Code Red - Peter Sasgen - E-Book

Code Red E-Book

Peter Sasgen

4,6
7,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In den Tiefen des Ozeans lauert der Tod. Er ist gekommen, um die Welt auszulöschen ...

Terroristen planen einen Anschlag auf die Zivilisation. Ihre Waffe: ein Atom-U-Boot. Ihr Gegner: Commander Jake Scott. Für ihn beginnt ein ungleiches Rennen. Mit einem betagten russischen U-Boot jagt er die Gegner durch die Tiefen des Ozeans. Er muss alles auf eine Karte setzten, denn es gibt nur eine Alternative: Sieg oder totale Vernichtung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
4,6 (18 Bewertungen)
12
4
2
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

1. Teil - Der Plan

1

2

3

4

5

6

7

8

2. Teil - Die Jagd

9

10

11

12

13

3. Teil - Der Kampf

14

15

16

17

18

19

20

Danksagungen und Quellen

Über den Autor

Peter Sasgen diente in der U. S. Navy und arbeitete später als Grafikdesigner und Fotograf in Washington, D. C. Heute lebt er mit seiner Frau in Philadelphia und arbeitet an seinem nächsten Roman.

Peter Sasgen

CODE RED

Thriller

Aus dem Englischen vonDr. Wolfgang Crass

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

© 2004 by Peter Sasgen

Published by Arrangement with Peter Sasgen

Titel der englischen Originalausgabe: »War Plan Red«

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2009 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Gerhard Arth

Titelillustration: Corbis GmbH

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0913-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1. Teil

Der Plan

Tschetschenische Selbstmordattentätertöten über 1000 Geiseln inMoskauer Konzerthalle

Separatisten verschärfen Auseinandersetzungen mit russischen Streitkräften

MOSKAU (RIA-Novosti: 15. September 2006) ZUR SOFORTIGEN VERÖFFENTLICHUNG – Tschetschenische Separatisten haben bei einem Sprengstoffanschlag auf die Tschaikowsky-Konzerthalle, der Heimat des staatlichen Symphonieorchesters, über 1000 Geiseln getötet. Die Halle war anlässlich eines Konzerts mit Werken von Rachmaninow mit 1600 Männern, Frauen und Kindern völlig überfüllt.

Der Überfall in der russischen Hauptstadt wurde von 50 schwer bewaffneten Männern und Frauen durchgeführt. Sie gehörten zu einer Gruppe tschetschenischer Selbstmordattentäter, deren Ziel der Rückzug der russischen Streitkräfte aus ihrem Land ist. Die Terroristen waren mit automatischen Waffen, Handgranaten und Sprengstoff bewaffnet. Sie drohten den russischen Sicherheitskräften an, sämtliche Geiseln zu töten, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Einer der vermummten Terroristen teilte einem Korrespondenten der amtlichen Nachrichtenagentur RIA-Novosti mit, dass im ganzen Theater Sprengsätze angebracht worden und die Geiselnehmer bereit seien, »sich für Tschetscheniens Unabhängigkeit zu opfern«. Sie drohten an, die Sprengsätze zu zünden, falls der Versuch unternommen würde, das Theater zu stürmen. Die Weigerung des russischen Präsidenten, mit den Terroristen zu verhandeln, hatte Anklagen vonseiten des bisher nicht identifizierten Anführers der Geiselnehmer zur Folge, der die Beendung der russischen Besetzung Tschetscheniens gefordert hatte.

Die Pattsituation endete, als Sicherheitskräfte versuchten, durch einen unterirdischen Wartungstunnel in die Konzerthalle einzudringen und das Feuer auf die Terroristen eröffneten, die daraufhin die Sprengsätze zündeten.

1

MURMANSK, KOLA-HALBINSEL, RUSSLAND

Radschenko zog die Schultern hoch, um sich vor dem bitterkalten Wind aus der Arktis zu schützen, und sprang aus dem Elektrobus Nr. 8, der nach Ulitsa Kipnowitsch fuhr. Seine Stiefel knirschten im Schnee, der jetzt, Anfang Oktober, von der Barentssee über die Taiga und die umliegenden Hügel mit ihren silbern glänzenden Birken herübergeweht war. Der weiße Mantel der Stadt verhüllte ihr düsteres, zerfallendes Herz. Wie eine geschminkte Hure, die einen arglosen Freier täuschen will. Eine Hure, die für ihre Bemühungen bezahlt wird, dachte Radschenko.

Die spärlich beleuchtete Straße lag vor ihm wie eine Schlucht zwischen den leeren Mietshäusern, die von den glänzenden Kabelsträngen der Elektrobusse durchzogen wurde. Radschenko fühlte sich völlig einsam, und einen Augenblick lang kam ihm der Verdacht, er könnte in eine Falle gelaufen sein. Er überquerte die Straße, blieb in einem schattigen Winkel abrupt stehen und lauerte auf eine Bewegung. Radschenko zündete sich eine Zigarette an, wartete noch einen Augenblick und ging dann weiter. Er hielt sich dabei sorgfältig im Schatten.

Das Hotel Nowi Poljarnii war ein hässlicher gelber Backsteinklotz. Radschenko betrat es durch einen unverschlossenen Hintereingang. Er ging an dem betrunkenen Nachtportier vorbei, der in der schäbigen Empfangshalle in dem unheimlichen blauen Licht eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehgeräts vor sich hin döste. Vor dem Aufzug hielt er kurz an, dachte über den Lärm nach, den dieser verursachen würde, entschied sich dann dagegen und nahm stattdessen die Treppe, deren Geländer und Stufen unter seinem Gewicht knarrten. Als er im ersten Stock ankam, blieb er stehen und lauschte, hörte aber nur gedämpfte Stimmen hinter geschlossenen Türen. Irgendwo rauschte die Wasserspülung einer Toilette.

Im zweiten Stock wandte sich Radschenko nach links, suchte die richtige Zimmernummer und blieb vor der Tür stehen. Er holte tief Luft und klopfte zweimal. Die Tür wurde zögernd aufgezogen, und Radschenko glitt in das Zimmer. Er blickte sich rasch um: ein Doppelbett, ein abgestoßener Toilettentisch, vor dem ein Stuhl stand, ein angerostetes Waschbecken und herabgelassene Jalousien.

»Entspannen Sie sich. Wir sind allein.«

Radschenko wendete sich dem Amerikaner zu. Er war groß, hatte ein wettergegerbtes Gesicht und kurz geschnittenes, eisengraues Haar. Er trug eine gut geschnittene Khakihose und einen dicken Rollkragenpullover. Sein Russisch war elegant, fehlerfrei.

Vielleicht hatte er eine schöne blonde Frau. Hatten nicht alle amerikanischen Männer blonde Frauen? Was sie wohl denken würde, wenn sie wüsste, dass ihr Mann sich mit einem russischen Matrosen in einem Hotel in Murmansk traf?

»Wodka?« Der Amerikaner öffnete eine neue Flasche Sinopskaya, eine Edelmarke, die Radschenko noch nie getrunken hatte. »Zigarette?« Er deutete auf eine Stange Marlboro, die aufgerissen auf dem Bett lag.

Radschenko stürzte ein Glas von dem Wodka runter, der süßer schmeckte und glatter seine Kehle hinunterlief als jeder andere, den er bisher getrunken hatte. Der Amerikaner schenkte ihm nach.

»Ich sagte, entspannen Sie sich. Niemand weiß, dass Sie hier sind«, versuchte der Amerikaner ihn zu beruhigen.

»Haben Sie das Geld dabei?«, fragte Radschenko. Er ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt an einer Seite der Jalousie nach draußen. Dort war nur das Gewirr von Fernsehantennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach des Apartmentgebäudes nebenan zu sehen.

»Ja.«

»Dollar?«

»Ja.«

Der Amerikaner beobachtete Radschenko, der unruhig in dem Zimmer hin und her ging und dabei Wodka trank. Er blieb stehen, riss eine Schachtel Zigaretten auf und steckte sich eine an.

»Sie können sich die ganze Stange nehmen. Ich rauche nicht.«

Radschenko hatte gehört, dass die amerikanischen Männer und ihre blonden Frauen nicht rauchten. Zu gesundheitsschädlich. Alkohol und Sex aber gefielen ihnen. Normalerweise miteinander kombiniert. Er musterte den Amerikaner durch den Rauch, der von der Zigarette aufstieg.

Der Amerikaner setzte sich auf das Bett. Seinen Drink hatte er nicht angerührt. Schließlich sagte er: »Sind Sie ohne Probleme herausgekommen?«

»Die Idioten, die an dem Stützpunkt Wache stehen, passen überhaupt nicht auf. Wir kommen und gehen, wie es uns passt«, gab Radschenko verächtlich zurück.

»Niemand sonst hat gesehen, dass Sie fortgegangen sind? Vielleicht ein anderes Besatzungsmitglied?«

»Niemand.«

»Stehen Sie auf dem Flottendienstplan?«

»Ich habe heute die Mitternachtswache: von null Uhr bis vier Uhr früh.«

Der Amerikaner zog einen Ärmel seines Pullovers hoch und sah auf eine große Armbanduhr aus Edelstahl. »Dann haben wir viel Zeit. Ziehen Sie Ihre Jacke aus, und machen Sie es sich bequem.«

Radschenko blieb stehen. Er goss sich noch einen Wodka ein, behielt die Jacke aber an. »Wie viel zahlen Sie?«, fragte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

Der Amerikaner schwang die Beine auf das Bett, lehnte sich an das Kopfbrett und stellte sein Wodkaglas auf die Brust. Er trug ein Paar abgestoßene Gummistiefel. »Wie versprochen: Fünfhundert. Noch mal fünfhundert, wenn Sie machen, was ich will.«

Ein Vermögen, überlegte Radschenko. Mehr, als er jemals als Matrose in der russischen Marine verdienen könnte, der offensichtlich das Geld für die Bezahlung ihrer Mannschaftsdienstgrade ausgegangen war – ihrer Offiziere allerdings auch. Fahnenflucht und Selbstmorde waren allgegenwärtig, und man sprach bereits von Meuterei. Um die Lage noch zu verschlimmern, schien Radschenkos Vorgesetzter, der bisher mit eiserner Hand für Disziplin gesorgt hatte, nun ebenfalls seine Illusionen zu verlieren. Radschenko erinnerte sich daran, wie ihn ein tödlicher Schrecken durchzuckt hatte, als er ihn bei Diskussionen mit anderen Offizieren in der Messe des U-Boots K-363 belauschte. Und als dann die norwegischen Atomwissenschaftler, die den Atommüll auf dem U-Boot-Stützpunkt in der Olenya-Bucht erfassten, den Amerikaner und seinen Assistenten mit an Bord gebracht hatten, um die Mannschaft zu befragen, hatte Radschenko die Gelegenheit gewittert, etwas Geld zu verdienen, und ihn angesprochen.

Nun zog Radschenko doch seine Jacke aus und warf sie auf das Bett. Der Amerikaner sah ihn erwartungsvoll an. Radschenko spürte bereits die Wirkung des Wodkas, schenkte sich aber trotzdem nach. Der Alkohol würde es ihm leichter machen, die Leistung zu erbringen, für die der Amerikaner so bereitwillig zahlen wollte. Der Wind ließ die losen Scheiben klappern. Irgendwo wurde eine Tür zugeschlagen. Radschenko hörte, dass sich der Fahrstuhl in Gang setzte. Er kaute nervös an einem Fingernagel. So etwas hatte er bisher noch nie gemacht, und er wusste nicht recht, wie er anfangen sollte.

Der Amerikaner hielt fünf zusammengefaltete Hundertdollarscheine in der Hand. »Für Sie.«

Radschenko spürte die steigende Spannung. Er griff nach dem Geld und bemerkte im gleichen Augenblick, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Amerikaner sprang aus dem Bett, und einen Augenblick später zersplitterte die Tür, wurde aus den Angeln gerissen, und zwei Männer stürmten in das Zimmer.

Regentropfen prasselten wie ein Trommelfeuer auf den schwarzen Stahl herab. Die Männer der Deckwache im Hauptquartier der US-Atlantik-Flotte in Norfolk, Virginia, zogen das Kinn tiefer in ihre triefnassen Matrosenjacken, um sich vor dem Wetter an diesem Morgen zu schützen. Unter Deck war es warm und trocken, aber dafür roch dort die eingeschlossene klimatisierte Raumluft nach Ozon. Commander Jake Scott winkte seinen Stellvertreter, Commander Manny Rodriguez, in die kleine Kabine, die in der USS Tampa, einem Kampf-Atom-U-Boot der Los-Angeles-Klasse, zugleich als Unterkunft und Privatbüro diente.

»Was gibt’s, Skipper?«, fragte Rodriguez.

»ComSubLant (Admiralität U-Boot-Atlantik-Flotte), das ist los!«, sagte Scott. »Der Squadron Commodore hat gerade angerufen. Ellsworth will mich sprechen.«

»Haben Sie Probleme?«

»Nicht mehr als sonst.«

»Hat der Commodore Ihnen gegenüber eine Andeutung gemacht, weshalb der Chef Sie sprechen will?«, fragte Rodriguez.

»Neue Befehle möglicherweise.«

»Mein Gott, Skipper, wir haben unsere Befehle doch schon.«

»Neue Befehle für mich.«

»Was?«

Die Tampa hatte gerade eine komplette Instandsetzung hinter sich und ihre Marschbefehle bereits erhalten. Nach einem Probelauf sollte sie für den späteren Einsatz aus Norfolk auslaufen. Scott war nun seit mehr als zwei Jahren der Kapitän der Tampa, und sie war seine Heimat. Was auch immer Ellsworth mit ihm vorhatte, der Admiral konnte sich auf einen Kampf gefasst machen. Insbesondere falls er den Oberbefehl über die Tampa aufgeben sollte. Sie war sein Schiff, und er wollte sie sich von niemandem wegnehmen lassen. Er dachte an Tracy. Jemand hatte sie ihm weggenommen, und jetzt das. Nein, das stimmte nicht: Tracy hatte ihn verlassen. Ein großer Unterschied.

Da waren alle diese Fahrten in feindliche Gewässer gewesen, um dort Informationen zu sammeln, all diese Wochen und Monate getrennt von ihr. Sie hatte sich beklagt, dass er mit der Mannschaft seines Boots eine engere Beziehung hatte als mit ihr. Auch die Anrufe hatten ihn verletzt. Wie dieser eine während des ersten Landgangs nach einer höllischen, sechzig Tage dauernden Patrouille vor Nordkorea. Er hatte den Hörer abgenommen und am anderen Ende im Hintergrund laute Musik gehört. Eine Männerstimme sagte: »Tracy, es ist Rick. Er fragt, ob du heute Abend einen mit draufmachen willst und wieder dieses scharfe rote Kleid anziehst.« – »Heute Abend nicht«, hatte Scott kalt erwidert und aufgelegt. Zumindest war er nicht zur Tür hereinspaziert und hatte sie in flagranti erwischt, mit Ricks Kopf zwischen ihren Beinen. Warum sollte er ihr Vorwürfe machen? Sie wollte schließlich nicht mehr als ein normales Leben, nicht so eines, wie er es ihr gegeben hatte. Er fragte sich, ob sie mit ihrem neuen Leben zufrieden war, ob die Dinge, die sie im Bett aufregend fand, auch dem Mann gefielen, mit dem sie jetzt zusammen war … Gerade noch rechtzeitig riss er sich zusammen, bevor er wieder in gefährliche Depressionen verfiel.

Scott stand auf. »Ich soll mich um fünfzehn Uhr bei Ellsworth melden.«

»Was ist mit der Party im Offiziersclub?«, wollte Rodriguez wissen. »Findet sie trotzdem statt?«

»Die sagen Sie besser erst mal ab.«

Scott betrachtete den ganzen unerledigten Papierkram, der sich auf seinem Schreibtisch stapelte, Berichte und Korrespondenz, die auf seine Beurteilung und Unterschrift warteten. Am liebsten hätte er alles im Klo heruntergespült und wäre wieder auf See. Er nahm eine schmutzige Arbeitsjacke von einem Haken am Schott. »Passen Sie auf mein Schiff auf, Manny.«

Vizeadmiral Carter Ellsworth, Oberbefehlshaber der U-Boot-Atlantikflotte, musterte ihn durch eine Brille mit Drahtgestell und dicken Gläsern, die seine hellblauen Augen vergrößerten. Sein gütiger Gesichtsausdruck verbarg eine hinterlistige Persönlichkeit. Abgesehen von einer Kaffeetasse aus dünnem Porzellan war sein Schreibtisch leer. Flaggen, ein gerahmtes Bild des Präsidenten, eines des Verteidigungsministers und Plaketten mit den Namen von US-U-Booten waren der einzige Schmuck in Ellsworths’ spartanischem Büro.

»Betrachten Sie sich als von der Tampa abkommandiert«, eröffnete ihm der Admiral ohne Einleitung.

Scott hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten.

»Sie sind vorübergehend für einen Sondereinsatz abgestellt. Der Stabschef hat Ihre Befehle. Sie können sie mitnehmen, wenn Sie gehen, Captain.«

»Captain?«, fragte Scott nach.

»Sie sind für Ihren neuen Auftrag befördert worden.« Ellsworth warf Scott einen Plastikbeutel zu, in dem sich zwei Adler für den Kragenspiegel befanden. »Inzwischen können Sie schon mal ausprobieren, ob die passen.«

Scott nahm seine Beförderung mit gemischten Gefühlen entgegen. Er hatte damit geprahlt und es sogar als Ehrenzeichen getragen, dass er wahrscheinlich der älteste Commander in der Navy war. Einmal war er bereits bei der Beförderung zum Captain übergangen worden, und wenn ihm das noch einmal passieren würde, dann wäre seine Karriere beendet. Ein neuer Einsatzbereich bedeutete jedoch, dass er den Oberbefehl über die Tampa abgab, und er hatte zu hart daran gearbeitet, sich zu rehabilitieren, um das zu tun.

»Karl Radford möchte Sie sprechen«, sagte Ellsworth. Er hob die Tasse an seine Lippen. Die Goldlitzen an seinem Ärmel leuchteten wie ein Blitzstrahl auf.

Diese Eröffnung gab Scott zu denken. Karl Radford, ein pensionierter Major General der US Air Force, war der Leiter des Strategic Reconnaissance Office, des Amtes für Strategische Aufklärung. Dieser ultrageheime Nachrichtendienst besaß auf der ganzen Welt Informations-Sammelstellen. Scott hatte schon immer den starken Verdacht gehabt, dass die meisten, wenn nicht sogar alle seine Aufträge auf See von der SRO angeordnet worden waren. Vielleicht sogar derjenige, der fast mit einer Katastrophe geendet hätte. Und ihm hatte man die Schuld dafür gegeben.

Ellsworth musterte Scott. Er sah einen Mann von Anfang vierzig vor sich, groß, mit dunklem Haar, in das sich bereits die ersten grauen Strähnen mischten. Das scharf geschnittene Gesicht und die Haltung verrieten, dass er mit Krisensituationen umzugehen wusste. »Haben Sie eine Ahnung, warum er mit Ihnen sprechen möchte?«

Scott zuckte mit den Achseln. »Nein, Sir. Und Sie?«

Ellsworth ignorierte die Frage und fuhr fort: »Schließen Sie noch Ihre zu erledigenden Aufgaben ab. Radford möchte Sie übermorgen in Washington sehen. Ist das ein Problem für Sie?«

»Er könnte sich vielleicht jemand anderen als mich aussuchen.«

Ellsworth machte ein entschlossenes Gesicht. »Was wollen Sie damit sagen, Scott?«

»Dass ich es vorziehen würde, das Kommando über die Tampa zu behalten. Was immer General Radford auch für mich vorgesehen hat, es kann nicht wichtiger sein als das, was ich gerade mache.«

Ellsworth schob die Tasse zur Seite. Seine hellblauen Augen waren dunkler geworden. »Lassen Sie sich mal was von mir sagen, Scott. Sie hängen nach wie vor an einem seidenen Faden. Sie haben Ihre zweite Chance bekommen, und Sie haben das Beste daraus gemacht, das will ich zugeben. Eine Menge Männer, die in der gleichen Lage waren wie Sie, mussten die Navy verlassen. Manche sind Vertreter bei Sears, andere lesen die Stellenanzeigen.«

Scott spürte, wie sich in seinem Hinterkopf Druck aufbaute.

Ellsworth war noch nicht fertig. »Diese Männer haben im Gegensatz zu Ihnen keine zweite Chance verdient. Ich habe aber nicht die Absicht, Ihnen noch eine zu geben.«

»Sir, ich habe hart darum gekämpft, und ich habe nicht die Absicht, meine Laufbahn, völlig mit meinen Kräften am Ende, an Land zu beenden.«

»Offensichtlich ist General Radford der gleichen Meinung. Er würde nicht einen der besten Kapitäne von SubLant anfordern, wenn es nicht verdammt wichtig wäre. Ganz sicher wichtiger als die Führung eines U-Boots. Er kennt Ihren Hintergrund, und alles andere weiß er auch. Er will jemanden, der Verstand hat und ihn auch zu gebrauchen weiß. Ich habe ihm gesagt, Sie würden ihn nicht enttäuschen.«

»Danke.«

»Jetzt lassen Sie sich einen Rat geben, Scott. Es gibt hier eine ganze Menge Leute, die Sie für einen Held halten und finden, dass Sie die Arschkarte gezogen haben – dass wir hohen Tiere einen Sündenbock gebraucht haben, und der waren eben Sie. Wir müssen hier das Ganze nicht noch einmal durchkauen. Was passiert ist, ist passiert. Aber denken Sie immer daran: Ich kenne Radford, und Helden beeindrucken ihn überhaupt nicht. Er wird Sie fertigmachen, wenn er auch nur eine Sekunde lang glaubt, dass Sie die Befehle, die er Ihnen gibt, so interpretieren und ausführen könnten, wie es Ihnen in den Kram passt. Versuchen Sie dieses Mal, sich an die Bestimmungen zu halten – und zwar an seine Bestimmungen, nicht an die von Jake Scott. Ich glaube nicht, dass Sie als Vertreter sehr viel Erfolg hätten.« Ellsworth erhob sich. »Das wäre dann alles. Ach ja, noch eines. Ist Rodriguez Ihrer Meinung nach voll für ein Kommando qualifiziert?«

Auch Scott stand auf. »Das ist er.«

»Ich begleite die Tampa auf ihrer Probefahrt. Ich will mir mal ansehen, wie er damit fertig wird. Mit dem Druck, meine ich.«

Scott griff sich mit der Hand an den Hinterkopf.

Ellsworth begleitete ihn zur Tür und schüttelte ihm unpersönlich die Hand. »Übrigens, es war Radford, der beim Personalamt Ihre Beförderung durchgedrückt hat, nicht ich.« Ellsworth legte einen Finger an seine Nase. »Leicht war es nicht, nehme ich an.«

Scott trank sein Bier aus und wickelte die Überreste einer chinesischen Mahlzeit in eine Papiertüte. Er sah wortlos auf eine CNN-Sprecherin mit einer kunstvollen Frisur und blendend weißen Zähnen, die leise über das bevorstehende Gipfeltreffen zwischen dem Präsidenten und seinem russischen Amtskollegen in der Zarenstadt St. Petersburg plapperte. Inzwischen hatte der Mehrheitsführer des Senats im Capitol … Er drückte auf die Austaste, und sie verschwand.

Nudelreste, fettiges Papier und Pappbehälter landeten in einem Abfalleimer. Wurde der Müll donnerstags abgeholt? Oder war das der Tag, an dem der Recycling-Müll abgeholt wurde? Er hatte das Zeitgefühl für den Alltagsrhythmus des Lebens an Land verloren. Das Apartment war billig und lag nahe beim Stützpunkt, und das war alles, worauf es ihm ankam. Und dass seine Nachbarn sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Zwei Türen weiter wohnte ein Colonel vom Marine Corps, der bisher noch kein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte.

Scott machte sich daran, eine Tasche für Washington zu packen. Radfords Anforderung war, wie alles an ihm und der SRO, für Scott ein Rätsel. Verdeckte Operationen und ein Geheimbudget für ihre Durchführung verliehen Radford eine enorme Macht, Ereignisse in der ganzen Welt zu beeinflussen. Wie die Operation im Gelben Meer. Scott schüttelte sich innerlich. Ein Albtraum war das gewesen. Und obwohl die Untersuchungskommission ihn entlastet hatte, hatte das bei vielen seiner Vorgesetzten nicht die Zweifel an seiner Eignung beseitigt, ein Atom-U-Boot zu führen. Vielleicht würde die Anforderung durch Radford bei manchen etwas daran ändern.

Scott packte zu Ende und sah sich dann noch einmal um, um sich davon zu überzeugen, dass er nichts vergessen hatte. Sein Blick wanderte unwillkürlich zur Tür des Gästezimmers, in dem die Kisten mit den Überresten seines früheren Ehelebens standen. Er ließ die Tür verschlossen, um nicht daran erinnert zu werden. Es fiel ihm trotzdem schwer, besonders wenn er das Paar nebenan streiten hörte, deren Zankereien nur durch das Scheppern von zerbrechendem Geschirr unterbrochen wurden. Ganz anders als bei den Scotts, überlegte er. Sie hatten ihre Auseinandersetzungen immer in ohrenbetäubender Stille ausgetragen.

Die Erinnerung an das letzte Mal, als er Tracy gesehen hatte, war für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Ihr schöner voller Mund war zu einem schmalen, zornigen Strich zusammengepresst gewesen, und sie hatte ihn mit vor Wut dunkelviolett gefärbten Augen durchdringend angesehen. Um eine Szene zu vermeiden, wenn Rick sie mit seiner neuen Corvette abholen kommen würde, hatte sie mit ihrem Handy wie mit einer Pistole auf ihn gezielt und geschrien: »Raus hier! Verschwinde, oder ich rufe die Polizei!« Als Scott am nächsten Morgen wiedergekommen war, war Tracy verschwunden.

In dieser Nacht träumte Scott, er würde eine nordkoreanische Fregatte durch ein Periskop betrachten. Aus den beiden Schornsteinen quoll dichter Rauch, als sie herumschwang und Fahrt aufnahm. Herrgott, sie haben uns entdeckt! Einen Herzschlag später begann der Bug der Fregatte bereits das Gesichtsfeld des Periskops auszufüllen. Angst fuhr ihm durch die Glieder. Zu spät für Ausweichmanöver: Er hatte sich festgelegt. Die Kampfschwimmer mussten zurückgeholt werden. Er musste Torpedos abfeuern, die Männer retten, aber seine Befehle blieben unbeachtet, wurden von Tracys Kreischen übertönt: »Raus hier! … Raus hier!«

2

ST. PETERSBURG, RUSSLAND

Dicke Wolken hingen tief über den vergoldeten Türmen und Kuppeln der alten Hauptstadt. Dichter Verkehr schlängelte sich um den Moskowski-Bahnhof und den Platz des Aufstands, mit seinem Gewirr aus nach Süden führenden Eisenbahngleisen, Oberleitungsbussen und Straßenbahnen. Am Newski-Prospekt schob sich der Verkehr zentimeterweise an einer schmalen Seitenstraße vorbei. Einige rostige Wolgas, Moskwitschs und Schigulis standen vor einer heruntergekommenen Reparaturwerkstatt am Ende der Sackgasse. Auf einem Grundstück daneben waren hinter einer Ansammlung von verbeulten Stoßstangen und Autotüren eine burgunderrote BMW-Limousine und ein grauer Volvo Kombi versteckt abgestellt.

Alikhan Zakajew wärmte sich an einem Ölofen in einer Ecke der Werkstatt. Auf dem Boden und den Werkbänken lagen ölverschmierte Werkzeuge, Ersatzteile und zerlegte Getriebe herum. Zakajew, ein ziemlich kleiner Mann, trug einen Marinemantel aus Kaschmir wie ein Cape über seinem zweireihigen Anzug. Er musterte mit zusammengekniffenen Augen eine Gruppe von kräftig gebauten, unrasierten und bedrohlich wirkenden Männern, die vor ihm auf einer Bank saßen. Einer von ihnen streichelte eine dürre schwarz-weiße Katze, die zufrieden ihre Krallen an seinem Hosenbein schärfte. Ein anderer spielte mit einer SIG-220-Pistole Kaliber .45 mit einem Laser-Visier, dessen roter Zielpunkt über die Wände, die Decke und Zakajew wanderte.

»Steck sie weg«, sagte Zakajew.

Die SIG verschwand sofort.

Zakajew passte es nicht, dass seine Anhänger gern mit ihren Waffen und teuren deutschen Autos protzten. Der Volvo Kombi war mehr nach seinem Geschmack.

Er strich sich über seinen bleistiftdünnen Schnurrbart. »Was machst du da?«, fragte er.

Eine attraktive junge Frau in einem Leder-Minirock, der durch ein sauberes Tuch unter ihrem Hinterteil vor Ölflecken geschützt wurde, saß auf einem Hocker und sah von einem dünnen Taschenbuch auf. »Ich lese.«

»Lesen kannst du später.« Zakajew deutete mit einer kurzen Kopfbewegung zu einem Lagerraum neben der Werkstatt, aus dem ein klägliches Wimmern zu hören war. »Sieh mal nach, was da so lange dauert.«

Das Mädchen war sehr groß und hatte riesige, stark geschminkte Augen. Sie trug eine dunkelrote Strumpfhose und hohe Stiefel mit Pfennigabsätzen, die ihre langen, schönen Beine betonten. Sie hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, ging durch die Werkstatt in den Lagerraum und kam schon einen Augenblick später wieder zurück.

»Er sagt, es hat keinen Zweck«, berichtete das Mädchen durch das Taschentuch.

»Keinen Zweck?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!