opfer, das an die Grenze geschickt wurde, um den Feind hinzuhalten, bis die richtige Armee eintraf. Ob ihm das klar war?

Er wandte sich Lysander zu. »Wusstet Ihr, was die Mahr anrichten würden, als Ihr Euch entschlossen habt, Euer Volk an sie zu verraten?«

Es wunderte Lysander, dass der junge Mann ihm den Respekt einer gehobenen Anrede zollte. Seit seiner Rückkehr nach Amberan hörte er das zum ersten Mal.

»Ich habe mein Volk nicht verraten und ich würde auf der Stelle mein Leben geben, wenn ich dafür auch nur eines der Opfer zurückbringen könnte«, erklärte Lysander.

Der Reiter schnaubte verächtlich. »Im Redenschwingen seid Ihr gut. Euer Tod wird keines der verlorenen Leben retten, aber das vergossene Blut sühnen. Vielleicht ist Euch das ein Trost.«

»Nein, es tröstet mich nicht, zu wissen, dass mein Tod nichts ändern wird.«

»Demian, auf deine Position!«, verlangte ein älterer Krieger mit Augenklappe und pockennarbigem Gesicht. Er hatte sich auf seinem Pferd nach hinten gedreht und schaute den jungen Mann auffordernd an.

Demian bedachte Lysander mit einem letzten abfälligen Blick, dann trieb er sein Pferd zurück zu den anderen. Erst jetzt fiel Lysander auf, dass sich die dreihundert Mann starke Einheit aufgeteilt hatte. Nur etwa zwei Dutzend von ihnen waren übrig. Die anderen hatten sich vermutlich an der Landesgrenze verteilt.

»Was habe ich dir über dein loses Mundwerk gesagt?«, fragte der Alte in scharfem Ton. Offenkundig war er der Kommandant der Männer.

»Er hat all die Menschen hier auf dem Gewissen!«

»Und dafür wird er büßen.« Der Kommandant wendete sein Pferd und ließ den Blick über das zerstörte Dorf wandern. »Wir satteln ab. Bringt die Pferde auf das Feld hinter den Häusern und kümmert euch um den Gefangenen.«

Statt eines deutlichen »Ja, Sir!«, wie Lysander es von den Rittern und Kriegern des Königs gewohnt war, erklang bloß ein missmutiges Grummeln. Dennoch befolgten die Männer den Befehl.

Lysander hatte längst keinen Zweifel mehr, dass der König sie als Bauernopfer an die Grenze geschickt hatte. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Ein paar offensichtlich unerfahrene Kämpfer unter dem Kommando eines alten Mannes, der aussah, als hätte man ihn vom Totenbett gezerrt, um ihn ein letztes Mal in die Schlacht ziehen zu lassen.

Demian und ein weiterer Mann sprangen auf den Karren, lösten die Kette vom Metallring am Boden und zerrten Lysander auf die Füße.

»Lass uns das schnell hinter uns bringen«, sagte Demian sichtlich genervt.

Der andere, ein paar Jahre älter als er selbst, mit kantigem Gesicht und rotem Haar, grinste breit und schraubte seine Hand fester um Lysanders Oberarm. »Heute Abend hast du deinen großen Auftritt, Prinzesschen. Freust du dich schon?«

»Prinzesschen?«, fragte Demian. »Ist das dein Ernst, Aegin? Hältst du das hier für einen Scherz?«

Aegin lachte makaber. »Du nicht? Das ist doch der größte Scherz aller Zeiten.«

Sie zogen Lysander vom Karren, Aegin klopfte auf die Ladefläche und nickte dem Kutscher zu. »Schaff das Teil aus dem Weg.«

»Wie sieht euer Plan aus?«, wollte Lysander wissen. Er fragte sich, wie es diesem Haufen ungehobelter Jungspunde gelingen sollte, die Mahr auch nur ein paar Stunden in Schach zu halten, bevor die richtige Armee eintraf.

Aegins Grinsen wurde noch breiter. »Das wüsstest du wohl gern, was?«

»Schluss mit den Albernheiten«, mischte sich ihr Kommandant ein. »Wir sind hier, um unser Vaterland zu verteidigen. Wenn ihr für sonst nichts zu gebrauchen seid, dann gebt wenigstens gutes Kanonenfutter ab und benehmt euch ein Mal in eurem erbärmlichen Leben wie richtige Soldaten.«

»Ja, Sir«, sagte Demian.

Aegin verdrehte die Augen und brummte nur leise: »Zu Befehl, du alter Stinkstiefel.«

»Wie war das?«, fragte der Kommandant.

»Zu Befehl!«, sagte Aegin und nahm Haltung an.

Der Kommandant musterte ihn kritisch, beließ es dann aber dabei. »Zum Brunnen mit ihm. Und Aegin, sorge dafür, dass die Kette fest sitzt. Keiner von uns will im Dunkeln die Wälder durchkämmen, sollte es dem Prinzen gelingen, sich zu befreien und wieder wegzulaufen wie ein feiges Huhn.«

»Ihr habt keine Ahnung!«, warf Lysander dem Mann entgegen. Wenn die Mahr über sie herfielen, wäre er sicher nicht der Erste, der flüchten würde.

Demian und Aegin packten ihn grob und schleiften ihn zum Ziehbrunnen in der Mitte des Dorfes. Es machte ihn so wütend, auf diese Weise enden zu müssen. Als Feigling abgestempelt und wehrlos den Monstern ausgesetzt, die nur durch den Dämmerstein entfesselt worden waren. Es durfte einfach nicht sein, dass er Sheera umsonst geopfert hatte! Er blickte zum Wald und spürte den unbändigen Drang, sich loszureißen und zurück nach Farhir zu fliehen. So nah an der Grenze wurde er das Gefühl nicht los, dass Sheera doch noch lebte. Was, wenn dem wirklich so war? Wenn er sie gar nicht getötet hatte, sondern Athura sie gefangen hielt? Er konnte ihre Nähe beinahe spüren. Als würde der Teil seiner Seele, die sie ihm ausgesaugt hatte, nach ihm rufen.

»Heimweh?«, fragte Aegin herablassend.

Lysander hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, ihn und Demian zu überwältigen. Aber wie weit würde er kommen? Und wie wahrscheinlich war es, dass er sich das alles bloß einbildete? Ganz sicher wollte er nicht bestätigen, was alle von ihm dachten. Er war kein Feigling. Vor seinem Schicksal zu fliehen, kam nicht infrage.

»Ich habe nicht vor, wegzulaufen, falls du darauf anspielst«, entgegnete er.

Aegin schnaubte und befestigte die Kette an einem der beiden Holzbalken des Brunnens. »Ein bisschen wehren könntest du dich schon.«

Lysander dachte aber nicht daran, verzweifelt an der Kette zu zerren oder um sein Leben zu flehen. So viel Würde und Anstand mussten sie ihm zutrauen, dass er seinem Ende wenigstens erhobenen Hauptes entgegenblickte.

»Vielleicht seid Ihr doch nicht so feige, wie Edem behauptet hat«, mutmaßte Demian.

Der Name rief etwas in Lysander wach. Er warf einen Blick zum Kommandanten zurück. »Der Edem?«, fragte er. »Der Mann, der im Alleingang eine ganze Provinz erobert hat?«

»Ja, der Edem«, bestätigte Demian. »Es gibt Helden in diesem Land. Männer, die ihr Leben für das Volk lassen würden und nicht nur davon tönen wie ein verzogener Schönling.«

Dass Edem ein Held war, wusste jeder. Aber das lag schon viele Jahrzehnte zurück. In der Zwischenzeit war er von einem Krieger zu einem Trunkenbold geworden, der von großen Schlachten sprach, während er seine Erinnerungen in einem Bierkrug ertränkte. Er war vor langer Zeit schon in Ungnade gefallen und vom Hofe des Königs verbannt worden. Nabran war wohl kein Besserer eingefallen, um diesen aussichtslosen Kampf zu führen.

»Von diesem verzogenen Schönling hier wird schon sehr bald nur noch eine blasse Leiche übrig sein«, höhnte Aegin.

»Seid ihr bald fertig?«, rief ihnen jemand zu.

»Alles erledigt«, bestätigte Demian und blickte zum Himmel auf. Die Sonne stand tief, warf ihr rötliches Licht über das verlassene Dorf und ließ die Schatten bedrohlich wachsen. »Nicht mehr lange und sie werden kommen.«

Auch Lysander war sich dessen bewusst. Und er bezweifelte, dass es den Mahr genügte, ein paar Bauernhöfe und kleine Grenzdörfer zu überfallen. Sobald die Dunkelheit über Amberan hereingebrochen war, würden sie aus ihren Verstecken gekrochen kommen und sich tiefer ins Landesinnere wagen.

Aegin rüttelte noch einmal prüfend an der Kette. »Zieh nicht zu fest daran. Sonst löst sie sich womöglich noch.« Er zwinkerte Lysander zu und wandte sich zum Gehen.

Verwundert blickte Lysander ihm nach. Was hatte Aegin ihm damit sagen wollen? Er schaute zur Kette. Sie wirkte, als wäre sie gut befestigt. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass Aegin ihn entkommen lassen wollte.

Edem gab seinen Männern den Befehl, sich in den Ruinen der abgebrannten Häuser zu verstecken. Offenbar hatten sie vor, Lysander als Köder zu benutzen, und die Mahr in einen Hinterhalt zu locken. Vielleicht würde ihnen das sogar gelingen. Wenn die Männer die Ruhe bewahrten.

Ein Rascheln im Dickicht vor der Dorfgrenze zog Lysanders Aufmerksamkeit auf sich. War es nun so weit? Hatte das Warten ein Ende und die Mahr krochen aus ihren Verstecken? Sein Herz schlug ihm mit einem Mal bis zum Hals. Er wusste, wie es sich anfühlte, wenn sich so eine Bestie die Seele ihres Opfers holen wollte, und er sehnte sich nicht gerade danach, diese Machtlosigkeit noch einmal zu erleben. Aber er war bereit.

»Sie kommen!«, rief er den Männern zu und fixierte das Gebüsch. Es war mittlerweile zu Dunkel, um noch viel erkennen zu können.

»Macht euch bereit!«, befahl Edem mit gesenkter Stimme.

»Sie sind nicht zu unterschätzen, verstanden?«, warnte Lysander die Gardisten. Auch wenn er keine Angst zeigen wollte, wurde er immer unruhiger. Ihm blieben wahrscheinlich nur noch Sekunden und die wollte er nutzen. »Sie sind stärker und schneller als wir. Und sie können besser hören und sehen. Ihre Magie wird euch den Verstand rauben, wenn ihr nicht aufpasst.«

»Warum redet der unentwegt?«, hörte er Aegin fragen.

»Pst«, zischte jemand. »Sei du lieber still.«

Ein Schatten huschte nicht weit vom Brunnen entfernt über die Straße. Sie kamen näher und sie taten es so schnell und leise, dass Lysander unmöglich sagen konnte, wie viele es waren.

»Wartet, bis sie beginnen, mir die Seele auszusaugen. Ich schätze, sie sind nur dann wirklich angreifbar. Aber wartet nicht zu lange.« Anschließend betete er dafür, dass es gar nicht erst so weit kommen würde. Auf diese Weise durfte und wollte er nicht sterben.

Lysanders ganzer Körper war bis zum Zerreißen gespannt. Sein Puls raste und er stand breitbeinig da, um schnell ausweichen zu können, sobald ihn der erste Mahr angriff.

Kampflos wollte er sich nicht ergeben. Auch wenn er wusste, dass er unbewaffnet und an den Brunnen gekettet nicht lange überleben konnte.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, riss den Kopf herum, fand aber nichts in dem schmalen Schatten, den eine Mauer auf die staubige Straße warf. Hatte er sich geirrt? War seine Anspannung so groß, dass er Dinge sah, die es gar nicht gab?

Plötzlich hörte er schnelle Schritte, direkt hinter sich. Er wirbelte herum, zog die Arme hoch und schon schlug etwas mit voller Wucht gegen seine Brust. Der Aufprall war so heftig, dass er stürzte und gegen den Brunnen prallte. Der Schmerz, der ihm dabei durch den Rücken fuhr, betäubte ihn kurzzeitig, sodass es ihm nicht gelang, den Mahr von sich zu stoßen. Die Bestie stand über ihn gebeugt, schrie markerschütternd und begann, auf seine erhobenen Arme einzuschlagen. Messerscharfe Krallen schnitten sich durch Lysanders Fleisch, während er versuchte, die Eisenkette an seinen Handgelenken in die Finger zu kriegen. Als ihm das endlich gelang, legte er sie dem Mahr um den Hals und zerrte kräftig daran. Die Bestie landete neben ihm im Staub, er warf sich über sie und rammte ihr sein Knie in die Rippen. Dann zog er so fest an der Kette, wie er konnte. Der Mahr röchelte und zappelte unter ihm wie ein Fisch auf dem Trockenen, doch Lysander durfte keine Gnade zeigen. Noch ein Ruck und das Genick des Mahr brach mit einem lauten Krachen.

Mit hetzendem Atem saß Lysander am Boden. Blut trat aus den Wunden an seinen zitternden Armen, doch ihm fehlte die Zeit, zu verschnaufen. Schon stürzte sich ein weiterer Mahr auf ihn und klammerte sich an seinem Rücken fest. Er versuchte, ihn abzuschütteln, kam taumelnd auf die Füße und fasste nach hinten, um den Angreifer im Nacken zu packen. Laut brüllend schleuderte er ihn über sich hinweg. Dabei stolperte er vorwärts und das Biest stürzte in den Brunnen. Lysander fing sich am Brunnenrand ab und sah, wie der Mahr in der Tiefe verschwand. Ein entferntes Klatschen war zu hören.

Erleichtert atmete Lysander durch und kämpfte dagegen an, auf die Knie zu sinken. Er musste irgendwie die Kette lösen, um sich besser bewegen zu können. Doch dafür hatte er im Moment nicht genügend Kraft. Völlig erschöpft klammerte er sich an den Brunnenrand und wusste nicht, wie viele Angriffe er noch überstehen konnte.

Plötzlich regte sich etwas im finsteren Brunnenschacht. Lysanders Inneres verkrampfte sich. Der hinuntergestürzte Mahr schoss wieder nach oben. Direkt auf ihn zu. Lysander stolperte zurück, die Kette spannte sich. Vergeblich zerrte er daran, fluchte und hätte Schreien können vor Wut und Verzweiflung. Als er wieder aufsah, sprang der Mahr auch schon mit einem Satz auf den Brunnenrand und fauchte ihn an. Der Sturz in die Tiefe schien ihm nicht geschadet zu haben.

»Komm schon«, forderte Lysander ihn schwer atmend auf. Er wollte es endlich zu Ende bringen.

Der Mahr zögerte nicht, sprang ihn mit einem Satz an und riss ihn zu Boden. Die Eisenkette spannte sich noch mehr. Es fühlte sich an, als würden ihm die Schellen über die Handgelenke gezerrt und die Arme ausgekugelt werden. Aber schließlich war es die Kette, die nachgab, und nicht sein Körper. Mit einem kräftigen Ruck löste sie sich vom Brunnenbalken und wenn der Mahr nicht auf ihm gehockt hätte, wäre Lysander jetzt frei gewesen.

Er wollte sich zur Wehr setzen, die Bestie von sich stoßen und kämpfend sterben – wenn er denn schon sterben musste –, aber sein Körper versagte ihm den Dienst. Eine betäubende Schwäche überkam ihn, seine Glieder waren wie gelähmt. Er war dem Mahr ausgeliefert. Während er das Gefühl hatte, weder atmen noch sich regen zu können, spürte er einen starken Sog und sah verschwommen, wie ihn seine Seele in Form wabernden Nebels verließ. Es war, als würde der Mahr ihm alles entreißen wollen, was ihn ausmachte. Seine Gedanken, seine Erinnerungen, sein ganzes Ich. Verzweifelt klammerte er sich daran fest, doch es half nicht.

Als Lysander glaubte, endgültig verloren zu sein, riss die Verbindung zu dem Mahr ab. Der Nebel verschwand, die Bestie bäumte sich auf und eine Klinge brach ihr durch den Leib. Sie schnellte auf Lysander zu und kam kaum eine Handbreit vor seiner Brust zum Stehen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Lysander auf das blanke Metall. Es kam ihm vor, als wäre er unter Wasser gewesen, kurz davor zu ertrinken, und nun konnte er endlich wieder Luft holen. Kampfgeräusche und der Geruch nach Blut und Schweiß strömten so plötzlich auf ihn ein, dass ihm schwindelig wurde.

Als er an dem Mahr vorbeiblickte, schaute er in Demians versteinerte Miene. Der junge Mann befreite sein Schwert mit einem Ruck aus dem Körper der toten Bestie, die daraufhin über Lysander zusammenbrach.

»Danke«, stieß Lysander kraftlos aus und hievte den leblosen Körper von sich. Ein paar Sekunden später und der Mahr hätte sein Werk vollendet. Lysander hätte nichts dagegen tun können.

»Das war nicht für Euch«, sagte Demian.

Um sie herum wurde erbittert gekämpft, die Männer unter Edems Befehl hatten ihr Versteck verlassen und die Mahr griffen sie mit bloßen Krallen an. Obwohl sie zahlenmäßig unterlegen waren, hatten die Gardisten es schwer, sie zurückzuschlagen. Die Bestien sprangen den Kämpfern in den Nacken, zerfetzten ihre Lederharnische mit nur wenigen Hieben und wichen mühelos den Schwertern aus. Lysander hatte richtig vermutet: Wenn die Mahr nicht gerade dabei waren, jemandem die Seele auszusaugen, waren sie nur schwer zu besiegen.

Demian wurde sofort wieder in die Kämpfe verwickelt und Lysander suchte die Umgebung nach einer Waffe ab. Er zog sich auf die Füße, stolperte zu einem im Staub liegenden Schwert und hob es auf. Für einen kurzen Augenblick hielt er inne. Die Schreie, der Gestank nach Schweiß und Blut, sein hetzender Herzschlag – alles drohte ihn zu überwältigen. Er konnte nicht fassen, dass eingetreten war, was er und Sheera um jeden Preis hatten verhindern wollen. Der Gedanke, dass Athuras Plan aufzugehen schien, schnürte ihm die Kehle zu. Amberan wurde von den Mahr überrannt und so wie es um ihn herum aussah, starben für jede Bestie, die sie besiegten, mindestens drei oder vier Menschen. Ihr Kampf wirkte völlig aussichtslos und Lysander hätte alles dafür gegeben, einen Weg zu finden, die Mahr zurück in die Wälder zu treiben. Aber er war genauso machtlos wie die anderen. Auch er konnte nur versuchen, irgendwie zu überleben.

Er schraubte seine Hand fest um den Griff des Schwertes. Der kräftige Ruck an der Kette hatte dafür gesorgt, dass ihm die Eisenschellen bis zu den Daumengelenken gerutscht waren. Seine Haut war aufgeschürft und seine Finger zusammengedrückt. Sie fühlten sich bereits taub an, aber das versuchte er zu ignorieren. Er sammelte alle Entschlossenheit, die er aufbringen konnte, und stürzte sich in den Kampf. Hätte er die Mahr von dem Fluch befreien können, der sie zu gnadenlosen Monstern machte, er hätte es getan. Aber er kannte nur den einen Weg, sie zu erlösen. Und das war der Tod.

Binnen kürzester Zeit brachte er zwei weitere Mahr zu Fall und zeigte dabei keine Gnade, auch wenn sich jeder Stoß, den er ausführte, wie ein Schnitt in sein eigenes Fleisch anfühlte – als würde er Sheera wieder und wieder töten und nicht damit aufhören können.

Lysander ging auf einen Mahr zu, der sich gerade an einem gefallenen Krieger gelabt hatte. Er wollte ihn von hinten aufspießen, doch die Bestie bemerkte ihn und wirbelte herum. Unersättliche Gier lag in ihren Augen. Lysander lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er konnte nicht glauben, dass diese Kreatur einmal so wie Sheera gewesen war. Bevor die dunkle Magie eine wilde Bestie aus ihr gemacht hatte, war sie ein denkender, fühlender Nachtalb gewesen. Nicht besser oder schlechter als ein Mensch. Aber davon war nichts mehr geblieben.

Er hob das Schwert und spürte, wie es ihm aus der Hand rutschen wollte. Seine Finger waren taub und dazu kamen noch die Schnitte an den Armen. Aber aufgeben durfte er nicht. Er schrie und stürzte voran.

Der Mahr wich mit Leichtigkeit aus, Lysander stolperte an ihm vorbei, fiel auf ein Knie und hörte, wie die Bestie ihn von hinten anfallen wollte. Schnell vergrub er seine Hand in der Erde. Erst als der Mahr nah genug war, warf er sich herum und schleuderte ihm den Dreck in die Augen. Die Bestie fauchte und schlug sich die Pranken vor das Gesicht. Diese Gelegenheit nutzte Lysander, um ihr die Beine wegzutreten. Der Länge nach landete der Mahr auf dem Boden. Lysander sprang auf, zögerte einen kurzen Moment, riss sich aber schnell wieder zusammen und rammte ihm die Klinge laut brüllend direkt durch die Wirbelsäule. Und wieder überkam ihn das Gefühl, sich das Schwert durch den eigenen Körper zu jagen – sich selbst Stück für Stück zu töten, je weniger Gnade er den Mahr entgegenbrachte.

Nachdem das Röcheln seines Opfers verstummt war, ließ er das Schwert fallen, stand auf und fiel sofort wieder auf ein Knie. Sein Körper machte nicht mehr mit. Er hatte nicht einmal die Kraft aufzuschauen, als sich ihm Schritte näherten. Erst als unmittelbar vor ihm zwei Stiefel zum Stehen kamen, war er sich sicher, es nicht mit einem Mahr zu tun zu haben. Angestrengt hob er den Blick und stellte fest, dass der Kampf vorbei war. Nur wenige Männer standen noch, die Mahr waren besiegt. Vor ihm hatte sich Edem aufgebaut.

Der Mann sah mindestens so mitgenommen aus, wie Lysander sich fühlte. Auch den anderen schien es nicht besser ergangen zu sein. Sie waren blutverschmiert, hatten sich einige Blessuren zugezogen und wirkten völlig erschöpft. Dabei hatte die Nacht gerade erst begonnen.

»Nehmt ihm die Kette ab«, befahl Edem.

»Aber …«, stieß einer der Umstehenden aus.

Lysander verstand es ebenfalls nicht. Edem hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er ihn um jeden Preis tot sehen wollte. Wieso ihn also von den Fesseln befreien?

»Sofort!«, knurrte Edem und wandte sich an Lysander. »Du kannst gut kämpfen und du weißt mehr über diese Bestien als wir alle zusammen. Es wird Tage dauern, bis das Heer des Königs eintrifft und ich habe bereits nach dem ersten Angriff mehr als die Hälfte meiner Männer an eine Handvoll Mahr verloren. Ich brauche dich lebend und kampftüchtig. Zumindest bis auf Weiteres.«

Jemand schloss die Eisenschellen auf, die klirrend zu Boden fielen. Erleichtert reckte Lysander die Hände. Die Taubheit verschwand, doch damit kehrte der Schmerz zurück in seine Finger. Aber das war immer noch besser, als sie zu verlieren.

»Was sagst du dazu?«, fragte Edem.

Lysander musste nicht lange überlegen. »Ich kämpfe«, antwortete er entschlossen. »Für Amberan und bis in den Tod.«

Edem nickte zufrieden. »Bis in den Tod.«

Ein weiterer Angriff hätte ihnen allen mit Sicherheit das Leben gekostet. Zum Glück waren sie bis jetzt davon verschont geblieben. Vielleicht hielt ihr Lagerfeuer die Mahr fern, vielleicht waren sie auch zu wenige, um die Bestien erneut anzulocken.

Von den ursprünglich zwei Dutzend Kämpfern waren noch sieben am Leben. Sie hatten Wasser abgekocht, um ihre Wunden zu säubern, und bis auf einen Mann, der schwer verletzt auf Decken gebettet lag, saßen sie um das Feuer herum und schwiegen. Nur das Zirpen der Grillen und das leise Knistern in der Glut untermalte die erdrückende Stille der vorangeschrittenen Nacht. Es war offensichtlich, dass keiner von ihnen große Hoffnungen hegte, lange am Leben zu bleiben, und das schlug sich in der Stimmung nieder. Die Mahr hatten sie beinahe überrannt, und dass trotz ihrer Unterzahl. Bis auf Lysander hätte wohl niemand damit gerechnet.

Neben ihm stocherte Demian in den Flammen. Quer über sein Gesicht zogen sich blutige Kratzspuren. Sein Blick war trüb und er wirkte um einiges älter als noch vor wenigen Stunden.

Lysander unterdrückte ein Gähnen. Er war müde und hätte im Sitzen einschlafen können. Doch jedes Mal, wenn ihm die Augen zufielen, sah er Sheera vor sich und nach den Kämpfen gegen die Mahr vermischte sich ihr Bild mit denen seiner anderen Opfer. Also versuchte er, wach zu bleiben, was auch besser war, denn sie wussten nicht, ob die Mahr doch noch einmal angreifen würden.

Er hatte seine zerkratzen Arme und blutigen Handgelenke gereinigt und bandagiert. Es war die Hölle gewesen, aber mittlerweile verebbte der Schmerz und quälte ihn kaum noch. Seine Finger konnte er bewegen, sodass nur ein paar Narben zurückbleiben würden. Falls er lange genug überlebte. Ginge es nach dem König, wäre er schon längst tot, was er immer noch nicht verstehen konnte. Die Entscheidung passte nicht zu seinem Vater, der stets dafür gesorgt hatte, dass die Taten seines Sohnes keine Schande über die Familie brachten. Warum hatte er seine Meinung geändert? Warum keinen anderen Sündenbock gesucht, wie es eher seine Art gewesen wäre? Resigniert starrte Lysander ins Feuer und merkte, wie seine Augenlider flatterten. Trotzdem kämpfte er weiter gegen die Müdigkeit an.

Auch die anderen schliefen nicht. Der Schwerverletzte stöhnte leise und wand sich unter Schmerzen. Allein das hielt seine Kameraden wach. Aegin war der Feldscher des Trupps. Er hatte sich um den Mann gekümmert und schien ihm keine großen Überlebenschancen einzuräumen.

Als aus der Ferne ein Schrei zu ihnen drang, sprang Edem sofort auf. Lysander griff nach seinem Schwert und ließ den Blick aufmerksam umherschweifen.

»Eines der Nachbardörfer?«, fragte Demian.

Edem nickte mit regloser Miene und setzte sich wieder hin.

Erneut ertönten Schreie.

»Wir müssen etwas tun«, sagte Lysander. Er war erschöpft und hatte Schmerzen, aber alles war besser, als zuhören zu müssen, wie die Mahr ungehindert mordeten.

»Wir werden gar nichts tun«, widersprach Edem. »Wir können nichts tun. Es ist reines Glück, dass wir überhaupt noch am Leben sind. Wem sollten wir eine Hilfe sein?«

Kraftlos schüttelte Lysander den Kopf. Untätig zu bleiben, fühlte sich einfach nicht richtig an. »Und wenn wir nur einen retten können …«

»Ausgerechnet ein in Ungnade gefallener Prinz will mir etwas über Heldenmut erzählen?«, fragte Edem.

Lysander antwortete nicht. Er starrte in die Flammen und das Gefühl der Schuld schnürte ihm die Brust zu. Er war kein Verräter an König und Vaterland, er hatte die Mahr nicht über die Grenze gelockt und diesen Krieg nicht gewollt. Dennoch trug er einen Teil der Verantwortung für das, was geschehen war. Schließlich hatte Athura das Wissen um das Versteck des Dämmersteins von ihm. Auch wenn er es ihm nicht aus freien Stücken gegeben hatte.

Noch immer waren in der Ferne Schreie zu hören und alles in Lysander drängte danach, aufzuspringen und sich in den nächsten Kampf zu stürzen. Dabei würde er in seinem Zustand vermutlich keine drei Minuten überleben. Und dennoch. Wenn er schon keinen Weg sah, nach Farhir zurückzukehren und Athura aufzuhalten, wollte er wenigstens kämpfen. Er wollte sein Land verteidigen und seine Erinnerungen in Blut ertränken.

»Hunger?«, fragte jemand und hielt ihm ein Stück verdrecktes Brot ihn.

Lysander verengte den Blick, woraufhin Aegin so laut lachte, dass Edem ihn mit einem mahnenden Blick zur Ruhe bringen musste.

»Der Herr Prinz wird Besseres gewohnt sein als dein siffiges Brot, Kassa.«

Doch das hatte Lysander nicht stutzig gemacht. Sie waren in der Schlacht, da musste man nehmen, was man kriegen konnte. Die Hand, die das Brot hielt, hatte stattdessen seine Aufmerksamkeit erregt. Er hob den Blick und sah in das Gesicht einer Frau.

»Du bist …?«

»Ich bin was?«, giftete sie ihn an.

Unter dem Schmutz, der nicht nur am Brot klebte und unter ihren Fingernägeln hing, sondern auch ihr Gesicht bedeckte, hätte er beinahe nicht erkannt, dass er eine junge Frau vor sich hatte. Ihr strohblondes Haar trug sie zurückgebunden und ihre blauen Augen stachen deutlich hervor. Sie leuchteten beinahe im Dunkeln der Nacht.

»Eine Frau«, sagte er.

»Und du glaubst, das weiß ich nicht?«

Aegin prustete. »Pass auf Kassa, der Herr Prinz ist dafür bekannt, sich jedes hübsche Ding zu schnappen, das nicht bei drei auf den Bäumen ist.«

»Wer hat davon nicht gehört?« Kassa deutete mit dem Kinn auf Lysander. »Glaubst du etwa, jede rumzukriegen, wenn du ihr nur schöne Augen machst? Einmal zwinkern und alle fallen dir um den Hals?« Sie kam näher, richtete sich auf und fixierte ihn durch schmale Augen. »Mag sein, dass dir in der Burg deines Vaters jeder Rock hinterhergelaufen ist, aber die Zeiten sind vorbei. Ohne Reichtum und Macht bleibt dir nur dein hübsches Gesicht. Aber das bringt dich auf den Straßen Amberans nicht sehr weit. Hier wissen sich die Frauen nämlich zu verteidigen.« Bei diesen Worten legte sie ihm einen Dolch an den Hals. Die Männer am Lagerfeuer lachten verhalten, während Kassa das Metall fester gegen Lysanders Kehle drückte.

Er schaute sie unverwandt an und nahm ihr dabei unbemerkt das Brot aus der Hand. »Danke«, sagte er.

Kassa legte die Stirn in Falten, bis Lysander ihr das Brot zeigte. Zum ersten Mal, seit er zurück in Amberan war, huschte ihm ein Lächeln über die Lippen.

Kassa zog den Dolch zurück. »Wie hast du …?«

Die Männer prusteten vor Lachen und Kassa starrte ungläubig auf ihre Hand. »Er ist ein gemeiner Taschendieb! Von wegen Prinz, man hat uns einen Doppelgänger untergejubelt!«

»Du hast dich wohl eher von ihm bezirzen lassen«, meinte Aegin.

»Es reicht jetzt«, mischte sich Edem ein. »Ihr vergesst wohl, wo wir sind. Und wer er ist. Achtet auf eure Umgebung und haltet euch bereit. Die Nacht ist noch nicht vorbei. Lysander, du hältst die erste Wache.«

»Er?«, fragte Demian.

Auch Lysander war verwundert. Erst riss der Mahr die Kette vom Brunnen, weil Aegin sie nachlässig befestigt hatte, dann befreite ihn Edem von den Fesseln und nun teilte er ihn zur Wache ein? Wollte ihn das Schicksal auf die Probe stellen? Sollte er seine Landsleute im Stich lassen und nach Farhir fliehen? Die Versuchung war stark, das konnte er nicht leugnen. Erst recht, nachdem er etwas abseits vom Lagerfeuer seine Wachposition eingenommen hatte und sich leicht hätte davonstehlen können. Aber er brachte es nicht über sich – sosehr es auch wehtat, zu den Wäldern zu blicken und nicht zu wissen, ob Sheera doch noch am Leben war und nur darauf wartete, dass er zurückkehrte.

»Lysander!«, stieß ich aus, schrak hoch und zuckte zusammen, weil meine Eingeweide bei der Bewegung aufschrien. Ich griff mir an den Bauch und ertastete einen feuchten Verband.

»Nicht bewegen«, ermahnte mich jemand und hielt mich an den Schultern zurück.

Mein Atem ging stoßweise, Schweiß klebte mir an der Stirn und meine Hände zitterten. Ich fühlte mich so schwach wie schon lange nicht mehr und ließ es zu, wieder in die Kissen gedrückt zu werden. Erst dann schaute ich mich um. Das Zimmer, in dem ich lag, war klein, düster und staubig. Durch die halb geschlossenen Läden eines schmalen Fensters fiel Tageslicht auf einen potthässlichen Knüpfteppich, der über einem abgewetzten Boden ausgebreitet lag.

Ich war zu Hause! Dieser Gedanke überrollte mich schier. Zu Hause in Bashtana, in meinem eigenen Bett, in Baldurs Haus. Und es war auch Baldur, der neben mir stand.

Ich war erleichtert, ihn wiederzusehen, auch wenn ich im ersten Moment geglaubt hatte, Lysander vorzufinden. Doch offenbar hatte ich bloß von ihm geträumt. Ein paar Bilder waren mir geblieben und ich versuchte, mich an Einzelheiten zu erinnern. Ich sah eine zerstörte Stadt bei Nacht und Lysanders blutige Hände, die sich in Ketten um den Griff eines Langschwertes schraubten. Aber da war noch mehr. Nachtalben, die zu Bestien geworden waren, und ein erstickendes Gefühl aus Verrat, Verzweiflung und Machtlosigkeit. Es kam mir vor, als wäre Lysanders Leid auch meines, was ich kaum ertragen konnte. Ich griff mir an die Schläfen, die Bilder verschwammen allmählich, und die Gefühle, die damit einhergegangen waren, verschwanden. Erst dann konnte ich wieder frei atmen.

»Es war nur ein Fiebertraum, aber jetzt wird alles gut«, versprach Baldur.

Ich wandte mich ihm zu. Er lächelte, doch seine Augen blieben davon unberührt. Etwas Schwermütiges lag in seinem Blick. Ich konnte nicht sagen, woher es kam.

»Was …?«, brachte ich schließlich mit kratziger Stimme hervor.

»Wir haben dich gefunden. Im Wald.« Baldur tauchte ein Tuch in die Waschschüssel auf dem Nachttisch und tupfte mir damit die Stirn ab. Das kühle Wasser tat gut und beruhigte mich etwas.

Ich dachte nach. Wie viel von dem, woran ich mich noch erinnerte, war geträumt? Der Palast, Haran, die Königinnenwahl. Athuras Verrat an unserer Königin. Ich hätte alles dafür gegeben, mir das nur zusammenfantasiert zu haben, aber ich wusste, dass dem nicht so war. Ich hatte es erlebt – bis hin zum Ausbruch der dunklen Magie in den Grenzwäldern. Nur, was war danach geschehen? War das Bild von Lysander in Ketten nur meiner Fantasie entsprungen? War das bloß ein Traum oder doch eine Erinnerung?

»Ich muss …«, stöhnte ich.

Baldur fiel mir ins Wort. »Du musst nichts weiter tun, als dich auszuruhen. Du hast eine schwere Verletzung erlitten. Als wir dich gefunden haben, warst du so gut wie tot. Nur den Heilkräften unseres Priesters verdankst du es, überhaupt noch am Leben zu sein. Du brauchst jetzt viel Schlaf und Ruhe, verstanden?«

Ich nickte und schloss für einen Moment die Augen. Wenn es mir schon schwerfiel, sie offen zu halten, wie hätte ich da widersprechen und mich aus dem Bett quälen sollen? Bevor ich meine Gedanken und Erinnerungen nicht geordnet hatte und nicht unterscheiden konnte, was Traum und was Wirklichkeit war, würde ich ohnehin nichts ausrichten können.

»Ich komme später wieder und bringe dir Suppe. Um zu Kräften zu kommen, musst du etwas essen.«

»Danke«, hauchte ich erschöpft. Kam es mir nur so vor oder wirkte Baldur mir gegenüber reserviert, beinahe schon kalt? Ich war mir sicher, dass er etwas vor mir verbarg.

Nachdem er die Suppe erwähnt hatte, merkte ich erst, wie hungrig ich war. Wie lange war ich wohl bewusstlos gewesen? Ich gierte regelrecht danach, die Leere in meinem Bauch zu füllen. Egal womit.

Baldur feuchtete den Lappen noch einmal an, legte ihn auf meine Stirn und wandte sich anschließend zum Gehen. Ich hoffte, er würde bald zurückkehren. An der Tür blieb er stehen und schaute mich noch einmal besorgt an. Erst dann ließ er mich mit meinen Fragen allein zurück.

Ich musste etwas ganz Entscheidendes verpasst haben. Irgendetwas war während meiner Bewusstlosigkeit geschehen und hatte Baldur verstört.

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, versuchte ich erneut, mich aufzurichten. Schwerfällig hievte ich meinen Oberkörper hoch und begutachtete den Verband um meinen Bauch. Man hatte mir eine Kräuterkompresse aufgelegt, die ich vorsichtig beiseiteschob. Darunter fand ich keine offene Wunde, wie ich es erwartet hatte, sondern eine frische sternförmige Narbe. Wie lange hatte ich geschlafen? Wochenlang? Denn ich bezweifelte, dass der Priester von Bashtana Heilzauber beherrschte, die mächtig genug waren, um meine Wunde beinahe verschwinden zu lassen.

Wenn es aber nicht meine Verletzung war, die Baldur solche Sorgen machte, was war es dann? Ich befürchtete, dass es mit der dunklen Magie zusammenhing, die Athura freigesetzt hatte. Egal wie, ich musste so schnell wie möglich auf die Beine kommen und herausfinden, was passiert war.