Verlag: BookRix Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Chroniken der Weisen Band 1 - Laura Misellie

Eine Routine, ein fester Rhythmus. Bis zu diesem einen Tag. Der Tag, der alles ändert und einer Bestimmung neue Weichen setzt. Jolie Bennetts Leben gerät völlig aus den Fugen. Eigentlich will sie nur ihren Bruder vor dem fiesen Jungen aus der Nachbarschaft beschützen, als sich etwas Merkwürdiges ereignet. Noch am selben Abend wird sie entführt und an einen fremden Ort gebracht. Dort erzählt man ihr von ihren totgeglaubten Ahnen, ihrer seltenen und besonderen Fähigkeit und ihrer Bestimmung. Jo soll alles hinter sich lassen, aber sie will zurück nach Hause und plant ihre Flucht. Als die Dinge eine grauenvolle Wendung nehmen, wird sie erneut vor die Wahl gestellt. Können die ehrlichen Worte des sonst so arroganten Elementares Eric sie am Ende zum Bleiben bewegen und dazu, ihrer Bestimmung zu folgen? Reise mithilfe magischer Spiegel in die Vergangenheit und tauche ein in unsere Welt und ihre Mythen, in der ungeheure Kräfte die Vorherrschaft haben und das Böse den Frieden bedroht. Band 1 der Serie

Meinungen über das E-Book Chroniken der Weisen Band 1 - Laura Misellie

E-Book-Leseprobe Chroniken der Weisen Band 1 - Laura Misellie

Laura Misellie

Chroniken der Weisen Band 1

Hinter den Spiegeln

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Widmung

Für Tobi,

denn mit dir macht auch der schlimmste Arbeitstag noch Freude.

Ich sage Danke, weil du mir nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund bist.

Kapitel 1 Unbeschwert

Ich sitze nur da und halte seine Hand. Seine Augen sind geschlossen, doch ich denke nur daran, wie sein Blick erstarrt und die Lider aufgerissen gewesen sind. An die Angst, die er ausgestrahlt hat. Nie wieder werde ich diesen Anblick aus meiner Erinnerung streichen. Er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, und dort wird er bleiben. Ich will nicht vergessen, wie es gewesen ist, ihn so zu finden. Wie lang sich die Sekunden anfühlten, in denen ich auf ihn zueilte, mich neben ihn auf den Boden kniete und seine Hand ergriffen, sie gedrückt und an ihm gerüttelt habe. Eine gefühlte Ewigkeit. Bis ich begriffen habe, dass ich zu spät gekommen bin. Zu spät, um ihn zu retten.

 

 

Eifrig simse ich mit Freddie. Ich kann kaum glauben, auf eine der angesagtesten Partys der Stadt eingeladen zu sein. Und das ausgerechnet an Halloween. Freddie schickt mir deshalb in regelmäßigen Zeitabständen Selfies von ihrem Outfit. Die hat es gut. Sie hat diese stressige Tortur bereits hinter sich, weil sie klug genug gewesen ist, sich ihre Verkleidung schon in der vergangenen Woche zu besorgen.

»Jo, wenn du nicht das Handy wegsteckst, wirst du niemals etwas finden«, klagt in diesem Moment mein kleiner Bruder, der neben mir läuft, als würde ich ihn geradewegs zur Schlachtbank führen. Er ist sichtlich genervt von seiner Umgebung und fragt sich wahrscheinlich bereits, warum er darauf bestanden hat, mitkommen zu dürfen. Er hasst Menschenmengen.

»Das ist wichtig, Tim!«, brumme ich zurück, als ich das Handy in die Jackentasche gleiten lasse und meinem kleinen Bruder einen Blick zuwerfe. »Warum stehst du überhaupt hier? Wolltest du dir nicht unbedingt dieses alberne Spiel holen?«

Er lächelt und nickt. Das stimmt, nur deswegen hat er ja in Erwägung gezogen, an Halloween das Einkaufscenter zu betreten und sich damit in seine persönliche Hölle auf Erden zu wagen. Keine zehn Pferde hätten ihn sonst hierher bekommen.

»Es ist nicht albern!«, verteidigt er sein Vorhaben. »Mit dem Add-on schaffe ich es, zu einem Level-hundert-Magier aufzusteigen. Dann kann ich endlich den Clanführer der Orks vernichten. Ehrlich, meine Feuermagie ist schon dermaßen stark, aber ich komme ohne die richtige Ausrüstung und den richtigen Stab einfach nicht weiter!«

Er rasselt diese Informationen voller Überzeugung herunter und wirft mir einen Blick zu. In seinen Augen habe ich keine Ahnung, wovon er spricht. Damit hat er, verdammt nochmal, Recht. Für mich zählt im Moment nur, ein knappes Outfit zu finden, um die Jungs auf der Halloweenparty zu beeindrucken. Seit Wochen reden alle Mädchen meiner Klasse über nichts anderes mehr. Die Party, das passende Make-up und die richtigen High Heels. Das ist nicht seine Welt.

»Du und deine Fabelwesen.« Ich schüttele den Kopf.

»Das sind keine …«

»Jaja«, unterbreche ich meinen Bruder sofort. »Diese endlose Diskussion kann ich nicht schon wieder mit dir führen. Da vorne ist der Laden, also geh, und hol dir deine Fabe-« Ich seufze. »Dein Spiel. Ich muss hier eben rein und … Hey!«

Bevor ich den Satz aussprechen kann, werde ich unwirsch von der Seite angerempelt. Mein Blick fällt auf den Verursacher des Zusammenstoßes. Zuerst will ich ihn anfahren, weil er doch darauf achten soll, wo er hinläuft. Sein verlorenes und hektisches Auftreten bringt mich allerdings im selben Moment davon ab.

»Sorry«, höre ich es ihn bloß abgehackt sagen, schon verschwindet er in der Menge, und ich verliere ihn aus den Augen.

Für einen Augenblick starre ich in die Leere, verspüre ein komisches Gefühl. Schließlich reibe ich mir den Arm und wende mich wieder an meinen Bruder. »Na dann.«

»Ach, weißt du, eigentlich brauche ich das Spiel gar nicht.«

Muss das jetzt sein?

Obwohl mir überhaupt nicht der Sinn danach steht, dieses Gespräch zu führen, atme ich tief durch und lege den Arm um meinen kleinen Bruder. »Hör doch nicht auf mich«, spreche ich ihn an und grinse. »Ich weiß, dass das dein Ding ist. Magie, Elemente und der ganze Kram.«

Das tue ich wirklich, denn mir ist klar, dass mein Bruder ein waschechter Nerd ist. Er hat keine Freunde, verbringt seine komplette Freizeit alleine zu Hause und spielt irgendwelche Sachen am Computer.

»Nein, es ist eigentlich nicht wichtig«, murmelt Tim leise und starrt wie gebannt zu dem Laden mit den Spielen hinüber.

Ich folge seinem Blick und erkenne den Grund für sein plötzliches Verhalten. Dieser Junge, der ein paar Häuser weiter wohnt und Timmy immerzu drangsaliert, tummelt sich mit einigen Freunden im Geschäft. Eigentlich ist er nur irgendein frecher Kerl, aber er ist größer und wesentlich dicker als die meisten anderen in seinem Alter, weshalb Kinder wie mein Bruder ihn fürchten. Sogar ein bisschen verständlich, immerhin braucht er sich bloß mit seinem Kampfgewicht auf einen drauf werfen, um zu gewinnen.

»Das kann so nicht weitergehen, Timmy. Du gehst jetzt da rüber, holst dir dein Spiel und kommst erhobenen Hauptes wieder raus, verstanden? Bloß, weil sie dich wie einen Nerd behandeln und auf dir herumhacken, darfst du dich nicht wie ein Baby verhalten.« Er holt Luft und will protestieren, doch ich bremse ihn gleich wieder aus. »Nein, Tim. Du kaufst dir jetzt dein Spiel und ich mir mein Outfit für heute Abend. Wir treffen uns dann draußen.«

Ohne auf weitere Proteste seinerseits zu warten, lasse ich ihn zurück.

Kapitel 2 Verhängnisvolle Ereignisse

Ausgerechnet dieser Kerl. Zu den Menschen, denen ich unbedingt mehrmals am Tag begegnen möchte, gehört er mit Sicherheit nicht. Wie rücksichtslos von ihm, jemanden zum zweiten Mal über den Haufen zu rennen. Noch schlimmer ist in diesem Augenblick nur, dass er nicht weitergeht. Er steht wie erstarrt vor mir und mustert mich argwöhnisch.

»Geht es dir gut?« Es widerstrebt mir ungemein, danach zu fragen.

Wie sieht er überhaupt aus? Ist das Dreck in seinem Gesicht? Und dieser dunkle Fleck auf dem T-Shirt, was ist das? Ich glaube intuitiv, dass es Blut ist, verwerfe den Gedanken aber wieder. Das ist nicht möglich.

Warum nicht?

»Du hast es auch geschafft?«, erkundigt er sich verwundert, und ich weiche ein Stück zurück, will ihm nicht allzu nah sein. Vermutlich ist er betrunken. Steht er unter Drogen? »Sind nur noch wir zwei übrig? Welches Jahr haben wir? Wir müssen sofort einen Weg finden, zu ihnen zu gelangen, um sie zu warnen!«

Obwohl es ihm ernst zu sein scheint, fällt es mir schwer, ein Lachen zu unterdrücken. Ich bin doch nur auf dem Weg an die frische Luft gewesen, um Tim einzusammeln und nach Hause zu gehen. Vor der großen Party will ich unbedingt ein Nickerchen machen. Dann muss ich duschen, und es wird bestimmt eine Ewigkeit dauern, bis ich mich für den Abend zurechtgemacht habe. Wem bin ich auf die Füße getreten, um stattdessen das hier zu verdienen? Dieses Treffen mit einem Kerl, der ohne jeden Zweifel einen an der Waffel hat?

»Okay …«, setze ich zögernd an und weiche weiter vor ihm zurück. »Ich wünsche dir viel Erfolg bei … Na ja, bei was auch immer. Deiner Suche nach irgendwas oder irgendwem. Ich …« Im Hintergrund höre ich die zaghafte Stimme meines Bruders. Sofort wende ich mich ab und dem Fremden widerwillig den Rücken zu. Unweit entfernt entdecke ich Tim und die Jungs, wegen denen er immer wieder diverse Orte meidet.

Diese miesen, kleinen Scheißer.

Ohne dem geistig verwirrten Kerl länger Beachtung zu schenken, laufe ich los. Seinen Blick spüre ich dennoch deutlich im Nacken. Im selben Moment werde ich Zeuge davon, wie Roy - so heißt der gemeine, dicke Nachbarjunge - Tim grob von sich stößt. Einer seiner Freunde fängt meinen Bruder auf, greift mit der einen Hand an sein T-Shirt und verpasst ihm mit der anderen immer wieder kleine Ohrfeigen.

In mir kocht die Wut hoch. Diese halbstarken Scheißkerle glauben, es wäre in Ordnung meinen Bruder herumzustoßen und zu mobben, bloß weil er anders ist.

Jetzt reicht es.

»Hey!« Ich greife nach Roys Arm, der inzwischen dazu übergegangen ist, Timmy immer wieder kleine Stöße gegen die Schulter zu versetzen. Tim nutzt die Chance und bringt sich hinter mir in Sicherheit. Für ihn ist Roy groß und gefährlich, für mich ist er bloß ein jüngeres Kind, das keine Schwierigkeiten darstellt. Ich bin größer und finde, dass ich durchaus angsteinflößend wirke, wenn ich wütend werde.

Anstatt zu verschwinden, starrt Roy mir  bloß trotzig in die Augen und drängt sich mit einem heftigen Stoß an mir vorbei. Einer der Jungs zerrt zur Unterstützung an meinem Arm, doch ich lasse mich nicht beirren und greife Roy ungehemmt an den Hals, ziehe ihn zurück und starre ihm in die Augen. Ich kann die Wut im Bauch nicht länger verdrängen, und mir wird heiß, als würde sie mir zu Kopf steigen.

Mein Bruder steht neben mir, mit entgeistertem Blick, und tritt einen Schritt zurück. Er hat Angst. Kein Wunder. Diese fiesen Jungs mobben ihn seit Monaten. Ich weiß davon. Unzählige Male habe ich Tim ins Haus schleichen sehen, Schrammen im Gesicht, die Anziehsachen zerfleddert. Das endet hier und heute. Ich lasse nicht zu, dass man ihm noch länger so übel mitspielt. Unseren Eltern verheimlicht er es, aber ich bin die große Schwester. Auch wenn ich nichts für seine Hirngespinste übrig habe, ist es meine Aufgabe, ihn zu beschützen.

In Roys Augen erkenne ich nun ebenfalls Angst. Recht so. Er wird lernen, dass hinter jedem Kleinen, dem er wehtut, jemand Größeres steht, der ihn in seine Schranken weist.

Doch dann weicht plötzlich die Angst aus seinem Blick. Ich glaube kurz, meine Augen spielen mir einen Streich. Ist das Weiß um die Pupillen soeben schwarz geworden? Ich kneife sie zusammen, reiße sie wieder auf und stelle fest, dass ich mich geirrt habe.

Im selben Moment entspannt sich Roy. Ich sehe deutlich, wie sein Körper erschlafft. Glaube sogar, ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen. Dieses schlägt in Wut um, als einer der Jungs neben mir grob nach meinem Arm greift, um Roy zu helfen. Der zögert nicht, holt aus und haut ihm geradewegs ins Gesicht, um ihn davon abzuhalten.

Ich bin überrascht, doch nur halb so sehr wie die Runde der Halbstarken vor mir. Die wenden sich ab und eilen davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Zurück bleibe ich mit einem verängstigten Tim und einem, plötzlich wieder lächelnden Roy.

Fassungslos sehe ich ihn an. Was ist da passiert? Wieso sagt er nichts? Warum läuft er nicht weg? Mein Blick streift die Umgebung, um sicherzugehen, dass das da gerade niemand mitbekommen hat. Zuerst glaube ich, Glück zu haben, weil ich nirgendwo jemanden entdecke. Dann fällt er auf den merkwürdigen Kerl von eben. Der steht einige Meter von mir entfernt und starrt mich an. Er wirkt gelassen, ganz anders, als noch vor wenigen Minuten. Timmy sieht ängstlich zu mir auf, doch in seinen Augen liegt keine Angst. Nicht mal Verwunderung. Ist er etwa glücklich? Zwei Mal sind wir ineinander gerannt, und beide Male ist er zerstreut gewesen. Plötzlich steht er da, sieht zu mir und wirkt schlagartig wie die Ruhe selbst. Irgendwas an mir scheint ihn zu freuen. Das finde ich mehr als gruselig.

Was stimmt mit diesem Spinner nicht? Und was ist plötzlich mit dem anderen Idioten neben mir los? Roy steht bloß da und lächelt blöd aus der Wäsche. Er sagt nicht einen Ton, rührt sich überhaupt nicht. Ich senke den Blick und starre auf meine Hand. Irgendwas stimmt doch nicht. Etwas ist passiert und ich verstehe nicht, was es ist. Liegt es an mir? Mir ist noch immer ein bisschen heiß, und Roy wirkt so anders. Keine Frage, ich werde schnell wütend. Das ist definitiv eine meiner Schwächen. Aber so unglaublich warm ist mir dabei noch nie gewesen.

»Jo …« Timmys brüchige Stimme dringt durch die Stille. »Was hast du da getan?«

Verdammt, keine Ahnung.

Ich reiße mich von dem Anblick meiner Hand, des Nachbarjungen und des Fremden los und sehe Tim an, der in meine Richtung blickt. Doch ich habe das Gefühl, dass er nicht hineinsieht. Es ist, als mustere er mein Gesicht, und ich fühle mich unwohl deswegen. Dann weicht die Angst endlich aus seinen Augen, und ich komme mir nicht mehr wie die Böse vor.

»Deinen Arsch habe ich gerettet«, bemerke ich brüsk. »Los, Mama wartet bestimmt schon mit dem Essen auf uns. Machen wir es wie sonst und erzählen ihr nichts davon.«

Darin sind wir gut. Tims Verletzungen und seine zerstörten Sachen verschweigen wir ihr oft. Und wenn sie ihr doch mal auffallen, erfindet er gute Ausreden dafür.

 Hierbei würde es genauso laufen. Was hätten wir ihr jetzt erzählen sollen? Irgendwas ist da gerade mit mir passiert und ich kann nicht sagen, was. Mein Bruder hingegen könnte das allerdings, wenn ich ihn ließe, denn auf dem Weg nach Hause bemerke ich die Unsicherheit in seinen Augen und spüre, dass er immer wieder verstohlen zu mir sieht.

 

 

An diesem Nachmittag will ich nur zur Ruhe finden. Ein Mittagsschlaf ist genau das Richtige. Und obwohl es mir nicht schwerfällt, in den Schlaf zu fallen, erlange ich nicht die Erholung, die ich mir erhoffe.

Der Raum, in dem ich mich befinde, wird in sanftes Kerzenlicht getaucht. Zuerst will ich nichts anderes wahrnehmen, doch dann fallen mir die Schemen auf, die mit jeder verstrichenen Sekunde immer deutlicher werden. Einer von ihnen ist alt, sehr alt. Seine Haare sind nicht grau, sie wirken weiß, strahlen in dem schwachen Licht. Er trägt ein Nachthemd.

Moment, was?

Nein, das ist es nicht. Wie nennt man die Kleidung? Unzählige Male habe ich die Figuren in Tims Spielen  gesehen, und ihn mindestens genauso oft damit aufgezogen, dass die Männer Kleider tragen. Tim widerspricht mir immer vehement und belehrt mich.

Das sind Roben.

Der neben dem Alten trägt sie ebenfalls, nur ist seine wesentlich schlichter. Im Vergleich zu dem goldglänzenden und samtigen Stoff wirkt alles andere unspektakulär. Mir gefällt der angenehme, blaue Ton. Königsblau ist meine Lieblingsfarbe. Ich finde aber nicht, dass sie dem Mann, der diese Robe trägt, schmeichelt. Die dunkle und kräftige Farbe lässt ihn noch blasser wirken, als er ohnehin schon ist. Das kantige Gesicht und der haarlose Kopf bewirken ihr Übriges, um ihn nicht unbedingt attraktiv wirken zu lassen.

Mein Blick fällt auf einen weiteren Mann. Der ist in eine dunkelrote Robe eingehüllt. Wenn Königsblau schon nicht charmant wirkt, dann dieser Mann erst recht nicht. Sein Gesicht wird eingerahmt von einem tiefschwarzen Vollbart. Die Haare sind kurz geschoren und seine Augen machen einen finsteren Eindruck, die Statur einen bedrohlichen.

Erst der nächste Anwesende weckt in mir keine Abscheu. Mehr sogar, ich verspüre Mitgefühl, denn mir fällt sofort sein Handicap auf. Der Mann in der silbergrauen Robe sitzt im Rollstuhl. Mit der großen und dünn umrandeten Brille, wirkt er auf den ersten Blick wie ein Nerd. Sein kastanienbraunes Haar scheint nicht frisiert zu sein. Zumindest ist es zu lang und ragt wüst in alle Richtungen ab. Ich komme nicht umhin, zu bemerken, dass er ziemlich süß ist.

Oh Gott, stehe ich jetzt etwa auf Nerds?

Na, zum Glück hat mein Bruder keine wesentlich älteren Freunde. Ich schmunzle, und sehe den letzten Mann im Raum. Sofort erschrecke ich, als ich niemand anderen erkenne als den fremden und verwirrten Kerl vom Einkaufscenter. Warum taucht er in meinem Traum auf? Ist es nicht schon schräg genug, dass sich Männer in Roben darin herumtreiben? In einem Raum, der wie ein antiker Keller wirkt? Seine Haare, die so lang sind, dass sie auf den Schultern aufliegen, sind bestenfalls ein schräger Trend. Niemand sonst trägt sie so. Selbstbewusstsein hat er, das muss ich ihm lassen.

Sprachlos bin ich erst, als ich den Grund für das merkwürdige Treffen vor meinen Augen erkenne. Eine blitzschnelle Verkettung von Ereignissen, die mich aufschrecken und zurückweichen lässt. Die goldene Robe, die eine Anweisung erteilt. Die silbergraue Robe, die in einem lauten und selbstsicheren Ton widerspricht. Die blaue Robe mit gesenktem Blick. Der fremde Kerl mit panischem Gesichtsausdruck. Und dann die rote Robe, die ohne ein Zögern der Anweisung des Ältesten nachkommt. Der finstere Mann, der dem Jüngeren an den Hals greift, und mir in diesem Moment Angst einjagt.

Ich starre wie gebannt auf seine glühende Hand. Was tut er ihm da an? Verbrennt er ihn etwa?

Heilige Scheiße.

Ich weiche weiter zurück, halte die Luft an und fürchte, dass man mich bemerkt. Ich glaube meinen Augen kaum, doch es passiert tatsächlich. Die glühende Hand der roten Robe brennt sich in den Hals ihres Gegenübers und erstickt so, innerhalb kürzester Zeit, seinen klagenden Schmerzenslaut im Keim.

Aus meiner Kehle dringt ein ersticktes Schluchzen, als ich starr vor Angst dabei zusehe, wie der verwirrte Junge verbrennt und schließlich nichts bleibt, außer einem Haufen Asche zu den Füßen der roten Robe.

Selbst völlig emotionslos, schlägt der finstere Mann die Hände aneinander, um sich vom Dreck zu befreien. Dann wirft er dem Ältesten in der Runde einen ausdruckslosen Blick zu. »Sie sollten das hier reinigen lassen. Nicht, dass Sie durch ihn hindurch laufen.«

Mit den Worten wendet er sich ab und läuft strammen Schrittes aus dem Raum. Zurück lässt er die goldene Robe, traurig herabblickend. Die silberne Robe, die ihm zuerst fassungslos hinterher sieht, dann die Hand vor den Mund schlägt und den Tränen nahe auf den Fleck starrt, an dem eben erst ein Mensch gestanden hat, nun nur ein Häufchen Asche zu finden ist. Und die königsblaue Robe, die der silbernen sanft die Hand auf die Schulter legt, um Beistand zu leisten.

Ich presse meinen Körper gegen die Steinwand. Die Kälte jagt mir einen Schauer über den Rücken. Wieso fühle ich das? Es ist doch nur ein Traum, nicht wahr? Natürlich ist es das.

Ich will sofort aufwachen!

Doch dann setzt mein Herz beinahe aus, als die königsblaue Robe den Blick hebt und mir geradewegs in die Augen starrt.

Kapitel 3 Benommenheit

 

Als ich die Augen aufschlage und aus dem Schlaf schrecke, bin ich schweißgebadet. Sofort blicke ich mich hektisch um.

Alles ist gut.

Ich bin in meinem Zimmer. Allein. Es ist nur ein Traum gewesen. Das ist nicht wirklich passiert. Dem Kerl vom Einkaufscenter geht es vermutlich bestens. Na ja, den Umständen entsprechend, wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie er ausgesehen hat. Vielleicht habe ich deshalb etwas so Merkwürdiges geträumt. Die dunklen Flecken auf seinem Shirt haben mich anscheinend unbewusst glauben lassen, dass ihm Schlimmes widerfahren war. Ist ja klar, dass mein horrorsüchtiges Unterbewusstseins-Ich ihn daraufhin gleich killt.

Ich greife nach dem Handy und entdecke zwei Nachrichten. Eine ist von Taylor, meinem Freund. Er entschuldigt sich in unzählig vielen Worten dafür, dass er heute Abend nicht mitkommt. Kein Thema, wirklich. Immerhin weiß ich das seit einigen Tagen. Er muss mal wieder auf eine dieser Familienfeiern, zu denen ihn seine Eltern immer zwingen. Wieso verstehen unsere Mütter so selten, dass das nicht unbedingt die Lieblingsbeschäftigung von Siebzehnjährigen ist?

Taylor und ich sind seit zwei Jahren ein Paar. Ich kann gar nicht zählen, wie oft er in diesem Zeitraum keine Zeit gehabt hat, weil man in der Familie auf seine Anwesenheit bestand. Ich wünsche ihm dennoch schnell viel Spaß und widme mich der zweiten Nachricht. Die ist von Freddie, die ankündigt, unterwegs zu sein.

Verflucht, total vergessen!

Ich habe ihr versprochen, dass wir uns gemeinsam für die Party fertigmachen. Noch immer wegen des Traumes ein wenig durch den Wind, greife ich mir aus dem Schrank im Flur zwei Handtücher und stelle mich an das obere Ende der Treppe, die ins Erdgeschoss führt.