Chrononauten - Tina Tannwald - E-Book

Chrononauten E-Book

Tina Tannwald

0,0

Beschreibung

Nicht die Zukunft gibt dir neue Hoffnung, sondern eine über tausend Jahre alte Vergangenheit ... Ein dummer Fehler bringt die junge Diebin Roony in den berüchtigten Gemeinschaftsdienst. Eine Haftstrafe, die im Europa des Jahres 2150 nur wenige überleben. Doch man macht ihr ein verlockendes Angebot. Gemeinsam mit drei weiteren Häftlingen soll sie eine sehr geheime Technik testen und beweisen, dass Reisen in die Vergangenheit möglich sind. Gelingt ihnen die Rückkehr, sind sie frei, reich und fortan unantastbar. Zwischen den letzten römischen Legionen am Rhein und den heranrückenden Vandalen verknüpft sich Roonys Schicksal unverhofft mit dem des jungen, keltischen Stammesführers Aiven. Es gibt jedoch jemanden, der sie unbedingt nach Hause holen will. Und er ist weitaus gefährlicher als Römer oder Vandalen … . 2. Auflage 2019 441 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 580

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Tina Tannwald

Chrononauten

Elaria80331 München

Kapitel 1 Medical Research Center

 Zitternd vor Kälte öffnete Roony die Augen.

Ihr Blick fiel auf ein Wasserglas, das auf einem kleinen Tisch stand, vor einer weißen Wand, die einen blassgelben Streifen trug.

Furchtbare Farbe, waberte ihr durch den Kopf, wie hingepinkelt. Warum war ihr so entsetzlich kalt? Sie griff nach der Decke, doch statt der groben Wolle, an die sie gewöhnt war, zog sie an einem glatten, kühlen Stoff. Blitzartig kehrte die Erinnerung zurück, und sie fuhr so schnell in die Höhe, dass ihr schwindelig wurde.

Mit leisem Stöhnen sank sie zurück auf das Kissen. Sie war nicht zu Hause in dem alten Bauernhaus, in dem der heimelige Geruch der Heizöfen allgegenwärtig war.

Dies hier war der klinisch weiße Kerker, in dem sie die nächsten zwei Jahre verbringen würde. Und Max war schuld daran. Die Tür öffnete sich, ohne dass jemand angeklopft hatte. Als Roony vorsichtig den Kopf drehte, trat ein junger Mann in hellblauem Kittelhemd und ebensolcher Hose auf sie zu.

„Hi, ich bin Tom, Ihr Pfleger. Wie geht es ihnen?“

Immerhin, er trug nicht das Pinkelgelb, mit dem sie die Wand verschönert hatten, und sein Lächeln war freundlich und offen. Doch sie hatte nicht vor, darauf hereinzufallen.

„Kalt und schwindelig“, antwortete sie knapp.

Er streckte die Hand aus und sie zuckte zusammen, als er sie prüfend auf ihre Stirn legte.

„Keine Angst, ich tue ihnen nichts“, sagte er leise und musterte ihr Gesicht. „Sie haben eine leichte Impfreaktion, das wird bald vergehen. Ich hole Ihnen eine Wolldecke und dann messen wir mal die Temperatur. Möchten sie ihr Frühstück hier essen, oder schaffen Sie es hinunter in den Speiseraum?“

„Hier“, erwiderte sie und er tat ihr endlich den Gefallen, hinauszugehen.

Er klang beinahe, als wäre sie Privatpatientin in einem Wellnesshotel, was die ganze Sache noch absurder machte als sie es schon war. Und vermutlich gehörte es zu seinem Job, sich ihr Vertrauen zu erschleichen und ihr ein paar von den Dingen zu entlocken, die sie der Polizei hartnäckig verschwiegen hatte.

Mühsam hievte sie sich hoch, schlang sich die viel zu dünne Bettdecke um die Schultern, und erhob sich.

Der Raum war klein, sie brauchte kaum drei Schritte um zum Fenster zu gelangen, aber so wie es aussah, war er nur für eine Person ausgelegt, was sie ungemein erleichterte.

Der Ausblick, der sich ihr bot, war unbestreitbar schön. Sie blickte auf einen weitläufigen Park hinab, in dem sich Rasenflächen und Blumenrabatten mit hohen, gesunden Bäumen abwechselten. Einige Menschen in dunkelblauen, grauen und hellgrünen Jogginganzügen saßen auf den Bänken und spazierten auf Rot gepflasterten Wegen.

Weit hinten jedoch war ein blassgrauer dunstiger Nebelschleier zu erkennen. Dort endete die hauseigene Biosphäre, die die Luft rund um den Klinikkomplex sauber und frisch hielt. Und dort war auch die unsichtbare elektronische Grenze, die keiner der Patienten übertreten konnte, ohne den Alarm auszulösen, und eine Art elektronischen Schlag, der je nach Konstitution auch das Ende aller Dinge sein konnte.

Unwillkürlich rieb sie sich das Handgelenk, wo der Nanochip implantiert worden war, und ihr Gesicht verzog sich zu einem bitteren Lächeln. Von wegen Impfreaktion.

Die gestrige Einführung hatte sie und eine Handvoll weiterer Neuankömmlinge genauestens darüber aufgeklärt, dass es keine Möglichkeit gab, sich davonzumachen. Wer blöde genug war, sich den winzigen Chip selbst herausschneiden zu wollen, konnte sich auch gleich die Pulsadern durchtrennen. Genau dort steckte das Ding, das nicht nur die Flucht verhinderte und ihren Aufenthaltsort anzeigte, sondern auch jede ihrer Vitalfunktionen.

Auf dieser merkwürdigen Willkommensparty hatte sie auch Max wiedergesehen, fiel ihr ein, und augenblicklich ballte sie zornig die Fäuste. Warum bloß hatte sie sich überreden lassen, diesen Idioten mitzunehmen?! Wenn sie wie immer allein losgezogen wäre, säße sie nun mit den anderen an dem großen Holztisch, der ebenso alt war wie das Haus, die wohlige Wärme des Küchenherdes im Rücken. Sie verscheuchte das Bild und fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen. Heimweh würde die Sache nicht besser machen.

Erneut öffnete sich die Tür und der Pfleger erschien, ein geräumiges Tablett in den Händen und eine Wolldecke unter dem Arm. Sein Name war ihr direkt wieder entfallen, was vermutlich eher von Nachteil war.

Er stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch ab, warf die Decke auf das Bett, und lud sie mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen, als sei er ein Kellner.

Roony setzte sich mitsamt der Bettdecke auf den Stuhl vor dem Wandklapptisch und sah auf das Tablett hinab.

„Verzeihung, Frau Becker, zuerst noch ein kleiner Piks.“

Erschrocken sah sie auf, doch er hielt lediglich ein kleines Messgerät in der Hand und lächelte schief. Offensichtlich gab er sich Mühe, witzig zu sein und Roony rang sich ein Lächeln ab. Dann strich sie sich das lange Haar hinter das Ohr, damit er ihre Temperatur messen konnte.

„Roony reicht vollkommen“, sagte sie leise, denn diese förmliche Anrede war ihr unangenehm.

„Achtunddreißigkommafünf“, stellte er fest. „Roony. Das ist nicht der Rede wert.“

Sie nickte, während sie das Frühstück musterte. Zwei helle Brötchen, sicher aus dem üblichen billigen Sojamehl, zwei Scheiben synthetische Wurst und ein wenig rotes Gelee, in dem nicht viel mehr steckte als Farbstoff und Zucker.

„Kann ich vielleicht etwas Anderes zum Frühstück bekommen?“ Sie sah auf und blickte in seine braunen Augen. „Vielleicht einen Haferbrei und ein Stück Obst?“

„Eigentlich nicht“, antwortete er zögernd und krauste die Stirn, doch dann begann er schon wieder zu lächeln.

„Was das Obst angeht, will ich mal sehen, was sich machen lässt. Allerdings muss das dann unser Geheimnis bleiben; wenn es auffällt, komme ich in Teufels Küche.“

Da war sie schon, dachte Roony und verzog keine Miene, doch sie nickte.

„Vielen Dank, ich werd‘ dich nicht verpetzen.“

Er machte sich auf den Weg zur Tür, als sie sich ein Herz fasste.

„Entschuldige, wie war nochmal dein Name?“

„Tom“, gab er zurück, nickte ihr zu und ging hinaus.

 

Während er zu dem hohen Geschirrwagen hin trat, um ihn zurück in die Stationsküche zu bringen, ging ihm durch den Kopf, dass sie irgendwie nicht hierher passte. Nicht, weil sie so jung wirkte oder recht hübsch aussah, mit dem langen Haar und den sanften blauen Augen. Er hatte den Angaben in ihrer Akte bereits entnommen, dass sie fünfundzwanzig war, ein Jahr jünger als er selbst, und damit gerade alt genug, um zum Gemeinschaftsdienst verurteilt zu werden.

Sie hatte einfach so gar nichts von einer Straftäterin, und wirkte eher, als sei sie schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, mitgeschleift von irgendwelchen miesen Typen.

Weswegen sie verurteilt worden war, stand nicht in der Akte, die sich zukünftig mit den Daten der Medikamentenstudie füllen würde, für die sie vorgesehen war. Es musste allerdings schon etwas von der heftigeren Sorte sein, wenn man sie bei der ersten Verurteilung gleich ins Level 2 geschickt hatte.

Die Tests hier hatten es in sich, auch wenn die Ärzte behaupteten, dass keine Langzeitschäden zurückblieben. Tom hatte jedenfalls eine ganze Reihe von Insassen erlebt, die nach zwei Jahren mit bedenklichen Ausfallerscheinungen oder in einem Zustand andauernder Verwirrtheit entlassen worden waren.

Nächste Woche um diese Zeit würde sie apathisch herumsitzen, sich die Seele aus dem Leib kotzen und seine Anwesenheit gar nicht mehr bemerken. Diese Wirkung hatten jedenfalls die Antipsychotika normalerweise auf Menschen, die gar nicht an Schizophrenie oder anderen Wahnvorstellungen litten.

Davon wusste sie natürlich nichts und das Pflegepersonal hatte diesbezüglich strikt zu schweigen. Die Patienten, wie Tom sie viel lieber nannte, erfuhren nie, was sie da schluckten, um zu verhindern, dass sie sich in eingebildete Nebenwirkungen hineinsteigerten und das Ergebnis der Studien verfälschten. Jedem, der irgendeine Info an sie weitergab, drohte nicht nur die Entlassung, sondern, wenn es schlecht lief, auch ein eigener Aufenthalt in der Level 1 Station.

Ein leises Bedauern regte sich in ihm, denn eigentlich hätte er gern mehr über sie erfahren wollen. Da blieb ihm dann allerdings nur diese eine Woche, um sie davon zu überzeugen, dass er zu den Guten gehörte.

 

Zwei Stockwerke tiefer saß Max in der Kantine und sah sich suchend um. Es war nicht einfach, zwischen den grauen, grünen und blauen Einheitsjogginganzügen, die hier alle trugen, überhaupt eine einzelne Person zu entdecken, geschweige denn eine so zierliche wie Roony.

Vermutlich würde sie ihn ohnehin ignorieren, wie sie es am gestrigen Abend schon getan hatte.

Leise regte sich das schlechte Gewissen, denn es war offensichtlich, dass sie ihm die Schuld für ihre Verhaftung gab. Was ein klein wenig ungerecht war, wer hätte denn auch ahnen können, dass der Juwelierladen, in dem kein Verkäufer zu sehen gewesen war, sich in einen hermetisch abgeriegelten Hochsicherheitstrakt verwandelte, sobald jemand in die Auslagen griff.

Roony vermutlich, wenn er sie denn vorher gefragt hätte. Und wenn sie nicht hinter ihm her gerannt wäre, um ihn von dem vermeintlichen Gelegenheitscoup abzuhalten, hätten sie lediglich ihn geschnappt und die Outlander hätten nun das Bargeld, das sie so dringend brauchten.

Tief Luft holend strich er sich durch das dichte blonde Haar, das die Mädchen so mochten. Er hatte Mist gebaut, richtig großen Mist. Und wenn er hier herauskam, brauchte er wahrscheinlich eine neue Bleibe.

„Hey, kann ich mich zu dir setzen?“

Max hob den Kopf und blickte in zwei übergroße grüne Augen hinter einer Brille, die an Glasbausteine erinnerte. Der junge Mann, dem sie gehörten, lächelte schüchtern, und erinnerte ihn augenblicklich an die Klassennerds, neben denen nie jemand sitzen wollte.

„Klar“, sagte er trotzdem und rückte ein Stück, sodass sich der Nerd ans Ende der langen Bank setzen konnte.

„Ich bin Nick, oder auch E.T. wenn du magst.“

Er streckte ihm die Rechte hin und Max runzelte die Stirn.

„Ich heiße Max“, erwiderte er und drückte sie knapp. „Was soll das bedeuten, E.T.?“

Nick hob die Brauen, was seine Brillenaugen noch ein wenig größer aussehen ließ.

„Eine ziemlich berühmte Filmfigur, 1982, der erfolgreichste Film des zwanzigsten Jahrhunderts“, gab er zurück. „Es bedeutet extraterrestrisch.“

Na, das passte doch. Ein Nerd mit einer Vorliebe für antike Filme, der sich vermutlich für einen Außerirdischen hielt. Max rang sich ein Nicken ab und beschäftigte sich übertrieben emsig mit seinem Frühstück.

Der Brillenfuchs trug ebenso wie er den grauen Level 1 Jogger, was belegte, dass er nichts wirklich Gefährliches angestellt haben konnte. Verrückt sein konnte er allerdings trotzdem, das war ja an sich nicht strafbar. Zudem schaufelte er das Frühstück mit einer Begeisterung in sich hinein, das dem Zeug nun wirklich nicht zustand. Ein würgendes Geräusch unterbrach seine Gedanken und ließ ihn auf sehen.

Zwei Plätze neben ihm krümmte sich ein breitschultriger Mann in grünem Jogginganzug, dann ergoss sich das eben vertilgte Frühstück grobstückig auf dem Tisch. Stöhnend hielt er sich den Magen und begann unkontrolliert zu zittern, während sich sein Gegenüber erstaunlich gelassen erhob, um sein mit Erbrochenem übersätes Tablett wegzubringen.

Zwei Pfleger kamen eilig herbei und halfen dem Mann, sich zu erheben; dann hakten sie ihn unter und brachten ihn fort. Niemanden schien die Szene zu beunruhigen, alle aßen weiter oder nahmen ihre leisen Gespräche wieder auf.

„Level 3“, wisperte Nick. „Die kotzen öfter.“

Max sah ihn groß an und ihm dämmerte, dass er sich offenbar ganz gut auskannte, in diesem Laden.

„Und warum?“

Der Junge warf einen prüfenden Blick in die Runde, dann zuckte er die Schultern.

„Experimentelle Medikamente, Operationsversuche, neue Nanorobots, wer weiß das schon. Auf Level 3 brauchst du Glück, um an einem Stück wieder rauszukommen.“

„Und …“, Max schluckte. „Wie ist das auf Level 2?“

Der Nerd runzelte die Stirn. „Kennst du jemanden dort?“

Blöd war er offenbar nicht, und es war gewiss nicht verkehrt, einen Kumpel zu haben, der sich auskannte, also nickte er.

„Eine … Freundin.“

So würde Roony sich gewiss nicht mehr bezeichnen, aber das brauchte dieser Nick ja nicht zu wissen.

„Level 2 ist weniger schlimm, meist nur Medikamentenstudien, ohne Lizenz zum Töten.“

Er zwinkerte ihm zu, doch Max starrte ihn fragend an.

„In Ordnung“, fuhr er resigniert fort. „Du bist offenbar völlig unbeleckt, was die Geschichte des Films angeht. Auf Level 2 dürfen nur Testreihen stattfinden, die keine irreparablen Schäden verursachen. Trotzdem wird da auch ‘ne Menge gekotzt.“

Max atmete erleichtert auf, doch Nick schüttelte den Kopf, sodass seine Kulleraugen hin und herflogen.

„Irreparabel ist ein verdammt dehnbarer Begriff“, belehrte er ihn leise. „Und deine Freundin wird genauso hier rum eiern wie die anderen Zombies.“

„Zombies? Was soll das schon wieder sein?“

Der Typ sprach wirklich in Rätseln und begann gerade, Max‘ Geduld gefährlich zu strapazieren.

„Tut mir leid“, gab der zurück und hatte es offenbar bemerkt. „Die Psychopharmaka, die da getestet werden, schalten einem komplett das Hirn ab. Die gibt’s allerdings auch, wenn man austickt oder unruhig wird. Dann stört es nicht Mal, wenn dir einer aufs Frühstück kotzt!“

Max begriff und eine Gänsehaut kroch ihm über die Arme. Roony würde ihn hassen, soviel war klar.

Nick räumte Teller und Besteck zusammen und erhob sich, dann sah er ihn an.

„Kommst du ‘ne Runde mit raus?“

Max zauderte nur einen Moment, dann nickte er zustimmend. Er musste mehr erfahren und herausfinden, wie man die Zeit hier möglichst unbeschadet überstand. Wenn er Roony irgendwie helfen konnte, würde sie ihm vielleicht verzeihen.

 

Im obersten Stockwerk des Klinikums stieg Professor Doktor Manfred Brinkmann, seines Zeichens leitender Direktor des Medical Research Centers, in seine grauen Twillhosen und zog mit energischem Ruck den Zipper hoch.

„Danke, Liebes, das habe ich wirklich gebraucht!“

Er wandte sich breit grinsend zu seiner Stellvertreterin um, Chefin der hauseigenen Psychiater und Neurologen, die eher verlegen das Höschen unter dem maßgeschneiderten Kittel zurechtzupfte.

Dann hob er die Hand und signalisierte den Roombots mit einer speziellen Bewegung, das eben noch benötigte Ruhebett aufzulösen, und sich wieder zu dem ausladenden Schreibtisch zu formieren, den er so liebte.

Die kleinen bewegungsgesteuerten Bausteine von der Größe einer Butterbrotdose waren sein ganzer Stolz, und enorm teuer, doch sie signalisierten mehr als jedes andere Luxusgut, das er zur Elite der Europäischen Union gehörte.

Es verstand sich von selbst, dass er verheiratet und Vater zweier wohlgeratener Töchter war, doch seine mehr als zehn Jahre jüngere Stellvertreterin war ehrgeizig und ansehnlich genug, um diese lockere Affäre mit ihm zu pflegen. Sie wusste natürlich, dass er ihre Loyalität brauchte. Und natürlich war ihm klar, dass sie irgendwann eine entsprechende Begünstigung von ihm erwartete. Vermutlich einen Job an seiner Seite, sobald ihm der Posten eines Referenten für besondere Aufgaben im Gesundheitsressort des Europäischen Parlaments angeboten wurde. Und das konnte nicht mehr lange dauern, denn ihnen war gerade grünes Licht gegeben worden, für den Start des Projektes, das sie nun schon seit fünf Jahren gemeinsam vorbereiteten.

„Sind das die Akten der Kandidaten?“

Er hob den Kopf und nickte Martina Seelmann zu, die ihren Doktortitel bereits mit fünfundzwanzig erhalten hatte, aber eben nur für den Psychokram, den er insgeheim für ziemlich überflüssig hielt.

„Mir ist immer noch unwohl, das Testteam mit diesen jungen Leuten zu bestücken und so kurzfristig zwei Neue hinzuzunehmen. Sie haben alle keine technische Ausbildung, und was ihre psychische Stabilität angeht, kann ich keine Gewähr geben.“

„Sie brauchen keine technische Ausbildung, Herzchen“, erwiderte Brinkmann und registrierte belustigt, dass sie unwillig die Stirn runzelte. „Sie sollen ja eigentlich nur ein paar Daten sammeln. Und sie haben andere, sehr viel entscheidendere Fähigkeiten.“

„Wenn sie nicht fähig sind, als Team zusammen zu arbeiten oder durchdrehen, ist das Projekt mit einem Schlag gescheitert, Manfred! Und so ein Teambildungsprozess braucht nun mal Zeit!“

Seufzend trat er hinter sie, schlang ihr die Arme um die Taille und legte das Kinn auf ihrer Schulter ab.

„Aber dafür haben wir doch dich, Liebes, du wirst aus ihnen ein tolles Team machen! Und darüber hinaus werden sie auf ihrer Mission von einer ehemaligen Frontex-Soldatin begleitet, und wie du weißt, war sie keine einfache Grenzschützerin!“

„Genau das ist das größte Problem, die Frau ist eine tickende Zeitbombe!“

Abrupt ließ er sie los und runzelte nun seinerseits die Stirn.

„Das haben wir inzwischen doch oft genug diskutiert, Martina. Und Brüssel hat unsere Entscheidung abgesegnet!“

„Deine Entscheidung“, bemerkte sie leise, griff nach den Akten und sah ihn mit dem kühlen Ausdruck an, der zu Beginn ihrer Zusammenarbeit so unglaublich reizvoll auf ihn gewirkt hatte.

„Ich bleibe bei meinen Zweifeln, aber du hast ja heute Morgen klargestellt, dass du die volle Verantwortung übernimmst!“

Damit stolzierte sie zur Tür hinaus und schloss sie ein wenig zu laut. Brinkmann musste schmunzeln; er fand sie immer noch sehr reizvoll.

 

Im Stechschritt durchmaß Martina Seelmann den Flur. Der Mistkerl wusste doch genau, dass sie diese Koseworte zur Weißglut brachten. Sowas wie Herzchen oder Liebes passte vielleicht zu einer kleinen Sekretärin, die ihrem Chef ab und an den Arbeitstag versüßte, aber gewiss nicht zu einer promovierten Psychologin.

Natürlich war ihr klar, dass er sie damit auf denselben Platz verweisen wollte. Der Herr Professor würde sich zu gegebener Zeit allerdings ziemlich wundern, was sein Herzchen so alles in die Wege geleitet hatte, für den Fall, dass das Projekt scheiterte.

Sie erreichte ihr Büro, präsentierte dem Iris-Scanner ihre blauen Augen und warf die Akten schon beim Eintreten auf den Schreibtisch. Der natürlich nicht aus den für sie immer noch unerschwinglichen Roombots bestand, sondern aus einer mehr als zweihundert Jahre alten Kombination aus Chrom und echtem Eichenholz.

Angeber, dachte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Und doch genoss sie den heimlichen Sex mit ihm, denn er war mit seinen fünfundfünfzig Jahren immer noch so drahtig und frisch wie ein Mittdreißiger. Die Biotechnik, die mit ihren molekülgroßen Maschinchen unaufhörlich die alternden Zellen reparierte, sorgte inzwischen nicht nur dafür, lässig die Hundert zu erreichen, sondern auch jugendlich frisch zu bleiben; in jeder Beziehung. Vorausgesetzt, man konnte es sich leisten, genügend von den kleinen Viechern zu beherbergen.

Seufzend ging sie zum Schreibtisch hinüber und breitete die Akten aus. Es half ja nichts, wenn sie eine Gehaltserhöhung einfordern und ebenso vital bleiben wollte wie ihr Chef, musste sie sich nun schleunigst mit den von ihm ausgewählten Teammitgliedern beschäftigen.

Dass es diese Auswahl bereits gab, hatte sie erst heute Morgen erfahren, während seines Vortrages vor der sehr kleinen, sehr verschwiegenen Projektkommission.

Ihren Zorn hatte er dann auf dem Rückflug von Brüssel zu spüren bekommen, und ihr zugestanden, die Kandidaten wenigstens im Nachhinein psychologisch zu begutachten. Und mit dem Versöhnungssex von eben war für ihn die Sache erledigt. Für sie allerdings noch lange nicht.

 

„Wo gehen wir hin?“, fragte Max und warf seinem Begleiter einen Blick zu, der die Hände in den Taschen versenkt hatte und gemütlich neben ihm her schlenderte.

Sie waren dem gepflasterten Weg gefolgt, der um den Gebäudekomplex herumführte, und inzwischen waren kaum noch andere Menschen zu sehen. Offenbar hielten sich die meisten lieber in der Nähe des Haupteinganges auf, was einigermaßen seltsam war.

 „Warte noch ein wenig“, gab Nick sehr leise zurück.

Warum er so geheimnisvoll tat, war Max ein Rätsel. Unwillkürlich sah er sich um, doch es war keine Überraschung, dass sie nicht verfolgt wurden.

Er musterte den Jungen skeptisch, der ungefähr so alt sein musste wie er selbst. Entweder, er war noch viel verrückter als er eben beim Frühstück vermutet hatte, oder aber es gab eine Bedrohung, die er nicht sehen konnte.

„Sieh‘ Mal“, rief Nick begeistert. „Das wollte ich dir zeigen!“

Er stürmte auf einen umfangreichen Baum zu, der sich unweit des Gebäudes imposant in die Höhe reckte. Max ging kopfschüttelnd zu ihm hinüber.

„Das ist nicht dein Ernst, bist du etwa ein Baumversteher oder sowas?“

Ihm fielen die Outländer ein, unter denen es einige gab, die ganz ernsthaft behaupteten, mit den Bäumen sprechen zu können. Es war schon eine verrückte Bande, aber er mochte sie und fühlte sich bei ihnen mehr als wohl. Dass er ihrer geliebten Roony zwei Jahre Gemeinschaftsdienst eingebrockt hatte, würden sie ihm allerdings nicht verzeihen. Und auf ihn, der erst seit ein paar Monaten bei ihnen lebte, konnten sie leicht verzichten.

Mit erstaunlicher Kraft wurde er gepackt, um den Baum herumgezogen und sogleich um eine Hausecke. In einer Mischung aus Verblüffung und Erstaunen starrte er Nick an, denn offensichtlich war er weitaus kräftiger als er aussah. Der ließ sich auf dem Rasen nieder und sah grinsend zu ihm auf.

„Das Theater habe ich mir mühsam erarbeitet, den bekloppten Baumversteher beobachten sie nicht weiter.“

„Sag‘ jetzt nicht, sie haben die Bäume verwanzt“, gab Max zurück und setzte sich zu ihm.

Sein Gegenüber nickte. „Und die Parkbänke, die Blümchen und das schicke rote Pflaster. Dies hier ist die einzige Ecke, die sie nicht überwachen, hier kommt nämlich keiner ein zweites Mal hin.“

Er wies mit der Hand zum Klinikkomplex hin und Max entdeckte eine Tür, die in einer fensterlosen Wand direkt ins Freie führte, auf einen schmalen betonierten Weg. Der aufgebrachte Schriftzug Leichenhalle - Präparation ließ ihn herumfahren.

„Heißt das etwa, wer hier stirbt …?“

„… wird zur Gummipuppe für den Medizin- und Techniknachwuchs“, beendete Nick den Satz. „Ist ‘ne gute Einnahmequelle.“

Max schüttelte den Kopf. „Und nach vorn hin sieht alles so easy aus, fast wie ein Feriencamp.“

„Das ist es ganz und gar nicht“, erwiderte Nick. „Im Hintergrund werden die EU-Richtlinien ausgedehnt, wie alte Schlüpfer.“

Er musterte Max nun seinerseits, und fragte sich, wie weit er dem Bauchgefühl vertrauen sollte, das ihn so spontan dazu gebracht hatte, sich neben ihn zu setzen und anzusprechen.

Ein gutaussehender, trainierter Kerl war er auf jeden Fall, der mit seinem Blondschopf und dem Sonnyboy-Grinsen vermutlich bisher gut durchs Leben gekommen war. Was das Personal anging, würde ihm das auch hier einige Vorteile einbringen, nicht nur bei den Damen. Doch da war noch etwas Anderes an ihm, versteckt eher, als wolle er es verbergen. Er schien ein gutes ehrliches Herz zu besitzen.

„Hör zu“, begann er, „wir können hier nicht allzu lange bleiben. Für den Anfang solltest du dich vor allem von den blauen Gestalten fernhalten.“

„Von den Level 2 Leuten?“, hakte Max irritiert ein. „Sind die aus Level 3 nicht viel gefährlicher?“

„Nein“, widersprach Nick. „Die sind größtenteils ruhiggestellt. Level 2 Typen sind unberechenbar, je nachdem, was die Medikamente so bei ihnen auslösen. Richtig zugedröhnt werden sie erst, wenn sie ausrasten; wann und wo das passiert, ist reiner Zufall.“

Max spürte, wie sich sein Magen zusammenzog und das schlechte Gewissen ihn endgültig zu verschlucken drohte.

„Das könnte auch deiner Freundin passieren“, fügte Nick hinzu und musterte ihn aufmerksam.

„Sie ist nicht meine Freundin“, gab er zurück. „Also, ich meine, wir sind nur Freunde. Oder besser, wir waren es, sie redet nicht mehr mit mir.“

„Dann hast du sie hier reingebracht?“

Nick sah, wie die Wachsamkeit sich in Max‘ Blick zeigte, und seufzte.

„Also gut, dann fange ich mal an, ob du mir vertraust, musst du dann selbst entscheiden. Ich habe fünf Jahre gekriegt, eins davon bereits abgesessen, verurteilt als terroristischer Aktivist. Ich bin … ich meine ich war bei den Red Barons.“

„Is‘ nich‘ wahr!“, entfuhr Max. „Red Barons? Ich meine, wirklich die Red Barons?“

Er starrte ihn fassungslos an und haderte ganz gehörig mit der Vorstellung, die er und die allermeisten anderen Menschen sich von den linksradikalen Aktivisten machten. Sie boykottierten mit teils spektakulären Aktionen die Internetauftritte, Mailaccounts und Imagekampagnen von Regierungsinstitutionen und Großkonzernen und riefen manchmal auch zu Demos auf, bei denen ganze Stadtteile draufgingen. Nicht wenige Manager und Politiker waren schon über ihre Enthüllungen gestolpert und hatten sich von ihren Karrieren verabschieden müssen.

Er war immer davon ausgegangen, dass jeder der Red Barons ein extrem cooler Typ im Heldenformat war, sämtlichen Behörden, die ihn aufzuspüren versuchten, immer drei Schritte voraus. Ein recht schmaler junger Mann mit Steinzeitbrille passte da nun gar nicht.

„Wie kommt es, dass sie dich schnappen konnten?“

Nick hatte die Frage erwartet und lächelte bitter.

„Meine Mutter hat mich verpfiffen, was ziemlich jämmerlich ist, für einen von uns. Und bevor du fragst, mein Vater ist ein recht hohes Tier in Brüssel. Hoch genug jedenfalls für Level 1. Und warum bist du hier?“

Sein Gegenüber schien noch lange nicht verdaut zu haben, was er gerade erfahren hatte, doch sie mussten nun tatsächlich bald den Rückweg antreten. Und er musste wissen, ob es nun die Chance gab, ihn als Freund zu gewinnen, oder nicht.

Max kam zu sich und spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch.

„Lächerlich blöder Scheiß. Ich wollte in einem Juwelierladen ein bisschen Geschmeide mitgehen lassen. Hab‘ hinterher erfahren, dass der Klunker eine halbe Million wert ist. Weil es die erste Sache war, gab‘s nur Level 1.“

Die Geschichte war noch um einiges peinlicher, wenn man sie aussprach, fand Max, doch Nick blieb ernst.

„Dann muss deine Freundin sich aber direkt die Kronjuwelen geschnappt haben.“

„Nein, sie hat versucht mich aus dem Laden zu zerren“, gab er zu, und die Unsicherheit rang mit dem Wunsch, Nick tatsächlich zu vertrauen.

„Du musst sie schon selber fragen, wieso es sie härter erwischt hat als mich. Und wir wollten das Zeug nicht für uns; wir gehören zu den Outlandern.“

„Oh“, machte Nick, erhob sich und vollführte einen tiefen Diener. „Dann steht ihr beide offiziell unter dem Schutz der Red Barons! Die verlassenen Dörfer und Bauernhöfe zu besetzen und wieder Kartoffeln anzupflanzen, ist ein überaus edles Verbrechen! Los komm, wir müssen zurück!“

 

Roony folgte dem Wärter durch den langen Flur.

Vorgestellt hatte er sich als Servicemitarbeiter, doch er trug ein schwarzes Hemd und eine ebensolche Hose, an der eine robuste Stabtaschenlampe baumelte. Sie hatte genug Männer seiner Sorte in den Einkaufstempeln der Besserverdiener gesehen, um zu wissen, dass sie in erster Linie als Schlagstock eingesetzt wurde. Und er schien es deutlich zu genießen, dass sie blank poliert an seinem Gürtel hing, also war Vorsicht geboten.

Sie hatten mehrere lange Flure und Durchgänge passiert und liefen nun an offenen Türen, Pflegepersonal und wartenden Insassen vorüber. Einige von ihnen saßen bewegungslos da und starrten Löcher in die Luft, andere wiegten den Oberkörper oder ließen dem Zittern ihrer Beine freien Lauf. Das sah verdammt nach Psychiatrie aus, auch wenn Roony so etwas noch nie von innen gesehen hatte.

Der Wachmann hielt vor einer geschlossenen Tür und klopfte. Auf das leise Herein öffnete er ihr und trat zurück. Eine Frau in weißem Kittel mit eleganter Hochsteckfrisur und dezentem Make-Up kam ihr lächelnd entgegen und streckte ihr die Hand hin.

„Hallo, Frau Becker. Ich bin Dr. Seelmann, leitende Oberärztin der Soziopsychologie.“

Roony zögerte einen Moment, dann ergriff sie die Hand und drückte sie kurz.

„Bitte“, sagte die Ärztin, und deutete in eine Ecke des Raumes. „Setzen sie sich.“

Dort standen sich zwei Stühle gegenüber, einen Tisch gab es nicht. Die Ausstattung war allerdings insgesamt recht seltsam. Gepolsterte Stühle reihten sich die Wände entlang, einige Turnmatten waren zu sehen, bunte Schaumstoffwürfel und sogar einige Puppen und Stofftiere.

Roony nahm Platz und sah die Frau an, die sich ihr gegenübersetzte, und damit unangenehm nah war.

„Wie geht es ihnen, haben Sie sich schon ein wenig eingelebt?“

Langsam aber sicher ging ihr dieses freundliche Getue auf die Nerven. Sie spürte tief in ihrem Bauch, dass es lediglich Theater war, um zu verbergen, worum es eigentlich ging.

„Warum hat man mich hergebracht?“, fragte sie, statt zu antworten.

„Nun, es ist Bestandteil ihres Aufenthaltes, sie sozial so fit zu machen, dass wir sie getrost wieder entlassen können“, erläuterte die Psychologin. „Deshalb wäre es von Vorteil, wenn sie auf meine Fragen antworten, damit ich mir ein Bild machen kann, welches Therapieprogramm das Richtige für sie ist.“

Also doch, dachte Roony und nickte; das Umerziehungs- und Aushorchprogramm, von dem Gerüchte in Umlauf waren, gab es tatsächlich.

„Es geht mir ganz gut“, sagte sie tonlos. „Ich habe lediglich etwas Fieber. Und ich habe mich noch nicht eingelebt.“

Ihr unbewegtes Gesicht schien der Frau Doktor nicht zu gefallen, doch sie war fest entschlossen, sich nicht aus der Reserve locken zu lassen.

„Wissen sie, warum sie diesen zweijährigen Dienst ableisten müssen?“

„Ja“, erwiderte Roony. „Ich habe zehntausend Euro in einem Shoppingcenter gestohlen.“

„Und finden sie es angemessen, dafür zwei Jahre hierbleiben zu müssen, auf der Level 2 Station?“

Was sollte die Frage? Sollte sie sich jetzt dafür entschuldigen, das Bargeld gestohlen zu haben? Vielleicht war die Psychotante dann zufrieden und ließ sie gehen. Aber es wäre eine Lüge, denn sie hatte nicht im Geringsten das Gefühl, jemandem Schaden zugefügt zu haben. Die Leute, die über diese alte Art von Geld verfügten und es in den Luxusläden ließen, hatten mehr als genug davon.

„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte sie.

Die Ärztin musterte sie einen Moment, dann erhob sie sich und ging zu einer Aktentasche hinüber. Dort zog sie eine Mappe heraus, schlug sie auf und kam zu ihr zurück.

„Sie sind schon einmal beim Stehlen gefasst worden, damals waren sie dreizehn und sind mit einer Verwarnung davongekommen.“

Und seitdem war sie um Längen besser geworden, ging Roony durch den Kopf, und vermied es, zu der Frau aufzusehen, während sie in der Akte blätterte.

„Ihre Eltern sind kurz nacheinander gestorben, als sie siebzehn waren“, bemerkte sie leise.

Diesmal erstarrte Roony, riss sich jedoch zusammen. Sie hätte damit rechnen müssen, dass sie ihren Lebenslauf dort abgeheftet hatten, zumindest den offiziellen Teil.

„Danach waren sie bei einer Tante untergebracht, die sie allerdings schon einige Monate später als vermisst meldete, da waren sie gerade achtzehn. Seitdem fehlte jede Spur von ihnen, bis zu dem Raubzug im Shoppingcenter vor vier Wochen.“ Sie klappte die Mappe zu, setzte sich und sah sie an. „Wo waren sie in all den Jahren?“

„Bei Freunden“, gab Roony Auskunft.

„Und einen davon haben sie dazu überredet, ihr Handlanger zu werden?“

Beinahe wäre ihr ein Schnauben entwichen, doch sie fing sich rechtzeitig. Max hatte ihr wochenlang in den Ohren gelegen, sie begleiten zu dürfen, um von ihr zu lernen, wie man an das Geld kam. Und eigentlich hatte er nur zusehen sollen; nur unauffällig zusehen.

„Nein“, erwiderte sie und hielt dem durchdringenden Blick der Ärztin stand, bis diese schließlich seufzte.

„Ich will ehrlich mit ihnen sein, Frau Becker. Ich weiß, die Staatsanwaltschaft unterstellt Ihnen, dass sie bereits mindestens seit ihrem achtzehnten Lebensjahr zu den Geldbeschaffern der Outlander-Bewegung gehören. Sie sind nur bisher nicht aufgefallen.“

Das hatte ihr nicht nur der Staatsanwalt unterstellt, sondern so ziemlich jeder Polizist und zwei Männer in dunklen Anzügen, die sich nicht vorgestellt hatten. Und deshalb würde sie auch nie wieder ein Wort mit Max wechseln, denn er hatte nicht nur sie beide reingeritten, sondern die ganze Bewegung in Gefahr gebracht.

Die Outlander waren den Politikern ein Dorn im Auge, doch ihre Gruppe hatte inzwischen sämtliche ehemals illegal besetzten Bauernhöfe und Gebäude in dem verlassenen Dorf gekauft. Und bar bezahlt.

„Ich kenne diese Leute nicht“, stellte Roony fest.

„Und was hatten sie mit den zehntausend Euro vor, die sie gestohlen haben?“

„Ich wollte mich mal von einem richtigen Arzt untersuchen lassen, damit ich nicht so elendig krepieren muss wie meine Eltern. Die konnten sich keine Behandlung leisten.“

Die Psychotante zuckte merklich zusammen und wich ihrem Blick aus.

„Verstehe“, sagte sie und erhob sich. „Sie können gehen, der Servicemitarbeiter wird sie zurückbringen. Wir sehen uns dann bald wieder.“

Kaum hatte sich die Tür hinter der jungen Frau geschlossen, stopfte Martina Seelmann die Akte so heftig in ihre Tasche, dass der Pappdeckel zerriss.

Was für ein Miststück! Die Kleine hatte es sehr viel faustdicker hinter den Ohren als ihr anzusehen war. Sie hatte sie kalt abblitzen lassen, und sie musste sich eingestehen, dass es ihr nicht gelungen war, an sie heran zu kommen. Noch nicht. Aber das musste Manfred ja nicht erfahren. Und genau genommen hatte sie ihr unfreiwillig eine ganze Menge über sich verraten.

Einen Moment starrte sie auf ihre lederne Aktentasche hinab, dann entschied sie, die tickende Zeitbombe zu besuchen. In diesem Gespräch waren wenigstens keine unliebsamen Überraschungen zu erwarten.

 

Der gläserne Außenaufzug brachte sie hinauf in den dritten Stock, auf die Level 3 Station. Die schwierigen Fälle hatten hin und wieder Stubenarrest, wie sie es gern nannte, und Einzelgespräche wurden ohnehin meist vor Ort geführt. Der Sicherheitsaufwand, sie durchs Haus zu führen, war viel zu hoch und erregte nur unnötig Aufsehen.

Zwei Servicemitarbeiter begleiteten sie, schlossen die Zimmertür auf und sahen sie fragend an.

„Sie müssen nicht mit hereinkommen, sie wird sich benehmen“, sagte Seelmann und trat ein.

Drinnen war die Bewohnerin damit beschäftigt, in hohem Tempo Liegestützen zu pumpen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Wirkung der Beruhigungsmittel nachließ. Vermutlich kämpfte sie noch ein wenig mit den Nachwirkungen, denn ihre ausgeprägte Arm- und Schultermuskulatur war schweißnass. Seelmann war sich sicher, dass sie sie absichtlich ignorierte.

„Könnten sie eine Pause machen, Marwari? Ich möchte mit ihnen reden.“

Sie kannten sich, denn die ehemalige Frontex-Soldatin war bereits seit fünf Jahren im Medical Research Center und hatte noch zehn vor sich. Und sie war komplett therapieresistent. Die Frau sah auf, und Seelmann, die sie nun länger nicht gesehen hatte, konnte nicht verhindern, hart schlucken zu müssen.

Ihr linkes Auge war milchig weiß und über die linke Wange zog sich eine wulstige, offenbar schlecht vernähte Narbe. Die Anfänger lernten es noch, Wunden in altem Stil zu schließen, und hier hatte sich offenbar ein gänzlich untalentierter Kandidat erprobt.

„Frau Seelmann! Dann habe ich es also ihnen zu verdanken, dass die Tranquilizer reduziert wurden.“

Sie sprang auf die Füße und streckte ihr eine leicht zitternde, feuchte Hand hin.

Bewegungsunruhe und vermehrtes Schwitzen waren die normalen Begleiterscheinungen des Entzugs, der sich unweigerlich einstellte, wenn die Dosis verringert wurde. Inzwischen gab es wesentlich effektivere und weniger suchtproduzierende Medikamente, doch für ihre Zwecke waren die sehr alten Beruhigungsmittel die preiswertere Variante. Dass sie es verweigerte, sie mit ihrem Doktortitel anzusprechen, ignorierte sie inzwischen.

„Ja, das stimmt“, gab Seelmann zurück und drückte ihre Hand flüchtig. „Ich wollte mich gern mal wieder mit ihnen unterhalten.“

Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl und Marwari, deren Vorname die indische Herkunft ihrer Mutter widerspiegelte, nahm auf der Bettkante Platz und runzelte die Stirn.

„Ich habe meinen Stempel doch schon, wollen Sie mir etwa einen neuen Therapieversuch anbieten?“

„Nicht unbedingt“, erwiderte die Psychologin. „Ich spiele mit dem Gedanken, Ihre Medikation ganz zu streichen, doch dafür muss ich mir sicher sein, dass sie, na sagen wir mal, brav sein werden.“

Einigermaßen verblüfft sah die Soldatin sie an, dann wurde ihr Blick nachdenklich.

„Vielleicht bin ich sogar besser dran, wenn ich das Zeug weiterhin schlucke. Das macht es einfacher.“

Sie deutete auf ihre linke Gesichtshälfte und für einen Moment fiel Seelmann keine Erwiderung ein. Im Prinzip hatte sie Recht, und das deutete auf eine Einsichtsfähigkeit hin, von der bei ihrem letzten Gespräch noch nichts zu erkennen gewesen war. Das war dann doch eine unliebsame Überraschung und passte ganz und gar nicht zu ihren Plänen.

„Und die Nebenwirkungen nehmen sie in Kauf?“ Seelmann hob eine Augenbraue. „Immerhin hätten sie dann auf Dauer keinen Antrieb mehr, zu trainieren. Von den möglichen Langzeitschäden ganz zu schweigen.“

Marwari zuckte die Schultern. „Wozu soll ich noch trainieren? Ist eh‘ nur Gewohnheit. Wenn ich das hier hinter mir habe, gehe ich zu den Outlandern und pflanze Kartoffeln.“

Sie grinste breit, als wüsste sie selbst, dass man dafür mehr Kraft und Gesundheit brauchte als sie würde retten können. Wahrscheinlicher war, dass sie in der Abteilung für Gummipuppen endete, und Seelmann war sich sicher, dass sie das auch wusste.

„Nun gut, dann sagen sie mir doch bitte, wie sie inzwischen zu dem Mord an ihrem Gruppenführer stehen.“

Sie beobachtete, wie Marwaris Gesichtszüge erstarrten und sie die Arme verschränkte.

„Ich stehe nach wie vor dazu, dass er es verdient hat. Aber ich lasse mich nicht mehr aus der Ruhe bringen, wenn Sie oder sonst wer es einen Mord nennen.“

„Sie haben ihn regelrecht hingerichtet. Wie würden Sie das denn nennen?“

„Eine gerechte Strafe“, gab Marwari zurück und ihre dunkelbraunen Augen bohrten sich in Seelmanns Blick. „Ebenso gerecht wie meine.“

Es war zu erwarten gewesen, dass sie an ihrer Version festhielt; eine typische Verleugnung, um die eigene Tat ertragen zu können. Doch dass sie so ruhig blieb, war neu, denn die Medikation war mittlerweile zu gering, um Aggressionen zu dämpfen.

„Und der Angriff auf den Pfleger?“

Nun zuckte es in ihrem gesunden Auge, doch sie blieb gefasst.

„Eine unkontrollierte Überreaktion, die einer Soldaten nicht passieren darf. Ich bedaure das sehr.“

Sie wirkte erstaunlich gewandt und gelassen, doch das war mit Sicherheit nur eine kurze euphorische Phase. Die psychischen Auswirkungen des Entzuges würden sich noch einstellen, was sich recht einfach beschleunigen ließ.

„Also gut.“ Seelmann erhob sich. „Wir werden ihre Dosis weiter runterfahren, bis sie clean sind. Ich erlaube ihnen, Kraftraum und Trainingshalle wieder zu benutzen und sich frei zu bewegen. Dann sehen wir mal, wie es läuft.“

Sie nickte ihr zu und verschwand durch die Tür.

Marwari starrte ihr nach und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Doch ihr Instinkt sagte ihr, dass etwas vor sich gehen musste, wenn diese Hexe ihr plötzlich eine Chance gab, die ebenso gut eine Falle sein konnte.

 

 

 

Kapitel 2 die Auswahl

Roony wartete, bis die Schritte des Servicemitarbeiters auf dem Gang verklangen, dann machte sie sich auf den Weg. Auch, wenn es ihr nicht gefiel, sie musste Max finden und ihm klarmachen, dass er sich vor dieser Psychotante in Acht nehmen musste. Und dass sie ihm den Hals umdrehen würde, wenn er irgendetwas über die Outlander preisgab.

Der einzige Ort, an dem sie nach ihm Ausschau halten konnte, war der Park, denn die anderen Stationen durften die Insassen nicht betreten. Wenn sie ihn dort nicht fand, blieb nur noch der Speisesaal, beim Essen würde sie den Vielfraß auf jeden Fall antreffen. Da gab es jedoch eigentlich viel zu viel Publikum, um offen mit ihm zu sprechen.

 

Als sie eilig die Eingangshalle durchquerte, dachte sie daran zurück, wie er vor nicht einmal einem Jahr aufgetaucht war. Abgerissen, hungrig und trotzdem mit diesem gutgelaunten Grinsen, das ihm auf Anhieb mehr Sympathie eingebracht hatte als ihm zustand. Und auch sie war dumm genug gewesen, ihn gleich zu mögen.

Dass die Frau vor ihr sich plötzlich umwandte, als wolle sie doch nicht mehr hinaus, bemerkte sie erst, als sie in sie hineinlief. Allerdings stießen sie nicht zusammen, denn Roony wurde von einem Arm gebremst, der plötzlich wie ein Stahlrohr in der Luft hing.

Mit leisem Keuchen hielt sie sich die schmerzenden Rippen, während sie irritiert das offenbar blinde Auge und die furchtbar zugerichtete Wange anstarrte.

„Verdammt“, zischte die Dunkelhaarige und blickte sich nervös um, bevor sie sie ansah. „Tut mir leid, war ein Reflex.“

Roony trat einen Schritt zurück. „Ja, sicher, alles in Ordnung. Tut mir auch leid, ich, ähm, ich dachte, du wolltest raus.“

Es schien ihr klüger, den Blick zu senken und ohne Hast an ihr vorbeizugehen.

„Ja“, erwiderte Marwari leise. „Aber da war ich seit acht Monaten nicht mehr.“

Warum sie das ausgerechnet diesem schmalen Mädel anvertraute, wusste sie selbst nicht. Die junge Frau hielt inne, wandte sich um und betrachtete sie mit großen blauen Augen.

Roony spürte die Unsicherheit, die die Frau zurückzudrängen versuchte. Sie fürchtete sich davor, hinauszugehen?! Das passte gar nicht zu dem breiten Kreuz, das sich in ihrem grünen Shirt deutlich abzeichnete. Ansonsten war sie allerdings nicht größer als sie selbst.

„Willst mit mir hinausgehen?“

Die Frage war heraus, bevor sie noch darüber nachgedacht hatte, und sie sah es in dem zerstörten Gesicht arbeiten.

Marwari musterte sie nachdenklich. Normalerweise vermieden es die Insassen ebenso wie das Personal, sie offen anzusehen, als würde allein das Hinschauen reichen, um ebenfalls zum Monster zu werden. Doch diese junge Frau schien damit kein Problem zu haben. Etwas regte sich in ihr und sie nickte lächelnd. Und das hatte sie schon sehr viel länger als acht Monate nicht mehr getan.

Draußen schien die Sonne und Roony hob blinzelnd den Kopf. Offenbar war dies einer der seltenen Tage, an dem das Gestirn es schaffte, die dunstige Wolkenschicht zu durchdringen. Hier in der Biosphäre war die Temperatur herunter geregelt, doch draußen schnellten sie bei Sonnenschein sofort in Höhe. Zu Hause hatten ihre Leute sicher bereits die Schattenplanen aufgezogen, damit das Gemüse nicht verbrannte. Sie verscheuchte den Gedanken, hinter dem Sehnsucht und Schmerz lauerten, und wandte sich der Frau zu.

„Ähm, ich muss jetzt eigentlich jemanden suchen. Aber wenn du möchtest, bringe ich zu der Bank dort.“

Marwari verbarg ein Schmunzeln. Offenbar besaß das Mädchen eine ausgeprägte soziale Ader, was hier drinnen sehr ungewöhnlich war; und draußen eigentlich auch.

„Gern“, erwiderte sie. „Aber du wirst hier am ehesten jemanden finden, wenn du dich zu mir setzt und wartest. Aus diesen Einheitsklamotten jemanden herauszufiltern, braucht ein wenig Übung. Und ich kann dir sicher ein paar nützliche Infos geben.“

Einen Moment war Roony unentschlossen, dann nickte sie. Das konzentrierte Beobachten musste ihr niemand beibringen, denn es gehörte zur Vorbereitung eines jeden Raubzuges. Doch Informationen zu bekommen war überlebenswichtig, besonders, wenn es inoffizielle waren. Sie setzte sich in Bewegung, hielt jedoch nach drei Schritten inne und sah sich um.

Die Frau zögerte noch einen Moment, dann folgte sie ihr.

 

Der flexible Kunststoff der Parkbank passte sich augenblicklich ihren Körpern an und Roony lehnte sich tief aufatmend zurück.

„Schön, nicht wahr?“, sagte ihre Begleiterin. „Man könnte beinahe vergessen, wie tief man in der Scheiße steckt. Ich heiße übrigens Marwari.“

„Ich bin Roony. Und ich glaube, ich werde noch ein bisschen brauchen, bevor ich mir einreden kann, irgendwo anders in der Sonne zu sitzen.“

„Wie lange bist du schon hier?“

„Seit gestern. Und ich hasse es.“

„Wer ist dein Pfleger?“

Die Frage war ziemlich seltsam und Roony runzelte die Stirn. „Er heißt Tom. Warum?“

Marwari nickte. „Ich werde mit ihm reden.“

Das klang ja beinahe, als wolle sie ihm ein paar Anweisungen geben, wie er sie zu behandeln hatte. Ob sie das ernst meinte? Ihre neue Bekanntschaft schwieg, während sie sich aufmerksam umsah, und zu Roonys Erstaunen war es nicht unangenehm.

„Siehst du den Typ da?“, sagte sie plötzlich. „Den mit den aufgekrempelten Ärmeln?“

Roony folgte ihrer Kopfbewegung und nickte. Der untersetzte Kerl hatte die Ärmel seines grünen Shirts bis über die Ellenbogen aufgerollt.

„Ist ein Erkennungszeichen. Bis zu den Ellenbogen heißt, er ist ein Doppelmörder. Wer nur einen Mord vorzuweisen hat, krempelt bis übers Handgelenk.“

Unwillkürlich suchte Roony die Umgebung ab und fand tatsächliche einige Männer, die offenbar dieses Erkennungszeichen benutzten.

„Warum tun sie das?“, fragte sie leise.

„Eindruck schinden“, gab Marwari zurück. „Auf jeden Fall sind es Arschlöcher. Du solltest besser einen Bogen um sie machen, besonders, wenn ihr Blick klar ist. Ist ein Zeichen dafür, dass sie nicht ruhiggestellt sind.“

Die Kleine sah ihr forschend in die Augen und sie wappnete sich gegen die Frage, die nun unweigerlich kommen musste.

„War das ein Unfall, mit deinem Auge und der Wange?“

Marwari war sich eigentlich sicher, dass sie die leichte Trübung ihres Blickes bemerkt hatte, und doch fragte sie stattdessen offen nach ihrem entstellten Gesicht. Das war erstaunlich, zumal sie nicht naiv oder dumm wirkte. Es war etwas an ihr, das sie nicht zu fassen bekam, doch es war warm und tat mehr als gut.

„Das waren zwei Studenten, die besser Metzger werden sollten“, gab sie zurück und zupfte an ihrem grünen Shirt. „Level 3, wir kommen als Lebendfleisch für die Operationstechnik und gehen als Gummipuppen.“

Roony starrte sie an und spürte, wie tief in ihr etwas erstarrte.

„Sie haben an dir geübt?“

Marwari deutete mit dem Kopf in die Runde. „Sie üben doch an uns allen. Aber was soll‘s, das haben sie schon immer getan, bis vor zwanzig Jahren heimlich, seitdem legal. Du musst dir allerdings keine Sorgen machen, die Leute auf Level 2 müssen nur in die Medikamententests.“

Schlagartig wurde Roony klar, dass es etwas Anderes war, vage Bescheid zu wissen oder mittendrin zu stecken, und zum ersten Mal meldete sich die nackte, ungeschönte Angst.

„Ich werde auf dich achtgeben“, sagte Marwari leise und Roony schluckte.

„Warum willst du das tun?“

„Weil ich dich mag“, gab ihr Gegenüber lächelnd zurück. „Und weil ich es kann.“

Roony wusste nicht so recht, was sie darauf sagen sollte, und so nickte sie schlicht. Dann bemerkte sie zwei junge Männer, die auf sie zukamen, und erkannte den auffälligen Blondschopf.

„Was ist los?“, fragte Marwari und wandte sich um.

„Den da habe ich gesucht. Es ist seine Schuld, das ich hier bin.“

Die beiden Männer waren stehen geblieben und ihre neue Aufpasserin lachte leise.

„Sieht aus, als wüsste er das.“

 

Tatsächlich war es Nick, der plötzlich innehielt.

„Ach du scheiße“, murmelte er. „Sie haben sie tatsächlich wieder rausgelassen.“

„Wen?“, fragte Max und reckte den Hals, als er die schmale Gestalt auf der Parkbank entdeckte.

Ihr langes braunes Haar war unverkennbar und sie hatte ihn offenbar bereits entdeckt. Kerzengerade saß sie dort und starrte in seine Richtung, als wolle sie ihm direkt an die Kehle springen.

„Shit“, entfuhr ihm.

„Kennst du Marwari etwa?“

„Was?“ Er sah Nick an und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber dort drüben sitzt meine Freundin Roony auf der Bank und sieht nicht gerade freundlich aus.“

Nick sah noch einmal hin, dann hoben sich seine Augenbrauen bis zur Stirn hinauf.

„Da hat sich deine Roony aber mal eben einen Killer besorgt, um dir einzuheizen!“

Er begann zu feixen, während Max ihn wieder einmal verwirrt ansah.

„Die Frau neben ihr auf der Bank, das ist Marwari. Ex-Frontex-Soldatin und brandgefährlich. Ich stand zufällig daneben, als sie einen Pfleger mit einem einzigen Schlag zum Krüppel gemacht hat, Wirbelbruch im Nacken. Seitdem mag sie mich.“

Er setzte sich wieder in Bewegung und Max musste sich einen Ruck geben, um ihm zu folgen.

„Ist sie tatsächlich eine Killerin?“

„Glaub‘ schon“, erwiderte Nick. „Aber davon gibt es hier so einige. Was immer du tust, starr‘ sie bloß nicht an.“

Max hob den Kopf und inzwischen waren sie nahe genug, um erkennen zu können, was er meinte. Er richtete seinen Blick schleunigst auf Roony und versuchte es mit einem Lächeln, doch ihr Gesicht blieb finster.

„Hey Marwari, lange nicht gesehen!“

Nick hob grüßend die Hand und sie blieben vor der Bank stehen. „Wie geht’s dir?“

„Ganz gut“, gab die Ex-Soldatin zurück, deren gesunde Gesichtshälfte zeigte, dass sie einmal ziemlich hübsch gewesen war. „Die Hexe war heute bei mir und hat Hafterleichterung angeordnet.“

„Na sieh mal an“, erwiderte Nick. „Die Seelmann hat also doch ein Herz!“

Beide begannen zu grinsen, dann deutete Nick auf Max. Doch dessen Freundin, die tatsächlich aussah, als wünsche sie ihm einen möglichst qualvollen Tod, schoss in die Höhe und kam ihm zuvor.

„Ich muss dich sprechen, Max! Es geht um diese Seelmann. Sie hat mich vorhin ziemlich in die Mangel genommen!“

Nick hob die Hand, um sie zu bremsen, doch sie warf ihm einen zornfunkelnden Blick zu.

„Lass mich raten“, meldete sich Marwari. „Erst hat sie dir was von sozialer Wiedereingliederung erzählt, dann hat sie Polizei gespielt und dich in die Enge getrieben.“ Sie warf Nick einen Blick zu. „Mir ist es egal, ob sie mich hören, E.T., ich habe nichts zu verlieren.“

Dann fasste sie den verdutzten Max ins Auge.

„Ich geb dir einen guten Rat, Kleiner. Lass dich von der Seelmann nicht aushorchen. Würde mir gar nicht gefallen, wenn du Roony noch tiefer reinreitest.“

 

Über ihnen blieb Professor Doktor Brinkmann stehen und sah durch die getönten Scheiben seines Büros hinab auf den Park. Einen Moment runzelte er die Stirn, dann hellte sich sein Gesicht auf.

Er fuhr herum und drückte einen Knopf auf dem langgestreckten Tablet, das auf seinem Schreibtisch lag. Seine Stellvertreterin tauchte im Display auf, die ihn überrascht ansah.

„Komm in mein Büro, Martina, ich muss dir etwas zeigen.“

„Keine Zeit für eine Pause, Manfred! Ich bin gerade dabei, mich auf das nächste Gespräch vorzubereiten.“

„Sofort!“, knurrte er. „Oder soll ich dir eine handgeschriebene Dienstanweisung bringen lassen?“

Ihr Gesicht zeigte einen verblüfften Ausdruck, dann verschwand es.

Ab und zu musste er sie daran erinnern, dass er hier der Chef war, auch wenn er regelmäßig ihr Innenleben erkundete; rein mechanisch natürlich.

Schmunzelnd ging er wieder zum Fenster hinüber. Dies war genau der passende Moment, um ihr deutlich zu machen, dass sie entbehrlicher war als sie glaubte.

Es würde der Frau Psychologin gar nicht gefallen, dass er mit seiner Auswahl quasi der Vorsehung einen Schritt voraus gewesen war, und ihre Psychotricks nicht mehr benötigt wurden.

Dort unten hatten sich seine Chrononauten bereits gefunden und erledigten die Sache mit der Teambildung, wie seine Gespielin es nannte, ganz allein.

 

Nur wenige Augenblicke später meldete ihm sein Tablett, dass Martina Seelmann sein Büro ansteuerte.

„Öffne die Tür“, sagte er laut und seine Stellvertreterin rauschte herein, offenbar kurz vor dem nächsten Wutausbruch.

„Komm her und sieh nach unten.“

Er winkte sie zu sich und sie kam der Aufforderung demonstrativ langsam nach.

Im ersten Moment sah sie nichts Auffälliges und wollte ihn schon fragen, welche Blumenrabatte sie denn nun bestaunen sollte, als sie die junge Diebin entdeckte; und die anderen drei. Brüsk wandte sie sich ab und betrachtete sein vor Selbstgefälligkeit überquellendes Lächeln.

„Na und, was soll das jetzt beweisen? Marwari ist nach wie vor komplett egoman und der Meinung, der Mord sei eine gerechte Strafe gewesen. Und diese Roony zeigt weder emotionale Regungen noch akzeptiert sie irgendeine Autorität! Und wer weiß, welche Störungen die beiden Jungs mit sich rumtragen!“

Brinkmann entfernte sich, öffnete eine Schreibtischschublade, zog eine per Fingerabdruck gesicherte Mappe hervor und entnahm ihr ein einzelnes Blatt. Dieses warf er ihr hin und ging wieder zur Fensterfront hinüber.

Seelmann trat an den Schreibtisch und stellte fest, dass es sich um die Ergebnisse der gestrigen Eingangsuntersuchung der jungen Diebin handelte.

„Roony besitzt ungewöhnlich viele und sehr aktive Spiegelneuronen“, sagte Brinkmann, ohne sie anzusehen. „Du weißt selbst, dass sie damit zu den Menschen gehört, die aus winzigsten Bewegungen der Gesichtsmimik und Körperhaltung, und, wie einige Biotechniker inzwischen meinen, sogar aus dem elektromagnetischen Körperfeld herauslesen können, was ein anderer fühlt und beabsichtigt. Damit ist sie dir immer einen Schritt voraus. Und deshalb magst du sie nicht.“

Er wandte sich um und musterte sie.

„Eine durchaus menschliche Reaktion, aber eine promovierte Psychologin sollte es eigentlich erkennen, wenn sie ihre Objektivität verliert.“

Martina Seelmann spürte, wie ihre Wangen sich erwärmten, denn das erklärte zweifellos, warum es ihr nicht gelungen war, das Mädchen zu provozieren. Sie hasste die Neurologen, die sich aufgemacht hatten, psychische Phänomene durch die biotechnisch ausgerichtete Hirnforschung zu entzaubern und der Psychologie damit Stück für Stück ihre Berechtigung entzogen.

„Das bedeutet noch lange nicht, dass sie ihre Fähigkeiten steuern kann“, gab sie spitz zurück. „Oder bereit ist, sie im Sinne des Projektes einzusetzen.“

„Das wird sie, Martina“, erwiderte Brinkmann gelassen. „Ebenso wie die anderen Drei. Es kommt nur darauf an, was es für sie zu gewinnen gibt.“

„Gibt es über die anderen auch solche Dossiers?“, wollte Seelmann wissen.

Brinkmann nickte, rührte sich jedoch nicht.

„Dürfte ich sie vielleicht sehen, um mir ein Bild machen zu können?“

„Nein“, sagte er. „Aber ein Bild habe ich tatsächlich für dich.“

Erneut kam er herüber, zog die Schublade auf, entnahm ihr eine weitere Mappe und aus dieser ein großformatiges Foto. Schwungvoll landete es vor Seelmann, der augenblicklich eine Hitzewelle durch den Leib rollte.

Das Bild zeigte sie selbst, wie sie am heutigen frühen Morgen mit dem Franzosen Pierre Sauvier, einem der sieben Vizepräsidenten der Europäischen Union und hoher Kommissar für die Gesundheitspolitik, plaudernd vor dem Berlaymont-Gebäude in Brüssel stand, dem Hauptsitz der europäischen Regierung.

Sie hob den Kopf und in ihren Augen funkelte es angriffslustig.

„Was soll das? Ich war zu früh dran und bin ihm zufällig über den Weg gelaufen! Er hat mich wiedererkannt und gefragt, wie es geht, und welche Medikamentenstudien wir demnächst abschließen. Da musste ich ihm ja wohl antworten!“

„Und sonst fällt deinem schlauen Köpfchen nichts auf?“, fragte Brinkmann.

Die Psychologin musterte das Foto genauer und suchte nach dem Detail, das ihr entgangen war. Dann verstand sie endlich und blickte ihn entsetzt an.

„Wir werden beobachtet?“

Der Professor neigte den Kopf und in seine Augen zog eine Kälte, die sie bereits zu fürchten gelernt hatte. Allerdings hatte sie bisher immer andere getroffen.

„Du wirst beobachtet, Herzchen. Und es gibt Gewährsleute, die mir das Foto als Warnung zugespielt haben.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich das Projekt verraten würde? Oder dich?“

„Noch nicht, Martina. Aber sollte es so sein, werde ich Marwari einen Freischein geben, der es ihr erlaubt sich ausgiebig mit dir zu beschäftigen und anschließend unter neuer Identität abzutauchen. Es wäre also sehr in deinem Sinne, wenn du den Projektstart nicht weiter verzögerst und ausschließlich meine Anweisungen ausführst.“

Sie wusste, dass er jedes Wort ernst meinte. Und dass sie sich umso verdächtiger machte, wenn sie nun klein beigab.

„Dein Misstrauen enttäuscht mich, Manfred! Ich habe fünf Jahre Arbeit in dieses Projekt investiert und ich will ebenso sehr wie du, dass es erfolgreich ist! Aber ich werde mich natürlich an deine Anweisung halten.“

„Das freut mich“, sagte er und sein jungenhaftes Lächeln kehrte zurück. „Ich danke dir.“

Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und griff nach seinem Jackett.

„Und jetzt lass‘ uns einen Happen essen gehen, ich lade dich ein! Dass wir eher starten können als geplant, ist doch ein Grund zum Feiern!“

 

Unten im Speiseraum reihte sich Roony hinter Marwari in die Schlange vor der Essensausgabe ein, gefolgt von Max und Nick. Die Frau hinter der Glasfront warf ihr einen Blick zu, dann legte sie ihr eine zweite Roulade auf den Teller. Roony erwiderte ihr Lächeln ein wenig verdutzt und folgte Marwari zu einem der meterlangen schlichten Tische.

„Rück‘ auf, Mann!“, fuhr diese einen schrankartigen Kerl in ebenfalls grüner Montur an.

Der Mann sah mit schmalen Augen auf, dann entgleiste sein Gesicht und er beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Nick nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz, doch Max blieb an Roonys Seite, auch wenn er beinahe von der Bank fiel.

„Hör zu“, begann er augenblicklich mit gesenkter Stimme. „Es tut mir unendlich leid, dass ich mich nicht an deine Anweisungen gehalten habe und in diesen Laden rein bin. Es war komplett idiotisch. Ich schwöre dir, ich werde es wiedergutmachen; irgendwie!“

Roony, die auf ihren Teller gestarrt hatte, sah ihn an, und die Verachtung in ihrem Gesicht ließ ihn schlucken.

„Es war vor allem eine Machonummer, du Nichtskönner!“, zischte sie. „Du wolltest mir zeigen, was für ein toller Kerl du bist! Mal eben den Supercoup landen und von allen bejubelt werden! Und was hätten wir mit dem Zeug wohl anfangen sollen, es verkaufen und damit eine Spur legen, die jeder Idiot zurückverfolgen kann? Und dein Erbsenhirn hat nicht mal soweit gereicht, mir zu sagen was du vorhast!“

Ihre Stimme war immer lauter geworden und sie hielt inne. Ein Blick in die Runde zeigte jedoch, dass niemand in der Umgebung Notiz von ihnen nahm, oder es zumindest vorgab.

„Deinetwegen kann Ole jetzt die letzte Rate für den Hof nicht zahlen!“, fuhr sie leise fort, obwohl es ihr mehr als schwerfiel. „Deinetwegen haben sie jetzt Angst, dass die Polizei vorfährt und sie alle abholt! Schmier‘ dir deine Wiedergutmachung sonst wo hin! Oder besser, erstick dran! Du reißt doch nur alle in die Scheiße!“

Ihre Hand bebte, als sie die Gabel in die Roulade hieb, doch es tat gut, ihm das endlich an den Kopf geworfen zu haben.

„Glaub mir, Roony“, sagte Marwari ruhig. „Es wird eine Gelegenheit für ihn kommen, tatsächlich Wiedergutmachung zu leisten.“ Sie beugte sich vor, sodass sie Max ins Gesicht sehen konnte. „Und wenn es soweit ist, werde ich ihn daran erinnern, und darauf achtgeben, dass er keine Scheiße mehr baut. Wenn er das hinkriegt, solltest du ihm eine zweite Chance geben.“

Roony hielt inne und sah sie skeptisch an.

„Jeder von uns hat eine zweite Chance verdient“, sagte die Ex-Soldatin. Dann sah sie an ihr vorbei und runzelte die Stirn. „Bin gleich wieder da.“

Sie schwang ihr Bein über die Sitzbank und Roonys Blick folgte ihr, als sie zur Essenausgabe hinüberlief.

„Ich werde es tun“, wisperte Max neben ihr. „Und wenn es mich das Leben kostet; ich schwöre es dir.“

Sie achtete nicht auf sein Geschwätz und beobachtete, wie Marwari einen Pfleger ansprach, der ebenso wie ein zweiter am Rande stand und offenbar das Geschehen im Speiseraum im Auge behielt. Den dunklen Locken nach zu urteilen konnte es Tom sein, der sich als ihr Pfleger vorgestellt hatte.

Er neigte den Kopf, um ihr zuzuhören, dann nickte er und sein Blick glitt suchend über die Insassen hinweg.

Roony senkte den Kopf und ein leicht mulmiges Gefühl meldete sich in ihrem Bauch. Ob es tatsächlich von Vorteil war, dass Marwari auf sie achtgab, würde sich nun zeigen müssen.

 

Am nächsten Morgen erwachte Roony von einem leisen Geräusch, das nicht in den üppig blühenden Garten hinter dem alten Bauernhaus passte. Irritiert öffnete sie die Augen und stellte fest, dass sie nicht zu Hause war und jemand an die Tür klopfte.

Mit einem Ruck schwang sie die Beine aus dem Bett und strich sich übers Haar; mehr brauchte es nicht, denn sie war in ihrem Jogginganzug eingeschlafen.

„Ja?“, rief sie und ihr schlaftrunkener Kopf kam auf den verblüffenden Gedanken, dass sie diese neue Höflichkeit offenbar Marwari verdankte.

Tatsächlich trat Tom ein, der Pfleger, der ein Frühstückstablett trug.

„Sorry, dass ich dich so früh wecke, aber der Chef will dich in einer halben Stunde sehen.“

„Welcher Chef?“

Er stellte das Tablett ab und sah auf. „Der Klinikchef, Professor Brinkmann.“

„Und was will der von mir?“

Roony erhob sich, um sich an den kleinen Tisch zu setzen. Dort sah sie auf die Schüssel hinab, die mit Haferbrei gefüllt war, und auf die Banane, die daneben lag.

„Hat er mir nicht verraten“, erwiderte Tom. „Und üblich ist es auch nicht. Aber du scheinst ab sofort ein Special Guest zu sein, die Küche hat Anweisung bekommen, dir zum Frühstück zu servieren, was du dir wünschst.“

Skeptisch sah Roony ihn an. Die Vorzugsbehandlung passte jedenfalls nicht, wenn es um ihr Verhalten im gestrigen Gespräch mit der Psychotante ging. Wobei sich so ein Klinikchef vermutlich auch nicht damit abgab, die Strafen persönlich zu verkünden.

„Ich hole dich dann ab und bringe dich rüber in die Verwaltung.“

„Du bringst mich hin? Keiner von diesen Typen mit den großen Taschenlampen?“

„So lautet die Anweisung“, antwortete Tom. „Aber ich könnte mir eine große Spritze an den Gürtel hängen, wenn du möchtest.“

Roony musste grinsen und schüttelte den Kopf. „Nicht nötig, ich werde brav sein.“

Der junge Pfleger nickte schmunzelnd und wandte sich zum Gehen.

„Warte!“, rief sie und er fuhr herum. „Kann ich dich noch etwas fragen?“

Tom versuchte zu verbergen, dass es ihn freute, noch bleiben zu können. Er hatte ohnehin den Eindruck, dass er momentan zu ihrem persönlichen Pfleger bestellt worden war, denn von allen anderen Arbeiten war er freigestellt. Er setzte sich auf die Bettkante und deutete auf das Tablett.

„Schieß los, aber vergiss das Essen nicht, wir haben nicht viel Zeit.“

Roony griff nach der Banane und begann, sie von der Schale zu befreien.

„Was hat Marwari gestern im Speisesaal mit dir besprochen?“

Überrascht sah er sie an, hatte die Soldatin sie gar nicht aufgeklärt? Offenbar nicht, denn die junge Frau musterte ihn erwartungsvoll.

„Sie hat mir gesagt, dass du unter ihrem Schutz stehst und ich das weitergeben soll, an die anderen Pflegekräfte.“

In der Hoffnung, dass sie sich damit zufriedengab, schenkte er ihr ein Lächeln, doch sie krauste die Stirn.

„Und was bedeutet das nun genau? Dass du anklopfst, bevor du reinkommst?“

Sie wusste gar nichts, das war offensichtlich. Und nun sollte ausgerechnet er ihr erzählen, was einer Frau hier passieren konnte, wenn sie zu Beginn der Medikamententests kaum bei sich war?

„Nun … . Ja, alle werden sehr höflich und vorsichtig sein“, erwiderte er zögernd.

Aber wenn er sie an Marwari verwies, um mehr zu erfahren, würde sie ihm sicher unterstellen, auch eines von diesen Arschlöchern zu sein. Und das wollte er auf keinen Fall.

„Du hast sicher davon gehört, dass Marwari einen Pfleger in den Rollstuhl befördert hat?“

Das hatte sie zwar nicht, doch in Roony begann sich eine bedrückende Ahnung auszubreiten.

„Hat er sich etwa an einer der Frauen … .“  Sie schluckte und suchte nach Worten, doch Tom nickte bereits.

„Es gibt leider ein paar ziemlich unangenehme Typen hier. Und da ich nicht immer da sein kann, ist es gut, dass Marwari deine Freundin ist und alle es nun wissen. Damit bist du in Sicherheit.“

Roony war der Appetit vergangen, mit bebenden Fingern legte sie die Banane auf das Tablett.

„Warum unternimmt niemand etwas dagegen?“

„Das habe ich versucht, aber die Seelmann war der Meinung, ich wolle mich nur aufspielen, weil ich als Mann ja eher klein geraten bin.“