Club Dead - Charlaine Harris - E-Book
Beschreibung

Sookie Stackhouse hat nur mit einem Vampir freiwillig Umgang, und das ist ihr Geliebter Bill. Aber er ist in letzter Zeit so distanziert - und außerdem in einem anderen Staat. Sein finsterer, attraktiver Chef Eric hat eine Idee, wo er sein könnte. Ehe sich Sookie versieht, ist sie in Jackson, Mississippi, um sich in der Unter-Unterwelt des Club Dead umzusehen. Das ist ein gefährlicher kleiner Laden, in dem sich die elitäre Vampirgesellschaft trifft, um auszuspannen und sich einen Schluck Null Rhesus Negativ zu gönnen. Aber als Sookie Bill endlich findet - und ihn bei einem schlimmen Verrat erwischt -, ist sie nicht sicher, ob sie ihn retten ... oder ein paar Pflöcke anspitzen soll. Die Geschichten, in die Sookie und ihr Geliebter Bill im Fortgang der Reihe verwickelt werden, sind eine wundervolle Mischung aus Mystery und Phantastik, in der auch mit spannenden Krimianteilen und einem guten Schuss Erotik nicht gespart wird.

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Seitenzahl:494

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Beliebtheit


Autor: Charlaine Harris

Deutsch von: Dorothee Danzmann

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Martina Nöth und Thomas Russow

Umschlaggestaltung und Satz: Oliver Graute

© Charlaine Harris Schulz 2003

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2005

E-Book-Ausgabe 2013

Originaltitel: Club Dead

ISBN 978-3-86762-174-8

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-86762-057-4

Club Dead ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Charlaine Harris Schulz 2003. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung

liegen bei Charlaine Harris Schulz.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Ich widme dieses Buch Timothy Schulz, dem mittleren meiner drei Kinder, der mir klipp und klar gesagt hat, er wünsche sich ein Buch nur für sich allein.

Mein Dank gilt Lisa Weissenbuehler, Kerie L. Nickel, Marie La Salle und der unvergleichlichen Doris Ann Norris für ihre Anregungen in bezug auf große und kleine Kofferräume. Weiterer Dank gilt Janet Davis und Irene und Sonya Sticklin, Mitbürgerinnen im Cyberspace von DorothyL, für ihre Informationen über Bars, Kartenspiele und die Struktur der Gemeindeverwaltungen in Louisiana. Joan Coffey steuerte mehr als großzügig Informationen über Jackson bei. Die wunderbare, überaus hilfsbereite Jane Lee kutschierte mich stundenlang in Jackson herum und ließ sich dabei voll und ganz auf die Suche nach dem idealen Standort für eine Vampir-Bar ein.

Kapitel 1

Bill hockte über den Computer gebeugt, als ich die Tür zu seinem Haus aufschloß und eintrat. Leider war mir dieser Anblick in den letzten Monaten nur allzu vertraut geworden. Anfangs hatte sich mein Liebster noch von der Arbeit losgerissen, sobald ich nach Hause kam, doch seit ein paar Wochen jedoch konnte davon keine Rede mehr sein. Anscheinend übte die Tastatur seines Rechners auf ihn eine weit stärkere Anziehungskraft aus als ich.

„Hallo Schatz“, sagte mein Vampir geistesabwesend, den Blick unverwandt auf den Schirm gerichtet. Auf dem Schreibtisch neben der Tastatur thronte eine leere Flasche TrueBlood O. Das Essen hatte er also wenigstens nicht vergessen.

Bill ist kein Typ für Jeans und T-Shirts. An diesem Abend trug er eine Khakihose und dazu ein Karohemd in gedämpften Grün- und Blautönen. Seine Haut schimmerte, sein dichtes schwarzes Haar roch nach Kräuteressenzen. Bei seinem Anblick wäre jede Frau von einem heftigen Hormonschub heimgesucht worden! Ich küßte seinen Nacken – er reagierte nicht. Ich leckte zart sein Ohr – wieder nichts.

Ich hatte gerade eine Sechsstundenschicht im Merlottes hinter mir. Sechs Stunden kellnern, immer auf den Beinen, und jedesmal, wenn ein Gast zu wenig Trinkgeld hinterlassen oder irgendein Idiot versucht hatte, mir den Po zu tätscheln, hatte ich mir gesagt, daß ich ja bald bei meinem Liebsten sein würde, um unglaublichen Sex genießen und mich in seiner Aufmerksamkeit sonnen zu können.

So wie es aussah, hatte ich da vollkommen falsche Vorstellungen gehegt.

Ganz langsam und ganz gleichmäßig holte ich tief Luft, in den Anblick von Bills Rücken vertieft. Was für ein wundervoller Rücken mit solch breiten Schultern – wie fest ich damit gerechnet hatte, diesen Rücken bald unbekleidet vor mir zu sehen, meine Fingernägel in Ekstase darin vergraben zu können. Immer noch langsam und gleichmäßig atmete ich wieder aus.

„Bin gleich soweit!“ verkündete Bill, ohne sich umzudrehen. Auf dem Bildschirm war das Konterfei eines distinguierten älteren Herrn mit silbergrauen Schläfen und tiefgebräunter Haut zu sehen. Er wirkte auf diese gewisse Anthony-Quinn-Art sexy. Gleichzeitig sah er aus, als verfüge er über nicht unerhebliche Macht. Unter dem Bild stand außer dem Namen des Herrn noch etwas Text. „1756 in Sizilien geboren“, las ich. Gerade wollte ich den Mund öffnen, um meinem Erstaunen darüber Ausdruck zu verleihen, daß Vampire entgegen der landläufigen Meinung ja durchaus auf Fotografien sichtbar seien, da wandte Bill sich zu mir um und bemerkte, daß ich ihm über die Schulter geschaut hatte.

Woraufhin er auf eine Taste drückte und der Bildschirm mit einem Mal leer war.

Sprachlos starrte ich meinen Freund an. Ich mochte nicht recht glauben, was er da eben getan hatte.

„Sookie!“ sagte Bill, bevor er sich an einem Lächeln versuchte. Seine Fangzähne waren kaum zu sehen; er war also ganz und gar nicht in der Stimmung, in der ich ihn anzutreffen gehofft hatte. Fleischeslust überwältigte Bill bei meinem Anblick jedenfalls nicht. Wie bei allen anderen Vampiren sind bei Bill die Fangzähne nur voll ausgefahren, wenn irgendeine Lust ihn umtreibt: die Lust auf Sex oder die Lust, sich zu nähren und zu morden. Manchmal sind diese Begierden bei Vampiren sehr eng miteinander verwoben; dann erwischt es den einen oder anderen Fangbanger, und der ist dann tot. Wenn Sie mich fragen, so ist es genau dieser Kitzel, diese immerwährende leise Bedrohung, die Fangbanger mehr als alles andere anzieht. Auch wenn mir in der Vergangenheit schon mehrmals der Vorwurf gemacht wurde, selbst eine dieser jämmerlichen Gestalten zu sein, die sich in der Nähe von Vampiren herumtreiben, weil sie hoffen, irgendwann werde ihnen einmal einer Beachtung schenken: Ich persönlich war (jedenfalls wenn es nach mir ging) mit einem einzigen Vampir liiert, und zwar mit dem, der da vor mir saß. Mit dem, der Geheimnisse vor mir hatte. Der so überhaupt nicht froh war, mich zu sehen.

„Bill“, erwiderte ich kühl. Irgend etwas war los hier – aber Bills Libido war es nun wirklich nicht. (Das Wort Libido hatte gerade an diesem Tag auf meinem Abreißkalender gestanden, mit dessen Hilfe man jeden Tag ein neues Wort lernen kann.)

„Das da eben hast du nicht gesehen“, fuhr mein Liebster fort, die dunklen Augen ohne auch nur ein einziges Mal mit der Wimper zu zucken ruhig und unverwandt auf mein Gesicht gerichtet.

„Wenn du meinst“, erwiderte ich vielleicht eine Spur sarkastisch. „Was führst du denn im Schilde?“

„Ich habe einen Geheimauftrag.“

Da wußte ich nicht, ob ich nun lachen oder beleidigt davonstolzieren sollte, weswegen ich lediglich fragend die Brauen hob und wartete, ob noch mehr käme. Bill war der Ermittler für den fünften Bezirk, einen der Bezirke, in die die Vampire Louisiana aufgeteilt haben. Bisher hatte Eric, der Leiter des fünften Bezirks, meinem Liebsten noch nie einen Auftrag erteilt, den dieser hatte vor mir ‚geheimhalten’ müssen. Im Gegenteil: Wenn Bill ermittelte, dann war ich in der Regel integraler Bestandteil des Teams, ob ich das nun wollte oder nicht.

„Eric darf nichts davon erfahren. Kein Vampir aus dem fünften Bezirk darf etwas wissen“, fuhr Bill fort.

Da wurde mir mulmig zumute. „Aber wenn du nicht für Eric arbeitest – für wen denn dann?“ Die Füße taten mir weh, weswegen ich mich auf die Knie sinken ließ und meinen Kopf an Bills Knie lehnte.

„Für die Königin von Louisiana“, erklärte mein Liebster so leise, daß man schon fast hätte sagen können, er flüstere.

Da Bill bei seinen Worten eine ganz feierliche Miene machte, bemühte auch ich mich, ernst zu bleiben, was mir allerdings nicht gelingen wollte. Ich mußte kichern – leise, aber unüberhörbar.

„Das hast du ernst gemeint?“ fragte ich dann vorsichtshalber nach, auch wenn mir schon klar war, daß Bill bestimmt nicht gescherzt hatte. Er ist nämlich ein ernsthafter Typ und selten zu Späßen aufgelegt. Ich vergrub das Gesicht in seinem Oberschenkel; Bill sollte nicht mitbekommen, wie sehr ich mich amüsierte. Dann warf ich von unten her einen vorsichtigen, abschätzenden Blick auf sein Gesicht. Mein Vampir wirkte reichlich angesäuert.

„Todernst“, sagte Bill so eisig, daß ich aufrichtige Anstrengungen unternahm, die ganze Sache ebenfalls nüchtern zu sehen.

„Nur um sicherzugehen, daß ich dich richtig verstanden habe“, sagte ich halbwegs gefaßt, wobei ich mich im Schneidersitz auf den Boden hockte und beide Hände auf die Knie legte. „Du arbeitest für Eric, der der Leiter des fünften Bezirks ist, aber eine Königin gibt es auch noch? Eine Königin von Louisiana?“

Bill nickte.

„Louisiana ist also in Bezirke aufgeteilt, und da Eric seinen Betrieb in Shreveport im fünften Bezirk hat, ist diese Königin seine direkte Vorgesetzte?“

Als Bill daraufhin einfach nur erneut nickte, legte ich mir die Hand vor die Augen und schüttelte den Kopf. „Wo wohnt sie? In Baton Rouge?“ Baton Rouge war unsere Landeshauptstadt; das schien mir der logische Wohnsitz für eine Königin.

„Nein! In New Orleans natürlich!“

Natürlich! In der Vampirzentrale! Man konnte ja heute im Big Easy nirgendwo mehr einen Stein werfen, ohne einen Untoten zu treffen – wenn man den Zeitungen Glauben schenken wollte (was wohl nur ein Narr täte). In New Orleans boomte der Tourismus, aber anders als früher. Die trinkfesten, lärmenden Horden, die früher in die Stadt geströmt waren, um nach Herzenslust zu feiern, kamen nun weniger. Die neuen Touristen waren solche, die die Untoten der Stadt möglichst hautnah erleben wollten und deren Besichtigungsprogramm darin bestand, in einer Vampir-Bar zu trinken, zu einer Vampirprostituierten zu gehen und eine Sexshow von Vampiren für Vampire zu besuchen.

Das hatte ich zumindest gehört: Ich selbst war zuletzt als Kleinkind in New Orleans gewesen. Meine Eltern hatten meinen Bruder Jason und mich dorthin mitgenommen. Das mußte gewesen sein, ehe ich sieben wurde, denn meine Eltern waren kurz nach meinem siebten Geburtstag gestorben.

Als die Vampire sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorstellten, um die Tatsache kundzutun, daß sie wahr- und wahrhaftig unter uns weilten, waren Mama und Papa bereits zwanzig Jahre tot gewesen. Dieser öffentlichen Ankündigung war die Entwicklung synthetischen Blutes durch japanische Vampire vorangegangen: Mit Hilfe dieses Blutes konnte ein Vampir sich nun ernähren, ohne sich dabei unbedingt eines Menschen bedienen zu müssen.

Die Vampirgemeinde der Vereinigten Staaten hatte die japanischen Vampirklans als erste an die Öffentlichkeit gehen lassen. In fast allen anderen Nationen der Welt, in denen es Fernsehen gab (und wo gibt es das heutzutage nicht?) waren die weiteren Ankündigungen dann zeitgleich gelaufen, durch hunderte sorgfältig ausgesuchter Vampire mit besonders angenehmem Äußeren, in hunderten verschiedener Sprachen.

Wir normalen, altmodisch sterblichen Menschen hatten in jener Nacht, die nun bereits zweieinhalb Jahre zurücklag, erfahren müssen, daß wir immer schon mit Monstern zusammengelebt hatten.

Die Quintessenz dieser weltweiten Ankündigung war gewesen, daß wir vor diesen Monstern keine Angst mehr zu haben brauchten. „Nun können wir endlich aus den Schatten treten“, hatte man uns verkündet, „denn ihr habt nichts mehr von uns zu befürchten. Wir können harmonisch mit euch zusammenzuleben. Wir müssen nicht mehr von euch trinken, um zu überleben.“

Sie können sich sicher lebhaft vorstellen, wie hoch in jener Nacht die Einschaltquoten waren und welch ein Aufschrei danach um die Welt ging. Die Reaktionen auf das Coming Out variierten beträchtlich, je nach Situation in den jeweiligen Nationen.

Am schlechtesten erging es den Vampiren in den mehrheitlich islamischen Nationen. Was mit dem Sprecher der Vampire in Syrien geschah, will ich Ihnen lieber gar nicht erzählen, auch wenn der weibliche Vamp, der in Afghanistan vor die Kameras getreten war, einen vielleicht noch schrecklicheren – und endgültigen – Tod starb. (Was hatten die sich eigentlich dabei gedacht? Ausgerechnet in Afghanistan eine Frau für diesen Job abzustellen. Vampire können so clever sein, aber was die Welt von heute angeht, scheint es manchmal, als könnten sie nicht bis drei zählen!)

Manche Nationen – hier möchte ich besonders Frankreich, Deutschland und Italien nennen – weigerten sich, die Vampire als gleichberechtigte Bürger anzuerkennen. Andere Nationen – unter anderem Bosnien-Herzegowina, Argentinien und ein Großteil der afrikanischen Länder – verweigerten den Vampiren überhaupt jeglichen Status und gaben sie als Beute für jeden Kopfgeldjäger frei. Aber Amerika, England, Mexiko, Kanada, Japan, die Schweiz und die skandinavischen Länder entschieden sich für eine tolerante Haltung.

Es läßt sich schwer sagen, ob die Vampire mit einer solchen Reaktion gerechnet hatten oder nicht. Sie haben nach wie vor damit zu kämpfen, unter den Lebenden wirklich Fuß zu fassen, weswegen sie um alles, was ihre Selbstorganisation und ihre Verwaltungsstrukturen betrifft, immer noch ein großes Geheimnis machen. Einzelheiten wie die, die Bill mir eben genannt hatte, hatte ich in einer solchen Fülle noch nie zu hören bekommen.

„Du arbeitest also im Auftrag der Königin von Louisiana an einem geheimen Projekt“, sagte ich langsam, wobei ich mich bemühte, möglichst neutral zu klingen. „Deswegen verbringst du seit ein paar Wochen jede wache Minute ausschließlich an deinem Computer.“

„Ja“, sagte Bill. Er setzte die Flasche TrueBlood an die Lippen, konnte ihr aber nur ein paar letzte Tropfen entlocken, weswegen er sich den Flur hinab in den kleinen Küchenbereich seines Hauses begab (als Bill das alte Haus seiner Familie hatte umbauen lassen, hatte er auf eine Küche weitgehend verzichtet, denn er benötigte ja keine), um sich eine weitere Flasche aus dem Kühlschrank zu nehmen. Ich hörte, wie er die Flasche öffnete und in die Mikrowelle schob – also wußte ich auch, wo er sich gerade aufhielt. Jetzt klingelte die Mikrowelle; Bill kam zu mir ins Wohnzimmer zurück, wobei er die offene Flasche, den Daumen oben auf der Öffnung, kräftig durchschüttelte, um alles gut zu mischen.

„Wie lange wirst du denn noch mit dieser Sache befaßt sein?“ wollte ich wissen, keine unangemessene Frage, wie mir schien.

„So lange ich dazu brauche“, entgegnete Bill, und das war als Antwort schon weitaus unangemessener. Wenn ich es genau nahm, waren seine Worte sogar eindeutig dazu angetan, mich wütend zu machen.

Hmmm ... waren unsere Flitterwochen etwa schon vorbei? Wörtlich meine ich das nicht mit den Flitterwochen, denn da Bill Vampir ist, dürfen wir nach dem Gesetz gar nicht heiraten; praktisch nirgendwo auf der Welt.

Nicht, daß Bill je um meine Hand angehalten hätte!

„Wenn dein Vorhaben dich so sehr beschäftigt“, sagte ich langsam und vorsichtig, „dann bleibe ich vielleicht lieber weg, solange du damit befaßt bist.“

„Das wäre vielleicht wirklich das beste“, erwiderte Bill nach einer merklichen Pause, und mir war, als hätte er mir einen Schlag in die Magengrube verpaßt. Blitzschnell stand ich auf und zog meinen Mantel über die Uniform, die ich als Kellnerin trug, wenn es Winter war: lange schwarze Hosen und dazu ein langärmliges weißes T-Shirt mit geradem Ausschnitt und dem aufgestickten Schriftzug ‚Merlottes’ über der linken Brust. Rasch wandte ich Bill den Rücken zu. Mein Gesicht sollte er jetzt nicht sehen dürfen!

Ich wollte auf gar keinen Fall weinen – also drehte ich mich auch dann nicht zu meinem Liebsten um, als ich dessen Hand auf meiner Schulter spürte.

„Ich muß dir etwas sagen“, sagte Bill mit seiner kalten, glatten Stimme. Ich hatte gerade begonnen, mir die Handschuhe überzustreifen, eine Tätigkeit, die ich nun einstellte, auch wenn ich Bill immer noch nicht ansah. Ich wußte nicht, ob ich seinen Anblick ertragen hätte. Was er zu sagen hatte, würde er meiner Rückansicht mitteilen müssen.

„Wenn mir irgend etwas zustößt“, fuhr er fort (und da hätte ich eigentlich stutzig werden müssen, da hätte ich anfangen müssen, mir Sorgen zu machen), „wenn mir etwas zustößt, dann mußt du das Versteck aufsuchen, das ich mir in deinem Haus eingerichtet habe. Eigentlich solltest du da meinen Computer sowie einige Disketten vorfinden. Sag niemandem etwas davon. Sollte der Rechner nicht im Versteck sein, dann sieh bitte hier im Haus nach, ob er hier ist. Komm tagsüber. Komm bewaffnet. Nimm den Computer und alle Disketten, die du finden kannst und verstecke sie in der Fluchthöhle, wie du mein Versteck ja immer nennst.“

Ich nickte. Das konnte Bill auch von hinten unmöglich übersehen. Meiner Stimme mochte ich einfach nicht trauen.

„Falls ich in – falls ich, sagen wir mal, in acht Wochen noch nicht zurück bin und du auch nichts von mir gehört hast, dann gehst du zu Eric, erzählst ihm alles, was ich dir heute gesagt habe und stellst dich unter seinen Schutz.“

Ich sagte gar nichts. Noch war ich zu erschüttert, zu traurig, um wütend zu werden, aber lange würde es nicht mehr dauern, bis bei mir die Sicherung durchbrannte. Mit einem heftigen Nicken, bei dem mir mein Pferdeschwanz mehrmals den Nacken streifte, nahm ich Bills Worte zur Kenntnis.

„Ich werde bald schon nach ... Seattle aufbrechen“, fuhr Bill fort. Seine kalten Lippen streiften die Stelle in meinem Nacken, gegen die zuvor mein Pferdeschwanz geschlagen war.

Er log.

„Wir reden, wenn ich wieder da bin.“

Nach einer berauschenden Perspektive hörte sich das nicht an. Im Gegenteil: Es klang unheilvoll.

Ich neigte erneut den Kopf; sprechen konnte ich nach wie vor nicht, denn inzwischen kullerten bei mir auch die Tränen. Eher wollte ich sterben als Bill sehen lassen, daß ich weinte!

So verließ ich ihn – in jener kalten Dezembernacht.

***

Am nächsten Tag fuhr ich auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg, was keine gute Idee war. Ich war in einer Stimmung, die einen dazu bringt, extra Dinge zu tun, die einem beweisen, daß das Leben ein Jammertal ist. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und fühlte mich eigentlich schon schlecht genug; trotzdem beharrte eine innere Stimme darauf, daß sich die Dinge problemlos auch noch schlimmer machen ließen; ich brauchte lediglich die Magnolia Creek Road entlangzufahren. Natürlich tat ich das dann auch.

Belle Rive, das uralte Anwesen der Bellefleurs, glich einem Ameisenhaufen: Selbst an diesem kalten, unwirtlichen Tag wurde überall geschäftig gearbeitet. In der Auffahrt dieses noch aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammenden prächtigen Hauses parkten der Wagen einer Schädlingsbekämpfungsfirma, der Firmenwagen eines Kücheneinrichters und der Lastwagen einer Tischlerei. Für Caroline Holliday Bellefleur, die uralte Dame, die seit gut achtzig Jahren über Belle Rive herrschte (und zu einem Gutteil noch dazu über ganz Bon Temps), war das Leben derzeit eitel Freude und Betriebsamkeit. Ich fragte mich, was ihre Enkel, die Anwältin Portia und der Polizist Andy, von all den Veränderungen halten mochten, die in Belle Rive vonstatten gingen. Die beiden hatten ihr gesamtes Leben als Erwachsene im Haus ihrer Großmutter verbracht (genau wie ich). Wahrscheinlich freuten sie sich zumindest darüber, daß die alte Dame an der Renovierung ihres alten Prachtbaus soviel Freude hatte.

Meine eigene Großmutter war wenige Monate zuvor umgebracht worden.

Womit die Bellefleurs natürlich nicht das Geringste zu tun gehabt hatten. Noch dazu hatten weder Andy noch Portia Grund, ihre Freude am neugewonnenen Reichtum ihrer Familie mit mir zu teilen. Im Gegenteil; beide mieden mich wie die Pest. Sie standen tief in meiner Schuld, was sie auf den Tod nicht ausstehen konnten. Dabei ahnten sie nicht einmal, wieviel sie mir schuldeten!

Den Bellefleurs war eine mysteriöse Erbschaft in den Schoß gefallen. Irgendwo in Europa war ein Verwandter von ihnen auf ‚geheimnisvolle Weise’ ums Leben gekommen – so hatte Andy das einem befreundeten Polizisten erklärt, mit dem er manchmal im Merlottes zusammenhockte. Als dann Maxine Fortenberry eines Tages Lose für eine Benefizveranstaltung der Frauenvereinigung der Gethsemane Baptist Church bei uns vorbeibrachte, wußte sie zu berichten, daß Caroline Bellefleur sämtliche Familiendokumente, derer sie irgend hatte habhaft werden können, genau, aber vergeblich studiert hatte, um den Wohltäter zu identifizieren: Das Glück, das ihrer Familie widerfahren war, schien der alten Dame immer noch völlig unerklärlich.

Das hinderte die Matriarchin jedoch nicht daran, das Geld mit vollen Händen auszugeben.

Selbst Terry Bellefleur, ein Vetter Andys und Portias, besaß seit kurzem einen funkelnagelneuen Pick-up, der die ungepflasterte Auffahrt zu seinem extrabreiten Wohnwagen zierte. Terry, einen Vietnamveteranen mit zahlreichen inneren und äußeren Narben, der nicht viele Freunde hatte und im Merlottes als Koch und Barmann aushalf, hatte ich sehr gern. Seinen neuen fahrbaren Untersatz neidete ich ihm ganz ehrlich nicht.

Aber irgendwie mußte ich an die Auspuffanlage denken, die ich unlängst bei meinem alten Auto hatte ersetzen müssen. Die Rechnung dafür hatte ich umgehend und vollständig beglichen, auch wenn ich versucht gewesen war, Jim Downey zu bitten, sich erst einmal mit der Hälfte als Anzahlung zu begnügen und mir zu gestatten, den Rest in zwei Monatsraten abzustottern. Jim hatte jedoch Frau und drei Kinder, da mochte ich ihn nicht fragen. Erst an diesem Morgen hatte ich mir vorgenommen, meinen Chef, Sam Merlotte, anzusprechen: Er sollte mich für mehr Schichten als bisher eintragen. Wenn Sam mich gebrauchen konnte, sprach wahrlich nichts dagegen, mein Leben mehr oder weniger im Merlottes zu verbringen, nun, wo Bill nach ‚Seattle’ gereist war. Das Geld konnte ich jedenfalls gut gebrauchen.

Ich ließ Belle Rive hinter mir, bemüht, nicht allzu bittere Gedanken zu hegen. Dann verließ ich unsere Stadt in südlicher Richtung und bog auf dem Weg ins Merlottes nach links in die Hummingbird Road ein. Ich versuchte mir einzureden, alles sei in Ordnung: Bestimmt würde Bill nach seiner Rückkehr aus Seattle (oder wo immer er sein mochte) wieder mein leidenschaftlicher Liebhaber werden; bestimmt würde er mich anbeten wie früher, würde dafür sorgen, daß ich mich geliebt und wertgeschätzt fühlte. Daß ich wieder das Gefühl hätte, zu jemandem zu gehören und nicht einsam und allein in der Welt zu stehen.

Natürlich hatte ich immer noch meinen Bruder Jason. Der aber, mußte ich mir fairerweise eingestehen, zählte nicht wirklich, wenn es um Intimität und Kameradschaft ging.

Tief in mir jedoch spürte ich unverkennbar den Schmerz darüber, zurückgewiesen worden zu sein. Diesen Schmerz kannte ich so gut, daß er sich anfühlte wie eine zweite Haut.

Wie sehr es mir doch zuwider war, erneut in diese Haut schlüpfen zu müssen!

Kapitel 2

Ich hatte gerade noch einmal die Türklinke heruntergedrückt, um zu überprüfen, ob die Haustür auch wirklich abgeschlossen war, und wandte mich zum Gehen – da sah ich aus den Augenwinkeln heraus auf der Hollywoodschaukel, die meine Vorderveranda ziert, eine Gestalt hocken. Mit Mühe unterdrückte ich einen Schrei, sah genauer hin und erkannte, wer dort saß.

Ich trug an dem Abend einen schweren Wintermantel, mein Besucher ein kurzärmliges T-Shirt. Aber das wunderte mich nicht.

„El...“, setzte ich an, unterbrach mich dann aber selbst. Das war ja gerade noch einmal gut gegangen! „Bubba!“ fuhr ich fort, ganz beiläufig, ganz sorglos, „Wie geht’s denn so?“ Ich bemühte mich zumindest, gelassen und sorglos zu klingen, aber es gelang mir nicht wirklich. Bubba ist aber nicht der Hellste und bekam gar nicht mit, wie mir zumute war. Die Vampire geben zu, daß es ein Fehler war, ihn damals zu zeugen, als er bis zum Stehkragen mit Drogen vollgepumpt an der Schwelle des Todes stand. In der Nacht, in der man ihn ins Leichenschauhaus eingeliefert hatte, war einer der dort diensthabenden Angestellten zufällig ein Untoter gewesen; noch dazu ein begeisterter Fan. Dieser hatte in aller Eile einen nicht gerade wohldurchdachten, ziemlich komplizierten Plan entwickelt, zu dessen Durchführung auch der eine oder andere Mord notwendig gewesen war. Mit Hilfe dieses Plans war der illustre Mann gezeugt – zum Vampir gemacht – worden. Aber leider, müssen Sie wissen, läuft das nicht immer glatt. Seit damals wird er herumgereicht wie das Mitglied einer königlichen Familie, das nicht alle Tassen im Schrank hat. Im letzten Jahr war Louisiana für seine Unterbringung zuständig gewesen.

„Miß Sookie, wie geht’s, wie steht’s?“ Immer noch klang seine Aussprache breit und nuschelnd, immer noch war sein Gesicht auf pummelige Art sehr attraktiv. Eine Locke des dichten, schwarzen Haars fiel ihm scheinbar zufällig in die Stirn, eine Frisur, die achtlos schien, in Wirklichkeit aber harte Arbeit erforderte. Die dicken Koteletten waren gebürstet. Irgendein untoter Fan hatte dafür gesorgt, daß Bubba an diesem Abend geschniegelt und gebügelt unter die Leute kam.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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