Verlag: Loewe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Chroniken der Weltensucher 3 - Der gläserne Fluch E-Book

Thomas Thiemeyer  

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E-Book-Beschreibung Chroniken der Weltensucher 3 - Der gläserne Fluch - Thomas Thiemeyer

Auf dem Gipfel des Bandiagara-Massivs in Französisch-Sudan, dem heutigen Mali, entdeckt der Völkerkundler Richard Bellheim im Oktober des Jahres 1893 die seit Jahrhunderten verlassene Stadt der Tellem. Die Hauptstadt eines Volkes, das einst aus der Sahara in diese Gegend gekommen war und das - so sagt man - über erstaunliche astronomische Kenntnisse verfügte. Zurück in Berlin hält Bellheim wenige Wochen später einen Vortrag an der Universität, zu dem auch Carl Friedrich von Humboldt geladen ist. Doch Richard Bellheim erkennt seinen alten Studienfreund nicht mehr. Seit er aus Afrika zurückgekehrt ist, ist er vergesslich und völlig wesensverändert - und er scheint Glas zu essen. Bellheims Ehefrau Gertrud bittet Humboldt nachzuforschen, was ihrem Mann in Afrika widerfahren sein kann. Und so machen Humboldt, Oskar, Charlotte und Eliza aufs Neue die Pachacútec, ihr Luftschiff, klar, um dem Geheimnis des gläsernen Fluches auf die Spur zu kommen. "Der gläserne Fluch" ist der dritte Band der Chroniken der Weltensucher-Reihe. Die beiden Vorgängertitel lauten "Die Stadt der Regenfresser" und "Der Palast des Poseidon". Mehr Infos rund ums Buch unter: www.weltensucher-chroniken.de

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E-Book-Leseprobe Chroniken der Weltensucher 3 - Der gläserne Fluch - Thomas Thiemeyer

Prolog

Westafrika, Oktober 1893 …

Richard Bellheim war nicht leicht zu beeindrucken, dafür hatte er schon zu viel gesehen und zu viel erlebt.

Doch in diesem Augenblick fühlte selbst er sich wie verzaubert.

Die Sonne war hinter der verborgenen Stadt aufgegangen und überflutete die Säulen und Dächer des Tempels mit goldenem Licht. Der sanfte Ostwind vertrieb die Wolkenschleier und ließ die Lehmbauten hervortreten wie eine Fata Morgana. Ein Greifvogel zog weite Kreise darüber, während seine lang gezogenen Schreie in den Schluchten rund um den Tafelberg verhallten. Der Völkerkundler schloss die Augen.

Er hatte es geschafft.

Die Tafelberge von Bandiagara waren ein sagenumwobener Ort. Den Überlieferungen zufolge hatte hier oben einst ein Volk gelebt, das ein unerklärliches Wissen über die Sterne und Planeten besessen hatte. Ein Volk, das auf rätselhafte Weise in dieses Land gekommen und dann wieder verschwunden war. Unzählige Legenden rankten sich darum, manche von ihnen so seltsam, dass sie unmöglich wahr sein konnten. Doch Bellheim war kein Mann, der schnell aufgab.

Ihm eilte der Ruf als bedeutendster Völkerkundler Afrikas voraus, und das aus gutem Grund. Er war weiter gereist und tiefer in die Geheimnisse fremder Völker eingedrungen als je ein Mensch vor ihm.

In der Ferne rechts und links von ihm ragten weitere Erhebungen aus der Ebene. Jede von ihnen mehrere Hundert Meter hoch. Reisende hatten stets mit Ehrfurcht und Zurückhaltung von ihnen gesprochen. Düster und Unheil verkündend sahen sie aus, beinahe wie eine Warnung. Doch der Völkerkundler war zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren. Wenn Angst und Furcht seine Ratgeber gewesen wären, hätte er Berlin vermutlich nie verlassen. Abgesehen davon würde er ja bald heimkehren. Dann ging es nach Hause und zurück in die Hörsäle, wo er dem staunenden Publikum berichten würde, welche Wunder der Schwarze Kontinent beherbergte.

Den Hut weit in den Nacken geschoben, sah er sich erst einmal um.

Feigen und Granatapfelbäume spendeten Schatten und machten das Gehen in der verlassenen Stadt angenehm. Zikaden summten, und hin und wieder flatterte ein Falter durch sein Blickfeld.

Einen Moment lang ließ er den Anblick auf sich wirken, dann marschierte er los. Durch die Umfriedungsmauer, an den verwahrlosten Gärten vorbei und die Stufen hinauf, die zum Haupteingang des Tempels führten. Hier musste er für einen Augenblick pausieren. Die schwere Steintür war fest verschlossen. Fenster gab es keine und so konnte er nur erahnen, was im Inneren auf ihn wartete. Es dauerte jedoch nicht lange, bis er den Mechanismus entdeckte, mit dem sich die Tür öffnen ließ. Bellheim nahm seinen ganzen Mut zusammen und zog an dem Riegel. Ein tiefes Rumpeln war zu hören. Jahrhundertealter Staub rieselte aus der Türfüllung, als die schwere Steinplatte zur Seite glitt. Kalte, abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Es roch nach Staub und Erde. Ein leichter Blütenduft war zu erkennen, doch das konnte auch Einbildung sein. An solchen Orten spielten einem die Sinne schon mal einen Streich. Der Völkerkundler schlug den Kragen hoch und krempelte seine Ärmel runter.

Das Innere war in ein geheimnisvolles Halbdunkel getaucht. Oben in der Kuppel war ein Loch, das mit einer Scheibe aus durchsichtigem Material verschlossen war. Glas oder Bergkristall vielleicht. Im fahlen Licht, das durch die Öffnung fiel, tanzten Myriaden von Staubteilchen. Seine Augen benötigten eine Weile, um sich an die seltsamen Lichtverhältnisse zu gewöhnen.

Der Tempel war verlassen. Seit Ewigkeiten hatte ihn niemand betreten. Auf dem mit Sand bedeckten Boden wäre jeder Fußabdruck sofort zu sehen gewesen. In der Mitte des Tempels – dort, wo der Lichtstrahl auftraf – erblickte Bellheim eine Aufwölbung. Etwa eins fünfzig breit und einen halben Meter hoch. Sie war größtenteils mit Sand und Staub bedeckt, doch an manchen Stellen war ein feines grünes Schimmern zu erkennen. Es war eine Art Kugel, die im Sand vergraben war, und sie schien von innen heraus zu leuchten. Vorsichtig trat er näher. Das Knirschen seiner Sohlen hallte von den Wänden wider. Wieso nur hatte er das Gefühl, von Dutzenden von Augen beobachtet zu werden? Ein feines Wispern lag in der Luft.

Bellheim ging weiter, bis er die Aufwölbung erreichte. Jetzt war es deutlicher. Unter dem Sand schimmerte etwas Grünes. Er ging in die Hocke und fegte die Kristalle mit der Hand beiseite. Der Untergrund war glatt und glänzend.

Was um alles in der Welt war das?

Eingefasst in schwarzen Onyx mit einem Ring aus Gold in der Erde verankert lag ein grüner Stein, dessen Oberfläche seltsam geschmolzen wirkte. Das Material war transparent, als würde es sich um ein spezielles Glas handeln. Aber Glas war es gewiss nicht. Ein Smaragd vielleicht? Oder ein anderer Edelstein? Vielleicht aus dem Inneren der Erde …

Bellheim hielt den Atem an. Ihm war plötzlich ein verrückter Gedanke gekommen. Was, wenn es sich um den gläsernenFluch handelte? Der Völkerkundler kannte die Sage aus den Überlieferungen der Dogon, er hatte ihr aber nie viel Bedeutung beigemessen. Doch jetzt stand er hier und dieses Ding lag vor ihm auf dem Tempelboden. Mythos und Wirklichkeit verschmolzen zu einer Einheit. Wenn es tatsächlich stimmte und dies der sagenumwobene Smaragd aus den Tiefen des Weltraums war, von dem in den alten Geschichten die Rede war, dann wäre dies der sensationellste Fund seit dem Schatz des Priamos, den Schliemann Jahre zuvor in Troja gefunden hatte. Ein Objekt, dessen Bedeutung für die Wissenschaft gar nicht zu bemessen war. Es würde ihn weit über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannt machen, und nicht nur das: Es wäre ein Schatz, nach dem sich so mancher die Finger lecken würde. Nicht, dass er arm war, aber dieses Ding würde ihn reich machen. Reich, weit über seine kühnsten Vermutungen hinaus.

Bellheim versuchte seine fiebrigen Gedanken zu ordnen. Für einen Transport war der Kristall zu groß, abgesehen davon, dass er fest in der Erde verankert zu sein schien. Aber vielleicht konnte er ja ein Stück davon abbrechen.

Er zog seinen kleinen Geologenhammer aus der Umhängetasche und begann vorsichtig zu klopfen. Ein metallisches Klingeln drang an sein Ohr. Das Material schien unglaublich hart zu sein. Noch einmal schlug er zu, diesmal kräftiger. Wieder nichts.

Er wollte schon aufgeben, als ein fremdartiges Geräusch zu hören war. Es klang wie der Wind in den Bäumen. Wie das Rauschen eines weit entfernten Meeres. Aber hier gab es kein Meer und Wind gab es auch nicht. Die Luft stand still unter der Kuppel.

Bellheim stand auf.

Irgendetwas stimmte nicht.

Es dauerte eine Weile, bis er erkannte, was es war.

Es war der Boden.

Im schummrigen Licht des Tempels sah er, wie der Sand von lauter grünen Kristallen durchdrungen wurde. Sie krochen umeinander, wuselten hierhin und dorthin, als wären sie lebendig. Bellheim hörte ein feines Knistern begleitet von einem Geruch, den er nur unter Mühen identifizieren konnte.

Es roch verbrannt, wie nach einer elektrischen Entladung.

Er nahm ein paar von diesen Kristallen und hielt sie ins Licht. Die kleinen Körnchen sirrten und tanzten auf seiner Hand, dass ihm vom Zusehen ganz schwindelig wurde. Wunderschön sahen sie aus, wie lebendige Smaragde. So schön, dass er sie am liebsten eingesteckt und mitgenommen hätte.

Mit einem Mal bohrte sich eines der Körnchen in seine Hand. Es brannte und stach, dann war es verschwunden. Nur ein roter Fleck blieb auf seiner Haut zurück. Der Forscher stieß einen Schrei aus und schüttelte seine Hand, aber das Ding kam nicht wieder zum Vorschein. Plötzlich spürte er ein Brennen in den Beinen. Er hob die Füße. Mit Entsetzen sah er, wie die Steinchen seine Stiefel durchdrangen. Immer mehr von ihnen kamen zum Vorschein. Das Leder wurde von Tausenden von nadelfeinen Stichen durchdrungen, bis es ganz dunkel und porös war.

Keuchend und vor Panik wild mit den Armen rudernd sprang er zurück. Er taumelte ein paar Schritte, dann geriet seine Flucht ins Stocken. Seine Füße fühlten sich an, als wären sie festgewachsen. Der Sand kochte regelrecht – fast so, als wäre Bellheim in einen gigantischen Ameisenbau geraten. Er wusste nicht, was schlimmer war: das Brennen, das seine Beine emporkroch, oder die Erkenntnis, dass diese Kristalle tatsächlich lebendig waren.

Mit einem verzweifelten Schrei versuchte er die Tür zu erreichen, aber es war zu spät. Der Sand ließ ihn nicht mehr gehen. Er stolperte, strauchelte und fiel vornüber. Dann schlugen die Wogen über ihm zusammen.

Teil 1

Der Fremde

1

Berlin, zwei Monate später …

Klirrende Kälte drang von draußen in die Schreibstube. Die Fensterscheiben waren mit Eisblumen überzogen, die im Licht der Morgensonne wie Diamanten funkelten. Schneeflocken tanzten am Haus vorbei, landeten auf Ästen und Zweigen und überzogen die antiken Statuen in Humboldts Garten mit weißem Zuckerguss.

Oskar fror. Seine Füße fühlten sich an, als würden sie in der Erde stecken, daran konnte auch das Feuer im Kamin nichts ändern, dessen Knacken und Knistern wie eine entfernte Ankündigung von Silvesterfeuerwerk klang. Vor ihm lag ein Stoß Schreibpapier, links ein Bogen Löschpapier, rechts von ihm stand ein Tintenfass nebst Federkielhalter. Die Hände in fingerlosen Handschuhen steckend, saß er da, presste die Zähne zusammen und versuchte, dem Unterricht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Heute Morgen stand Latein auf dem Programm. Ein Fach, mit dem Oskar schon an normalen Tagen seine Probleme hatte. Doch heute war kein normaler Tag. Heute war Heiligabend.

Er erinnerte sich, dass sie im Waisenhaus an diesem Tag immer Lieder gesungen und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen bekommen hatten. Natürlich waren da auch Fräulein Braunsteins Haferkekse gewesen. Trockene, harte Taler, bei denen man das Gefühl bekam, man hätte Gips zwischen den Zähnen. Doch in den Jahren danach, als er auf der Straße gelebt hatte, gab es nicht mal die. Als Taschendieb hatte er sich weder Tannenbaum noch Kerzen oder Geschenke leisten können. Der einzige Unterschied zu normalen Tagen bestand darin, dass er etwas mehr abgreifen konnte, weil die Leute unaufmerksam und ihre Taschen voller Geld waren.

Wenn man es recht betrachtete, so war das heute sein erster richtiger Heiliger Abend. Und an so einem Tag wurde von ihnen verlangt zu lernen? Dabei gab es noch so viel zu tun: Einkäufe machen, das Haus in Ordnung bringen, den Baum schmücken, Geschenke verpacken. Die Zeit reichte jetzt schon kaum aus. Es gab zwar kaum einen Tag, an dem kein Unterricht stattfand, aber konnte Humboldt nicht mal eine Ausnahme machen? Gewiss, der Forscher hatte ihn vor wenigen Wochen adoptiert, nachdem sich seine Vermutung, Oskar sei sein leiblicher Sohn aus einer Verbindung mit der Schauspielerin Theresa Wegener siebzehn Jahre zuvor, als sehr wahrscheinlich erwiesen hatte. Er war jetzt sein Vater und gesetzlicher Vormund. Und das ließ er ihn jeden Tag spüren. Oskar löste den obersten Knopf seines steifen Hemdkragens. Er war es gewohnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Bis er von Humboldt auf der Straße aufgelesen worden war, hatte er sich immer selbst durchgeschlagen. Er hatte ein armes, aber freies Leben geführt, und es fiel ihm schwer, sich den Regeln und Pflichten in diesem Haus unterzuordnen. Warum hatte der Forscher seine Mutter damals alleingelassen und warum hatte er erst so spät die Suche nach ihm aufgenommen? All das waren Fragen, auf die Oskar bisher noch keine zufriedenstellende Antwort erhalten hatte. Und jetzt sollte er auch noch Latein lernen. Als wenn er das jemals benötigen würde.

Die eine Hand auf den Rücken gelegt, die andere mit dem Zeigestab kreisförmige Bewegungen vollführend, schritt Carl Friedrich von Humboldt vor seiner Klasse auf und ab. Er deklinierte die Beugung des Substantivs Dominus und tat dies mit einer Stimme, deren gebetsmühlenartige Langsamkeit einen in Tiefschlaf versetzen konnte.

»Dominus, domini, domino, dominium, domine.«

Humboldt drehte sich um, sodass die Dielen unter seinen Stiefeln knarrten. »Domino, domini, dominorum, dominis …«

Die wasserblauen Augen auf den Boden gerichtet, die buschigen Brauen gesenkt, schwang der Forscher seinen Stab wie einen Taktstock. Seine imposante Erscheinung warf düstere Schatten gegen die Wand.

Oskar spürte eine unwiderstehliche Müdigkeit in sich aufsteigen. Er dachte daran, in was für einen seltsamen Haushalt er hineingeraten war. Am Nachbartisch saß seine Cousine, Charlotte, die Nichte des Forschers. Ihr Federkiel kratzte eifrig über das Papier, während sie jedes einzelne Wort gewissenhaft notierte. Oskar betrachtete ihre gewölbte Stirn, die kleine Nase und die sanften Lippen. Die Wintersonne zauberte einen Schimmer auf ihre blonden Haare und ließ sie wie einen Engel aussehen. Doch der Anblick täuschte.

Charlotte war alles andere als ein Engel. Sie war vorlaut, nachtragend und schnippisch. Eine junge Frau, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekam. Außerdem musste sie immer das letzte Wort haben. Mochte der Himmel wissen, warum er jedes Mal so blöd grinsen musste, wenn er sie ansah.

Ein paar Tische weiter hockten Bert, Maus, Willi und Lena, seine Freunde, mit denen er auf der Straße gelebt hatte. Der Forscher hatte sie in sein Haus geholt, weil er Oskar beweisen wollte, dass er es gut meinte. Humboldt war gewiss kein Heiliger, aber er hatte ihnen allen eine Chance gegeben, und das war etwas, wofür Oskar ihm dankbar war. Seit seine Freunde hier lebten, war das Haus mit Stimmen und Gelächter erfüllt. Während sie ihren Dienst verrichteten, schlitterten sie lachend und lärmend durch die Flure, ganz so wie die verzauberten Tiere in Hauffs Märchen vom Zwerg Nase. Die Stille und Einsamkeit, die vorher hier geherrscht hatten, waren wie weggefegt. Was hätten sie für einen Spaß haben können, wären da nicht diese strengen Unterrichtsstunden, mit denen Humboldt sie Tag für Tag quälte.

Eliza war die gute Seele des Hauses. Auf Haiti geboren und von dunkler Hautfarbe, war sie des Forschers Gefährtin und Vertraute und stand ihm bei all seinen Abenteuern zur Seite. Eliza verfügte über geheimnisvolle Fähigkeiten, die an Zauberei grenzten. Zum Beispiel konnte sie mit anderen Menschen Verbindung aufnehmen, nur mittels Gedankenkraft. Oskar hatte keine Ahnung, wie sie das anstellte, aber es klappte. Er hatte es mehr als einmal selbst erlebt.

Dann war da noch die Kiwidame Wilma. Auch heute leistete der Vogel den Kindern beim Unterricht Gesellschaft. Er hatte seinen kleinen Sprachtornister umgeschnallt, mit dem sich seine Vogellaute in Worte übersetzen ließen, aber Wilma redete nie viel. Ihr Vokabular war äußerst einsilbig und beschränkte sich meistens auf Befindlichkeiten wie »Hunger«, »Durst«, »müde«, »fröhlich«, »traurig« und so weiter. Nichts, worauf sich eine längere Unterhaltung stützen ließ. Trotzdem: Es war verblüffend, dass ein Vogel überhaupt sprechen konnte. Diese erstaunliche Fähigkeit wurde durch ein besonderes Vitaminpräparat ausgelöst, das Wilma täglich einnahm und das auch ihren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus veränderte. Statt eines rein nachtaktiven Vogels – so wie ihre Verwandten in Neuseeland – hatte Wilma ihren Schlafzyklus an den der Menschen angepasst. Sie war eine treue Begleiterin und bei allen Abenteuern Humboldts mit dabei.

Das waren alle, die unter diesem Dach wohnten. Ein recht kleiner Haushalt, verglichen mit anderen Häusern Berlins.

Oskar warf seinen Freunden einen verborgenen Blick zu. Sie hatten gerade erst angefangen, Lesen und Schreiben zu lernen, trotzdem durften sie dem Unterricht beiwohnen und versuchen, hinter das Geheimnis dieser schwierigen Sprache zu dringen. Ihr Bildungsstand war noch viel geringer als seiner. Wie schafften sie es nur, trotzdem so interessiert auszusehen? War es Furcht?

Mit Humboldt einen Streit vom Zaun zu brechen, war in etwa so sinnlos wie Feuer mit Öl löschen zu wollen. Der Forscher konnte bei Arbeitsverweigerung ausgesprochen hitzig reagieren. Der Gedanke ließ Oskar lächeln. Vielleicht würde ein ordentliches Feuerchen ja die Kälte aus seinen Gliedern vertreiben. Er wollte gerade seinen Aufschrieb fortsetzen, als er bemerkte, dass ein Tropfen Tinte von seinem Federkiel gefallen und auf dem Notizzettel gelandet war. Die Flüssigkeit zog eine hässliche Spur quer über das geneigte Pult. Ehe sie auf seine Hose tropfen konnte, brachte er blitzschnell seine Beine in Sicherheit. Dabei stieß er mit dem Knie gegen Charlottes Tisch. Es gab ein Rumpeln und ein Poltern, dann fiel das Tintenfass hinab. Die schwarze Flüssigkeit spritzte einen Meter weit über das Eichenparkett.

»Himmel, pass doch auf!« Charlotte sprang auf und blickte entsetzt auf ihr Kleid. »Schau dir das an. Das wollte ich heute Abend tragen.«

Humboldt trat zwischen die beiden und funkelte Oskar streng an. »Was ist denn hier los?«

»Es tut mir leid«, stammelte Oskar. »Ich war in Gedanken. Mir war kalt und ich habe nicht auf meine Schreibfeder geachtet.«

Humboldt musterte die Pfütze am Boden und kräuselte die Lippen. »Hol einen Lappen und wisch das weg. Charlotte, du gehst zu Eliza. Sie weiß am besten, was zu tun ist. Ihr anderen: Es gibt keinen Grund zu lachen. Ich möchte, dass jeder die Deklination des Wortes Domina – Herrin – niederschreibt, und zwar Singular und Plural. Und ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf.«

Oskar holte Eimer und Lappen und begann, die Tinte aufzuwischen. »Müssen wir denn wirklich Deklinationen machen?«, maulte er. »Ich meine, heute ist Heiligabend. Alle bereiten sich auf das Fest vor. Überall herrscht Festtagsstimmung, nur bei uns nicht. Es gibt noch eine Menge Dinge zu erledigen«, ergänzte er schnell, als er die steile Falte zwischen den Brauen des Forschers bemerkte.

»Heiligabend ist keine Ausrede«, erwiderte Humboldt. »Zumindest der Vormittag ist ein Werktag wie jeder andere. Ihr seid nicht die Einzigen, die heute arbeiten müssen. An den Feiertagen erlasse ich euch den Unterricht, aber heute wird bis Punkt zwölf gearbeitet. Und damit Ende der Diskussion.«

Aber Oskar ließ nicht locker. »Können wir denn nicht wenigstens etwas Spannendes machen? Etwas aus dem Bereich Geografie, Biologie oder Chemie? Selbst an der Universität gibt es spezielle Weihnachtsvorlesungen. Hab ich jedenfalls gehört«, fügte er kleinlaut hinzu.

»Was passt dir denn nicht an Latein?«

Oskar tauchte den Lappen in den Eimer und wrang ihn aus. »Es ist so langweilig. Eine tote Sprache, die kein Mensch mehr spricht.«

»Wenn du dich da mal nicht irrst«, erwiderte der Forscher. »Latein ist die Sprache der Naturwissenschaften. Ohne vernünftige Sprachkenntnisse wirst du nie in der Lage sein, die Nomenklatur der Arten korrekt zu lesen oder neue Spezies einzuordnen. Abgesehen davon lassen sich mit Latein alle anderen Sprachen, insbesondere die romanischen, viel leichter erlernen. So, und jetzt weiter im Text.« Er wollte sich wieder der Tafel zuwenden, doch Oskar hatte noch nicht aufgegeben.

»Ich frage mich, wozu wir dann das Linguaphon haben«, sagte er. »Wenn wir die Sprachen dann doch lernen müssen.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Ich rede von unserem Übersetzungsapparat. Warum sollen wir Sprachen erlernen, wenn wir ein solch fantastisches Gerät besitzen? Es kann jede Sprache übersetzen, sogar solche, die uns bisher noch völlig unbekannt sind. Selbst Wilma hat mit seiner Hilfe das Sprechen erlernt. Warum nicht das Linguaphon benutzen und die gesparte Zeit für andere Dinge einsetzen?«

Humboldt stemmte die Hände in die Hüften. »Das Erlernen einer Sprache kann niemals durch ein technisches Gerät ersetzt werden. Es ist in erster Linie eine Schulung für logisches Denken und strukturiertes Handeln«, erwiderte Humboldt. »Es hilft euch, Klarheit in eure Köpfe zu bringen. Abgesehen davon – was, wenn der Strom ausgeht oder eine Panne eintritt? Technik ist anfällig, besonders in solch entlegenen Gegenden, wie wir sie bereisen. Ihr wollt doch nicht etwa in irgendwelchen Kochtöpfen enden, nur weil ihr versäumt habt, euer Sprachzentrum zu trainieren?« Er reichte Oskar die Hand und zog ihn auf die Füße. »Komm«, sagte er. »Setz dich, damit wir fortfahren können.«

Oskar kam sich vor wie ein Idiot. Wie hatte er nur annehmen können, einen Schlagabtausch mit seinem Vater zu gewinnen? Humboldt war ein Mann, der gewohnt war zu bekommen, was er wollte, ein geborener Sieger. Es lag in seiner Natur zu gewinnen. Genau wie in der seines Vaters, des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt. Vorausgesetzt, man nahm die Behauptungen des Forschers über seine Herkunft für bare Münze.

Oskar räumte Eimer und Lappen weg, ging zum Tisch zurück und rutschte wieder auf seinen Platz. Er hatte gerade entschieden, diesen Heiligen Abend zu einem der schlechtesten seines Lebens zu erklären, als ein heftiges Pochen an der Haustür zu hören war.

Humboldt zögerte, blickte hinaus, dann verließ er den Raum. »Hat man denn nicht für eine Minute Ruhe in diesem Haus?«

2

Charlotte schaute aus dem Küchenfenster und entdeckte einen Reiter der Preußischen Post. Blauer Uniformrock mit rotem Besatz, eine eng anliegende Hose mit Seitenstreifen, auf dem Kopf eine Mütze mit rotem Rand. Sein Pferd keuchte und schäumte, dass man glauben konnte, er wäre den ganzen Weg bis raus zum Plötzensee in scharfem Galopp geritten.

Charlotte schob den Vorhang zur Seite. »Sieht nach einer Eilzustellung aus.«

Eliza, die gerade versuchte, Charlottes Kleid mit Gallseife von den Tintenspritzern zu befreien, hob den Kopf.

»Wie kommst du darauf?«

»Schau dir den Brief an. Solche Umschläge werden nur für dringende Angelegenheiten verwendet.«

Das Kuvert war länglich, von hellgelber Farbe und mit rotem Siegellack verschlossen.

»Bin gleich wieder da.« Charlotte eilte zur Tür, wo Humboldt den Mann bereits begrüßte. Der Postbote hatte seine Mütze abgenommen und verbeugte sich. »Herr Donhauser?«

»Ganz recht.«

Charlotte bemerkte, wie ihr Onkel bei der Erwähnung seines bürgerlichen Namens die Lippen zusammenpresste. Sie wusste von den Hinweisen, dass er tatsächlich von Alexander von Humboldt abstammte, doch bis jetzt war der Anspruch keinesfalls bewiesen. Ein Thema, über das man besser schwieg.

»Ich habe eine Einladung für Sie.« Die Messingknöpfe mit dem kaiserlichen Reichsadler blinkten in der Morgensonne. »Wenn Sie den Erhalt bitte hier bestätigen würden.« Er reichte dem Forscher ein amtlich aussehendes Dokument nebst Stift. Humboldt setzte sein Zeichen unter das Papier und nahm den Brief in Empfang.

»Und hier noch ein Brief an Fräulein Charlotte Riethmüller. Sind Sie das?«

»Ja.« Charlotte nahm das Kuvert entgegen. »Muss ich auch irgendetwas unterschreiben?«

»Nein danke, nicht nötig.«

Humboldt griff in die Tasche und drückte dem Eilboten ein paar Pfennige in die Hand.

»Oh, vielen Dank.« Der Mann verbeugte sich. »Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag. Besinnliche Weihnachtstage.« Mit diesen Worten schwang er sich auf sein Pferd und galoppierte zurück.

Humboldt machte kehrt und ging zurück ins Haus. Durch die offene Tür der Schreibstube konnte Charlotte die neugierigen Gesichter der Straßenkinder erkennen.

»Was ist es?«, drängte Charlotte. »Wer schreibt uns?«

»Uns?« Der Forscher warf ihr einen ironischen Blick zu. »Soweit ich lesen kann, steht nur mein Name auf dem Brief.«

Charlotte ließ nicht locker. »Aber er stammt von der Universität, das erkenne ich an dem Siegel. Also gilt er höchstwahrscheinlich uns allen.«

»Meinst du?« Er zog humorvoll eine Braue in die Höhe.

Seit er dem Universitätsbetrieb aus Protest den Rücken gekehrt hatte, war hier in seinem Haus eine Art private Forschungsgemeinschaft entstanden. Ein Institut zur Aufklärung und Lösung ungewöhnlicher, um nicht zu sagen unmöglicher Fälle. Den ersten Fall hatten sie gelöst, als sie in Peru ein bisher unbekanntes Volk mit mechanischen Fluggeräten entdeckt hatten, einen zweiten, als sie das Mittelmeer von einer Gefahr in Form riesenhafter Maschinenwesen befreit hatten. Beide Fälle hatten in der Presse hohe Wellen geschlagen. Wenn ihnen die Universität also eine Einladung schickte, dann vermutlich nur deshalb, weil die Kunde von ihren Taten den Weg bis in die oberste Etage gefunden hatte und die Herren Dekane es sich nicht länger leisten konnten, sie zu ignorieren.

»Jetzt komm schon«, drängelte Charlotte. »Mach ihn auf.«

Humboldt marschierte in sein Arbeitszimmer, nahm einen Brieföffner zur Hand und schlitzte den Umschlag auf. Er zog den Brief aus wertvollem Büttenpapier heraus und faltete ihn auf. Die Stirn tief in Falten gelegt, überflog er den Inhalt. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Bellheim!«, rief er aus. »Das darf doch nicht wahr sein.«

»Wer?«

»Richard Bellheim. Einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Völkerkunde. Wir haben eine Zeit lang zusammen studiert. Ein fabelhafter Kerl. Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen.«

»Was ist geschehen?«

»Ich war viel unterwegs, wie du weißt, und er ebenso. Als Afrikaspezialist war er vermutlich längere Zeit auf Expedition. Das ist aber nicht seine Handschrift. Vermutlich handelt es sich um eine offizielle Einladung.« Er drehte den Brief um. »Ah, hier haben wir es ja. Zwei Jahre Sahara und Sahelzone.« Er pfiff durch die Zähne. »Ganz schön lange Zeit.«

»Und was steht in der Einladung?«

»Wie es aussieht, hält er einen Sondervortrag in drei Tagen. Man hat uns zwei Eintrittskarten beigelegt.«

Charlotte schaute in den Umschlag und, tatsächlich, da waren sie. Wunderschön gedruckt und mit goldenem Rand. »Ich habe sie. Was steht noch in dem Brief?«

Humboldt rückte seine Brille zurecht. Sein fröhlicher Ausdruck wurde zusehends ernster.

»Was denn? Spann mich nicht so auf die Folter.«

»Wie es aussieht, wird auch der Kaiser da sein. Hier steht, es wird ein Empfang mit allerhöchsten militärischen Ehren. Nur der Hofstaat und besondere Würdenträger werden geladen sein.« Mit Bedauern in seinem Gesicht ließ er den Brief sinken. »Schade. Ich wäre gern hingegangen.«

»Wie meinst du das?«

Humboldt schenkte ihr ein trauriges Lächeln. »Weißt du das wirklich nicht? Deutschland liefert sich seit einigen Jahren einen Wettlauf um die besten Kolonien. Der afrikanische Kontinent wird dabei zwischen den Imperialmächten aufgeteilt, als wäre er eine Geburtstagstorte. Es geht zu wie auf einem Basar. Jeder nimmt sich einfach, was er kriegen kann, ohne die Einheimischen um Erlaubnis zu fragen. Ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte, aber natürlich von hohem nationalen Interesse.« Er stieß die Worte aus, als hätten sie einen unangenehmen Beigeschmack. »Wenn Bellheim in Anwesenheit des Kaisers über Nordafrika redet, dann wird es vermutlich um die Möglichkeit neuer Kolonien gehen.« Er faltete das Papier und steckte es weg. »Tut mir leid, kein Interesse. Ich werde zusehen, dass ich mich im neuen Jahr mit ihm treffe. Unter vier Augen und in ungezwungener Atmosphäre.«

»Aber der Kaiser …« Charlotte blickte ihren Onkel mit großen Augen an. »Ich habe Wilhelm noch nie aus der Nähe gesehen.«

»Das wird dir auch an diesem Abend kaum gelingen«, erwiderte der Forscher. »Vermutlich wird er von einer ganzen Armee von Sicherheitsbeamten abgeschirmt. Abgesehen davon: So imposant ist er auch wieder nicht.«

»Das ist doch egal. Stell dir all die interessanten Leute vor. Die schmucken Anzüge und Uniformen und die rauschenden Kostüme. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Bitte, lass uns hingehen. Bitte, bitte.«

Humboldt verdrehte die Augen. »Tu mir das nicht an. Ich verabscheue solche Veranstaltungen. Nichts gegen einen guten Vortrag, aber diese Veranstaltung riecht nach Staatsempfang. Da wird gedienert, gebuckelt, gekrochen und geschleimt. Jeder wird zusehen, dass er möglichst nah an Wilhelm und seine Gattin herankommt. Das hat nichts mit Forschung zu tun. Eher mit Politik, und Politik ist ein schmutziges Geschäft.«

»Komm schon, bitte.« Charlotte ließ nicht locker. »Immerhin hat er an dich gedacht. Steht sonst noch etwas in der Einladung?«

»Warte mal …« Humboldt drehte den Brief um. »Hier ist eine Notiz, aber wie es aussieht in einer anderen Schrift. Sie stammt von … ach, verdammt.« Er hielt die Karte ins Licht und schob seine Brille hoch. »Ich muss dringend mal zum Optiker. Kannst du das lesen?«

Charlotte nahm den Brief. »Hier steht ein Name. Gertrud Bellheim. Seine Frau?«

»Möglich, aber ich kenne sie nicht. Er muss geheiratet haben, als ich fort war. Was schreibt sie?«

»Sehr geehrter Herr von Humboldt, im Namen meines Mannes möchte ich Sie und Ihre Begleitung ganz herzlich zum Vortrag am 27.12. um 20:00Uhr in den Großen Hörsaal der Friedrich-Wilhelm-Universität einladen. Ich weiß, dass Sie sich nahegestanden haben und dass es ihm viel bedeuten würde, Sie an diesem Abend persönlich zu sehen. Bitte tun Sie mir den Gefallen und reden Sie ein paar Worte mit ihm. Dafür wäre ich Ihnen überaus dankbar. Hochachtungsvoll, Gertrud Bellheim«

Humboldt nahm ihr den Brief aus der Hand und überflog die Zeilen noch einmal. »Seltsam«, murmelte er.

»Was meinst du?«

»Warum schreibt er nicht selbst? Und warum tue ich ihr einen Gefallen, wenn ich ein paar Worte mit ihm rede? Das klingt, als würde sie sich Sorgen machen.«

Charlotte nickte. »Du hast vollkommen recht. Es klingt tatsächlich sehr seltsam. Ich finde, du solltest der Sache auf den Grund gehen. Das wird dir allerdings nur gelingen, wenn du dort erscheinst. Und ich mit dir.« Sie schenkte ihrem Onkel ein verführerisches Lächeln.

Der Forscher zog eine Braue in die Höhe. »Sagst du das, weil es dich wirklich interessiert oder weil du zu dem Empfang willst?«

Er hielt den Brief näher ans Gesicht, in dem vergeblichen Bemühen, ihm weitere Geheimnisse zu entlocken, doch irgendwann gab er auf. »Also gut«, seufzte er. »Du hast gewonnen.«

»Danke!« Charlotte umarmte ihren Onkel und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Du bist der Beste.«

Die Tür zur Schreibstube ging einen Spalt weit auf. Ein sommersprossiges Gesicht mit roten Zöpfen lugte hervor. Es war Lena. »Was ist denn jetzt mit dem Unterricht, Herr von Humboldt? Kommen Sie noch mal zurück, oder sollen wir unsere Sachen zusammenräumen?«

»Ihr könnt zusammenräumen«, sagte der Forscher. »An Unterricht ist sowieso nicht mehr zu denken. Helft Eliza in der Küche, füttert die Pferde, danach könnt ihr den Baum schmücken. Und vergesst nicht, vorher das Klassenzimmer aufzuräumen und die Tafel zu wischen. Ich will, dass alles blitzblank ist, ehe wir Bescherung machen.«

»Juhuu!« Ein stürmisches Gerenne und Getrampel war zu hören. Kichern und Lachen schallte zu ihnen herüber.

Humboldt strich sich über die Stirn. »Wenn ich gewusst hätte, was ich mir da für einen Sack Flöhe einhandle, hätte ich mir die Sache mit Oskars Freunden vielleicht noch mal überlegt.«

»Ich bin sicher, du wirst das verkraften«, sagte Charlotte. »Es tut dir gut, wieder zu unterrichten. Seit die Kinder bei uns sind, höre ich dich viel öfter lachen.«

»Ist das so?« Er seufzte. »Na, Hauptsache, die Arbeit leidet nicht darunter. Was ist denn mit deinem Brief? Du hast ihn noch gar nicht geöffnet.«

»Ja richtig.« Charlotte blickte auf das Kuvert in ihrer Hand. In der Aufregung hatte sie ganz vergessen nachzuschauen, von wem er stammte. Auf der Rückseite fand sie einen Absender. Maria Riethmüller, Kurhotel Heiligendamm.

»Er ist von Mutter«, sagte sie.

Ihre gute Laune war mit einem Mal wie weggeblasen.

3

Sir Jabez Wilson war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Von Königin Victoria für seine Verdienste um die Erforschung des Nachthimmels geadelt und von seinen Kollegen ebenso geschätzt wie gefürchtet, galt er als Großbritanniens bedeutendster Sammler extraterrestrischer Funde. Er war das, was man in Fachkreisen als Meteoritenjäger bezeichnete, und sein Hunger nach seltenen Steinen war grenzenlos. So groß, dass er gelegentlich seine Manieren vergaß.

»Was hat er gesagt? Wiederhol das noch mal.«

Sein Assistent, Patrick O’Neill, erbleichte. »Monsieur Lacombe von der astronomischen Fakultät Paris lässt ausrichten, er werde Ihnen auf keinen Fall eine Abschrift des Dokuments zukommen lassen. Er sagte, da könne er Ihnen ja gleich seine ganze Sammlung zum Geschenk machen. Er hoffe jedoch inständig, Sie mögen seinem Gastvortrag am Observatorium diesen Freitag beiwohnen. Er werde bei dieser Gelegenheit auch auf das Dokument zu sprechen kommen.«

»Dieser unverschämte Patron!« Wilson sprang auf. Seine Kehle war vor Wut wie zugeschnürt. »Er glaubt wohl, er kann mich auf den Arm nehmen. Ich bin doch keiner seiner Lakaien, die er herumscheuchen kann, wie er will. Er ist hier auf meinem Grund und Boden. Na warte, dem wird das Lachen schon noch vergehen.«

O’Neill wich zurück. Wilson war ein Stier von einem Mann. Kompakt, gedrungen, mit breiten Wangenknochen, niedriger Stirn und einem grauen Haarschopf, der zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Ein Mann, der schon durch seine reine physische Präsenz jeden einschüchtern konnte. Sein auffälligstes Merkmal war, dass er nur ein Auge besaß. Das linke hatte er bei einer Auseinandersetzung mit Eingeborenen in Patagonien verloren, als diese ihm den Zugang zu einer Fundstelle verweigerten und ihn und seine Männer stattdessen mit Steinschleudern angegriffen hatten. Aus Rache hatte er ihr Dorf dem Erdboden gleichgemacht.

Um sein fehlendes Auge zu ersetzen, hatte Wilson einen Meteoriten zurechtschleifen lassen und diesen in den Hohlraum in seinem Schädel eingesetzt. Die silbrig glänzende Kugel schien in alle Richtungen gleichzeitig blicken zu können.

Wilsons geheime Vorliebe galt dem Iridium, einer äußerst seltenen Spielart des Platin, wie man sie des Öfteren in Meteoriten fand. Seine Härte machte es zu einer idealen Komponente besonders widerstandfähiger Legierungen. Legierungen, wie sie in Präzisionsmessgeräten wie Uhren oder Sextanten Verwendung fanden. Kein Wunder, dass es als ungemein wertvoller Rohstoff galt, wertvoller noch als Diamanten. Allein die Kugel in Wilsons Schädel besaß den Wert eines kleinen Fürstentums.

»Sagen Sie alle Termine für heute Mittag ab, ich bin bei Lacombe.«

»Aber Sir, Ihr Essen mit dem Innenminister …«

»Absagen, habe ich gesagt.«

Wilson schnappte seinen Mantel, band seinen Waffengurt um und stürmte aus dem Zimmer. Was glaubte dieser unverschämte Franzose eigentlich, mit wem er es zu tun hatte? Ihn, Jabez Wilson, abzuwimmeln wie einen lästigen Vertreter? Eher würde die Hölle zufrieren, als dass so etwas geschah.

Mit eiligen Schritten stürmte er die Treppen hinunter. Seine Arbeitsräume lagen im obersten Stock der Königlichen Akademie in Burlington Gardens. Eines der prächtigsten Gebäude von ganz London mit Blick auf die herrlichen Anlagen des Green Parks.

Auf dem Weg nach unten begegnete er etlichen Kollegen und Angestellten, die ihm Respekt zollten.

»Guten Morgen, Sir Wilson.«

»Frohe Weihnachten, Euer Lordschaft!«

»Werden Sie uns heute Abend noch im Athenäum Club beehren?«

Er ignorierte die Zurufe und lief weiter. Seine blank polierten Stiefel klackerten über die Marmorstufen. Er verließ das Gebäude, eilte im strömenden Regen über den Vorplatz und bestieg eine der Kutschen, die draußen warteten.

»Hyde Park Corner 48, aber schnell!«, rief er dem Fahrer zu, dann lehnte er sich zurück.

* * *

Oskar war gerade auf dem Weg in sein Zimmer, als ihm Charlotte über den Weg lief. Sie war vollgepackt mit Mappen, Rollen und Bündeln voller Briefe und wirkte ziemlich aufgebracht. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, es sich mit einer brandneu erschienenen Ausgabe von Karl Mays gesammelten Reiseromanen in seinem Lesesessel gemütlich zu machen. Er war schon sehr gespannt auf den zweiten Teil von Winnetou, der rote Gentleman, aber jetzt ließ ihn der Ausdruck auf Charlottes Gesicht innehalten. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«

Charlotte sah ihn entgeistert an. Sie hatte ihn wohl gar nicht bemerkt. Blitzschnell fing sie sich jedoch wieder und sagte: »Ach nichts. War nur eben auf dem Dachboden und habe ein paar Sachen zusammengetragen.«

»Was für Sachen?« Oskar reckte den Hals. Der Dachboden in Humboldts Haus war eine wahre Fundgrube, Kultobjekte aus aller Welt sowie seltene Sammlerstücke. Dinge, mit denen sich ohne Probleme ein kleines Museum füllen ließ. Es stand aber auch eine Truhe dort oben, in der der Forscher Dokumente und Zeugnisse aus seiner Vergangenheit aufbewahrte. Plakate, Tagebücher, Briefe und jede Menge Korrespondenz. Während Oskar mit großer Leidenschaft die Masken und Trommeln betrachtete, hatte Charlotte einen Narren daran gefressen, in der Vergangenheit des Forschers herumzustöbern. Humboldt hatte nichts dagegen und ließ sie gewähren. Ob er allerdings damit einverstanden sein würde, dass sie die Sachen jetzt in ihr Zimmer brachte?

»Was sind das für Dokumente?«, wiederholte Oskar seine Frage. »Soll ich dir tragen helfen?«

»Nein, nicht nötig.« Charlotte drehte sich zur Seite, damit Oskar nicht sah, was sie da durch das Haus schleppte. Trotzdem konnte er einen Blick auf eine Ahnentafel und ein dickes, in Leder gebundenes Buch erhaschen.

»Stammbäume und Fotoalben?«, fragte er. »Was willst du denn damit?«

Er versuchte, an eines der Dokumente ranzukommen, aber sie drehte sich von ihm weg.

»Das geht dich rein gar nichts an!«, zischte sie. »Untersteh dich, dich in meine Privatangelegenheiten einzumischen.«

»Ist ja gut, ist ja gut.« Er hob entwaffnend die Hände. »Ich wollte nur einen kleinen Spaß machen.«

»Mir ist es bitterernst«, sagte sie mit wütender Stimme. »Würdest du mich jetzt bitte durchlassen?«

»Aber klar.« Er trat einen Schritt zur Seite und Charlotte stürmte an ihm vorbei. Dabei fiel ihr ein kleines Buch hinunter. Familienchronik stand auf das Leder geprägt. Oskar beugte sich vor und hob es auf. Es war das Buch, in dem Humboldt sämtliche Geburts- und Abstammungsurkunden aufbewahrte. Mit einem ratlosen Blick reichte Oskar Charlotte die wertvollen Dokumente. Sie schnappte danach und steckte sie zu den anderen Sachen. Einen kurzen Moment leuchtete immer noch die Wut in ihren Augen, dann wurde ihr Blick wieder sanfter. »Danke«, sagte sie. »Bitte verrate mich nicht. Ich bin da einer merkwürdigen Geschichte auf der Spur und ich möchte nicht, dass alle davon erfahren. Versprichst du mir, dass du niemandem davon erzählst?«

Er nickte. »Erfahre ich irgendwann davon?«

»Sobald ich herausgefunden habe, was dahintersteckt. Versprochen.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in ihrem Zimmer.

4

Unruhig auf den Griff seines Degens trommelnd, blickte Sir Jabez Wilson aus dem Fenster. Das regennasse London zog wie eine Tapete an ihm vorüber. Menschen liefen im Schatten der Gebäude, hielten Aktentaschen oder Regenschirme über ihre Köpfe und sahen zu, dass sie rasch ins Trockene kamen. Überall herrschte geschäftige Weihnachtsstimmung. Die Läden waren geschmückt und allseits standen Straßenmusikanten, die sich mit oder gegenseitig zu überstimmen versuchten.

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