Verlag: MIRA Taschenbuch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Club Burlesque 1 - Blue Angel E-Book

Logan Belle  

4.78571428571429 (14)

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E-Book-Beschreibung Club Burlesque 1 - Blue Angel - Logan Belle

Erotische Musik, glamouröse Kostüme, nackte Haut - der jungen Juristin Mallory ist die Burlesque-Show, zu der ihr Freund Alec sie eingeladen hat, ziemlich fremd. Doch dann zieht die faszinierende Tänzerin Bette sie auf die Bühne, und Mallorys bislang geordnetes Leben gerät gehörig aus den Fugen. Sie wird geradezu süchtig nach der aufregend dekadenten Burlesque-Szene - und nach Bette, die sie in die Kunst des stilvollen Striptease und in unwiderstehlich sinnliche Vergnügungen einführt. Bis Mallory sich plötzlich entscheiden muss: zwischen der neuen, verlockenden Welt … und ihrer großen Liebe Alec!

Meinungen über das E-Book Club Burlesque 1 - Blue Angel - Logan Belle

E-Book-Leseprobe Club Burlesque 1 - Blue Angel - Logan Belle

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

Blue Angel

Copyright © 2011 by Logan Bell

Published by arrangement with Kensington Publishing Corp.,

New York NY, USA

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Redaktion:Maya Gause

Titelabbildung: Thinkstock / Getty Images, München

eBook-Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN eBook 9783955766085

www.mira-taschenbuch.de

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WIDMUNG

Tanzen erzeugt Wärme, welche die Mutter des Übermuts ist.

Und dieser, Sir, ist der Urgroßvater der Untreue.

HENRY FIELDING

I’m a free bitch, baby.

LADY GAGA

DANKSAGUNG

Vielen Dank an Alicia Condon, meine großartige Verlegerin, die sofort begriffen hat, was den Charme von Blue Angel ausmacht. Ein schöneres Zuhause hätte mein Buch gar nicht finden können.

Inspiriert haben mich viele Frauen in der New Yorker Burlesque-Szene – ohne sie wäre dieser Roman nie entstanden. Ganz besonders möchte ich Gigi La Femme erwähnen. Sie hat sich viel Zeit dafür genommen, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Dank gebührt auch Jo Weldon, der Begründerin der New York School of Burlesque. Mit ihrem Burlesque Handbook konnte ich Mallory auf ihre Auftritte „vorbereiten“.

Ein weiteres Dankeschön geht nach L. A.: Courtney Cruz ist als Produzentin wie als Künstlerin einfach fantastisch.

Last but not least: Adam Chromy – Mentor, Muse und Gleichgesinnter: Von dir habe ich gelernt, so lange an einem Text zu feilen, bis alles stimmt.

1. KAPITEL

Während der gesamten Taxifahrt sprach er von nichts anderem als von der Überraschung, die er für sie hatte.

„So was mag ich überhaupt nicht“, sagte Mallory und folgte ihm in das dunkle, unscheinbare Gebäude in einer Seitenstraße der Bowery Street.

„Aber du hast doch Geburtstag! Was wäre ein Geburtstag ohne eine Überraschung?“

Er zwinkerte ihr zu, und sie konnte nicht anders, sie musste ihn anlächeln. So war das mit Alec: So sehr er ihr auch manchmal auf die Nerven ging – lange konnte sie ihm nie böse sein. Dafür liebte sie ihn viel zu sehr.

Und warum hätte sie auch schlechte Laune haben sollen? Nach drei Jahren Fernbeziehung waren sie endlich zusammengezogen. Mallory hatte ihr Jurastudium abgeschlossen und arbeitete jetzt in einer Anwaltskanzlei. Sie verdiente gut. Und ja, sie hatte Geburtstag – es war sogar ein besonderer, der fünfundzwanzigste. Alec wollte ihr ihre neue Stadt zeigen. Ein spannender, romantischer Abend sollte es werden.

Allerdings schien es sich bei ihrem geheimnisvollen Ziel nicht um ein lauschiges Restaurant zu handeln.

Im Eingangsbereich begrüßte sie eine Frau mit einem Klemmbrett. Sie hatte ein Schmetterlingstattoo am Hals und ein bildhübsches Gesicht. Was hinter ihr vor sich ging, konnte Mallory nicht erkennen, denn ein blauer Samtvorhang nahm ihr die Sicht.

„Alec Martin und Mallory Dale. Wir stehen auf der Liste“, sagte Alec und nahm Mallorys Hand.

Als sie den nächsten Raum betraten, erkannte Mallory, dass es sich um eine Art Bar handelte. Mit Stühlen, einer Bühne und … Zwergen. Mindestens zwei. Sie sah eine Frau mit bloßen Brüsten, die nur einen Hüftgürtel, Seidenstrümpfe mit schwarzer Borte und Stilettos aus rotem Lackleder trug. Dann war da noch ein Mann. Mit der Peitsche in der Hand sah er aus wie ein Cowboy auf dem Weg zum Rodeo.

„Wo zum Teufel sind wir hier?“, wollte Mallory wissen.

„Im Blue Angel. Einem Burlesque-Club.“ Alec strahlte sie an, als habe er ihr soeben einen Diamantring geschenkt.

Burlesque – zu diesem Thema sollte Alec bei Gruff, dem Popkultur-Magazin, für das er arbeitete, einen Artikel abliefern. Der perfekte Vorwand, um ständig andere Frauen zu begutachten.

„Wir verbringen meinen Geburtstag mit Recherchen für deinen Job?“

Er führte sie an den Tisch, der am nächsten zur Bühne stand. Im Raum gab es sonst keinen einzigen freien Platz mehr, aber ihrer war reserviert. Ihr war klar, dass sie dieses Privileg Gruff verdankten. Der Eigentümer der Zeitschrift, Billy Barton, hatte Geld wie Heu. Alec kannte ihn über das Absolventennetzwerk der University of Pennsylvania, in dem er fleißig seine Fäden spann. Anders als Alec und die meisten ihrer gemeinsamen Freunde, die erst seit wenigen Jahren in New York lebten, standen Billy alle Türen offen. Eine Tischreservierung im Blue Angel gehörte zu seinen leichtesten Übungen.

„Nein“, erwiderte Alec. „Du hast Geburtstag, und wir probieren etwas Besonderes aus, an dem du bestimmt Spaß hast. Zufällig schreibe ich auch darüber. Und jetzt warte einen Moment – ich hole uns schnell ein paar Drinks.“

Er verschwand, bevor sie etwas sagen konnte.

Mallory wünschte, sie hätte für diesen Abend ein anderes Outfit ausgewählt. Ihr langer Rock mit Hahnentrittmuster erschien ihr viel zu brav. In ihrer Umgebung wurde viel Bein gezeigt: nackte Beine, Strapse, Netzstrumpfhosen und High Heels. Wenigstens trug sie einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover, dachte sich Mallory. Insgesamt war sie also nicht overdressed. In einer Ecke am anderen Ende des Raumes unterhielten sich zwei Frauen angeregt mit dem Cowboy von vorhin. Eine von ihnen, die einen Mantel aus Leopardenkunstfell trug, war Mallory beim Betreten des Raumes sofort aufgefallen. Kein Wunder: Sie sah fantastisch aus, wie ein Model, und war perfekt gestylt, hatte einen dramatisch-blassen Teint und volle rote Lippen. Ihr glattes schwarzes Haar trug sie zu einem strengen Bob frisiert. Als spüre sie, dass Mallory sie anstarrte, drehte die Frau sich um, und ein scharfer Blick aus blauen Augen traf Mallory. Sie erschrak und wandte sich rasch ab. Doch als sie es wagte, noch einmal kurz zu der Frau hinüberzuschauen, stellte sie fest, dass sie weiterhin genau in ihre Richtung sah, als habe sie mit Mallorys ungebrochener Aufmerksamkeit gerechnet. Sie blickten einander direkt an, und Mallory fühlte ein leichtes Flattern im Magen.

„Hey“, sagte Alec, als er sich wieder neben sie setzte und ihr eine Flasche Stella Artois zuschob. „Du bist doch nicht etwa sauer, oder?“

Mallory nahm das Bier entgegen und versuchte, nicht schon wieder mit den Augen nach der schwarzhaarigen Schönheit zu suchen. „Wie bitte? Ach, na ja. Ein bisschen vielleicht. Gib’s zu, Alec – dir ist es nur recht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Du musst recherchieren, ich habe Geburtstag, also lotst du mich hierher, und fertig. Wie ich gern feiern würde, interessiert dich dabei nicht im Geringsten.“

Sie konnte sich selbst kaum zuhören, fand sich unerträglich. Aber sie machte sich Sorgen. Hier ging es nicht nur um ihren Geburtstag, sondern um sie beide, als Paar. Es fiel ihr schwer, sich das einzugestehen, aber seit sie vor einem halben Jahr nach Manhattan gezogen war, hatte sich zwischen ihnen etwas verändert, etwas stimmte nicht mehr. Alec musste sich in der gnadenlosen New Yorker Medienwelt behaupten, die ihn zu verschlingen drohte. Sie selbst schuftete in der Kanzlei und paukte parallel für das Staatsexamen, das sie nach dem Universitätsexamen ablegen musste. Einmal war sie schon durchgefallen. Zu allem Überfluss fing er immer wieder davon an, sie sollten sich doch eine Frau suchen, für einen Dreier. Anfangs hatte sie das für einen Versuch gehalten, sie zu schockieren. Doch bald war ihr klar geworden: Er meinte es ernst. Aus Unsicherheit, welche Reaktion er von ihr erwartete, hatte sie beschlossen, die Sache zu ignorieren.

Es war nicht so, dass der Gedanke an Sex mit einer Frau sie verstört hätte. Früher hatte sie sich immer mal wieder ein bisschen in Mädchen verknallt, zum Beispiel in Carly Klein damals im Ferienlager. Die trug sogar bei sengender Hitze Kniestrümpfe, und bei Mannschaftsspielen drosch sie auf den Ball ein, als gehe es um olympisches Gold. Mallory hatte sogar einen erotischen Traum gehabt, in dem Carly vorkam, und sich deswegen wochenlang schuldig gefühlt. Aber das hier war kein Sommerlager, und sie schwärmte nicht mehr für andere Mädchen. Sie war erwachsen, und sie war Teil eines Paares zweier erwachsener Menschen.

Alec legte seine Hand auf ihre, doch ehe er erklären konnte, wie sehr sie sich irrte, dröhnte Lady Gagas „Beautiful, Dirty, Rich“ durch den Raum. Die Beleuchtung wurde gedimmt, und der dicke blaue Bühnenvorhang öffnete sich langsam.

Der Cowboy trat ins Scheinwerferlicht. Aus der Menge erklangen Rufe und Applaus.

„Meine Damen … und ihr ungehobelten Kreaturen, die Sie gezwungenermaßen heute Abend mitgebracht haben“, wandte er sich an das Publikum. „Willkommen im Blue Angel!“

Er ließ die Peitsche knallen, und Mallory wäre fast von ihrem Stuhl aufgesprungen.

Das Geschrei aus dem Publikum steigerte sich. Unwillkürlich fühlte Mallory, wie ein leichtes Gefühl der Aufregung von ihr Besitz ergriff. Die Energie, die sich ausbreitete, war ähnlich wie bei einem Rockkonzert. Sie wollte Alec nicht die Befriedigung gönnen, sie lächeln zu sehen. Denn was auch immer er zu seiner Verteidigung vorbrachte, sie wusste, dass es heute Abend nur um seinen Artikel ging. Aber zum ersten Mal, seit sie den Club betreten hatte, war sie ein klein wenig gespannt, was gleich geschehen würde.

Allerdings verspürte sie bei der Erinnerung an vergleichbare Orte, die sie kannte, nur wenig Optimismus. In ihrem zweiten Jahr am College in Philadelphia hatte sie einen Stripclub besucht, später einen zweiten, kurz nach ihrem Umzug nach New York. Beide hatte sie furchtbar gefunden. Die Mädchen wirkten unglücklich, und sie war sich wie eine Perverse vorgekommen, weil sie sie angesehen hatte. Als sie ihnen Geld gab, fühlte sie sich selbst wie entblößt. Ihre Freundinnen hatten damals über sie gelacht und meinten, sie solle alles ein bisschen leichter nehmen. Aber – verdammt noch mal! – sie hatte Frauen- und Genderforschung als Nebenfach gewählt. Da konnte sie nicht einfach einen Club betreten und ihren Verstand an der Garderobe abgeben.

Es bereitete Mallory großes Unbehagen, nicht zu wissen, wohin sie schauen oder was sie mit ihren Händen anstellen sollte. Sie empfand Mitleid mit den Tänzerinnen und schämte sich, überhaupt hier zu sein. So kämpfte Mallory gegen ihre Nervosität an, als das erste Mädchen die Bühne betrat. Aber die Menge war lebhaft, fast wild, und ihr wurde bewusst, dass sie als Einzige im ganzen Club keinen Laut von sich gab. Besonders Alec johlte und klatschte. Er schaute zu ihr hinüber, ganz kurz nur, und zwinkerte ihr zu.

Mallory richtete den Blick wieder auf die Bühne. Der Song „Diamonds Are A Girl’s Best Friend“ erklang, und die Scheinwerfer tauchten die Tänzerin in ein intensives Purpurrot. Sie war blond und trug erstaunlich viel Kleidung: lange, pinkfarbene Kunstlederstiefel mit Plateauabsätzen, ein weißes Korsett, lange weiße Handschuhe und in beiden Händen riesengroße Fächer aus rosa und weißen Federn. Damit wedelte das Mädchen gekonnt herum, sodass sie manchmal ihr Gesicht und den größten Teil ihres Körpers verdeckten, dann wieder verbarg sie nur ihren Körper dahinter und bedachte ihr Publikum mit einem koketten Lächeln. Als die Pfiffe und der Lärm ihren Höhepunkt erreichten, warf sie die Fächer beiseite, stand breitbeinig auf der Bühne und zog sich langsam einen Handschuh aus. Das Gejohle im Zuschauerraum war so laut, als habe sie gerade ihre Brüste entblößt. Zogen sich die Frauen in diesen Shows etwa ganz nackt aus? Mallory wusste nicht, was sie zu erwarten hatte.

Langsam, ganz langsam, schälte sich die Blondine aus ihrem Kostüm, zuerst aus den Handschuhen, dann aus den Stiefeln. Schließlich drehte sie dem Publikum den Rücken zu und öffnete langsam den Reißverschluss ihres Korsetts – so langsam, dass Mallory feststellen musste: Sie wartete ungeduldig darauf, dass die Frau das Korsett endlich auszog. Als sie es endlich abschüttelte und sich, die Hände über den Brüsten, dem Publikum zuwandte, hielt Mallory den Atem an.

Die Tänzerin zog die Hände weg, nahm eine Pose ein, mit der sie Madonna im „Vogue“-Video imitierte. Ihre Brüste waren klein, fest und perfekt geformt; rote, paillettenbesetzte Blumen bedeckten die Brustwarzen. Als sie mit diesen Pasties und ihrem roten Tanga zu tanzen begann, empfand Mallory Erleichterung und Enttäuschung zugleich – die Künstlerin würde sich wohl doch nicht ganz nackt ausziehen.

Die Menge tobte, und auch Mallory ließ nun ihrer Begeisterung freien Lauf und klatschte. Die junge Frau genoss den Beifall, trat mit wiegenden Bewegungen an den Bühnenrand, drehte sich um und beugte sich langsam vor, um den Zuschauern ihren Hintern zu präsentieren. Sie kniff frech in ihre beiden Pobacken.

Erneut stieg der Jubel an, obwohl Mallory schon vorher gedacht hatte, lauter gehe es nicht.

Der Rodeomann betrat die Bühne.

„Auf, noch eine Runde, noch mehr Applaus für Poppy LaRue“, spornte er die Gäste an. Die Leute waren völlig aus dem Häuschen.

„Und, was meinst du?“, fragte Alec und kniff ihr in den Oberschenkel.

„Es … Es hat mir gefallen“, erwiderte Mallory.

„Das wusste ich.“ Er lehnte sich zu ihr hinüber und küsste sie auf die Wange.

Der Cowboy hielt einen kurzen, erstaunlich geistreichen Monolog voller lustiger politischer Anspielungen und Verweise auf die Pop-Kultur. Da ließ sich Billy Barton auf dem Sitz neben Alec nieder. Er trug ein lavendelfarbenes Hemd und lila Hosenträger. Gut aussehend und reich, wie er war, konnte er sich erlauben, wie Scott Disick in Keeping Up with the Kardashians herumzulaufen.

„Habe ich was verpasst?“, erkundigte er sich ein wenig zu laut.

„Weiß ich nicht. Hat er das, Mal?“

Sie rollte mit den Augen.

„Meine Damen und Herren, hier ist sie, die fantastische, die unvergleichliche, die gefährliche … Bette Noir.“

Die Stammgäste im Publikum skandierten den Vornamen der Tänzerin. Noch blieb der Vorhang geschlossen, aber die ersten Töne von Marilyn Mansons „I Put a Spell On You“ erklangen. Als die leisen, geheimnisvollen Eröffnungstakte den Raum erfüllten, teilte sich der blaue Stoff und gab die Sicht frei auf zwei Holzstühle und einen kleinen Tisch mit einer Kristallkugel. Auf einem der Stühle hockte eine Frau, die sich einen großen schwarzen Hexenhut ins Gesicht gezogen hatte.

Langsam erhob sie sich, und man konnte erkennen, dass sie ihren Körper unter einem langen schwarzen Kleid verbarg. Sie schwankte und schaute direkt in die Zuschauermenge, übellaunig und abwehrend. Da begriff Mallory, dass sie es war – die unglaublich attraktive Frau im Leopardenmantel.

Mallory kannte den Song gut. Vor langer Zeit hatte sie ihn zum ersten Mal in einem David-Lynch-Film gehört und ihn sofort geliebt. Das war schon viele Jahre her, aber sie erinnerte sich an das Crescendo gleich zu Beginn, und als die Musik diesen ersten Höhepunkt erreichte, zog die Tänzerin das schwarze Kleid aus, um dem Publikum ihren vollkommenen Körper darzubieten. Nun trug sie nur noch einen winzigen BH, ein schwarzes Spitzenhöschen, Strümpfe mit schwarzer Borte, einen Gürtel und Lederstilettos mit hohen Absätzen. In einer Hand hielt sie einen glänzenden schwarzen Zauberstab. Als sie den Blick auf die Zuschauer richtete, konzentrierte sie sich auf Mallory.

Und dann – zuerst glaubte Mallory, sie bilde sich das nur ein – zeigte sie mit dem Stab auf sie und bedeutete ihr durch Gesten, sie solle auf die Bühne kommen.

Mallory wandte sich ab, tat so, als sei ihr die Aufforderung entgangen. Aber die Menge feuerte sie an, und der Cowboy schien sie darin zu bestärken. Dieser verdammte Billy Barton, der ihnen Plätze in der ersten Reihe besorgt hatte! Hilfesuchend drehte sie sich zu Alec, aber der lachte nur und wies mit der Hand auf die Bühne.

Wie genau sie nach oben gekommen war, würde sie nie mit Sicherheit sagen können. Doch plötzlich fand sie sich auf einem der Holzstühle wieder, vor der Kristallkugel, während Bette Noir um sie herumtanzte. Dann ließ die andere sich ihr gegenüber nieder, wandte ihr den Rücken zu und wies sie wortlos an, sie solle ihr den BH öffnen.

Obwohl ihre Hände zitterten, gelang es Mallory irgendwie, den Metallverschluss zu lösen. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die blasse Haut der Frau, die sich wunderbar weich anfühlte. Und als Bette sich umdrehte, um sie anzusehen, ihr die bloßen Brüste hinhielt, fühlte sich Mallory, als seien sie beide allein auf der Welt. Die Menge und die Musik hörte sie nicht mehr, sie hätte nicht einmal sagen können, ob Bette mit ihr sprach – aber sie nahm etwas wahr: Die Tänzerin befahl ihr, das Oberteil auszuziehen. Mallory gehorchte nur, weil sie nicht die Verantwortung dafür übernehmen wollte, die fantastische Aufführung zu ruinieren. Ihr Zögern dauerte vielleicht zwanzig Sekunden. Dann, während ihr das Adrenalin durch die Adern rauschte, zog sich Mallory langsam den Pullover aus.

Bette lächelte nicht, reagierte nicht einmal mit einem Aufschlag ihrer falschen Wimpern. Ganz ruhig nahm sie Mallory den Rollkragenpullover ab, lief zu einer Ecke der Bühne und warf ihn auf den Sitz, aus dem ihre Mallory aufgestanden war. Die Menge tobte – ja, jetzt konnte sie es auch hören, als habe man bei einem Fernseher die Stummschaltung rückgängig gemacht. Mallory, die jetzt nur noch ihren Rock und ihren weißen BH trug, spürte, wie ihr Herz klopfte. Sie fragte sich, wie viel länger sie noch auf der Bühne bleiben musste, doch gleichzeitig wollte sie nicht gehen. Ihr war, als sei sie auf eine ganz neue Weise lebendig. Alles fühlte sich lauter, heller und größer an als das Dasein, das außerhalb der Bühne stattfand. Ihr wurde schwindlig, und um einen Halt zu finden, suchte sie mit den Augen Alec unter den Zuschauern. Sie erkannte, dass sein Blick fest auf sie gerichtet war, nur auf sie. Tief atmete sie ein, blieb regungslos stehen, während Bette um sie herumwirbelte und die Zuschauer immer mehr in Begeisterung versetzte. Die Tänzerin, nur mit einem diamantbesetzten Tanga bekleidet, auf unglaublich hohen High Heels, wiegte sich im Rhythmus und schwang den Zauberstab. Immer weiter tanzte sie, ihre Choreografie war perfekt.

Und dann fiel der Vorhang.

Poppy LaRue spähte in den Zuschauerraum. Sie konnte kaum glauben, dass Bette die Brünette zu sich auf die Bühne gezogen hatte. Sie hatte sich seit ihrem Auftritt noch nicht wieder richtig beruhigt – purer Sadismus von Agnes, Poppy als Erste auftreten zu lassen, obwohl es erst ihr zweiter Abend als Tänzerin war. Das hätte sie ihrer Chefin gern gesagt, aber die war zu sehr damit beschäftigt, Bette anzuschreien, weil sie jemanden aus dem Publikum zu sich geholt hatte.

„Was denkst du dir eigentlich? Wir sind doch hier nicht im Zirkus!“ Agnes schäumte vor Wut, und ihr polnischer Akzent war stärker denn je. Agnieszka Wieczorek, eine frühere Ballerina aus Warschau und die jetzige Besitzerin des Blue Angel, mochte es nicht, wenn jemand gegen die Regeln verstieß.

„Natürlich sind wir das“, antwortete Bette, die sich in aller Ruhe eine Zigarette anzündete. „Warum, glaubst du, kommen diese Leute sonst her?“ Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihrer Chefin vorbei in die Garderobe. Sie schloss die Tür so fest hinter sich, dass es knallte.

Wer anders als Bette Noir hätte sich so etwas erlauben können?

„Meine Schuhe sind noch da drin“, sagte Poppy. Agnes murmelte etwas in ihrer Muttersprache, deutete nur vage in Richtung der geschlossenen Tür, Widerwillen im Gesicht.

Poppy wartete, bis die Chefin sich entfernt hatte, klopfte dann leise.

„Verpiss dich“, erklang es von drinnen.

„Ich bin’s, Poppy.“ Sie interpretierte das Ausbleiben einer Antwort als Einladung, das Zimmer zu betreten. Als sie vor sechs Monaten angefangen hatte, im Blue Angel zu arbeiten, wäre sie Bette Noir niemals gefolgt, nachdem diese sich zurückgezogen hatte. Aber inzwischen hatten sie sich einander so weit angenähert, dass sie es sich traute. Außerdem hoffte sie, Bette noch viel näher zu kommen. Sie wusste, dass Bette sich nur für Frauen interessierte. Poppy hatte noch nie Sex mit einer Frau gehabt, aber wenn es das war, was die erfahrene Tänzerin dazu bringen würde, sich ihrer anzunehmen und sie in die Kunst einzuweisen, dann hatte Poppy damit überhaupt kein Problem.

„Ich glaube nicht, dass Agnes wirklich wütend auf dich ist“, sagte Poppy. Sie blieb kurz vor dem Spiegel stehen und konnte nicht anders, als sich selbst zu bewundern. Vor Kurzem hatte sie sich ihr weißblondes Haar zu einem kinnlangen Bob schneiden lassen, sehr ähnlich dem, den Bette Noir trug. Beide hatten helle Haut und blaue Augen; allerdings war Poppy ein paar Zentimeter größer als Bette. Mit ihren eins fünfundsiebzig war sie immer zufrieden gewesen, doch seit sie ihre Kollegin getroffen hatte, ertappte sie sich bei dem Wunsch, ein wenig kleiner zu sein. Alles an Bette schien ihr vollkommener, geeigneter für die Burlesque, exklusiver. Vom Größenunterschied einmal abgesehen, gefiel Poppy der Gedanke, dass sie mit dem schwarzen und weißblonden Bob wie Fotonegative voneinander waren. Immer öfter malte sie sich aus, wie es wäre, mit Bette Sex zu haben, der gelungeren Version ihrer selbst.

„Das ist mir eigentlich ziemlich egal“, meinte Bette und sah von ihrem iPhone auf, richtete ihre Katzenaugen, die Poppy ganz nervös machten, auf ihre Kollegin. „Ich werde bestimmt nicht mein ganzes Leben lang hier arbeiten und 150 Dollar pro Nacht verdienen. Weißt du, wer da an dem Tisch saß?“

„Die Frau, die du zu dir auf die Bühne gezogen hast? Kenne ich nicht – eine Schauspielerin?“

„Die doch nicht! Der Typ mit den albernen Hosenträgern.“

Jetzt war es Poppy, die sich albern vorkam. War das jemand vom Film? Sie hatte ihn kaum beachtet. Am besten, sie sagte gar nichts, beschloss sie. Bette würde es ihr sowieso erzählen.

„Das war Billy Barton“, kam auch schon die Erklärung. Als Poppy noch immer nicht reagierte, seufzte Bette ungeduldig. „Dem gehört das Gruff – Magazin. Das kennst du ja wohl, oder? Die haben jedes Jahr eine Ausgabe mit dem Motto ‚Hot‘. Ich glaube, letztes Jahr gab es ein Cover mit Megan Fox.“

„Ach ja, klar. Das lese ich immer“, log Poppy.

„Jedenfalls war Billy Barton hier – heute Abend! Eine große Sache, Poppy. Wenn das Magazin einen Artikel über den Club druckt, kommen vielleicht ein paar wichtige Leute her. Nicht nur diese notgeilen Kids aus New York.“

„Cool. Also, wollen wir was trinken gehen?“

Bette drehte sich abrupt auf ihrem Stuhl um, schaute sich Poppy ganz genau an. Musterte sie von oben bis unten und ließ dabei den Blick besonders lange auf ihren Brüsten verweilen. Poppy, die über Pasties und String-Tanga einen Satinmorgenmantel trug, fühlte sich nackter als vorhin auf der Bühne vor fünfzig Fremden. Sie zwang sich, still stehenzubleiben.

Bette erhob sich, sodass ihre Gesichter fast auf gleicher Höhe waren. Streckte die Hand aus und schob sie unter Poppys Mantel, schloss sie um deren Brust. Poppy wagte kaum zu atmen. Monatelang hatte Bette sie ignoriert. Nie zuvor hatte sie so stark den Eindruck gehabt, für eine andere Person unsichtbar zu sein.

Aber jetzt war alles anders.

„Nimm die Dinger mal ab“, forderte Bette sie auf und fuhr mit dem Daumen über die mit roten Pailletten besetzten Blumen, die Poppys Brustwarzen bedeckten. Bette setzte sich wieder hin, zufrieden mit der Zuschauerrolle, während Poppy langsam die Pasties entfernte. Im Hintergrund konnte sie die Klänge von Peggy Lees „Fever“ hören. Cookies ’n’ Cream war gerade mit ihrer Nummer dran, der letzten des Abends. Normalerweise übernahm Bette diesen Auftritt. Aber sie und Cookie hatten irgendeine verrückte Wette abgeschlossen, und Cookie hatte gewonnen. Poppy wusste nicht einmal, worum es ging. Sie fühlte sich so sehr als Außenseiterin und fragte sich, wann sich das wohl ändern würde. Wie lange würde sie im Blue Angel arbeiten müssen, bevor sie wirklich verstand, wie die Dinge hier liefen? Ein Jahr? Zwei?

Aber all das war jetzt egal. Jetzt zählte nur, dass ihr Morgenmantel auf dem Boden lag, sie ihre Pasties in der Hand hielt und Bettes Blick auf ihre bloßen Brüste geheftet war.

Poppy beschloss, die Initiative zu ergreifen. Das hatte sie zu ihrem neuen Mantra erklärt. Sie hatte es aus dem Fernsehen oder einer Zeitschrift. Oder irgendwoher, wo Leute mit Durchblick einem vermittelten, worauf es ankam. Warte nicht darauf, dass dir Dinge passieren, sondern werde selbst aktiv.

Sie trat einen Schritt nach vorn und sah Bette fest an. Es war eine verstörende Erfahrung, aber zum ersten Mal in ihrem Leben, das musste sie zugeben, hatte sie eine Frau kennengelernt, die attraktiver war als sie selbst.

„Mir ist heute Abend nicht nach Drinks“, erklärte Bette.

Damit wandte sie sich wieder ihrem iPhone zu.

2. KAPITEL

„Mit euch wird es nie langweilig“, meinte Billy Barton, während er auf der Bowery Street ein Taxi anhielt. Es war Mitternacht, und es schien, als sei ganz New York unterwegs. Taxis gab es nur wenige, aber Mallory hätte auch nichts dagegen gehabt, ein paar Blocks zu laufen. Sie befand sich noch immer im Adrenalinrausch.

„Es wird sogar immer aufregender“, erwiderte Alec. Seinem Ton konnte sie nicht entnehmen, ob ihm die Entwicklung des Abends gefallen hatte, oder ob er sauer auf sie war. Seit die Frau sie auf die Bühne gezogen hatte, war er schweigsam geworden. Weil aber Billy Barton für zwei redete, ließ sich nur schwer feststellen, ob Alecs Zurückhaltung etwas zu bedeuten hatte.

„Kann man wohl sagen“, lautete Billys Antwort. Dieser Kerl machte Mallory wahnsinnig. Seine affige Kleidung und die herablassende Art den Kellnern gegenüber stießen sie ab. Auch der Gedanke, dass er es war, der Alecs Gehaltsscheck unterschrieb, missfiel ihr– ebenso wie der, dass Billy mehr über New York City wusste, als sie selbst jemals in Erfahrung bringen konnte. Billy Barton gehörte zu den gebürtigen New Yorkern, die sich selbst für Angehörige einer besonderen, im Universum einzigartigen Spezies hielten. Außerdem war Mallory wütend, weil sie ihn am Hals hatte, und das an ihrem Geburtstag. „Wollt ihr beide mitkommen? Ich treffe ein paar Leute im ‚Standard‘. Die könnten interessant für dich sein, Alec.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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