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Die junge hübsche Lehrerin Constanze Taubert ist glücklich, als sie die Zusage vom Leenhardt-Gymnasium, einem Elite-Internat, erhält. Voller Enthusiasmus tritt sie erste Anstellung an. Mit ihrem warmherzigen und besonnenen Wesen ist sie bei Kollegen und Schülern gleichermaßen beliebt. Mit dem jungen Lehrer Georg Schubert, der ebenfalls an dieser Schule unterrichtet, verbindet sie bald mehr als nur Freundschaft. Diese Liebe wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn Georg verbirgt ein dunkles Geheimnis. Bei ihrem Versuch, von Georg mehr über einen Schüler zu erfahren, der im vergangenen Jahr Selbstmord begangen hat, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Auch dessen Klassenkameraden Alex Fischer und Tom Sturm scheinen etwas zu verbergen. Als bald darauf zwei Kollegen scheinbar Selbstmord begehen, macht Constanze sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit. Instinktiv ahnt sie, dass alles mit dem tragischen Freitod des Schülers zusammenhängt. Sie findet bald heraus, dass Georg sie belogen hat. Da dieser sich zunehmend vor ihr zurückzieht und seine Probleme im Alkohol ertränkt, beschließt Constanze zunächst mit Tonis Freunden, Alex Fischer und Tom Sturm zu sprechen. Von Alex erfährt Constanze schließlich, was damals passiert war und warum Toni sich das Leben genommen hatte. Tom äußert ihr gegenüber verhalten, dass er diese drei Lehrer für den Tod seines Freundes verantwortlich macht. Constanze bleibt nichts anderes übrig, als mit Georg über ihre Erkenntnisse zu sprechen. Als dieser endlich sein Schweigen ihr gegenüber bricht muss Constanze erfahren, dass die Wahrheit noch viel schlimmer ist, als sie erwartet hatte. Mit dieser Wahrheit konfrontiert, läuft Constanze direkt in die Falle und gerät in tödliche Gefahr.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Caroline Bloom
Confiteor Deo
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Danksagung
Impressum neobooks
Buch
Die junge hübsche Lehrerin Constanze Taubert ist glücklich, als sie die Zusage vom Leenhardt-Gymnasium, einem Elite-Internat, erhält. Voller Enthusiasmus tritt sie ihre erste Anstellung an. Mit ihrem warmherzigen und besonnenen Wesen ist sie bei Kollegen und Schülern gleichermaßen beliebt. Mit dem jungen Lehrer Georg Schubert, der ebenfalls an dieser Schule unterrichtet, verbindet sie bald mehr als nur Freundschaft. Diese Liebe wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn Georg verbirgt ein dunkles Geheimnis. Da er nicht bereit ist, mit Constanze darüber zu sprechen, beginnt die junge Lehrerin auf eigene Faust zu recherchieren und stößt bald darauf auf den Selbstmord eines Schülers im vergangenen Schuljahr. Bei ihrem Versuch, von Georg mehr über diese Geschichte zu erfahren, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Auch Tonis Klassenkameraden Alex Fischer und Tom Sturm scheinen etwas zu verbergen. Als kurz darauf zwei ihrer Kollegen scheinbar Selbstmord begehen, macht Constanze sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit. Instinktiv ahnt sie, dass alles mit dem tragischen Freitod des Schülers zusammenhängt. Sie findet bald heraus, dass Georg sie belogen hat. Da dieser sich zunehmend vor ihr zurückzieht und seine Probleme im Alkohol ertränkt. Constanze beschließt, mit Tonis Freunden, Alex Fischer und Tom Sturm zu sprechen. Von Alex erfährt Constanze schließlich, was damals passiert war und warum Toni sich das Leben genommen hatte. Danach bittet sie Tom um ein Gespräch, der ihr gegenüber verhalten äußert, dass er diese drei Lehrer für den Tod seines Freundes verantwortlich macht. Constanze bleibt nichts anderes übrig, als mit Georg über ihre Erkenntnisse zu sprechen. Als dieser endlich sein Schweigen ihr gegenüber bricht muss Constanze erfahren, dass die Wahrheit noch viel schlimmer ist, als sie erwartet hatte.
Für Conny
Danke, dass ich Sie kennen lernen durfte
Notaufnahme Diakonissenkrankenhaus15:40 Uhr
»Wir bekommen einen Notfall herein. Eine junge Frau mit schwerer Rauchvergiftung.« Schwester Anja sah auf, als Dr. Bender die Notaufnahme betrat, nachdem sie ihn über den Piepser verständigt hatte. Sie kam, wie üblich, ohne Umschweife zur Sache. Sie hatte oft Dienst in der Notaufnahme und wusste, dass es dort auf jede Sekunde ankam. In diesem Moment schwang auch schon die Tür auf und zwei Sanitäter kamen herein. Sie schoben eine Trage vor sich her, auf der eine junge Frau lag. Der Arzt warf einen kurzen Blick in ihr bleiches Gesicht, dann räusperte er sich und fragte in geschäftsmäßigen Ton: »Was haben wir hier?« »Eine junge Frau, Ende zwanzig, Zustand nach schwerer Rauchvergiftung. Sie hatte einen massiven Kreislaufzusammenbruch. Wir mussten sie wiederbeleben. Der Notarzt hat sie noch vor Ort intubiert. Sie ist immer noch nicht ansprechbar. Außerdem hat sie eine Schnittwunde in der Handfläche der rechten Hand. Sieht aus, als müsste die genäht werden.« »Sofort in den Schockraum mit ihr.« befahl Dr. Bender, nahm die Papiere von den Sanitätern entgegen und folgte dann der Trage der Patientin. »Was da wohl passiert ist?« mutmaßte Schwester Anja und sah den Arzt aus ihren braunen Augen mitleidsvoll an. Sie war gerade dabei, die Patientin an die Überwachung zu hängen. Dr. Bender schätzte die junge Schwester, die sich nicht nur hervorragend um das körperliche Wohl ihrer Patienten sorgte, sondern auch um das seelische. Sie gehörte damit zu den wenigen Schwestern, die erkannt hatten, dass körperliches Wohl allein oft nur die halbe Miete war. Auch die junge Schwester arbeitete gern mit Dr. Bender zusammen, der es immer schaffte, Ruhe in die Notaufnahme zu bringen, egal wie viel dort los war. Er nahm sich dennoch soviel Zeit wie irgend möglich für die Patienten und Angehörige und das wurde hoch geschätzt. Viele Angehörige dieser mehr oder weniger schwer verletzten oder verunglückten Patienten, die Tag für Tag die Notaufnahme bevölkerten waren verunsichert und verstört. Da taten ein paar aufmunternde Worte von professioneller Seite gut. Dr. Bender wandte sich der jungen Schwester zu. »Es war noch ein junger Mann bei ihr, mein Kollege hat ihn übernommen. Ihm scheint es jedenfalls besser zu gehen, er ist ansprechbar. Vielleicht erzählt er uns, was passiert ist. Jetzt sollten wir uns erst einmal um die Hand der Patientin kümmern.« Schwester Anja nahm vorsichtig die rechte Hand der Patientin in die ihre und begann mit Umsicht die Wunde zu reinigen. »Der Schnitt ist ziemlich tief, ich fürchte, es bringt nicht viel, ihn zu strippen.« stellte Dr. Bender fest, als er der jungen Schwester über die Schulter schaute: »Ich werde nähen und gebe ihr vorsorglich ein Lokalanästhetikum. Bitte machen Sie eine Spritze fertig. Schwester Anja nickte, zog eine Spritze auf und reichte sie dem Arzt. »Fangen wir an.«
Constanze Taubert zog den Kopf ein und hastete die Straße entlang. Sie verwünschte sich zum x-ten Mal an diesem Tag, dass sie vergessen hatte, einen Schirm mitzunehmen. Nun goss es in Strömen, die junge Frau schlug den Kragen ihres schwarzen Mantels nach oben und beschleunigte ihre Schritte noch einmal. Sie konnte die gut gemeinten Worte ihrer Mutter schon hören. Ich habe dir doch gesagt, du sollst einen Schirm mitnehmen. Ich wusste, dass es Regen geben würde, das spüre ich in den Knochen. Constanze seufzte unwillkürlich auf, mittlerweile lief ihr das Wasser aus den Haaren und in den Nacken hinein, sie schauderte. Hoffentlich erkälte ich mich nicht noch, immerhin muss ich doch in einer Woche meine neue Stelle annehmen, dachte sie und nahm sich vor, gleich in die heiße Wanne zu steigen, sobald sie zu Hause war. Nach einem prüfenden Blick überquerte sie die Straße, endlich hatte sie das Mietshaus erreicht, in dem sie bisher mit ihrer Mutter zusammen in einer schmucken Vier – Zimmer – Wohnung lebte. Eigentlich träumte Constanze längst von ihren eigenen vier Wänden, doch vor nicht einmal einem Jahr war ihr Vater, viel zu früh, verstorben und ihre Mutter hing nun mit noch mehr Fürsorge an ihr als zuvor. Und da sie bald ihre neue Stelle als Lehrerin für Musik und Deutsch an einem Elite-Internat antrat, lohnte es sich kaum, sich etwas eigenes zu suchen, da sie die meiste Zeit in den Lehrerunterkünften der Schule wohnen würde. Ein wenig plagte Constanze das schlechte Gewissen, ihre Mutter allein zu lassen, doch irgendwann musste diese lernen, auch wieder ohne sie zurecht zu kommen. »Bist du das, Conny?« rief es aus dem Wohnzimmer, kaum dass die junge Frau die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte. »Ja, ich bin wieder zurück!« Wer soll es denn sonst sein?, dachte Constanze bei sich während sie sich mühsam aus dem nassen Mantel schälte. Kurz darauf betrat sie das überheizte Wohnzimmer. Dieses war ein Sammelsurium aus antiken Möbeln, in den Glasvitrinen stapelte sich Geschirr mit Goldrand, ein altmodischer Fernseher stand in der Schrankwand, in einem extra dafür eingebauten Fach, das man schließen konnte, wenn man nicht fern sah. Grünpflanzen zierten Fensterbank und Schränke, ein paar größere Pflanzen standen auf dem Boden. Ihre Mutter saß in einem Sessel, nahe an dem elektrischen Strahler, den sie zusätzlich zur Heizung angestellt hatte und las die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst einen Schirm mitnehmen.« hob sie an: »Ich wusste...« »...dass es Regen geben würde, das spüre ich in den Knochen!« beendete ihre Tochter den Satz für sie: »Ich weiß, Mama.« Sie trat zu ihr und gab ihr einen Kuss: »Ich werde fix in die heiße Wanne gehen, so, wie ich gefroren habe, hole ich mir sonst noch was weg.« Eine Viertelstunde später trat sie, die Haare noch nass vom Baden, aber wieder von wohliger Wärme durchströmt, erneut ins Wohnzimmer. »An welcher Schule fängst du nächste Woche an?« fragte ihre Mutter und sah ihre Tochter über den Rand der Zeitung hinweg scharf an. »Ach, Mama, dass habe ich dir doch bestimmt schon fünfmal gesagt.« Constanze versuchte, nicht allzu viel Ungeduld in ihre Stimme zu legen: »Es ist das Leenhardt-Gymnasium in H., warum fragst du?« »In der Zeitung ist ein Nachruf drin, von diesem Gymnasium, da ist wohl ein Schüler gestorben.« »Zeig mal her.« Constanze stellte sich hinter ihre Mutter und sah ihr über die Schulter. Sie musste die Augen zusammenkneifen, um die Anzeigen lesen zu können, normalerweise trug sie Kontaktlinsen, aber die hatte sie vor dem Baden raus genommen. »Setz doch deine Brille auf, Liebes!« tadelte die Mutter sanft: »Du bekommst doch sonst Kopfschmerzen, wenn du deine Augen so anstrengen musst.« Seit dem Kindesalter hatte Constanze regelmäßig unter schlimmen Migräneanfällen gelitten, bis ein Arzt herausfand, dass sie eine Brille brauchte. Jetzt litt sie nur noch selten unter diesen Attacken, am meisten, wenn sie unter Stress stand oder, wie jetzt, ohne Brille las. Doch Constanze wischte den Einwand ihrer Mutter ungeduldig mit der Hand weg, sie hatte den Nachruf gerade gefunden und las.
Ein guter Engel begleitet ihn, und seine Reise
wird ein gutes Ende nehmen. (Tobit 5,22)
Wir trauern um unseren Schüler und
Mitschüler
Toni Marcello
(3.8.1996 – 6.4.2012)
Die Klasse 10a, alle Schülerinnen und
Schüler sowie Lehrkräfte des
Leenhardt-Gymnasiums
»Das ist ja schrecklich!« entfuhr es Constanze, es nahm sie immer mit, wenn so junge Menschen starben. »Meinst du wirklich, du solltest an einer Schule unterrichten, wo solche Dinge passieren?« Constanze wusste, dass ihre Mutter nur deshalb so empfindlich reagierte, weil sie den Tod ihres Mannes noch nicht überwunden hatte. Auch Constanze vermisste ihren Vater, obwohl sie, vor allen in den letzten Jahren keine guten Erinnerungen an ihn hatte. Ihr Vater war ein Mann gewesen, der alles im Griff hatte. Als Kind und auch noch als Heranwachsende hatte Constanze die Stärke ihres Vaters bewundert. Er wusste genau, was er wollte und was er sich einmal vorgenommen hatte, setzte er auch um. Er war in seiner Firma Niederlassungsleiter gewesen und regierte dort mit harter, aber fairer Hand und die ihm unterstellten Mitarbeiter waren ihm loyal ergeben. Seine Niederlassung war die letzte, die vom Abbau betroffen war, als die Firma Konkurs anmelden musste, doch irgendwann musste auch er seinen Schreibtisch räumen. Nach dem Verlust seiner Arbeitsstelle entglitt ihm nach und nach der Halt. Für ihn, der es gewohnt war, alles unter Kontrolle zu haben, war das eine Situation mit der er nicht zurecht kam. Es dauerte nicht lange, bis er anfing zu trinken. An Constanze, die in einer anderen Stadt studiert hatte und nur selten zu Hause war, waren die Anfänge seiner Alkoholsucht zunächst unbemerkt vorbei gegangen, denn ihre Mutter tat alles, um die Fassade der heilen Familie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. An dem Motto Es kann nicht sein, was nicht sein darf hielt ihre Mutter nach wie vor fest und ließ kein schlechtes Wort gegen ihren Mann aufkommen. Der Alkohol schlug eine tiefe Schlucht, die sie nicht mehr überbrücken konnte und sie richtete ihre Konzentration nun ganz darauf aus, ihr einziges Kind zu schützen. Sie war froh, dass Constanze in einer anderen Stadt studierte und nicht genau mitbekam, was zwischen ihren Eltern ablief. Constanze registrierte jedoch mehr, als ihre Mutter ahnte. Ihr Vater veränderte sich immer mehr, er zog sich immer häufiger zurück, wurde aber ausfällig, wenn man ihn darauf ansprach. Constanze hatte es ein paar mal probiert, doch er ließ niemanden mehr an sich ran. Der Mensch, der vor knapp einem Jahr starb, war nicht mehr ihr Vater gewesen. Für sie war er längst fremd geworden, doch ihre Mutter hing immer noch in Liebe an diesem Mann, den sie einst geheiratet hatte. Und immer noch reagierte sie empfindlich auf alles, was mit Tod zu tun hatte. »Mama! Wer weiß, was mit diesem armen Jungen passiert ist, aber das hat doch mit der Schule nichts zu tun! Vielleicht war er krank, oder es war ein Unfall.« Constanze schüttelte den Kopf, wie um die traurigen Gedanken, die ihr durch den Geist schwirrten zu vertreiben. Statt dessen versuchte sie, sich das Gespräch mit der Direktorin der Schule in Erinnerung zu rufen. »An dieser Schule herrscht ein besonderer Geist.« hatte diese gesagt: »Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unsere Lehrer mit Sorgfalt auszuwählen. Der christliche Glaube und die Musik sind bei uns groß geschrieben. Wie steht es mit ihrem Glauben?« »Ich wurde christlich erzogen.« hatte Constanze erwidert, daraufhin hatte die Direktorin sich vom Fenster abgewandt und sie gemustert. »Das habe ich Sie nicht gefragt.« Auch wenn Constanze gewusst hatte, wie wichtig diese Anstellung für sie war, hatte sie beschlossen, ehrlich zu sein. »Ich bin gerade dabei, meinen eigenen Weg zu Gott zu finden.« »Das ist doch nichts, wofür Sie sich schämen müssen. Jeder macht das durch und jeder zweifelt auch mitunter. Sehen Sie nur, was in der Welt alles geschieht, da muss man sich nicht wundern, wenn christliche und ethische Werte zu Grunde gehen. Sie wissen, nach wem unser Gymnasium benannt wurde?« »Nach dem französischen Pastor und Ethnologe Maurice Leenhardt.« antwortete Constanze sofort, froh darüber, dass sie sich gestern nochmal über diesen bedeutenden Mann belesen hatte: »Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde er in Neukaledonien zum Pastor ernannt und gründete eine Mission. Er übersetzte das neue Testament in die Sprache der dort lebenden Kanaken.« Frau Amberg nickte beeindruckt: »Sie sind gut informiert.« Sie blätterte in der Bewerbung, die vor ihr auf dem Tisch lag: »Sie sind noch sehr jung, 29 Jahre alt und haben ihr Referendariat am Hildebrand-Gymnasium in M. gemacht?« »Ja, es war eine sehr prägende Zeit, vor allem, was die Musik betrifft. Es herrscht dort ein sehr gutes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und die Kollegen waren alle sehr nett.« »Warum haben Sie sich für den Beruf als Lehrerin entschieden?« »Es ist das Arbeiten mit jungen Menschen, das mich fasziniert. Das stetige Dazulernen und das nicht alles planbar, sondern die Unterrichtsstunde voller Überraschungen ist. Es macht mir Freude, zu beobachten, wie die Schüler ihre persönlichen Ideen entwickeln und umsetzen um sich künstlerisch auszudrücken und etwas Neues zu tun.« Die Direktorin hatte genickt, ihr gefiel die junge Frau, die vor ihr saß und mit einem solchen Enthusiasmus von ihrem Beruf sprach, außerordentlich. »Sie spielen Klavier seit sie sechs Jahre alt sind?« Constanze nickte: »Ich hatte einen sehr guten Lehrer, bei ihm habe ich unheimlich viel gelernt. Während meiner Referendar-stelle am Hildebrand-Gymnasium war ich dann eine Zeit lang Korrepetitorin für den gemischten Chor und habe mich auch in dieser Richtung weiter entwickelt.« Abschließend hatte die Direktorin sie gefragt, warum sie sich am Leenhardt-Gymnasium beworben hatte. »Vor allem nach meinem Referendariat am Hildebrand-Gymnasium war mir klar, dass ich gern an einer Schule unterrichten möchte, an der die Musik eine übergeordnete Rolle spielt.« hatte Constanze geantwortet: »Man geht an diesen Schulen bewusster mit der Musik um, interessierter und aufgeschlossener.« Obwohl das Gespräch gut gelaufen war, hatte Constanze schon nicht mehr damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Sie hatte sich noch an fünf weiteren Schulen beworben und war zu drei Vorstellungsgesprächen gebeten worden, aber ihr Favorit blieb das Leenhardt-Gymnasium. Eine Woche später hatte sie die Zusage dieser Schule aus dem Briefkasten geholt. Seitdem war sie von einer kribbelnden Vorfreude erfasst, die langen Jahre des Studiums waren vorbei, nun bekam sie endlich die Chance, ihren Traumberuf auszuüben und sie hatte sich geschworen, ihr Bestes zu geben. Wie sehr ihre Entschlossenheit auf die Probe gestellt werden sollte und dass sie dabei an ihre Grenzen geraten würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.
Tom saß auf dem Bett und hörte Musik. Die Stereo-Anlage war bis zum Anschlag aufgedreht und er wunderte sich, dass seine Mutter noch nicht auf der Matte stand und ihn aufforderte, diesen Krach, wie sie es nannte, leiser zu stellen. Er hatte sich die ganzen Sommerferien lang hauptsächlich in seinem Zimmer aufgehalten, ihm war nicht nach Ausgehen gewesen. Ab und zu hatten ein paar Klassenkameraden geklingelt, aber entweder hatte er gar nicht reagiert oder sie von seiner Mutter abwimmeln lassen. Er konnte nicht verstehen, wie seine Klassenkameraden so tun konnten, als sei nichts gewesen, nachdem was mit Toni passiert war. Sein Blick wanderte hinüber zu der Pinnwand neben seinem Bett, dort hingen in der Mitte die beiden Todesanzeigen. Eine von Tonis Familie und die von der Schule. Rund herum hatte er Fotos angeordnet. Manche zeigten Toni allein, einen meist fröhlichen Jungen, mit blonden Igelschnitt, der beim Lächeln ein paar spitze Eckzähne entblößte. Ein Bild zeigte ihn zusammen mit Toni, sie hatten sich einen Arm um die Schultern gelegt und lachten in die Kamera. Dieses Foto war letztes Jahr in den Sommerferien entstanden, als ihre Clique noch bestanden hatte. Sie waren alle gemeinsam im Sommercamp an der Ostsee gewesen, es hatte ihnen dort so gut gefallen, dass sie eigentlich dieses Jahr wieder hatten fahren wollen. Doch nach Tonis Tod hatte sich alles verändert, die Clique brach auseinander, er hatte keinen der beiden anderen Jungen gesehen, seit die Sommerferien begonnen hatten, dabei wohnten sie alle nicht weit voneinander entfernt. Am Anfang der Ferien hatten sie noch versucht, ihn in ihre Pläne einzubeziehen, doch er wollte keinen Kontakt. Zu schwer lastete Tonis Tod auf ihm, er konnte an nichts anderes denken und es war ihm unmöglich, einen auf Party zu machen. Es wäre ihm unehrlich vorgekommen. Alex und Henry hatten es irgendwann aufgegeben und er hatte schließlich nichts mehr von ihnen gehört. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass sie ihm auch nicht fehlten und das er die Rückkehr ins Internat regelrecht fürchtete. Er nahm ein Foto von der Pinnwand, dass sie alle vier zeigten, Toni und ihn in der Mitte. »Stell bitte diesen Krach leiser!!!« Er zuckte zusammen und das Bild fiel ihm aus der Hand. Er war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie seine Mutter herein gekommen war.
»Kannst du nicht anklopfen?« fragte er ärgerlich und klaubte das Bild vom Boden auf. »Das habe ich, aber...« Seine Mutter wartete, bis er die Stereo-Anlage ausgemacht hatte und fing nochmal an: »Das habe ich, aber bei dem Lärm kannst du das ja nicht hören. Hast du schon angefangen zu packen?« »Ja.« sagte er gedehnt. Er hatte kein Interesse daran, in diese Schule zurück zu kehren. Er hatte seine Eltern gebeten, ihn woanders hin zu schicken, aber sie waren hart geblieben. »Weißt du, wie schwer es war, dich auf diesem Elite-Internat unterzubringen?« hatte sein Vater ihn mit gefährlich ruhiger Stimme gefragt, als er es eines Abends am Esstisch gewagt hatte, dieses Thema anzusprechen. »Ja, natürlich. Und ich war ja auch dankbar dafür, aber nach der Sache mit Toni...« »Toni!« hatte sein Vater geschnaubt: »Er war ein Feigling. Er wusste gar nicht zu schätzen, was er da hatte.« Tom hatte gezittert vor Wut, am liebsten hätte er irgendetwas durch die Gegend geworfen: »Er war kein Feigling!« Er hatte seiner Mutter einen Blick zugeworfen, aber von ihr war, wie gewöhnlich, keine Unterstützung gekommen. »Und ob!« hatte sein Vater weiter gewettert: »Sich das Leben zu nehmen, nur weil man von ein paar Leuten etwas härter angefasst wird, ist feige. Ich wäre früher froh gewesen, wenn ich die Chance bekommen hätte, an so einer Schule lernen zu dürfen. Meine Eltern hatten damals nicht das Geld und ich habe zu hart dafür gearbeitet, damit du es mal besser hast, ich werde nicht ruhig dabei zusehen, wie du dir wegen dieser Sache deine Zukunft verbaust!« »Dieser Sache«, hatte Tom erwidert: »Du sprichst davon, als wäre es ein Diebstahl oder ein Einbruch gewesen! Aber Toni ist tot! TOT!« »Ja und du machst ihn nicht wieder lebendig, in dem du ihm nachtrauerst! Das Leben geht weiter und für dich geht es am Leenhardt-Gymnasium weiter!« Sein Vater ließ die Faust auf den Tisch krachen, damit war die Diskussion beendet gewesen. »Es gibt Abendessen.« riss ihn seine Mutter aus seinen Gedanken. »Ich habe keinen Hunger.« sagte er sofort. Seit der Diskussion vor drei Tagen, fiel es ihm immer schwerer, mit seinem Vater an einem Tisch zu sitzen. »Du musst etwas essen.« Seine Mutter machte eine Bewegung, als wolle sie ihm kurz durchs Haar fahren, ließ es dann aber doch. Zärtlichkeiten waren sowieso rar in diesem Haus, sein Vater führte ein straffes Regiment und hielt gar nichts davon, seinen einzigen Sohn zu verhätscheln. Seine Frau fügte sich, sie konnte sich nicht gegen ihn durchsetzen. »Wasch dir die Hände und kämme dich noch einmal, dann komm hinunter ins Esszimmer.« Missmutig ging er ins Bad, wusch sich Gesicht und Hände, fuhr sich mit einem nassen Kamm durch die Haare, langsam stieg er, die Hände in den Hosentaschen, die Treppe hinab. Er ertappte sich dabei, wie er den Moment, das Esszimmer zu betreten, absichtlich hinauszögerte. Erst als sein Vater ungeduldig nach ihm rief, legte er eine schnellere Gangart an den Tag.
Der Parkplatz der Leenhardt-Gymnasiums füllte und leerte sich fast im Minuten-Takt, Eltern brachten ihre Kinder nach den Ferien wieder ins Internat. Der Hof und die Gänge waren erfüllt von lautem Stimmengewirr. Frau Amberg, die Direktorin, stand am Fenster ihres Büros und sah auf das Treiben hinunter. Sie war eine große, schlanke Frau mit sorgfältig frisierten Haaren und klugen Augen. Bereits seit vier Jahren hatte sie die Leitung dieses Internats inne und der Beginn eines neuen Schuljahres war immer eine aufregende Angelegenheit. Doch so nervös wie dieses Mal hatte sie sich seit ihrem ersten Tag als Direktorin nicht mehr gefühlt. Als es klopfte, wandte sie sich vom Fenster ab und setzte sich an ihren Schreibtisch. »Herein.« sagte sie, froh von ihren Grübeleien abgelenkt zu werden. Kurz darauf trat Herr Falkenbach ein. Er war ein großer, schlaksiger Mann, mit kurz geschnittenen dunkelblonden Haaren und tiefliegenden Augen. »Guten Tag, Herr Falkenbach! Sind Sie gut hergekommen?« erkundigte sich die Direktorin liebenswürdig. »Ja, auf den Straßen war wenig los, wir sind gut durchgekommen. Georg ist mit mir gefahren.« setzte er nach einem fragenden Blick der Leiterin hinzu. Georg Schubert, ein weiterer junger Lehrer, war mit Horst Falkenbach befreundet, er unterrichtete seit drei Jahren ebenfalls am Leenhardt–Gymnasium. »Sie übernehmen dieses Jahr die Klasse 8b und Herr Schubert bekommt eine neue fünfte Klasse.« Die Direktorin reichte dem Lehrer die Pläne über den Tisch: »Dann wünsche ich Ihnen einen guten Start in das neue Schuljahr.« »Danke, Frau Amberg! Ihnen auch!«
Die Direktorin winkte ab, doch bevor der junge Mann die Tür erreicht hatte, fiel ihr noch etwas ein: »Sie bekommen eine neue Kollegin, Constanze Taubert. Eine sehr sympathische junge Dame. Bitte kümmern Sie sich darum, dass Sie sich hier gut zurecht findet.«
Constanze Taubert stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne aus, als sie mit ihrem blauen Kleinwagen auf den Parkplatz der Schule einbog. Sie war zwar zu dem Vorstellungsgespräch schon einmal hier gewesen, aber dieses große Schulgebäude bot, trotz der Tatsache, dass überall auf dem Hof verwaiste Gepäckstücke herum standen, einen imposanten Anblick. Es war ein ehemaliges Renaissance-Schloss, welches auf eine lange Geschichte zurück blickte. Nachdem es in der Zeit des Nationalsozialismus als Schutzhaftlager gedient hatte, war es aufwendig restauriert worden und bot seit zehn Jahren dem Leenhardt-Gymnasium und Internat ein Zuhause. Der Hauptzugang erfolgte durch ein gotisches Tor, einem sogenannten Flüsterbogen. Das weiß getünchte Gebäude war quadratisch angeordnet, die vier Ecken wurden von eindrucksvollen Renaissance-Erkern gesäumt. Constanze stellte ihren Wagen ab und beschloss, zunächst erst einmal in Erfahrung zu bringen, wo sie untergebracht war, bevor sie das ganze Gepäck aus dem Auto lud. Sich umsehend betrat sie die große Eingangshalle, doch noch bevor sie sich genauer orientieren konnte, wurde sie von einem Zusammenprall fast von den Füßen gerissen. »Hey! Was...« rief sie ärgerlich und rieb sich den Arm. »Entschuldigung! Ich hab Sie nicht gesehen. Es tut mir wirklich leid. Haben Sie sich weh getan?« Constanzes Ärger flaute schon wieder ab, der Schmerz in ihrem Arm war nicht schlimm, sie war einfach nur furchtbar erschrocken. Nun nahm sie sich Zeit, ihr Gegenüber genauer zu betrachten. Ein junger Mann mit blonden Haaren, blauen Augen und einer Brille mit ovalen Gläsern, die ihm nach dem Zusammenstoß schief auf der Nase hing. »Ehm...ich bin Herr Schubert.« sagte er und rückte verlegen seine Brille zurecht. Die junge Dame gefiel ihm, ein Teil ihrer großen schwarzen Locken hatten sich bei dem Aufprall aus der Frisur gelöst und ihre Augen waren von einem so intensiven Blau, dass sie sicher kalt gewirkt hätten, wäre da nicht das Lächeln gewesen, das nun ihre Mundwinkel umspielte und ihre Augen warm erscheinen ließen: »Eigentlich nehmen wir in der Oberstufe keine neuen Schüler mehr auf.« Jetzt lachte sein Gegenüber hell auf und bot ihm ihre Hand. »Ich bin keine Schülerin, aber vielen Dank für das Kompliment! Ich fange als Lehrerin hier an, heute ist mein erster Tag und ich weiß nicht so genau, wo ich hin muss.« »Ich denke, da kann ich dir behilflich sein. Ich heiße Georg.« »Constanze, aber nenne mich einfach Conny.« »Ist das dein ganzes Gepäck?« Georg wies mit dem Kopf auf die Handtasche, die von Constanzes Schulter baumelte. »Ja. Eine Zahnbürste und Wimperntusche, mehr brauche ich wirklich nicht.« entgegnete diese und klimperte mit den Augen: »Nein, ich wollte mich erst einmal umschauen, ehe ich auspacke.« »Weißt du was, ich mache dir einen Vorschlag. Ich bin mit meinem Freund, Horst Falkenbach, im Lehrerzimmer verabredet. Komm doch gleich mit, dann beginnen wir mit der Führung dort. Und später helfe ich dir mit dem Gepäck.«
»Du kommst spät.« empfing Horst Falkenbach seinen Freund mit leichtem Vorwurf in der Stimme. »Ich weiß, es gab einen kleinen Unfall. Dafür habe ich unsere neue Kollegin dabei.« »Sie sind Constanze Taubert?« Horst Falkenbach zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sind Sie nicht ein bisschen jung?« Constanze seufzte. Bei Georg hatte es ihr nichts ausgemacht, dass er sie für eine Schülerin gehalten hatte, aber in dieser Frage lag ein geringschätziger Unterton, der ihr nicht gefiel. »Sollte mich auch nur eine Schülerin oder ein Schüler nicht als Lehrerin für voll nehmen, quittiere ich freiwillig den Dienst.« Horst Falkenbach merkte wohl, dass er mit seiner Frage zu weit gegangen war und beeilte sich nun, zurück zu rudern: »Schon gut, schon gut. Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Also noch mal von vorne. Ich bin Horst, willkommen im Kollegium.« »Danke.« Constanze legte ihre Hand nur zögernd in die ihr angebotene: »Meinen Vornamen wissen Sie ja schon.« »Ich habe ihr angeboten, sie herum zu führen und ihr beim Ausladen zu helfen.« unterbrach Georg die Anspannung: »Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?« Horst wandte sich dem Schreibtisch zu, auf dem er bereits einige Papiere geordnet hatte: »Ja, du übernimmst die 5a, hier sind die entsprechenden Unterlagen.« »Danke. Na dann, komm.« sagte er an Constanze gewandt: »Jetzt zeige ich dir unsere Schule. Also dies hier ist das Lehrerzimmer, hier verbringen wir viel Zeit. Wir befinden uns im Westflügel, hier ist der komplette Schultrakt untergebracht.« Sie verließen das Zimmer und liefen einen langen, mit Linoleum ausgelegten, Gang entlang. »Hier liegen die Unterrichtszimmer, diese sind speziell für gewisse Fächer ausgestattet, aber das ist eher für die Chemie- Physik- und Biologielehrer von Interesse. Die Musikzimmer findest du hier allerdings nicht, es gibt einen eigenen Musiktrakt. Den zeige ich dir nachher, er liegt im Südflügel.« Sie stiegen eine Treppe hinauf und gelangten in einen weiteren Gang von dem mehrere Türen abgingen. Georg öffnete eine davon und ließ Constanze an sich vorbei eintreten. Es sah aus wie ein Klassenzimmer, außer das die Tafel fehlte, es gab auch keinen Polylux oder Kartenhalter. »Das sind unsere Studierzimmer, hier werden die Hausaufgaben gemacht. Wir beaufsichtigen die Klassen fünf bis acht, ab der neunten Klasse sind dafür die Klassensprecher selbst verantwortlich.« »Und das funktioniert?« Constanze war ein wenig skeptisch, sie wusste, dass nicht jeder Sechzehn – Jährige so viel Verantwortung schultern konnte. »Unsere Klassensprecher werden sorgfältig ausgesucht, sie werden zwar in erster Linie von der Klasse gewählt, aber die letzte Entscheidung obliegt den Lehrern beziehungsweise der Direktorin. Wer sich nicht vertrauenswürdig genug zeigt, kann jeder Zeit ausgetauscht werden.« »Das klingt aber nach einem ziemlich strengen Regiment – Fehler unerwünscht.« »Ganz so ist es natürlich nicht!« schwächte Georg ab: »Jeder hat eine zweite Chance verdient. Aber wir haben einen so straff organisierten Tagesablauf, dass wir darauf angewiesen sind, uns auf die größeren Klassen zu verlassen, sonst wäre das gar nicht durchführbar.« »Was erwartet mich denn da?« erkundigte sich Constanze,nun neugierig geworden, während sie ihren Weg in Richtung Südflügel fortsetzten. »Frühstück gibt es um sieben Uhr, danach folgte die Morgenandacht in der Kapelle. Die zeige ich dir dann noch, sie liegt im Ostflügel. Auch für die Gestaltung der Andachten sind größtenteils die älteren Schüler verantwortlich. Chor oder Instrumentalisten sorgen für den musikalischen Teil und ein Schüler hält eine kurze Ansprache. Dieser meldet sich entweder freiwillig, sonst bestimmen die Lehrer einen, der es macht.« »Das wird doch aber sicher im Voraus geplant, die Schüler müssen sich ja schließlich vorbereiten können, oder?« Constanze wunderte sich immer mehr, wie viel den Schülern hier abverlangt wurde. »Ja, am Sonntag Abend, nach der Andacht, werden die Ämter der folgenden Woche festgelegt. Wer die Ansprachen hält, wer für die musikalische Gestaltung verantwortlich ist, wer die Tischgebete spricht und so weiter.« »Moment, Moment!« So langsam schwirrte Constanze der Kopf von den vielen Informationen, die in den letzten Stunden auf sie eingeströmt waren. Ihr brannten so viele Fragen unter den Nägeln, dass sie gar nicht wusste, wo sie beginnen sollte, also wiederholte sie die letzten Worte von Georg: »Tischgebete und so weiter?« »Es wird auch ein Schüler für jeden Tag festgelegt, der die Tischgebete bei Frühstück, Mittag und Abendbrot spricht. Meist ist dieser auch für die Ansprachen bei den Andachten verantwortlich. Was den musikalischen Rahmen angeht, dafür haben wir einen Chor, der meist eine Motette singt, manchmal gibt es auch Orgelmusik.« »Wird die Orgel auch von Schülern gespielt?« Constanzes Augen wurden groß, das Erstaunen war ihr so deutlich anzusehen, dass Georg lachen musste: »Nein. Die Orgel spiele ich.« »Du spielst Orgel? Respekt, also ich habe das mal probiert, aber ich bin am Pedal kläglich gescheitert.« Constanze lachte und ihre blauen Augen blitzten übermütig: »Da bleib ich lieber beim Klavier.« »Na dann.« sagte Georg und öffnete mit Schwung eine große Tür, vor der sie soeben Halt gemacht hatten: »Spiel mir mal was vor!« Sie hatten den Konzertsaal im Musiktrakt erreicht, in dessen Mitte ein großer, schwarzer Flügel stand. »Jetzt?« fragte Constanze unsicher und sah sich aufmerksam in dem Raum um, um Zeit zu schinden. Die Außenwand bestand aus riesigen Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten und viel Licht hereinließen. An der kurzen Wand links von der Fensterfront stand ein Podest, auf dem offenbar der Chor probte. Sie ging langsam durch die Stuhlreihen, auf denen wohl die Zuhörer bei Konzerten saßen, auf den Flügel zu und öffnete schließlich den Deckel. Es war ein Yamaha, gut gepflegt und – sie spielte eine Tonleiter – offenbar regelmäßig gestimmt. »Spiel etwas. Bitte.« bat Georg sie, Constanze ließ sich zögernd auf der Klavierbank nieder. Zunächst glitten ihre schlanken Finger etwas unsicher über die Tasten, doch als sie zu den Klängen von Chopins Nocturne in cis -moll fanden, überwog ihre Freude am Musizieren und sie entspannte sich zusehends. Sie beendete das Stück mit einem Lächeln im Gesicht, Georg applaudierte spontan. »Die Musik tut dir gut, oder? Das sieht man ganz deutlich.« »Ja, immer wenn ich Sorgen habe oder traurig bin, dann setze ich mich ans Klavier und spiele, danach geht es mir sofort besser.« »Wie lange spielst du schon?« »Seit ich sechs Jahre alt bin. Ich hatte einen guten Lehrer, der mich alles lehrte, was er selbst konnte.« »Aber Können allein ist nur die Hälfte. Dass du mit deinem Herz dabei bist, hört man deinem Spiel an. Sicher wirst auch du bald einmal gebeten werden, für die musikalische Umrahmung einer Andacht zu sorgen.« »Meinst du?« fragte Constanze zweifelnd: »Aber ich weiß gar nicht, ob ich das möchte. So vor dir zu spielen war ja noch okay, aber sobald viele Menschen zuhören, werde ich viel zu nervös. Damit hatte ich schon im Studium große Probleme, ich war froh, wenn ich die Prüfungen hinter mir hatte!« »Das legt sich mit der Zeit.« sagte Georg in einem Tonfall der eigene Erfahrungen vermuten ließ: »Glaub mir, ich war auch anfangs tierisch nervös, aber daran wirst du dich auch gewöhnen. Komm, es gibt noch mehr zu sehen!« »Seit wann unterrichtest du schon an dieser Schule?« erkundigte sich Constanze, während sie den Konzertsaal verließen. »Seit drei Jahren.« antwortete Georg kurz und hoffte, sie würde nicht weiter fragen, aber genau das tat Constanze: »Gefällt es dir hier?« »Ja, schon.« »Das klingt jetzt nicht gerade begeistert.« schmunzelte Constanze, sah dann aber irritiert auf. Sie hatte das Gefühl, das Georg sein Lächeln nur noch mühsam aufrecht erhielt, doch ihr Eindruck verflüchtigte sich, als dieser eine weitere Tür öffnete. Sie betraten einen riesigen Raum, der allerdings voll gestellt war mit Regalen. »Das ist unsere Musikbibliothek, hier findest du fast alle Noten, auch Klavier-Literatur, falls du da mal was suchst, und Musikwissenschaftliche Werke, wie Biographien von Komponisten zum Beispiel.« Constanze pfiff anerkennend durch die Zähne, natürlich hatte sie im Laufe ihres Studiums viel in Bibliotheken gearbeitet, aber diese Bibliothek hatte etwas Besonderes. So viele, zum Teil alte, aber noch sehr gut erhaltene Bücher, hatte sie noch nie gesehen. Sie hatte kaum Zeit, ihren Eindruck zu vertiefen, denn schon dirigierte Georg sie weiter. »Hier liegen die Übungsräume, in jedem steht ein Klavier. Die Schüler üben hier täglich zu bestimmten Zeiten. Weiter hinten befinden sich die Unterrichtsräume für Gesang und Klavier. Welches Fach unterrichtest du?« »Gesang.« »Welche Stimmlage? Warte, lass mich raten. Sopran?« Constanze lachte erneut hell auf: »Das war wohl nicht schwer zu erraten.« »Nein, deine Sprechstimme verrät es.« Er lächelte sie an, nun wieder gänzlich ungezwungen: »Jetzt zeige ich dir noch schnell die Kapelle und dann laden wir dein Zeug aus. In einer knappen Stunde gibt es Mittagessen.« Georg warf einen prüfenden Blick auf die Uhr und nickte, wie zur Bestätigung. In der Kapelle war es, im Gegensatz zum übrigen Gebäude, ziemlich kühl. Constanze zog sich ihre Jacke fester um die Schultern. »Zieh dich lieber etwas wärmer an früh.« riet Georg: »Wie du merkst, ist es hier um einiges kühler.« Constanze nickte und sah sich um, die Kapelle wirkte freundlich, der Altar-Raum war schlicht gehalten, lediglich ein großes Kruzifix aus Holz hing an der Wand. Das Licht, das durch die großen Bleiglasfenster fiel, warf bunte Muster auf den grauen Steinboden. »Hier finden die Andachten und Gottesdienste statt. Wie gesagt, früh halb acht ist die Morgenandacht, der Unterricht beginnt um viertel neun. Um zwölf gibt es Mittagessen, um sechs Uhr Abendessen. Der Tag endet mit der Abendandacht um halb acht, zwei Stunden später ist Nachtruhe. Sonntag fällt die Morgenandacht weg, dafür ist um zehn Uhr Gottesdienst. Nun lass uns mal dein Gepäck aus dem Auto holen, damit du dein Zimmer noch beziehen kannst.« »Ich weiß noch nicht einmal, welche Zimmernummer ich habe.« entgegnete Constanze. »Aber ich!« lächelte Georg beruhigend: »Es ist nur ein Zimmer frei, dass wird dann wohl deins sein.« Kurz darauf standen die beiden mit dem Gepäck vor einer braunen Tür, an die eine große goldene Vier gepinnt war. Der Schlüssel steckte außen dran, Constanze drehte ihn im Schloss und öffnete die Tür. Sie betrat ein kleines, zweckmäßig eingerichtetes Zimmer. Ein Tisch und zwei Stühle, ein Schrank und ein Bett mit Nachtisch, das war alles, was in diesem Raum zu finden war. »Du wirst es dir schon wohnlich machen.« sagte Georg, der wohl Constanzes Gedanken erraten hatte. Diese war derweil durch eine weitere Tür gegangen und inspizierte das kleine Bad. »Wenigstens gibt es eine Badewanne.« rief sie nach draußen: »Es wäre mir schwer gefallen, darauf zu verzichten.« Sie kam zurück ins Zimmer und sah entschuldigend zu Georg auf: »Sei mir bitte nicht böse, aber ich muss mal für eine Viertelstunde für mich sein. In den letzten Stunden ist so viel auf mich eingeprasselt und dazu noch die lange Fahrt, ich fühle mich ein wenig erschlagen.« »Du musst mir nichts erklären, ist schon gut. Ruh dich ein wenig aus, ich hole dich dann kurz vor dem Mittagessen ab, in Ordnung?« »Danke!« Als der junge Lehrer den Raum verlassen hatte, öffnete Constanze das Fenster und atmete in tiefen Zügen die frische Sommerluft ein. Es war für August ein ungewöhnlich kühler Tag, es roch nach Regen und es wehte ein leichter Wind. Gedankenverloren ließ sie ihre Augen über den großen Park schweifen, über die mit Kies bestreuten Wege und die großen Bäume, die Wiesen waren trotz der Sommerhitze von einem saftigen Grün und gepflegte Beete sorgten für farbliche Abwechslung. Erneut spürte sie, wie Dankbarkeit in ihr aufstieg. Sie war am Ziel ihrer Träume, Lehrerin an einem Elite-Internat. Das Schicksal hatte es wirklich gut mit ihr gemeint und Georg, ihr zukünftiger Kollege, war sehr nett. Sie dachte an das Gespräch mit ihm zurück und lächelte versonnen. Doch dann fiel ihr seine plötzliche Zurückhaltung, als sie ihn fragte, wie lange er schon unterrichtete. Sie hatte den sicheren Eindruck gehabt, dass ihm ihre Fragen unangenehm gewesen waren. Oder war sie einfach nur überdreht? Constanze wusste es nicht genau, sie ließ sich gegen die Wand sinken, schloss für einen Moment die Augen und versuchte, die immer schneller rotierenden Gedanken in ihrem Kopf anzuhalten und zu ordnen, aber es gelang ihr nicht. Noch immer geistesabwesend öffnete sie zehn Minuten später die Tür, als Georg sie zum Mittagessen abholte.
»Hey Alter!« wurde Tom von seinem Klassenkameraden begrüßt, als er sein altbekanntes Zimmer bezog. »Mh!« gab er nur brummig zurück und knallte seinen Koffer aufs Bett. »Wir haben uns den ganzen Sommer nicht gesehen und alles, was ich von dir zu hören bekomme, ist »Mh«?« »Wie war dein Sommer?« zwang Tom sich zu fragen. »Geil!« war die Antwort: »Lange Nächte, scharfe Weiber, Party ohne Ende!« Ihm fiel auf, dass Henry eine gewisse Herausforderung in seine Stimme gelegt hatte, fast als wolle er ihn damit fragen, warum er nie mit von der Partie gewesen war. Henry war schon immer der Sonnyboy der Clique gewesen, sorglos und unbekümmert. »Hast du etwa schon vergessen, was letztes Schuljahr passiert ist?« »Nein, aber muss ich deshalb ins Kloster ziehen?« fragte ihn sein Zimmergenosse und lümmelte sich aufs Bett. Tom schüttelte nur den Kopf, es war ihm unbegreiflich, dass scheinbar alle einfach weiter machten, als wäre nichts passiert und er fragte sich, wieso ihm selber das nicht gelang. »Was ist mit Alex?« fragte er dann und deutete auf das dritte, noch leere Bett im Zimmer. »Kommt noch.« sagte der andere und erhob sich dann mit einem Ruck: »Ich gehe jetzt Mittagessen, kommst du mit?« Gemeinsam verließen die beiden Jungen den Schlafraum und begaben sich ins Erdgeschoss.
Auch Georg und Constanze hatten das Erdgeschoss fast erreicht, als sie von den beiden Jungen überholt wurden. »Hallo Herr Schubert!« grüßten die beiden und drosselten augenblicklich das Tempo. »Herr Zilm, Herr Sturm, Sie wissen doch genau, dass im Schulgebäude nirgends gerannt wird!« »Ja, Herr Schubert. Entschuldigung!« Mit gesenkten Köpfen standen die beiden vor ihm. Ob es an ihrer offensichtlichen Zerknirschung lag oder daran, dass Constanze dabei war, jedenfalls sagte Georg: »In Ordnung, ich werde heute nochmal ein Auge zudrücken.« Die beiden wechselten einen raschen Blick, während Georg nun auf Constanze wies: »Dies ist übrigens eine neue Lehrerin...« Er geriet ins Stottern, Constanze hatte sich ihm bisher nur mit ihrem Vornamen vorgestellt, und sah seine Kollegin hilflos an. »Ich bin Frau Taubert.« sagte sie und fragte sich, ob sie den Schülern die Hand anbieten sollte, ließ es dann aber. »Guten Tag.« sagte der größere von beiden und der andere setzte hinzu: »Ich hoffe, Sie leben sich hier schnell ein.« »Vielen Dank.« Die beiden Jungen verschwanden durch die Tür in den Speisesaal und die Lehrer folgten ihnen. »Normalerweise gibt es bei derlei Regelverstößen, wie Rennen im Schulgebäude, Lärm, Unpünktlichkeit und ähnlichen kleineren Vergehen rote Punkte. Ich habe heute nochmal ein Auge zugedrückt, aber solltest du so etwas sehen, dann zögere bitte nicht, diese Vergehen zu bestrafen. Es ist nun mal Gesetz an dieser Schule und die Schüler wissen das. Diese Punkte werden jeden zweiten Sonntag aus der Schulakte wieder gelöscht. Bekommt ein Schüler innerhalb dieser beiden Wochen drei rote Punkte, entscheidet der Klassenleiter, ob sie in eine gelbe Karte umgewandelt werden, oder ob das nächste Heimfahrwochenende sofort gestrichen wird. Bei größeren Verstößen, zum Beispiel Handys im Unterricht, Rauchen außerhalb der Pausen oder den Raucherbereichen, unerledigte oder zu spät abgegebene Hausarbeiten gibt es sofort eine gelbe Karte. Bei zwei gelben Karten wird das Heimfahrtwochenende gestrichen.« erklärte ihr Georg schnell, dann fügte er hinzu: »Rechne damit, dass die Direktorin dich kurz vorstellen wird. Du musst nicht viel sagen, nur, aus welcher Stadt du kommst, dass du ein Instrument spielst, solche Sachen halt.« Constanze nickte ihm zu, dann ließen die beiden sich am Lehrertisch nieder.
