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Examensarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: 1, Philipps-Universität Marburg (Heil- und Sonderpädagogik Marburg), Sprache: Deutsch, Abstract: Ich beschäftige mich im privaten Bereich schon seit einiger Zeit mit dem Computer und habe im Lauf der Zeit einen Einblick in die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Computertechnologie bekommen. Die Computertechnik und die dazugehörigen Hard- und Softwareinnovationen, die in einer ständigen Weiterentwicklung stehen, faszinieren mich. Erst sehr spät im Studium erkannte ich, dass es auch im Sonderschulbereich Möglichkeiten gibt, den Computer als Medium gezielt zur Förderung der Schüler in den Unterricht zu integrieren. Während meiner Studienzeit stieß ich im Rahmen diverser Praktika häufig auf Schulen mit Computerausstattung. In einem 5-wöchigen-Blockpraktikum in einer Praktisch Bildbaren Schule in Hofgeismar konnte ich erstmals ein mit Computern ausgestattetes Klassenzimmer besichtigen und die Schüler bei der Arbeit mit den Rechnern beobachten. Die Schüler hatten offensichtlich großen Spaß bei der Arbeit mit dem Computer und waren in ihren Ausübungen höchst motiviert. Da die mir zugeteilte Klasse eine solche Computerausstattung nicht besaß, blieb es vorerst bei diesem einmaligen Eindruck, der jedoch mein Interesse zusätzlich intensivierte. In einem weiteren Sprachförderpraktikum wurde ich erstmals mit dem Computereinsatz in einer Sonderschule aktiv konfrontiert. Dort führte ich Sprachübungen mit einem Testschüler am Computer durch. Dazu verwendeten wir ein schuleigenes Programm, welches auf verschiedenen Sprachschwierigkeiten editiert werden kann. Die Arbeit mit dem Computer bereitete nicht nur dem Schüler sondern auch mir große Freude. Darüber hinaus empfand ich das Arbeiten mit dem Programm nicht nur in Bezug auf die motivierende Wirkung des Computers auf den Schüler, als sehr effektiv. Zudem denke ich, dass die multimediale Präsentation der Lerninhalte eine sehr positive Förderungskomponente darstellt, die das Lernen über mehrere Sinneskanäle ermöglicht. Allerdings war dieser Eindruck vorerst rein subjektiver und praktischer Art, wodurch mein Interesse anstieg, mich auf theoretischer Ebene mit diesem Thema zu befassen, um objektive wissenschaftliche Erkenntnisse zu erhalten. Im Rahmen dieses Interesses zum Computereinsatz in Sonderschulen habe ich mich entschieden eben diese wissenschaftliche Hausarbeit zum Thema zu verfassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2003
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3.3 Spezielle Einsatzgebiete in der Heil- und Sonderpädagogik
3.3.1 Computer als prothetisches Hilfsmittel
4. Grundlegende Computerunterstützte Förderbereiche
für geistig behinderte Schüler 80
4.1 Computerunterstützte Förderdiagnostiken 81
4.2 Basale Funtionstrainings 82
4.3 Schreib- und Leseförderung 85
4.3.1 Schreibförderung
4.3.2 Leseförderung
4.4 Sprachförderung 92
4.5 Mathematische Förderung 95
4.5.1 Vorstufe mathematischer Fähigkeiten
4.5.2 Mengen, Zahlen und Rechenoperationen
5. Softwarebeurteilung 100
5.1 Kommerzielle Bewertungssysteme: Die SODIS-Datenbank
5.2 Private Bewertungssysteme: Kriterienanalyse
5.2.1 Kriterienkatalog102
5.2.2 Beobachtungsbogen106
6. Schlussbetrachtung 108
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1. Vorwort
1.1. Begründung zur Themenwahl
Ich beschäftige mich im privaten Bereich schon seit einiger Zeit mit dem Comp uter und habe im Lauf der Zeit einen Einblick in die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Computertechnologie bekommen. Die Computertechnik und die dazugehörigen Hard- und Softwareinnovationen, die in einer ständigen Weiterentwicklung stehen, faszinieren mich.
Erst sehr spät im Studium erkannte ich, dass es auc h im Sonderschulbereich Möglichkeiten gibt, den Computer als Medium gezielt zur Förderung der Schüler in den Unterricht zu integrieren. Während meiner Studienzeit stieß ich im Rahmen diverser Praktika häufig auf Schulen mit Comp uterausstattung. In einem 5wöchigen-Blockpraktikum in einer Praktisch Bildbaren Schule in Hofgeismar konnte ich erstmals ein mit Computern ausgestattetes Klassenzimmer besichtigen und die Schüler bei der Arbeit mit den Rechnern beobachten. Die Schüler hatten offensichtlich großen Spaß bei der Arbeit mit dem Computer und waren in ihren Ausübungen höchst motiviert. Da die mir zugeteilte Klasse eine solche Comp uterausstattung nicht besaß, blieb es vorerst bei diesem einmaligen Eindruck, der jedoch mein Interesse zusätzlich intens ivierte.
In einem weiteren Sprachförderpraktikum wurde ich erstmals mit dem Computereinsatz in einer Sonderschule aktiv konfrontiert. Dort führte ich Sprachübungen mit einem Testschüler am Computer durch. Dazu verwendeten wir ein schuleigenes Programm, welches auf verschiedenen Sprachschwierigkeiten editiert werden kann. Die Arbeit mit dem Comp uter bereitete nicht nur dem Schüler sondern auch mir große Freude. Darüber hinaus empfand ich das Arbeiten mit dem Programm nicht nur in Bezug auf die motivierende Wirkung des Computers auf den Schüler, als sehr effektiv. Zudem denke ich, dass die multimediale Präsentation der Lerninhalte eine sehr positive Förderungskomponente darstellt, die das Lernen über mehrere Sinneskanäle ermöglicht.
Allerdings war dieser Eindruck vorerst rein subjektiver und praktischer Art, wodurch mein Interesse anstieg, mich auf theoretischer Ebene mit diesem Thema zu befassen, um objektive wissenschaftliche Erkenntnisse zu erhalten. Im Rahmen dieses Interesses zum Computereinsatz in Sonderschulen habe ich mich entschie- den eben diese wissenschaftliche Hausarbeit zum Thema zu verfa ssen.
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Des Weiteren wird mein Vorhaben bekräftigt durch die Tatsache, dass unser gesamtes gesellschaftliches und technisches Leben ohne den Computer kaum noch vorstellbar ist. Nicht umsonst wird computergestützte Informationstechnik.... „als Schlüsseltechnologie bezeichnet.“ (BONFRANCHI in Geistige Behinderung, 1997, 97) Computertechnologie ist in den verschiedensten Lebensbereichen anzutreffen, angefangen von Haushaltsgeräten (z.B. Waschmaschine), über Unterha ltungsmedien (z.B.Videorekorder), bis hin zu großindustriellen computergesteuerten Fertigungsmaschinen (z.B. CNC Drehmaschinen). Da behinderte Menschen ein Teil dieser „computergeprägten“ Gesellschaft sind, hat nach meiner Meinung der Informatikunterricht ebenso seine Daseinsberechtigung, wie dies andere klassische Schulfächer haben. Erst durch den Umgang mit dem Computer, sei es als Unterrichtsgegenstand oder als Unterrichtsmedium werden die Schüler auf das Leben im Sinne einer hochtechnisierten Gesellschaft vorbereitet.
1.2 Methodische Vorgehensweise
Mit dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, welche Einsatzmöglichkeiten es im allgemeinen für Computer in Schulen für geistig Behinderte gibt und welche Förderprogramme, Hardwarekonzepte und prothetische Hilfsmittel zum aktuellen technischen Stand für eine sehr differenzierte Schülerschaft an Schulen für Geistig Behinderte zur Verfügung stehen und was diese zu leisten vermögen.
Als Einstieg in die Analyse soll zunächst die geschichtliche Entwicklung des Computereinsatzes in Sonderschulen dargestellt werden, um einen Überblick über den bisherigen Ansatz der Computerdidaktik in Schulen zu ermöglichen und um zu verdeutlichen wie weit die Verbreitung des Computers in Schulen vorangeschritten ist (2.1). Darauf aufbauend wird das Thema des Computereinsatzes in der Sonderschule allgemein erörtert, indem verschiedene Kritikpunkte diverser Autoren dargestellt werden, um einen ersten Überblick einer schon länger existierenden Diskussion über das Für und Wieder des Computereinsatzes in Sonderschulen zu ermöglichen (2.2). Als Abschluss der Einführung wird auf die veränderte Le hrerrolle durch den Umgang mit Computern im Unterricht hingewiesen und verdeutlich, welche Position der Lehrer einnimmt, wenn der Computer als Unterrichtsmedium hinzugezogen wird (2.3).
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Intention von Kapitel 3. ist die Darstellung der unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten des Computers in Schulen für geistige Behinderung, sowie die Differenzierung einzelner Anwendungsgebiete.
Zunächst wird als Dimension des Computereinsatzes die Möglichkeit vorgestellt, wie der Computer als Unterrichtsgegenstand Verwendung findet und welchen Nutzen die Schüler von diesem Aspekt haben (3.1). Daraufhin wird die Verwendungsform „didaktisches Medium“ thematisiert, und analysiert auf welche vielseitige Weise der Computer als Medium des Unterrichts verwendet werden kann (3.2). Diese Darstellung ist untergliedert in verschiedene Schwerpunktbereiche:
„Das Arbeiten am Computer“ (3.2.1) beschreibt, wie der Computer als Werkzeug eingesetzt werden kann und wie die Schüler mit verschiedenen Anwendungsprogrammen Texte, Datenbanken, Tabellenkalkulationen, Graphiken und Bilder, sowie Musik herstellen können und auf welche Weise der Computer als Steuer- und Regelsystem eingesetzt werden kann. „Lernen am Computer“ (3.2.2) fokussiert verschiedene Lernprogrammgattungen, deren lerntheoretischen Kern, sowie die Anwendungsmöglichkeit auf ve rschiedene Lerninhalte und den Nutzen, den die Schüler aus diesem Hilfsmittel ziehen können. Neben dieser schülerzentrierten Einsatzform soll unter „Lehren mit dem Comp uter“ (3.2.3) verdeutlicht werden, auf welche Weise der Computer dem Lehrer als Werkzeug dient, um Inhalte des Unterrichts mit Hilfe neuer Technolo gien zu vermitteln. Da die Freizeitpädagogik in der Schule für geistige Behinderung ein wichtiges Gebiet ist, soll demonstriert werden, welche Computerspiele es für die Freizeitgestaltung gibt, ob das Comp uterspielen auch für geistig behinderte Relevanz hat und welche Kritikpunkte existieren (3.2.4). Abschließend wird herausgestellt, wie geistig behinderte Schüler das Medium Internet zur Kommunikation und Informationsbeschaffung nutzen können (3.2.5).
Der dritte Schwerpunktbereich des Computereinsatzes ist der Computer als prothetisches Hilfsmittel für behinderte Menschen allgemein (3.3). Hier soll dargestellt werden, welche adaptierten Hardwarelösungen es für behinderte Personen gibt, die die Kommunikation, Computersteuerung und Bewältigung von allgemeinen Handlungen unterstützen.
Intention von Kapitel 4 ist die explizite Herausstellung verschiedener sonderpäda- gogischer Förderbereiche. Hauptaugenmerk liegt auf basalen Grundfunktionen,
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Schreiben und Lesen, Sprache, Mathematik und Förderdiagnostik. Adäquat zu jedem Förderbereich wird jeweils ein Computerprogramm vorgestellt, das bei der Förderung eingesetzt werden kann. Eine Bewertung der Programme gibt einen Einblick über die Qualität heutiger Software und den didaktischen Nutzen, der in der Schule für geistige Behinderung relevant ist.
Um die Softwareanalyse abzurunden wird in Kapitel 5 zunächst das Bewertungssystem SODIS vorgestellt, mit dessen Hilfe sich Lehrer und Pädagogen über Programme informieren können. Aufbauend werden exemplarisch ein Kriterienkatalo g für Software und ein Beobachtungsbogen für Schülerverhalten vorgestellt, mit deren Hilfe Lehrer Software beurteilen und Schülerverhalten in Bezug auf Computeranwendung protokollieren können.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird in dieser Arbeit nur eine Geschlechts-form benutzt, womit jedoch keine geschlechtsspezifische Aussage gemacht wer- den soll. Angesprochen sind immer Personen beiden Geschlechts.
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Schon in den späten fünfziger Jahren setzten die US Amerikaner den Computer in allgemein bildenden Schulen ein und erprobten die Möglichkeiten, die ein comp utergestützter Unterricht bietet. Dabei kamen sog. Drill- and Practice (Übungs- und Trainingsprogramme) Systeme zum Einsatz. In den sechziger Jahren wurden diese Programme modifiziert, wobei Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie die Grundlage dieser Modifikation bildeten. Der Benutzer bekam, entsprechend seiner Fähigkeiten, ein eigenes Profil bei seiner Arbeit mit dem Programm. In Deutschland wurde der Computer erst Ende der siebziger Jahre in allgemeinen Schulen eingesetzt. Während dieser Zeit wurde er als Unterrichtsgegenstand, Unterrichtsmedium und als Werkzeug benutzt (vgl. HAGEMANN, 1997, 75). Allerdings setzte sich eine weite Verbreitung der Computer in Schulen nicht durch, da die Geräte zum einen zu teuer waren und zum anderen existierten nur wenig pädagogisch-didaktische sinnvolle Programme, die einen langfristigen Einsatz hätten rechfertigen könne n (vgl. HAGEMANN, 1997, 77). Erst in den achtziger Jahren wurde der Einsatz von Computern in Schulen als Lernhilfsmittel verstärkt diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt fokussierte sich die Diskussion jedoch auf den Regelschulbereich und nur selten auf den Sonderschulbereich. Trotz des geringen Interesses für einen Computereinsatz im Sonderschulbereich tauschten Experten jedoch im Dezember1985 bei einem Kongress in Kiel Erfahrungen im Umgang mit Computern an Sonderschulen aus und prüften mögliche Einsatzgebiete (vgl. HAMAYER, 1987, 13).
Es blieb zuvor bei Diskussionen und Erfahrungsberichten, die von Le hrern und Pädagogen aus der Praxis geführt wurden. Eine wissenschaftliche Annäherung an die Thematik war vorläufig nicht zu erkennen. Später wurde es still um die Diskussion eines Computereinsatzes, vor allem im Bereich der geistigen Behinderung. Es fanden weder Studien zum Thema statt (vgl. Kapitel 2.2) noch gab es Diskussionen zur Effizienz eines Computereinsatzes an Schulen für geistig Behinderte. Es machten sich Verweigerungstendenzen bemerkbar, die dazu führten, dass dieses Thema zum größten Teil ausgeklammert wurde.
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Ausnahmen bestätigen die Regel, so auch die Johannes-Anstalten in Mosbach, die seit 1986 gezielt den Computer bei geistig behinderten Schülern einsetzt (vgl. BONFRANCHI, 1994, 81).
Abgesehen von solchen Ausnahmen entwickelte sich erst in der ersten Hälfte der neunziger Jahre die Diskussion des Computereinsatzes in der Geistigbehindertenpädagogik. Doch auch hier machte sich eine eher ablehnende Haltung gege nüber den „neuen“ Technologien im Unterricht bemerkbar. HEGAMANN vermutet, dass „einePädagogik, die sich zutiefst als ‚vom Menschen aus’ versteht, (...) in ihrer anthropologischen, humanistischen, phänomenologisch-sensiblen Orientierung die Verwendung von Computern bei geistig Behinderten als Zeitgeistgeprägten Schlag gegen ihr Selbstverständnis versteht“(1997, 1). Dennoch machte sich zunächst in sehr kleinen Schritten der Computereinzug auch in der Sonderpädagogik bemerkbar. Der Computer fand zu dieser Zeit hauptsächlich Verwendung zur Förderung der Kulturtechniken. Allerdings verbreitete er sich stärker in Schulen für Körper- und Sprachbehinderte als an Schulen für geistige Behinderungen. BONFRANCHI spricht in diesem Kontext von einer Te ilung der verschiedenen Behinderungsarten durch neue Technologien: es„(...) ergibt sich eine Diskrepanz zwischen einerseits sinnes- und körperbehinderten und andererseits den lern- und geistigbehinderten Menschen. Die Entwicklung moderner Technologien dividiert diese beiden Gruppen auseinander und bringt eine scharfe Trennung“(BONFRANCHI, 1999, 81).
Festgehalten werden muss letztendlich, das in anderen europäischen Ländern wie England, Schweiz oder Skandinavien, sowie in den transatlantischen Ländern USA und Japan mehr Erfahrung bei dem Einsatz neuer Technologien im Unterricht besteht. Der technische Fortschritt in Schulen hat sich dort wesentlich schneller und weitreichender verbreitet ist als es in Deutschland der Fall ist (vgl. BONFRANCHI, 1999, 81; vgl. HAMAYER, 1987, 84).
Zunächst stellt sich die Frage, warum der Einsatz eines Computers in der Schule bzw. im Unterricht überhaupt erforderlich ist. Welche Vorteile bietet der Computer den Schülern, die einen Einsatz rechtfertigen würden? Welche Nutzen können Schüler bei der Computerarbeit ziehen? MESCHENMOSER formuliert die oben
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gestellten Fragen als Frage der Betroffenheit:„Notwendig ist der Einsatz neuer Mittel des Lernens und neuer Unterrichtsgegenstände immer dann, wenn „Betroffenheit“ unzweifelhaft nachzuweisen ist. Mit Betroffenheit ist hier die Gegenwarts- und die Zukunftsbedeutung (im Sinne KLAFKIs 1985) gemeint. Es ist also zunächst im Detail aufzuzeigen, dass Computer und Computeranwendungen auch im gegenwärtigen Leben der Heranwachsenden mit geistigen Behinderungen eine wesentliche, d.h. nachhaltige und tief greifende Bedeutung haben“(1997, 105).
Um eine „Betroffenheit“ nachzuweisen, werden an dieser Stelle verschiedene Argumentationen für den Computereinsatz in Sonderschulen dargestellt, die in fünf Kategorien untergliedert werden können:
1. Informationstechnische Grundbildung als Vorbereitung auf die Gesellschaft, sowie die Berufs- und Arbeitswelt 2. Computer als Lernhilfsmittel 3. Computer als prothetisches Hilfsmittel 4. Computereinsatz aufgrund hoher Motivationsaktivierung 5. Computer zur Kommunikationsförderung
6. Computer als Hilfsmittel für basales Funktionstraining und/oder als therapeutisches Hilfsmittel
Zu 1. argumentiert STRICKER folgendermaßen:„Die Informationstechniken verändern unsere Gesellschaft. Die Schule ist ein Teil dieser sich verändernden und veränderten Gesellschaft. Deshalb muss sich Schule verändern, wenn sie nicht eine Subgesellschaft bilden will“(1990, 55; zit. n. BONFRANCHI, 1994, 12). Er rechtfertigt einen Computereinsatz mit einem gesellschaftlichen Struktur-wandel, auf den die Schüler, mit Hilfe der Technologien die unter anderem den Strukturwandel vorantreiben, vorbereitet werden müssen. BONFRANCHI verschärft die Forderung nach einem Computereinsatz auch in der Sonderschule und begründet dies ebenfalls durch den stetigen Wandel zur Informationsgesellschaft:„ Da der Computer fast alle Lebensbereiche mehr oder weniger stark durchdringt, entsteht die Notwendigkeit und damit die Legitimation, den Computer auch in Sonderschulen einzuführen, (...)“(1997, 98).
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Parallel zum gesellschaftlichen Wandel, der durch die zunehmende Technologisierung vorangetrieben wird, verläuft eine Veränderung der Berufs- und Arbeitswelt. Unternehmen machen zunehmend Gebrauch von einer automatisierten Produktion. Werkstätten für Behinderte sind von dieser Modernisierung ebenso betroffen wie mittelständische Betriebe oder Großunternehmen. Nach PRACHT (...)„sind es inzwischen über 300 Werkstätten, in denen auch Menschen mit geistigen Behinderungen an computergesteuerten Werkzeugmaschinen arbeiten“(1994 zit. n. MESCHENMOSER, 1997, 106). Kern der Automatisierung sind moderne Fertigungsroboter und Computer, die als Steuer- und Regelelement eingesetzt werden. Beide Technologien sind grundlegende Komponenten, die die Herstellung von Gütern erheblich beschleunigen und die Produktionskosten dauerhaft senken. In Zukunft ist eine angemessene Ausbildung auf Computertechnik unumgänglich, um Fertigkeiten im Umgang mit modernen Technologien, deren Basis die Computertechnologie ist, sicherzustellen. BONFRANCHI gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken: „Esbesteht die Gefahr, dass insbesondere lern- und geistigbehinderte Menschen durch diese technologische Revolution verstärkt ins Hintertreffen geraten(Marginalisierung)“ (1997, 97).
Zu 2.: Mit Hilfe des Computers können durch seine freie Programmierbarkeit individuelle Lernprogramme erstellt oder bereits vorhandene angewendet werden, mit deren Hilfe geistig behinderte Schüler die Möglichkeit erhalten, in verschiedenen Förderbereichen Unterstützung zu bekommen (vgl. HAGEMANN, 1997, 91). Diverse Lernprogramme unterstützen bei der Aneignung verschiedener Lerninhalte und bieten gleichzeitig eine Differenzierung der verschiedenen Leistungsniveaus, welche in Klassen mit geistig behinderten Kindern häufig sehr stark variieren (vgl. MESCHENMOSER, 1999,172, 186).
Der Computer ist dabei ein Trainingspartner, der selbst bei mehrfacher Wiederholung grenzenlose Geduld aufbringt, nie ermüdet und dem Schüler absolute Objektivität entgegenbringt (vgl. HAGEMANN, 1997, 129).
Durch die Reversierbarkeit von Programmabläufen erhalten Schüler die Möglichkeit, bestimmte Ausführungen rückgängig zu machen. Diese Funktionsmöglichkeit bietet die Gelegenheit, gemäß der konstruktivistischen Lerntheorie, zu Experimentieren, wodurch der Lernprozess intensiviert wird (vgl. MESCHENMOSER, 1999, 184).
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Zu 3.: Behinderte Menschen benötigen mehr oder weniger intensive Unterstützung bei der Ausführung von alltäglichen Handlungen, da ihre motorischen und kognitiven Möglichkeiten in differenziertem Ausmaß eingeschränkt sind. Moderne Techniken bieten die Möglichkeit, diese Einschränkungen teilweise zu kompensieren (vgl. LAMERS, 1999, 14). Der Computer mit speziellen Hard- und Softwarelösungen kann zum einen als prothetisches Hilfsmittel bei den unterschiedlichen Behinderungsarten Unterstützung leisten, zum anderen werden durch entsprechende technische Beihilfen Hilfsabhängigkeiten zu anderen Menschen reduziert. Ein positiver psychologischer Nebeneffekt, der sich durch Stärkung des Selbstbewusstseins und des Selbstwertgefühls äußert, tritt zusätzlich auf (vgl. KATZENBACH, 1997, 160). KATZENBACH spricht von einer Stabilisierung des Selbstwertgefühls durch den Umgang mit dem Computer und begründet dies,„da sich seine grandiosen Fähigkeiten (des Computers) leicht dem eigenen Können zuschlagen lassen“(1997, 161).
Zu 4.: Es ist häufig zu beobachten, dass ein Computer eine ungeheure Faszinationskraft auf seinen Benutzter ausstrahlt. Diese Faszination äußert sich z.T. durch eine starke Motivation, die der Anwender der Computerarbeit entgegenbringt und die sich entsprechend positiv auf die Arbeitsbeteiligung auswirken kann. Hierzu bestätigt KATZENBACH:„Von Praktikern wird immer wieder berichtet, dass gerade Schülerinnen und Schüler, die mit anderen Materialien kaum ansprechbar seien oder ständiger persönlicher Unterstützung bedürfen, am Computer auf einmal ausdauernd und selbstständig arbeiten können“(1999, 121). Auch HAGE-MANN bestätigt aus Erfahrungen:„Im Umgang mit dem Computer wird in der Literatur und in Gesprächen mit Lehrern, die ebenfalls den Computer im Unterricht verwenden, durchgängig auf die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler hingewiesen“(1997, 125).
Zu 5.: HAGEMANN stellt bei der Arbeit mit behinderten Schülern am Computer fest, dass eine Förderung von Kommunikation und sozialer Interaktion stattfinden kann. Dabei wird vor allem die verbale Kommunikation zwischen Schülern und Lehrer sowie zwischen den Schülern untereinander verstärkt (vgl. 1997, 127; vgl. 1997, 238).
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Ein Erfahrungsbericht mit einer Computer-AG macht dies deutlich:„Auf verbaler Ebene fand rege Kommunikation statt: zwischen Lehrer und Schüler wurde Hilfe angefragt und gegeben, auf Wünsche wechselseitig reagiert, wurden Erfahrungen ausgetauscht und Probleme besprochen. Zwischen Schüler und Mitschüler kam es zu Gesprächen über Erfahrungen mit bestimmten Programmen und zu Hilfe-Angeboten sowie privaten Gesprächen, die ihren Anlass in einem Teilaspekt des Geschehens fanden“(HAGEMANN, 1997, 127).
Durch den Computer kann nicht nur die Kommunikation innerhalb des Klassen-verbandes im Unterricht gefördert werden, vielmehr ist es durch moderne Netzwerke, wie das Internet, Intranet oder lokale Netzwerke (LAN) möglich, Kommunikation über den Klassenverband hinaus herzustellen. So können Schüler Kontakte zwischen verschiedenen Schulen über E- Mail oder Chat-Dienste schließen, wodurch der Zugewinn von Erfahrungen durch den kommunikativen Austausch nicht nur auf den unmittelbaren zur Verfügung stehenden Interaktionspartner beschränkt wird. Vielmehr ist es durch die Computerkommunikation möglich, über diese Grenzen hinauszugehen und Erfahrungen jenseits der sozialen Umgebung zu erhalten (vgl. SCHÄFLER, 1999, 343-345; vgl. LAMERS, 1999, 362).
