Ciros Versteck - Roberto Andò - E-Book

Ciros Versteck E-Book

Roberto Andò

0,0

Beschreibung

Der Klavierlehrer Gabriele Santoro lebt zurückgezogen im neapolitanischen Viertel Forcella. Eines Morgens schleicht sich ein zehnjähriger Junge in seine Wohnung. Gabriele erkennt ihn: Es ist Ciro, der Sohn eines Nachbarn, eines Camorra-Mitglieds. Eine unbedachte Tat hat den scugnizzu, den Straßenjungen, in Gefahr gebracht und kann seinen Tod bedeuten. Instinktiv willigt der Musiker ein, Ciro zu verstecken. Er ist ein ruhiger, introvertierter Mann, der für die Musik und die Poesie brennt, dem es aber nicht leichtfällt, seine Beziehungen zu pflegen. Im Laufe der erzwungenen Isolation entwickelt er eine väterliche Zuneigung für den Jungen, der inmitten von Gewalt aufgewachsen ist. In einem gefährlichen Spiel fordert Gabriele Ciros Verfolger bis zum bitteren Ende heraus.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 199

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Roberto Andò

CIROS VERSTECK

ROMAN

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Anmerkung

Zitatnachweis

Ich fürchte, weder Neapel noch dieWirklichkeit im Allgemeinen je richtiggesehen zu haben.

Anna Maria Ortese

Jeremias, der die Kinderspuren sah,sich auf den Boden warf und sie küsste.

Elias Canetti

1.

Splitternackt, den Blick wie jeden Tag starr auf einen gelblichen kleinen Fleck an der Wand gerichtet, sinnierte Gabriele Santoro auch an diesem gärigen Spätsommermorgen über die Wahl des Gedichtes, zu dem er sich rasieren würde. Seit einigen Jahren hatte er sich angewöhnt, während des Rasierens Verse zu deklamieren, ein Ritual, auf das ihn, ohne es zu ahnen, ein namhafter Neurochirurg gebracht hatte.

Während eines Abendessens bei Freunden hatte er das Tuscheln des Mediziners mit dessen Tischnachbarin belauscht, einer knackigen Dreißigjährigen, die betont aufreizend versucht hatte, die strotzende Libido des Mannes zu schüren. Die Koryphäe beschrieb ihr die Gedächtnisübungen, denen er sich während der Rasur zu unterziehen pflegte – Opernlibretti, Gesänge der Aeneis oder des Orlando furioso, endlose Volksreime –, und pries deren positive kognitive Effekte, da sich, so theoretisierte er, mit dieser Disziplin ähnliche Rezeptoren wie die des Dopamins aktivieren ließen, mit erstaunlichen Auswirkungen auf die Stimmung.

Seitdem hatte Gabriele Santoro angefangen, seine Lieblingsdichter noch einmal zu lesen und deren Verse je nach Verfasser oder Metrik leise oder getragen aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

An jenem Morgen entschied er sich für Ithaka von Konstantinos Kavafis und befand, dass dieses Gedicht nach beherzter Innigkeit im Stil des Schauspielers Salvo Randone verlangte, dem er zum Ende seiner ruhmvollen Karriere noch bewundernd hatte applaudieren dürfen. Wie immer nahm er Haltung ein, um die Worte und Metren in den Spiegel zu sprechen, und hob flüsternd an:

Brichst du auf gen Ithaka,

so wünsch dir eine lange Fahrt,

voller Abenteuer und Erkenntnisse.

Die Lästrygonen und Zyklopen,

den zornigen Poseidon fürchte nicht,

solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,

wenn hochgesinnt dein Denken, wenn edle

Regung deinen Geist und Körper anrührt.

Das nervtötende Schrillen der Gegensprechanlage ließ ihn abrupt innehalten, und mit eingeseiftem Gesicht lief er zur Tür, um zu fragen, wer dort sei.

Er nahm den Hörer ab, und eine Baritonstimme teilte ihm mit, da sei ein Päckchen für ihn. Er reagierte nicht sofort, erwog kurz einen Irrtum, doch dann tauchte aus dem milchigen Spiegel der Erinnerung die Partitur wieder auf, die er zehn Tage zuvor bestellt hatte: die Symphonischen Etüden für Klavier op. 13 von Schumann.

Er drückte den Einlassknopf, riss die Wohnungstür auf, stürzte zurück ins Bad, spritzte sich hastig Wasser ins Gesicht, um es von der Rasiercreme zu befreien, und hastete wieder zum Treppenabsatz, wo sein Besucher gerade der Aufzugkabine entstieg.

Getreu einem eigentümlich eisernen Schweigegebot gegenüber Fremden unterschrieb Gabriele Santoro nach einem stummen Gruß die Empfangsbestätigung, wechselte mit Santino – die mächtige Statur des Boten trug den Diminutiv am Jackenkragen – ein abschließendes einvernehmliches Nicken und ließ ihn die Treppe hinab verschwinden.

Zurück in der Wohnung, öffnete er den Umschlag mit der gleichen Ungeduld, mit der er als Kind die elterlichen Weihnachtsgeschenke aufgerissen hatte. Eine schwellende Unrast, die sich erst mit der Inbesitznahme legte, gedämpft durch ein leises, zehrendes Gefühl der Enttäuschung, das sich regelmäßig bei Menschen einzustellen pflegt, denen die Phase der Erwartung kostbarer ist als die der Erfüllung.

Zurück im Bad, musterte er eingehend die frisch rasierten Hautbahnen auf Wangen und Kinn, blanke, glatte Blößen, die aus den großen, von stoppeligem, grauem Bartflaum bedeckten Flächen hervorleuchteten. Abermals verteilte er die Creme im Gesicht und fuhr fort, sich zu rasieren und zu deklamieren:

Immer halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt.

Doch beeile nur nicht deine Reise.

Besser ist, sie dauere viele Jahre;

und alt geworden lege auf der Insel an,

reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,

und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.

Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen:

Was sonst erwartest du noch?

Genau. Was konnte er sonst noch erwarten? Während er der Mehrdeutigkeit dieser Frage nachsann, ließ er sich von der Erinnerung an einen Sommer vor vielen Jahren auf Patmos forttragen. Die Hitze dort war unerträglich gewesen, doch er hatte kein bisschen darunter gelitten, im Gegenteil, die Stunden und Minuten jener brütenden Tage waren in einer der Sorge und Mühsal enthobenen Fülle vergangen. Vielleicht war das die Erwartung, auf die der Dichter anspielte. Statt die Reise hervorzuheben und die Bedeutung des Ziels herunterzuspielen – eine Botschaft, die er stets als banal und irritierend empfunden hatte –, kam es darauf an, gegen den Würgegriff der Zeit aufzubegehren, was nur gelang, wenn man sich den Pflichten entzog und lebte, als wäre man bereits gestorben. Das Leben ist eine mörderische Abfolge von Enttäuschungen, es ist unser Ithaka. Die Langeweile fernhalten und den Wächtern der Zeit die Kontrolle über unseren Atem entziehen, das ist das Geheimnis des Lebens.

„Von Zeit allein kann man sich nicht ernähren, ohne Tod zu essen.“ Dieser durch und durch richtige Gedanke, der nicht zufällig von einer genialen Frau stammte, bedeutete ihm sehr viel.

Die nächste Phase, die des Ankleidens, folgte einem Ritual, das wie stets nach Akkuratesse und Nüchternheit verlangte, eine Mischung, die dem Maestro wie angeboren war. Als ahnte er die große Überraschung, die der Tag für ihn bereithielt, vernahm Gabriele Santoro, während er sich die Hemdmanschetten zuknöpfte, ein irritierendes Geräusch aus dem Arbeitszimmer und stand auf, um nachzusehen, ob wohl ein Fenster offen geblieben war, doch als er das Zimmer betrat, verdutzte ihn der unerwartete Anblick eines Buches auf dem Fußboden. Er bückte sich, um es in Augenschein zu nehmen – es war eine illustrierte Ausgabe von Rudyard Kiplings Kim –, blickte sich suchend nach einer möglichen Ursache um und wurde, als er keine schlüssige Erklärung fand, von einem Unbehagen beschlichen, das er erst rückblickend zu benennen wusste: Vorahnung.

Da klingelte es an der Tür. Er spähte durch den Spion und erblickte die hagere, unverwechselbare Silhouette seines Klavierstimmers. Abends zuvor hatte er ihn angerufen und dringend gebeten, vorbeizukommen und sich das Klavier anzusehen. Ein Wasserschaden hatte ihn vor einigen Tagen gezwungen, das Instrument vom Arbeitszimmer in den Eingang zu bugsieren. Als er es dann endlich wieder an seinen Platz gerückt hatte, hatte er beim Spiel eine leichte Verstimmung festgestellt.

Der Klavierstimmer hieß Nunzio und war körperlich wie charakterlich so knöchern, als wäre er aus Holz geschnitzt. Seine gepresste Emphysematikerstimme ließ ihn strenger erscheinen, als er eigentlich war.

Der Maestro bat ihn herein und führte ihn ohne viel Aufhebens zu dem günstig erworbenen, in Raten abbezahlten Steinway. Wie immer bat der Mann ihn als Erstes um die Erlaubnis zu rauchen, die er ihm wie immer erteilte.

Nachdem er sich gierig seine filterlose Chesterfield angesteckt hatte, öffnete Nunzio sein Köfferchen und holte drei absonderlich anmutende Werkzeuge hervor, einen Ringschlüssel, einen Keil und eine Stimmgabel. Dann ließ er seinen unter einer schweren Makulopathie leidenden Blick über die im Zimmer und in den Regalen herrschende Ordnung wandern und fragte, was es mit dieser Grabesstille auf sich habe.

„Zu dieser Tageszeit ist es immer ruhig“, entgegnete der Hausherr knapp.

Tatsächlich verblüffte ihn die Feststellung, doch war sie womöglich als versteckte Anspielung aufs Alleinsein zu verstehen, und so verließ er, getreu einer alten Übereinkunft mit dem Klavierstimmer, das Zimmer.

Sogleich machte sich Nunzio an die Überprüfung des Instruments. Aus dem Nebenzimmer vernahm Gabriele Santoro das jähe Aufklirren eines übermäßigen Akkords, dann eine gehaltene Note, gefolgt von einer in leicht dissonanten Mikrotönen ausgeführten Septime. Schließlich versank die Wohnung in vollkommener Stille.

Einige Zeit später tauchte der Mann mit dem Köfferchen in der Hand wieder auf und verkündete, er sei fertig.

„Leben Sie allein?“, fragte er neugierig.

„Ja“, antwortete der Maestro, verwundert über das Schmunzeln des Mannes.

„Ich nicht“, entgegnete Nunzio, „seit ein paar Jahren habe ich eine Katze. Und ich muss sagen, sie leistet mir gute Gesellschaft. Wieso schaffen Sie sich nicht auch eine an?“

In Windeseile ging Gabriele Santoro die Gründe durch, derenthalben er diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen hatte, nicht zuletzt, weil er allergisch war, dann stand er abrupt auf.

„Wie viel schulde ich Ihnen?“, fragte er ungewollt brüsk.

„Nichts. Diesmal müssen Sie nichts zahlen“, entgegnete der Klavierstimmer obenhin und begab sich zur Tür.

„Warum nicht?“, fragte der Maestro überrascht.

„Aus Sympathie“, raunte Nunzio, öffnete flink die Tür und verschwand.

Ratlos grübelte Gabriele Santoro über den Grund dieser unverdienten Bezeigung nach, dann ging er gedankenversunken ins Arbeitszimmer, nahm am Flügel Platz und spielte eine der Douze Études pour piano von Debussy.

Von der Sanftheit des Timbres beschwichtigt, verbrachte er einen geschäftigen Tag mit dem Studium der Schumann-Partitur und zwei langen Telefonaten, eines mit seinem Vater, das andere mit einem überaus pedantischen Kollegen, dem Lehrer für Kontrapunkttechnik, einem armen Kerl, der sich, obwohl kurz vor der Pension, noch immer die abwegigsten Strategien ausdachte, um der Feindseligkeit seiner Schüler Herr zu werden.

Gegen acht Uhr, er bereitete gerade einen Sugo alla Puttanesca zu, wurde der Maestro einer seltsamen Unruhe gewahr, die von der Straße empordrang, und trat ans Fenster, unter dem ein ungewöhnliches und geräuschvolles Hin und Her im Gange war.

Einige Männer wuselten nervös aus dem Hauseingang auf die Gasse hinaus, sammelten sich in Grüppchen vor der kleinen Madonnenstatue, steckten murmelnd die Köpfe zusammen und verfielen in hitzige Diskussionen und Streitereien, die sogleich von einem mageren, schmierigen Kerl erstickt wurden, dem es offenbar zustand, die Streithähne zu trennen und zu einer Umarmung oder einem Kuss aufzufordern, um den wiedererlangten Frieden zu besiegeln.

Der Maestro beobachtete sie und überlegte, dass wohl etwas Schlimmes passiert sein musste (es war nicht ungewöhnlich, dass im Viertel Banden blutjunger Krimineller auftauchten), doch als sie wenig später endlich verschwanden, zog er den Vorhang wieder zu, wandte sich seiner halben Portion Spaghetti zu und wählte Schuberts Oktett in F-Dur, D 803 als Hintergrundmusik.

Gabriele Santoro pflegte sich dem Hören in einer Art Dämmerzustand hinzugeben, den halb geschlossenen Blick eher nach innen denn auf die flüchtigen Unwägbarkeiten der Umgebung gekehrt. Gänzlich in die Musik versunken, befreite er sich endlich von seinem Ich und dessen übersteigertem Hang zur Vernunft.

In diesem Zustand durchlässiger Sinnesklarheit – bildlich mit einem spiegelglatten See vergleichbar – nahm der Maestro plötzlich einen sich regenden Schatten hinter dem Sofa wahr. Als er, unschlüssig, ob es sich um ein von Schuberts Meisterschaft heraufbeschworenes Gespenst oder eine der Müdigkeit geschuldete Sinnestäuschung handelte, die Augen öffnete, stand dort ein gewöhnlich gekleideter Junge mit heller Haut, kurzem, schwarzem Haar und tiefblauen Augen, die ihn, obschon sein Äußeres keinen Anlass zu der Vermutung gab, dass er älter als zehn Jahre war, mit geradezu erwachsenem Gleichmut musterten.

Einen langen Moment blickten er und der Junge einander reglos an. Dann erhob sich Gabriele Santoro abrupt, stellte mit einer brüsken Handbewegung den CD-Spieler ab und entriss das von der Erhabenheit des Augenblicks erfüllte Zimmer mit einem Schlag dem Pathos der Musik. Erst da nahm er die Angst in den Augen des Eindringlings wahr, und mit Unbehagen ging ihm auf, dass sich der Störenfried womöglich bereits seit geraumer Zeit in seiner Wohnung versteckte.

„Seit wann bist du hier, Ciro?“, fragte er denn auch als Erstes.

Er kannte den Namen des Jungen. Er war der jüngste Sohn des Mieters im Dachgeschoss, Carmine Acerno, eines zwielichtigen Typs, von dem er nicht einmal wusste, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Zwar hatte er nie etwas mit diesen Leuten zu tun gehabt, doch ihr Jüngster hatte ihn schon immer neugierig gemacht. Das Kind besaß eine bedächtige, geradezu versonnene Anmut, die von dem vulgären Auftreten seiner Geschwister weit entfernt war.

Als er eines Morgens aus seiner Wohnung getreten war, hatte der Junge weinend dagestanden. Behutsam, um ihn nicht zu erschrecken, war er auf ihn zugegangen und hatte gefragt, was los sei. Der Kleine hatte etwas Unverständliches genuschelt und war weggerannt. Ein anderes Mal hatte er Ciro beim Spielen auf der Treppe beobachtet und war fasziniert gewesen von der blühenden Fantasie, mit der er sich, in Gespräche mit unsichtbaren Freunden vertieft, stundenlang allein beschäftigen konnte. Auch er hatte in seinem Alter die meiste Zeit mit nicht vorhandenen Freunden verbracht. Eigentlich war seine gesamte Kindheit eine grenzenlose, von erfundenen Wesenheiten spärlich bevölkerte Einsamkeit gewesen.

„Bin seit heut Morgen hier, als du im Schlafanzug warst“, sagte Ciro unvermittelt, ohne seine Angst zu verbergen.

Obwohl sie noch nie miteinander gesprochen hatten, war der Maestro nicht überrascht, dass der Junge ihn duzte. Er war also sehr früh in seine Wohnung eingedrungen – offenbar hatte er den winzigen Moment genutzt, als er dem Paketboten die Tür geöffnet und ins Bad zurückgekehrt war, um sich das Gesicht zu waschen, ehe der Aufzug das Stockwerk erreichte.

Er versuchte sich zu entsinnen, was sich seither ereignet hatte, und aus den nunmehr nebulös vorbeiziehenden Erinnerungen die intimen Handlungen herauszupicken, die der Blick dieses Unbekannten verletzt haben könnte.

„Du musst mir helfen“, setzte Ciro flüsternd nach.

„Und wie?“

„Musst mich verstecken“, sagte der Junge und machte einen Schritt auf ihn zu. Da bemerkte Gabriele Santoro, dass sein Besucher zitterte.

Er ließ sich das leise Schaudern, das auch ihn bei dieser Bitte überlief, nicht anmerken.

„Vor wem muss ich dich verstecken?“, hakte er nach, woraufhin sich Ciros Miene vollends verdüsterte und ihm zwei dicke Tränen in die Augen traten.

Trotz der unüblichen Uhrzeit – es war zehn Uhr abends – klingelte es plötzlich an der Tür.

Instinktiv wechselten er und der Junge einen einverständigen Blick.

„Versteck mich“, flehte Ciro noch einmal.

Ohne dass es einer Aufforderung bedurfte, folgte ihm der Junge ins Esszimmer und kletterte folgsam in den Hängeboden über dem Bücherregal, und Gabriele Santoro hastete zur Tür und legte das Auge an den Spion, vor dem zu seiner Verblüffung Diego stand, ein ehemaliger Schüler, den er vor einiger Zeit für zwei kurze Jahre unterrichtet hatte und von dem sein Spitzname stammte, der seither im ganzen Viertel gebräuchlich war: Maestro.

Er konnte sehen, wie Diego einen auf den Stufen hockenden Typ mit hektischen, nervösen Handzeichen zum Gehen drängte. Der ließ sich ein Weilchen bitten, erhob sich schwerfällig, raunte ihm etwas ins Ohr und verschwand.

Gabriele Santoro wartete einige Sekunden und beobachtete, wie sich sein Besucher das Hemd zurechtsteckte. Dann öffnete er die Tür einen winzigen Spalt.

Auf dem Gesicht, das im Türschlitz erschien, lag ein aufgesetztes Lächeln:

„Störe ich? Wie geht es Ihnen? Ich war bei Freunden gleich um die Ecke und da habe ich mir gedacht, ich schaue mal vorbei und sage Hallo.“

Gabriele konnte die Lüge wittern, die das Gesicht seines ehemaligen Schülers verriet, und deutete ein vages Nicken an. Er versuchte sich an ihre letzte Begegnung zu erinnern, als Diego ihn aufgesucht und ihm mitgeteilt hatte, das Konservatorium endgültig verlassen zu wollen. Sein Blick war noch immer der gleiche, nur ruheloser als damals.

„Ich bin gerade beschäftigt. In ein paar Tagen beginnt der Unterricht“, grummelte er in unzweifelhaft abweisendem Ton.

Mit einem dreisten Lächeln spähte Diego in Richtung Wohnzimmer.

„Nicht einmal eine klitzekleine Minute haben Sie für mich?“

Dem Maestro blieb nichts anderes übrig, als ihn einzulassen und ihn aufzufordern, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, doch der junge Mann lehnte ab. In seinem eng anliegenden cremefarbenen Anzug stand er da und gaffte in den Flur, der zum Schlafzimmer und zum Bad führte.

„Ich hatte ganz vergessen, was für eine schöne Wohnung Sie haben“, bemerkte er gestelzt.

„Danke“, erwiderte Gabriele Santoro und überlegte, was er tun sollte.

„Ich schulde Ihnen einiges, Sie haben mich gelehrt, die Musik zu verstehen.“ Der Maestro bedachte die Schmeichelei seines Besuchers mit einem reservierten Nicken.

„Was machst du jetzt, Diego?“

„Ich leite mehrere Restaurants. Kann mich nicht beklagen.“

Sie beäugten einander in befangenem Schweigen, das Diego mit einer unerwarteten Bitte brach.

„Darf ich Sie um einen Schluck Wasser bitten, wenn es keine Umstände macht?“

Ohne mit der Wimper zu zucken, begab sich Gabriele Santoro in die Küche, tunlichst darum bemüht, seinen ehemaligen Schüler nicht aus den Augen zu lassen.

Vom Hängeboden aus hatte der Junge die Begegnung von Anfang an durch einen Spalt beobachtet und konnte nun sehen, wie Diego unversehens aufsprang, verstohlen ins Schlafzimmer und ins Bad schlüpfte, dann zur Küche schlich und urplötzlich wie ein Geist hinter dem Maestro auftauchte, der gerade die Kühlschranktür schloss.

Der verdatterte Hausherr hielt in der Bewegung inne und zwang sich zu einem Lächeln.

„Was machst du hier, Diego? Ich hätte dir das Wasser schon gebracht.“

„Ich wollte Ihnen keine Mühe machen.“

„Ein Glas Wasser zu bringen macht doch keine Mühe!“

In einem gierigen Zug leerte Diego das Glas und ließ ein Rinnsal auf sein Hemd tropfen.

„Schön kühl.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und stellte die nächste Frage:

„Und wo steht Ihr Klavier?“

Gabriele Santoro ahnte, dass sein Besucher auf einen Blick in das Arbeitszimmer erpicht war, und forderte ihn kurz entschlossen auf, ihm zu folgen.

Als er sah, dass das Zimmer ebenfalls leer war, behalf sich Diego mit einer weiteren Bitte:

„Würden Sie wohl dieses Stück für mich spielen, das Sie mir in meiner letzten Stunde bei Ihnen vorgespielt haben?“

Er meinte das siebte Stück von Schumanns Kinderszenen mit dem Titel Träumerei. Der Maestro fragte sich, weshalb er es diesem für Musik gänzlich unempfänglichen Menschen vorgespielt hatte; in den Genuss kamen sonst nur solche, die ein Minimum an Talent zeigten. Nach einem kurzen Zögern nahm er in gesammeltem Schweigen auf dem Hocker vor dem Steinway Platz und schlug die ersten Phrasen der Träumerei aus dem Gedächtnis an. Als er das unbedarft schwelgerische Lächeln im Gesicht des jungen Mannes wahrnahm, brach er jäh ab und schloss den Klavierdeckel wieder.

„Diese Musik macht einen wirklich sprachlos“, meinte der Schüler.

„Umso besser“, versetzte der Maestro obenhin. Er stand auf, konterte den verdutzten Blick seines Besuchers und fügte hinzu:

„Kann ich sonst noch was für dich tun, Diego?“

Verlegen hielt ihm der junge Mann die Hand hin:

„Sie haben schon mehr als genug getan! Es hat mich wahnsinnig gefreut, Sie wiederzusehen, entschuldigen Sie nochmals die Uhrzeit, und danke für die Gastfreundschaft.“

Nach einem hastigen Abschied an der Tür konnte Gabriele Santoro endlich Ciro befreien.

Als er die Klappe des Hängebodens aufstemmte, kauerte der Junge mit blasser, verängstigter Miene da. Er fühlte ihm die Stirn und stellte fest, dass er glühte. Er brachte ihn ins Arbeitszimmer, klappte das Schlafsofa auf und bedeutete ihm, sich hinzulegen. Beim Fiebermessen bemerkte er, dass der Junge vor Schüttelfrost zitterte. Binnen einer Minute war das Quecksilber auf neununddreißigeinhalb gestiegen. Vielleicht hätte eine Aspirin-Tablette das Fieber senken können, doch vermutlich hatte Ciro seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Also lief der Maestro in die Küche zum Kühlschrank, um nachzusehen, was er ihm zu essen machen könnte.

Während er die dürftigen Möglichkeiten abwog – außer einer tiefgefrorenen Minestrone gab es nicht viel –, war plötzlich Geschrei zu hören. Er blickte in den Hof hinunter und sah Carmine Acerno, der drei Leute anbrüllte, darunter Diego. Obwohl nicht genau zu verstehen war, was er sagte, war Ciros Vater sichtlich außer sich. Unvermittelt machte er einen Satz auf den ehemaligen Schüler zu, packte ihn beim Kragen und verpasste ihm eine Ohrfeige. Die anderen standen mit betretenen Mienen daneben, als warteten sie auf ihre Abreibung. Doch es blieb bei der einen Ohrfeige, und kurz darauf trollten sich die Teilnehmer der eigenartigen Zusammenkunft.

Ein paar Minuten lang stand Carmine da, dann ging er auf die Haustür zu, schaute unvermittelt auf und traf Gabrieles Blick. Sie musterten einander lange, dann wich der Maestro vom Fenster zurück.

Es werden dieselben Dinge passieren,sie werden wieder passieren.

Konstantinos Kavafis

2.

Die ganze Nacht hindurch saß Gabriele Santoro im Sessel seines Arbeitszimmers, wachte über den Jungen und trat hin und wieder ans Bett, um das Fieber zu kontrollieren oder ihm die Decke zurechtzuziehen. Mehrmals hörte er ihn im Schlaf stöhnen, und als die Temperatur abermals stieg, legte er ihm nasse Lappen auf die Stirn.

Weil es ihn beschäftigte, nicht zu wissen, was los war, machte er sich den schwachen Moment des Jungen zunutze und fragte ihn nach dem Grund seiner Flucht. Doch wieder verkroch sich Ciro in undurchdringliches Schweigen und blieb ein Rätsel. Resigniert wartete Gabriele Santoro ab, bis dem Jungen die Augen wieder zufielen, und schloss ebenfalls die Lider.

Gegen fünf Uhr glitt er endlich erschöpft in den Schlaf. Als er nach zwei Stunden erwachte – die Uhr zeigte zehn vor sieben –, trat er zu dem schlummernden Jungen, berührte ihn und stellte fest, dass er sich kühler anfühlte. Erleichtert ging er ins Bad, um sich zu waschen.

Bedächtig und – sofern möglich – mit noch größerer Pedanterie, als er sie sonst bei seiner Morgenhygiene an den Tag zu legen pflegte, begann er sein Gesicht einzuseifen. Als sämtliche zu rasierende Partien mit Schaum bedeckt waren, betrachtete er sich im Spiegel. Ihm wollte kein Vers einfallen, nicht einmal einer von Kavafis. Als wäre die Dichtung der Welt mit einem Mal verstummt. Er musste an das verstörende Flehen in den Augen des Jungen denken, an die Wucht seines unergründlichen Blickes. Was wollten diese Augen? Vor wem hatten sie Angst? Und warum hatte er sich darauf eingelassen, ihn bei sich aufzunehmen?

Er ließ den Rasierer über die Haut gleiten und empfand dabei eine Art wundersame Verlangsamung der Zeit, als wäre die Welt plötzlich stehen geblieben und die Angst des Jungen in ihrem Innehalten ebenso verschwunden wie sein Drang, sie zu verstehen. Dieses Wunder vermochte ihm sonst nur die Musik zu bescheren. Die in einem unendlich komplexen Augenblick gebündelte Zeit, der den Sinn der Ereignisse wandelte und eine Ahnung dessen aufscheinen ließ, was die Zukunft bringen mochte.

Als er die Rasur beendet hatte, wusch er sich das Gesicht und stellte fest, dass er blutete. Ein winziger Schnitt unter der Lippe, eine Lappalie.

Um am Ritual eines gewöhnlichen Morgens festzuhalten, ging Gabriele Santoro zuerst bei Marianos Kiosk vorbei und kaufte sich eine Zeitung. Während er das geschuldete Geld abzählte – sie hatten eine monatliche Vereinbarung und es war der 30. September –, kam ein Mann auf den Kioskbetreiber zu, flüsterte ihm etwas ins Ohr, nahm dessen Kopf in einer vermeintlich herzlichen, aber versteckt bedrohlichen Geste fest zwischen beide Hände und verschwand.

Als sie wieder allein waren, wechselten er und Mariano einen Blick, der für gewöhnlich keinerlei Erklärung bedurft hätte. Doch an diesem Morgen wollte der Maestro nichts ungeklärt lassen, und als er die leise Angst im Gesicht des Mannes sah, mit dem er seit zwanzig Jahren seinen Tag zu beginnen pflegte, fragte er ihn, ob etwas nicht in Ordnung sei. Der Kioskbetreiber antwortete nicht sofort. Er steckte das Geld weg, trat aus dem Büdchen auf den menschenleeren Platz hinaus, stellte sich schweigend vor ihn hin und blickte ihn an.

„Der Sohn von Carmine Acerno is’ verschwunden, Ciro“, raunte er dann wie ein Bauchredner. „Die dreh’n völlig durch, um ihn zu finden. Und dann gehen sie mir damit auf den Sack, als wär’ ich bei ihren Sauereien der Aufpasser.“

Gabriele Santoro beschränkte sich auf ein Nicken.

„Wie ist er denn verschwunden?“, fragte er gespielt beiläufig.

„Abgehauen“, lautete die lapidare wie rätselhafte Antwort.

Die vermeintlich neutrale Information ließ Gabrieles Puls ein wenig schneller gehen.

„Wieso?“

Eine gewagte Frage, wusste er doch, dass die Grundhaltung des Viertels ein Übermaß an Neugierde nicht billigte. Tatsächlich verzog Mariano das Gesicht zu einer ohnmächtig betrübten Miene und breitete die Arme aus.

Unterdessen hatte es heftig zu regnen begonnen. Hastig und ohne, dass es eines weiteren Wortes bedurfte, gingen die beiden auseinander. Mariano verkroch sich wieder in seinen Kiosk, und als könnte die vom Himmel niederstürzende Sintflut seine Unrast fortspülen, machte sich der Maestro im strömenden Regen auf den Weg, um einen Kaffee zu trinken.

Als das Mädchen hinter dem Tresen ihn durchweicht und sichtlich verloren hereinkommen sah, drückte sie ihm eine Rolle Küchenpapier in die Hand und forderte ihn mit einem