Verlag: Arena Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

City of Lost Souls E-Book

Cassandra Clare  

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E-Book-Beschreibung City of Lost Souls - Cassandra Clare

Kaum ist die Dämonin Lilith besiegt, fehlt von Jace, den Clary über alles liebt, jede Spur - auch ihr finsterer Bruder Sebastian ist verschwunden. Doch Jace findet wieder einen Weg zu Clary und enthüllt sein schreckliches Schicksal: Durch Liliths Magie ist er auf immer mit Sebastian und den dunklen Mächten verbunden. Um Jace zu retten, müssen sich auch die Schattenjäger der schwarzen Magie verschreiben. Clary geht dabei den gefährlichsten Weg: Sie möchte Jace’s Seele retten. Aber kann sie Jace überhaupt noch trauen?

Meinungen über das E-Book City of Lost Souls - Cassandra Clare

E-Book-Leseprobe City of Lost Souls - Cassandra Clare

Die Autorin

Cassandra Clarewurde in Teheran geboren und verbrachte die ersten zehn Jahreihres Lebens in Frankreich, England und der Schweiz. Ihre ReiheChroniken der Unterwelt sowie die zweite TrilogieChroniken der Schattenjäger wurden auf Anhieb zu eineminternationalen Erfolg, ihre Bücher stehen weltweit auf denBestsellerlisten. Cassandra Clare lebt mit ihrem Mann,ihren Katzen und einer Unmenge an Büchern in einem altenviktorianischen Haus in Massachusetts.

Titel

Cassandra Clare

Chroniken der UnterweltCity ofLost Souls

Aus dem Amerikanischenvon Franca Fritz und Heinrich Koop

Widmung

Für Nao, Tim, David und Ben

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem TitelThe Mortal Instruments. Book Five. City of Lost Soulsbei Margaret K. McElderry Books, einem Imprint derSimon & Schuster Children’s Publishing Division, New York.Copyright © 2012 by Cassandra Clare LLCErste Veröffentlichung als E-Book 2013Für die deutschsprachige Ausgabe:© 2013 Arena Verlag GmbH, WürzburgAlle Rechte vorbehaltenAus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich KoopEinbandgestaltung: Frauke SchneiderISBN 978-3-401-80195-7www.arena-verlag.deMitreden unter www.forum.arena-verlag.dewww.chroniken-der-unterwelt.de

Zitat

Kein Mensch entscheidet sich für das Böse, weil es böse ist. Er verwechselt es lediglichmit dem Glück, dem Guten, nach dem erständig strebt.Mary Wollstonecraft

PROLOG

Simon stand schweigend da und starrte wie betäubt auf die Eingangstür seines Elternhauses.

Er hatte nie ein anderes Zuhause gekannt. An diesen Ort hatten seine Eltern ihn nach seiner Geburt gebracht und hier war er aufgewachsen: in den vier Wänden dieses Reihenhauses in Brooklyn. Im Sommer hatte er im Schatten der Bäume auf der Straße gespielt und im Winter aus einem umfunktionierten Mülltonnendeckel eine Art Schlitten improvisiert. In diesem Haus hatten er und seine Familie nach dem Tod seines Vaters gemeinsam das Schiwa-Sitzen, die sieben Tage der Trauer, verbracht. Hier hatte er Clary zum ersten Mal geküsst.

Er hätte sich nie träumen lassen, dass diese Haustür für ihn einmal verschlossen sein könnte. Als er seine Mutter das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie ihn als Monster bezeichnet und Gebete gewispert, damit er verschwand. Mithilfe eines Zaubers hatte er sie vergessen lassen, dass er ein Vampir war, ohne genau zu wissen, wie lange die Wirkung anhalten würde. Als er nun in der kalten Herbstluft vor dem Haus stand, wurde ihm klar, dass der Effekt längst verflogen war.

Die Eingangstür war mit Zeichen übersät: Jemand hatte mit Farbe Davidsterne und das geschweifte Symbol für Chai, Leben, aufgesprüht. Am Türknauf und am Türklopfer hingen Gebetsriemen, und eine Hamsa, die Hand Miriams, verdeckte den Türspion.

Benommen legte Simon eine Hand auf die metallene Mesusa, die rechts am Türpfosten befestigt war. Er sah, wie Qualm von der Stelle aufstieg, an der seine Haut das geweihte Objekt berührte, aber er spürte nichts. Keinen Schmerz. Nur eine schreckliche Leere, die sich langsam in kalte Wut verwandelte.

Zornig trat er mit dem Fuß gegen die Tür und hörte das Echo durch den Hausflur dröhnen. »Mom!«, brüllte er. »Mom, ich bin’s!«

Keine Antwort – nur das metallische Klacken der Türschlösser, die verriegelt wurden. Mit seinem hochempfindlichen Vampirgehör konnte er die Schritte seiner Mutter wahrnehmen, ihre flache Atmung. Aber sie schwieg. Selbst durch das Holz hindurch witterte er den scharfen Geruch von Furcht und Panik. »Mom!« Seine Stimme brach. »Mom, das ist doch lächerlich! Lass mich rein! Ich bin’s, Simon!«

Die Tür bebte, als hätte seine Mutter dagegengetreten. »Verschwinde!« Ihre Stimme klang heiser, vor Angst verzerrt. »Mörder!«

»Ich bringe keine Leute um.« Simon lehnte den Kopf gegen die Tür. Er wusste, dass er sie mühelos öffnen konnte, aber wozu? »Das hab ich dir doch schon erklärt. Ich trinke Tierblut.«

»Du hast meinen Sohn getötet«, stieß seine Mutter auf der anderen Seite der Tür hervor. »Du hast ihn getötet und ihn durch ein Monster ersetzt.«

»Ich bin dein Sohn…«

»Du trägst vielleicht sein Gesicht und sprichst mit seiner Stimme, aber du bist nicht mein Sohn! Du bist nicht Simon!« Ihr Ton steigerte sich fast zu einem Kreischen. »Verschwinde von hier, bevor ich dich umbringe, du Monster!«

»Becky…«, setzte Simon an. Sein Gesicht fühlte sich feucht an, und als er sich mit den Händen über die Wangen fuhr, schimmerten seine Finger rötlich: Seine Tränen waren blutgetränkt. »Was hast du Becky erzählt?«

»Halte dich ja von deiner Schwester fern.«

Simon hörte aus dem Inneren des Hauses ein Rumpeln, als wäre irgendetwas zu Boden gestürzt. »Mom«, versuchte er es erneut, doch dieses Mal versagte ihm die Stimme und er brachte nur ein raues Krächzen heraus. Seine Hand hatte begonnen, dumpf zu pochen. »Ich muss es wissen – ist Becky da? Mom, mach die Tür auf. Bitte…«

»Bleib weg von Becky!« Seine Mutter wich von der Tür zurück; Simon konnte es deutlich hören. Dann ertönte das unverkennbare Quietschen der Küchentür und das Knirschen ihrer Schritte auf dem Linoleumboden, gefolgt vom schleifenden Geräusch einer Schublade, die aufgezogen wurde. Plötzlich sah Simon vor seinem inneren Auge, wie seine Mutter nach einem Messer griff.

Bevor ich dich umbringe, du Monster.

Die Vorstellung ließ ihn zurückzucken. Wenn sie versuchte, mit dem Messer auf ihn loszugehen, würde das Kainsmal aufleuchten und seine volle Wirkung entfalten – und es würde seine Mutter vernichten, so wie es Lilith vernichtet hatte.

Simon ließ seine Hand sinken und wich langsam zurück; er taumelte die Stufen hinunter, über den Gehweg bis zu einem der großen Bäume, deren Kronen die Dächer der Häuser überragten. Dort blieb er reglos stehen und starrte auf die mit Symbolen übersäte und verunstaltete Eingangstür seines Elternhauses – Symbole des Hasses, den seine Mutter ihm gegenüber empfand.

Nein, das stimmt nicht, ermahnte Simon sich. Sie hasste nicht ihn – sie hielt ihn für tot. Seine Mutter hasste etwas, das nicht existierte. Ich bin nicht das Monster, für das sie mich hält.

Simon wusste nicht, wie lange er wohl noch dort gestanden und auf die Tür gestarrt hätte, wenn nicht plötzlich sein Handy in der Manteltasche vibriert hätte.

Gedankenverloren holte er es hervor und bemerkte dabei, dass sich das Muster der Mesusa – mehrere miteinander verbundene Davidsterne – in seine Handfläche gebrannt hatte. Er nahm das Telefon in die andere Hand und hielt es sich ans Ohr. »Hallo?«

»Simon?« Clary war am anderen Ende der Leitung; sie klang atemlos. »Wo bist du gerade?«

»Zu Hause«, erwiderte Simon und hielt inne. »Vor dem Haus meiner Mutter«, berichtigte er sich. Selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme leer und weit entfernt. »Wieso bist du nicht im Institut? Ist alles in Ordnung?«

»Genau darum geht’s«, erklärte Clary. »Kurz nachdem du gegangen bist, ist Maryse wieder von der Dachterrasse heruntergekommen, wo Jace eigentlich auf sie hätte warten sollen. Aber es war niemand dort.«

Ohne lange nachzudenken, setzte Simon sich in Bewegung und marschierte fast wie eine Aufziehpuppe in Richtung U-Bahn-Station. »Was soll das heißen: Es war niemand dort?«

»Jace ist verschwunden«, sagte Clary. Simon konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören. »Genau wie Sebastian.«

Abrupt blieb Simon unter einem der kahlen Bäume stehen. »Aber Sebastian ist tot. Er ist tot, Clary…«

»Dann verrat mir mal, warum sein Leichnam weg ist«, entgegnete Clary, deren Stimme nun endgültig brach. »Die Dachterrasse ist vollkommen leer – bis auf jede Menge Blut und Glasscherben. Sie sind beide nicht mehr da, Simon. Jace ist verschwunden…«

TEIL EINS

Kein böser Engel

Liebe ist ein Kobold; Liebe ist ein Teufel; es gibt keinen bösen Engel, als die Liebe.William Shakespeare,»Liebes Leid und Lust«ZWEI WOCHEN SPÄTER

1 Die letzte Ratssitzung

»Wie lange wird es denn noch dauern, bis das Urteil endlich gefällt ist?«, fragte Clary. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen mit Warten verstrichen war, aber es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an. In Isabelles schwarz und pink dekoriertem Zimmer gab es keine Uhren – nur Kleiderhaufen, Bücherstapel, Unmengen von Waffen und einen Frisiertisch mit wahllos herumliegenden Make-up-Utensilien, benutzten Haarbürsten und offenen Schubladen, aus denen Spitzenslips, hauchdünne Seidenstrümpfe und Federboas hervorquollen. Das Ganze erinnerte an die Künstlergarderobe von Ein Käfig voller Narren, aber im Laufe der vergangenen zwei Wochen hatte Clary so viel Zeit inmitten dieses glitzernden und glänzenden Durcheinanders verbracht, dass es allmählich eine beruhigende Wirkung auf sie ausübte.

Isabelle stand mit Church auf dem Arm am Fenster. Geistesabwesend streichelte sie den Kater, der sie aus unheilvollen gelben Augen musterte. Auf der anderen Seite des Fensters tobte ein schwerer Novembersturm und der Regen lief wie Klarlack an den Scheiben herunter. »Nicht mehr lange«, erwiderte sie gedehnt. Sie trug kaum Make-up, nur etwas Wimperntusche, wodurch sie jünger wirkte und ihre dunklen Augen größer erschienen. »Wahrscheinlich fünf Minuten oder so.«

Clary saß auf Izzys Bett, zwischen herumliegenden Modezeitschriften und klirrenden Seraphklingen, und musste mehrfach schlucken, um den bitteren Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ich bin gleich wieder zurück. Ich brauch nur fünf Minuten.

Das waren ihre letzten Worte auf der Dachterrasse gewesen – zu dem Jungen, den sie mehr als alles andere auf der Welt liebte. Inzwischen hatte sie das Gefühl, dass es möglicherweise ihre letzten Worte für Jace gewesen sein könnten.

Clary erinnerte sich noch genau an jenen Augenblick: Die Dachterrasse. Die kristallklare Oktobernacht. Die kalt funkelnden Sterne am wolkenlosen schwarzen Himmel. Die Steinplatten, mit schwarzen Runen verunstaltet und mit Blut und Dämonensekret beschmiert. Jace’ Mund auf ihren Lippen – das einzig Warme in dieser eisigen Welt. Der Morgenstern-Ring an ihrer Halskette. Die Liebe, die kreisen macht die Sonne wie die Sterne. Ihr letzter Blick hinüber zu Jace, als sich die Tür des Aufzugs geschlossen und dieser sie in die Schatten des Gebäudes hinuntergezogen hatte. Sie hatte die anderen im Foyer getroffen, ihre Mutter, Luke und Simon umarmt. Aber wie immer war ein Teil von ihr bei Jace zurückgeblieben, auf der Dachterrasse, allein mit ihm hoch oben über der kalten, leuchtenden, elektrisch funkelnden Stadt.

Maryse und Kadir waren in den Aufzug gestiegen und hochgefahren, um zu Jace zu stoßen und sich die Überreste von Liliths Ritual anzusehen. Es hatte etwa zehn Minuten gedauert, ehe Maryse schließlich zurückgekehrt war, allein, ohne Kadir. Als die Aufzugstür aufschwang und Clary ihr Gesicht sah, kreidebleich, angespannt und aufgewühlt, da wusste sie sofort, dass etwas Schreckliches passiert war.

Die darauffolgenden Minuten erlebte Clary wie in einem Albtraum. Die Gruppe der Schattenjäger im Foyer stürmte auf Maryse zu; Alec löste sich von Magnus und Isabelle sprang von der Bank auf. Weiße Lichtstrahlen durchschnitten die Dunkelheit wie Kamerablitze an einem Tatort, als ein Nephilim nach dem anderen seine Seraphklinge zückte und in die Höhe hielt. Während Clary sich durch die Menge arbeitete, hörte sie bruchstückweise, was vorgefallen war: Die Dachterrasse hatte verlassen dagelegen; Jace war verschwunden. Der gläserne Sarg, in dem Sebastian geschwebt hatte, war zertrümmert; die Glasscherben lagen überall verstreut. Blut, frisches Blut, tropfte von dem Sockel, auf dem der Sarg gestanden hatte.

Die Schattenjäger einigten sich rasch auf einen Plan und strömten dann in alle Richtungen davon, um die Gegend um das Gebäude herum abzusuchen. Mit blaue Funken sprühenden Fingern kam Magnus auf Clary zu und fragte, ob sie einen Gegenstand von Jace besaß, mit dem er versuchen konnte, den jungen Nephilim zu orten. Benommen gab Clary ihm den Morgenstern-Ring und zog sich anschließend in eine Ecke zurück, um Simon anzurufen. Sie hatte gerade ihr Handy zugeklappt, als eine Schattenjägerstimme alle anderen übertönte: »Orten? Das funktioniert doch nur, wenn er noch lebt. Aber bei der Blutmenge ist das nicht sehr wahrscheinlich…«

Irgendwie war das der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Fortdauernde Unterkühlung, Erschöpfung und Schock machten sich schlagartig bemerkbar und Clary spürte, wie ihre Knie nachgaben. Ihre Mutter konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Danach war alles dunkel und verschwommen. Als sie am nächsten Morgen in ihrem Bett in Lukes Haus aufwachte, setzte sie sich ruckartig und mit wild pochendem Herzen auf, fest davon überzeugt, dass sie einen Albtraum gehabt hatte.

Aber während sie sich aus den zerwühlten Bettlaken kämpfte, erzählten ihr die verblassenden Blutergüsse an ihren Armen und Beinen eine andere Geschichte, eine Geschichte, die durch den fehlenden Morgenstern-Ring bestätigt wurde. Hastig sprang Clary in ihre Jeans, streifte einen Kapuzenpullover über und wankte ins Wohnzimmer, wo Jocelyn, Luke und Simon mit düsterer Miene dasaßen. Obwohl sich die Frage eigentlich erübrigte, stieß sie dennoch hektisch hervor: »Hat man ihn gefunden? Ist Jace wieder da?«

Langsam erhob Jocelyn sich aus ihrem Sessel. »Nein, Süße, er ist weiterhin wie vom Erdboden verschluckt…«

»Aber nicht tot? Man hat keinen Leichnam gefunden?« Clary ließ sich neben Simon auf das Sofa fallen. »Nein – er ist nicht tot. Das würde ich wissen.«

Während Clary nun auf Isabelles Bett saß, erinnerte sie sich wieder daran, wie Simon ihre Hand gehalten hatte, als Luke die wenigen Informationen zusammengefasst hatte: Jace war noch immer verschwunden, genau wie Sebastian. Außerdem hatte Luke eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte lautete: Das Blut auf dem Sockel hatte identifiziert werden können – es stammte von Jace. Aber die gute Nachricht war: Es handelte sich um deutlich weniger Blut als ursprünglich angenommen. Offenbar hatte es sich mit dem Wasser aus dem zertrümmerten Sarg vermischt und so den Eindruck einer gewaltigen Blutmenge erweckt. Daher war es durchaus möglich, dass Jace überlebt hatte – was auch immer mit ihm passiert sein mochte.

»Aber was genau ist denn passiert?«, hakte Clary nach.

Luke schüttelte den Kopf, seine blauen Augen schauten traurig. »Das weiß niemand, Clary.«

In dem Moment fühlte es sich so an, als würde Eiswasser durch ihre Adern strömen. »Ich will bei der Suche helfen. Irgendwas tun. Und nicht nutzlos rumsitzen, während Jace vermisst wird.«

»Darüber würde ich mir an deiner Stelle keine Sorgen machen«, bemerkte Jocelyn grimmig. »Der Rat will dich nämlich sprechen.«

Unsichtbare Eiskristalle knackten in Clarys Gelenken und Sehnen, als sie aufstand. »Prima. Von mir aus. Ich werde ihnen alles erzählen, was sie wissen wollen, wenn sie dafür Jace finden.«

»Du wirst ihnen alles erzählen, was sie wissen wollen, weil sie das Engelsschwert haben.« Verzweiflung schwang in Jocelyns Stimme mit. »Ach, Süße, es tut mir so leid.«

Nach zwei Wochen ständiger Befragungen, nach etlichen Zeugenaussagen und nachdem sie das Engelsschwert etwa ein Dutzend Mal in den Händen gehalten und Bericht erstattet hatte, saß sie jetzt hier in Isabelles Zimmer und wartete darauf, dass der Rat über ihr weiteres Schicksal entschied. Bei der Erinnerung an das Engelsschwert fuhr Clary ein Schauer über den Rücken: Es hatte sich angefühlt, als würden sich winzige Angelhaken in ihre Haut bohren und ihr die Wahrheit förmlich aus dem Körper ziehen. Sie hatte auf dem Boden gekniet, inmitten der Sprechenden Sterne, das Schwert in den Händen, und ihre eigene Stimme gehört, die den Ratsmitgliedern alles erzählte: wie Valentin den Erzengel Raziel herbeigerufen und wie sie ihrem Vater die Macht über den Engel aus der Hand genommen hatte, indem sie seinen Namen mit ihrem eigenen überschrieb. Wie der Engel ihr eine Gunst gewährt und sie diese genutzt hatte, um Jace von den Toten zurückzuholen. Außerdem hatte sie dem Rat berichtet, wie Lilith von Jace Besitz ergriffen und versucht hatte, mit Simons Blut Sebastian wiederzubeleben – Clarys Bruder, den Lilith als ihren Sohn betrachtet hatte. Und wie Simons Kainsmal Lilith vernichtet hatte, weshalb sie Sebastian ebenfalls als besiegt und nicht länger als eine Gefahr betrachtet hatten.

Clary seufzte und klappte ihr Handy auf, um nach der Uhrzeit zu sehen. »Die Ratsmitglieder sitzen jetzt schon seit einer Stunde zusammen und beraten sich«, sagte sie. »Ist das normal? Oder ist das ein schlechtes Zeichen?«

Isabelle setzte Church auf den Boden, der sich miauend beschwerte. Dann kam sie zum Bett und hockte sich neben Clary. Die junge Schattenjägerin erschien zwar noch schlanker als sonst – genau wie Clary hatte sie während der vergangenen zwei Wochen Gewicht verloren –, wirkte aber in ihrer schwarzen Röhrenhose und dem taillierten grauen Samttop elegant wie eh und je. Die Wimperntusche war leicht verschmiert. Eigentlich hätte sie dadurch aussehen müssen wie ein Waschbär, doch stattdessen wirkte sie nur noch mehr wie ein französischer Filmstar. Als Izzy mit den Händen gestikulierte, klimperten ihre Elektrumarmbänder mit den Runenanhängern melodisch. »Nein, das ist kein schlechtes Zeichen«, erklärte sie. »Es bedeutet lediglich, dass die Ratsmitglieder viel zu besprechen haben.« Nachdenklich drehte sie den Lightwood-Ring an ihrem Finger. »Mach dir keine Sorgen. Schließlich hast du nicht gegen das Gesetz verstoßen und das ist die Hauptsache.«

Clary seufzte. Nicht einmal die Wärme von Isabelles Schulter an ihrem Oberarm konnte das Eis in ihren Adern zum Schmelzen bringen. Ihr war klar, dass sie streng genommen kein einziges Gesetz gebrochen hatte, aber sie wusste auch, dass der Rat furchtbar wütend auf sie war. Schattenjäger durften niemanden von den Toten erwecken, aber das galt nicht für den Erzengel; trotzdem war ihre Bitte an den Engel, Jace ins Leben zurückzuholen, von derart großer Tragweite gewesen, dass sie und Jace beschlossen hatten, niemandem davon zu erzählen.

Aber jetzt war die ganze Sache doch noch ans Licht gekommen und hatte die Nephilimgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Clary wusste, dass die Ratsmitglieder sie bestrafen wollten – und sei es nur deshalb, weil ihre Bitte solch katastrophale Konsequenzen nach sich gezogen hatte. Tief in ihrem Inneren wünschte sie sich fast, man würde sie bestrafen… ihr die Knochen brechen, die Fingernägel herausreißen, ihren Verstand mit den messerscharfen Gedanken der Stillen Brüder durchforsten. Eine Art Teufelspakt: ihr eigener Schmerz im Tausch gegen Jace’ unversehrte Rückkehr. Das würde ihr auch gegen ihre Gewissensbisse helfen, weil sie Jace allein auf der Dachterrasse zurückgelassen hatte – selbst wenn Isabelle und die anderen ihr schon hundert Mal versichert hatten, das sei lächerlich. Schließlich hatten sie alle angenommen, dass es dort oben ungefährlich für ihn war. Und außerdem: Wenn Clary bei ihm geblieben wäre, würde sie jetzt wahrscheinlich ebenfalls zu den Vermissten zählen.

»Hör auf damit«, sagte Isabelle.

Einen Moment lang war Clary sich nicht sicher, ob Izzy mit ihr oder mit dem Kater sprach. Denn Church zog mal wieder seine Show ab, die er gern inszenierte, wenn man ihn absetzte: Er lag auf dem Rücken, alle viere in die Luft gestreckt, und stellte sich tot, um seinem Frauchen ein schlechtes Gewissen zu machen. Doch als Isabelle ihre schwarzen Haare nach hinten warf und Clary anfunkelte, erkannte sie, dass sie gemeint war und nicht der Kater. »Womit soll ich aufhören?«, fragte sie.

»In düsteren Gedanken zu versinken, was dir für schreckliche Dinge zustoßen könnten – oder was für schreckliche Dinge du dir sogar wünschst, weil du lebst und Jace… verschwunden ist.« Isabelles Stimme machte einen kleinen Satz wie die hüpfende Nadel eines Tonabnehmers auf einer Schallplatte. Die Worte, dass Jace vielleicht tot war, brachte sie nicht über die Lippen – sie und Alec weigerten sich, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Und Isabelle hatte ihr auch nie Vorwürfe gemacht, weil sie solch ein gewaltiges Geheimnis nicht mit ihr geteilt hatte, überlegte Clary. Tatsächlich hatte sie sich in letzter Zeit als ihre unerschütterliche Beschützerin entpuppt: Isabelle hatte sie jeden Tag an der Tür zum Ratssaal abgefangen, sich fest bei Clary untergehakt, um dann gemeinsam an der Meute finster starrender, murmelnder Nephilim vorbeizumarschieren. Und sie hatte während endlos langer Ratsbefragungen geduldig auf Clary gewartet und jedem einen scharfen Blick zugeworfen, der es wagte, sie auch nur schräg anzusehen. Clary war vollkommen überrascht gewesen. Sie hätte sich und Isabelle nicht unbedingt als beste Freundinnen bezeichnet – schließlich gehörten sie beide eher zu der Sorte Mädchen, die mit Jungs besser klarkamen als mit anderen weiblichen Wesen. Aber Isabelle war ihr nicht von der Seite gewichen, worüber Clary ebenso verwundert wie dankbar war.

»Ich kann einfach nicht anders«, erwiderte Clary nun. »Wenn ich an der Suche teilnehmen dürfte – oder wenigstens irgendetwas tun dürfte –, dann wäre es nicht ganz so schlimm, glaub ich.«

»Ich weiß nicht recht.« Isabelle klang müde. Während der vergangenen zwei Wochen waren sie und Alec jeden Abend nach sechzehnstündigen Patrouillen und Suchaktionen erschöpft ins Institut zurückgewankt.

Als Clary herausfand, dass es ihr verboten war, sich an den Suchtrupps zu beteiligen oder auf sonstige Weise nach Jace zu suchen, bis der Rat seinen Beschluss gefasst hatte, war sie so wütend geworden, dass sie ein Loch in ihre Schlafzimmertür getreten hatte.

»Manchmal kommt mir das alles so nutzlos vor«, fügte Isabelle hinzu.

Eine eisige Kälte kroch knackend durch Clarys Knochen. »Soll das heißen, du glaubst, er ist tot?«

»Nein, natürlich nicht. Ich glaube nur, dass er unmöglich noch in New York sein kann.«

»Aber in anderen Städten werden doch ebenfalls Suchaktionen durchgeführt, oder nicht?« Reflexartig griff Clary an ihren Hals und vergaß, dass der Morgenstern-Ring sich nicht länger dort befand. Magnus hatte ihn noch immer, um Jace zu orten, obwohl bisher nichts dabei herausgekommen war.

»Selbstverständlich suchen sie auch in anderen Städten nach ihm.« Isabelle beugte sich vor und berührte vorsichtig die winzige Silberglocke, die statt des Rings um Clarys Hals hing. »Was ist das?«, fragte sie neugierig.

Clary zögerte. Die Glocke war ein Geschenk der Elbenkönigin. Nein, das stimmte nicht ganz, denn die Königin des Lichten Volkes machte keine Geschenke. Diese Silberglocke diente nur dazu, Kontakt mit ihr aufzunehmen, wenn Clary ihre Hilfe benötigte. Als mehr und mehr Tage ohne ein Zeichen von Jace verstrichen, hatte Clary sich immer wieder dabei ertappt, wie ihre Hand nach der Glocke tastete. Doch bisher hatte sie sich nicht getraut, sie zu läuten, weil sie wusste, dass sie ohne eine Furcht einflößende Gegenleistung keine Unterstützung von der Elbenkönigin bekommen würde.

Doch ehe Clary Isabelles Frage beantworten konnte, wurde die Tür geöffnet. Ruckartig setzten beide Mädchen sich auf, dabei umklammerte Clary eines von Isabelles rosa Zierkissen so fest, dass sich die Strasssteinchen in ihre Handflächen drückten.

»Hi.« Eine schlanke Gestalt betrat das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu: Alec, Isabelles älterer Bruder, trug die offizielle Ratskleidung – eine schwarze Robe, mit silbernen Runen durchwirkt – offen über seiner Jeans und einem schwarzen Langarmshirt. Die dunkle Kleidung ließ seine helle Haut noch blasser erscheinen und seine kristallblauen Augen noch blauer leuchten. Seine Haare waren genauso schwarz und glatt wie die seiner Schwester, allerdings kürzer, sodass sie ihm nur bis zum Kinn reichten. Und er hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

Clarys Herz begann, wild zu schlagen. Alec wirkte nicht sehr glücklich. Was auch immer für Neuigkeiten er hatte, sie konnten nicht gut sein.

Isabelle fand als Erste ihre Stimme wieder. »Wie ist die Sitzung gelaufen?«, fragte sie leise. »Wie lautet das Urteil?«

Schweigend ging Alec zu ihrem Frisiertisch und setzte sich auf den Stuhl, sodass er Izzy und Clary über die Lehne hinweg ansehen konnte. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre dieser Anblick komisch gewesen: Alec war ziemlich groß und hatte lange Beine wie ein Tänzer, die er nun unbeholfen um den Stuhl schlang, der dadurch wie ein Möbelstück aus einem Puppenhaus wirkte. »Clary«, setzte er an. »Jia Penhallow hat das Urteil verkündet: Du bist von allen Vorwürfen freigesprochen. Du hast gegen kein einziges Gesetz verstoßen und Jia ist der Überzeugung, dass du durch die jetzige Situation schon genug gestraft bist.«

Isabelle atmete hörbar aus und lächelte. Einen Moment lang brach ein Anflug von Erleichterung die dicke Eisschicht auf, die Clary zu erdrücken drohte. Man würde sie nicht bestrafen – sie nicht in der Stadt der Stille einkerkern, einem Ort, von dem aus sie Jace nicht helfen konnte. Luke, der als Repräsentant der Werwölfe bei der Urteilsverkündung dabei gewesen war, hatte versprochen, Jocelyn sofort nach dem Ende der Ratssitzung anzurufen, doch Clary griff trotzdem nach ihrem Handy; die Aussicht darauf, ihrer Mutter zur Abwechslung einmal gute Nachrichten überbringen zu können, war einfach zu verlockend.

»Clary«, sagte Alec in dem Augenblick, als sie ihr Telefon aufklappte. »Warte.«

Erstaunt schaute Clary ihn an: Sein Gesichtsausdruck war noch immer so ernst wie der eines Leichenbestatters. Plötzlich wurde sie von einer bösen Vorahnung gepackt und legte ihr Handy auf das Bett. »Alec – was ist los?«, fragte sie leise.

»Nicht deinetwegen hat der Rat so lange getagt«, setzte Alec an. »Es gab noch etwas anderes zu besprechen.«

Das eisige Gefühl kehrte schlagartig zurück. Clary zitterte. »Jace?«

»Nicht direkt.« Alec beugte sich vor und umfasste die Stuhllehne mit beiden Händen. »In den frühen Morgenstunden ist ein Bericht aus dem Moskauer Institut eingetroffen. Die Schutzschilde über der Wrangelinsel sind gestern zerstört worden. Inzwischen hat man zwar einen Reparaturtrupp losgeschickt, aber die Tatsache, dass so wichtige Schutzschilde so lange außer Wirkung gesetzt waren… na ja, das hat jetzt für den Rat oberste Priorität.«

Die Schutzschilde waren von der ersten Schattenjägergeneration errichtet worden. Wie Clary aus dem Codex wusste, umgaben sie die Erde wie eine Art magisches Abwehrsystem. Zwar gelang es manchen Dämonen, diese Schranken zu durchbrechen, aber nur mit erheblichem Aufwand, sodass die große Mehrheit dieser Höllenwesen ferngehalten und die Welt dadurch vor einer gewaltigen Dämoneninvasion bewahrt wurde. Clary erinnerte sich an Jace’ Worte, als er ihr vor einer gefühlten Ewigkeit erklärt hatte: Früher gab es nur kleine Invasionen von Dämonen, mit denen man leicht fertig werden konnte. Aber allein seit dem Jahr meiner Geburt sind mehr Dämonen durch die Schranken gedrungen als in allen Jahren davor zusammengenommen.

»Okay, das ist übel«, räumte Clary ein. »Aber ich wüsste nicht, was das mit Jace zu tun hat…«

»Der Rat setzt seine eigenen Prioritäten«, unterbrach Alec sie. »Während der vergangenen zwei Wochen hatte die Suche nach Jace und Sebastian absoluten Vorrang. Aber inzwischen hat man jeden Winkel der Schattenwelt durchkämmt, ohne auch nur eine Spur von ihnen zu finden. Keine von Magnus’ Ortungsbemühungen hat etwas ergeben. Elodie, die Frau, bei der der echte Sebastian Verlac aufgewachsen ist, hat bestätigt, dass niemand versucht hat, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Das war ohnehin ziemlich weit hergeholt. Auch von den bekannten Mitgliedern aus Valentins ehemaligem Kreis wurden keine ungewöhnlichen Aktivitäten berichtet. Und die Stillen Brüder haben noch nicht herausfinden können, was das Ritual, das Lilith vollzogen hat, genau bewirken sollte und ob es überhaupt erfolgreich war. Man nimmt allgemein an, dass Sebastian – den die Ratsmitglieder natürlich bei seinem richtigen Namen, Jonathan, nennen – Jace entführt hat, aber das ist uns ja nicht neu.«

»Und was jetzt?«, fragte Isabelle. »Bedeutet das, dass die Suchtrupps verstärkt werden? Mehr Patrouillen durchgeführt werden?«

Alec schüttelte den Kopf. »Die Ratsmitglieder haben nicht davon gesprochen, die Suche zu intensivieren«, sagte er leise. »Im Gegenteil: Sie stufen die Priorität herunter. Inzwischen sind zwei Wochen verstrichen, ohne Ergebnis. Die Spezialeinheiten, die extra aus Idris angereist sind, kehren nach Hause zurück. Das Problem mit den Schutzschilden hat jetzt Vorrang. Ganz zu schweigen davon, dass der Rat sich derzeit in schwierigen Verhandlungen befindet, die Gesetze für die Neuzusammensetzung der Kongregation überarbeiten, neben dem neuen Konsul auch einen neuen Inquisitor ernennen und die ungleiche Behandlung von Schattenweltlern beenden muss… Von diesen Aufgaben will man sich nicht komplett ablenken lassen.«

Clary starrte Alec an. »Sie wollen nicht, dass Jace’ Verschwinden ihren Zeitplan zur Überarbeitung irgendwelcher dämlicher alter Gesetze durcheinanderwirft? Das heißt, sie geben auf?«

»Nein, so kann man das nicht sagen…«

»Alec«, stieß Isabelle scharf hervor.

Ihr Bruder holte tief Luft und schlug resigniert die Hände vors Gesicht. Er hatte lange Finger, die voller Narben waren, genau wie Jace, dachte Clary. Das augenförmige Runenmal aller Nephilim leuchtete auf dem Rücken seiner rechten Hand. »Clary, für dich – für uns – ging es bei dieser Suche immer um Jace. Der Rat interessiert sich natürlich auch für Jace, aber vorrangig für Sebastian. Denn er stellt die Gefahr dar. Er hat die Schutzschilde von Alicante zerstört. Er ist ein Massenmörder. Jace ist…«

»Nur ein weiterer Schattenjäger«, fiel ihm Isabelle ins Wort. »Wir sterben und verschwinden ständig.«

»Selbstverständlich ist man ihm für seine heldenhaften Taten in der Großen Schlacht dankbar«, räumte Alec ein. »Aber letztendlich hat der Rat keinen Zweifel gelassen: Die Suche wird zwar nicht eingestellt, aber auch nicht mehr so intensiv vorangetrieben. Das Ganze ist eine Geduldsprobe. Man wartet darauf, dass Sebastian den nächsten Schritt macht. In der Zwischenzeit steht die Suche nach Jace nur noch an dritter Stelle auf der Prioritätenliste. Wenn überhaupt. Man erwartet von uns, dass wir unser normales Leben wieder aufnehmen.«

Normales Leben? Clary konnte es einfach nicht glauben. Ein normales Leben ohne Jace?

»Genau dasselbe wurde uns auch nach Max’ Tod geraten«, bemerkte Izzy mit erstickter Stimme, während ihre schwarzen Augen vor Zorn brannten. »Man hat uns erzählt, dass wir den Kummer schneller hinter uns lassen könnten, wenn wir unser normales Leben wieder aufnehmen würden.«

»Das soll angeblich helfen«, murmelte Alec hinter seinen Fingern.

»Dann erzähl das mal Dad. Ist er überhaupt aus Idris angereist, um an der Sitzung teilzunehmen?«

Alec schüttelte den Kopf und nahm die Hände herunter. »Nein. Falls es euch irgendwie ein Trost ist… während der Sitzung haben sich eine Menge Leute für die Fortsetzung der Suche starkgemacht: Magnus, Luke natürlich, Konsulin Penhallow, sogar Bruder Zachariah. Aber letztendlich konnten sie nichts ausrichten.«

Ruhig musterte Clary den jungen Schattenjäger. »Alec, spürst du denn gar nichts?«, fragte sie.

Alecs Augen verdunkelten sich und für einen Moment erinnerte Clary sich an den Jungen, der sie bei ihrer Ankunft im Institut gehasst hatte – der Junge mit den abgekauten Nägeln und dem löchrigen Pullover und dem superempfindlichen Ego. »Ich weiß, dass dich die Sache ziemlich mitnimmt, Clary«, erwiderte er scharf, »aber wenn du damit andeuten willst, dass Izzy und ich uns weniger um Jace sorgen als du…«

»Nein, natürlich nicht«, versicherte Clary hastig. »Ich meinte eigentlich eure Parabatai-Verbindung. Im Codex hab ich vor Kurzem von dieser Zeremonie gelesen und weiß, dass die beiden Parabatai dadurch auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Du kannst bestimmte Dinge von Jace wahrnehmen. Dinge, die euch im Kampf helfen. Daher dachte ich… na ja, kannst du vielleicht fühlen, ob Jace noch lebt?«

»Clary.« Isabelle klang besorgt. »Ich dachte, du wolltest nicht…«

»Er lebt«, sagte Alec vorsichtig. »Glaubst du, ich wäre noch derart handlungsfähig, wenn Jace nicht mehr leben würde? Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, etwas läuft total schief. Das kann ich spüren. Aber er atmet zumindest noch.«

»Könnte es sich bei dem, was du als ›schieflaufen‹ bezeichnest, vielleicht darum handeln, dass er irgendwo gefangen gehalten wird?«, fragte Clary bedrückt.

Nachdenklich schaute Alec zum Fenster, gegen dessen Scheibe graue Regenschwaden klatschten. »Möglicherweise. Ich kann es nicht erklären. Etwas Vergleichbares hab ich noch nie gefühlt.«

»Aber Jace lebt.«

Alec blickte Clary direkt in die Augen. »Da bin ich mir absolut sicher.«

»Dann pfeif auf den Rat. Wir werden Jace auf eigene Faust finden«, verkündete Clary.

»Clary… wenn das möglich wäre… meinst du nicht, dass wir dann längst…«, setzte Alec an.

»Bisher haben wir nur das getan, was der Rat von uns verlangt hat«, warf Isabelle ein. »Patrouillen, Suchtrupps. Aber es gibt noch andere Mittel und Wege.«

»Wege, die gegen das Gesetz verstoßen, meinst du wohl«, erwiderte Alec zögerlich.

Clary hoffte, er würde jetzt nicht den Schattenjäger-Wahlspruch zitieren: Dura lex sed lex – das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz. Das würde sie jetzt nicht ertragen können. »Die Elbenkönigin hat angeboten, mir einen Gefallen zu tun«, sagte sie rasch. »Bei der Siegesfeier in Idris.« Die Erinnerung an jene Nacht, in der sie so glücklich gewesen war, versetzte ihr einen Stich ins Herz, und sie brauchte einen Augenblick, um wieder zu Atem zu kommen. »Und sie hat mir einen Weg gezeigt, um mit ihr Kontakt aufzunehmen.«

»Die Königin des Lichten Volkes macht keine Geschenke.«

»Das weiß ich. Was auch immer sie im Gegenzug verlangt, ich werde es auf mich nehmen.« Clary erinnerte sich wieder an die Worte der Elfe, die ihr die Silberglocke überreicht hatte. Du würdest alles tun, um ihm zu helfen. Ganz gleich, was es dich kosten würde, ganz gleich, was du dem Himmel oder der Hölle dafür schulden würdest, habe ich recht? »Ich möchte nur, dass einer von euch mich begleitet. Ich bin nicht besonders gut darin, diese Feensprache immer richtig zu treffen. Dadurch kann der mögliche Schaden zumindest begrenzt werden. Aber wenn die Königin irgendetwas tun kann…«

»Ich komme mit«, sagte Isabelle sofort.

Alec warf seiner Schwester einen finsteren Blick zu. »Wir haben bereits mit dem Lichten Volk gesprochen. Der Rat hat die Feenwesen intensiv befragt. Und sie können ja nicht lügen.«

»Der Rat hat sie gefragt, ob sie wüssten, wo Jace und Sebastian sind, aber nicht, ob sie bereit wären, nach ihnen zu suchen«, entgegnete Clary. »Die Elbenkönigin wusste von meinem Vater, wusste von dem Engel, den er herbeigerufen und gefangen gehalten hatte, und sie kannte die Wahrheit über mein Blut und das von Jace. Ich denke, in dieser Welt passieren nur wenige Dinge, über die sie nicht genau Bescheid weiß.«

»Das stimmt«, bestätigte Isabelle mit zunehmender Begeisterung in der Stimme. »Du weißt doch, dass man den Feenwesen die richtigen Fragen stellen muss, um irgendwelche nützlichen Informationen aus ihnen herauszukriegen, Alec. Sie lassen sich nur schwer verhören, selbst wenn sie verpflichtet sind, die Wahrheit zu sagen. Aber ein Gefallen, den sie von sich aus anbieten, ist etwas vollkommen anderes.«

»Dafür ist das damit verbundene Risiko völlig unkalkulierbar«, erwiderte Alec. »Wenn Jace wüsste, dass ich Clary erlaube, die Elbenkönigin aufzusuchen, dann würde er…«

»Das ist mir egal«, unterbrach Clary ihn. »Jace würde für mich dasselbe tun. Versuch mir nicht zu erzählen, dass das nicht stimmt. Wenn ich verschwunden wäre…«

»Würde er die ganze Welt in Schutt und Asche legen, um dich aus den Trümmern ausgraben zu können. Ich weiß«, räumte Alec leicht erschöpft ein. »Glaubt ihr wirklich, ich würde das nicht auch wollen? Ich versuche doch nur…«

»Wie ein älterer Bruder zu handeln«, ergänzte Isabelle. »Ich versteh schon.«

Einen Moment lang sah Alec aus, als müsste er um seine Fassung ringen. »Wenn dir etwas zustoßen würde, Isabelle – nach dem, was mit Max passiert ist, und nun Jace…«

Izzy sprang auf, durchquerte den Raum und schlang die Arme um Alec. Ihre dunklen Haare, die exakt denselben Farbton besaßen, schoben sich ineinander, als Isabelle ihrem Bruder etwas ins Ohr flüsterte.

Mit einem leichten Anflug von Neid beobachtete Clary die beiden. Sie hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Jetzt hatte sie einen: Sebastian. Es schien, als hätte sie sich einen Welpen zu Weihnachten erhofft und wäre stattdessen mit einem Höllenhund überrascht worden. Sie sah zu, wie Alec seiner Schwester liebevoll durch die Haare fuhr, dann nickte und sie losließ.

»Wir gehen gemeinsam«, verkündete er. »Aber ich muss wenigstens Magnus erzählen, was wir vorhaben. Alles andere wäre nicht fair.«

»Du kannst mein Handy benutzen«, sagte Isabelle und streckte ihm das zerbeulte pinkrosa Mobiltelefon entgegen.

Doch Alec schüttelte den Kopf. »Er wartet unten, zusammen mit den anderen. Du wirst Luke ebenfalls irgendeine Ausrede auftischen müssen, Clary. Denn ich bin mir sicher, er erwartet, dass du ihn nach Hause begleitest. Außerdem meinte er, dass es deiner Mutter wegen dieser ganzen Geschichte ziemlich mies geht.«

»Sie gibt sich die Schuld an Sebastians Existenz.« Clary stand auf. »Auch wenn sie die ganze Zeit gedacht hat, er wäre tot.«

»Das ist doch nicht ihr Fehler.« Isabelle nahm die goldene Peitsche vom Wandhaken und wickelte sie um ihr Handgelenk, sodass sie wie eine Reihe glänzender Armbänder wirkte. »Und es macht ihr doch auch niemand einen Vorwurf.«

»Das spielt keine Rolle«, wandte Alec ein. »Nicht, wenn man sich selbst die Schuld gibt.«

Schweigend machten die drei sich auf den Weg durch die Gänge des Instituts, in dem es untypischerweise von Schattenjägern nur so wimmelte. Einige der Nephilim gehörten den Spezialeinheiten an, die Idris zur Unterstützung in diesem Fall entsandt hatte. Aber niemand von ihnen schenkte Isabelle, Alec oder Clary besondere Beachtung. Anfangs hatte Clary das Gefühl gehabt, man würde sie von allen Seiten anstarren, und geflüsterte Bemerkungen wie »Valentins Tochter« hatten sie beinahe dazu gebracht, nicht mehr ins Institut zu kommen. Doch inzwischen hatte sie oft genug vor dem Rat ausgesagt, dass ihr Anblick für die meisten Schattenjäger nichts Besonderes mehr war.

Der Aufzug brachte sie hinunter in das Mittelschiff des Instituts, das mit Elbenlichtfackeln und Wachskerzen hell erleuchtet war. Zahlreiche Ratsmitglieder und ihre Familien standen in den Gängen und unterhielten sich. Luke und Magnus saßen in einer der Kirchenbänke, in ein Gespräch vertieft. Daneben entdeckte Clary eine groß gewachsene Frau mit blauen Augen, die genau wie Luke aussah. Ihre eigentlich grauen Haare waren braun gefärbt und lockig, doch Clary erkannte sie trotzdem wieder: Lukes Schwester Amatis.

Als Magnus Alec erblickte, stand er auf und ging zu ihm hinüber; Izzy schien eine Bekannte in einer der anderen Bänke zu erspähen und marschierte direkt auf sie zu – wie üblich, ohne irgendjemandem zu erzählen, was sie vorhatte. Clary schlenderte hinüber zu Luke und Amatis; beide wirkten sehr erschöpft und Amatis klopfte ihrem Bruder mitfühlend auf die Schulter. Luke umarmte Clary und auch Amatis gratulierte ihr zu ihrem Freispruch, woraufhin sie stumm nickte. Sie fühlte sich wie betäubt, als wäre sie gar nicht richtig anwesend, und reagierte mehr oder weniger auf Autopilot.

Aus dem Augenwinkel sah sie Magnus und Alec. Die beiden unterhielten sich, die Köpfe dich beieinander – so wie Clary es auch schon bei anderen Paaren beobachtet hatte: einander eng zugewandt, allein in ihrem eigenen, kleinen Universum. Obwohl Clary sich freute, die beiden glücklich zu sehen, schmerzte sie der Anblick. Und sie fragte sich, ob sie selbst etwas Ähnliches jemals wieder erleben würde oder es überhaupt erleben wollte. Unwillkürlich musste sie an Jace’ Worte denken: Aber ich will niemand anderen außer dir. Ich will noch nicht mal jemand anderen als dich wollen.

»Erde an Clary«, bemerkte Luke in dem Moment. »Sollen wir nach Hause fahren? Deine Mutter will dich unbedingt sehen und sie möchte sich bestimmt gern noch in Ruhe mit Amatis unterhalten, ehe sie morgen nach Idris zurückkehrt. Ich dachte, wir könnten zusammen eine Kleinigkeit essen gehen. Du darfst das Restaurant auswählen«, sagte er und versuchte dabei, die Sorge in seiner Stimme zu überspielen.

Doch Clary konnte sie trotzdem hören. Sie hatte in letzter Zeit nicht viel gegessen und ihre Kleidung hing ihr allmählich ziemlich locker von den Schultern. »Mir ist eigentlich nicht nach Feiern zumute«, stellte sie fest. »Jedenfalls nicht, solange der Rat die Suche nach Jace als weniger wichtig eingestuft hat.«

»Clary, das bedeutet nicht, dass die Suche vollkommen eingestellt würde«, erklärte Luke.

»Ich weiß. Es ist nur so… wie in diesen Berichterstattungen, in denen davon geredet wird, dass die ›Such- und Rettungsaktion‹ jetzt nur noch eine Leichensuche ist. Genau so klingt es jedenfalls.« Clary musste schlucken. »Na jedenfalls habe ich sowieso daran gedacht, mit Isabelle und Alec zu Taki’s zu gehen und da was zu essen«, sagte sie. »Einfach… was ganz Normales machen.«

Amatis spähte in Richtung Tür. »Draußen regnet es ziemlich heftig.«

Clary spürte, wie sich ihr Mund zu einem Lächeln verzog. Und sie fragte sich, ob dieses Lächeln wohl genauso falsch wirkte, wie es sich anfühlte. »Mir passiert schon nichts. Ich bin ja nicht aus Zucker.«

»Aber versprich mir, dass du auch wirklich etwas isst«, verlangte Luke und drückte ihr etwas Geld in die Hand, sichtlich erleichtert, dass sie etwas Normales unternehmen und mit ihren Freunden essen gehen wollte.

»Okay.« Trotz eines Anflugs von schlechtem Gewissen gelang es Clary, ihm ein wenigstens halbwegs aufrichtiges Lächeln zu schenken, ehe sie sich auf den Weg machte.

Magnus und Alec standen nicht mehr dort, wo sie sich kurz zuvor noch unterhalten hatten. Fragend schaute Clary sich um und entdeckte schließlich Izzys vertrauten schwarzen Haarschopf in der Menge. Die junge Schattenjägerin lehnte an der großen Doppelflügeltür des Instituts und sprach mit jemandem, den Clary nicht sehen konnte. Als sie näher kam, erkannte sie plötzlich und mit einem leichten Schreck ein Gesicht in der Gruppe rund um Isabelle: Aline Penhallow, deren glänzende schwarze Haare zu einer modischen, schulterlangen Frisur geschnitten waren. Neben Aline stand ein schlankes Mädchen mit platinblonden Ringellocken; sie hatte sie nach hinten gebunden, wodurch ihre leicht spitzen Ohren zum Vorschein kamen. Das Mädchen trug die Ratsrobe und Clary bemerkte, dass ihre Augen einen strahlenden, ungewöhnlichen Blaugrünton besaßen – eine Farbe, die in Clary zum ersten Mal seit zwei Wochen den Wunsch weckte, ihre Zeichenstifte hervorzuholen.

»Muss doch irgendwie merkwürdig sein, dass deine Mutter die neue Konsulin ist«, sagte Isabelle gerade zu Aline, als Clary sich zu ihnen gesellte. »Nicht, dass Jia schlechter wäre als… Hey, Clary. Aline, du erinnerst dich doch an Clary, oder?«

Die beiden Mädchen nickten sich zu. Clary hatte Aline mal beim Knutschen mit Jace überrascht. Damals war dieser Anblick einfach schrecklich gewesen, doch nun versetzte ihr die Erinnerung daran keinen Stich mehr. Denn inzwischen hatte Clary einen Punkt erreicht, an dem sie erleichtert gewesen wäre, wenn sie Jace bei einem Kuss mit einer anderen ertappt hätte – schließlich würde das bedeuten, dass er noch lebte.

»Und das hier ist Helen Blackthorn, Alines Freundin«, fügte Isabelle übertrieben betont hinzu.

Verärgert warf Clary ihr einen Blick zu. Hielt Isabelle sie etwa für bescheuert? Außerdem erinnerte sie sich daran, dass Aline ihr erzählt hatte, sie habe Jace nur versuchsweise geküsst, als eine Art Experiment, um herauszufinden, welche Sorte von Jungs ihr Typ war. Offenbar gar keiner.

»Helens Familie leitet das Institut in Los Angeles. Helen, das ist Clary Fray«, fuhr Isabelle fort.

»Valentins Tochter«, sagte Helen und betrachtete Clary überrascht und ein wenig beeindruckt.

Clary zuckte zusammen. »Ich versuche, nicht allzu oft darüber nachzudenken.«

»’tschuldigung. Ich versteh schon, warum du das nicht willst«, erwiderte Helen und errötete, wobei ihre sehr helle, fast schon perlmuttartig schimmernde Haut einen leichten Rosaton annahm. »Ich habe mich übrigens dafür ausgesprochen, dass die Suche nach Jace weiterhin oberste Priorität hat. Tut mir leid, dass wir überstimmt wurden.«

»Danke«, sagte Clary. Da sie nicht länger über dieses Thema sprechen wollte, wandte sie sich an Aline und meinte: »Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung deiner Mutter. Das muss doch toll sein, dass sie jetzt die neue Konsulin ist.«

Aline zuckte die Achseln. »Sie ist jetzt noch viel mehr unterwegs als sonst.« Dann wandte sie sich an Isabelle: »Hast du gewusst, dass dein Dad sich für den Posten des Inquisitors beworben hat?«

Clary spürte, wie Isabelle neben ihr erstarrte.

»Nein. Nein, das hab ich nicht gewusst.«

»Ich war auch überrascht«, fuhr Aline fort. »Ich dachte, sein Herz hinge an der Leitung des hiesigen Instituts…« Plötzlich verstummte Aline, schaute an Clary vorbei und meinte dann: »Helen, ich glaub, dein Bruder versucht gerade, den größten Wachsflecken der Welt zu fabrizieren. Wahrscheinlich solltest du besser eingreifen.«

Helen schnaubte genervt, murmelte irgendetwas über zwölfjährige Jungs und verschwand in dem Augenblick in der Menge, als Alec sich einen Weg zu ihnen bahnte und Aline zur Begrüßung herzlich umarmte. Manchmal vergaß Clary, dass die Penhallows und die Lightwoods sich schon seit Jahren kannten…

»War das gerade deine Freundin?«, fragte Alec und schaute Helen nach.

Aline nickte. »Ja, Helen Blackthorn.«

»Ich hab gehört, dass durch die Adern ihrer Familie Feenblut fließen soll«, sagte Alec.

Ah, dachte Clary, das erklärt die spitzen Ohren. Das Blut der Nephilim war zwar dominant, sodass das Kind eines Feenwesens und eines Schattenjägers auf jeden Fall auch ein Nephilim wurde, aber manchmal schlug das Feenblut eben doch durch und machte sich noch Generationen später auf eigentümliche Weise bemerkbar.

»Ja, ein wenig«, bestätigte Aline. »Hör mal, Alec, ich möchte mich bei dir bedanken.«

Verwundert schaute Alec sie an. »Wofür?«

»Für das, was du in der Halle des Abkommens getan hast: Magnus in aller Öffentlichkeit zu küssen«, erklärte Aline. »Das hat mir den nötigen Anstoß gegeben, es meinen Eltern zu erzählen… ich meine, mich zu outen. Und wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich danach vermutlich nicht in der Lage gewesen, Helen anzusprechen, als ich sie das erste Mal traf… ich hätte einfach nicht den Mut dazu gehabt.«

»Ach ja?« Alec wirkte verblüfft, als hätte er nie darüber nachgedacht, welche Auswirkungen seine Handlungen auf andere Menschen haben konnten – Menschen, die nicht zu seinem engsten Familienkreis gehörten. »Und deine Eltern… wie haben sie darauf reagiert?«

Aline rollte mit den Augen. »Sie ignorieren es. Als wäre es nur eine Phase, die vorübergeht, wenn man nicht darüber spricht.«

Clary erinnerte sich daran, was Isabelle über die Haltung des Rats zur Homosexualität gesagt hatte: Wenn jemand schwul ist, dann wird nicht darüber gesprochen.

»Aber es könnte schlimmer sein«, fügte Aline hinzu.

»Definitiv«, bestätigte Alec mit einem so bitteren Ton in der Stimme, dass Clary ihn erstaunt musterte.

Aline schaute ihn an und lächelte verständnisvoll. »Das tut mir leid – wenn deine Eltern nicht…«

»Sie haben kein Problem damit«, warf Isabelle etwas zu scharf ein.

»Na ja, wie dem auch sei. Ich hätte gar nicht davon anfangen sollen. Jedenfalls nicht jetzt, wo Jace verschwunden ist. Ihr macht euch bestimmt furchtbare Sorgen.« Aline holte tief Luft. »Ich bin mir sicher, dass ihr schon die dämlichsten Dinge über ihn zu hören bekommen habt – so wie die Leute nun mal reden, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich… ich wollte euch nur schnell was erzählen.« Ungeduldig wich sie einem vorbeischlendernden Ratsmitglied aus und trat näher an die Lightwood-Geschwister und Clary heran. »Alec, Izzy…«, setzte sie mit gesenkter Stimme an, »ich erinnere mich noch gut an einen eurer Ferienaufenthalte in Idris, als ihr uns besucht habt. Ich war dreizehn und Jace war… ich glaub, er war zwölf. Damals wollte er unbedingt in den Brocelind-Wald, also haben wir uns ein paar Pferde geliehen und sind losgeritten. Und natürlich haben wir uns total verirrt. Dieses Gebiet ist schließlich nicht umsonst für sein undurchdringliches Dickicht berüchtigt. Jedenfalls wurde es immer dunkler und der Wald immer dichter und ich immer ängstlicher. Ich dachte, wir müssten dort sterben. Aber Jace hatte nicht die geringste Angst. Für ihn bestand überhaupt kein Zweifel daran, dass wir wieder aus dem Wald hinausfinden würden. Es hat zwar Stunden gedauert, aber letztendlich hat er es geschafft: Er hat uns da rausgelotst. Ich war ihm total dankbar, aber er hat mich nur angesehen, als hätte ich den Verstand verloren. Für ihn war es selbstverständlich, dass er einen Weg aus dem Wald finden würde. Etwas anderes kam gar nicht infrage. Ich will damit nur sagen: Er wird einen Weg zu euch zurück finden. Ich weiß es einfach.«

Clary konnte sich nicht erinnern, dass Izzy in ihrer Gegenwart jemals geweint hätte, und sie gab sich auch jetzt alle Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Aber ihre Augen glänzten verdächtig. Und auch Alec schaute auf seine Schuhe. Plötzlich spürte Clary, wie eine Woge aus Kummer und Leid sie zu überwältigen drohte, doch sie unterdrückte sie mit aller Macht. Sie durfte jetzt nicht an Jace denken, wie er sich als Zwölfjähriger im dunklen Wald verirrt hatte, weil sie sonst daran denken musste, wo er sich jetzt wohl befand – irgendwo eingesperrt, allein in der Dunkelheit, wartend, dass sie zu ihm kam und ihm half… Sobald sie darüber nachdachte, würde sie komplett zusammenbrechen. »Danke, Aline«, presste sie stattdessen hervor, da weder Isabelle noch Alec in der Lage waren zu sprechen. »Danke.«

Das Mädchen schenkte ihr ein schüchternes Lächeln. »Ich bin sicher, er findet zurück.«

»Aline!«, rief Helen in dem Moment und zog mit festem Griff einen Jungen hinter sich her, dessen Hände mit blauem Wachs verschmiert waren. Er hatte wohl mit den Kerzen in den riesigen Ständern herumgespielt, die die Seitengänge des Kirchenschiffs erhellten. Dem Aussehen nach musste er um die zwölf Jahre alt sein; ein lausbübisches Grinsen lag auf seinem kleinen Gesicht und seine Augen funkelten schelmisch. Derselbe aufsehenerregende Blaugrünton wie bei seiner Schwester, dachte Clary, allerdings besaß er dunkelbraune Haare. »Ich glaube, wir sollten uns besser auf den Weg machen, ehe Jules noch das gesamte Institut verwüstet. Ganz zu schweigen davon, dass ich keine Ahnung habe, wo Tibs und Livvy stecken könnten.«

»Sie sind dahinten und essen Wachs«, erklärte der Junge – Jules – hilfsbereit.

»Oh Gott«, stöhnte Helen und schaute dann entschuldigend in die Runde. »Tut mir leid. Aber ich bin die Zweitälteste von uns und hab noch sechs jüngere Geschwister. Bei uns geht es immer zu wie in einem Zoo.«

Jules betrachtete Alec, dann Isabelle und schließlich Clary. »Wie viele Brüder und Schwestern habt ihr denn?«, fragte er.

Helen erbleichte. Doch Isabelle erklärte mit bemerkenswert ruhiger Stimme: »Wir sind zu dritt.«

Mit großen Augen musterte Jules Clary und meinte dann: »Du siehst den anderen gar nicht ähnlich.«

»Wir sind auch nicht miteinander verwandt«, sagte Clary. »Ich hab keine Geschwister.«

»Keinen einzigen Bruder oder Schwester?« Jules klang ziemlich erstaunt, als hätte Clary ihm gerade erzählt, sie besäße Schwimmhäute zwischen den Zehen. »Bist du deshalb so traurig?«

Clary musste an Sebastian denken, mit den weißblonden Haaren und den schwarzen Augen. Schön wär’s, dachte sie. Wenn ich doch nur keinen Bruder hätte, denn dann wäre all das hier nicht passiert. Ein heißer Anflug von Hass jagte durch ihren Körper und wärmte ihr eisiges Blut. »Ja«, bestätigte sie leise, »deshalb bin ich so traurig.«

2 Dornen

Simon wartete vor dem Institut auf Clary, Alec und Isabelle. Er stand unter einem Mauervorsprung, der ihn notdürftig vor dem schlimmsten Regen abschirmte, und drehte sich um, als die drei das Gebäude verließen. Clary sah, dass die dunklen Haare ihm vor lauter Nässe an Hals und Nacken klebten. Mit einer ungeduldigen Handbewegung schob er sie zur Seite und schaute Clary fragend an.

»Ich bin von allen Vorwürfen freigesprochen«, erklärte sie, doch als sich ein Lächeln auf Simons Gesicht ausbreitete, schüttelte sie den Kopf. »Aber die Suche nach Jace hat nicht mehr oberste Priorität. Ich… bin mir sicher, dass der Rat ihn für tot hält.«

Kopfschüttelnd senkte Simon die Augen und blickte auf seine nasse Jeans und das T-Shirt, ein zerknittertes graues Ringershirt mit farblich abgesetztem Kragen und der Aufschrift clearly i have made some bad decisions. »Tut mir echt leid«, meinte er mitfühlend.

»So ist der Rat nun mal«, erklärte Isabelle. »Vermutlich hätten wir nichts anderes erwarten dürfen.«

»Basia coquum«, sagte Simon. »Oder wie auch immer dieses Nephilim-Motto heißt.«

»Unser Motto lautet: Facilis descensus Averni – ›der Abstieg zur Hölle ist leicht‹«, berichtigte Alec ihn. »Und du hast gerade gesagt: ›Küss den Koch.‹«

»Verdammt«, stieß Simon hervor. »Ich hab doch gewusst, dass Jace mich verarscht.« Als ihm seine feuchten dunklen Haare erneut in die Augen fielen, schob er sie ein weiteres Mal so ungeduldig zurück, dass Clary einen kurzen Blick auf das silbern schimmernde Kainsmal auf seiner Stirn werfen konnte. »Und was machen wir jetzt?«, fragte er.

»Jetzt besuchen wir die Königin des Lichten Volkes«, verkündete Clary. Sie berührte die Glocke an ihrer Halskette, während sie Simon rasch von der Elfe Kaelie erzählte, die an Lukes und Jocelyns Polterabend zu ihr gekommen war und ihr die Hilfe der Elbenkönigin angeboten hatte.

Simon musterte sie skeptisch. »Das ist doch diese arrogante rothaarige Dame, die dich gezwungen hat, Jace zu küssen, oder? Ich mag sie nicht.«

»Ist das alles, woran du dich im Zusammenhang mit der Königin erinnerst? Dass sie Clary dazu gebracht hat, mit Jace zu knutschen?«, meinte Isabelle aufgebracht. »Die Königin des Lichten Volkes ist gefährlich. Damals hat sie sich mit uns nur ein wenig amüsiert. Normalerweise treibt sie schon vor dem Frühstück wenigstens eine Handvoll Menschen in den Wahnsinn.«

»Ich bin kein Mensch«, sagte Simon. »Nicht mehr.« Er warf Isabelle einen kurzen Blick zu, schaute dann rasch zu Boden und wandte sich anschließend an Clary: »Möchtest du, dass ich mitkomme?«

»Ich denke, es wäre gut, dich dabeizuhaben. Tageslichtler, Kainsmal – mit manchen Dingen müsste selbst die Elbenkönigin zu beeindrucken sein.«

»Ich würde nicht darauf wetten«, bemerkte Alec.

Clary schaute an ihm vorbei und fragte: »Wo ist Magnus?«

»Er meinte, es sei wohl besser, wenn er uns nicht begleitet. Anscheinend verbindet ihn und die Elbenkönigin eine gemeinsame Geschichte.«

Verwundert zog Isabelle die Augenbrauen hoch.

»Nicht die Art von Geschichte«, erwiderte Alec gereizt. »Eher eine Fehde. Obwohl…«, fügte er leise hinzu, »so wie Magnus vor meiner Zeit herumgekommen ist, würde mich das auch nicht wundern.«

»Alec!« Isabelle blieb abrupt stehen, um mit ihrem Bruder zu reden, während Clary ihren Schirm mit einem Klick aufspringen ließ. Simon hatte ihr den Taschenschirm vor Jahren im Museum of Natural History gekauft und Clary sah ihn grinsen, als er das Dinosauriermuster wiedererkannte.

»Lust auf einen Spaziergang?«, fragte er und bot ihr seinen Arm an.

Der Regen prasselte unablässig vom Himmel und bildete kleine Rinnsale, die sich vor den Gullis stauten und von den Rädern vorbeifahrender Taxis in einem Schwall auf den Gehweg gespritzt wurden. Seltsam, dachte Simon – obwohl er keine Kälte mehr spürte, fühlte sich die völlig durchnässte Kleidung auf seiner Haut noch immer unangenehm an. Vorsichtig warf er einen Blick über die Schulter, zu Alec und Isabelle. Seit die drei aus dem Institut gekommen waren, hatte Isabelle ihm noch nicht richtig in die Augen gesehen, und Simon fragte sich, was sie wohl dachte. Sie schien mit ihrem Bruder viel zu besprechen zu haben, und als sie an der Ecke zur Park Avenue kurz stehen blieben, hörte er, wie sie Alec fragte: »Und, was hältst du jetzt davon? Dass Dad sich für den Posten des Inquisitors beworben hat?«

»Für mich klingt das nach einem ziemlich langweiligen Job.«

Isabelles transparenter Regenschirm war über und über mit bunten Blumen dekoriert – und das mit Abstand Mädchenhafteste, das Simon je an ihr gesehen hatte. Kein Wunder, dass Alec sich nicht bei seiner Schwester unterstellen wollte und sich stattdessen lieber dem Regen aussetzte, dachte er.

»Keine Ahnung, warum Dad auf die Stelle überhaupt scharf sein sollte«, fügte Alec hinzu.

»Es interessiert mich nicht, ob der Job langweilig ist«, zischte Isabelle im Flüsterton. »Wenn er den Posten bekommt, wird er ständig in Idris sein. Die ganze Zeit. Er kann nicht das Institut leiten und als Inquisitor arbeiten. Schließlich kann er nicht zwei Jobs gleichzeitig machen.«

»Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, Izzy: Er ist auch jetzt schon ständig in Idris.«

»Alec…« Der Rest ihrer Worte ging im Straßenlärm unter, als eine Ampel grün wurde und der Verkehr weiterbrauste. Clary versuchte, einer Wasserfontäne auszuweichen, und wäre dabei fast gegen Simon gestoßen, der sie reflexartig an der Hand packte.

»’tschuldigung«, murmelte sie.

Ihre Hand fühlte sich klein und kalt in der seinen an.

»Ich habe gerade nicht aufgepasst«, fügte sie hinzu.

»Ich weiß«, sagte Simon, darum bemüht, nicht allzu besorgt zu klingen. Seit zwei Wochen hatte Clary nun schon »gerade nicht aufgepasst«. Anfangs hatte sie viel geweint und dann war sie wütend geworden – weil sie nicht an der Suche nach Jace teilnehmen durfte und der Rat sie tagelang wieder und wieder befragte. Wie eine Gefangene musste sie zu Hause herumsitzen, solange sie unter Verdacht stand. Doch die meiste Zeit war sie auf sich selbst wütend gewesen, weil ihr beim besten Willen keine Rune einfiel, die bei der Suche helfen konnte. Ganze Nächte saß sie am Schreibtisch, die Stele so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten und Simon schon befürchten musste, Clary würde sie in der Mitte zerbrechen. Sie versuchte, ihren Verstand dazu zu zwingen, ihr irgendein Bild zu liefern mit dem Hinweis, wo Jace sich befand. Doch Nacht für Nacht passierte rein gar nichts.

Sie sah älter aus, überlegte Simon, während sie durch eine Lücke in der Steinmauer an der Fifth Avenue den Central Park betraten. Älter, aber keineswegs schlechter; nur eben ganz anders als das Mädchen, mit dem er damals in den Pandemonium Club gegangen war – an jenem Abend, der alles verändert hatte. Klar war sie in der Zwischenzeit gewachsen, aber das war noch nicht alles: Ihre Miene wirkte ernster, ihr Gang besaß mehr Kraft und Anmut und ihre grünen Augen zuckten weniger hin und her, schauten konzentrierter. Sie entwickelte allmählich immer größere Ähnlichkeit mit Jocelyn, stellte Simon überrascht fest.

In einem Kreis aus leise tropfenden Bäumen blieb Clary stehen; die dichten Zweige schützten vor dem starken Regen und die beiden Mädchen lehnten ihre Schirme gegen einen Baumstamm. Dann nahm Clary die Glocke von der Halskette und hielt sie in ihrer offenen Handfläche. Mit ernstem Gesichtsausdruck schaute sie die anderen der Reihe nach an. »Wenn ich die Glocke läute, gehe ich damit ein großes Risiko ein«, sagte sie, »und ich bin mir sicher, wenn ich das tue, werde ich keinen Rückzieher machen können. Falls also einer von euch nicht mitkommen möchte, ist das vollkommen in Ordnung. Ich verstehe das.«

Simon streckte den Arm aus und legte seine Hand über Clarys. Er brauchte nicht lange nachzudenken: Wo Clary hinging, da ging auch er hin. Sie hatten schon zu vieles gemeinsam durchgestanden, als dass irgendetwas anderes infrage gekommen wäre. Isabelle folgte seinem Beispiel und schließlich auch Alec. Von seinen langen schwarzen Wimpern tropfte der Regen wie Tränen, aber seine Miene wirkte entschlossen. Die vier hielten einander fest an den Händen.

Dann läutete Clary die Silberglocke.

Im nächsten Moment kam es ihr so vor, als würde sich die Welt um sie herum bewegen. Es fühlte sich aber ganz und gar nicht wie die Reise durch ein Portal an – als wäre sie in einen Meeresstrudel geraten –, sondern eher wie eine Fahrt in einem Karussell, das sich immer schneller drehte. Clary wurde schwindlig und sie musste nach Luft schnappen, als die Kreiselbewegung abrupt endete und sie wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Doch Isabelle, Alec und Simon hielten sie noch immer an den Händen.

Die vier Jugendlichen lösten sich voneinander und Clary schaute sich um. Sie war schon einmal hier gewesen, in diesem dunkelbraunen Erdgang, dessen Wände aussahen, als wären sie aus Tigeraugenquarz gemeißelt. Der Boden schimmerte, glatt poliert von kleinen Elbenfüßen, die seit Jahrtausenden diesen Weg gegangen waren. Glitzernde Goldpartikel in den Wänden strahlten Licht aus und am Ende des Gangs hing ein bunter Vorhang, der langsam vor und zurück schwang, als würde er durch einen Luftzug bewegt – obwohl es hier unten nicht den geringsten Windhauch gab. Als Clary näher kam, erkannte sie, dass der Querbehang aus Schmetterlingen genäht war. Manche der Falter lebten noch und ihr Todeskampf ließ den Vorhang leicht flattern.

Clary schluckte den bitteren Geschmack in ihrem Mund hinunter. »Hallo?«, rief sie. »Ist da jemand?«

Im nächsten Moment wurde der Vorhang raschelnd beiseitegeschoben und der Elbenritter Meliorn betrat den Gang. Er trug dieselbe weiße Rüstung wie bei ihrer letzten Begegnung, nun jedoch mit dem gleichen Siegel auf der linken Brust, das auch Lukes Ratsrobe zierte und ihn als Mitglied der Kongregation auswies – dem vierfachen C. Eine frische Narbe schimmerte direkt unterhalb seiner blattgrünen Augen. Kühl musterte er Clary. »Man begrüßt die Königin des Lichten Volkes nicht mit einem barbarischen ›Hallo‹, als würde man einen Bediensteten herbeirufen«, teilte er ihr frostig mit. »Die korrekte Form der Anrede lautet ›Seid gegrüßt‹.«

»Aber wie kann ich sie grüßen, wenn ich nicht einmal weiß, ob sie überhaupt hier ist?«, erwiderte Clary.

Meliorn warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Wenn die Königin nicht anwesend und bereit wäre, dich zu empfangen, hätte das Läuten der Glocke dich nicht hierhergebracht. Und jetzt komm und sag deinen Begleitern, dass sie mir folgen sollen.«

Clary gab den anderen ein Zeichen und tauchte dann hinter Meliorn durch den Vorhang aus gemarterten Schmetterlingen hindurch, wobei sie die Schultern krümmte in der Hoffnung, nicht mit den Falterflügeln in Berührung zu kommen.

Der Reihe nach betraten die vier die Gemächer der Königin. Verwundert schaute Clary sich um: Der Raum sah völlig anders aus als bei ihrem letzten Besuch. Der Boden bestand aus schwarzen und weißen Steinquadern und erinnerte an ein gigantisches Schachbrett, in dessen Mitte die Elbenkönigin auf einem weißen, mit Gold verzierten Diwan ruhte. Ranken mit spitzen Dornen hingen wie Schnüre von der Decke und auf jedem Dorn war ein Irrlicht aufgespießt. Während sie ihr Leben aushauchten, flackerte ihr einst so helles Leuchten kläglich und tauchte den Raum in ein gedämpftes Licht.

Außer Meliorn, der sich direkt neben der Königin postierte, war nicht ein einziger ihrer Höflinge anwesend. Langsam setzte die Elbenkönigin sich auf. Sie war so schön wie eh und je: ihr Kleid ein durchscheinendes Gewebe aus Silber- und Goldfäden, ihr Haar so schimmernd wie glänzendes Kupfer. Lasziv drapierte sie es über ihre weißen Schultern. Clary fragte sich, wozu sie sich überhaupt die Mühe machte: Denn von allen Anwesenden im Raum war Simon der Einzige, den ihre Schönheit möglicherweise berühren konnte, aber er hasste sie aus ganzem Herzen.

»Seid gegrüßt, Nephilim, Tageslichtler«, sagte die Königin und neigte den Kopf in ihre Richtung. »Valentinstochter, was führt dich zu mir?«

Clary öffnete ihre Hand. Die schimmernde Silberglocke wirkte wie ein lebender Vorwurf. »Ihr habt mir durch Eure Dienerin ausrichten lassen, dass ich diese Glocke läuten soll, wenn ich jemals Eure Hilfe brauchen würde.«

»Aber du hast mir doch mitgeteilt, dass du keinen Gefallen von mir benötigen würdest. Weil du bereits alles hättest, was du dir nur wünschen könntest«, entgegnete die Königin.