Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Claimed - Felicity La Forgia

Als Sabine dem dominanten Tizian di Maggio begegnet, findet sie sich schon bald gefangen in seinem Netz aus gepflegter Arroganz und schamlos zur Schau gestellter Überlegenheit. Allerdings sieht es so aus, als habe sie mehr abgebissen, als sie schlucken kann, denn Tizian ist kein Mann für harmlose Spielchen. Seiner dunklen Aura kann Sabine sich ebenso wenig entziehen wie seiner Fähigkeit, ihre Wünsche und Emotionen zu lesen. Sie entdeckt ungeahnte devote Neigungen in sich, und bald merkt sie, dass Tizian nicht grundlos als der Principale gilt. Ihre Beziehung zu ihm reißt sie in einen Strudel aus finstersten Geheimnissen und bringt sie schließlich in Lebensgefahr. Doch Tizian kann sie nur schützen, wenn sie sich ihm bedingungslos unterwirft.

Meinungen über das E-Book Claimed - Felicity La Forgia

E-Book-Leseprobe Claimed - Felicity La Forgia

Claimed

Verhängnisvolle Gier

Felicity la Forgia

Claimed – verhängnisvolle Gier

Felicity la Forgia

© 2015 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864435249

ISBN eBook-PDF: 9783864435256

ISBN eBook-Epub: 9783864435263

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Die Autorinnen

Feuerzauber - Felicity La Forgia

Kapitel 1

Tizian

Es gibt vermutlich kaum einen Mann auf dieser Welt, der im Anzug eine bessere Figur macht als Niccolo Contarini. Ich schwöre, der verdammte Bastard hat bestimmt schon in schwarzem Einreiher an der Brust seiner Mutter genuckelt. Aber selbstverständlich bin ich nicht hier, um einem Kerl auf die fein gefältelte weißseidene Hemdbrust zu starren. Dio Mio, no.

Clara Contarini, geborene Hummel, sieht in figurbetont geschnittenem cremefarbenem Satin und Chiffon, die ihre Milchschokoladenhaut perfekt zur Geltung bringen, einfach spektakulär aus. Dennoch bin ich der Ansicht, dass an diesem Abend hier im Castellino Sciopoli eine andere Frau anwesend ist, die meine Aufmerksamkeit noch mehr verdient als die glückliche Braut. Ich werde sie verführen, das habe ich mir bereits vor Monaten geschworen und mein Entschluss ist seither vielleicht gereift, aber niemals verschwunden. Alles, was ich dazu brauche, ist der passende Moment.

Mit einem Lächeln nehme ich ein Glas Champagner vom Tablett eines livrierten Kellners und begebe mich zur steinernen Balustrade, die den terrassenartigen Balkon des Schlösschens zum Garten hin abgrenzt. Die Lagune liegt weit unter mir, schwarzschillernd unter einem nachtblauen Himmel. Dort, wo fleckenweise orangefarbene und cremeweiße Lichter funkeln und sich im Wasser spiegeln, liegen die unzähligen Inseln, die meine Heimat sind.

Ich bin ein Kind Venedigs. Dies ist meine Stadt. Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich Dinge gelernt und gesehen. Hier habe ich Kontakte geknüpft und Macht aufgebaut, bis ich ein Geschäft erbte, das ich nicht haben wollte. Die Gründe dafür sind vielfältig und nichts, worüber ich an diesem Abend nachdenken will. Es gibt solche, die mich hinter vorgehaltener Hand als König von Venedig bezeichnen. Sie wissen, ich bin der Mann, der in der Lagune die Fäden in der Hand hält. Die meisten Menschen, seien sie Einheimische oder Touristen, bekommen nur die Oberfläche zu Gesicht, das sich sanft kräuselnde Wasser, das gegen die Poller der Anlegestellen für die Gondolas und Wassertaxis plätschert. Niemand weiß, was sich unter der Oberfläche abspielt, in den dunklen, schmutzigen Tiefen der Lagune, wo Männer wie ich unsere Geschäfte abwickeln. Kaum jemand weiß, dass es hier Leute gibt, die mich als König bezeichnen. Ich berichtige diejenigen nie, die das sagen. Auch wenn ich selbst mich nicht als König sehe.

Ich bin der Principale.

Hinter mir kann ich hören, wie die Frau, nach der mein Körper giert, sich mit der Braut unterhält. Ihr helles Lachen schwingt sich in den Himmel, funkelt zusammen mit den blassen Sternen. Wann werde ich sie haben? Heute noch? Sie muss sich mir schenken. Ich nehme mir die Frauen, die ich will, aber nur, wenn sie sich mir freiwillig schenken. Alles andere schmeckt mir nicht. Ich wäre eine lausige Entschuldigung für einen Mann, wenn ich nicht dafür sorgen könnte, dass sie mir aus freien Stücken ihr Handgelenk in die Hand legt, um sich meiner Führung anzuvertrauen. Ich stelle mir den Hunger in ihren Augen vor, vermischt mit ein bisschen Nervosität, und werde hart. Zu lange schon habe ich meine Lust auf sie kultiviert. Aber gut Ding will Weile haben, um genährt zu werden und sich entfalten zu können.

Ich drehe mich um, lehne mich mit der Hüfte gegen die Balustrade und beobachte sie. Mein Blick gleitet über Clara, diese ruhige, elegante Frau mit der dunklen Haut, die in jeder Lebenslage die subtilen und weniger subtilen Zeichen der Unterwerfung durchblicken lässt. Jedenfalls für Männer wie mich, die wissen, worauf sie achten müssen. Neben ihr steht ihre Freundin, die das komplette Gegenteil ist. Als sie lachend mit einem Kellner flirtet, dem das Blut ins Gesicht schießt und der eilig weiterhastet, kneife ich die Augen zusammen. Clara sagt etwas, ich bin zu weit weg und kann es nicht verstehen. Sabine lacht, hinreißend, aber ein bisschen zu laut, macht eine wegwerfende Handbewegung, trinkt in vier großen Schlucken ihr Champagnerglas aus und zwinkert einen der Gäste an. Als der Mittfünfziger mit zurückgehender Haarpracht sich ganz zu ihr umwendet und die Flirtversuche erwidert, knickt sie in der Hüfte ein und zieht einen Schmollmund.

Warum tut sie das?

Ich bin ihr zweimal begegnet. Ich kenne ihre Haut, die zart aussieht, wie Seidentaft, der von einer frischen Brise gehoben und bewegt wird. Lebendig. Sie ist sehr blass, und ich habe mich schon bei unserer ersten Begegnung, lange bevor sie wusste, wen sie vor sich hat, gefragt, welche Farbe diese zarte Haut annehmen wird, wenn sie mir gehört. Wenn ich mit ihrem Körper und ihren Gedanken spiele. Wenn ich ihr jede Möglichkeit nehme, mir auszuweichen. Das war am Tessera Flughafen, in der Kaffeebar, nachdem Clara mich mit Macchiato übergossen hat.

Unser Wiedersehen an der Rezeption des Danieli Hotels hat mir ihre frische, ausgelassene Art und ihr freches Mundwerk gezeigt, ihre Unwilligkeit, klein beizugeben. Ob außer mir noch jemand erkennt, dass das alles Fassade ist? Ich habe ihre Seele gesehen. Das kleine, unsichere Licht tief am Grund ihrer Pupillen. Hat irgendjemand vor mir sie so genau angesehen?

Ich möchte wissen, was sie verbirgt. Warum sie zu laut lacht und verheirateten Männern schöne Augen macht. Wie es wirklich in ihr aussieht. Ich möchte herausfinden, was ihre Dämonen sind, und ich möchte diese Dämonen vertreiben. Ich will mit den Dingen, die ihr das Leben schwer machen, spielen, diese Dinge an die Oberfläche bringen und dann pulverisieren. Zum Dank dafür soll diese Frau vor mir auf den Knien liegen.

Ich wende mich zurück zum Garten und lausche. Ich weiß, wie sie aussieht, ich kenne den Klang ihrer Stimme. Darauf, sie weiter bei ihrem verzweifelten Kampf um die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu beobachten, habe ich keine Lust. Es verärgert mich nur, dass sie es tut. Ich wende ihr und dem Brautpaar den Rücken zu. Vorhin standen wir nebeneinander, denn Sabine und ich waren die Trauzeugen bei der Zeremonie, in der Niccolo und Clara Mann und Frau wurden. Ich habe Sabine nicht angesehen, aber ich habe ihre Blicke auf mir gespürt. Ihr Interesse ist da, zweifellos. Es war schon im Café auf dem Flughafen da, schwirrte noch viel intensiver an der Rezeption des Danieli Hotels zwischen uns. Interesse muss genährt werden. Man nährt es nicht, indem man ihm nachgibt. Interesse nährt man, indem man es ignoriert und damit Neugier weckt. Zudem wollte ich wissen, was passiert, wenn jemand ihr nicht die Aufmerksamkeit schenkt, nach der sie lechzt. Vor allem jemand, den sie so offen und unverblümt will, wie sie mich will. Ich kenne die Zeichen. Ich könnte ihr geben, wonach es sie verlangt, aber damit würde ich es ihr zu leicht machen. Denn das, wonach es sie verlangt, ist nicht das, was sie wirklich braucht.

Es steht außer Frage, dass ich sie besitzen werde. Der Principale nimmt sich, was er haben will. So war es immer und in allen Dingen. Ich werde mit ihr keine Ausnahme machen. Sie wird sich mir schenken. Aber es wird meine Entscheidung sein, wann das geschieht.

„Kommst du?“ Plötzlich steht Niccolo neben mir, dieser Mann, der seit frühester Kindheit einer meiner besten Freunde ist, auch wenn er nie in den Kreisen verkehrte, in denen ich den größten Teil meiner Zeit verbringe. Der letzte echte Freund, der mir geblieben ist.

Ich stelle das leere Champagnerglas auf der steinernen Brüstung ab und wende mich ihm zu. „Sicher.“

Es ist Zeit. Eine Beziehung wie die, die Niccolo mit Clara führt, wird nicht damit zementiert, dass Braut und Bräutigam sich vor einem Priester oder einem Standesbeamten ewige Treue schwören und einander goldene Ringe an die Finger stecken. Eine solche Beziehung wird auf eine andere, viel ursprünglichere Art untermauert. Eine Art, bei der von den hier im Salon des Castellinos anwesenden Gästen nur einige sehr auserwählte dabei sein werden. Denn die meisten von ihnen würden schockiert reagieren, wenn sie Zeuge werden würden von einer Zeremonie, die sie nicht verstehen.

Ich beobachte, wie Clara Sabines Hand ergreift und sie mit sich zieht.

„Sie kommt auch?“, frage ich Niccolo.

Er nickt. „Ihre Entscheidung.“

„Glaubst du, dass das eine gute Idee ist?“ Ich bin fest davon überzeugt, dass es für Sabine vollkommenes Neuland ist, aber vielleicht täusche ich mich auch. Dass ich weiß, was ich kann und was ich will, bedeutet nicht, dass ich unfehlbar bin. Es bedeutet, dass ich beobachte, abwäge und meine Vorgehensweise so anpasse, dass sie mich zum Ziel bringt. Menschen zu lesen, mit denen ich viel Zeit verbringe, ist relativ einfach, aber Menschen zu lesen, denen ich viel zu selten begegne, ist eine Herausforderung, die nicht immer ein korrektes Ergebnis liefert.

„Clara meint, ja.“

„Seit wann richtest du dich danach, was deine Sumisa meint?“ Ich muss grinsen, auch wenn ich tief drinnen die Befürchtung hege, dass Sabine sich die geheime Zeremonie nur ansehen will, um auf dieselbe Weise auf sich aufmerksam zu machen, wie sie es auch auf der Party tut. Andererseits, die Vorstellung, dass die Frau, die mir gehören wird, sich diese Zeremonie ansehen wird, treibt mir Hitze in die Glieder. Es wird meine Aufgabe um ein Vielfaches erleichtern, wenn sie weiß, worauf sie sich einlässt, sobald ich ihre Unterwerfung fordere.

„Vertrauen, mein Freund. Clara kennt Sabine seit vielen Jahren. Ich vertraue auf Claras Einschätzung.“ Er schlägt mir auf die Schulter, lässt seine Hand liegen und zieht mich zu den vier Meter hohen Glastüren, die vom Balkon zurück in den Salon führen. Ich beobachte die beiden Frauen, Clara in ihrem eng geschnittenen Brautkleid, Sabines Beine unter dem zinnoberroten Kleid, das in der Mitte ihrer Oberschenkel endet und ihren Hintern perfekt betont. Ein Effekt, den die hochhackigen strassbesetzten Sandalen noch intensivieren. Ihre platinblonden Locken sind zu einer aufregenden Frisur hochgesteckt, die eine winzige Tätowierung im Nacken durchblitzen lässt. An ihren Ohrläppchen funkeln Glitzersteinchen. Fünf oder sechs, in verschiedenen Farben, an jedem Ohr.

Wir durchqueren den Salon, den daran anschließenden Korridor, steigen eine riesige Freitreppe aus unlackiertem Mahagoni hinunter ins Parterre, dann über eine wesentlich schmalere Steintreppe weiter nach unten in den Keller des Anwesens. Ich kenne das Castellino gut. Ehe ich mir die Villa in den Bergen bei Treviso gekauft habe, fanden meine Partys hier statt, aber der zur Verfügung stehende Platz hat nicht mehr gereicht, weil die Feste immer opulenter wurden. Ein durch Holzpaneele verborgenes stählernes Tor steht einen Spalt offen. In dem abgedunkelten, nur von Kerzen erleuchteten Raum warten bereits zehn oder zwölf Personen, nahe Bekannte von Niccolo und mir. Die Hälfte der Anwesenden steht, die andere Hälfte kniet, und die Geschlechter sind auf beide Hälften verteilt. Ich nicke ein paar Männern zu. Schwere, rhythmische Musik schwingt durch den Raum, nicht laut, aber doch so, dass sie Aufmerksamkeit fordert. Das zischende Luftholen, das zu mir durchdringt, kommt von Sabine. Plötzlich steht sie allein, weil Clara von Niccolo in den scharf abgegrenzten Kreis gezogen wird, den ein Scheinwerfer in die Mitte des Raumes wirft. Sie wirkt für einen Augenblick verloren, orientierungslos. Doch sehr schnell fängt sie sich, verschränkt die Arme vor der Brust und drückt das Kreuz durch. Eine Haltung, die Trotz ausdrückt, eine Jetzt-erst-recht-Mentalität, sodass ich mich nur mit Mühe davon abhalten kann, missbilligend den Kopf zu schütteln.

Niccolo packt Clara im Nacken. Ich verschränke ebenso wie Sabine die Arme vor der Brust. Nicht, weil ich trotzig bin, sondern weil ich mich auf die bevorstehende Show freue und es mir bequem mache. Ich will genießen. Hinter mir fallen die stählernen Torflügel zu. Ich habe keine Augen für die Braut, die hier, vor diesen Menschen, ihrem Herrn Treue und Unterwerfung schwören wird. Ich sehe auf Sabine, die zusammenzuckt, als die Tür ins Schloss kracht. Es ist nur ein kleiner Moment, dann reißt sie sich erneut zusammen. Ich sehe, wie sie sich zwingt, ein kokettes Grinsen aufzusetzen, als würde das alles hier sie nicht sonderlich schockieren. Aber ihr Atem verrät sie. Ihre zinnoberrotseidene Brust hebt und senkt sich hektisch, während sie die Augen nicht von ihrer Freundin abwenden kann.

Ich kann hören, wie sie nach Luft schnappt, als das Brautkleid von Claras Schultern gleitet. Wie sie kichert, ein Augenblick, in dem sich ihre innere Anspannung entlädt. Dann ruft sie etwas. Auf Deutsch. Ich verstehe es nicht sofort. Als sich mir der Sinn ihrer Worte erschließt, weiß ich, dass ich eingreifen muss. Ihr zeigen muss, dass das hier alles andere als ein Spiel ist. Ich erwarte Respekt von ihr, selbst dann, wenn nicht ich es bin, der im Mittelpunkt der Veranstaltung steht. Wenn sie dabei sein wollte, hat sie sich unseren Gepflogenheiten zu fügen, so einfach ist das. Mit ihrem Verhalten tut sie niemandem hier einen Gefallen, am allerwenigsten sich selbst.

Mit zwei Schritten bin ich bei ihr. Der Duft nach Jasmin und Holunderblüten, der ihrem Haar entsteigt, streift mich. Sie reicht mir nur bis fast zum Kinn, eine kleine, zierliche, quirlige Frau mit einem frechen Mundwerk und messerscharfer Intelligenz. Eine wunderbare Herausforderung. Die Vorstellung, derjenige zu sein, der sie hier und an diesem Abend in die Schranken weist, erregt mich, das Gefühl summt vor Intensität. Ich neige mich ein wenig zu ihr.

„Willst du auch kosten?“, frage ich, leise genug, dass nur sie mich hören kann, laut genug, dass ich weiß, sie hat mich gehört. Schauder rinnen unter ihrer blassen Haut entlang. Es ist mir Antwort genug.

„Dann leg die Handgelenke auf dem Rücken zusammen.“ Obwohl ich noch immer leise spreche, um niemanden von den anderen zu stören, sorge ich dafür, dass eine harte Kante in meine Stimme sickert. Meine Worte sind ein Befehl, und das soll sie wissen. Nicht nur hören, sondern fühlen. Sie sieht mich nicht an. Aber ihre Arme verdrehen sich, bis sich die Handgelenke im Rücken kreuzen. Ich muss lächeln. Dass sie meinem Befehl ohne jeden Versuch eines Widerspruchs Folge leistet, ist das erste Zeichen, das ich brauche. Viele weitere werden kommen. Meine Finger schmiegen sich um ihre zarten Unterarme. Ein kurzer Druck, es fühlt sich an, als könnte ich ihr allein mit der Kraft meiner Fingergelenke die Knochen brechen. Ich bemerke das Zittern ihrer Schultern. Aufregung und Nervosität. Genau die Mischung, die ich mir von ihr erhofft habe. Erträumt habe, in all den Stunden, die ich damit verbracht habe, an diese Frau zu denken. Auch durch meinen Körper rinnt ein Schauer, aber ich bin besser als Sabine darin geschult, ihn zu unterdrücken.

„Sieh hin“, sage ich überflüssigerweise. „Sieh genau hin.“ Mein Daumen streift ihren Puls. „Sieh auf Clara. Hör auf, dich in den Vordergrund zu rücken, dann geschieht dir nichts. Sei folgsam.“ Sie wollte hier sein. Jetzt ist sie hier.

Und ich auch.

Wir sind angekommen.

Sabine

So lange ich denken kann, wohnt ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter, das mir immer einflüstert, es sei Kinderkram, sich richtig zu benehmen. Dieses Teufelchen ist schuld daran, dass ich mir mit dreizehn, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, den Bauchnabel habe piercen lassen und mit achtzehn, als ich keine Unterschrift mehr brauchte, meinen Nacken und Bauch tätowieren. Dieses Teufelchen ist schuld daran, dass ich schon immer der Meinung war, Flipflops sind das richtige Schuhwerk, ganz egal was die Außentemperaturen oder der Dresscode des Abends sagen, und dieses Teufelchen ist auch schuld daran, dass ich auf der ewigen Suche nach mir selbst, nach einigen Zwischenstopps rund um den Globus, in Venedig gelandet bin. Gefunden habe ich mich immer noch nicht, aber das interessiert das Teufelchen einen blinden Kehricht. Es hat mir einen Job als Kellnerin verschafft, in dem ich zumindest meinen Hang zur großen Klappe gut gebrauchen kann, um allzu forsche Anmache von betrunkenen Gästen abzuwehren.

Auch dieser Tage saß es auf meiner Schulter und hat aufgeregt Beifall geklatscht, als Clara mir von der Zeremonie erzählte. Nicht von der offiziellen. Ihre Hochzeit wurde bereits seit Monaten von einem ganzen Team an Wedding Planern akribisch geplant. Wenn Italiens begehrtester Junggeselle unter die Haube kommt, darf nichts dem Zufall überlassen sein. Das Teufelchen war begeistert von der anderen Zeremonie, von der, die hinter verschlossenen Türen stattfinden würde, im Keller des Castellos, um den armen unwissenden Gästen oben auf der Dinnerparty den Schock zu ersparen. Die, die ich meiner besten Freundin niemals im Leben zugetraut hätte. Wenn einer von uns beiden dazu prädestiniert war, Unsinn anzustellen und die Verwandten zu schockieren, dann war das immer ich.

Aber gut, Zeiten ändern sich, und so stehe ich am Rand einer improvisierten Bühne im Keller eines Renaissanceschlösschens irgendwo zwischen Treviso und Venedig und blicke fasziniert auf Clara, die, auf ein Kopfnicken von Niccolo hin, ihr Brautkleid von den Schultern streift und mit einem Mal nur noch in einem aufwändig gearbeiteten, champagnerfarbenen Spitzenkorsett und seidigen Stapsstrümpfen vor ihm steht. Vor ihm und den anwesenden Gästen. Sie sieht sensationell aus, das muss ich zugeben, die Farbe des Korsetts auf ihrer Haut wirkt wie auf einem Gemälde. Sie hält den Kopf tief gesenkt, in einer Geste bewundernder Unterwerfung. Mein Herz puckert, ich spüre das Flattern meines Atems und ziehe zischend die Luft ein. Wie würde sich das anfühlen?

Doch dann steigt ein Kichern über das Schauspiel in meine Kehle. Das ist so nicht die Clara, die ich kenne. „Hey, du hast dein Höschen vergessen“, rufe ich ihr zu, immer noch kichernd. Außer mir findet das offenbar niemand lustig. Niemand lacht. Ganz im Gegenteil. Ich spüre missbilligende Blicke in meinem Rücken und winde mich innerlich. Über Witze soll doch gelacht werden, oder? Himmel, das ist so eine steife Veranstaltung hier …

In eben diesem Moment wird mir überdeutlich bewusst, wie eine fremde Hand meine Handgelenke im Rücken umschließt. Erst danach sinken die Worte in mein Bewusstsein, die mich dazu bewegt haben, meine Arme überhaupt im Rücken zusammenzulegen. Hat er das wirklich verlangt? Schlimmer, hab ich es wirklich getan? Die Finger um meine Gelenke sind warm und fühlen sich verdammt stark an. Ich erstarre, wage nicht den Kopf zu drehen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich ihn dennoch. Tizian di Maggio. Ich kenne ihn flüchtig, kenne seinen Namen, habe ihn zweimal getroffen. Von wegen, Venedig ist ein Dorf. Ich hätte sonst was darum gegeben, ihn öfter zu treffen, diesen Kerl, dessen Anblick mir den Herzschlag in die Kehle treibt. Er ist Niccolos bester Freund und der Hauptdarsteller meiner feuchten Träume, seit ich ihm das erste Mal begegnet bin.

Ich habe seine Aufforderung, meine Handgelenke im Rücken zu kreuzen, nicht realisiert bis zu dem Moment, als ich sie bereits ausgeführt hatte. Doch jetzt … zum Herzschlag in meiner Kehle gesellt sich die Ahnung eines nervösen Kicherns. Vielleicht ist das ja der perfekte Weg, ihm endlich nahezukommen. Er ist fällig. Zu lang schon habe ich mich bloß mit Fantasien begnügt.

Sein Griff brennt sich in meine Haut, als er den Druck verstärkt. Ich fühle seinen Atem an meinem Ohr, heiß, gefährlich.

„Silenzio.“ Ein Wort nur, doch sein Tadel ist so scharf, dass mein Herz einen Schlag aussetzt. So schnell, wie es mir eben in die Kehle gehüpft ist, so schnell macht es sich jetzt per Kopfsprung auf den Weg in meine Knie, die sich schlagartig in Gelee verwandeln.

„Das ist ihr Moment. Es geht hier nicht um dich.“

Bei aller Träumerei, die mich an diesen Mann bindet, geht er jetzt doch ein bisschen weit. Ich mag es nicht, getadelt zu werden. Was soll das? Das hier ist ein Spiel. Ein bisschen Kink. Wenn Clara und Niccolo denken, sie haben es nötig, sollen sie es doch machen. Keine große Sache. Wer hat nicht schon mal ein bisschen mit Fesseln gespielt, oder sich beim Sex die Augen verbinden lassen? Das heißt noch lange nicht, dass wir Umstehenden nicht auch unseren Spaß haben dürfen. Ich rucke an meinen Händen, doch sein Griff lässt nicht nach. Er macht gar nichts, um genau zu sein. Hält mich nur fest, sein Körper eine warme, feste Wand hinter mir, die eine Präsenz ausstrahlt, die mich schwindlig zu machen droht. Auch gut. Wenn es ihm was gibt, soll er halt ein bisschen mit seinem Testosteronüberschuss prahlen. Sind doch nur ein paar Minuten.

Ich gebe auf und richte meinen Blick wieder zu Clara und Niccolo. Mittlerweile kniet sie vor ihm. Die Schenkel weit gespreizt, den Kopf immer noch gesenkt, die Hände, mit den Handflächen nach oben, ruhig auf ihren Oberschenkeln. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwas an dieser Szene lässt mich meine Wut vergessen. Vielleicht ist es die Art, wie Niccolo mit den Fingerspitzen Clara über die Wange streicht, eine Zärtlichkeit im Blick, wie ich sie noch nie zuvor an ihm oder einem anderen Mann beobachtet habe. Vielleicht ist es aber auch die Anwesenheit von Tizian di Maggio in meinem Rücken, denn plötzlich spüre ich neben Belustigung und Unglauben noch etwas anderes. Neid. Ich will das auch. Meine Nervenenden vibrieren, ich fühle, wie mir Hitze in die Wangen steigt. Einmal nur in meinem Leben möchte ich auch so angesehen, so berührt werden, wie Clara in diesem Moment von ihrem Bräutigam.

Mich haben viele Männer angefasst, das ist kein Geheimnis, und ich denke auch nicht, dass es etwas ist, wofür ich mich schämen muss. Ich mag Sex und ich bin gut darin. Warum das so ist, daran will ich nicht denken. Die meisten Männer sind wahnsinnig leicht zu durchschauen. Was spricht dagegen, dass ich mitnehme, was sich mir bietet? Warum soll eine Frau das nicht genauso dürfen wie ein Mann? Bei Männern kümmert sich auch niemand darum, ob es okay ist, was sie machen. Ob die brave Ehefrau zuhause sich die Augen ausheult, weil der liebe Gatte die blutjunge Sekretärin mit den straffen Beinen vögelt, oder ob die Geliebte mit dem Gedanken spielt, sich von der nächsten Brücke zu stürzen, weil ihr Kerl sich nicht binden möchte. Liebe ist für Schwächlinge. Beim Sex geht es um etwas ganz anderes, da geht es um Macht, und ich habe genug erlebt in meinem Leben, um nicht mehr zu den Verlierern bei diesem Spielchen gehören zu wollen.

Ich entspanne meine Hände, lehnte mich an den starken Mann in meinem Rücken. Ich lasse meine Hüften schwingen dabei, reibe wie zufällig mit dem Hintern über seinen Schritt, wo eine Erektion zeigt, dass ich schon fast am Ziel bin. Um nicht zu forsch zu wirken, lege ich den Kopf ein wenig zur Seite, entblöße meine Kehle. Wetten, dass er nicht begreifen wird, dass alles nur ein Spiel ist? Ich warte darauf, dass er noch näher kommt, seine Erektion an meinem Hintern reibt, merke, wie ein erster Funken Vorfreude durch meinen Körper zittert.

Er tut es nicht. Stattdessen tritt er zurück. Gerade so weit, um meiner Berührung auszuweichen. Was?

Scham explodiert in meiner Brust, vermischt sich mit Zorn. Diesmal mit mehr Nachdruck, versuche ich meine Hände zu befreien, aber er gibt keinen Deut nach. Verdammt noch mal. Was genau will der Kerl von mir? Er weist mich zurück und überschüttet mich gleichzeitig mit seiner überbordenden Maskulinität? Was soll ich denn mit dieser Information anfangen? Will er, oder will er nicht? Ich bin keine Puppe, du verdammter Spieler, denke ich grimmig. Ich beiße mir auf die Unterlippe, senke den Kopf. Nicht im Schauspiel, nicht so wie gerade, sondern weil ich nicht dafür garantieren kann, dass er nicht Tränen in meinen Augenwinkeln glitzern sehen würde, wenn ich das Gesicht weiter hochgehalten hätte. Was soll das?

Der Boden unter meinen Füßen scheint plötzlich zu schwanken. Ich bin es nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden. Nicht, dass ich so unwiderstehlich wäre, aber Männer sind nun einmal Männer. Wenn man ihnen ein unkompliziertes Schäferstündchen in Aussicht stellt, sagen die wenigsten nein. Jeder Mensch braucht Verlässlichkeiten in seinem Leben, und auf diese eine Tatsache konnte ich mich bisher immer verlassen. Ich mag das Gefühl nicht, auf unsicherem Grund zu stehen, kann nichts dagegen tun, dass mein Atem sich beschleunigt, dass es mir mit jedem Atemzug schwerer fällt, ruhig zu stehen und seinen eisenharten Griff zu ertragen. Ich mag Klarheit. Eindeutige Signale. Ja oder nein? Schwarz oder weiß. Aber dieser Mann … meine Gedanken driften ab. Was hat er gesagt? Sieh hin, sieh auf Clara. Okay, wenn es ihn glücklich macht.

Aus den Augenwinkeln beobachte ich das Brautpaar auf der Bühne. Niccolo legt seine Hand flach an Claras Wange, streichelt sie. Wenn es zuvor schon still im Saal war, könnte man jetzt eine Amöbe furzen hören. Obwohl er nicht sonderlich laut spricht, hört man die Liebe in Niccolos Stimme, als er jetzt das Wort an seine Braut richtet.

„Ich Niccolo, verspreche, dich, Clara, zu lieben und zu führen, zu halten und zu fordern, solange ich lebe. Wo ich bin, da sollst du sicher sein, mein Wille soll dich führen und dir helfen, über dich hinauszuwachsen. Niemals will ich etwas tun, das dir schadet, niemals will ich vergessen, dass du es bist, die mich zu dem Mann macht, der ich sein will. Ich werde deine Hingabe ehren und deine Liebe schätzen. Von jetzt bis zum Tag meines Todes.“ Er macht eine kleine Atempause, langt in die Innentasche seiner Smokingjacke und angelt daraus ein ledernes Band, das er Clara um den Hals legt. So eng, dass sich das breite Band an ihre Haut schmiegt. Ist das ein Ring in dem Band? Für eine Kette? Ist der Kerl vollkommen verrückt? Und Clara lässt das einfach zu.

Plötzlich spüre ich eine Hand von Tizian di Maggio an meinem Nacken. Gleichzeitig verhärtet sich sein Griff um meine Handgelenke noch weiter. Die Fingerspitzen an meinem Nacken streichen die einzelnen Locken zurück, die sich aus meiner höchst unkomfortablen Hochsteckfrisur gelöst haben, und legen sich gegen die Stelle, wo mein Hals in meine Schulter übergeht. Er braucht nichts zu sagen. Ich kann selbst spüren, wie mein Puls gegen seine Finger donnert. Heilige …

Niccolos Worte unterbrechen meine Gedanken erneut. „Trage dieses Band als Zeichen meiner Liebe und Führung über dich.“ Obwohl seine Bewegungen sicher scheinen, erkenne ich, dass seine Finger zittern, als er ein kleines Schloss durch die Ösen am Halsband führt und es verschließt. Im Licht der Tausenden von Kerzen glänzen Claras Augen feucht. Ihre Hand zuckt, wohl um das Schloss zu befühlen, aber sie hält in der Bewegung inne, sieht fragend zu Niccolo auf. Erst als er ihr mit einem Nicken die Erlaubnis erteilt, tastet sie über das Halsband, die Öse und das Schloss. In der Kirche war sie eine strahlende Braut. Jetzt rinnen ihr Tränen über die Wangen. Die Ruhe und das Glück, die von ihr abstrahlen, bringen den Boden noch weiter zum Schwanken. Vor mir steht eine Frau, die ihren Platz im Leben gefunden hat. Sie ist nicht auf die Reise gegangen, ist nicht von einem Ort zum anderen getingelt, um Glück zu finden. Es ist ihr einfach in den Schoß gefallen, als sie sich den Möglichkeiten öffnete, die sich ihr boten. Weil sie sich nicht verschloss vor neuen Erfahrungen. Vielleicht ist das ihr Geheimnis. Offenheit. Wo zuvor mein Neid noch ein leise nagendes Gefühl gewesen war, herrscht jetzt ein mächtiges Brennen, direkt hinter meiner Brust. Sie muss sich räuspern, bevor sie sich an Niccolo wendet.

„Ich, Clara, nehme dich, Niccolo, als meinen Mann und Padrone. Durch deinen Willen will ich wachsen, ich will in meinem Bestreben, dir alles zu geben, was du dir wünschst, deinem Urteil vertrauen und nicht davor zurückschrecken, neue Wege mit dir zu gehen. Mit jedem weiteren Schritt soll meine Liebe für dich wachsen, denn ich weiß, dass du nur mein Bestes willst, dass ich sicher bin, wo immer du bist, dass du mein Herz in deinen Händen hältst, so wie ich das deine in meinen. Als Zeichen unserer Liebe und Verbundenheit will ich dein Band tragen, solange ich lebe, damit jeder, der es sieht, weiß, dass ich dir gehöre. Dir ganz allein.“

Die Eheversprechen dieser beiden hallen in meinen Gedanken nach. Das ist kein Spiel, wird mir klar. Es ist etwas anderes, größeres. Etwas, das ich nicht begreife, weil in meiner Welt dafür nie Platz gewesen ist. Ich wünschte, ich fände zumindest ein Wort dafür, dass ich es aussprechen und wenigstens den Klang auf meinen Lippen kosten könnte.

Tizian

Als Niccolo mit den Augen nach mir sucht und unsere Blicke sich kreuzen, schüttele ich kaum merklich den Kopf. Heute nicht, antworte ich ihm wortlos auf die Frage, ob ich ihm zur Hand gehen möchte. Wir haben es schon oft getan, und ich liebe es ebenso wie er, wenn Clara unter unserer beider Hände schmilzt wie warmer Honig. Doch nicht heute, bedeute ich ihm mit einem Blick, ich habe alle Hände voll zu tun, wie du siehst. Ein winziges Lächeln umspielt seinen linken Mundwinkel. Er beugt sich zu seiner Sumisa hinunter, vergräbt eine Hand in ihrem Haaransatz im Nacken und redet leise auf sie ein. So leise, dass niemand außer ihr ihn hören kann.

Unter meinen Fingern zucken Sabines Handgelenke, aber ich lasse nicht locker. Clara auf der Bühne erschaudert, in ihre Augen, die auf das Gesicht ihres Masters geheftet sind, tritt ein Flehen, das er mit einem halb bedauernden Lächeln und einem Kopfschütteln beantwortet. Nur einen Finger hebt er, um unter die Decke des Raumes zu weisen, wo direkt über Clara eine Spreizstange an einem dort in den Balken eingelassenen Ring befestigt ist und ganz sacht schaukelt. Ich sehe, wie die Haut ihrer Wangen sich noch weiter verdunkelt. Eines der Dinge, die an Clara so faszinieren und herausfordern, ist, dass man kaum erkennen kann, wenn sie errötet. Ihre Haut ist so dunkel. Als ihr Padrone muss man sie noch genauer beobachten, jede noch so feine Nuance beachten. Wie ihr Atem sich beschleunigt, ihre Augen sich verschleiern. Sich nur auf ihre Gesichtsfarbe zu verlassen, kann bedeuten, dass man sie im Stich lässt.

Sabine drängt rückwärts, ruckt mit ihren Handgelenken unter meinem Griff. Ich packe fester zu und bringe meinen Mund an ihr Ohr. „Du wolltest hier sein“, raune ich kalt. „Soweit ich weiß, war es deine Entscheidung. Jetzt wirst du stillhalten und es dir ansehen.“

„Er kann doch nicht öffentlich …“ Ihre Stimme kippt. Da ist nichts mehr von der disziplinlosen jungen Frau, die der Welt beweisen muss, wie cool sie ist. Da herrschen nur noch Verunsicherung und Scham.

„Er kann tun, was er will. Indem sie sich bereit erklärt, sein Halsband zu tragen, übergibt sie ihm die Macht über ihren Körper und ihre Gefühle. Alle Kontrolle gehört ihm. Sie vertraut ihm, nicht zu weit zu gehen. Und wenn er sie öffentlich ficken will, um den Anwesenden zu zeigen, dass sie sein Eigentum ist, wird er auch das tun. Er wird ihr geben, was sie aushalten kann. Nicht mehr. Und nicht weniger.“

Es ist kein angewidertes Schaudern, das sie durchfährt. Der unmissverständliche Duft von Erregung steigt mir in die Nase, sie lässt die Handgelenke wieder locker. Interessant. Ich streiche mir mit der Zunge über die Lippen, die trocken geworden sind, weil ihre Gegenwehr mich so anmacht.

„Leg die Hände an die Seiten“, sage ich und lasse sie los, im gleichen Augenblick, als Niccolo Clara auf die Füße zieht und ihre Hände nacheinander an die beiden Enden der Spreizstange fesselt. Am Halsband befestigt er eine kurze Kette, deren Klirren, ein wunderbar heller Ton, in meinen Adern singt. Halb erwarte ich, dass Sabine die Flucht ergreifen wird, jetzt, wo ich sie nicht mehr im Klammergriff habe. Doch sie tut es nicht. Sie dreht sich halb zu mir um. In ihren eisblauen Augen funkeln Widerstand und Gereiztheit. Und unverhohlene Erregung. Ich hebe eine Augenbraue und halte ihrem Blick stand. Wenn sie glaubt, dass sie einen Starr-Wettkampf gegen mich gewinnen kann, werde ich ihr diesen Zahn sofort ziehen.

„Umdrehen“, sage ich ruhig. „Sieh zur Bühne. Ich verlange es nicht nochmal. Ich erinnere dich daran, dass du aus freiem Willen hier bist. Gehorche. Oder geh und komm nie wieder.“

Noch zwei Herzschläge lang hält sie es aus, mich anzusehen, dann dreht sie sich um. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie Niccolo in träger Langsamkeit die Verschnürung von Claras Korsett löst. Er ist der weltbeste Designer von Damenunterwäsche, er weiß ganz genau, wo er aufschnüren muss, um den Job in kurzer Zeit zu erledigen, auch wenn es aussieht, als habe er alle Zeit der Welt. Fast nachlässig zieht er ihr den Stoff vom Körper und wirft das Teil achtlos zur Seite, seinen Blick auf Claras Brüste gerichtet, ihre Schlüsselbeine, ihren flachen Bauch, das Pulsieren unterhalb ihres Kehlkopfes.

Sie steht ausgestreckt, die Hände hoch über ihren Kopf gefesselt. Er betrachtet nachdenklich die Spreizstange, dann greift er hinauf, löst mit einem leichten Drehen die Verriegelung und spannt die Stange weiter. Claras Arme werden auseinandergezogen, ihr entfährt ein entsetzter kleiner Laut, der die anwesenden Padrones zu einem leisen Lachen animiert. Einige der knienden Subs haben begonnen, ihren Herren den Abend zu versüßen. Es ist mir bisher nicht aufgefallen, denn meine ganze Aufmerksamkeit ist von Sabine gefesselt, sodass sogar für das Brautpaar nur wenig übrig bleibt.

„Die Hände hinter den Kopf“, verlange ich von Sabine. Ich könnte ihr befehlen, auf die Knie zu gehen, aber im Augenblick habe ich anderes im Sinn. Außerdem will ich nicht, dass sie glaubt, sie müsste für mich tun, was die anwesenden Subbies für ihre Padrones tun. Ich nehme ihr so viel Kontrolle, wie ich vor mir verantworten kann, in dieser Situation, die Sabine nicht erwartet hat und die sie ins Schlingern bringen muss. Ich kenne sie nicht genug, um sie wirklich zu fordern.

Sie schluckt und hebt die Arme. Verschränkt die Finger am Hinterkopf miteinander, drückt die Ellenbogen weit zurück. Instinktiv nimmt sie eine Haltung ein, die ihre kleinen, festen Brüste betont. Von mir abgewandt. Schade, ich mag es, sie anzusehen. Meine Finger streichen über die Rückenschließe ihres Korsettkleides, finden die Häkchen, lösen sie. Ihr Atem beschleunigt sich zu einem halb unterdrückten Keuchen, ich kann den Puls sehen, der unterhalb ihres linken Ohrs rast. Ihr Nacken ist feuerrot, die dunklen Linien der Tätowierung zeichnen sich weich auf der Haut ab. Ich muss schmunzeln. Vorsichtig schiebe ich das Kleid im Rücken auseinander, lasse meine Finger über ihre Wirbelsäule gleiten. Kaum merklich. Sie schaudert, drängt sich vermutlich unbewusst meinen Fingerspitzen entgegen. Sofort ziehe ich meine Hände zurück.

„Du tust nur, was ich will, Sabine“, sage ich. „Nicht, was du willst. Steh still. Sieh auf Clara. Achte auf ihre Augen. Achte auf ihre Körperhaltung.“ Meine Finger nehmen die Wanderung wieder auf. „Halte die Arme hinter dem Kopf“, befehle ich ihr. Sie zittert unter meinen Fingern, es fühlt sich großartig an. „Du hast perfekte Haut, weißt du das? Weiß und glatt.“ Auch wenn sie im Moment gerötet ist von dem Blut, das rasend schnell durch ihren Körper schießt. „Sieh hin. Was tun sie, Sabine?“

„Er hat …“ Sie räuspert sich. In ihren Worten schwingt Fassungslosigkeit. „Jemand hat ihm eine Peitsche in die Hand gedrückt.“

Eine lange, einschwänzige Bullenpeitsche. Ein gefährliches Instrument, wenn sie in den Händen des falschen Menschen liegt. Die Ketten, die neben Claras Händen von der Spreizstange herunterhängen, klirren, als die Braut instinktiv zurückweicht. Niccolo zieht die anderthalb Meter lange Peitsche über seine Handfläche, prüft die Festigkeit, das Gewicht. Clara schüttelt heftig den Kopf.

„Sie will das nicht“, keucht Sabine. Noch immer liegen meine Finger auf ihrer Wirbelsäule. Das Zucken ihres Körpers geht mir durch und durch. Sie will weg. Sie will bleiben. Was sie sieht, erfüllt sie mit Erschrecken und zugleich mit Faszination. „Wie kann er …“

„Sieh ihr ins Gesicht, Sabine.“ Ich nehme die Finger von ihrer Haut, neige mich vor. „Lass deine Arme, wo sie sind. Sieh ihr ins Gesicht.“ Mein Atem streift ihren Kiefer, wieder erschauert sie. Sie duftet nach Jasmin und Holunderblüten, berauschend, wunderbar. Ich habe das Gefühl, noch nie so hart gewesen zu sein, und bedauere meinen Schwanz sehr, denn er wird in dieser Frau heute Nacht keine Erlösung finden. Wir alle müssen aufeinander warten. Bis der Moment der richtige ist.

Mit der Zunge fahre ich über ihren Rücken, und nur weil ich im gleichen Augenblick einen Arm um ihre Mitte schlinge, bricht sie nicht in die Knie. Ich überlege noch einmal, ob ich sie einfach vor mir zu Boden schicken soll, aber nein, sie soll sehen, was Niccolo tut. Wie Clara reagiert. Ich kann die Bühne nicht mehr sehen, weil ich über Sabines Haut lecke, die warm ist und nach Salz schmeckt, aber ich höre den Knall, als Niccolo die Peitsche zurückschnellen lässt. Unter meiner Hand bebt Sabines Bauch. Mein Atem fährt durch die hauchfeinen Härchen in ihrem Nacken, die sich sträuben.

Im Aufrichten trete ich um sie herum, lege eine Hand auf ihre Finger, die sie hinter ihrem Kopf zusammengefaltet hat. Ich ziehe ihren Kopf zu mir, beuge mich zu ihr hinunter und küsse sie. Vollkommen überrumpelt lässt sie mich. Ich hole mir, worauf der Geschmack ihrer Haut, der Duft ihrer Erregung mir Lust gemacht hat. In meinem Rücken knallt die Peitsche, saust auf Haut, ich höre Claras tiefes, kehliges Stöhnen bei jedem Treffer. Ich weiß, dass sie kommen wird. Noch nie hat sie sich von Niccolo auspeitschen lassen. Sie hat gesagt, es mache ihr Angst, weil er sie mit dem Teil zu leicht verletzen könnte. Doch Niccolo liebt die Peitsche, hat sie immer geliebt, hat die Kunst über viele Jahre perfektioniert, er hat verdammt viele Frauen mit diesem Werkzeug so heftig kommen lassen, dass sie hinterher vergaßen, wo sie waren. Zum ersten Mal erlaubt Clara ihm, das mit ihr zu tun, der ultimative Vertrauensbeweis.

Ich weiß, dass sie kommen wird, ich muss es nicht sehen, also küsse ich Sabine, zwinge sie dazu, ihre Lippen zu öffnen, schiebe meine Zunge in ihren Mund, umspiele ihre. Ein langsamer, tiefer Tanz. Als sie sich jetzt gegen mich drängt, weise ich sie nicht ab. Sie lehnt sich an mich. Ich küsse sie weiter, die Augen geschlossen, sie schmeckt einzigartig. Eine Hand an ihrem Hinterkopf, die andere um ihren Hintern geschmiegt, kralle ich meine Finger in die feste Rundung und ziehe ihren Unterleib gegen meinen. Ein Knie schiebe ich zwischen ihre Schenkel, ziehe sie so nah, dass sie meine Erektion spüren muss. Sie soll wissen, was das hier mit mir macht. Sie soll wissen, dass sie mir nicht egal ist.

Sie soll wissen, dass ich sie haben werde. Eines Tages. Wenn der Moment gekommen ist.

Nicht heute.

Als Clara mit einem langgezogenen Schrei kommt, lasse ich von Sabine ab. Ich sehe auf sie hinunter, wie sie die Augen geschlossen hält, ein seliges Leuchten auf ihrer hellen Haut. Ich streiche mit der Fläche des Daumens über ihre Unterlippe. Sie öffnet blinzelnd die Augen und ich lasse meine Hand weiter gleiten, über ihr Kinn, hinab zwischen ihren Schlüsselbeinen, zwischen ihre Brüste. Ich sehe ihr nicht in die Augen, als ich ihr das Oberteil einfach von den Brüsten ziehe. Hitze schießt in die Haut unter meinen Fingern. Im Rücken klafft der Stoff noch immer weit auf, es ist ein Leichtes, ihre Brüste aus den Körbchen zu schälen, und sie ist so überrumpelt, dass sie nicht einmal auf den Gedanken kommt, meine Hände abzuwehren.

Ich trete einen Schritt zurück und betrachte eingehend und ohne Hast, was ich freigelegt habe, verschließe meine Miene. Ihre Nippel sind hart, leuchten in einem dunklen Braunrot auf der faszinierend hellen Haut. Ich fahre mit dem Daumen darüber. Ich behandle sie, als gehöre sie mir bereits.

„Du küsst gut“, sage ich dann, eine Feststellung, hebe meinen Blick zu ihrem.

Fassungslos schnappt sie nach Luft. Meine Worte bringen sie zurück ins Hier und Jetzt, sie beginnt zu zittern, versucht, zurückzuweichen. Ich packe zu, greife sie um die Hüfte, bringe ihre Arme in ihrem Rücken nach unten und reiße sie mit der Vorderseite erneut gegen mich. Mein Mund ist an ihrem Ohr. „Niemand wehrt mich ab, verstehst du das, kleine Hexe? Niemand widersetzt sich mir. Wer das tut, den kommt es teuer zu stehen.“

„Was?“ Herausfordernd starrt sie mich an, ihre Lippen Millimeter von meinen entfernt. Gegen meinen Willen bin ich beeindruckt. Ich habe ihr die Kontrolle genommen, halbnackt steht sie in diesem Raum, gezwungen, mitanzuhören, wie ihre beste Freundin von ihrem soeben angetrauten Ehemann ausgepeitscht wird, und sie hat es in sich, mir noch immer die Stirn zu bieten.

„Verprügelst du mich dann auch mit einer Peitsche?“ Doch das Feuer, das dabei in ihren Augen lodert, entgeht mir nicht.

„Das wirst du dir wünschen“, erwidere ich und lasse mich zu einem zynischen Grinsen hinreißen. „Das wäre noch das Geringste von all den Dingen, die ich dann mit dir tun würde.“

Sie schnappt nach Luft.

Klirrend senkt Niccolo auf der Bühne die Spreizstange herunter, ohne sie jedoch ganz abzunehmen und Claras Hände zu befreien. Er hilft ihr, vor ihm in die Knie zu gehen, die Stange hält ihre Arme bewegungslos. Was auch immer er tut, sie hat keine Möglichkeit, dem zu entgehen, sich gegen ihn zu wehren. Ich wende kurz den Kopf und erkenne, dass ihre Augen verklärt sind, ein seliges Lächeln ihre Mundwinkel umspielt. Die Innenseiten ihrer Oberschenkel glänzen feucht. Niccolo legt die Peitsche beiseite, öffnet seine perfekt gebügelten Anzughosen, greift Clara in die Haare und bringt ihren Mund zu seinem Schwanz. Ich wende mich wieder Sabine zu. Ich lächle sie an, aber nur, um ihr meine Zähne zu zeigen. Ihre Lippen werden schmal.

„Vielleicht solltest du dir wünschen, dass wir uns nie wieder begegnen, Gattina. Ich weiß jetzt, wie du schmeckst. Ich rieche, wie dich das, was du gerade gesehen und getan hast, anmacht. Du solltest dir nicht wünschen, mir wieder zu begegnen, denn für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn sich seidenweiße Haut unter meinen Händen zu einem heißen Pink wandelt.“ Ich lasse sie los und trete einen Schritt zurück. „Zieh dich wieder an“, sage ich hart. „Die Show ist vorbei.“ Ächzend kommt Niccolo in Claras Mund. Die Versammelten räumen das Feld. Die Zeremonie ist zu Ende.

Kapitel 2

Sabine

Prost, Süße, das hast du dir verdient! Ich leere den teuren Grappa in einem Zug. Manch einer mag behaupten, das sei eine ziemliche Verschwendung. Schließlich ist alles, was Clara und ihr Jetzt-Ehemann auf ihrer Hochzeit anbieten, allererste Sahne. Ich selbst nenne es eine Notwendigkeit. Das Zeug brennt wie die Hölle im Hals, so sehr, dass mir ein Prickeln in die Nase steigt und ich niesen muss. Das Ehepaar rechts von mir an der Bar schaut naserümpfend in meine Richtung.

„Scusa“, murmle ich schulterzuckend und bedeute dem Barista mit einem Fingerzeig, dass ich noch einen möchte. Sollen sie sich mal nicht so haben. Wenn die beiden nicht einmal aushalten, dass sich eine einsame Frau an der Bar ein paar Drinks gönnt, würde ich gern wissen, wie sie reagieren würden, wenn sie wüssten, was im Keller dieser lauschigen Renaissance Villa gerade vor sich gegangen ist. Die Location ist ein Traum. Die Villa residiert inmitten eines exklusiven Parks mit Springbrunnen, farbenfrohen Beeten und ruhespendenden Pergolen oberhalb der Lagunenstadt mit ihren mittelalterlichen Gässchen, den alten Gemäuern und verwunschenen Ecken. Von überall auf dem Anwesen hat man einen großartigen Ausblick, und jetzt, mitten in der Nacht, wo die Dunkelheit den Ausblick verschlungen hat, sorgen Fackeln am Wegrand und überall verstreute Lampions für eine romantische Atmosphäre. In meinem Bauch ballt sich Unbehagen zu einer Faust. Romantisch, genau. Wenn man Peitschengeknall und Demütigung für Romantik halten will.

Als ich meinen dritten Grappa bestelle, zieht das Ehepaar neben mir Leine. Offenbar haben sie endgültig genug von dem jämmerlichen Anblick einer zerzausten Frau neben sich. Der junge Barista füllt mein Glas. Diesmal greife ich danach, noch bevor er die Flasche zurückziehen kann, streife dabei wie zufällig seine Hand. Es ist erbärmlich, ich weiß das, aber trotzdem brauche ich das jetzt. Selbst wenn ich tief in meinem Gedächtnis grabe, kann ich mich an nur wenige Gelegenheiten erinnern, in denen ich mich so verstoßen gefühlt habe, so gedemütigt und allein. Zumindest in den letzten achtzehn Jahren, und tiefer werde ich nicht graben, ganz sicher nicht in einer Nacht wie dieser. Er zieht die Flasche so schnell zurück, dass ein Tropfen des edlen Zesterbrandes auf meine Finger schwappt. Ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, hebe ich die Hand zum Mund und lecke den Schnaps ab, zwinkere ihm dabei zu. Die Röte, die ihm ins Gesicht schießt, ist nur eine schale Genugtuung.

„Signorina? Brauchen Sie noch etwas?“ Seine Stimme klingt ein wenig höher jetzt, aufgeregt. Ein Welpe, dem man einen Knochen zugeworfen hat. Pass auf, Bürschchen, die Hand, die einen streichelt, kann auch zuschlagen, denke ich und gönne mir den Anflug aus Selbstmitleid. Tizian di Maggio hat mich nicht geschlagen. Nicht mit Taten, nicht so wie Niccolo Clara geschlagen hat, und was für eine verrückte Welt ist das, in der ich mir fast wünsche, er hätte es getan. Weil zumindest würde das bedeuten, dass er sich mit mir beschäftigt. Aber bestraft werden nur Menschen, die geliebt werden. Die, die einem egal sind, die serviert man einfach ab, die werden weggeschickt, verstoßen. Im Zweifelsfall sogar mit nackten Titten.

Der Barista stellt die Flasche weg, lehnt sich mit der Hüfte gegen die Theke. Es wäre so einfach. Er sieht nicht einmal schlecht aus. Vier, fünf Jahre jünger als ich, wahrscheinlich Mitte zwanzig, schätze ich. Dunkle Haare, ein durchtrainierter Körper, dem das auf Figur geschnittene Servierhemd die richtige Fülle verleiht. Niedliche Grübchen in Wangen und Augen, die in all der Verlegenheit, die sich jetzt in ihnen spiegelt, lebendig wirken, süß. Ich spiele den Gedanken durch. Wann hast du aus?, könnte ich fragen. Ich würde ihm zuprosten und ihn wissen lassen, dass ich selbst kellnere. Gemeinsamkeiten sind ein guter Türöffner. Gemeinsam würden wir über die unliebsame Angewohnheit von Gästen lästern, die sich so lange an der Bar festhalten, bis man sie mit Gewalt hinauskehren muss. Wie zufällig würde ich im Gespräch fallen lassen, dass ich als Claras Trauzeugin auch hier im Castellino schlafe. Wir würden die letzten zwei, drei Stunden, bis auch die hartnäckigsten Feiernden aufgeben, mit Gesprächen voller Andeutungen und unausgesprochener Einladungen verbringen, bis ich mich, kurz vor Ende der Veranstaltung, verabschieden würde, die Zimmernummer auf eine Serviette geschrieben, die ich ihm reiche. Am nächsten Morgen wäre alles vorbei, ich würde gehen, noch bevor er aufwacht, weil es so viel leichter ist, jemanden zu verlassen, als verlassen zu werden. Doch der Sieg wäre lau, so schal wie die Röte auf seinen Wangen.

Weil er nicht der ist, den ich wirklich will. Nicht der Mann, der mit seiner brutalen Arroganz den Boden unter meinen Füßen zum Wackeln bringt. Der Schuld daran ist, dass ich mir noch einen vierten Grappa servieren lasse. Dem ich mich angeboten habe, und der mich abserviert hat.

Dieser Mann tanzt gerade mit der Braut einen Schmuseblues. Selbst im gedimmten Licht hier auf der Terrasse, wo Tanzfläche und Bar von den Sternen beschienen werden, leuchtet Clara. Um das Lederband an ihrem Hals hat sie einen Chiffonschal geschlungen. Mit ein wenig gutem Willen kann man das auf die Nachttemperaturen schieben, auch wenn es beileibe immer noch nicht kalt ist. Sie schmiegt sich eng an Tizian, lässt sich von ihm führen.

Mir entgeht nicht, dass er sie sehr vorsichtig im Arm hält, seine Hand liegt auf ihrem Rücken genau über ihren Nieren, dort, wo Niccolos Peitsche sie nicht getroffen hat. Obwohl der gesunde Menschenverstand mir sagt, dass sie schreckliche Schmerzen haben muss, schwebt sie geradezu über das Parkett. Ich sehe, wie Tizian ihr etwas ins Ohr flüstert, wie sie selig lächelnd den Kopf senkt, und doch dabei ihr Stolz unverkennbar ist.

Mein Grappa will mir nicht mehr schmecken. Was habe ich falsch gemacht, dass nicht ich es bin, die Tizian gerade über die Tanzfläche führt? Ich drehe mich um, sehe auf die Etiketten der Flaschen hinter der Bar, um nicht mehr auf Tizian schauen zu müssen. Doch sein Bild ist mir auf die Netzhaut tätowiert. Groß, maskulin, sexy. Die schwarzen Haare glatt bis auf die Schultern fallend, die dunklen Augen stechend unter den kräftigen Augenbrauen. Hohe Wangenknochen und eine rasiermesserscharfe Kieferpartie werden durch den ordentlich gestutzten Bart betont, und die römische Nase verleiht seinem Aussehen etwas Aristokratisches. Nichts an diesem Mann ist weich, nichts nachgiebig. Selbst jetzt im Tanz wirkt er hart und zielstrebig, und trotzdem haben seine Gesten Clara gegenüber etwas so Beschützendes, dass mir schlecht werden will. Weil Clara wie immer die Brave und Beschützenswerte ist, und ich nur der Skandal.

Ich seufze ein wenig und fahre mit dem Finger die feuchten Ränder auf dem glänzenden Holz der Bar nach. Er will dich nicht, Biene. Mein Verstand sagt mir die Worte vor. Ja, die Erkenntnis schmerzt, aber es wird Zeit, dass ich den Tatsachen ins Auge blicke. Um mich bloßzustellen, mich zu blamieren, dazu hat es gereicht. Aber dann, wenn es hart auf hart kommt, als er gemerkt hat, dass er mich in der Hand hat, da ist er abgehauen. Es ist, wie es ist, und auch Tizian di Maggio ist keine Ausnahme. Wer sich angreifbar macht, geht unter. Manchmal frage ich mich, wann ich diese Lektion endlich lerne. Der ziehende Schmerz hinter meiner Brust sollte zumindest eine gute Erinnerung sein.

Und immerhin, einen Schritt weiter bin ich jetzt, denn eines ist nach dieser Nacht sicher. Eher wird die Hölle zufrieren, bevor Tizian di Maggio noch einmal die Hände an mich kriegt.

Tizian

Ich fühle mich wie ein verdammtes Arschloch. Kein gutes Gefühl und eines, das ich normalerweise nicht ertragen muss. Ich weiß, was sich gehört. Im Geschäftsleben bin ich hart, aber weitestgehend fair, tue wenig, bei dem ich mich schlecht fühlen muss. Hätte ich mein Erbe ausgeschlagen, sähe das heute sicher anders aus. Dann hätte ich eigenhändig dafür gesorgt, dass der Cavalli-Clan und mit ihm Pieramedeos Lebenswerk zugrunde geht, und auch wenn mein eigenes Leben dann ein Besseres wäre, würde ich mich bis ans Ende meiner Tage dafür schämen, den Mann, der mich behandelt hat wie einen Sohn, verraten zu haben. Aber ich habe mich der Verantwortung gestellt und mache das Beste draus. Im Privatleben bin ich generell ein angenehmer Zeitgenosse, auch wenn es nicht viele Menschen gibt, mit denen ich dieses Privatleben teile.

Und dann gibt es noch die Villa delle Fantasie und all das, was damit einhergeht. Man könnte es mein sexuelles Leben nennen, doch das wäre nicht ganz richtig, denn nicht immer hängt es mit Sex zusammen. Mit Machtdemonstration, ja, mit der Übernahme von Kontrolle über andere Menschen. Ich brauche es, anderen meinen Willen aufzuzwingen. Ihnen zu zeigen, dass ich der Stärkere bin, in so vielerlei Hinsicht. Sicherlich gibt es Gründe für dieses Bedürfnis. Psychiater und Psychologen hätten ihren Spaß an mir, wenn ich es zulassen würde, dass sie in meinen Kopf schauen. Aber ich will das nicht. Es ist, wie es ist, und man wächst nicht in einer Welt auf wie der meinen, ohne Spuren davonzutragen. Was sollte es bringen, in diesen Spuren zu wühlen und darin zu schwelgen?

Es gibt genug Frauen, die sich die starke Hand eines Mannes wünschen. Manche wollen sie ständig, andere nur für eine Stunde oder zwei. Manche wollen sie beim Sex, andere wollen lediglich diszipliniert werden. Ich treffe mich selten mehr als einmal mit derselben Frau, um meinen Trieben nachzugehen. Clara ist eine rühmliche Ausnahme, aber sie ist etwas Besonderes und die Frau meines besten Freundes. Da trifft man sich eben häufiger, das liegt in der Natur der Sache.

Eines ist mir bei all meinen sexuellen Zusammentreffen sehr wichtig. Wenn ich die Kontrolle über einen anderen Menschen in meine Hand nehme, trage ich auch die Verantwortung für das Wohlbefinden dieses Menschen. Die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Frauen bekommen, was sie suchen, und hinterher nicht mit ihren Empfindungen und der häufig aus den Sessions resultierenden Verletzlichkeit allein gelassen werden, habe ich immer sehr ernst genommen.

Ich beobachte Sabine, die an der Theke sitzt, mit nichts als dem verlegenen Lächeln des Barkeepers und einem Grappaglas vor sich auf dem Tresen als Gesellschaft. Sie fühlt sich nicht wohl, und ich weiß, dass es meine Schuld ist. Das Haar hängt ihr wirr auf die Schultern, der elegante Knoten halb aufgelöst. Sie trinkt den dritten Grappa, oder ist es der vierte? Clara und Niccolo turteln, nachdem ich die Braut zurück in die Arme des Bräutigams geführt habe, an einem der Tische und haben keine Zeit, sich um ihre Gäste zu kümmern. Sabine ist ohne Begleitung hergekommen, und der Mittfünfziger, den sie vorhin angeflirtet hat, tanzt Walzer mit seiner Ehefrau. Sie ist allein, und sie ist verwirrt, steht neben sich, weiß nicht, was passiert ist. Krampfhaft versucht sie, in ihrem Inneren wieder die Sabine zu finden, die sie vor der Zeremonie im Keller gewesen ist. Aber diese Sabine habe ich vertrieben.

Ich habe sie absichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Damit ich auf den Grund ihrer Seele sehen kann, brauche ich sie verletzlich, ohne die Maske aus aufgesetzter Fröhlichkeit, die sie so gern vor sich herträgt. Hätte ich sie zu schnell wieder aufgerichtet, hätte ihr dies das Gefühl von Überlegenheit gegeben, und das kann ich nicht gebrauchen. Erfahrung und Verstand sagen mir das, trotzdem versetzt ihr Anblick mir einen Stich. Einer der seltsamen Widersprüche meines Lifestyles.

Langsam, von hinter einer Säule, nähere ich mich ihr. Der Barkeeper schenkt ein neues Glas ein, doch ehe sie es aufnimmt und zum Mund führt, liegt meine Hand darauf. Ihre Lider wirken schwer und ihr Kopf noch schwerer, als sie mich mit gerunzelter Stirn ansieht.

„Ich werde dir ein Taxi rufen“, sage ich bestimmt und stelle das Glas weit weg.

„Du bist nicht mein Boss“, murmelt sie und angelt danach, aber ich nehme ihre Finger zwischen meine. Sie blinzelt überrascht, als meine Hand ihre heißen Fingerspitzen kühlt. Nur einen Augenblick später entzieht sie sich mir. „Außerdem wohne ich hier im Cast… Ca… Castellino.“

„Dann bringe ich dich auf dein Zimmer.“

Sie lacht zittrig auf. „Vergiss es. Das hast du dir versaut. Mit dir geh ich nicht auf mein Zimmer.“

Ah. Da ist sie wieder. Klein und unsicher noch, aber das ist die Sabine, die zu laut lacht und offenbar nie gelernt hat, sich zurückzuhalten, wenn es darum geht, ihre Gedanken ungefiltert auszusprechen. Ich schiebe das Glas dem Barkeeper zu.

„Kippen Sie das weg.“

„Hey!“, protestiert Sabine, aber ich packe sie unter den Knien und hebe sie vom Barhocker. Wenn sie nicht abstürzen will, muss sie sich an mir festhalten. Ich genieße den Moment, als sie gegen mich fällt und ihre Arme um meine Schultern schmiegt. Gleichzeitig strampelt sie mit beiden Beinen und versucht, von mir loszukommen. Wie ich es mir gedacht habe, sie weiß selbst nicht, was sie will.

„Halt still“, knurre ich sie an, kralle meine Finger in ihren Schenkel, und ihre Gegenwehr erstirbt. Ich sehe, wie Niccolo von dem Geturtel mit seiner Frau aufschaut und in meine Richtung blickt. Dann entdeckt mich auch Clara und sieht, was ich tue. Vielleicht stecke ich jetzt in der Scheiße. Es ist mir egal. Sabine ist mir in diesem Moment wichtiger, und die braucht jetzt ein bisschen Halt.

Auf dem Weg in die Empfangshalle, wo dick gepolsterte Sitzgruppen unter den inzwischen mit nachtschwarzem Himmel gefüllten Fenstern zum Hineinsinken einladen, halte ich eine zierliche Kellnerin an. „Bringen Sie mir einen Becher heiße Schokolade und Pralinen“, verlange ich. Das Mädchen erkennt einen Befehl, wenn sie ihn hört, und eilt davon.

„Falls du vorhast, mich mit Schokolade zu verführen, dann …“

„Ich habe dich bereits verführt, Gattina“, erinnere ich sie und trinke ihre Fassungslosigkeit. Meine Brüskheit hat ihr die Sprache verschlagen, und ich wäre nicht der Mann, der ich bin, wenn ich diesen Sieg nicht genießen würde. Mit ihr in den Armen lasse ich mich auf eines der Sofas fallen. Sofort beginnt sie wieder zu strampeln, um von mir wegzukommen, aber ich werde den Teufel tun, sie loszulassen. Ich presse eine Hand zwischen ihre Brüste, um sie niederzuhalten. Mein kleiner Finger streift dabei ihre Brustwarze. Hart. Erregt. Weiter wandert mein Blick zu dem Puls an ihrer Halsschlagader. Das Blut hämmert. Röte kriecht in ihr Gesicht, und ihre Pupillen sind geweitet. Sie bemerkt meinen Blick, presst die Lippen zusammen. Ich grinse sie an, sie darf ruhig wissen, dass sie durchschaut ist.