Verlag: Arena Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

City of Glass E-Book

Cassandra Clare  

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E-Book-Beschreibung City of Glass - Cassandra Clare

In Idris sind düstere Zeiten angebrochen. Als Valentin sein tödliches Dämonenheer zusammenruft, gibt es nur eine Chance, um zu überleben: Die Schattenjäger müssen ihren alten Hass überwinden und Seite an Seite mit den Schattenwesen in diesen Kampf ziehen. Um Clary vor der drohenden Gefahr zu schützen, würde Jace alles tun - doch dafür muss er sie erst einmal verraten …

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E-Book-Leseprobe City of Glass - Cassandra Clare

Cassandra ClareChroniken der UnterweltCity of Glass

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Cassandra Clare

CHRONIKEN DER UNTERWELT

CITY OF GLASS

Aus dem Amerikanischen vonFranca Fritz und Heinrich Koop

FÜR MEINE MUTTER»Zähl die heitren Stunden nur.«

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel The Mortal Instruments.Book Three. City of Glass bei Margaret K. McElderry Books, einem Imprint der Simon & Schuster Children’s Publishing Division, New York. Copyright © 2009 by Cassandra Clare, LLC

Veröffentlichung als E-Book 2010 Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2009 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop Covergestaltung: Arena Verlag ISBN 978-3-401-80010-3

www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.dewww.chroniken-der-unterwelt.de

INHALT

TEIL EINS

FUNKEN, DIE AUFWÄRTS FLIEGEN

1   Das Portal

2   Die Dämonentürme von Alicante

3   Amatis

4   Tageslichtler

5   Ein Gedächtnisproblem

6   Böses Blut

7   Wo Engel nicht aufzutreten wagen

8   Einer der Lebenden

9   Sündiges Blut

TEIL ZWEI

DUNKEL SCHIMMERNDE GESTIRNE

10   Feuer und Schwert

11   Das Höllenheer

12   De profundis

13   Wo Leid ist . . .

14   Im finstren Wald

15   Die Welt zerfällt

TEIL DREI

DER WEG ZUM HIMMEL

16   Glaubensartikel

17   Die Geschichte der Schattenjägerin

18   Sei gegrüßt und leb wohl!

19   Penuel

20   Gewogen und als zu leicht befunden

EPILOG

Mit Sternen an den Himmel geschrieben

Danksagung

Quellenverzeichnis

Lang ist der Weg und hart,der aus der Hölle zum Lichte führt.

JOHN MILTON, DAS VERLORENE PARADIES

TEIL EINS

FUNKEN, DIEAUFWÄRTS FLIEGEN

Der Mensch ist zum Unglück geboren, wie die Funken aufwärts fliegen.

HIOB 5,7

1

DAS PORTAL

Der Kälteeinbruch der vorangegangenen Woche war vorüber und die Sonne schien strahlend vom Himmel, als Clary die staubige Auffahrt vor Lukes Haus überquerte. Sie hatte die Kapuze ihrer Jacke übergezogen, damit ihr die Haare nicht ins Gesicht flogen. Die Temperaturen mochten zwar etwas gestiegen sein, aber der Wind, der vom East River heraufwehte, war immer noch eisig. Er trug einen schwachen, leicht chemischen Geruch mit sich, kombiniert mit der für Brooklyn typischen Mischung aus Asphalt, Benzin und gebranntem Zucker von der abbruchreifen Zuckerfabrik am Ende der Straße.

Simon erwartete Clary bereits auf der Veranda, tief in einen durchgesessenen alten Sessel versunken. Er balancierte seinen Nintendo DS auf den Knien und stocherte eifrig mit dem Touchpen auf dem Gerät herum. »Bingo!«, rief er, als Clary die Stufen hinaufstieg. »Ich mach sie alle fertig bei Mario Kart.«

Clary schob ihre Kapuze nach hinten, schüttelte sich die Haare aus den Augen und wühlte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. »Wo hast du gesteckt? Ich hab schon den ganzen Vormittag versucht, dich zu erreichen.«

Simon rappelte sich auf und stopfte das blinkende Rechteck in seine Kuriertasche. »Ich war bei Eric. Wir hatten Probe.«

Clary versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu bekommen –wie immer klemmte er –, hielt dann aber inne und musterte Simon stirnrunzelnd. »Probe? Du meinst, du spielst noch immer . . .«

»In der Band? Klar, warum auch nicht?« Simon beugte sich vor und griff nach dem Schlüssel. »Lass mich mal.«

Clary verharrte reglos, während Simon den Schlüssel mit der genau richtigen Dosierung an Druck drehte und das widerspenstige alte Schloss aufspringen ließ. Dabei streifte er ihre Hand. Seine Haut war kühl, hatte exakt die Temperatur der Außenluft. Clary erschauderte leicht. Erst eine Woche zuvor hatten sie ihren Versuch einer Liebesbeziehung aufgegeben und sie fühlte sich noch immer etwas durcheinander, wenn sie Simon sah.

»Danke.« Mit abgewandtem Blick nahm sie den Schlüssel wieder in Empfang.

Im Wohnzimmer war es stickig und warm. Clary hängte ihre Jacke an die Garderobe im Flur und steuerte auf das Gästezimmer zu, Simon im Schlepptau. Stirnrunzelnd warf sie einen Blick auf das Bett, auf dem ihr Koffer wie eine aufgeplatzte Muschel ausgebreitet lag, umgeben von all ihren Sachen und Malutensilien.

»Ich dachte, du würdest nur ein paar Tage in Idris bleiben«, sagte Simon und betrachtete bestürzt das Chaos auf dem Bett.

»Tu ich auch, aber ich kann mich nicht entscheiden, was ich mitnehmen soll. Ich habe so gut wie keine Kleider oder Röcke, aber was mach ich, wenn ich dort keine Hosen tragen kann?«

»Warum solltest du in Idris keine Hosen tragen können? Das ist nur ein anderes Land, kein anderes Jahrhundert.«

»Aber die Schattenjäger sind so altmodisch und Isabelle trägt immer nur Kleider . . .«, setzte Clary an, brach dann aber seufzend ab. »Ach, vergiss es. Ich projiziere nur all meine Sorgen um meine Mutter auf meine Klamotten. Lass uns von was anderem reden. Wie war denn die Probe? Habt ihr noch immer keinen Namen für die Band?«

»Die Probe war gut.« Simon setzte sich auf den Schreibtisch und ließ die Beine herabbaumeln. »Wir denken über ein neues Motto nach. Etwas Ironisches, wie ›We’ve seen a million faces and rocked about eighty percent of them‹.«

»Hast du Eric und den anderen erzählt, dass . . .«

»Dass ich ein Vampir bin? Nein. Irgendwie gehört das nicht zu den Dingen, die man mal eben beiläufig im Gespräch fallen lässt.«

»Ja, vielleicht, aber das sind doch deine Freunde. Sie sollten es erfahren. Außerdem werden sie nur denken, dass dich das noch mehr zu einem Rockstar macht, so wie diesen Vampir Lester.«

»Lestat«, erwiderte Simon. »Du meinst wohl den Vampir Lestat. Und der ist eine Romanfigur. Übrigens habe ich dich auch nicht gerade dabei beobachten können, wie du all deinen Freunden fröhlich mitteilst, dass du eine Schattenjägerin bist.«

»Welchen Freunden? Du bist mein Freund.« Clary warf sich aufs Bett und schaute zu Simon auf. »Und dir habe ich es doch erzählt, oder etwa nicht?«

»Weil dir keine andere Wahl blieb.« Simon neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte sie. Das Licht der Nachttischlampe spiegelte sich in seinen Augen und ließ sie silbern schimmern. »Du wirst mir fehlen.«

»Du wirst mir auch fehlen«, sagte Clary, obwohl ihre Haut vor Aufregung und Vorfreude förmlich kribbelte und sie sich kaum konzentrieren konnte. Ich werde nach Idris reisen!, jubilierte ihr Verstand. Ich werde die Heimat der Schattenjäger sehen,die Gläserne Stadt. Ich werde meine Mutter retten.

Und ich werde bei Jace sein.

Simons Augen blitzten auf, als hätte er ihre Gedanken gehört, doch seine Stimme klang sanft. »Erklär’s mir noch mal: Warum musst du nach Idris? Warum können Madeleine und Luke sich nicht um die Angelegenheit kümmern, und zwar ohne deine Hilfe?«

»Meine Mutter hat den Zauberbann, der sie in diesen komaartigen Zustand versetzt hat, von einem Hexenmeister – Ragnor Fell. Madeleine meint, wir müssen ihn aufspüren, wenn wir herausfinden wollen, wie sich der Bann umkehren lässt. Aber dieser Hexenmeister kennt Madeleine nicht. Er kennt nur meine Mom und Madeleine denkt, dass er mir vertrauen würde, weil ich meiner Mutter so ähnlich sehe. Und Luke kann mich einfach nicht begleiten. Er könnte zwar nach Idris reisen, darf Alicante aber ohne Genehmigung des Rats nicht betreten . . . und die wollen sie ihm nicht erteilen. Aber sprich ihn bitte nicht darauf an – er ist ohnehin nicht sehr glücklich darüber, dass er nicht mitkann. Wenn er Madeleine nicht schon von früher kennen würde, hätte er mich vermutlich überhaupt nicht gehen lassen.«

»Aber die Lightwoods werden doch auch dort sein. Und Jace. Sie werden dir helfen. Ich meine, Jace hat gesagt, dass er dir helfen wird, oder? Es macht ihm nichts aus, dass du mitreist, oder?«

»Natürlich wird er mir helfen«, sagte Clary. »Und selbstverständlich macht es ihm nichts aus. Er hat überhaupt kein Problem damit.«

Doch das war eine Lüge, wie Clary nur allzu gut wusste.

Nachdem sie mit Madeleine vor dem Krankenhaus gesprochen hatte, war Clary direkt zum Institut aufgebrochen. Jace war der Erste, dem sie vom Geheimnis ihrer Mutter erzählt hatte, noch vor Luke. Doch er hatte nur dagestanden und sie angestarrt und war mit jedem ihrer Worte bleicher im Gesicht geworden – so als hätte sie ihm nicht gerade erklärt, wie sie ihre Mutter retten konnte, sondern als würde sie ihm all sein Blut langsam und grausam aus den Adern ablassen.

»Du wirst auf keinen Fall nach Idris reisen«, erwiderte er in dem Moment, als sie ihre Schilderung beendete. »Und wenn ich dich festbinden und mich auf dich draufhocken muss, bis du diese verrückte Idee aufgegeben hast! Du reist nicht nach Idris!«

Clary hatte das Gefühl, als hätte Jace sie ins Gesicht geschlagen. Sie war davon ausgegangen, dass er sich freuen würde, und war den ganzen Weg zum Institut gelaufen, um ihm davon zu erzählen. Doch nun stand er hier in der Eingangshalle und starrte sie mit finsterer, verbissener Miene an. »Aber du gehst doch auch nach Idris«, protestierte sie.

»Ja, wir alle. Wir müssen. Der Rat hat jedes aktive Mitglied der Schattenjägergemeinschaft, das in den weltweiten Botschaften entbehrt werden kann, zu einer Vollversammlung nach Alicante berufen. Es soll darüber abgestimmt werden, was man jetzt gegen Valentin unternehmen will. Und da wir die Letzten waren, die ihn lebend gesehen haben . . .«

Ungerührt wischte Clary dieses Argument beiseite. »Also, wenn du nach Idris reist, warum kann ich dann nicht mitkommen?«

Ihre unverblümte Frage schien ihn noch wütender zu machen. »Weil es für dich dort nicht sicher ist!«

»Ach, aber hier ist es ja so supersicher, oder wie? Im vergangenen Monat bin ich etwa ein Dutzend Mal fast umgebracht worden und das war jedes Mal hier, mitten in New York.«

»Das lag daran, dass Valentin sich auf die beiden Insignien der Engel konzentriert hat, die sich hier in der Stadt befanden«, stieß Jace zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Er wird seine Aufmerksamkeit nun auf Idris lenken, das wissen wir ja wohl alle . . .«

»Dessen können wir uns keineswegs sicher sein«, sagte Maryse Lightwood in dem Moment. Sie hatte, von Jace und Clary unbemerkt, im Schatten des langen Korridors gestanden und trat nun in das grelle Licht der Eingangshalle. Der harte Lichtschein unterstrich ihre müden, abgespannten Züge. Ihr Mann, Robert Lightwood, war bei der Schlacht in der Woche zuvor von einem Dämon angegriffen und durch dessen Gift schwer verletzt worden und musste seitdem rund um die Uhr gepflegt werden. Clary konnte nur ansatzweise ahnen, wie erschöpft Maryse sein musste. »Außerdem möchte der Rat Clarissa kennenlernen. Das weißt du doch, Jace.«

»Der Rat kann mich mal.«

»Jace«, tadelte Maryse nun in typisch elterlichem Ton. »So was sagt man nicht.«

»Der Rat möchte eine Menge Dinge«, fügte Jace hinzu. »Aber das heißt nicht, dass er sie auch bekommen muss.«

Maryse warf ihm einen Blick zu, als wüsste sie genau, wovon er redete, könnte seine Meinung aber nicht gutheißen. »Der Rat hat meistens recht, Jace. Und es ist keineswegs unangemessen, dass er sich mit Clary unterhalten möchte, nach allem, was sie durchgemacht hat . . . Sie könnte ihm so vieles berichten.«

»Ich werde dem Rat alles berichten, was er wissen will«, erwiderte Jace.

Maryse seufzte und heftete ihre blauen Augen auf Clary. »Also, wenn ich es richtig verstanden habe, möchtest du nach Idris reisen?«

»Nur für ein paar Tage. Ich werde bestimmt keine Umstände machen«, sagte Clary und schaute flehentlich an Jace’ wütendem Funkeln vorbei zu Maryse. »Das schwöre ich.«

»Die Frage ist nicht, ob du irgendwelche Umstände machen wirst. Sie lautet vielmehr, ob du bereit bist, den Rat aufzusuchen, während du dort bist. Er möchte sich mit dir unterhalten. Wenn du diese Bitte abschlägst, bezweifle ich, dass wir die Genehmigung bekommen, dich mitzunehmen.«

»Nein . . .«, setzte Jace an.

»Ich werde den Rat aufsuchen«, unterbrach Clary ihn, obwohl allein der Gedanke daran ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der einzige Gesandte des Rats, den sie bisher kennengelernt hatte, war die Inquisitorin gewesen – und sie hatte sich nicht gerade als besonders angenehme Zeitgenossin erwiesen.

Maryse rieb sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. »Dann wäre das also entschieden.« Doch sie selbst klang alles andere als entschieden, sondern wirkte so angespannt und zerbrechlich wie eine zu straff aufgezogene Geigensaite. »Jace, begleite Clary bitte zur Tür und komm anschließend in die Bibliothek. Ich muss mit dir reden.«

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand ohne Abschiedsgruß wieder in den Schatten. Clary starrte ihr nach und hatte das Gefühl, als hätte man sie gerade mit eiskaltem Wasser übergossen. Alec und Isabelle schienen ihre Mutter aufrichtig zu lieben und Clary war sich sicher, dass Maryse kein schlechter Mensch sein konnte, aber sie wirkte nun mal nicht gerade herzlich.

Jace presste die Lippen zu einer harten, dünnen Linie zusammen. »Jetzt sieh dir an, was du gemacht hast.«

»Ich muss unbedingt nach Idris, auch wenn du das nicht verstehen kannst«, erklärte Clary. »Das bin ich meiner Mutter schuldig.«

»Maryse vertraut dem Rat viel zu sehr«, entgegnete Jace. »Sie will einfach glauben, dass der Rat vollkommen ist, und ich kann ihr nicht sagen, dass er das nicht ist, weil . . .« Abrupt brach er ab.

»Weil das etwas wäre, was Valentin sagen würde.«

Clary rechnete mit einem wütenden Aufbrausen, doch Jace antwortete nur: »Niemand ist vollkommen.« Dann streckte er den Arm aus und drückte mit dem Zeigefinger ungeduldig auf den Aufzugknopf. »Nicht einmal der Rat.«

Clary verschränkte die Arme vor der Brust. »Ist das wirklich der Grund, warum du mich nicht mitnehmen willst? Weil es für mich dort nicht sicher wäre?«

Ein überraschter Ausdruck breitete sich auf Jace’ Gesicht aus. »Was meinst du damit? Warum sollte ich sonst nicht wollen, dass du mitkommst?«

Clary schluckte. »Weil . . .« Weil du mir gesagt hast, du würdestfür mich nichts mehr empfinden. Aber das Merkwürdige ist, dass ich noch immer etwas für dich empfinde. Und ich wette, das weißt du auch.

»Weil ich nicht will, dass mir meine kleine Schwester auf Schritt und Tritt folgt?« In seiner Stimme klang ein scharfer Unterton mit, eine Mischung aus Spott und irgendetwas anderem.

Im nächsten Moment kam der Aufzug quietschend zum Stehen. Clary stieß die Tür auf, marschierte hinein und drehte sich dann zu Jace um. »Ich möchte nicht nach Idris, weil du dort sein wirst, sondern weil ich meiner Mutter helfen will. Unserer Mutter. Ich muss ihr einfach helfen. Verstehst du das denn nicht? Wenn ich diese Reise nicht unternehme, wird sie vielleicht nie wieder aufwachen. Du könntest wenigstens so tun, als ob dich das ein bisschen interessieren würde.«

Jace legte Clary die Hände auf die Schultern; seine Fingerspitzen streiften die nackte Haut über ihrem Kragen und jagten sinnlose, hilflose Schauer durch ihren Körper. Unwillkürlich schaute sie auf und stellte fest, dass sich tiefe Schatten unter Jace’ Augen abzeichneten und seine Wangen hohl wirkten. Sein schwarzer Pullover – aber auch seine dunklen Wimpern – ließen die violetten Spuren der zahlreichen Verletzungen auf der Haut besonders deutlich hervortreten. Jace war eine Kontraststudie, ein Bild in Schattierungen von Schwarz, Weiß und Grau, mit goldenen Tupfern als Farbakzenten, zum Beispiel in seinen Augen . . .

»Lass mich diese Aufgabe erledigen.« Seine Stimme klang sanft, drängend. »Ich könnte ihr helfen, dann brauchst du das nicht zu tun. Sag mir einfach, wohin ich gehen soll, an wen ich mich wenden soll. Ich werde alles tun, was du sagst.«

»Madeleine hat dem Hexenmeister mitgeteilt, dass ich persönlich vorbeikommen werde. Also wird er Jocelyns Tochter erwarten, nicht Jocelyns Sohn.«

Jace’ Griff um Clarys Schultern verstärkte sich. »Dann sag ihr einfach, dass der Plan geändert wurde. Ich werde den Hexenmeister aufsuchen, nicht du. Nicht du.«

»Jace . . .«

»Ich tue alles . . . alles, was du willst, wenn du versprichst hierzubleiben.«

»Das kann ich nicht.«

Ruckartig ließ er sie los, als hätte sie ihn von sich gestoßen.

»Und warum nicht?«

»Weil . . .«, setzte Clary an, »weil sie meine Mutter ist, Jace.«

»Aber meine ebenfalls.« Seine Stimme wirkte kühl. »Genau genommen stellt sich die Frage: Warum hat Madeleine eigentlich nicht uns beide angesprochen? Warum nur dich?«

»Du weißt, warum.«

»Weil für sie nur du Jocelyns Tochter bist«, erwiderte er mit noch eisigerem Tonfall. »Ich dagegen werde immer nur Valentins Sohn sein.«

Aufgebracht schlug er das Absperrgitter zwischen ihnen zu. Einen Moment lang starrte Clary ihn durch die Gitterstäbe an – sie unterteilten sein Gesicht in eine Reihe von Rautenformen, eingefasst in Metall. Ein einzelnes goldbraunes Auge funkelte sie wütend aus einer der Rauten heraus an.

»Jace . . .«, hob Clary an.

Im nächsten Moment setzte sich der Aufzug jedoch ruckelnd und ächzend in Bewegung und trug sie nach unten, hinab in die dunkle Stille der Kathedrale.

»Erde an Clary.« Simon wedelte mit den Armen vor Clarys Gesicht. »Jemand zu Hause?«

»Ja. Tut mir leid.« Clary setzte sich auf und schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Seit diesem Gespräch in der Eingangshalle hatte sie Jace nicht mehr gesehen. Und da er auch nicht ans Telefon ging, hatte sie sämtliche Vorbereitungen für die Reise nach Idris mithilfe der Lightwoods treffen müssen, wobei Alec widerstrebend und peinlich berührt als Mittelsmann diente. Armer Alec . . . eingekeilt zwischen Jace und seiner Mutter und immer bemüht, es allen recht zu machen. »Hattest du irgendwas gesagt?«, wandte Clary sich nun an Simon.

»Nur, dass ich glaube, dass Luke zurück ist«, erwiderte Simon und sprang genau in dem Moment vom Schreibtisch, als sich die Tür des Gästezimmers öffnete. »Hab ich mich also doch nicht verhört.«

»Hi, Simon.« Luke klang ruhig, sogar ein wenig müde. Er trug eine abgewetzte Jeansjacke über dem Karohemd und die Beine seiner alten Cordhose steckten in ein paar derben Stiefeln, die aussahen, als hätten sie ihre besten Tage schon lange hinter sich. Seine Brille hatte er in die braunen Haare zurückgeschoben, die deutlich mehr graue Strähnen aufwiesen, als Clary sich erinnern konnte. Unter seinem Arm klemmte eine rechteckige Schachtel, zusammengebunden mit einem grünen Samtband, die er Clary nun entgegenstreckte. »Ich hab hier etwas für deine Reise.«

»Das wäre doch nicht nötig gewesen!«, protestierte Clary. »Du hast schon so viel für mich getan . . .« Sie musste an die vielen Kleidungsstücke denken, die er ihr neu gekauft hatte, nachdem all ihre Sachen in der alten Wohnung zerstört worden waren. Außerdem hatte er ihr ein neues Mobiltelefon besorgt und neue Malutensilien – ohne dass sie ihn darum hatte bitten müssen. Fast alles, was Clary nun besaß, war ein Geschenk von Luke. Und dabei findest du es nicht einmal gut, dass ichnach Idris reise. Dieser letzte Gedanke hing unausgesprochen zwischen ihnen in der Luft.

»Ich weiß. Aber ich habe es gesehen und musste sofort an dich denken.« Luke reichte ihr die Schachtel.

Der Gegenstand in der Schachtel war in mehrere Lagen Seidenpapier gehüllt.

Clary wühlte sich durch die Schichten, und als ihre Hände auf etwas trafen, das sich so weich wie ein Katzenfell anfühlte, stieß sie einen kleinen Schrei aus: Die Schachtel enthielt ein wunderbar altmodisch geschnittenes Cape aus flaschengrünem Samt, mit goldfarbenem Seidenfutter, Messingknöpfen und einer großen Kapuze. Vorsichtig zog sie es auf den Schoß, strich liebevoll über den weichen Stoff. »Es sieht genau wie eines der Kleidungsstücke aus, die Isabelle tragen würde«, rief sie begeistert. »Wie ein Reiseumhang der Schattenjäger.«

»Richtig. Damit wirst du eher wie eine von ihnen gekleidet sein«, sagte Luke. »Wenn du in Idris bist.«

Clary sah zu ihm auf. »Möchtest du denn, dass ich wie eine von ihnen aussehe?«

»Clary, du bist eine von ihnen.« Lukes Lächeln hatte eine traurige Note. »Außerdem weißt du doch, wie sie Außenseiter behandeln. Also solltest du dir alles zunutze machen, was dich besser in ihre Reihen passen lässt . . .«

Simon gab ein seltsames Geräusch von sich und Clary warf ihm einen schuldbewussten Blick zu – sie hatte seine Anwesenheit fast vollkommen vergessen. Nachdrücklich schaute er auf seine Armbanduhr. »Ich sollte besser gehen.«

»Aber du bist doch gerade erst gekommen!«, protestierte Clary. »Ich dachte, wir machen was zusammen . . . sehen uns einen Film an oder sonst irgendwas . . .«

»Du musst Koffer packen.« Simon lächelte, so strahlend wie die Sonne nach einem Regenguss. Fast hätte Clary ihm geglaubt. »Ich komm später noch mal vorbei, um dir Tschüss zu sagen.«

»Ach, bitte«, beharrte Clary. »Bleib doch noch . . .«

»Ich kann nicht.« Sein Ton klang entschieden. »Ich treffe mich mit Maia.«

»Oh . . . ja, toll«, sagte Clary. Maia war nett, ermahnte sie sich. Maia war clever. Sie war hübsch. Und sie war eine Werwölfin. Eine Werwölfin mit einer Schwäche für Simon. Aber vielleicht war es besser so. Vielleicht sollte seine neue Freundin ja ein Schattenwesen sein. Schließlich war Simon jetzt auch ein Schattenweltler. Genau genommen hätte er sich mit Schattenjägern wie Clary nicht einmal mehr treffen dürfen. »Ich schätze, dann solltest du jetzt besser gehen.«

»Ja, schätze ich auch.« Simons dunkle Augen wirkten unergründlich. Das war für Clary eine vollkommen neue Erfahrung – bisher hatte sie in Simons Gesicht immer wie in einem Buch lesen können. Erstaunt fragte sie sich nun, ob das möglicherweise eine Nebenwirkung des Vampirdaseins war oder vielleicht mit etwas völlig anderem zusammenhing. »Leb wohl«, sagte er, beugte sich vor, als wollte er sie auf die Wange küssen, und schob ihre Haare mit einer Handbewegung nach hinten. Doch dann hielt er inne und zog sich zurück; ein unsicherer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Überrascht runzelte Clary die Stirn, doch Simon stürmte bereits aus dem Zimmer und streifte Luke, der noch immer in der Tür stand. Sekunden später hörte Clary, wie die Haustür mit einem Knall ins Schloss fiel.

»Er verhält sich so merkwürdig«, stieß sie ratlos hervor und drückte den Samtumhang trostsuchend an sich. »Glaubst du, das hängt mit dieser ganzen Vampirgeschichte zusammen?«

»Vermutlich nicht.« Luke musterte sie leicht amüsiert. »Wenn man sich in einen Schattenweltler verwandelt, bedeutet das nicht, dass man plötzlich völlig anders empfindet oder sich die Gefühle für andere verändern. Gib ihm etwas Zeit.Schließlich hast du mit ihm Schluss gemacht.«

»Hab ich nicht! Er hat mit mir Schluss gemacht.«

»Weil du nicht in ihn verliebt warst. Das ist eine ziemlich verzwickte Situation und meines Erachtens trägt er sie mit großer Fassung. Viele andere Jungs an seiner Stelle wären eingeschnappt oder würden mit einem Gettoblaster unter deinem Fenster herumlungern.«

»Heutzutage hat niemand mehr einen Gettoblaster. Das war in den Achtzigern.« Clary krabbelte vom Bett herunter und streifte den Umhang über. Sie schloss ihn bis zum Kragen und genoss die flauschige Weichheit des Samtstoffs. »Ich möchte einfach nur, dass Simon sich wieder normal verhält.« Clary betrachtete sich im Spiegel und war angenehm überrascht: Der grüne Farbton brachte ihre roten Haare besonders schön zur Geltung und unterstrich die Farbe ihrer Augen. Schließlich wandte sie sich wieder Luke zu. »Was meinst du?«

Luke lehnte am Türrahmen, die Hände in den Taschen; ein Schatten huschte über sein Gesicht, als er sie betrachtete. »Deine Mutter hatte in deinem Alter exakt den gleichen Umhang«, erwiderte er lediglich und verstummte dann.

Clary umklammerte die Ärmel des Capes und grub ihre Finger in den weichen Stoff. Die Erwähnung ihrer Mutter in Kombination mit Lukes traurigem Gesichtsausdruck ließ sie heftig schlucken. »Wir besuchen sie doch später noch, oder?«, fragte sie mit erstickter Stimme. »Ich möchte mich noch von ihr verabschieden, bevor ich aufbreche, und ihr sagen . . . ihr sagen, was ich vorhabe. Und dass es ihr bald wieder gut gehen wird.«

Luke nickte. »Wir fahren nachher ins Krankenhaus. Ach ja, noch etwas, Clary . . .«

»Ja?« Am liebsten hätte sie Luke nicht angeschaut, doch dann stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass der traurige Ausdruck aus seinen Augen verschwunden war.

Er lächelte sogar. »So toll ist ›normal‹ nun auch wieder nicht.«

Simon warf einen Blick auf das Papier in seiner Hand, kniff die Augen gegen die blendende Nachmittagssonne zusammen und schaute dann zur Kathedrale. Das Institut ragte hoch vor dem strahlend blauen Himmel auf – ein wuchtiges Bauwerk mit schmalen Bogenfenstern, umgeben von einer massiven Steinmauer. Groteske Fratzen grinsten ihm hämisch vom Gesims entgegen, als wollten sie ihn dazu herausfordern, sich dem Eingangsportal zu nähern. Das Gebäude wirkte völlig anders als damals, als er es zum ersten Mal gesehen hatte . . . wo es ihm wie eine verlassene Ruine erschienen war. Aber Zauberglanz funktionierte bei Schattenwesen nun mal nicht.

Du gehörst nicht hierher. Die Worte klangen harsch, ätzend wie Säure. Simon war sich nicht sicher, ob eine der Fratzen mit ihm sprach oder ob er seine eigene innere Stimme hörte. Dies ist eine Kirche und du bist verdammt.

»Klappe«, murmelte er halbherzig. »Außerdem interessieren mich Kirchen sowieso nicht. Ich bin Jude.«

Vor ihm tauchte ein mit filigranen Ornamenten verziertes Eisentor in der Steinmauer auf. Als Simon die Hand auf den Riegel legte, erwartete er fast, dass seine Haut verbrennen und er vor Schmerz aufschreien würde, doch nichts geschah. Anscheinend zählte das Tor noch nicht zum Geweihten Boden. Er stieß es auf und hatte bereits die Hälfte des brüchigen Steinwegs zum Hauptportal zurückgelegt, als er plötzlich Stimmen hörte – verschiedene Stimmen . . . vertraute Stimmen. Sie schienen ganz aus der Nähe zu kommen.

Oder auch nicht. Simon hatte beinahe vergessen, wie sehr sich sein Gehör, zusammen mit seiner Sehschärfe, seit der Verwandlung verbessert hatte. Es klang, als stammten die Stimmen von Menschen, die sich direkt hinter ihm befanden, doch als er einem schmalen Pfad um die Ostseite des Instituts herum folgte, sah er, dass die Leute tatsächlich ein ganzes Stück entfernt standen, am hinteren Ende des Geländes. Dort wuchs das Gras ungehindert über die gepflasterten Nebenpfade, die früher vermutlich einmal um ordentlich gestutzte Rosenhecken geführt hatten. Simon entdeckte sogar eine Steinbank inmitten von wild wucherndem Unkraut. Früher war dies einmal eine richtige Kirche gewesen, ehe die Schattenjäger das Gebäude übernommen hatten.

Als Ersten erblickte er Magnus, der gegen eine moosbedeckte Steinmauer lehnte. Der Hexenmeister war wie immer kaum zu übersehen. Er trug ein weißes T-Shirt mit bunten Sprenkeln zu einer regenbogenfarbenen Lederhose und wirkte wie eine exotische Orchidee inmitten der schwarz gekleideten Schattenjäger: Alec, der bleich und irgendwie unruhig aussah, Isabelle, deren lange schwarze Haare mit silbernen Bändern zu dicken Zöpfen gebunden waren, und neben ihr ein kleiner Junge. Das musste Max sein, überlegte Simon, der Jüngste der Familie Lightwood. Nicht weit von den Geschwistern stand ihre Mutter, die wie eine größere, hagerere Version ihrer Tochter wirkte, mit den gleichen langen schwarzen Haaren. Neben ihr wartete eine weitere Frau, die Simon jedoch nicht kannte. Im ersten Moment hatte er sie für ziemlich alt gehalten, da ihre Haare fast weiß schimmerten, aber als sie sich umdrehte und mit Maryse sprach, erkannte Simon, dass sie nicht älter sein konnte als fünfunddreißig oder vierzig.

Und dann entdeckte er Jace, der etwas abseits stand, als würde er nicht richtig dazugehören. Genau wie die anderen trug auch er die schwarze Schattenjägerkleidung. Wenn Simon sich ganz in Schwarz kleidete, erweckte er jedes Mal den Eindruck, als ginge er zu einer Beerdigung, doch Jace erschien darin nur cool . . . hart und gefährlich. Und irgendwie noch blonder. Simon spürte, wie sich seine Schultern anspannten, und fragte sich, ob irgendetwas – vielleicht die Zeit oder seine eigene Vergesslichkeit – seine Abneigung gegen Jace jemals würde lindern können. Simon wünschte, er würde anders empfinden, doch da war sie wieder, die Last, die wie ein zentnerschwerer Stein auf sein pulsloses Herz drückte.

Irgendetwas kam Simon an dieser Versammlung merkwürdig vor. Doch dann drehte Jace sich zu ihm um, als hätte er seine Anwesenheit gespürt, und Simon erkannte selbst aus dieser Entfernung die dünne weiße Narbe an seiner Kehle, direkt oberhalb des Kragens. Der Groll in seinem Herzen verblasste und wich einem anderen Gefühl.

Jace nickte ihm kurz zu. »Bin gleich wieder da«, wandte er sich in einem Ton an Maryse, den Simon niemals seiner Mutter gegenüber angeschlagen hätte. Jace klang wie ein Erwachsener, der mit einem anderen Erwachsenen spricht.

Maryse deutete ihr Einverständnis mit einer geistesabwesenden Handbewegung an. »Ich verstehe einfach nicht, warum das so lange dauert«, attackierte sie Magnus. »Ist das denn üblich?«

»Der Rabatt, den ich euch eingeräumt habe, ist auch nicht gerade üblich.« Magnus klopfte mit dem Stiefelhacken gegen die Mauer. »Normalerweise verlange ich das Doppelte.«

»Aber es geht doch nur um ein zeitweiliges Portal. Es muss uns lediglich nach Idris bringen. Und danach erwarte ich von dir, dass du es sofort wieder schließt. So lautet schließlich die Vereinbarung.« Maryse wandte sich an die Frau an ihrer Seite. »Und du bleibst hier, um sicherzugehen, dass er sich auch wirklich an die Abmachung hält, Madeleine?«

Madeleine. Dann war dies also Jocelyns Freundin. Aber Simon blieb keine Zeit, sie lange anzustarren – Jace hatte ihn bereits am Arm gepackt und zog ihn um die Kathedrale herum, außer Sichtweite der anderen Schattenjäger. Hier war der Weg von noch höher gewachsenem Gras und Unkraut überdeckt und dicke Ranken wucherten über die Steinplatten. Jace schob Simon hinter eine wuchtige alte Eiche, schaute sich misstrauisch in alle Richtungen um, ob ihnen auch niemand gefolgt war, und ließ ihn dann los. »Alles klar. Hier können wir reden.«

In dieser Ecke war es tatsächlich ruhiger; der laute Verkehrslärm der York Avenue wurde vom massiven Gebäude des Instituts deutlich gedämpft. »Du hast mich doch hierherbestellt«, stellte Simon klar. »Ich hab deine Nachricht heute Morgen an meinem Fenster gefunden. Benutzt du eigentlich nie das Telefon wie normale Leute?«

»Nicht, wenn ich es vermeiden kann, Vampir«, erwiderte Jace. Nachdenklich musterte er Simon, als würde er die Seiten eines Buches studieren. Auf seinem Gesicht spiegelten sich zwei widerstreitende Gefühle – eine leichte Verwunderung und etwas anderes, das Simon als Enttäuschung deutete. »Dann hat sich also nichts daran geändert: Du kannst noch immer im Sonnenschein herumspazieren. Nicht einmal die Mittagssonne versengt deine Haut.«

»Stimmt«, sagte Simon. »Aber das wusstest du doch bereits – schließlich warst du dabei.« Er brauchte nicht zu erklären, was er mit »dabei« meinte – an Jace’ Gesichtsausdruck erkannte er, dass dieser sich ebenfalls an den Fluss erinnerte, an die Ladefläche von Lukes Pick-up, an die Sonne, die über dem Wasser aufstieg, an Clarys Aufschrei. Er erinnerte sich mindestens so gut daran wie Simon selbst.

»Ich dachte, die Wirkung hätte vielleicht nachgelassen«, erklärte Jace, klang aber nicht so, als würde er es ernst meinen.

»Falls ich je den Drang verspüren sollte, in Flammen aufzugehen, wirst du der Erste sein, der es erfährt.« Simon brachte gegenüber Jace nie besonders viel Geduld auf. »Also, was ist jetzt? Hast du mich etwa den ganzen Weg von Brooklyn hierherkommen lassen, nur um mich wie ein Objekt unter dem Mikroskop anzustarren? Nächstes Mal schick ich dir einfach ein Foto.«

»Das ich mir dann rahme und auf den Nachttisch stelle«, konterte Jace sarkastisch. Allerdings klang er nicht so, als wäre er mit dem Herzen bei der Sache. »Ich habe dich aus einem bestimmten Grund hierhergebeten. So ungern ich es auch eingestehe, Vampir, aber uns beide verbindet etwas.«

»Unglaublich tolle Haare?«, schnaubte Simon, aber auch er war im Grunde nicht an einem Schlagabtausch mit Jace interessiert. Irgendetwas an dessen Gesichtsausdruck bereitete ihm zunehmend Unbehagen.

»Clary«, sagte Jace.

Darauf war Simon nicht vorbereitet. »Clary?«, fragte er völlig überrumpelt.

»Clary«, wiederholte Jace. »Du weißt schon: klein, rothaarig, aufbrausend.«

»Ich wüsste nicht, wieso Clary etwas sein sollte, das uns verbindet«, erwiderte Simon, obwohl er genau wusste, was Jace meinte. Trotzdem war dies kein Thema, über das er sich mit Jace unterhalten wollte, weder jetzt noch zu einem zukünftigen Zeitpunkt. Gab es nicht irgendeine Art von Kodex, der Gespräche wie dieses unter Männern ausschloss – Gespräche über Gefühle?

Offensichtlich nicht. »Uns beiden liegt etwas an ihr«, verkündete Jace und warf Simon einen wohlbedachten Blick zu. »Sie ist uns beiden wichtig. Richtig?«

»Du fragst mich, ob mir etwas an ihr liegt?« Das erschien Simon als eine ziemlich unzureichende Beschreibung seiner Gefühle. Er fragte sich, ob Jace sich vielleicht über ihn lustig machte – was aber außerordentlich grausam gewesen wäre, selbst für Jace. Hatte der Schattenjäger ihn herkommen lassen, nur um ihn zu verspotten, weil es mit Clary und ihm nicht geklappt hatte? Allerdings hegte Simon tief in seinem Inneren nach wie vor die Hoffnung, dass sich die Lage eines Tages ändern könnte und Jace und Clary nur noch das füreinander empfinden würden, was Geschwister füreinander zu empfinden hatten . . .

Doch dann begegnete er Jace’ Blick und selbst diese winzige Hoffnung schwand dahin. Der Ausdruck im Gesicht des anderen Jungen entsprach nicht gerade der Miene, die Brüder aufsetzen, wenn sie von ihrer Schwester reden. Andererseits war nun klar, dass er ihn nicht herbestellt hatte, um sich über seine Gefühle lustig zu machen: Die Qual, die in Simons Gesicht geschrieben stand, spiegelte sich auch in Jace’ Augen.

»Glaub ja nicht, es würde mir Spaß machen, dir diese Fragen zu stellen«, fauchte Jace. »Ich muss wissen, was du alles für Clary tun würdest. Wärst du bereit, für sie zu lügen?«

»Was meinst du mit ›lügen‹? Was geht hier überhaupt vor?« Im nächsten Moment erkannte Simon, was ihn am Anblick der Schattenjäger im Garten gestört hatte. »Warte mal«, sagte er gedehnt. »Ihr brecht jetzt gleich nach Idris auf, stimmt’s? Aber Clary denkt, ihr würdet erst heute Abend reisen.«

»Ich weiß«, erwiderte Jace. »Und ich möchte, dass du den anderen erzählst, Clary hätte dich geschickt, um auszurichten,dass sie nicht mitkommt. Sag ihnen, dass sie nicht mehr nach Idris reisen möchte.« Eine angespannte Note hatte sich in Jace’ Stimme geschlichen, ein Ton, den Simon nicht deuten konnte oder der aus Jace’ Mund vielleicht so seltsam klang, dass Simon ihn einfach nicht einzuordnen wusste. Jace flehte ihn an. »Dir werden sie glauben. Sie wissen, wie . . . wie nahe ihr beide euch steht.«

Simon schüttelte den Kopf. »Ich glaub dir nicht. Du tust so, als wolltest du, dass ich etwas für Clary tue, aber tatsächlich willst du nur, dass ich dir einen Gefallen tue.« Langsam wandte er sich ab. »Kommt nicht infrage.«

Jace erwischte ihn am Arm und wirbelte ihn wieder herum. »Das tue ich für Clary. Ich versuche nur, sie zu beschützen. Und ich dachte, du wärst wenigstens ein bisschen daran interessiert, mir dabei zu helfen.«

Simon warf einen langen Blick auf Jace’ Hand, die seinen Oberarm umklammerte. »Wie kann ich sie beschützen, wenn du mir nicht verrätst, wovor ich sie schützen soll?«

Jace hielt ihn weiterhin fest. »Kannst du mir nicht einfach vertrauen, wenn ich dir sage, dass es hier um eine ernste Sache geht?«

»Du verstehst nicht, wie sehr Clary ihr Herz daran gehängt hat, nach Idris zu reisen«, erwiderte Simon. »Wenn ich sie davon abhalte, brauche ich einen verdammt guten Grund dafür.«

Jace stieß langsam und zögernd einen Seufzer aus und ließ dann Simons Arm los. »Es geht darum, was Clary auf Valentins Jacht getan hat«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Die Rune an der Schiffswand . . . diese Entriegelungsrune . . . du hast ja selbst gesehen, was danach passiert ist.«

»Sie hat das Schiff zerstört«, sagte Simon. »Und uns allen das Leben gerettet.«

»Jetzt sprich doch nicht so laut.« Nervös schaute Jace sich um.

»Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass niemand sonst davon weiß?«, hakte Simon ungläubig nach.

»Ich weiß es. Du weißt es. Luke weiß davon und Magnus weiß davon. Aber sonst niemand.«

»Ja, und was glauben die anderen denn, was passiert ist? Dass das Schiff zufälligerweise im richtigen Moment von selbst auseinandergebrochen ist?«

»Ich habe ihnen erzählt, dass bei Valentins Ritual der Infernalischen Umkehrung irgendetwas schiefgegangen sein muss.«

»Du hast den Rat angelogen?« Simon war sich nicht sicher, ob er beeindruckt oder bestürzt sein sollte.

»Ja, ich habe den Rat belogen. Isabelle und Alec wissen, dass Clary die Fähigkeit besitzt, neue Runen zu schaffen, deshalb werde ich das vor dem Rat oder dem neuen Inquisitor wohl kaum geheim halten können. Aber wenn sie wüssten, wozu Clary wirklich fähig ist . . . dass sie einfache Runen so verstärken kann, dass sie eine ungeheure Zerstörungskraft entfalten . . . dann würde der Rat sie im Kampf einsetzen wollen – als eine Art Waffe! Aber dafür ist Clary nicht gerüstet. Dazu wurde sie nicht ausgebildet . . .« Er unterbrach sich, als er sah, wie Simon den Kopf schüttelte. »Was ist?«

»Du bist ein Nephilim«, sagte Simon langsam. »Solltest du nicht das Beste für den Rat wollen? Und wenn das die Nutzung von Clarys Kräften beinhaltet . . .«

»Du willst also, dass der Rat sie in die Finger bekommt? Sie in vorderster Front aufstellt, gegen Valentin und seine Armee aus Dämonen und was weiß ich welchen Kreaturen?«

»Nein«, erwiderte Simon. »Das will ich nicht. Aber ich bin keiner von euch. Ich muss mich nicht fragen, wen ich an oberste Stelle setze, Clary oder meine Familie.«

Eine dunkle Röte breitete sich langsam auf Jace’ Gesicht aus. »Darum geht es nicht. Wenn ich davon überzeugt wäre, dass dem Rat dadurch geholfen würde . . . Aber genau das wird nicht passieren. Clary wird lediglich verletzt werden . . .«

»Selbst wenn du davon überzeugt wärst, würdest du niemals zulassen, dass der Rat sie bekommt«, sagte Simon.

»Was bringt dich auf diese Idee, Vampir?«

»Weil niemand außer dir sie haben darf«, erklärte Simon. Sämtliche Farbe wich aus Jace’ Gesicht. »Dann wirst du mir also nicht helfen?«, fragte er ungläubig. »Du willst Clary nicht helfen?«

Simon zögerte, doch ehe er etwas erwidern konnte, zerriss ein Geräusch die Stille zwischen ihnen – ein hohes, schrilles Kreischen, ein schrecklicher, verzweifelter Schrei, der jäh abbrach und dadurch noch unheimlicher klang.

Jace wirbelte herum. »Was war das?«

Plötzlich schlossen sich dem einzelnen Aufschrei weitere Rufe und Schreie an und ein hartes Klirren von Metall drang an Simons Ohren. »Irgendetwas passiert gerade – die anderen . . .«

Doch Jace war bereits verschwunden. Er rannte den Pfad entlang, sprang über Ranken und dichtes Gestrüpp. Simon zögerte einen Moment und folgte ihm dann. Er hatte ganz vergessen, wie schnell er nun laufen konnte, und war Jace dicht auf den Fersen, als sie um die Ecke der Kathedrale bogen und in den Garten stürmten.

Vor ihnen herrschte das reinste Chaos. Dichter Nebel hüllte den Garten in ein weißes Tuch und ein scharfer Geruch lag in der Luft – der ätzende Gestank von Ozon, vermischt mit einer anderen, süßlichen, unangenehmen Note. Gestalten huschten hin und her – Simon konnte nur Schemen von ihnen erkennen, da sie durch die Nebelschwaden immer wieder der Sicht entzogen wurden. Er sah Isabelle, deren dicke Zöpfe wie schwarze Seile um sie herumwirbelten, während ihre Peitsche wie ein tödlicher, goldglitzernder Blitz durch die Schatten zuckte. Sie wehrte den Angriff einer riesigen, schwerfälligen Gestalt ab. Ein Dämon!, schoss es Simon durch den Kopf. Aber das war unmöglich – es war doch helllichter Tag. Als er vorwärtsstürmte, erkannte er, dass die Kreatur eine menschenartige Gestalt besaß, aber seltsam verkrüppelt und gekrümmt wirkte, irgendwie falsch . . . Das Wesen hielt eine schwere Holzplanke in der Hand und schwang sie fast blind gegen Isabelle.

Nicht weit davon entfernt konnte Simon durch ein Loch in der Steinmauer den ruhig fließenden Verkehr auf der York Avenue erkennen. Auch der Himmel über dem Institut war strahlend blau.

»Forsaken«, murmelte Jace leise. Seine Augen funkelten, als er eine der Seraphklingen aus seinem Gürtel zog. »Dutzende von Forsaken.« Fast grob stieß er Simon zur Seite. »Du bleibst hier! Hast du mich verstanden? Rühr dich auf keinen Fall von der Stelle.«

Simon blieb einen Moment wie angewurzelt stehen, während Jace sich in den Nebel stürzte. Das Licht der Klinge in seiner Hand ließ die Schwaden silbern aufleuchten, durch die dunkle Gestalten hin und her stürmten. Simon hatte den Eindruck, als würde er durch eine Milchglasscheibe schauen und verzweifelt versuchen, irgendetwas auf der anderen Seite zu erkennen. Isabelle war verschwunden; dafür sah er Alec, dessen Arm stark blutete, während er die Brust eines Forsaken aufschlitzte und zuschaute, wie dieser taumelnd zu Boden ging. Im nächsten Moment baute sich hinter ihm eine weitere dieser rücksichtslosen Tötungsmaschinen auf . . . doch Jace war sofort zur Stelle, diesmal in jeder Hand eine Waffe. Er machte einen Satz in die Luft und brachte die Klingen mit einer brutalen, scherenartigen Bewegung nach unten – und der abgetrennte Kopf des Forsaken fiel zu Boden, während schwarzes Blut pulsierend aus den Adern schoss. Simon spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Magen – das Blut roch bitter, giftig.

Er konnte hören, wie die Schattenjäger sich durch den Nebel hindurch etwas zuriefen, wohingegen die Forsaken unheimlich still waren. Plötzlich lichtete sich der Nebel und Simon entdeckte Magnus, der mit weit aufgerissenen Augen vor der Wand des Instituts stand. Zwischen seinen hoch erhobenen Händen tanzten blaue Funken und in der Steinmauer schien sich eine rechteckige schwarze Öffnung aufzutun, die jedoch nicht in den Bereich dahinter führte. Stattdessen schimmerte ihre Oberfläche wie ein Spiegel, in dessen Glas ein loderndes Feuer gefangen war. »Das Portal!«, rief Magnus den Schattenjägern zu. »Geht durch das Portal!«

In dem Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig: Maryse Lightwood tauchte aus dem Nebel auf, mit Max in den Armen.

Sie hielt einen Moment inne, rief etwas über ihre Schulter, stürzte dann auf das Portal zu und hindurch . . . und verschwand in der Mauer. Alec folgte ihr sofort nach und zog Isabelle hinter sich her, deren blutgetränkte Peitsche über den Boden schleifte. Als er sie in Richtung des Portals zerrte, ragte plötzlich etwas aus dem Nebel hinter ihnen hoch auf – ein Forsaken, der eine Doppelklinge schwang.

Simon erwachte aus seiner Starre. Er sprintete vorwärts, rief Isabelles Namen, strauchelte dann und schlug so heftig auf dem Boden auf, dass es ihm den Atem geraubt hätte – wenn er denn noch Luft benötigt hätte. Benommen setzte er sich auf und drehte sich um, um nachzusehen, worüber er gestolpert war.

Hinter ihm lag ein Leichnam. Der Leichnam einer Frau, mit aufgeschlitzter Kehle und weit aufgerissenen, totenstarren Augen. Blut sickerte durch ihre silberhellen Haare. Madeleine.

»Simon, pass auf!« Jace’ Stimme drang zu ihm durch; Simon drehte sich wieder um und sah, dass der Schattenjäger durch den Nebel auf ihn zugerannt kam, zwei blutige Seraphklingen in den Händen. Dann schaute er auf. Der Forsaken, der Isabelle bedroht hatte, ragte nun turmhoch über ihm auf, das von Narben entstellte Gesicht zu einem hässlichen Grinsen verzerrt. Blitzschnell drehte Simon sich zur Seite, als das Doppelklingenmesser auf ihn herabfuhr, doch selbst mit seinen deutlich verbesserten Reflexen war er nicht schnell genug. Ein stechender Schmerz schoss ihm durch die Glieder und im nächsten Moment wurde alles um ihn herum schwarz.

2

DIE DÄMONENTÜRMEVON ALICANTE

Keine Magie dieser Welt würde es jemals schaffen, für freie Parkplätze auf den Straßen New Yorks zu sorgen, dachte Clary, als Luke und sie zum dritten Mal um den Häuserblock fuhren. Nirgendwo fand sich auch nur die kleinste Parklücke und in der halben Straße standen die Wagen bereits in zweiter Reihe. Schließlich hielt Luke vor einem Hydranten und schaltete den Pick-up seufzend in den Leerlauf. »Geh schon vor«, sagte er, »damit sie wissen, dass du da bist. Ich bring deinen Koffer gleich nach.«

Clary nickte, zögerte aber, ehe sie nach der Türklinke griff. Vor Aufregung war ihr Magen wie zusammengeballt und nicht zum ersten Mal wünschte sie inständig, Luke könnte sie begleiten. »Ich habe immer gedacht, dass ich bei meiner ersten Reise nach Übersee wenigstens einen Pass bei mir hätte«, scherzte sie halbherzig.

Doch Luke konnte nicht darüber lachen. »Ich weiß, dass du nervös bist«, sagte er. »Aber mach dir keine Sorgen – alles wird gut. Die Lightwoods werden sich gut um dich kümmern.«

Das hab ich dir mindestens eine Million Mal versichert, dachte Clary. Dann klopfte sie Luke leicht auf die Schulter und sprang aus dem Wagen. »Bis gleich.«

Clary folgte den brüchigen Steinplatten zum Hauptportal der Kathedrale und ließ den Verkehrslärm mit jedem Schritt weiter hinter sich. Es dauerte länger als üblich, den Zauberglanz, der über dem Institut lag, vollständig auszublenden. Clary hatte das Gefühl, als schwebte eine weitere Tarnschicht über dem alten Kirchengebäude, wie ein neuer Farbanstrich, und es kostete sie sehr viel Kraft, diese Schicht vor ihrem inneren Auge zu entfernen. Doch schließlich war der Zauberglanz verschwunden und Clary konnte die Kathedrale in ihrer vollen Pracht erkennen. Die schweren Holztüren des Hauptportals schimmerten, als hätte man sie gerade frisch poliert.

Aber in der Luft hing eine merkwürdige Mischung aus Ozon und Brandgeruch. Stirnrunzelnd legte Clary die Hand auf den Türknauf. Ich bin Clary Morgenstern, eine der Nephilim, und ich erbitte Zugang zum Institut . . .

Sofort schwang die Tür auf und Clary betrat das Kirchenschiff. Doch irgendetwas war anders als sonst. Blinzend schaute sie sich um und versuchte herauszufinden, was ihr am Inneren der Kirche so seltsam erschien . . .

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie in tiefe Dunkelheit hüllte, die nur vom schwachen Lichtschein des Rosettenfensters hoch über ihr ein wenig erhellt wurde, erkannte sie plötzlich die Ursache: Bei jedem ihrer vorherigen Besuche war der Zugang zum Institut von Dutzenden flackernder Kerzen erhellt worden, die in kunstvollen Kerzenständern in den Gängen zwischen den Kirchenschiffen gebrannt hatten.

Clary nahm ihren Elbenlichtstein aus der Jacke und hielt ihn hoch. Helles Licht brach aus dem Gestein hervor und sandte zwischen ihren Fingern glitzernde Strahlen hindurch, die selbst die staubigen Ecken der Kathedrale beleuchteten. Dann ging sie zum Aufzug in der Nähe des kahlen Altars und drückte ungeduldig auf den Knopf.

Doch nichts geschah. Nach einer halben Minute drückte sie erneut auf den Knopf des Aufzugs . . . und dann ein weiteres Mal. Schließlich legte sie ein Ohr gegen die Aufzugtür und lauschte. Es war nichts zu hören. Das Institut lag dunkel und schweigend da, wie eine Aufziehpuppe, deren innerer Mechanismus abgelaufen war.

Mit wild pochendem Herzen lief Clary den Gang zurück und stieß die schweren Türen auf. Auf den Stufen vor der Kathedrale hielt sie inne und schaute sich fieberhaft um. Der Himmel über ihr hatte inzwischen eine kobaltblaue Tönung angenommen und in der Luft lag noch immer dieser intensive Brandgeruch. War hier irgendwo ein Feuer ausgebrochen? Hatten die Schattenjäger das Institut evakuiert? Aber das Gelände wirkte vollkommen unberührt . . .

»Es war kein Feuer.« Die Stimme klang sanft, samtig und vertraut. Aus den Schatten tauchte eine hohe Gestalt auf, deren Haare wie ein Kranz unansehnlicher Stacheln abstanden. Die Person trug einen schwarzen Seidenanzug über einem schimmernden smaragdgrünen Hemd und schwere Juwelenringe an den schlanken Fingern. Elegante Schuhe und eine große Menge Glitter rundeten das Erscheinungsbild ab.

»Magnus?«, flüsterte Clary.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte Magnus. »Aber hier hat es nicht gebrannt. Das, was du riechst, ist Höllendunst – eine Art verwunschener Dämonennebel. Er dämpft die Wirkung bestimmter Arten der Magie.«

»Dämonendunst? Dann hat es also . . .«

»Einen Angriff auf das Institut gegeben? Ja. Am frühen Nachmittag. Forsaken – vermutlich ein paar Dutzend dieser Kreaturen.«

»Jace«, flüsterte Clary. »Die Lightwoods . . .«

»Der Höllendunst hat meine Fähigkeiten zur Bekämpfung der Forsaken stark eingeschränkt. Und auch die der Schattenjäger. Ich musste sie Hals über Kopf durch das Portal nach Idris schicken.«

»Aber es wurde niemand von ihnen verletzt?«

»Doch. Madeleine«, sagte Magnus. »Madeleine wurde getötet. Tut mir leid, Clary.«

Bestürzt ließ Clary sich auf die Stufen sinken. Sie hatte die ältere Frau zwar nicht besonders gut gekannt, aber Madeleine war eine wichtige Verbindung zu ihrer Mutter gewesen – ihrer richtigen Mutter, jener harten, kriegerischen Schattenjägerin,die Clary nie kennengelernt hatte.

»Clary?« Luke kam durch die anbrechende Abenddämmerung den Weg herauf. In der Hand hielt er ihren Koffer. »Was ist passiert?«

Clary umklammerte ihre Knie und hörte schweigend zu, während Magnus rasch die Ereignisse zusammenfasste. Trotz eines Anflugs von schlechtem Gewissen wegen Madeleines Tod verspürte sie ein enormes Gefühl der Erleichterung: Jace war nichts passiert. Den Lightwoods war nichts passiert. Wie eine Formel wiederholte sie diesen Gedanken ein ums andere Mal: Jace geht es gut, ihm ist nichts passiert.

»Diese Forsaken . . . wurden sie alle getötet?«, fragte Luke.

»Nicht alle.« Magnus schüttelte den Kopf. »Nachdem ich die Lightwoods durch das Portal geschickt hatte, zerstreuten sie sich; an mir schienen sie nicht interessiert zu sein. Als ich das Portal wieder verschlossen hatte, waren alle Forsaken verschwunden.«

Clary hob den Kopf. »Das Portal ist geschlossen? Aber . . . du kannst mich doch noch immer nach Idris teleportieren, oder?«, fragte sie. »Ich meine, ich kann das Portal passieren und mich in Idris den Lightwoods anschließen, stimmt’s?«

Luke und Magnus tauschten einen Blick und Luke setzte den Koffer ab.

»Magnus?« Clarys Stimme klang nun – selbst in ihren eigenen Ohren – höher, schriller. »Ich muss unbedingt nach Idris.«

»Das Portal ist geschlossen, Clary . . .«

»Dann öffne eben ein anderes!«

»So einfach ist das nicht«, erwiderte der Hexenmeister. »Der Rat überwacht jede magische Grenzüberschreitung nach Alicante mit Argusaugen. Die Hauptstadt ist den Nephilim das Allerheiligste – so ähnlich wie der Vatikan oder die Verbotene Stadt. Ohne Genehmigung hat kein Schattenweltler dort Zutritt und auch keine Irdische.«

»Aber ich bin eine Schattenjägerin!«

»Ja, aber eben nicht ganz«, sagte Magnus. »Außerdem verhindern die Türme, dass jemand in die Stadt portiert werden kann. Wenn ich jemanden direkt nach Alicante schicken wollte, müsste ich dafür sorgen, dass auf der anderen Seite eine Art Empfangskomitee wartet. Alles andere wäre ein grober Verstoß gegen das Gesetz und ich bin nicht gewillt, das für dich zu riskieren, Herzchen – ganz gleich, wie sehr ich dich als Person auch schätzen mag.«

Clary schaute von Magnus’ betrübtem Gesicht zu Luke, der sie aufmerksam musterte. »Aber ich muss nach Idris. Ich muss einfach«, beharrte sie. »Ich muss meiner Mutter helfen. Es muss doch irgendeine andere Möglichkeit geben, dorthin zu kommen, irgendeinen Weg ohne Portal.«

»Der nächste Flughafen liegt ein Land weiter«, erklärte Luke. »Falls wir die Grenze überqueren könnten – und die Betonung liegt dabei auf falls –, läge immer noch eine lange und gefährliche Reise über Land vor uns, durch diverse Schattenweltler-Territorien. Es würde Tage dauern, ehe wir in Alicante wären.«

Clarys Augen brannten heiß, doch sie ermahnte sich: Ich werde nicht in Tränen ausbrechen. Ich werde auf keinen Fall weinen.

»Clary.« Lukes Stimme klang sanft. »Wir werden uns mit den Lightwoods in Verbindung setzen. Und dafür sorgen, dass sie alle Informationen bekommen, die sie zur Beschaffung des Gegenmittels für Jocelyn benötigen. Die Lightwoods können Kontakt zu Fell aufnehmen . . .«

Doch Clary war bereits aufgesprungen und schüttelte vehement den Kopf. »Ich bin diejenige, die Kontakt zu ihm aufnehmen muss«, erwiderte sie. »Madeleine hat gesagt, dass Fell mit niemand anderem reden würde.«

»Fell? Ragnor Fell?«, wiederholte Magnus. »Ich könnte versuchen, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Ihm mitteilen, dass er Jace erwarten soll.«

Sofort erhellte sich Lukes Gesicht; ein Teil seiner Sorgen schien von ihm abzufallen. »Clary, hast du das gehört? Mit Magnus’ Hilfe . . .«

Aber Clary wollte nichts von Magnus’ Hilfe hören. Sie wollte überhaupt nichts mehr hören. Sie hatte sich gewünscht, ihre Mutter retten zu können, doch nun schien ihr nichts anderes übrig zu bleiben, als tatenlos an ihrem Bett zu sitzen, ihre schlaffe Hand zu halten und darauf zu hoffen, dass irgendjemand anderes irgendwo anders in der Lage wäre, das zu tun, was sie nicht tun konnte.

Enttäuscht stürmte sie die Stufen hinunter und wich Luke aus, der die Hand nach ihr ausstreckte. »Ich muss jetzt einfach einen Moment allein sein.«

»Clary . . .« Sie hörte, wie Luke ihr hinterherrief, doch sie rannte weiter, lief um die Ecke der Kathedrale. Unwillkürlich nahm sie den Steinpfad, der zu dem kleinen Garten auf der Ostseite des Instituts führte, folgte dem Geruch von Brand und Asche, unter dem ein intensiver, beißender Gestank lag. Der Pesthauch der Dämonenmagie. Noch immer hingen Nebelfetzen im Garten, dünne Schwaden, die sich in den Rosenhecken oder zwischen Steinen verfangen hatten. Clary konnte deutlich erkennen, wo der Boden vom Kampf aufgewühlt war, und bei einer der Steinbänke entdeckte sie eine dunkelrote Lache, die sie lieber nicht allzu genau betrachten wollte.

Betrübt wandte Clary den Kopf ab. Und hielt plötzlich inne. An der Mauer der Kathedrale waren die unverkennbaren Zeichen der Runenmagie noch zu sehen – glühende, allmählich verblassende blaue Symbole auf dem grauen Stein. Zusammen bildeten sie eine rechteckige Kontur, wie die Umrisse einer halb geöffneten Tür . . .

Das Portal.

Irgendetwas in Clarys Innerem schien in Gang zu kommen: Sie erinnerte sich an andere Symbole, gefährlich schimmernde Zeichen auf der glatten Stahlwand eines Schiffsrumpfs. An das Kreischen von Metall und das Vibrieren der Stahlplatten, als sämtliche Nieten sich aus den Verankerungen gelöst hatten und das Schiff in tausend Stücke zerborsten war. An das schwarze Wasser des East River, das ins Innere der Jacht geströmt war. Das sind nur Runen, dachte sie. Symbole. Die kann ichproblemlos zeichnen. Wenn es meiner Mutter gelungen ist, den Kelch der Engel zwischen die Lagen eines Stück Kartons zu bannen, dann kann ich ja wohl ein Portal erschaffen.

Clary spürte, wie ihre Füße sie zur Kirchenmauer trugen, wie ihre Hand in die Jackentasche griff und die Stele hervorholte. Sie zwang ihre zitternde Hand zur Ruhe und drückte die Spitze der Stele gegen das Mauerwerk.

Dann kniff sie die Augen fest zusammen und in der Dunkelheit hinter ihren Lidern begannen sich geschwungene Linien aus Licht abzuzeichnen. Linien, die ihr von Durchgängen erzählten, von wirbelnden Stürzen durch flirrende Luft, von Reisen und fernen Ländern. Die Linien vereinten sich zu einer Rune von der Anmut eines Vogels im freien Flug. Clary wusste nicht, ob diese Rune bereits zuvor bestanden oder ob sie sie in diesem Moment erschaffen hatte, doch nun existierte sie, als hätte es sie bereits seit Anbeginn der Zeit gegeben.

Portal.

Clary setzte die Stele an und die Symbole flossen in kohleschwarzen Linien förmlich aus der Spitze heraus. Das Mauerwerk begann zu zischen und ein ätzender Brandgeruch stieg ihr in die Nase. Glühende blaue Lichtlinien zeichneten sich durch ihre geschlossenen Lider hindurch ab. Clary spürte die Hitze auf ihrer Haut, als stünde sie vor einem offenen Feuer.Mit einem leichten Keuchen stieß sie die angehaltene Luft aus, ließ die Hand sinken und öffnete die Augen.

Die Rune, die sie auf der Steinmauer gezeichnet hatte, erinnerte an eine dunkle, aufblühende Blume. Linien schienen zu verschmelzen und sich zu verändern; sie flossen sanft ineinander, entfalteten sich, formten sich neu. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Gestalt der Rune vollkommen verwandelt: Sie bildete nun die Umrisse eines glühenden Durchgangs, der einige Köpfe größer war als Clary.

Wie gebannt starrte Clary auf den Durchgang, konnte sich nicht von seinem Anblick losreißen. Er schimmerte im gleichen dunklen Licht wie damals das Portal hinter Madame Dorotheas Vorhang. Langsam streckte sie die Hand danach aus . . .

Und zuckte zurück. Bevor man ein Portal benutzte, musste man sich in Gedanken vorstellen, wohin man wollte, an welchen Ort das Portal einen transportieren sollte, erinnerte Clary sich. Das Problem bestand darin, dass sie nie zuvor in Idris gewesen war. Natürlich hatten die anderen ihr davon erzählt: ein Land mit grünen Tälern, dunklen Wäldern und sprudelnden Bächen, mit Seen und Bergen. Und dann war da natürlich noch Alicante, die Stadt der Kristalltürme. Clary konnte sich natürlich ausmalen, wie es dort aussah, aber mit Fantasie allein würde sie nicht weit kommen, jedenfalls nicht bei dieser Runenmagie. Wenn sie doch nur . . .

Plötzlich sog sie scharf die Luft ein. Ja, natürlich! Sie hatte Idris schon einmal gesehen. Sie hatte die Stadt in einem Traum gesehen und sie wusste instinktiv – ohne allerdings zu wissen, warum –, dass es sich um einen Wahrtraum gehandelt hatte. Was hatte Jace ihr in diesem Traum noch mal über Simon gesagt? Dass er nicht bleiben durfte, denn »dieser Ort ist für die Lebenden«. Und kurz darauf war Simon gestorben . . .

Clary versuchte, sich wieder auf den Traum zu konzentrieren. Sie hatte in einem Ballsaal in Alicante getanzt. Die Wände waren ganz in Gold und Weiß getaucht gewesen und die hohe Decke hatte gefunkelt, als wäre sie mit Diamanten besetzt. In dem Saal hatte ein Champagnerbrunnen gestanden – eine riesige silberne Schale, in deren Mitte eine Meerjungfrau mit einem Krug aufragte. Bunte Lichter hatten in den Bäumen vor den Fenstern gehangen und Clary hatte ein Kleidungsstück aus grünem Samt getragen, genau wie jetzt auch.

Wie in Trance streckte Clary die Hand nach dem Portal aus. Ein strahlendes Licht breitete sich unter ihren Fingern aus, als sie die Oberfläche berührte – eine Tür, die sich zu einem erhellten, dahinter liegenden Ort öffnete. Gebannt starrte Clary auf einen wirbelnden goldenen Mahlstrom, der sich langsam zu unterschiedlichen Formen verdichtete: Sie glaubte, die Silhouette von Bergen erkennen zu können, ein Stück Himmel . . .

»Clary!« Luke kam den Weg heraufgerannt; auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Wut und Entsetzen. Hinter ihm lief Magnus mit großen Schritten. Im leuchtenden Schein des Portals schimmerten seine Katzenaugen wie glühendes Metall. »Clary, nicht! Die Schutzschilde sind gefährlich! Du bringst dich noch um!«

Doch für Clary gab es kein Zurück. Jenseits des Portals gewann das goldene Licht immer mehr an Leuchtkraft. Sie dachte an die goldenen Wände des Ballsaals in ihrem Traum, das goldene Licht, das sich in den Kristallscheiben brach.

Lukes Worte waren nicht wahr; er verstand ihre Begabung nicht, begriff nicht, wie es funktionierte. Welche Rolle spielten schon Schutzschilde, wenn man seine eigene Wirklichkeit erschaffen konnte, nur mithilfe einer handgezeichneten Rune? »Ich muss es tun«, rief sie ihm zu und machte mit ausgestreckten Fingerspitzen einen Schritt nach vorn. »Tut mir leid, Luke . . .«

Sie ging einen weiteren Schritt vor . . . doch mit einem letzten, geschmeidigen Sprung war Luke an ihrer Seite und packte sie genau in dem Moment am Handgelenk, als das Portal um sie herum zu explodieren schien. Eine Kraft ergriff sie beide wie ein Tornado und hob sie hoch in die Lüfte. Clary erhaschte noch einen letzten Blick auf die kleiner werdenden Autos und Gebäude unter ihr, bis ein peitschender Wind sie erfasste und gnadenlos in einem goldenen Strudel umherwirbelte, während Luke ihr Handgelenk mit eisernem Griff umklammerte.

Simon erwachte, weil er das rhythmische Plätschern von Wasser hörte. Von plötzlicher Panik erfüllt, setzte er sich ruckartig auf: Als er das letzte Mal vom Geräusch der Wellen geweckt worden war, hatte er sich als Gefangener auf Valentins Schiff befunden. Und das sanfte Glucksen brachte die Erinnerung an jene schrecklichen Stunden mit einer Vehemenz zurück, als hätte man ihm einen Eimer eiskaltes Wasser ins Gesicht geschüttet.

Rasch schaute er sich um und stellte dann erleichtert fest,dass er sich an einem völlig anderen Ort befand. Er lag unter einer weichen Decke in einem bequemen Bett, das in einem kleinen, sauberen Raum mit hellblau gestrichenen Wänden stand. Dunkle Vorhänge hingen vor dem Fenster, doch der schwache Lichtschein an den Kanten des Stoffs reichte Simons Vampiraugen, um seine Umgebung erkennen zu können. Auf dem Boden lag ein leuchtend bunter Flickenteppich, an einer der Wände ragte ein hoher, verspiegelter Kleiderschrank auf und irgendjemand hatte einen Sessel neben das Bett gezogen.

Simon schlug die Decke zurück und bemerkte zweierlei: Erstens trug er noch immer dieselben Sachen, die er auch bei seinem Treffen mit Jace vor dem Institut getragen hatte; und zweitens schien die Person, die in dem Sessel saß, zu dösen. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und ihre langen schwarzen Haare umgaben sie wie ein feiner Schleier.

»Isabelle?«, fragte Simon.

Ruckartig wie ein erschreckter Schachtelteufel hob Isabelle den Kopf und riss die Augen auf. »Hey! Du bist wach!« Sie setzte sich auf und warf die Haare nach hinten. »Jace wird ja so erleichtert sein. Wir waren uns fast sicher, dass du sterben würdest.«

»Sterben?«, wiederholte Simon. Ihm war schwindlig und ein wenig übel. »Woran denn?« Blinzelnd schaute er sich im Raum um. »Bin ich im Institut?« Aber in dem Moment, als ihm die Worte über die Lippen kamen, wusste er bereits, dass das natürlich unmöglich war. »Ich meine – wo sind wir?«

Ein unbehaglicher Ausdruck huschte über Isabelles Gesicht. »Na ja . . . soll das heißen, dass du dich nicht daran erinnern kannst, was im Garten passiert ist?« Nervös zupfte sie am Brokatbesatz