City of Angels 1 - Engelsbrut - Andrea Gunschera - E-Book

City of Angels 1 - Engelsbrut E-Book

Andrea Gunschera

4,7

Beschreibung

Eine Mordserie erschüttert Los Angeles. Jede Nacht sterben zwei Obdachlose in den Straßen von Downtown. Der Mörder geht mit außergewöhnlicher Brutalität zu Werk. Die Reporterin Eve Hess kreuzt bei ihren Ermittlungen die Fährte zweier Männer, die beide nicht menschlich zu sein scheinen. Da ist Kain, ein Killer, so schön wie skrupellos, getrieben vom brennenden Wunsch nach Rache. Und Alan, der mehr ist als der erfolgreiche Maler, der Szenen aus den Ghettos von L.A. auf seine Leinwände bannt. Der eine hat den Auftrag, sie zu töten, den anderen liebt sie gegen jede Vernunft. Bald muss sie sich fragen, wem sie noch trauen kann. Doch ganz gleich wie die Würfel fallen, dies können sie nicht aufhalten: Die Wiedergeburt eines gefallenen Engels.

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Seitenzahl: 502

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Engelsbrut

City of Angels 01

Andrea Gunschera

Sieben Verlag © 2009

Covergestaltung: Mark Freier

Printausgabe ISBN: 978-3-940235-89-3

E-Book ISBN: 978-3-940235-45-9

www.sieben-verlag.de

Prolog

Und als die Engel, die Söhne des Himmels [die Menschentöchter] erblickten, entbrannten sie in Liebe zu ihnen [ ] und wohnten [ihnen] bei.

Und die Weiber empfingen und gebaren die Nephilim.

Diese verschlangen allen Erwerb der Menschen, bis es unmöglich wurde, sie zu ernähren. Da wandten sie sich gegen die Menschen, und begannen [sie] zu verletzen [ ] und zu trinken ihr Blut.

Da sprach der Höchste, der Große und Heilige: Binde ihn [den Engel Asâêl] an Händen und Füßen, wirf ihn in die Finsternis. [ ] Dort wird er bleiben immerdar.

Gehe [zu den Engeln], welche sich mit [den Menschenfrauen] vereinigten, und binde sie für siebzig Geschlechter unter die Erde, bis auf den Tag des Gerichts.

[ ] Dann sollen sie hinweggeschafft werden in die untersten Tiefen des Feuers, und in den Kerkern eingeschlossen werden ewiglich.

Vertilge alle Nachkommen der Wächter; denn sie haben die Kinder der Menschen unterdrückt.

(Buch Henoch 6)

1

Wo versteckst du dich?

Wind zerrte an Kains Mantel. Er starrte hinab auf das Lichtermeer. Ich finde dich, Vater. Ich finde dich. Er hob einen Arm und betrachtete das Muster auf seiner Haut. Die Narben waren verblasst. Ich finde dich. Der Wind strich lautlos um seine Beine und schwang sich hinauf in die Nacht.

Jamie presste sich gegen eine Hausecke. Die Dünste der Nacht verwirbelten im Wind. Autoabgase, der Gestank der Mülltonnen, Bratfett aus der Abluftanlage des Italieners in der Figueroa Street. Er zog die Decke enger um seine Schultern und hob den Kopf. Ein Nachtfalter taumelte gegen die Wand und stürzte hinunter. Mit schwirrenden Flügeln kroch er über den Asphalt. Ein fremder Duft streifte Jamies Nase. Er schnüffelte. Es erinnerte ihn an etwas.

Ein Gewürz? Er kam nicht auf den Namen. Der Gedanke verflog, als eine Gestalt in sein Gesichtsfeld trat. Jamie versuchte, das Gesicht des Mannes zu lesen.

„Hey“, nuschelte Jamie, ein Reflex, der ohne zu denken funktionierte, „hast du’n paar Pennies für mich?“ Er streckte seine Hand unter der Decke hervor. Der andere beugte sich zu ihm herab. Jamie grinste. Heute schien sein Glückstag zu sein. „Hey, alles klar? Wie geht’s so?“

Der Mann sagte einige Worte in einer fremden Sprache, die wie Gewehrstakkato klangen. Da fiel Jamie auf, dass er nicht allein war. Ein anderer hinter ihm lachte. Zwei Blocks weiter hupte die Alarmanlage eines Wagens los. Jamie wedelte mit der Hand.

„Hast’n paar Pennies?“, wiederholte er hoffnungsvoll. „Nur’n paar Pennies?“

Der Arm des Mannes schoss vor, seine Finger schlossen sich wie Klauen um Jamies Kehle. Panik lähmte seinen dürren Körper. Er konnte plötzlich nicht mehr atmen. Als sich der Griff für einen Moment lockerte, schnappte Jamie nach Luft, verschluckte sich und musste husten. Eine Hand packte sein Haar und zog ihn hoch. Seine Füße trommelten gegen den Asphalt, während der Fremde ihn mit sich schleifte. In einer schmalen Gasse zwischen zwei Mauern stieß ihn sein Angreifer zu Boden.

„Scheiße, Mann“, sagte Jamie keuchend, „Scheiße, ich hab nichts. Mann, ich hab nichts!“ Ein Kichern löste sich aus seiner Kehle. Das war ein Alptraum. Ein verdammter Alptraum. Er erhaschte einen Blick auf glänzend schwarze Knie, die seine Brust gegen die Straße nagelten. Ein Lichtreflex fing sich auf Stahl. Dann nässte Wärme seinen Kragen, und Jamie begriff, dass es sein eigenes Blut war. Er wunderte sich, dass er keinen Schmerz fühlte. Ein Arm legte sich quer über seine Kehle. Jamie blickte in ein Paar glitzernde Augen. Der Mann knurrte. Ein tiefer, tierähnlicher Laut, der einen überwältigenden Fluchtinstinkt in Jamie auslöste. Sein Körper zuckte, er riss die Arme hoch und verkrallte seine Finger im Shirt des Mannes. Tränen begannen über seine Wangen zu laufen, als er die Sinnlosigkeit seiner Anstrengungen begriff.

„Bitte“, wisperte er. „Bitte nicht.“

Der Angreifer lächelte und entblößte sein Gebiss. Jamie starrte auf Eckzähne, die unnatürlich groß wirkten. Vielleicht verlor er den Verstand. Zuviel billiger Fusel. Sein Schädel fühlte sich leicht an, seine Sicht verschwamm.

„Scheiße, Mann.“ Er hustete. „Bitte ...“

Der Kopf senkte sich. Ein scharfer Schmerz schnitt durch Jamies Glieder. Er begann zu schreien. Er schrie, bis eine Hand sich auf seine Lippen presste und jeden Laut erstickte.

„Das ist der Zweite heute Nacht.“ Detective Mark Johnson richtete sich auf und streifte die Latexhandschuhe ab. Seine Worte waren an niemanden im Besonderen gerichtet. „Was für eine Sauerei.“

Eve bückte sich unter dem Absperrband hindurch und drängte sich durch die umstehenden Polizisten. Scheinwerfer erhellten die Gasse und offenbarten das Blut, das in hohem Bogen gegen die Hauswand gespritzt war. Ihr Blick wanderte hinab zu dem Toten. Verstohlen drückte sie auf den Auslöser ihrer Handykamera.

„Eve!“ Mark hatte sie entdeckt. „Was zur Hölle machst du hier?“

„Du meinst, weil du mich nicht angerufen hast?“

„Ich ermittle in einer Mordserie, falls dir das entgangen ist.“ Seine Stimme nahm einen unpersönlichen Tonfall an. „Keine Presse.“

Eve schluckte die Beleidigung hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Sie drehte leicht ihren Arm und krümmte die Finger, um weitere Fotos zu schießen, während sie seinen Blick festhielt. Mit der freien Hand strich sie sich die Locken zurück.

„Ich dachte, wir sind noch Freunde.“

„Das hat nichts damit zu tun.“

„Warum hast du dann nicht angerufen?“

Mark fasste sie am Arm und zog sie ein Stück zur Seite. Eve atmete tief durch. Blutgeruch hing in der Luft, ein süßliches Kupferaroma. Und etwas anderes. Ingwer?

„Tut mir leid.“ Mark hob seine Hände zu einer defensiven Geste. „Wir haben hier einen Irren, der jede Nacht zwei Menschen umbringt, und nicht den Hauch einer Spur. Das ist Los Angeles, die Heimat der Verrückten und Hoffnungslosen. Wir wollen keine Nachahmungstäter. Deshalb gilt ab sofort, keine Details an die Presse.“

Eve verbarg die winzige Kamera in ihrer Handfläche. „Was ist mit dem Recht auf Information?“

„Ach, hör doch auf.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ist sie gut im Bett?“

Seine Züge verhärteten sich augenblicklich. „Das steht nicht zur Debatte.“

„Nicht?“ Sie wusste, dass sie den Mund halten sollte. Ein paar Mal durchatmen. Mark war empfindlich und nachtragend, und wahrscheinlich würde er seine Leute beim nächsten Mal anweisen, sie gar nicht erst an der Absperrung vorbeizulassen. Aber sie konnte sich nicht beherrschen. Es ging einfach nicht. „Ich dachte, genau darum geht es. Ich habe mich gefragt, ob es nur der Sex ist, oder noch was anderes. Ich meine, Amandas überragender Intellekt ist es wohl kaum. Also, was sonst? Karriere? Kluger Zug, dich hochzuschlafen. Spart viel Stress, wo jeder andere ...“

„Halt den Mund!“, zischte er. Eve zuckte zusammen, als er ihr Handgelenk packte. „Weißt du, dass jede Menge Leute beim LAPD angerufen haben, nachdem dein Artikel letzte Woche in der Times erschienen ist?“

„Gut für euch“, gab sie zurück. „Freie Publicity. Was willst du noch?“

„Es drängt sich die Frage auf, ob das ein Mensch ist, der hier mordet“, zitierte Mark. Seine Stimme hob sich. „Hast du den Verstand verloren, so was zu schreiben? Ich brauche keinen hysterischen Mob. Wirklich nicht. Du schürst alle möglichen Spekulationen und lockst diese Verrückten aus ihren Löchern, die meinen, sie müssten auf Monster-jagd gehen.“

Eve biss sich auf die Lippen. „Willkommen im Zeitalter moderner Kommunikation, Mark. Dein hysterischer Mob will unterhalten werden. Information durch Entertainment, schon davon gehört?“

Er ließ ihren Arm los. Gott sei Dank. Eve wich zwei Schritte zurück und musterte sein Gesicht, den zusammengekniffenen Mund. Auf einmal tat es ihr leid, dass sie ihn angegriffen hatte. Sie widerstand dem Impuls, ihre Hand auszustrecken und durch sein Haar zu streichen, so wie sie es früher getan hatte.

„Entschuldige“, murmelte sie. „Ich bin noch nicht darüber hinweg.“

„Aber du wirst das nicht zum Anlass nehmen, mir schlechte Presse anzuhängen?“

Die versöhnliche Stimmung verflog so schnell, wie sie gekommen war. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Was?“

„Dass du mir das unterstellst.“

„Aber ich habe nicht ...“ Er brach ab. „Jetzt komm, das war ein Scherz.“

War es nicht. Mark kannte nicht einmal die Bedeutung dieses Wortes. Es ärgerte sie, dass seine Frage sie verletzte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass sich jemand an der Leiche zu schaffen machte. Ein Glück, dass sie so schnell gewesen war, nachdem sie den Tipp bekommen hatte. Ihre neue Wohnung lag nur ein paar Blocks von hier. Sie schüttelte den Kopf, als ihr bewusst wurde, wie bizarr dieser Gedanke war. Ein Glück, dass drei Straßen von ihrem Apartment entfernt ein irrer Serienmörder sein achtes Opfer abgeschlachtet hatte? Lieber Himmel, sie räumte ihrer Arbeit eine zu hohe Priorität ein.

„Gibt’s ein offizielles Statement?“, fragte sie.

„Pressesperre“, wiederholte er.

„Fein.“

Sie drängte sich an ihm vorbei, zurück in die Menge. Inzwischen blockierten zwei Polizeiwagen die Straßeneinfahrt. Rot und blau fleckten Lichter die Hauswände.

„Warte!“, hörte sie Mark rufen.

Rasch drückte sie auf den Kameraauslöser, drei oder vier Mal. Ein Mann von der Spurensicherung fotografierte die Straße. Eve musterte die Leiche des dürren Schwarzen, der auf dem Rücken lag, die Knie halb angezogen. Seine Kehle war dunkel von geronnenem Blut. Ihr Blick wanderte hinab zur rechten Hand, die in einem unnatürlichen Winkel abknickte und ein zerfetztes Handgelenk entblößte. Der Kopf schwamm ihr vom Blutgestank.

„Geh nach Hause“, sagte Mark hinter ihr. „Es ist kurz nach vier. Es reicht, wenn wir uns hier die Nacht um die Ohren schlagen.“

„Ich arbeite.“

„Jetzt nicht mehr.“ Die Falte auf seiner Stirn vertiefte sich. „Komm, ich begleite dich ein Stück.“

„Du komplimentierst mich vor die Tür.“ Eve quittierte sein Lächeln mit einem Nicken. Hier kam sie nicht weiter. Morgen oder übermorgen, wenn die Ergebnisse aus der Spurensicherung vorlagen, musste sie Andrew noch mal anrufen, einen von Marks Kollegen, der seine Chance witterte, nachdem Mark sie verlassen hatte, und sie seither mit Informationen versorgte. Bestimmt würde er sich freuen, wenn sie ihn zum Dinner einlud.

Zu Fuß machte sie sich auf den Weg nach Hause. Nachdem sie ein paar Meter zwischen sich und die Absperrung gebracht hatte, zog sie ihr Handy heraus und begann, durch die Fotos zu blättern. Das Erste war verwischt. Auf dem Nächsten verdeckte ein Finger die Hälfte der Linse. Eve seufzte und schaltete weiter. Da war eine schöne Aufnahme des Toten, kaum verwackelt. Sie blieb stehen und blickte zurück zu den beiden Polizeiwagen. Erneut hob sie das Handy und drückte auf den Auslöser. Ein schönes Eröffnungsbild. Sie lächelte. Ein zerschrammter Geländewagen kam die Straße herunter, Musik schallte aus den offenen Fenstern.

Sie bog in den Olympic Boulevard und schlüpfte durch eine Glastür ins Innere des 717, des Hochhauses, in dem sich ihr neues Apartment befand. Felipe saß hinter dem Concierge-Tresen und blätterte in einer Zeitung. Eve freute sich, ihn zu sehen. Felipe war es gewesen, der sie überzeugt hatte, ins 717 zu ziehen, nachdem ihre Beziehung mit Mark endgültig auseinandergebrochen war. Felipe, der beste Freund, den sie sich wünschen konnte. Immer da, wenn sie jemanden brauchte, um ihr Herz auszuschütten, und außerdem ein unverzichtbarer Ratgeber in Beziehungsfragen. Felipe arbeitete nicht nur als Concierge im 717, sondern bewohnte auch das Apartment neben ihrer Wohnung.

„Eve!“ Er legte die Zeitung beiseite.

„Hey“, sagte sie. „Du hast Dienst heute Nacht?“

„Warst du aus?“

Eve blickte an sich herunter. „Sehe ich aus, als wenn ich ausgegangen wäre?“

„Das kann man bei dir nie so genau sagen.“

Sie hob eine Augenbraue. „Was soll das heißen?“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Dass du auch in Jeans und diesem T-Shirt nett aussiehst, bei dem ein Faden von deinem Ärmel herabhängt und – was ist das da am Kragen? Balsamico, Olivenöl?“

Sie schlug nach ihm. Dann hob sie den Arm. Tatsächlich, da war ein Faden. Unschlüssig zupfte sie daran. „Es gab wieder zwei Tote“, sagte sie schließlich. „Ich habe mich am Tatort herumgedrückt und tolle Fotos gemacht.“ Sie hob ihr Handy. „Willst du sie sehen?“

Angewidert verzog er das Gesicht. „Eine Leiche? Um Gottes Willen, nein!“

„Ich habe Mark getroffen“, fügte sie hinzu.

„Und?“

„Er schweigt eisern über die Details. Okay, ich war vielleicht auch nicht gerade taktvoll.“ Sie seufzte. „Jetzt muss ich Andrews Schwäche für mich ausnutzen, um an Informationen zu kommen. Himmel, das ist so würdelos.“

„Wer ist Andrew?“

„Marks Kollege beim LAPD. Ein bisschen unscheinbar, sommersprossig, rotblonde Haare.“

„Ach so.“ Felipes Miene hellte sich auf. „Der kleine Ire.“

„Ire? Woher weißt du das?“

„Marks Geburtstagsparty. Wir haben uns unterhalten. Er ist süß.“ Sein Lächeln wurde süffisant.

„Felipe!“

„Entschuldige. Du hast gefragt.“

„Ich gehe mit ihm essen.“

„Um ihn auszuquetschen?“ Felipe schüttelte den Kopf. „Eve, du bist böse.“

„Ich weiß.“ Sie lächelte. „ Aber ich muss diesen verdammten Artikel fertig schreiben, und ich kann mir nicht alles aus den Fingern saugen.“

Eve drückte den Aufzugsknopf.

„Gute Nacht“, rief Felipe ihr nach. „Schlaf gut.“

Sie ließ die Tür hinter sich zufallen und streifte die Schuhe von ihren Füßen. Obwohl ihr Körper sich zerschlagen anfühlte, war sie nicht wirklich müde. Im Bad reinigte sie ihr Gesicht und wischte einen Rest Wimperntusche ab, der sich unter ihren Augen gesammelt hatte. Dicht beugte sie ihren Kopf zum Spiegel. Da waren Fältchen an den Mundwinkeln, die sich nicht mehr wegleugnen ließen. Mit einem Schnauben richtete sie sich auf und kniff die Augen zusammen. Sie war Mitte dreißig, da war das normal. Wenn man nicht genau hinschaute, bemerkte man es kaum. Ihre Wut auf Mark war noch nicht verflogen. Er trug Schuld daran, dass sie begann, sich selbst in Frage zu stellen.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und schaltete den Laptop ein. Während sie darauf wartete, dass das System hochfuhr, suchte sie nach dem Fenster im gegenüberliegenden Block.

Dem Fenster.

Es brannte noch Licht. Ihre Haut kribbelte. Schwach zeichnete sich die Silhouette eines Mannes hinter den Vorhängen ab. Sie konnte nicht sagen, was an diesem Umriss sie so elektrisierte, aber seit sie vor ein paar Wochen eingezogen war, suchte sie jeden Abend nach dem Schatten auf der anderen Seite. Das Gebäude war ein ehemaliges Bürohochhaus aus den vierziger Jahren mit einer prachtvollen Stuckfassade, das nun Appartements beherbergte. Es grenzte an das etwas heruntergekommene Hotel Figueroa und einen unbeleuchteten Parkplatz auf der anderen Seite.

Während der langen Abende am Fenster hatte Eve zu spekulieren begonnen. Vielleicht war er Künstler. Ein paarmal hatte sie geglaubt, ihn vor einer Staffelei stehen zu sehen.

Rasch verkabelte sie die Kamera mit dem Laptop, stand auf und schaltete die Lampe aus. Der Monitor warf eine blaue Reflexion auf den Teppich.

Eve beobachtete das erleuchtete Fenster. Die Silhouette blieb lange unverändert, bis sich der Mann plötzlich aufrichtete und die Vorhänge zurückzog. Er stieß einen Fensterflügel auf und lehnte sich hinaus. Eve registrierte, dass er bis zu den Hüften nackt war. Der Lichtschein in seinem Rücken ließ seine Konturen ätherisch erscheinen. Zum ersten Mal erfasste sie mehr von ihm als nur seinen Umriss. Ob er von ihr wusste? Sie bezweifelte es.

Wind zerrte an den Vorhängen. Er streckte einen Arm aus und fing den Stoff mit der Hand.

Eve legte ihre Finger gegen die Glasscheibe und stieß lautlos den Atem aus. Der Mann auf der anderen Seite stand reglos. Sie glaubte zu erkennen, wie eine Böe ihm Haarsträhnen ins Gesicht wehte. Ihre Kehle schmerzte, etwas brannte in ihr. Es schmeckte nach Sehnsucht und Leere. Es war eine Wunde, die mit der Trennung von Mark aufgerissen war und einfach nicht heilen wollte. Sie starrte hinüber zu dem Fremden, dessen Körper sich schlank und kräftig gegen das hell erleuchtete Fenster abhob. Als er die Vorhänge zuzog und sich abwandte, verspürte Eve leises Bedauern. Einen Augenblick später erlosch das Licht.

2

Die Stadt der Engel umfing ihn mit tausend Gerüchen. Nie zuvor hatte Kain einen Ort betreten, der so brodelte vor Energie. Er hatte sich die Suche leicht vorgestellt, hatte geglaubt, dass er nur einen anderen seiner Art finden müsste, und sich von ihm führen lassen, ins Herz der Dunkelheit. Aber Los Angeles unterschied sich von anderen Orten. Kain witterte viele seines Blutes, doch sie folgten nicht einem einzigen Meister. Wie Nachtfalter trieben sie durch die Schichten der Stadt, mit Zielen so zahlreich wie tausend Straßen. Er würde suchen müssen.

Kain stützte sich von der Matratze hoch und starrte aus dem Fenster. Die Suite im Ostturm des Westin Bonaventure war geräumig und luxuriös möbliert. Dieses Hotel am Bunker Hill, ein abstoßender Betonklotz an der Auffahrt zum Harbour Freeway, offerierte innerhalb seiner Mauern erstaunlichen Komfort.

Er drehte sich um und betrachtete die Hure, die neben ihm eingeschlafen war. Sie hatte das Laken über die Brüste gezogen, ihr Haar kringelte sich auf dem Kopfkissen. Kain atmete ihren Duft ein. Einen langen Moment schwelgte er in der Vorstellung, sie zu schmecken. Er senkte den Kopf und legte seine Lippen an ihre Kehle. Seine Zunge tastete über ihre Haut, erspürte das Pochen ihres Herzens. Sein Atem zitterte vor Begierde. Mit einem Stich Bedauern rang er seine Schwäche nieder und zog sich zurück. Wenn er sie tötete, müsste er ihre Leiche verschwinden lassen, und der Aufwand rechtfertigte nicht das Vergnügen.

Kain rollte sich vom Bett und trug seine Kleider ins Wohnzimmer. Auf dem Display seines iPhones fand er eine Nachricht. Er überflog den kurzen Text, der mit V unterzeichnet war. V stand für Vitali, einen Anwalt in Boston, der einzigen Person, mit der ihn so etwas wie ein Vertrauensverhältnis verband. Vitali verwaltete Kains Vermögen und verhandelte seine Aufträge.

Die SMS gab ihm einen Namen und eine Adresse in Santa Monica. Vitali wusste, dass Kain sich in Los Angeles aufhielt, und Kain schätzte den Sinn seines Vermittlers für praktische Arrangements. In der Nachricht stand nichts über den Preis, und auch nichts über den Auftraggeber. Aber Kain interessierte sich nicht für Namen oder Beweggründe seiner Kunden, und er wusste, dass Vitali eine angemessene Bezahlung sicherstellen würde. Hinter den Fenstern dämmerte der Morgen herauf. Kain stellte sich vor den Spiegel und suchte nach bläulichen Schatten unter den Augen, den ersten Anzeichen des Hungers. Er musste die Sucht kontrollieren, sonst fraß sie ihn auf wie andere, die er getroffen hatte. Andere, die zu Ungeheuern mutiert waren, weil Hunger zur alles dominierenden Triebkraft in ihrem Leben geworden war.

Doch er fand nichts. Die Haut war makellos. Sein Haar, dicht und blond wie das eines Engels, fiel in zerzausten Strähnen über seine Schultern. Er entblößte seine weißen Zähne. Am Zahnfleisch entdeckte er schließlich einen grauen Schimmer, der verriet, dass der Verfallsprozess bereits einsetzte, selbst wenn er noch nichts davon spürte. Es würde etwa vierundzwanzig Stunden dauern, bis sich die dünnen Hautpartien in seinem Gesicht verfärbten, die erste sichtbare Warnung. Einen weiteren Tag, bis die Schmerzen einsetzten. Zu diesem Zeitpunkt wäre die berauschende Wirkung des Blutes endgültig verflogen. Ein gewöhnlicher Mensch wäre ihm auch weiterhin kein Gegner. Er würde jedoch auf seine Erfahrung und das Moment der Überraschung zurückgreifen müssen, falls er einem anderen Schattenläufer gegenübertrat, der über die gleichen Kräfte verfügte wie er selbst.

Vom Schlafzimmer klang ein Rascheln herüber, wo die Hure sich unter den Laken regte.

„Was für eine Ausstellung?“ Eve beobachtete, wie der Kaffee durchlief. Sie öffnete den Kühlschrank und nahm die Milch heraus, während sie mit der anderen Hand das Telefon ans Ohr gepresst hielt.

„Alan Glaser.“

„Soll mir das was sagen?“

Greg La Rosa, ihr Agent am anderen Ende der Leitung, lachte.

„Ehrlich“, gestand Eve, „ich bin ein Kunstbanause.“ Sie nahm die Glaskanne aus der Maschine und goss Kaffee in ihre Tasse. Zischend verdampfte Wasser auf der Warmhalteplatte. „In meinem früheren Leben habe ich Kriegsberichterstattung gemacht. Da hatten wir es nicht so mit Kunst.“

„Hast du den nächsten Artikel über die Obdachlosenmorde fertig?“

„Ich arbeite daran.“

„Aber das heißt nicht, dass wir ihn morgen verkaufen können, Süße.“ Gregs Stimme bekam einen triumphierenden Unterton. „Und weil du trotzdem etwas essen musst, habe ich dir diesen Job besorgt.“

Eve verdrehte die Augen. „Alan Glaser, ja? Was macht der Kerl? Bilder, Skulpturen, Installationen aus Schrott?“

„Großformatige Gemälde in Acryl. Du fährst zur Vernissage in die Galerie Petrowska, trinkst ein paar Cocktails, interviewst die Galeristin und den Künstler und schreibst einen schönen Artikel. Ist für die Los Angeles People, also nicht zu intellektuell bitte.“

„Keine Sorge.“ Eve nahm einen Schluck Kaffee. „Irgendeine Chance, dass ich Brad Pitt oder George Clooney über den Weg laufe?“

„Falls du einen von ihnen triffst, mach unbedingt ein Foto, dann verdoppeln sie sicher das Honorar.“

Sie musste lachen.

„Okay“, sagte Greg, „ich verspreche denen, dass sie den Artikel Ende der Woche bekommen. Und mach eine schöne Story, hörst du? Delikate Details aus dem Alltag des Künstlers.“

„Und wenn ich rausfinde, dass er was mit Brad Pitt hat, sind wir reich.“ Sie sah auf die Uhr. „Schick mir eine Email mit der Einladung und der Adresse, ja?“

„Du bist die Beste.“ Gregs Stimme wurde weich. „Und mach dir keine Sorgen wegen der Straßenmordserie, okay? Ich war gestern mit dem zuständigen Redakteur von der Los Angeles Times essen, und er sagt, er wartet lieber noch ein paar Tage, wenn er dafür einen wirklich guten Text bekommt. Er will die Qualität der ersten Beiträge halten.“

Klar, das wollte Eve auch. War nur nicht so einfach, bei der aktuellen Informationslage. Aber wenigstens hatte sie die Bilder von letzter Nacht.

„Greg? Ich habe gestern Photos gemacht. Vom Tatort. Ich hab ein paar Großaufnahmen von der Leiche. Soll ich sie dir mailen?“

„Jugendfrei?“

„Natürlich nicht.“ Eve schlürfte von ihrem Kaffee. „Die ganze Straße war voller Blut.“

Greg machte ein Geräusch, das sie nicht genau identifizieren konnte.

„Greg?“

„Geh zu dieser Vernissage, okay?“ Es knackte in der Leitung.

„Greg?“

„Mach’s gut, Eve.“ Er legte auf.

3

Klaviermusik schallte auf die Straße. Die Türen der Galerie Petrowska waren weit geöffnet. Alan Glaser warf einen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Fackeln, die zum Eingang führten.

„Nein“, sagte Katherina, „wir werden das nicht dulden.“

Ihre perfekt gezeichneten Lippen bewegten sich kaum, während sie sprach. Alan spürte, wie Verdrossenheit auch den letzten Rest Vorfreude auf die Vernissage verdrängte.

„Ich habe nichts damit zu tun“, sagte er. „Das ist eine Sache zwischen dir und Mordechai.“

„Du könntest ihn beeinflussen. Er ist dein Vater.“

„Das ändert nichts.“

Eine senkrechte Kerbe erschien über ihrer Nasenwurzel. „Du bedeutest ihm etwas.“

„Was nicht heißt, dass er meinem Rat folgt. Wir teilen selten eine Meinung.“ Alan musterte den Ausstellungssaal auf der anderen Seite der Glaswand. Es trafen immer mehr Gäste ein. Eine Frau in Jeans und orangefarbener Batikbluse erweckte seine Aufmerksamkeit. Vielleicht, weil sie so gar nicht in die elegante Menge passte. Sie war schmal, drahtig und trug eine Ledertasche an einem breiten Riemen. In ihrem Nacken kringelten sich kurz geschnittene Locken von der Farbe dunklen Honigs.

„Dir ist nicht klar, was er anrichtet, nicht wahr?“ Katherinas Stimme nahm an Schärfe zu. „Wenn er diese Junkies ungestört wüten lässt, sie auch noch schützt, gefährdet er uns alle. Das ist die größte Mordserie der letzten zehn Jahre. Wahrscheinlich arbeitet das halbe LAPD an dem Fall. Früher oder später werden sie etwas finden, und ich will mir gar nicht ausmalen, was dann passiert. Sie werden eine Hetzjagd auf alle Schattenläufer ausrufen.“

„Mordechai glaubt nicht, dass ihm Menschen etwas anhaben können.“

„Mordechai ist verrückt. Ich habe schon einmal einen Krieg erlebt und kann nicht zulassen, dass sich das wiederholt.“ Ihr Blick verdunkelte sich. „Nicht mit den Waffen, über die sie heute verfügen.“

Alan schwieg. Er beobachtete, wie die Frau mit dem honigfarbenen Haar eine Nikon aus ihrer Tasche nahm und sich auf ein Knie herabließ, um die Wandfront zu fotografieren.

„Du bestehst auf deiner Neutralität?“ Vorwurf schwang in Katherinas Frage.

„Du willst doch nicht nur, dass ich auf meinen Vater einrede. Du musst wissen, dass ich keinen Erfolg haben werde.“

„Ich will, dass du zu uns zurückkehrst, Alain Schattenherz.“

„Ich trage diesen Namen nicht mehr.“

Katherina lächelte traurig. „Nein, du versteckst dich hinter deinem Schwur, statt Unheil zu verhindern, wo du es könntest. Das bringt die Toten nicht zurück.“

Sein Groll schlug um in Wut. „Selbst wenn! Selbst wenn ich zurückkehre zur Garde ... du kannst nicht ernsthaft erwarten, dass ich mich gegen meinen Vater stelle.“

Ihre Augen leuchteten auf und enthüllten für eine Sekunde die Natur des Wesens, das sich in diesem makellosen Körper verbarg.

„Ich zwinge ihn zurück in die Regeln“, sagte sie. „Mit dir oder gegen dich. Ich will nur, dass du weißt, dass ich dich gern auf unserer Seite wüsste.“

„Ist das eine Drohung?“

Sie lächelte schwach. Alan wandte den Blick ab. Er bemerkte, dass die Fotografin ihre Kamera über die Schulter gehängt und ein Gespräch mit einem Gast begonnen hatte, einem hageren Mann in einem Leinenanzug. Er kannte ihn von früheren Ausstellungen, erinnerte sich jedoch nicht an seinen Namen.

„Wir sollten uns unters Volk mischen“, sagte Katherina. „In zehn Minuten geht es los.“

„Wer ist die Frau dort drüben?“

„Die Fotografin?“

Er nickte.

„Das ist vermutlich Eve Hess. Sie schreibt für die Los Angeles People.“

„Ich bekomme eine Besprechung in der LA People?“ Er hob eine Augenbraue. „Die interessieren sich für Kunst?“

„Die People hat mehrere Millionen Leser. Selbst wenn die nur das Muttermal auf deiner Wange besprechen, ist das schon gut für uns. Du gibst ihr ein Interview. Erzähl ihr ein paar Anekdoten.“

„Welche Anekdoten genau hattest du im Sinn?“

Katherina lachte. Ihr Lachen verriet mehr als alles andere ihre Jahre in Russland, mehr sogar als ihr Name. Kennen gelernt hatte er sie in Paris, aber er wusste, dass sie zuvor eine lange Zeit in St. Petersburg verbracht hatte.

„Erzähl ihr, was du gern isst, welche Fernsehserien du magst und was du von Angelina Jolie hältst.“

„Das sind die Dinge, die die Welt bedeuten?“

„Du wirst es mögen, berühmt zu sein.“

Ihr Lachen verklang zu einem amüsierten Lächeln. Alan wusste, dass sie erneut versuchen würde, ihn gegen Mordechai zu instrumentalisieren. Nicht heute vielleicht. Doch später. Nicht, dass er sie nicht verstand. Aber er erwartete, dass sie ihm das gleiche Verständnis entgegen brachte, und das tat sie nicht. Hatte sie nie getan.

„Sollen wir?“, fragte Katherina. Sie strich ihr Kleid glatt, eine elegante kleine Geste. „Lassen wir sie nicht länger warten.“

Eine Bewegung im Augenwinkel erregte Eves Aufmerksamkeit.

„Und deshalb“, fuhr der Herr im Leinenanzug fort, „bin ich dieser Galerie schon seit Mitte der Neunziger verbunden.“

Sie drehte sich um und entdeckte eine Frau und einen Mann, die den Saal durch eine Nebentür betraten. Das Äußere der Frau fesselte Eve derart, dass sie den Blick nicht abwenden konnte. Sie war groß und schlank und überragte den Mann neben ihr um beinahe einen Kopf, obwohl er keinesfalls klein war. Lichtreflexe fingen sich auf ihrer leuchtend roten Seidenrobe, die ihren Körper umspielte wie eine zweite Haut. Ihr Haar, changierend in Bernsteinfarben, floss lang und glatt über ihren Rücken.

„Sie haben Katherina noch nicht kennen gelernt?“ Die Stimme ihres Gesprächspartners klang amüsiert. „Keine Sorge, sie hat diese Wirkung auf jeden, der ihr zum ersten Mal begegnet.“ Der Mann lächelte.

„Sie meinen, das ist Katherina Petrowska?“

„Sprecht ihr über mich?“ Die Frau blieb neben ihnen stehen. Sie beugte sich vor und küsste Eves Gesprächspartner auf die Wangen. „Ich hoffe, nur Gutes. Schön, dich zu sehen.“ Sie streckte Eve eine Hand entgegen. „Sie müssen Eve sein. Ich bin Katherina.“

Eve ergriff die Hand. „Ich soll Ihnen Grüße von Greg La Rosa ausrichten.“

„Freut mich, Sie kennen zu lernen. Greg hat von Ihnen geschwärmt.“

„Tatsächlich?“, fragte Eve irritiert.

Das Lächeln der Galeristin war überwältigend. Gott, die Männer mussten ihr scharenweise nachlaufen.

„Darf ich Ihnen den Künstler vorstellen? Alan, das ist Eve. Eve ...“

Erst jetzt richtete Eve ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der einen halben Schritt hinter der Galeristin stehen geblieben war. Er trug Hosen und Hemd aus glänzendem schwarzem Stoff. Sein Haar, voll und dunkel, reichte ihm bis zu den Schultern.

„Alan Glaser“, vervollständigte Katherina ihren Satz.

Eve errötete. „Hallo“, murmelte sie. Er besaß ein ausgesprochen schönes Gesicht. Obwohl kaukasisch geschnitten, fand sich in seinen Zügen ein südlicher, vielleicht arabischer Einschlag. Mit aufsteigendem Ärger versuchte Eve, ihre Verlegenheit niederzukämpfen. Sie verstand nicht, was plötzlich mit ihr los war.

„Eve kommt von der Los Angeles People ...“

„Nicht ganz“, fiel sie Katherina ins Wort. „Ich bin freie Journalistin. Ich schreibe nur im Auftrag von LA People.“

„Gefällt Ihnen die Ausstellung?“, fragte Alan. In seiner Stimme schwang ein warmes Timbre, das zu seiner Erscheinung passte und eine Saite in ihr zum Schwingen brachte.

„Ihre Bilder sind ungewöhnlich.“ Kein besonders origineller Kommentar, aber das Erste, das ihr einfiel. Sie suchte nach einer Reaktion in seiner Miene. Katherina warf Alan einen Blick zu, den Eve nicht zu deuten wusste. Sie fühlte sich plötzlich unbehaglich.

„Vielleicht möchten Sie, dass Alan Sie durch die Ausstellung führt?“, fragte die Galeristin.

„Ja“, stieß Eve hervor, noch immer halb paralysiert. „Das wäre gut.“

Alan berührte sie leicht am Arm. Seine Fingerspitzen, glatt und warm, lösten eine kleine Hitzewelle aus, die ihren Ärger auf sich selbst nur verstärkte. Mein Gott, sie war doch kein Teenager mehr, der sich vom Lächeln des erstbesten attraktiven Mannes den Kopf verdrehen ließ.

„Kommen Sie?“

Sie straffte die Schultern und wich zur Seite, so dass seine Hand von ihr abglitt. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Katherina bei dem Mann im Leinenanzug unterhakte und ihn in eine andere Richtung dirigierte. Kein Wunder, dass er seit zehn Jahren der Galerie die Treue hielt.

„Ich habe keinen Titel für die Ausstellung gefunden“, sagte Eve, während sie neben Alan zurück zum Foyer schlenderte. Allmählich fand sie ihre Fassung zurück.

„Das liegt daran, dass es keinen Titel gibt“, erwiderte er.

„Warum nicht?“

„Weil Namen Assoziationen wecken.“ Alan blieb vor einem Triptychon stehen, der gegenüber dem Haupteingang aufgehängt war. „Namen haben Macht. Sie setzen Dinge in einen Kontext.“

„Und das möchten Sie nicht?“

„Sie legen eine Bedeutung in meine Bilder, die ich ihnen nicht zugestehe.“

Eve musterte sein Profil, während er sprach. Er hatte etwas Verstörendes an sich. Sie konnte das Gefühl nicht benennen. Es war wie eine Erinnerung, die ihr entglitt, wenn sie danach zu greifen versuchte. Sie tastete nach dem kleinen Diktiergerät in ihrer Tasche.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Band laufen lasse?“

„Nur zu.“

Seine Gemälde wirkten plakativ und farbenprächtig, wie großformatige Cartoons. Die Bildtafeln vor ihr zeigten einen Jungen am Steuer eines Wagens, lässig mit den Händen in den Hosentaschen vor einem graffitibesprühten Schuppen und schließlich in einer Nahaufnahme mit einer Pistole.

„Wer ist das auf dem Bild?“

„Ich nenne ihn Marty.“ Er hielt seinen Blick auf die Wand gerichtet. „Er lebt in einer Straße in East L.A. und träumt die Träume, die alle Jungs in seinem Alter träumen.“

„Also malen Sie sozialkritische Themen?“

„Sozialkritisch?“ Er verzog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. „Würden Sie das so nennen? Sozialkritische Kunst?“

Eve zögerte, weil sie nicht sicher war, ob sie gerade enthüllt hatte, dass sie überhaupt keine Ahnung von Kunst hatte, egal ob sozialkritisch oder nicht. Im Stillen verfluchte sie Greg La Rosa und seine idiotischen Ideen. Sie hatte nie in ihrem Leben eine Kunstreportage geschrieben. Wie kam Greg darauf, dass sie ausgerechnet jetzt damit anfangen konnte?

„Ich weiß nicht“, sagte sie. Aber wenn sie schon untergehen sollte, dann mit wehenden Fahnen. „Marty sieht aus wie einer dieser Jungs, die nicht wissen, welcher von den Kerlen, die bei ihrer Mutter ein und aus gehen, ihr Vater ist, und die mit vierzehn ihren ersten Mord begehen.“

„Und das macht es sozialkritisch?“ Alan sah sie an.

Mit wehenden Fahnen.

Eisern hielt sie seinem Blick stand. „Natürlich. Sie malen es und halten es den Menschen vor, die sonst nie im Leben nach East L.A. fahren und Marty kennen lernen würden.“ Sie kam sich vor wie ein Idiot. „Weil Sie damit den Menschen einen Spiegel vorhalten, und ihr Leben in einen Kontext setzen.“ Alan lächelte. Überrascht hielt sie inne. „Habe ich was Richtiges gesagt?“

„Kommen Sie“, sagte er, „ich zeige Ihnen die anderen Bilder. Sonst wirft mir Katherina vor, ich hätte mich nicht gut um Sie gekümmert.“

„An wen verkaufen Sie Ihre Kunst?“

„Was meinen Sie?“

„Ihre Kunden. Was sind das für Menschen?“

Sie durchquerten das Foyer und drängten sich durch eine dichte Menschenmenge. Alan blieb vor einer Serie von Porträts stehen.

„Schauspieler, Banker, Geldadel ...“ Er lachte. „Genau die richtige Zielgruppe für sozialkritische Kunst.“

Eve fiel auf, dass seine Augen einen intensiven Grünton annahmen, wenn die Scheinwerfer sein Gesicht beleuchteten. Sie blinzelte. Das war jetzt wirklich nicht der passende Zeitpunkt, um über seine Augenfarbe nachzusinnen.

„Brad Pitt zählt nicht zufällig zu Ihren Kunden?“

„Was?“

„Oder George Clooney?“ Sie wusste nicht genau, was sie ritt. Seit ihrer Trennung von Mark hatte ihr Taktgefühl im Umgang mit anderen Menschen deutlich gelitten. Und etwas an Alan forderte sie heraus. „Mein Agent sagt, wenn ich Brad Pitt oder George Clooney auf Ihrer Vernissage ablichte, zahlen die das Dreifache für den Artikel.“

Alan starrte sie einen Moment an, dann begann er zu lachen. „Was für eine Reporterin sind Sie eigentlich?“

Eve legte den Kopf schräg. „Geben Sie mir immer noch ein Interview, wenn ich’s Ihnen sage?“

„Was Sie wollen.“

„Frontberichte aus dem Irak, und in letzter Zeit zivile Mordfälle. Ich schreibe eine Serie über die Obdachlosenmorde in Downtown für die LA Times.“

Er hob eine Augenbraue. Ob anerkennend oder abschätzig, wusste sie nicht zu sagen. „Was ist mit Kunst?“

„Kunstschmuggel?“, schlug sie vor. „Ich habe mal Transportwege im Libanon recherchiert.“

Er stieß den Atem aus. „Sie müssen eine tolle Reputation haben.“

„Ich habe einen tollen Agenten.“

„Der Sie an die LA People vermittelt hat.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Was brauchen Sie?“

„Schlüpfrige Details.“ Sie begann, das Geplänkel zu genießen.

Alan grinste. „Erfinden Sie was.“

„Aber ich kann nicht ...“

Ein Schrei flog vom Foyer herüber und ließ sie innehalten. Sie erkannte plötzliche Anspannung auf Alans Gesicht. Mit einem Mal sah er überhaupt nicht mehr aus wie der bohemienhafte Künstler. Und endlich flammte die Erinnerung auf, nach der sie so hartnäckig gegraben hatte.

„Er ist von da oben runtergestürzt?“, hörte Alan einen Mann fragen. Stimmen schrien durcheinander. „Jemand muss die Polizei rufen!“

Er drängte sich durch die Menschen bis zur Tür. Die Galerie Petrowska lag im Erdgeschoss eines historischen Bürogebäudes in der Hill Street zwischen dem Eingang zum Broadway Trade Center und einem billigen mexikanischen Schnellrestaurant. Gegenüber stand eine sechs Stockwerke hohe Parkgarage. Ein Körper mit verdrehten Gliedmaßen lag auf der Straße. In der Nachbarschaft heulten Feuerwehrsirenen.

Der Mann schien aus einem der Parkgeschosse gefallen zu sein. Oder jemand hatte ihn gestoßen. Immer mehr Gaffer blieben auf dem Fußweg stehen. Alan schob sie beiseite. Er bückte sich, um das Gesicht des Mannes zu sehen und dessen Puls zu fühlen, zog die Hand aber zurück, als er die Wunde am Hals bemerkte. In den Augen glänzte nur noch Leere.

„Nummer elf“, sagte Katherina neben ihm.

Er richtete sich auf.

„Und sicher wird diese Nacht auch noch Nummer zwölf auftauchen.“ Sie stieß einen Laut aus, der wie ein Zischen klang. „Er weicht mir aus, der Bastard. Er will nicht mit mir sprechen.“

„Mordechai?“

„Aber ich werde ihn zwingen. Ich zwinge ihn, aus seinem Bau zu kommen.“ Katherina musterte ihn. In ihrem Blick lag Nachdenklichkeit. Alan wusste in Momenten wie diesen nie, ob er sie fürchten musste. „Bleibt es bei deiner Entscheidung?“

„Ich bin neutral in dieser Sache.“

Sein Blick glitt zurück zur Leiche. Wieder ein Obdachloser. Wieder die gleichen Wunden. Aber Katherina hatte Unrecht. Das hier ging ihn nichts an.

Er wanderte zurück ins Innere der Galerie und suchte nach der Reporterin, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Mit einem Stich Bedauern vermutete er, dass sie im allgemeinen Chaos wohl aufgebrochen war, ohne sich zu verabschieden. Schade. Sie hatte nicht einmal ihre Visitenkarte zurückgelassen.

Das Treppenhaus stank nach Öl und Urin. Eve riss die Stahltür auf und tastete sich hinaus aufs Dach. Auf der Plattform stand kein einziger Wagen. Neben dem überdachten Treppenschacht lag ein Haufen Müll. Es roch nach Alkohol.

Mit dem Fuß stieß sie an eine Flasche, die halb ausgelaufen war. Sie hob die Kamera und machte ein paar Fotos. Vor Aufregung hämmerte ihr Puls gegen ihre Kehle wie nach einem Marathonlauf. Als sie die Leiche gesehen hatte, war ihr sofort klar geworden, was das bedeutete. So viel Glück an einem einzigen Abend war einfach nicht zu fassen. Sie musste Greg Blumen schicken oder ihn wenigstens zum Essen einladen. Der Downtown-Killer hatte wieder zugeschlagen, und sie war vor der Polizei am Fundort der Leiche.

Den stinkenden Habseligkeiten nach zu urteilen, hatte das Opfer hier gehaust. Sie schob eine Pappe zur Seite und fand einen Haufen Decken. Vor der Brüstung schimmerte eine Blutlache auf dem Boden. Hier hatte der Killer ihn aufgestöbert. Eine schwache Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit. Eve sank in die Knie und betrachtete ein Insekt, das sich in der trocknenden Flüssigkeit gefangen hatte. Ein großer Nachtfalter. Sie wich zurück und machte noch ein Foto. Als das Blitzlicht die Brüstung erhellte, stockte ihr der Atem. Sie ließ die Kamera sinken und leuchtete den Stahlgriff mit ihrem Handy-Display an. Sauber zeichneten sich ein Handballen und die einzelnen Fingerglieder ab, Konturen gemalt mit Blut. Sie brachte das Objektiv so nahe wie möglich an den Abdruck und betätigte den Auslöser. Der Blutgeruch zerrte an ihrem Magen. Das war etwas, das sie wirklich hasste. Sie hatte kein Problem mit dem Anblick von Leichen. Aber dieser süßliche Kupfergeruch löste einen sicheren Würgreiz aus.

Von der Straße klangen Polizeisirenen herauf. Blaue Lichter brachen sich in den Fenstern der Häuser. Die Leiche wurde inzwischen von einem dichten Kreis Neugieriger umzingelt. Als sie vom Geländer zurücktrat, stieg ihr ein vertrautes Gewürzaroma in die Nase. Ingwer.

Ihr Handy klingelte. Mit einer Hand schnippte sie es auf und presste es ans Ohr.

„Hallo Süße, hier ist Andrew.“

„Ja?“ Sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Es gibt einen neuen Mordfall.“

„Ich weiß“, sagte sie zärtlich. „Ich weiß.“

4

Der Mann arbeitete für Kaiser Permanente, eine Versicherungsgesellschaft mit Büros in Long Beach. Mit seinem unscheinbaren blauen Pontiac fuhr er jeden Morgen ins Büro. Er trug das Blut in sich, daran bestand kein Zweifel. Kain war sich nur nicht sicher, wie stark es in seinen Adern floss. Das ließ sich nie genau sagen. Nicht ohne einen Kampf.

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