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Niemand dachte in der anfänglichen Euphorie der Wiedervereinigung noch an die Menschen. Sie wurden in einer Epoche der Geschichte für den Dienst in einem Staat und dessen Gesellschaft erzogen, der sich nun selbst abwickelt und seine Akteure als Strandgut der Geschichte hinterlässt!
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel 1
Zwei Tage in Hamburg, oder wie alles beginnt!
Kapitel 2
Rückkehr in die Vergangenheit
Kapitel 3
Erste Schritte in die Zukunft
Kapitel 4
Wie der Phönix aus der Asche
Kapitel 5
Mit eigener Kraft …Leinen los …
Kapitel 6
Kurs Süd …
Kapitel 7
Mit den Gefahren des Auftrages
Kapitel 8
Feuertaufe wider Willen
Kapitel 9
„Andromeda hier ist ...“
Kapitel 10
Der Nebel lichtet sich.
Leise und ohne störende Turbulenzen gleitet der Airbus über die norddeutsche Tiefebene. Nur vereinzelt verdecken Wolken das topografische Szenario, welches einige tausend Meter unter der Maschine dahingleitet. Im Inneren herrscht ein Geräuschpegel aus angeregtem Smail Talk oder ausgeprägtem Schweigen, zu den Letztgenannten zähle ich. Zu meiner Person, mein Name ist Matthias Führmann und ich befinde ich mich auf dem Inlandflug von Frankfurt nach Hamburg. Mit einer gewissen Skepsis nehme ich das Geschehen in meiner Umgebung zur Kenntnis und das hat seinen Grund. Zum einen ist das flugzeugspezifische Sitzmöbel meinen körperlichen Massen nicht im Geringsten angepasst, zum anderen gehört eine Flugzeugkabine nicht zu meinen geschätzten Aufenthaltsorten, trotzdem nehme ich dies in Kauf. Ein Anruf am späten Abend ist die Ursache. Die Häufigkeit meiner Telefonkontakte zu dieser Stunde kommt einem Sechser im Lotto gleich. Zögernd griff ich zum Hörer, eine männliche Stimme mit deutlich norddeutschem Dialekt ist zu vernehmen. Er entschuldigt sich für die späte Störung, wohl auch als Floskel passend zu dieser vorgerückten Stunde. Der Unbekannte stellt sich als Jens Hennig, Prokurist der South - West Afrikaans Shipping Inc. mit Sitz in Hamburg vor. Ich überlegte, gehörte diese Reederei zu meinen bisherigen beruflichen Kontakten, eher nicht!
Selbst im Entferntesten erinnere ich mich nicht, diese Reederei zu meinem ausgedünnten Netzwerk zu zählen. Zurückhaltung ist angesagt, signalisierte mein Inneres. Eine Gabe welche meinem Gesprächspartner abhandengekommen zu sein scheint. Er nutzt die Phase meiner Sprachlosigkeit und kommt sofort auf den Punkt. Die Quintessenz daraus, die genannte Reederei sucht nach maritimem Führungspersonal. Meinen Überlegungen nach zählten zu diesem Zweck keine Methoden der Telefonaquise von Seiten der Arbeitgeber. Die umgekehrte Form ist wohl eher die Regel, sollte sich die Zeiten geändert haben, eher nicht!
Dieser legt noch einmal gezielt nach, dabei konfrontiert er mich mit einem Kenntnisstand zu meine Person, der nicht aus Nachbarschaftsgesprächen gewonnen werden konnte, erneut ist signalisiert mein Inneres, Vorsicht ist geboten!
Mit Floskeln wie einzigartige Kenntnisse und Fähigkeiten versucht der gewiefte Rhetoriker ein positives Feedback zu suggestieren. Spontan entwickelte sich zeitweise auch bei mir ein positives Gefühl der Selbstbestätigung, eine zuletzt eher seltene Gefühlsregung. So ganz nebenbei erwähnt er auch Fakten aus meiner derzeitigen prekären privaten wie beruflichen Situation gespickt mit Details welche mir schlagartig den Schweiß auf die Stirn projizierte. Dieser Wissensstand flößt Angst ein!
Meine Überlegungen suchen bereits nach eigentlich abgeschlossenen Möglichkeiten der Ausspähung. Sollte ich in ein verborgenes Netz des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit geraten sein. Meiner Kenntnis nach verfuhr dies Klientel weitaus weniger subtil.
Der Sprachfluss meines Anrufers wollte nicht enden. Als endlich die Formulierungen auf ein Ende des Gesprächs hoffen lassen, erwähnt er eine Einladung nach Hamburg. Ein Termin sollte kurzfristig vereinbart und die Anreisemodalitäten noch geklärt werden.
Den Abschluss krönte die Bemerkung:
„Dies Angebot gelte natürlich nur für den Fall, dass ich keine anderen Verpflichtungen eingegangen sei!“
Eine Anmerkung, welche man getrost auch unter den Begriff entbehrlich einordnen konnte. Ein Gesprächspartner der so detailliert über mich informiert ist, verfügte auch darüber Kenntnis. Das Gespräch ist beendet, ich legte den Hörer auf.
Es tritt eine vermeintliche Ruhe ein, der Fernseher lief unbemerkt die gesamte Zeit weiter, mit einem der vorgerückten Uhrzeit entsprechenden seichten Gesprächsprogramm.
Ich stand sprichwörtlich neben mir. Immer wieder versuchte ich Pro und Kontra abzuwägen. Behindert werden diese Überlegungen ständig durch den investigativen Kenntnisstand in Bezug auf meine Person.
Als abgehalfterter Korvettenkapitän der Volks-Marine einem Relikt der ehemaligen DDR, ohne Kommando und Job, gestrandet in Frankfurt am Main zählt nicht gerade zu dem Personenkreis von Interesse.
Ich komme erneut zum denkbar unpassenden Szenario zurück und dies beinhaltete, für einen schlafenden Stasikader von Interesse zu sein, ein durchaus abschreckender Gedanke! Die Zeit verrinnt und ich überlege alle möglichen Konsequenzen des angebotenen Hamburg Trips. Der investigative Part, bezüglich meiner Person trat immer mehr in den Hintergrund. Die Waagschale neigt sich zum Pro, die Tatsache über eine wenn auch nur mündlich ausgesprochene Einladung nach Hamburg zu verfügen, ist eine Basis darauf lässt sich aufbauen.
Immer wieder werde ich mit den Umständen meines beruflichen Niedergangs konfrontiert und die sind alles anders als erfreulich. Noch immer sind die Monate nach der Wieder-Vereinigung präsent, als mein Schiff in die westdeutsche Marine übernommen und umgehend außer Dienst gestellt wird.
Während des kurzen Intermezzos in der Bundesmarine besteht meine Aufgabe in der Auflösung des Flottenverbandes. Eine durchaus anspruchsvolle nicht jedoch ruhmreiche Aufgabe. Niemand der alten Nomenklatur mit entsprechendem Dienstgrad war bereit dies zu übernehmen. Hier konnte ich meine organisatorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ein gewisser Bonus bleibt aber aus. Selbst mein spartanischer Kontakt mit den Organen der Staatssicherheit, brachte keine Pluspunkte. Frustrierend musste ich erkennen, dass Offiziere meiner Dienstgradgruppe mit weitaus mehr Kontakten zur Stasi, jedoch im technischen Umfeld tätig mit einer Übernahme belohnt werden. Als Argumente für die verbleibenden Offiziere, denen umgehen die Entlassungspapiere ausgehändigt werden sind Abrüstungsvereinbarungen, mit dem Ziel der Reduzierung der Gesamtstärke der Bundeswehr. Das Ausmustern, Verkaufen und im Letzten auch das Verschrotten der Schiffe aus dem Bestand der NVA konnte mit den vertraglichen Übereinkünften in den Zwei plus Vier Gesprächen problemlos gerechtfertigt werden. Niemand dachte in der anfänglichen Euphorie der Wiedervereinigung noch an die Menschen die dies betreffen wird. Sie wurden in einer Epoche der Geschichte für den Dienst in einem Staat und dessen Gesellschaft erzogen, der sich nun selbst abwickelt und seine Akteure als Strandgut der Geschichte hinterlässt!
Dies ist nur der berufliche Aspekt der Probleme meiner Vita, welche auch nur zum Teil mit dem wiedervereinigten Deutschland zu begründen ist. Sie sind weit vielfältiger und auch in meinem privaten Umfeld zu finden. Nach drei Jahren der Trennung lässt sich meine Frau nun endgültig von mir scheiden. Die Gründe sind vielfältig, dabei hatte die Beziehung in dem Maße gelitten, wie sich meine beruflichen Rückschläge in Mark und Pfennig spürbar machten. Sie erkannte sehr schnell, dass nach Verlust des protegierten Status, den vom Staat gewährter materieller wie ideeller Vergünstigungen keine Substanz mehr zum miteinander Leben vorhanden ist. Auch die Unsicherheit in meiner beruflicher Zukunft bestätigt ihr Handeln, sich aus der Beziehung zu lösen. Einen gemeinsamen Neuanfang unter den jetzt geltenden Bedingungen im postsozialistischen Umfeld lässt sich für unsere Beziehung nicht mehr verwirklichen. Eine neue Partnerschaft stand bereits in den Startlöchern. Nun liegt sie nach einigen Rückschlägen, nicht nur sprichwörtlich, in den Armen eines ehemaligen Stasi-Offiziers, einer Spezies der besonderen Art. Auch zu Zeiten der DDR führen sie ein Eigenleben. Ihr Neuer fand sehr schnell seine zweite Karriere, es bedarf nicht zu erwähnen, dass sich diese sehr nahe an seinem bisherigen beruflichen Umfeld auftat. Wo denn sonst!
Mit seinen Umrechnungsgewinnen, aus welchen dunklen Beständen auch immer, beteiligte er sich in einer Securityfirma, die in Berlin und dem Einzugsgebiet wie Pilze aus dem Boden schießen. In diesem Metier ist er gut aufgehoben, dies musste ich verbunden mit einem gewissen neidvollen Hintergedanken zur Kenntnis nehmen. Sein umfangreiches subversives wie investigatives Wissen konnte er gewinnbringend an den Mann bringen. Selbst Insidertyps über die alten Seilschaften ist bares Geld wert. Nur ein Selbstmord konnte ihn noch von einer steilen Karriere retten, ein durchaus wünschenswerte Möglichkeit!
Mich selbst hat das Glück anscheinend von seiner Tu-Du Liste gelöscht, kein Arbeitgeber aus der Reedereibranche fand es ratsam, einem ehemaligen Offizier der Volks-Marine eine Chance zu geben. Selbst bei artverwandten maritimen Berufszweigen ist niemand willens einem maritim orientierten Ossi eine berufliche Zukunft zu ermöglichen. Die Reedereien heuerten viel lieber minderbezahltes Personal aus dem Ausland an, als es mit qualifizierten aber teuren deutschen Seeleuten zu besetzen. Viele von ihnen wählten gleich die billigste und einfachste Variante um jeglicher Reglementierung aus dem Weg zu gehen und flaggten ihre Schiffe aus.
Natürlich betraf dies nicht nur mich als Marineoffizier, auch die ehemaligen Seeleute der DDR-Staatsreederei bekommen dieses Verhalten zu spüren. Bestimmt vermuteten viele, dass sie während ihrer Fahrens Zeit die Ostsee nie verlassen hatten, daher der Status von Küstenschiffern oder gar Binnenschiffer für sie zutrifft. Das mit der Ostsee traf zwar auch für mich zu, trotzdem verfüge ich über alle Patente die notwendig sind, um auf „Große Fahrt“ zu gehen. Und das mit den Binnenschiffern brachte mir die letzten Monate wenigstens eine gewisse finanzielle Sicherheit. Zuletzt fand es mein Skipper trotzdem ratsamer meine Person mit schon stark eingeschränkter Heuer auf der Route Main-Donau Schwarzes Meer, durch eine noch kostengünstigere Variante aus den Balkanländern zu ersetzen. In Frankfurt musste ich im Schatten der Bankenhochhäuser das Binnenschiff verlassen. Menschlich und beruflich bin ich erneut gestrandet. All diese Überlegungen führten zum Entschluss, jede noch so geringe Möglichkeit zu ergreifen, auch mit dem Risiko eine weitere berufliche Niederlage einstecken zu müssen.
Ein Blick auf die Uhr informiert mich über die noch verbleibende Zeit im Flieger. Eigentlich besteht kein Grund zu klagen, aus meteorologischer Sicht sind die vergangenen Minuten des Inland-Fluges, von Frankfurt nach Hamburg als durchaus ruhig anzusehen. Trotzdem spüre ich, dass mein vegetatives Nervenkostüm wie seit langen nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen ist. Mehrmals traf mich deshalb bereits besorgte Blicke einer der Flugbegleiterinnen, als sich deutlich sichtbar Schweiß-Tropfen auf meiner Stirn abzeichneten. Ein typisches Symptom meines aus den Fugen geratenen Nervensystems. Ich kenne dies nur zu gut, es tritt jetzt immer dann auf, wenn mich Unsicherheit und Ängste plagten. Einen Arzt hatte ich deswegen auch schon konsultiert, zum Glück konnte er keine pathologischen Ursachen diagnostizieren. Autogenes Training wird mir geraten, um meine Belastbarkeit in Stresssituationen zu verstärken.
Heute ist mit der Einladung in Hamburg wieder so eine Situation und jeder Versuch, sich in den geübten Entspannungslevel zu suggestieren, versagen kläglich. Da hilft nur der Glaube an die bevorstehende glückliche Landung in Hamburg Fuhlsbüttel.
Eine ruhige und freundliche Stimme unterbricht meine geistige Abwesenheit. Minutenlang war ich wieder in Phasen von Selbst-Mitleid und Weltschmerz verfallen. Im netten Ton bittet sie die Passagiere den Sicherheitsgurt anzulegen und den Sitz in aufrechte Position zu bringen.
„Ist es jetzt soweit?“ Kommt unbewusst über meine Lippen. Nun da ich mich in der Realität befinde und meine Umgebung erneut zur Kenntnis nehme, bemerkte ich auch meine Sitznachbarn. Ein Paar aus dem Westen. Unbewusst verfalle ich in die alt bekannte Terminologie von Ost und West. Nur die Beiden verfolgen interessiert den unbeschreiblichen Ausblick, der ihnen so kurz vor der Landung geboten wird. Den introvertierten Typ, also mich, welcher so schweigsam neben ihnen sitzt, nehmen sie nicht zur Kenntnis. Ein kurzer Ruck, verbunden mit einem kurzen Aufheulen vermittelt, der Landevorgang ist abgeschlossen. Einige der Fluggäste beginnen zu klatschen und ein Gefühl der Erleichterung geht durch die voll besetzten Sitzreihen der Maschine. Auch bei mir löste sich die innere Spannung und wechselte in das Gefühl von Sicherheit.
Bedeutete dies nun den erhofften neuen Anfang, oder sollte dieser Schritt nur eine weitere Stufe meiner persönlichen Demontage mit sich bringen, ich hoffe nicht!
Die Maschine rollt auf die zugewiesene Parkposition am Terminal. Der Übergang schwenkt zu den Ausgängen der Maschine, es wird lebendig im Inneren. Einiges an Hand-Gepäck kommt aus den Stauräumen zutage.
Passagiere stehen in den Gängen, andere warteten noch geduldig auf ihren Sitzen, den ersten Ansturm abwartend, ich gehöre dazu. Die Kabinentüre offent sich, ein frischer Luftzug ist zu spüren. Am Ausgang stehen einige Crew-Mitglieder, einem kurzen Smail Talk nicht abgeneigt. An der Gepäckausgabe kommt es kurz zum Stau, routiniert entnehmen Geschäftsleute mit ausgiebiger Flugerfahrung ihre Trolleys, auch mein verkratzter Hartschalenkoffer ist bereits im Zulauf, ein beherzter Griff am Förderband nur keinen Stau verursachen. Ich folge den anderen Fluggästen, eine große Glastür öffnet und schließt automatisch, ein kleiner Schritt und der Transit-Bereich liegt hinter mir, ich bin angekommen.
Jetzt gilt es pragmatisch vorzugehen, ich habe ein Ziel wobei die unbekannte Umgebung kein Hindernis darstellt. Der Blick auf den umfangreich vorhandenen Schilderwald führt mich zu den gesuchten Telefonzellen, alle belegt, ich muss warten. Mit der notierten Rufnummer meines Gastgebers in der Hand verfolge ich optisch und akustisch die Umgebung, weibliche Stimmen aus den unsichtbaren Lautsprechersystem sind zu vernehmen, Ankünfte und Abflüge von Maschinen, Sicherheitshinweise und:
„Der Passagier des Fluges LH 642 aus Frankfurt, Matthias Führmann wird gebeten, sich zur Information im Ankunftsbereich B zu begeben.“
Ich bin irritiert, der Ansagetext findet erneut seine Wiederholung. Mit einer Kontaktaufnahme in dieser Art, war nicht zu rechnen, trotzdem die Nachrichten galten mir, die Telefonzellen können warten.
Erneut erfolgte die Orientierung über den Schilderwald, schnellen Schrittes, soweit es bei diesem überfüllten Terminal überhaupt möglich ist erreiche ich den Informationsschalter, nun stand also der persönliche Kontakt unmittelbar bevor, vermutete ich. Noch in Frankfurt stellte ich mir das erste Kennenlernen, vermutlich am Airport bildlich vor, es erfüllte sich nicht, noch nicht!
Enttäuscht füge ich mich in die Reihen von wartenden Besuchern und Passagieren ein, nun bin ich an der Reihe:
„Führmann mein Name, ich bin aus…!“
Mein Satz findet keine Vollendung, dabei tritt mein Akzent unbewusst in Erscheinung, die Antwort der Flughafen Mitarbeiterin erfolgt in einer nicht zu überhörenden sächsischen Phonetik, dabei fixiert sie mich kurz:
„Herr Führmann ich habe eine Nachricht für sie.“
Sie dreht sich um, nimmt eine Mappe vom Regal, sucht kurz darin und übergibt mir ein Kuvert, es kommt erneut zu einem scheuen Blickkontakt, sie fordert mich auf den Empfang zu quittieren. Der letzte Strich meiner Unterschrift ist noch nicht erfolgt, da befindet sie sich bereits wieder mental bei einem anderen Wartenden.
Ein Blick auf den Absender lockt ein Grinsen über mein Gesicht, Firmenname, Logo und Adresse stimmen überein. Das Volumen des Inhalts machte mich neugierig, ich suche einen freien Platz in der Wartehalle und fand ihn etwas abgelegen.
Schnell verliert der Klebestreifen seine Aufgabe, der Griff nach dem Inhalt überrascht, eine mit Banderole fixiertes Bündel Geld-Scheine, grob geschätzt zweitausend Mark, eine Summe Geld über die ich schon lange nicht mehr verfüge, einen Stadtplan und ein persönlich gehaltenes Schreiben meines Gastgebers zuzüglich ein Hotelgutschein vervollständigen den Inhalt.
Das Geld, den Gutschein und den Stadtplan zurück in das Kuvert, nun ist der Text des Begleitschreibens wichtig, kurz überfliege ich die Informationen, Uhrzeit und Ort des Treffens am heutigen Abend, Name und Anschrift des Hotels, ein kurzer allgemein gehaltener Inhalt. OK dachte ich mir, nun zu den Details, heute Abend neunzehn Uhr Zeitpunkt der Unterredung, Ort Hanse Kai 30 Hamburg Altona. Unterbringung im City Holiday, Alster Chaussee 125, einen schönen Hamburg Aufenthalt.
Die Informationen lassen keinen Wunsch offen, dachte ich, jetzt galt es geordnet nach Priorität den Inhalt zu verteilen, hundert Mark mussten fürs Erste reichen, also in die Brieftasche, den Hotel-Gutschein stecke ich in die Innentasche meines Sakkos, den Rest in den Koffer. Der Stimmungslevel steigt, das vegetative Stimmungstief im Flieger ist vergessen.
Mit Verlassen des Terminals, ändert sich die umtriebige und laute Geräuschkulisse, kurz überlege ich, öffentliche Fort-Bewegungsmittel sind nun nicht mehr notwendig, die wiedergewonnene Bonität eröffnete andere Möglichkeiten. Ein Taxi muss her und davon gab es hier reichlich. Nur wenige Schritte sind notwendig, Fond Türe und Kofferraum öffnen sich. Der Koffer und ich finden seinen Platz, der Taxameter beginnt seine Tätigkeit.
Nach dreißig Minuten ist das Hotel erreicht. Die Zeitspanne wurde nicht langweilig, mein redseliger Chauffeur versorgt mich vorab mit umfangreichen Insider Tipps über die Stadt, den Hafen, nicht zu vergessen auch Kontakte zum einschlägigen Dienstleistungsgewerbe.
Wenn er wüsste, dass ein weit profanerer Grund Ursache für meinen Hamburg Besuch ist.
Nach Erreichen des Hotels öffnet sich erneut der Kofferraum, ohne mein Zutun wird das Gepäck bereits vom wartenden Mitarbeiter des Hotels in Beschlag genommen. Interessiert sehe ich mich um, alles ist sehr gepflegt und nobel, es passte so gar nicht zu meiner Situation.
Das Einchecken an der Rezeption geht ohne Probleme vor sich, es ist alles organisiert. Eine Hotelmitarbeiterin übergibt mir den Schlüssel in Form einer Checkkarte, wobei der junge Mann mit dem Koffer bereits wartend hinter mir steht. Der Weg zum Lift und anschließend über den langen Gang der Etage führ letztendlich zum Zimmer, die Checkkarte öffnet den Schließmechanismus, ein leises Klicken und die Türe öffnete sich. Der Koffer befindet sich auf einer Ablage, ein angemessenes Trinkgeld wechselt den Empfänger und ich habe meinen Schatten los.
Mein Gastgeber scheint weder Kosten noch Mühen gescheut zu haben, ein Doppelzimmer mit Blick auf die Binnen-Alster.
Das Doppelbett ist wohl in den diskret lancierten Anspielungen des Taxifahrers begründet, aber die Fensterfront hatte damit so gar nichts zu tun. Sollte mein neuer Status Grund für diesen Luxus sein!
Gebannt verfolge ich das rege Treiben auf der Außen-Alster, die Boote, die Kaffees mit den Sitzplätzen im Freien welche gut frequentiert sind. Vergleicht man diese Unterkunft mit den Herbergen meiner Reisen in die sozialistischen Bruderstaaten, wird mir klar, warum er bis vor wenigen Jahren noch hinter Mauern und Stacheltrat dafür zu sorgen hatte, dass kein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Kenntnis über diesen Wohlstand verfügen durfte. Meine Überlegungen gipfelten in der Benutzung der Dusche, um den Kopf für den Abend frei zu bekommen.
Bei vorgerückter Stunde befinde ich mich erneut in einem der Hamburger Taxis. Mein Chauffeur verfügte über die Adresse, für mich bleibt nur die Erwartungshaltung. Ein wuchtiges Backstein-Gebäude kommt in Sicht, das Fahrzeug kommt zum Stehen, die Hausnummer ist zu erkennen, ein in poliertem Messing gehaltenes Firmenschild, zieht mich magisch an. In dunklen Buchstaben steht South- West Afrikaans Shipping Inc. darauf zu lesen, die Städte Kapstadt - Portsmouth- und Hamburg sind etwas kleiner gehalten. Ich regele die Bezahlung und öffne die Türe, nehme einige tiefe Atemzüge mit dem Aroma von Fisch und Seeluft versetzt zu mir, passend zu meiner emotionalen Aufbruchsstimmung. Die massive Holztür öffnet sich und schließt automatisch, eine Barriere behindert das Vorwärtskommen.
Geschütz von einer transparenten Glaswand ist ein Wachdienst zu erkennen. Dieser hat mich noch nicht entdeckt, eine ausgiebige Lektüre scheint ihn zu fesseln. Soll ich ihm noch einige Sekunden tief versunkenen Konsums gönnen, nein es erübrigt sich, er hat mich entdeckt. Höflich aber bestimmt folgt die Aufforderung meines Begehrens, das Timbre klang stark dem eines Wärters!
Spontan assoziierte ich die Person mit dem Genre des Liebhabers meiner Ex. Schnell verwerfe ich diesen Gedanken, in einer solch untergeordneten Funktion ist er bestimmt nicht tätig, da bin ich mir sicher, ein ungewollter Abstieg dieser Konsequenz könnte sie nicht akzeptieren:
„Mein Name ist Führmann aus Frankfurt.“
Es folgt eine kurze Pause von Seiten des Wachmanns, für meine Verhältnisse zu lange:
„Herr Hennig erwartet mich um neunzehn Uhr.“
Jetzt kommt Leben in die kleine Kabine. Er nimmt den Hörer wählte eine Nummer und führte ein kurzes Gespräch, er nickt und ein Summen an der Türe gibt den Schließmechanismus frei. Mich erwartet ein helles futuristisch aussehendes Treppenhaus.
Ein gläserner Aufzugschacht, dessen Innenleben bis in alle Einzelheiten erkennbar und zu allem Überfluss auch noch beleuchtet domminiert. In einer der oberen Etagen setzt sich die Kabine in Bewegung. Im Erdgeschoss angekommen öffnen sich diese geräuschlos. Und nun, meine Erwartung projizierte sich auf den telefonischen Ansprechpartner als Empfangskomitee. Mitnichten bin ich auf eine großgewachsene Frau, Mitte dreißig mit kurzen blonden Haaren und durchaus femininen Äußeren gefasst. Das Erscheinungsbild wirft mich für den Bruchteil einer Sekunde hormonell aus der Bahn. Auch wenn ich kein ausgiebiger Kunst-Liebhaber bin, diese Frau hatte deutliche Züge von Frauen-Gestalten antiker Künstler. Rubens einmal ausgeschlossen.
Auch meine Person ist anscheinend von Interesse, ein kurzes taxieren von Seiten der Unbekannten ist nicht zu übersehen. Nur der gefühlte Bruchteil einer Sekunden dauert diese Prozedur, schnell ist das emotionale Blitzlichtgewitter wieder beendet:
„Herr Führmann… willkommen in Hamburg! Ich bin Valéry Köhnen, Assistentin der Geschäftsführung.“
Eine kurze einladende Geste und gemeinsam betreten wir die Kabine, die Türen schließen sich, meine Gastgeberin aktiviert mit ihrem Schlüssel den Aufzug, er setzt sich in Bewegung!
Die Zeit ist für ein Gespräch zu kurz, die Türen des Aufzugs öffnen sich erneut, die Büroräume der Reederei sind erreicht.
Nun kommt es zu dem erwarteten Smail Talk bezüglich Anreise, Unterbringung und erste Stunden in Hamburg.
„Herr Hennig, bittet sie noch um ein paar Minuten Geduld, er führt noch Gespräche, anschließend hat er für sie Zeit.“
Ich folge den langgezogenen Flur der einige interessante Ablenkungen enthält. Neben der anregenden Rückseite meiner Gastgeberin, erwecken eine Galerie von Schiffsfotografien und unter Glaskästen geschützten Modellen mein ausgesprochenes Interesse.
Mein Zögern wird wahrgenommen, trotzdem gewährt man mir ein kurzes Verweilen:
„Begleiten Sie mich bitte in unser Besprechungszimmer, unser Prokurist nennt es auch gerne das Lagezimmer.“
Die Tür öffnet sich und ich betrete das besagte Zimmer. Auf der Stirnseite befindet sich eine Seekarten des Nord- und Süd Atlantik, die den Ansprüchen einer Handels-Schiffreederei doch weit übertrifft, die Karte fällt durch in Plan-Quadrate unterteilte farbige Sektoren auf. Dieses Szenario erinnert doch sehr an die Kommandozentrale der Volksmarine.
Meine Gastgeberin bietet mir etwas zum Trinken an, zur Auswahl stehen etwas Hochprozentiges oder pures Mineralwasser, meine Wahl trifft auf ein Glas Mineralwasser, bedurfte der verspeiste Fisch, den ich während meines kurzen Trip am Nachmittag zu mir genommen hatte, noch reichlich an Flüssigkeitszufuhr. Mit dem Glas in der Hand setzte ich meine optische Betrachtung des gebotenem fort. Ich kann mich irren, aber Valery Köhnen verhält sich mir gegenüber durchaus charmant, eine Situation die in meiner Gedankenwelt kurzzeitig ein gewisses Brainstorming verursacht. Meine gescheiterte Ehe, welche Gründe auch immer ursächlich sind, zehrten doch sehr an meinem Ego. In der Nähe von ihr fühle ich mich jedoch nicht als Verlierer.
Für Gedankenspiele amouröser Art bleibt mir aber keine Zeit, eine weitere Tür öffnet sich und ein Mann mittlerer Größe und Alters, im Nadelstreifenanzug gekleidet betritt das Geschehen:
„Herr Führmann… guten Abend!“ Die Blicke der Protagonisten treffen sich:
„Oder ist es ihnen lieber, wenn ich Sie mit Kapitän anspreche!“
Überrascht und doch geschmeichelt revangiere ich mich:
„Die Zeiten sind schon lange vorbei…!“
Ein kräftiger Händedruck und mein Gegenüber witzelt vielsagend:
„Wer weiß, wer weiß.“
Habe ich mich verhört, oder ist der Tonfall wirklich ein anderer! Kein Vergleich zu dem vor nicht ganz zweiundsiebzig Stunden gewähltem!
„Ich bin sicher, sie haben sich in unserem Allerheiligsten bereits hinreichend umgesehen“.
Er hatte Recht:
„Wirklich beeindruckend.“
Mein Gastgeber scheint von der Dringlichkeit der letzten Minuten etwas mitgenommen und bricht die Ortsbesichtigung ab:
„Dann wollen wir keine Zeit verlieren.“
Mit einer einladenden Geste, deutet er den Weg zu seinem Büro. Valéry Köhnen hält sich im Hintergrund, verabschiedet sich nun und verlässt den Raum.
Kein Klischee bezüglich der hanseatischen Reedereitradition fehlte im Ambiente des Büros, wuchtige Ledersessel, dazu ein schwerer Mahagonitisch, Holzvertäfelung an Wand und Decke, der Schreibtisch im selben Dekor, einfach hanseatischer Stil. Hennig nimmt aus einer kunstvoll verzierten Truhe eine Zigarre, auch ich sollte in den Genuss der Rauchware kommen, ich lehnte dankend ab, um im selben Atemzug, die Begründung für meine Nikotinabstinenz nachzureichen. Ich hatte mir das Rauchen schon vor Jahren abgewöhnt. Hennig zündet sich, ohne jeden weiteren Kommentar eine der Zigarren an, einem Zeremoniell folgend bläst er dabei genüsslich den blauen Dunst der filigranen Holz-Decke entgegen, um ohne weitere Umschweife das Gespräch fortzusetzen:
„Nun Herr Führmann… ich habe sie nach Hamburg eingeladen, um Ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Bevor wir jedoch in medias res gehen, beabsichtige ich ihnen unser Unternehmen vorzustellen.“
In der sonst sehr bequemen Ledergarnitur sitze ich starr und aufrecht vor Ehrfurcht ihm gegenüber, nach Bequemlichkeit ist mir derzeit nicht. Henning zieht dagegen an seiner Zigarre und beginnt mit seinen Formulierungen:
„Die South -West Afrikaans Shipping Inc. ist im Bereich des Transports von Fracht jeglicher Art im gesamten afrikanischen, südamerikanischen und arabischen Raum tätig. Kurz gesagt die südliche Hemisphäre ist unser Domizil.“
Hennig erhebt sich dabei behäbig, bedient eine auf seinem Schreibtisch befindliche Tastatur. die schweren Vorhänge der Fensterfront setzen sich in Bewegung, an der Stirnseite des Raumes erscheint eine weiße Leinwand von der Decke und im selben Zeitraum beginnt der Lichtkegel eines Beamers den Raum zu erhellen. Hennig sitzt wieder gelassen in seinem Sessel um die kurz unterbrochenen Formulierungen zu ergänzen:
„Für diese Aufgabe unterhalten wir eine große Anzahl von speziellen Schiffen die in der Lage sind, auch auf Reede die jeweilige Ladung zu löschen.“
Es folgte nun in kurzen Abständen Diaserien. Die Motive sind immer dieselben, stattlichen in voller Fahrt dargestellten Schiffe vermutlich im Eigentum der Reederei. Übereinstimmende Kennzeichen sind jeweils starke Kräne und schwere Ladebäume. Nach einer kurzen Pause:
„Und nun kommen wir zu Ihrem Part, wenn ich richtig informierte bin, korrigieren sie mich, sollte etwas nicht den Tatsachen entsprechen, sind waren bis zu Ihrer Entlassung aus der Volks-Marine, das kurze Intermezzo in der Bundeswehr wollen wir außeracht lassen, Kommandant eines Schiffes der Kara Klasse!“
Nur ein kurzes Luftholen unterbrach den Monolog:
„Dieser Typ aus den Beständen der ehemaligen Volks-Marine fand im Schiffsbestand der Bundesmarine keine Verwendung. Das ist doch korrekt… oder?“
Diese Frage ist nur mit einem beklemmenden:
„Ja“ zu beantworten, trotzdem ich konnte es nicht unkorrigiert lassen:
„Genauer gesagt handelte es sich um den Typ Kara II, einem Hochseeversorger auf der Grundlage eines Landungs-Schiffes, um im Wortschatz der Militärs zu bleiben.“
Meine Ergänzung bleibt unkommentiert, es folgen weitere Schiffs Fotografien.
Was ist das…, eine weitere Bilderserie erscheint, meine Puls-Frequenz steigt, ohne jeden Zweifel es handelte sich dabei um mein Schiff, die „Walter Grotewohl“ abgebildet in Formations-Fahrt. Die vollständige Sicherheit über die Identität gibt die taktische Nummer auf dem Vorschiff. Diese Serie musste etwa vor fünf Jahren, also kurz vor der Wende entstanden sein. Im Hintergrund ist die Gebäudesiluette von Proha zu erkennen. Die Aufnahmen sind sicher im Rahmen einer Übungsfahrt vor Rügen aufgenommen worden, und ich führte dabei das Kommando!
„Wie ich aus Ihrer Reaktion sehe, sind sie sich über die Identität des Schiffes im Klaren.“
Was sollte das…, alte Zeiten wieder aufleben lassen?
„Ja sicher!“ ist meine Spontanreaktion, dabei bin ich sehr gefasst, reißt es doch immer noch alte Wunden auf. Eine weitere Fotosequenz erscheint, nun ist aber ein schäbiges, verrostetes abgerüsteter Schiffskörper zu erkennen, ein wirklicher Schatten seiner selbst. Das Szenario ist schnell als Vollbild auf die Lein-Wand projiziert, auf diesem Weg sollte es wohl seine besondere Präsenz entwickeln, und es erfüllte die Wirkung!
Sprachlos und sichtlich geschockt, die verblasste taktische Kennung an der Bordwand gab mir den sicheren Beweis meiner Vermutung.
„Wann sind diese Fotos entstanden?“
Hennig verfolgte in der Dunkelheit interessiert meine Reaktionen, bisher ist seine Inszenierung erfolgreich, ein unterdrücktes Lächeln zeigt sein triumphierendes Inneres.
„Vor etwa vier Wochen.“
Für mich stellt sich die Frage, welches Ziel beabsichtigt mein Gastgeber mit diesem Schauspiel, sollte damit mein Leidensdruck erhöht oder mein physischer Belastungsleval getestet werden?
Ich entscheidet mich das Gespräch am Laufen zu halten:
„Wo sind diese Fotos entstanden?“
Hennig scheint am Ziel seiner Dramaturgie!
„Sie liegt, an der südenglischen Kanalküste vor Anker dort erwartet sie das Abwrackkommando.“
Hennig lässt noch einige Fotosequenzen ablaufen, die den beklagenswerten Zustand des Schiffes von allen Seiten gut darstellt.
Das Schweigen im Raum wird nur durch das leise Summen des Lüfters im Beamer gestört.
Nun bin ich wohl am Zug, ich bin mir nicht sicher, aber es musste sein:
„In welchem Zusammenhang steht mein Besuch hier in Hamburg mit meinem ehemaligen Schiff?“
Hennigs Stimmung hellt sich auf ein weiterer Punkt des Drehbuches scheint erreicht, mein Verhalten deckt sich mit dem von ihm erstellten Profil meiner Person. Die Reaktion lässt auf eine noch starke vorhandene Identifikation mit dem Schiff deuten, es musste nicht erneut geweckt werden!
„So ist es richtig gleich auf den Punkt kommen.“
Hennig zieht noch einmal kräftig an seiner Zigarre, was zur Folge hat, dass ein leichter Hustenreiz die Formulierung etwas beeinträchtigt. Kurzer Zeit später, der Reiz ist abgeklungen:
„Die Aufgabe ist für denjenigen der sie übertragen bekommt eine Herausforderung.“
So nun hatte er die Katze aus dem Sack gelassen, ich bin also nicht alleine im Ring.
„Ich kann ihnen in wenigen Worten unsere Vorgaben für den Auftrag nennen.“
Jetzt galt es hell wach zu sein, es gibt bestimmt keine Wiederholung.
„Die Instandsetzung des Schiffes zu organisieren, eine neue Besatzung anzuheuern und auszubilden.“
Die verbalen Äußerung Hennigs waren kurz und prägnant, wie ich es aus seinem militärischen Genre gewöhnt war.
„Nach erfolgreicher Indienststellung übertragen wir der Person welche diese Aufgaben erfüllt, das Kommando über das Schiff.“
Die Aussage ist prägnant und schockierend zugleich, erlebe ich nun erneut mein sprichwörtliches Waterloo!
Trotzdem ich hatte nichts zu verlieren, doch viel zu gewinnen. Meine bisherige Sitzposition muss sich ändern, ich gehe jetzt auf Angriffsmodus:
„Ich bin Seemann Herr Hennig, natürlich ich kenne mich mit Schiffen aus, ich kann sie führen, aber als Organisator muss ich mir meine Sporen noch verdienen!“
Hennig wiederum wusste, er hatte seinen Gast an der sprichwörtlichen Angel hängen, nun musste er mich nur noch unbeschadet an Land bringen:
„Nun mal keine Panik, Herr Führmann, meiner Kenntnis nach haben sie sich in der kurzen Zeit bei der Bundesmarine auch als Organisator bewährt, wenn auch nur bei der Demobilisierung ihres Verbandes, soviel zu Ihrer Anmerkung.“
Teil eins seiner Taktik, Fähigkeiten des Anderen herausstellen!
„In weiser Voraussicht hat die Geschäftsführung unserer Reederei mit der Werft in England eine Option bezüglich des Ankaufs dieses Schiffes vereinbart. Somit ist die unmittelbare Verschrottung erst einmal vom Tisch.“
Teil zwei, den Stresslevel seines Gegenübers kurzfristig zu senken. Genüsslich widmet sich Hennig seiner Havanna, es bewirkt immer eine kurze Pause in seinem Gesprächsfluss:
„Es fehlt nur noch der richtige Mann.“
Kurzes Feedback zur Entscheidungsfindung, plötzlich wird der Ledersessel eine Nummer zu groß. Ich wusste, wenn ich diese Chance nicht wahrnehme, wird sich ein Anderer damit profilieren. Vielleicht ist schon einer auf dem Sprung, um mir diese vielleicht letzte Möglichkeit streitig zu machen:
„Meine Aufgabe“ ich musste nach Worten ringen:
„Das Schiff mit neuer Crew und mit Sicherheit auch mit einer modifizierten Ausstattung auslaufbereit in Dienst zu stellen!“
Hennig antwortet kurz:
„So ist es…“
Erneut eine kurze Pause.
„Der Zeitraum für die Indienststellung ist der Spätsommer dieses Jahres. Natürlich beinhaltet dies wie sie richtig erkannt neben aller Instandsetzungsarbeiten, auch die Probefahrten und die Ausbildung der Besatzung.“
Meine Satzgestaltung ist darauf angelegt um Zeit zu gewinnen, die Wiederholungen sind Teil meines Plans, doch nun wusste ich auf was ich mich bereit bin einzulassen. Ich hoffte immer noch auf ein zusätzliches Highlight.
Hennig legte in seiner Taktik der Verhandlungen noch einmal nach:
„Für den administrativen Teil des Vorhabens stelle ich Ihnen unsere Frau Köhnen als Projektmanagerin zur Seite. Sie wird Ihnen alle Formalitäten und das Finanzielle vom Hals halten. Zusätzlich stehen ihnen in England ebenfalls erfahrene Mitarbeiter der Werft zur Seite.“
Das war es, schon alleine die angesprochene Zusammenarbeit mit Valéry Köhnen, tat sein Übriges um den Auftrag annehmen. Das Übrige wird sich finden. Jetzt wollte ich den Job in trockene Tücher bringen:
„Wird es möglich sein Besatzungsmitglieder aus den ehemaligen Crews oder den Typ gleichen Schiffen anzuheuern!“
Auch Hennig ist sich sicher, dass seine Taktik den gewünschten Erfolg zeigt und antwortete geradezu jovial:
„Hervorragend, natürlich wird dies möglich sein, es ist von unserer Seite geradezu erwünscht. Sie haben hierfür völlig freie Hand.“
Die Bemerkung völlig freie Hand, ist das Bonbon auf das ich gewartet habe, sieht man einmal von der Person Valéry Köhnen ab.
Meine grauen Zellen leisten Schwerstarbeit, spontan erinnere ich mich an einige Namen von Besatzungsmitgliedern, sie könnten bei diesem Job sehr hilfreich sein!
Jetzt musste ich meine Zusage aber signalisieren, Hennig hatte die Hose deutlich genug heruntergelassen:
„Ich übernehme… gerne diese Aufgabe!“
Zu allem Übel beginne ich bei der Formulierung auch noch zu stottern, ein verbaler Ausrutscher, der sich nicht wiederholen durfte.
Wie auf Bestellung betritt Valéry Köhnen den Raum.
„Valéry, sie kommen gerade im richtigen Augenblick“ Mein Blick dreht sich unbewusst!
„Kapitän Führmann hat sich entschlossen, in unsere Dienste zu treten.“
Valéry Köhnen vermittelte mit ihrer Gestik den Eindruck, sie hatte nichts anderes von ihrem Gast erwartet:
„Da haben wir jetzt einen Grund zum Feiern! Ich schlage vor, mit einem Glas Spritzigem anzustoßen, bevor sich unser Kapitän es sich noch einmal anders überlegt!“
Hennig kontert:
„Das wollen wir doch nicht hoffen!“
Aus einem verdeckten Kühlschrank, er befindet sich in einem der wuchtigen Möbel, entnimmt sie eine gekühlte Flasche Champagner, löst den Verschluss und füllt die schäumende Flüssigkeit in die Gläser. Der Schaum perlt noch und Valéry Köhnen näherte sich der Männergesellschaft.
Wieder hatte ich den Eindruck von ihr taxiert zu werden. Gemeinsam stoßen wir auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit und natürlich auch auf ein gutes Gelingen an. Hennig vergisst in dieser Situation nicht die obligatorische Handbreit Wasser unter dem Kiel zu erwähnen, wobei er diesmal in gelöster Stimmung scherzhaft anmerkte, dass dies bei diesem Schiffstyp wohlmöglich manchmal erwünscht sei. Die Gläser sind gelehrt, nun kommt es trotz vorhandenen guter Atmosphäre zum geschäftlichen Teil des Abends.
„Kapitän Führmann in zwei Wochen wird ein Trocken-Dockaufenthalt endgültig über den Umfang der Instandsetzung Auskunft geben. Nach Abschluss dieser Arbeiten soll sie dann an die Pier verholt werden, um auf- und ausgerüstet zu werden. Sie sehen also, von unserer Seite sind die wichtigsten vorbereitenden Maßnahmen getroffen.“
Valery Köhnen im Kreis der Hauptdarsteller im Hintergrund fungierend, verfolgt meine Reaktionen, seien es verbaler wie mimischer Art mit großem Interesse, schon vom ersten Augenblick der Begegnung stehe ich anscheinend in ihrem Focus.
„Für sie wird morgen bereits der erste Arbeitstermin stattfinden.“
Mit Blick auf Valery Köhnen:
„Sie begleiten Kapitän Führmann auf die Transvaal, sie liegt im Containerhafen am Terminal, er soll dabei einen Eindruck von unserer Reederei bekommen.“
Die Unterredung ist beendet und der Abend endet für mich wie er begonnen hat, in einem Taxi.
Das Telefon läutet, mit verschlafenen Augen wage ich einen Blick auf die Uhr! Nein, das durfte nicht sein, der erste Termin und schon verschlafen!
Ruhig informiert mich die Rezeption, eine Besucherin erwartet ihn an der Rezeption. Ich bedankte mich und lege den Hörer auf. Im Bad musste jetzt alles zügig gehen. Noch schnell einen Blick in den Spiegel, um etwaige behebbare Spuren im Gesicht zu korrigieren, das Ergebnis alles in Ordnung, ich konnte auf die neue Aufgabe losgelassen werden.
Schnell greife ich noch zum Jackett und verlasse das Zimmer. Der Aufzug führt in die Hotelhalle. Die Tür des Lifts öffnet sich ein Blick in die Runde und da ist sie. Valéry Köhnen residiert in einer gepolsterten Sitzecke in der Lobby. Kein Symptom von Ärger oder Stress ist zu erkennen, sie wartet geduldig auf mich. Ihr maritim gehaltener Anzug verdeckt nicht im Geringsten die viel versprechende Figur.
Kaum zu glauben, die noch vor wenigen Stunden berechnend wirkende Gastgeberin bekam für mich einen völlig neuen Stellen-Wert. Das Emblem der Reederei auf der Brusttasche, das mit goldenen Knöpfen versehenen Sakko, damit unterscheidet sie sich deutlich von den übrigen Gästen. Ihr Interesse an der Hochglanz-Broschüre lässt kurz nach, sie erkennt mich, hebt die Hand:
„Guten Morgen Kapitän Führmann!“
Wie dieser Klang doch mein Selbstbewusstsein auf Touren bringt. Die Broschüre in ihrer Hand verliert endgültig ihr Interesse, nun scheine ich der Adressat ihrer Aufmerksamkeit zu sein!
Geradezu vertraut reicht sie mir die Hand, ich musste dagegen verkrampft wirken, da half auch das neu gewonnene Selbstvertrauen nicht. Hier betrete ich quasi erneut Neuland. Mein morgendlicher Kaffee fehlte noch, es ergibt sich die Möglichkeit sie zu einer Tasse Kaffee einzuladen, ihre Antwort kam prompt und durchaus zufrieden stellend:
„Gerne Kapitän wir haben Zeit, der besagte Termin verzögert sich.“
Dabei deutet sie etwas spitzbübisch auf das am Tisch liegende Mobiltelefon:
„Die Löscharbeiten auf dem Schiff ziehen sich in die Länge, die gesamte Mannschaft ist eingebunden, da können sie uns vor dreizehn Uhr an Bord nicht gebrauchen.“
Von einer Last befreit bestelle ich zwei Tassen Kaffee, das Frühstücks Buffet zeigt bereits arge Auflösungserscheinung, trotzdem finde ich noch genügend um meinen Hunger zu stillen. Bei Brötchen und frischen Kaffee entwickelt sich ein intensives Gespräch. Nebenbei stand der gefüllte Terminkalender für den Vormittag auch auf der Agenda. Als Krönung stand gegen achtzehn Uhr ein Termin beim Schneider zur Disposition. Ein etwas zu trockenes Müsli hinderte mich, eine passendere Formulierung zu artikulieren:
„Die Reederei legt wohl einen großen Wert auf das einheitliche Erscheinungsbild seiner Mitarbeiter, Corporate Identity ist wohl die neuhochdeutsche Bezeichnung!“
Die Antwort: „Genau dieses.“
„Und ich dachte schon mein Outfit entspricht nicht den Ansprüchen.“
Gegen elf Uhr verlassen wir das Hotel. Unser erstes Ziel ist eine Bank, deren Hauptsitz in Pretoria alle Konten der Mitarbeiter führt. Ohne die sonst üblichen inquisitorischen Fragen ermöglicht dies mir, die finanziellen Angelegenheiten neu zu regeln. Meine Stimmung steigt erneut. Nun steht der Termin im Hafen auf der Tagesordnung.
Das Taxi stoppt bereits kurze Zeit später an einem Kontrollpunkt des Containerterminals, der Fahrer erhält detaillierte Anweisungen, welche Route er zu fahren hat. Wir begegnen wie von Geisterhand gesteuerten Fahrzeugen denen Vorrang zu geben ist. Die letzten Meter ähnelten einem Hindernislauf, abermals kommt das Fahrzeug zum Stehen, wir befanden uns in den Schwenk-Bereichen von Lastkränen. Ein Container nach dem anderen gleitet auf die Schiffe und findet seinen Platz. Das Ziel ist erreicht. Wir steigen aus, wow…denke ich, das ist ein Brocken!
Circa achzigtausend Bruttoregistertonnen liegen fest vertäut am Kai, deutlich ist der Name des Schiffes zu erkennen. Transvaal steht da in dicken Buchstaben, wohl eine Reminiszenz an eine Region in Südafrika. Die Gangway ist erreicht und über eine große Luke betreten wir das Innere des Schiffes.
Meine Begleiterin wechselt einige Worte mit einem Besatzungs-Mitglied, die wohl aussagekräftig genug ist um den Weg in das Innere des Schiffes frei zu geben. Einiger Decks höher stehen wir vor der Kabine des Kapitäns. Ein kräftiges Klopfzeichen, nach Aufforderung betreten wir die Kabine.
Mit einem gewissen Abstand folge ich Valery Köhnen in die helle großzügige Kabine. Eine männliche Person mit gebräunter Haut, grauen welligen Haaren und einem kräftigen Oberlippenbart, welcher wohl noch aus viktorianischen Zeiten herrührte sitzt am Schreibtisch. Mit kräftiger Stimme begrüßt er seine Besucher, wobei sich meine simultane Übersetzungskapazität in Grenzen hält, bei einem russischen Gastgeber könnte ich eher punkten. Captain Gredy setzt die Konversation daraufhin in einem behäbigen Deutsch fort und fabuliert:
„Sie sind also der neue Captain, der unseren Matrosen den außerordentlichen Landgang ermöglicht, dabei sein Schiff auf Grund setzt, ohne die Reederei in Rage zu versetzen.“
„Habe ich mich passend genug ausgedrückt!“ Rekapitulierte Gredy, meinen Gesichtszüge ist bestimmt ein Schmunzeln zu entnehmen:
„Treffender geht es nicht Captain!“ Ich bin mir dabei nicht sicher, in seinen Augen ein Funkeln zu erkennen, welches nicht unbedingt als positiv einzustufen ist!
Gredy weist mir einen Platz an dem obligatorischen Mahagoni-Tisch zu. Ein Steward betritt die Kabine, er bringt aus der Pantry Tee und frisches Gebäck. Etwas oberlehrerhaft äußert Grady:
„Für etwas Stärkeres ist es bestimmt noch zu früh am
Tage.“
Übergangslos beginnt er mich mit einer Flut von Informationen zu instruieren. Wortlos übergibt er mir einen Stapel Handbücher verbunden mit den eindringlichen Worten:
„Ihre Aufgabe beginnt in Kürze, deshalb rate ich, alsbald mit der Lektüre zu beginnen.“
Ich bin bisher schon kein großer Freund von überbordenden Dienstvorschriften gewesen und mit Ausscheiden aus der Truppe glaubte ich dieses Thema ad Akta legen zu können. In Gredy fand ich nun meinen Meister.
Gredy greift zum Telefon, kurz darauf erscheint ein weiteres Besatzungsmitglied. Gredy stellte ihn als den Zweiten Offizier vor, es werden einige Worte zwischen den Beiden gewechselt, ich verstehe sie nicht, es ist jedenfalls kein Englisch, in welchem sich Gredy mit seinem Offizier unterhält. Er muss nicht lange warten, um den Inhalt des Gespräches zu entschlüsseln, ein Rundgang durch das Schiff steht auf dem Programm und mein Fremden-Führer ist auch schon gefunden. Großes Interesse, oder gar Begeisterung ist bei ihm für diesen Auftrag nicht zu erkennen, trotzdem auch hier an Bord gilt…
„Befehl, ist Befehl.“ Ich bin wohl als Einziger von diesem Ansinnen begeistert, weg von den grauen Vorschriften und hin zur Praxis. Die Kabinentür fällt in das Schloss, ich folge meinem Begleiter bedingungslos mit Ziel Brücke. Nun werde ich mit Dimensionen konfrontiert, welche technisch wie räumlich in einer anderen Liga spielen. Zwei übergroße Radarbildschirme, das Navigationsplot die Steuerungsanlage, eine Vielzahl an digitalisierter Überwachungstechnik und nicht zu vergessen die große Fensterfront. Kein Vergleich zu meiner Brücke auf der Grotewohl, da herrschte noch Handarbeit. Mein Begleiter vermittelt mir mit begrenztem Wortschatz einige technische Details. Ich kann mich nicht losreißen, erst als sich beim Zweiten Anzeichen von Ungeduld zeigen, verlassen wir den Ort meines Begehrens.
