CONSPIRACY - Im Netz der Intrige - Alexander Weiss - E-Book

CONSPIRACY - Im Netz der Intrige E-Book

Alexander Weiss

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Beschreibung

Wem kannst du noch trauen? Der Sammelband »CONSPIRACY – Im Netz der Intrige« mit drei Verschwörungsthrillern jetzt als eBook bei dotbooks. Was verbirgt die Regierung – und welche dunklen Pläne werden im Hintergrund geschmiedet, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren darf? – Als Benjamin Parker unter höchster Geheimhaltung ins Kanzleramt gerufen wird, kann sich der Kunstrechtsexperte nicht erklären, warum. Soll er wirklich einen Fall aufklären, der weit in die Vergangenheit zurückreicht … oder braucht die Kanzlerin nur einen Sündenbock, zu dem offiziell keine Verbindungen bestehen? – Der Kriminologe Adrian von Zollern wird Zeuge eines Mordes in der Berliner Oper … und findet heraus, dass dahinter ein internationales Bündnis steht, das jenseits aller demokratischen Gesetze seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit durchsetzen will. – Und Peter Aschmann? Der Journalist ahnt zunächst nicht, welchen Zusammenhang es zwischen schrecklich zugerichteten Frauenleichen in Bueons Aires und der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte gibt … und wird so zur Figur in einem abgründigen Spiel um grenzenlose Macht! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Sammelband »CONSPIRACY – Im Netz der Intrige« sorgt mit den Thrillern »Der Königsberg-Plan« von Alexander Weiss, »Mammon – Für deine Sünden wirst du büßen« von Matthias Jösch und »Das Böse stirbt nie« von Michael Winter für über 1.500 Seiten Hochspannung. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB

Seitenzahl: 1780

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Über dieses Buch:

Was verbirgt die Regierung – und welche dunklen Pläne werden im Hintergrund geschmiedet, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren darf? – Als Benjamin Parker unter höchster Geheimhaltung ins Kanzleramt gerufen wird, kann sich der Kunstrechtsexperte nicht erklären, warum. Soll er wirklich einen Fall aufklären, der weit in die Vergangenheit zurückreicht … oder braucht die Kanzlerin nur einen Sündenbock, zu dem offiziell keine Verbindungen bestehen? – Der Kriminologe Adrian von Zollern wird Zeuge eines Mordes in der Berliner Oper … und findet heraus, dass dahinter ein internationales Bündnis steht, das jenseits aller demokratischen Gesetze seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit durchsetzen will. – Und Peter Aschmann? Der Journalist ahnt zunächst nicht, welchen Zusammenhang es zwischen schrecklich zugerichteten Frauenleichen in Bueons Aires und der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte gibt … und wird so zur Figur in einem abgründigen Spiel um grenzenlose Macht!

Über die Autoren:

Alexander Weiss, Jahrgang 1973, studierte in Heidelberg und New York Kunstgeschichte und internationales Kunstrecht und arbeitet heute als Berater eines internationalen Auktionshauses. Er beschäftigt sich im Wesentlichen mit dem Aufspüren verloren geglaubter Kunstwerke und deren Restitution an ihre Eigentümer. Weiss lebt mit seiner Familie abwechselnd in Paris und Berlin.

Matthias Jösch, geboren 1966 in Dernbach, studierte Betriebswirtschaftslehre, Mathematik und Musikwissenschaften. Er arbeitet als Unternehmensberater und schreibt für HiFi- und Musikzeitschriften. Bei dotbooks veröffentlichte er neben dem in diesem Sammelband vorliegenden Thriller außerdem »PHOENIX – Unsere Rache wird euch treffen«.

Michael Winter wurde 1946 in Frankfurt am Main geboren. Nach seinem Studium in München arbeitete er bei Siemens im Bereich Informatik. 1975 wechselte Michael Winter zum Bayerischen Rundfunk, wo er 35 Jahre lang Sprecher und Moderator war. Bis heute ist er außerdem als Regisseur und Drehbuchautor für Werbe- und Industriefilmproduktionen in Europa und Übersee erfolgreich. Bei dotbooks veröffentlichte er bereits die drei Passau-Krimis rund um die Kommissare Assauer und Hammer: »Tod eines Mädchens«, »Tod im Schützenhaus« und »Tod eines Unbekannten«.

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Sammelband-Originalausgabe August 2021

Copyright © der Originalausgabe »Der Königsberg-Plan« 2013 dotbooks GmbH, München. Redaktion: Ralf Reiter

Copyright © der Originalausgabe »MAMMON – Für Deine Sünden sollst Du büßen« von Matthias Jösch 2013 dotbooks GmbH, München. Redaktion: Monika Hofko

Copyright © der Originalausgabe »Das Böse stirbt nie« 2018 dotbooks GmbH, München. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur Scripta, München. Redaktion: Ralf Reiter

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/turtix, SavaSylan, ZoranKristic

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96655-679-8

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Alexander Weiss, Matthias Jösch, Michael Winter

CONSPIRACY – Im Netz der Intrige

Drei Thriller in einem eBook

dotbooks.

Alexander WeissDER KÖNIGSBERG-PLAN

Königsberg, 1945. Die Rote Armee rüstet sich zum Sturm auf die Stadt, in der eine junge Frau fieberhaft versucht, ihre gefährliche Mission zu vollenden. Doch dabei gerät sie in die Schussline der SS … Berlin, Gegenwart. Ein mysteriöser Todesfall und ein geheimer Auftrag der Bundeskanzlerin verändern das Leben des Kunstrechtsexperten Benjamin Parker auf dramatische Weise: Gemeinsam mit der Journalistin Zoé Velázquez muss er um jeden Preis herausfinden, was damals in Königsberg geschah. So stößt er auf ein Komplott, das Deutschland in den Grundfesten erschüttert. Eine mörderische Jagd beginnt – und als Parker sich in einem bretonischen Chateau der Wahrheit nahe wähnt, kommt ein fürchterlicher Zweifel in ihm auf: War es ein Fehler, der Kanzlerin zu vertrauen?

Für meine Großeltern

Prolog

Januar 1945

Der eisige Wind spielte mit den blonden Locken der jungen Frau, doch sie nahm dies genauso wenig wahr wie das unendliche Elend der Flüchtlinge, welches am Hafen der Hauptstadt Ostpreußens herrschte.

Sie war mittelgroß und hatte eine zierliche Figur, was selbst ihr dicker grauer Wintermantel nicht verbergen konnte. Sie stand auf dem Oberdeck des Schiffs und hielt sich an der Reling fest, die Hände vor der Kälte geschützt durch elegante Fingerhandschuhe aus rötlichem Leder. Sie fühlten sich warm und vor allem geschmeidig an, so dass sie den kleinen Revolver in ihrer Tasche ohne Einschränkungen benutzen konnte. Wenn es sein musste.

Angespannt beobachtete sie die Verladung der letzten der insgesamt vierzig langen und für ihre Größe erstaunlich leichten Holzkisten auf das Transportschiff. Jede Kiste war mit der Aufschrift Museumsgut Foch-Königsberg / Unbefugtes Öffnen strengstens verboten! versehen worden. Darüber prangten ein deutlich sichtbares Hakenkreuz und der Reichsadler, was der Operation auf dem kurzen Weg vom Schloss bis hierher zum Hafen einen gewissen Schutz hatte bieten sollen. Genauso wie die gefälschten Papiere in ihrer Tasche.

Mit einem festen Griff um die Reling versuchte die junge Frau, aufwallende Furcht zu unterdrücken. Ob dieses Himmelfahrtskommando überhaupt eine Chance hatte?

Wir haben keine Wahl, verdrängte sie die Zweifel. Als gestern Abend die Bestätigung eingegangen war, dass Thalberg es nicht geschafft hatte, durch die russischen Linien in die belagerte Stadt zu gelangen, hatten sie eine Entscheidung gefällt.

Und das Glück schien auf ihrer Seite zu sein. Bislang war alles verlaufen wie geplant. Trotz der Anspannung überflog ein leichtes Lächeln ihr auffallend hübsches Gesicht mit der zarten Nase und den hohen Wangenknochen. Ihre blauen Augen strahlten, als ihr vom Unterdeck ein Mann in feldgrauer Uniform mit einem Handzeichen den Abschluss der Verladung signalisierte.

Das Schiff mit dem Namen H. Wessels war nur von geringer Größe, aber wegen seiner beiden starken Dieselmotoren und der wenigen Besatzungsmitglieder wie gemacht für ihre Zwecke.

Erleichtert beobachtete sie die Soldaten, welche die Kisten von den Lastwagen auf das Schiff geschleppt hatten und nun das Boot über den zur Kaimauer hinübergeschobenen Steg wieder verließen. Keiner von ihnen ahnte, was sich in den Kisten befand, und es schien sie auch nicht sonderlich zu interessieren. Jede Tätigkeit, die sie von einem Fronteinsatz befreite, war willkommen.

Die Männer bahnten sich ihren Weg über den Kai und zu den Lastwagen, mitten durch eine gespenstische Ansammlung von Frauen, Kindern und Alten, die eingehüllt in Decken und Mänteln auf eine Gelegenheit warteten, aus der nahezu eingeschlossenen Stadt zu entkommen – erst über den Seekanal nach Pillau und dann raus auf die Ostsee.

Für die, die es nicht schafften, einen rettenden Platz auf einem der Schiffe zu ergattern, blieb nur noch der Todesmarsch über das zugefrorene Frische Haff nach Danzig – oder das Ausharren in der sterbenden Stadt.

Das Schlimmste war das Gewimmer der kranken, frierenden und hungrigen Kinder, das der Wind zusammen mit dem Geruch von brackigem Hafenwasser von der Mole aufs Schiff trug. Nie würde die Frau die abgemagerten Kinder vergessen können, die sich voller Angst an ihre Mütter mit den ausgezehrten Gesichtern pressten.

Über sie war der Krieg erst spät, dann aber mit aller Grausamkeit hereingebrochen, und jetzt harrten sie hilflos in der eisigen Ruinenstadt aus, in die sich ihr geliebtes Königsberg innerhalb weniger Monate verwandelt hatte.

Entgegen dem eindeutigen Befehl hatte sie es nicht über sich gebracht, die mit ihrem letzten Hab und Gut geflüchteten Menschen einfach zu ignorieren. Beim Anblick der verzweifelten Flüchtlinge vor den zerbombten Hafengebäuden waren ihr Tränen in die Augen gestiegen. Sie war aus dem Führerhaus des Lastwagens gesprungen und hatte sich verschämt mit einem Taschentuch die Augen getrocknet, als sie die flehenden Blicke einer Mutter und ihrer Kinder getroffen hatten. Spontan hatte sie versprochen, die Familie mit an Bord zu nehmen. Mehr konnte sie nicht tun. Die anderen würden zurückbleiben müssen in der sterbenden Stadt, die die Nazis für einen selbstmörderischen Endkampf auserkoren hatten.

Der Gauleiter von Ostpreußen, Erich Foch, hatte sich selbst schon vor Monaten den Titel eines Reichsverteidigungskommissars für Ostpreußen verliehen und Hitler ergeben gemeldet, dass er Königsberg bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigen würde. Ohne ausdrückliche Genehmigung war es streng untersagt, Königsberg zu verlassen. Auf Zuwiderhandlung stand der Tod. Standgerichte der SS zogen im Auftrag des Gauleiters durch die Ruinen der alten Ordensstadt und machten blutige Beute.

Auf dem kurzen Weg zum Hafen war ihre Kolonne an fünf gehängten Wehrmachtssoldaten vorbeigefahren, die an festen Stricken baumelten, und sie hatte die Augen geschlossen.

Die sinnlose Verteidigung Königsbergs war eine tödliche Farce, die der Gauleiter vor der Nazi-Clique in Berlin aufführen ließ. Sie erinnerte sich eindringlich an das Gespräch mit Dr. Brandner, dem Direktor des Schlossmuseums. Hinter einer verschlossenen Tür hatte er ihr flüsternd verraten, dass der Gauleiter schon vor Wochen aus Königsberg geflohen war und seinen vermeintlich heroischen Abwehrkampf in Wirklichkeit aus einem sicheren Bunker in der Nähe des Frischen Haffs führte. Schon aus diesem Grund war es eine Genugtuung für sie, jetzt der Verladung der Kisten zuzusehen.

Sie machte sich jedoch keine Illusionen, was passieren würde, falls die Operation missglückte und sie dem Gauleiter lebend in die Hände fiel. Ein schneller Tod wäre eine höchst unwahrscheinliche Gnade. Unbewusst umfasste sie die geladene Pistole in ihrer linken Manteltasche.

Warten. Ihr blieb nur noch, auf das nächtliche Auslaufen des Kreuzers Emden zu warten. Wegen eines Maschinenschadens musste die Emden bis zum Ostseehafen Pillau geschleppt werden. Eisbrecher würden heute Nacht den zugefrorenen Seekanal freimachen, und im Gefolge konnte dann auch ihr Transportschiff H. Wessels die ersehnte Ostsee erreichen.

Welche Ironie, dass ausgerechnet der alte Reichspräsident Hindenburg, der Hitler zum Reichskanzler berufen hatte, als Verstorbener plötzlich zu ihrem Verbündeten zählte, dachte sie, während sie das Deck über die Außentreppe verließ. Hindenburg‚ in seinem Sarg auf der Emden ruhend, würde das Transportschiff samt der wertvollen Ladung sicher bis nach Pillau geleiten.

»Maria«, sagte sie hoffnungsvoll zu sich selbst. »Es soll Nacht werden und der alte Preuße gehen!«

Doch dann ließ sie ein Blick in die Menge am Kai vor Entsetzen erschaudern.

Instinktiv senkte sie den Kopf und drehte ihren Körper zur Deckwand, um nicht erkannt zu werden, aber auf der Außentreppe des erst vor kurzem weiß getünchten Schiffs war es nicht möglich, den Blicken der SS zu entgehen.

»Heil Hitler, Frau Adler, ich freue mich ganz außerordentlich, Sie zu sehen. Darf ich an Bord kommen?«, drang die Stimme des SS-Offiziers laut und vernehmlich an ihr Ohr.

Maria wandte sich dem rotblonden Mann zu, der um die vierzig war und eine untersetzte Figur hatte. Sie spürte ein nicht sichtbares, aber doch vorhandenes Zittern in ihren Beinen. Mit Schrecken bemerkte sie aus den Augenwinkeln die Leiter, die einladend aus der offenen Frachtluke herausragte. Der Mann mit der feldgrauen Uniform war verschwunden.

Als sie die schwerbewaffnete Begleitung des SS-Offiziers erblickte, packte sie die Angst. Zwei bullige Soldaten mit harten Gesichtern unter den Rändern ihrer schwarzen Stahlhelme sicherten mit Maschinenpistolen den Offizier nach allen Seiten ab, während der Mann mit den gefürchteten Totenkopfemblemen am Kragenspiegel mit gewichtiger Miene das Schiff enterte. Der Glanz seiner schwarzen Uniform mit den silbernen Runen des SS-Ordens stand in schaurigem Kontrast zu den hungernden und frierenden Menschen am Kai. Ein eisiger Schauer jagte ihr über den Rücken.

Wie sollte sie bloß mit diesen kaltblütigen und kampferprobten Männern fertig werden? Der kleine Revolver in ihrer Manteltasche war zwar schussbereit, würde ihr aber kaum weiterhelfen.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Heil Hitler, Herr Obersturmbannführer Gommel, bitte kommen Sie an Bord«, sagte sie mit so sorgloser und freudiger Stimme wie möglich.

Gommel blieb unten an der Reling stehen und wartete darauf, dass sie die Außentreppe herunterkam, um ihn in Empfang zu nehmen. Die beiden Matrosen zogen den Steg wieder auf das Schiff zurück, wobei sie nicht wagten, Gommel direkt anzusehen.

»Maria«, sagte Gommel und hielt ihr die Hand hin, um sie zu begrüßen und ihr gleichzeitig übertrieben galant beim Abstieg von der Treppe zu helfen. »Verraten Sie mir, was hier vor sich geht? Ist der Direktor auch an Bord?«

»Nein«, antwortete sie und log dann instinktiv: »Dr. Brandner hält sich noch im Schloss auf. Er will erst später zum Hafen kommen.«

Gommel hielt noch immer ihre Hand umfasst. Sie zog den Arm leicht zurück, und er ließ ihre Hand langsam durch seine Finger gleiten, bevor er sie ganz freigab. »Und was machen Sie hier, Frau Adler?«

»Ich bereite für Dr. Brandner die Verladung weiterer Kulturgüter des deutschen Volkes vor, um sie vor den Bombenangriffen zu schützen.«

Maria hielt sich strikt an die offizielle Sprachregelung in Königsberg, nach welcher die wertvollen Kunstgegenstände, die zuvor in Russland, der Ukraine und Polen erbeutet worden waren, ausschließlich zum Schutz gegen Bombenangriffe ausgelagert werden sollten. Vom sicheren Fall Königsbergs war offiziell keine Rede. Dass die Rote Armee Anfang Januar an der gesamten Front ihre lang erwartete Großoffensive begonnen hatte und die hilflose Wehrmacht nun vor sich hertrieb und Bataillon für Bataillon zermalmte, war eine Tatsache, die besser unausgesprochen blieb.

»Ein umsichtiger Mann, der Direktor, mit offensichtlich unendlichen Möglichkeiten«, stellte Gommel nicht ohne eine Spur Misstrauen fest. »Welch ein Glück für Sie, dass Sie nicht auf die Emden verladen haben, sonst säßen Sie auch in Pillau mit Maschinenschaden fest. Bin gespannt, den Direktor zu sprechen. Wann, meinen Sie, wird er eintreffen?«

Sie zuckte fast unmerklich mit den Achseln. »Ich hoffe, dass Dr. Brandner in der nächsten Stunde hier ist. Schließlich bin ich nur seine Assistentin. Er muss sich selbst ein Bild davon machen, dass alles ordnungsgemäß verladen wurde.«

Gommel nickte. »Der Museumsdirektor kann mit Ihnen sehr zufrieden sein. Sie sind ein tüchtiges Mädchen, Maria.« Gönnerhaft streichelte er ihre Wange, während sein Blick für einen kurzen Moment über ihren Körper huschte.

Maria nahm sich mit aller Macht zusammen, um nicht dem Drang nachzugeben, ihren Kopf zurückzuziehen. Es musste ihr irgendwie gelingen, Gommel von den Kisten abzulenken und ihn wieder von Bord zu lotsen.

Normalerweise hatte sie mit Männern keine allzu großen Schwierigkeiten, was, wie sie wusste, nicht unerheblich mit ihrem Aussehen zusammenhing. Doch dieser Fall war eindeutig anders. Die kostbare Fracht im Bauch des Schiffs glich einem Pulverfass, und Gommel war der Funke, der alles in die Luft jagen konnte.

Sie unterdrückte das Zittern ihrer Beine und brachte es nur mit größter Selbstüberwindung fertig, den Obersturmbannführer erneut zaghaft anzulächeln.

»Was wirklich in einem steckt«, fuhr der SS-Offizier, offenkundig durch sie bestärkt, fort, »merkt man erst in Zeiten wie diesen. Sie, Maria, haben das deutsche Blut, von dem wir so viel mehr brauchen könnten.«

Nochmals tätschelte er ihre Wange. Maria lächelte und fühlte Panik in sich aufsteigen. Gommel blickte sie entschlossen an. »Unter der Führung des Gauleiters werden wir die Russen vor den Toren von Königsberg niederringen.« Mit seinen dicken Fingern wedelte er vor ihren Augen herum. »Es ist der Schicksalskampf des deutschen Volkes! All die Volksschädlinge und Deserteure, die sich da drüben in der Menge versteckt halten«, wütend zeigte er auf die Flüchtlinge am Kai, »werden wir aufspüren und rücksichtslos vernichten. Wer das deutsche Volk in diesen entscheidenden Tagen im Stich lässt, hat nichts Besseres als eine Kugel oder den Strick verdient!«

Gommel hatte sich in Rage geredet und dabei einen roten Kopf bekommen. Bevor Maria etwas sagen konnte, drehte er sich voller Eifer um, zog sein Seitengewehr und sagte bestimmend: »So, und jetzt schauen wir mal, was der Direktor hier rausschmuggeln lässt!«

Ohne sich weiter um Maria zu kümmern, stürmte er auf die offene Frachtluke zu.

Einer seiner bewaffneten Wachleute folgte ihm, während der andere in der Nähe der beiden Matrosen eine Position einnahm, die ihm sowohl den Blick auf das Vorschiff, die Treppe zum Oberdeck als auch auf die Frachtluke ermöglichte.

Eilig folgte Maria dem SS-Offizier, der die Leiter in den Frachtraum schon hinabgestiegen war und nun unschlüssig vor den verladenen Kisten stand. Im Halbdunkel des Frachtraums wirkten seine eng beieinanderliegenden Augen, die abwechselnd die Kisten und Maria betrachteten, wie Schlangenhöhlen.

Ein quälend langer Augenblick verging, ohne dass Gommel sich rührte. Ganz augenscheinlich waren es nicht das Hakenkreuz oder der Reichsadler, sondern die Aufschriften, die den an Befehl und Gehorsam gewohnten SS-Mann bislang davon abhielten, eine der Kisten einfach mit dem Seitengewehr aufzubrechen.

»Was versteckt der Direktor denn in den Kisten, Maria?«

»Museumsgut des Gauleiters«, antwortete sie mit fester Stimme, »das eigentlich für sein Gut bei Metgethen bestimmt war, nun aber in Sicherheit gebracht werden muss.«

Unwillkürlich trat Gommel einen Schritt zur Seite. Metgethen wirkte wie ein Zauberwort, das sogar den Obersturmbannführer zurückweichen ließ.

Erich Foch, der Gauleiter von Ostpreußen, hatte jahrelang auf seinem Gut vor den Toren Königsbergs wie ein Fürst gelebt, umgeben von wertvollen Gemälden, Ikonen, Teppichen sowie Gold und Silber in jeder Form. Metgethen war der Aufbewahrungsort für eine der kostbarsten privaten Kunstsammlungen der Welt, die der Gauleiter größtenteils schon als Reichskommissar der Ukraine zusammengerafft hatte und die nur von wenigen Sammlungen anderer Nazi-Größen, etwa der Göring’schen, übertrumpft wurde.

Metgethen stand für die grenzenlose Macht des Gauleiters über Leib, Leben und Tod in Ostpreußen.

Gommels Augen glitten zweifelnd über die Kisten. Maria hielt den Atem an. Schon seit einigen Monaten genoss der Obersturmbannführer eine hervorgehobene Stellung beim Gauleiter, und sie hoffte inständig, dass der SS-Mann dieses Privileg nicht wegen ein paar Kisten aufs Spiel setzen wollte. Auf seiner Stirn bildeten sich tiefrote Falten.

Gommel verfluchte innerlich den Museumsdirektor. Er hatte dem blutleeren Wissenschaftler mit der verbogenen Nickelbrille nie getraut. Was führte der Direktor hier bloß im Schilde? Oder geschah alles auf diesem Schiff wirklich auf Anweisung des Gauleiters?

Gommel hatte Maria verschwiegen, dass in den nächsten Tagen unter seiner Leitung eine Fracht in auffallend ähnlicher Größe Königsberg in Richtung Weimar verlassen sollte. Hatte der Gauleiter seine Pläne geändert, ohne ihn zu benachrichtigen? War die Ladung geteilt worden? Oder spielte sich vor seinen Augen gerade der größte Diebstahl ab, den das Reich je erlebt hatte? Unmittelbar gegen den Führer gerichtet – denn die Angelegenheit stand unter ausdrücklichem Führervorbehalt.

In Gedanken betrachtete er das matt im Dämmerlicht schimmernde Seitengewehr in seiner Hand.

War es möglich, dass der zerstreute Wissenschaftler einen solchen Plan entwerfen und in die Tat umsetzen konnte? Gommel schüttelte unmerklich den Kopf. Ein abwegiger Gedanke. Andere schon, aber nicht der Museumsleiter. Und Maria? Eine dumme Gans, der es nur wegen ihrer schönen Augen gelungen war, sich vor dem Kriegsdienst zu drücken, und die sogar meinte, es ihm gegenüber am notwendigen Respekt mangeln lassen zu können. Es schmerzte ihn wie ein Stachel im Fleisch, dass die hübsche Frau seine Avancen mit immer neuen fadenscheinigen Ausreden höflich, aber bestimmt zurückgewiesen hatte.

Spätestens wenn er aus Weimar zurückgekehrt war, würde er die Sache mit ihr anders angehen. Wahrscheinlich brauchte er lediglich eine Fluchtgelegenheit in Aussicht zu stellen, um sie gefügig zu machen. Und falls sie auch dann nicht zur Vernunft käme, gab es noch andere Möglichkeiten. Er spürte sein Verlangen nach dem Körper der blonden Frau, die ihn ernst anschaute. Mehr und mehr beschlich ihn dabei das unbestimmte Gefühl, dass es ihr insgeheim zu gefallen schien, ihn so machtlos vor den verschlossenen Holzkisten zu sehen. Mit der Spitze des Seitengewehrs berührte er den Rand einer der Kisten und schabte darüber.

»Von einer solch großen Lieferung des Gauleiters ist mir nichts bekannt.« Er musterte sie mit einem langen Blick. »Alle wichtigen Museumsstücke sollte Brandner doch schon im Dezember nach Mitteldeutschland transportieren lassen.« Er sah es nicht, aber er spürte es: Maria zitterte unmerklich. »Warum ist das noch nicht geschehen?«

Ihr Herz schlug jetzt im Akkord. »Der Direktor hatte den Gauleiter schon Ende November um eine Freigabe für den Abtransport der Kisten gebeten«, erwiderte sie. »Aber erst in den letzten Tagen kam die Anweisung, dass die Kisten umgehend auf das Transportschiff H. Wessels gebracht werden sollen.« Maria schluckte. Sie verhedderte sich zunehmend in ihrem Lügengebilde. Lange würde sie diese Befragung nicht mehr durchstehen.

Mit leicht nach unten gesenktem Kopf blickte Gommel sie aus den Augenwinkeln heraus an, argwöhnisch und aggressiv.

Sie versuchte, dem Blick mit aller Kraft standzuhalten, zuckte aber merklich zusammen, als er völlig unvermittelt mit dem Seitengewehr auf eine der Kisten schlug, ohne den Blick von ihr zu nehmen.

»Ich war noch nicht in Königsberg, als die Kisten verpackt wurden, Herr Obersturmbannführer«, bemühte sie sich, ihn zu beruhigen. »Ich kann Ihnen nur sagen, was mir der Direktor mitgeteilt hat. Bitte, so glauben Sie mir doch.«

Sie wusste sofort, dass sie einen Fehler gemacht hatte. In seinen Augen funkelte der ausgeprägte Instinkt des erfahrenen Vernehmungsoffiziers, der endlich eine Schwäche bei seinem Opfer gewittert hatte.

Furcht schlug wie eine Welle über ihr zusammen und schnürte ihr die Luft ab. Hatte sie zu unterwürfig geantwortet? Seit Monaten hielt sie Gommel hochmütig auf Distanz. Sie wusste, dass ihr abweisendes Auftreten den über alle Maßen eingebildeten SS-Mann zugleich gereizt und gekränkt hatte. Und nun spielte sie ihm hier plötzlich das kleine Mädchen vor.

Verdammt!

Gommel näherte sich ihrem Gesicht bis auf wenige Zentimeter. Sie roch seinen säuerlichen Atem. Die stechenden Augen glänzten vor Argwohn.

»Frau Adler, was auch immer hier vor sich geht, ich werde es herausfinden. Und ich rate Ihnen dringend: Lügen Sie mich nicht an!«

Sie errötete, was er sicher bemerkte, sie wich seinem Blick aber nicht aus.

»Wann soll das Schiff auslaufen?«, fragte er und musterte sie weiter streng.

»Heute Nacht im Gefolge der Emden und der Eisbrecher, Herr Obersturmbannführer.« Sie hatte, ohne es zu wollen, Haltung angenommen.

»Wer soll die Ladung begleiten? Sie etwa, Frau Adler?«

»Nein, Herr Obersturmbannführer«, log sie abermals. »Der Direktor und ich sollen das Schiff samt Ladung an einen Beauftragten des Gauleiters übergeben.«

»Wer soll das sein?«

»Das weiß ich nicht, Herr Obersturmbannführer.«

Durchdringender hätte Gommels Blick nicht sein können. Er hatte offensichtlich einen Entschluss gefasst.

»Ich werde sofort eine Nachfrage beim Gauleiter veranlassen. Dann werden wir ja sehen, Frau Adler.« Er reckte den Kopf wie ein römischer Imperator. »Aber vorher zeigen Sie mir noch die Frachtpapiere nebst Verladungsbefehl. Folgen Sie mir, hier gibt es bestimmt einen Platz, wo wir uns in Ruhe weiter unterhalten können.« Er fasste sie fest am Arm, auf seinem hochroten Gesicht schimmerte der Schweiß. »Bewachen Sie die Ladung!«, befahl er dem Wachmann, der ihm in den Frachtraum gefolgt war, und stieg dann mit Maria über die Leiter aus dem Rumpf des Schiffs.

Als sie mittschiffs erreichten, fanden sie den Kapitän des Frachters und die beiden Matrosen unter Beobachtung. Die Maschinenpistole des zweiten SS-Mannes war direkt auf die drei verängstigten Männer gerichtet. Gommel ließ sich den Weg zur Kajüte des Kapitäns beschreiben und führte Maria mit eiligen Schritten dorthin.

Die Kabine war ein schlichter Raum mit einem sauber gemachten Bett sowie einem leeren Tisch und einem Stuhl aus Holz. An der Wand hing ein Regal mit einigen Büchern darin. Private Dinge des Kapitäns waren nicht zu sehen.

Der Obersturmbannführer bedeutete Maria, sich auf das Bett zu setzen, und nahm ihr gegenüber auf dem Stuhl Platz.

In der Kapitänskajüte herrschte im Gegensatz zu draußen eine angenehme Temperatur, so dass Gommel seinen Mantel öffnete und die Mütze abnahm. Aus seiner Seitentasche fischte er gewandt eine kleine lederbezogene Metallflasche, öffnete den Verschluss, nahm einen langen Schluck und bot sie dann Maria an.

»Trinken Sie, Maria, und sagen Sie mir endlich die Wahrheit. Wie es mir scheint, ist dies eine Angelegenheit, für die der Museumsdirektor die Verantwortung trägt.« Er verzog das Gesicht zu einem angedeuteten Lächeln. »Der Gauleiter vertraut mir. Wenn Sie kooperieren, kann ich Ihnen helfen.« Seine Stimme hatte jetzt einen warmen, beinahe einfühlsamen Ton angeschlagen. Maria hörte die aufgesetzt freundlichen Worte und sah in die wollüstigen Augen, die jede ihrer Regungen zu registrieren schienen.

Sie nahm die Flasche und führte sie an den Mund. Der Alkohol brannte noch in ihrem Rachen, als sie begann, mit ihren behandschuhten Fingern den Mantel aufzuknöpfen, langsam und ohne den SS-Offizier dabei auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

»Vertrauen Sie mir, mein Kind«, sagte Gommel und legte seine linke Hand auf ihren Winterrock.

Die Finger umfassten ihren Oberschenkel. Sollte sie ihn gewähren lassen? Ihr Blick schweifte durch die blitzblank aufgeräumte Zelle des Kapitäns, dessen Schiff es noch nicht mal aus dem Hafen von Königsberg geschafft hatte. Sie verlor jede Hoffnung auf eine Rettung.

Hier werde ich sterben.

Sie wusste, dass Gommel unmittelbar nach der Befriedigung seiner sexuellen Lust den Gauleiter benachrichtigen würde. Ihre sofortige Verhaftung wäre damit besiegelt, und man würde sie in einen der berüchtigten SS-Folterkeller werfen. Dort würde sie Gommel so lange gefügig sein müssen, bis er den Gefallen an ihr verlor und sie verrecken ließ oder das, was von ihr übrig geblieben war, an einen seiner Spießgesellen weiterreichte.

Und es gab keinen Ausweg. Schon der bloße Gedanke daran, Gommel zu überwältigen und das Schiff mit ihm als Geisel zu verlassen, war lächerlich. Wie sollte es ihr denn gelingen, den SS-Mann und seine Wache mit ihrer Pistole in Schach zu halten? Sie würde es wahrscheinlich noch nicht einmal lebend aus der Kabine schaffen. Und selbst wenn ihr die Flucht gelingen sollte, würde sie im abgeriegelten Königsberg früher oder später der SS in die Hände fallen – und den Folterungen nicht lange standhalten. Keine Stunde nach ihrer Verhaftung wäre die Gestapo über sämtliche Namen, Strukturen und Operationen im Bilde. Himmlers große Chance, ihnen endlich den Garaus zu machen.

Besser, es hier und jetzt zu Ende zu bringen, entschied sie und lächelte Gommel offen an.

Langsam stellte sie die Flasche auf den kleinen Holztisch und lehnte sich dabei weit vor, so dass sich ihre wohlgeformten Brüste unter der engen Strickjacke deutlich abzeichneten.

»Darf ich rauchen, Herr Obersturmbannführer?«

»Natürlich dürfen Sie das«, erwiderte Gommel und schob seine Hand unter den Saum ihres Rocks.

»Ich werde Ihnen alles sagen«, stieß sie hervor, während sie mit der linken Hand in ihre Manteltasche fasste.

»Gut so. Hab keine Angst, mein Kind.« Unaufhaltsam glitten seine Finger an der Innenseite ihres Oberschenkels hinauf. »Dir wird nichts geschehen.« Selbst durch die dicke Strumpfhose spürte sie den Schweiß an seinen Händen.

Vorsichtig tastete sie nach dem Griff des kleinen Revolvers in der Manteltasche. Ihr linker Zeigefinger schob sich über den Abzug, bereit, die tödlichen Schüsse durch den Stoff des Mantels abzufeuern. Um Gommel zu töten, musste sie die Waffe jetzt nur noch in die richtige Schussposition bringen und abdrücken.

Fünfmal. Und dann noch einmal.

Sie hatten ihr genau gezeigt, wie sie sich den Lauf der Waffe in den Mund schieben musste, damit die Kugel sie tödlich verletzte. »Nicht an die Schläfe, das ist zu unsicher«, hatte Thalberg ihr eingeschärft. Und sie würde die Anweisung peinlich genau befolgen. Auf keinen Fall durfte sie Gommels beiden Wachmännern lebend in die Hände fallen.

Unvermittelt spannten sich die Muskeln und Sehnen ihres Körpers. Ihr baldiger Tod spielte keine Rolle mehr, verschwand hinter dem einzigen Ziel, fünf Teilmantelgeschosse in den untersetzten Körper und das rotglänzende Gesicht des Obersturmbannführers zu jagen.

Gefühlvoll schob sie ihr Bein vor und bot es Gommels suchender Hand an. Zugleich umfasste sie beherzt den Griff des Revolvers und riss dann die Waffe nach vorne.

In diesem Augenblick traf ein brutaler Schlag ihr Handgelenk. Blitzschnell zog Gommel den Revolver aus ihrer Manteltasche und versetzte ihr sofort mit dem Griff der Waffe einen weiteren Schlag ins Gesicht, der ihre Vorderzähne zerbersten ließ. Die Nase brach beim nächsten Aufprall. Das Blut rann ihr wie ein Wasserfall über Wangen und Hals.

Die Wucht des Angriffs hatte sie zurück an die Schiffswand geworfen. Völlig benommen lag sie auf dem Bett des Kapitäns, das sich rot verfärbte. Durch eine Nebelwand sah sie, dass sich der SS-Mann erhob, die Hose aufknöpfte und sie über seine Stiefel fallen ließ.

Seine Hände grabschten unter ihrem Pullover nach ihren Brüsten, und sie hörte den Stoff der Bluse reißen. Wie gelähmt lag sie auf dem Bett. Sie wollte schreien, aber das viele Blut in ihrem Mund verwandelte alles in ein Röcheln. Eine Hand legte sich um ihren Hals, während die andere unter den Rock griff und mit einer schnellen Bewegung Strumpf- und Unterhose herunterzog, um sich dann an ihrer nackten Scham zu reiben.

Mit einem Stöhnen richtete Gommel sich über ihr auf und starrte sie mit einem irren Blick an.

Die Bilder begannen zu flimmern. Sie kämpfte gegen die nahende Ohnmacht an und sah alles nur noch verschwommen. So fest sie konnte, presste sie ihre Schenkel zusammen und rief sich verzweifelt ihre Ausbildung in Erinnerung. Auch solche Situationen hatten sie mit ihr geübt.

Ablenken und zuschlagen.

Sie konzentrierte sich. Die rechte Hand musste irgendwie an ihren rechten Stiefel gelangen.

Gommel lehnte sich über sie und versuchte, ihre Beine auseinanderzudrücken. Ein weiterer Schlag, den sie nicht kommen sah, traf sie erneut ins Gesicht, um ihren letzten Widerstand zu brechen. Aber sie gab nicht auf.

Bleib wach, Maria!

Gommel lag jetzt keuchend auf ihr. Als er ihre Beine brutal auseinanderzwang, war der Augenblick gekommen, auf den sie gewartet hatte.

Ablenken und zuschlagen.

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen und spuckte dem Obersturmbannführer ein Gemisch aus Blut und Speichel ins Gesicht.

Gommel schrie außer sich vor Wut, und wieder traf seine Faust ihr Gesicht, das nur noch eine blutige Masse zu sein schien.

Maria konnte nichts mehr sehen. Alles um sie herum war ein hell und dunkel schimmernder, undurchdringlicher roter Schleier.

Doch sie verspürte keine Schmerzen mehr. Ihr ganzes Sein konzentrierte sich auf den kleinen, beidseitig geschärften Dolch, der verborgen in ihrem Stiefel steckte und dessen Elfenbeingriff sie jetzt endlich mit ihrer rechten Hand umfasste.

Ablenken und zuschlagen.

Mit der linken Hand tastete sie schwach nach Gommels Gesicht, um sich zu orientieren. Fast zugleich öffnete sie weit ihre Beine, hob ihr Becken und streckte dem SS-Mann ihre entblößte Scham entgegen. Dann stieß sie ihm die Klinge von unten in den Kopf.

Sie merkte, wie er auf einmal regungslos wie eine Statue über ihr verharrte, zog das Messer aus seinem verletzten Schädel und stach nochmals zu, genau so, wie man es ihr beigebracht hatte. Sie spürte, wie der scharfe Dolch seidenweich durch das Auge ins Gehirn glitt.

Gommels untersetzter Körper kippte zur Seite weg.

Am ganzen Leib zitternd, versuchte Maria sich aufzurichten, doch sie war zu erschöpft, um sich zu erheben, und noch immer lag ein undurchdringlicher blutroter Nebel vor ihren Augen. Blind tasteten ihre Hände auf dem Bett nach dem Revolver, konnten ihn aber nicht finden.

Von draußen wurde jetzt heftig an die Tür geklopft.

»Herr Obersturmbannführer, eine dringende Nachricht für Sie!«, hörte sie jemanden rufen. »Darf ich eintreten?«

Wenn die Tür aufging, war sie gefangen. Sie musste unbedingt eine Waffe finden, um sich noch rechtzeitig selbst zu töten. Aber das Messer steckte im Auge ihres Peinigers, der unerreichbar für sie auf dem Boden lag. Und auch die Pistole war verschwunden. Maria verließen nun ihre letzten Kräfte. Regungslos blieb sie liegen.

»Herr Obersturmbannführer, ich habe eine Nachricht vom Gauleiter für Sie! Ich öffne jetzt von außen die Tür!«

Sie war verloren.

Sie versuchte, sich die Strumpfhose wieder hochzuziehen, doch es war unmöglich. Ihre zitternden Finger schafften es nur noch, den Rock über ihre Scham zu ziehen. Mit beiden Händen drückte sie den Stoff zwischen ihre Beine und begann leise zu weinen.

Ein gewaltiger Krach ertönte, und die Kabinentür sprang auf.

Bevor die Bewusstlosigkeit einsetzte, hörte Maria noch eine vertraute Stimme, die immer wieder ihren Namen sagte, während ein Mann sie sanft in den Arm nahm.

Wie geplant stach kurz nach Mitternacht des 24. Januar 1945 das Transportschiff H. Wessels im Gefolge des Kreuzers Emden von Königsberg aus in See. Entgegen dem Versprechen einer jungen blonden Frau hatte das Schiff keine Flüchtlinge mit an Bord genommen. Auf dem Deck des Transporters stand einsam ein Mann in feldgrauer Wehrmachtsuniform, rauchte und betrachtete lange die in der Dunkelheit verschwindende Silhouette Königsbergs, den Geschützdonner der nahen Front im Ohr.

Im großen Saal der Emden, der extra geräumt worden war, hatte man zwei Särge aufgebahrt, in welchen der ehemalige Reichspräsident, Generalfeldmarschall und Sieger der Schlacht von Tannenberg, Paul von Hindenburg, und seine Gemahlin lagen. Ein Pionierkommando hatte die Leichname aus der ostpreußischen Gruft bei Tannenberg gerade noch rechtzeitig vor dem Eintreffen der Roten Armee evakuiert.

Über Hindenburgs Sarg hatte man eine Reichskriegsflagge gelegt. Rechts und links vor den Särgen standen zwei Wehrmachtsoffiziere mit aufgepflanztem Bajonett Totenwache. Der Saal war vollständig abgedunkelt, so dass lediglich der flackernde Schein von Fackeln für ein wenig Licht sorgte und der Szenerie eine gespenstische Note verlieh.

Irgendwo auf der Route des weißgetünchten Transportschiffs H. Wessels durch die winterliche Ostsee fanden drei SS-Leute mit Gewichten belastet ihre letzte Ruhestätte auf dem Meeresgrund. Nur wenige Tage später, und ohne von russischen U-Booten oder alliierten Jagdflugzeugen behelligt worden zu sein, erreichte das Schiff, unter einem anderen Namen und an verschiedenen gut sichtbaren Stellen mit einem roten Kreuz bemalt, seinen Zielhafen.

Damit war der erste Teil eines Plans verwirklicht, der 1944 in den ostpreußischen Wäldern entworfen worden war und mehr als ein halbes Jahrhundert später die Geschicke Deutschlands bestimmen sollte.

Kapitel 1

Einundsechzig Jahre später, als längst wieder Frieden über Deutschland lag, betrachtete Benjamin Parker voller Bewunderung das Brandenburger Tor.

Es war bereits Mittag, und die winterliche Sonne des Januars erhellte seine dichten dunkelbraunen Haare und das Gesicht mit den markanten Zügen. Das Licht fiel in seine tiefliegenden dunkelgrünen Augen und ließ sie aufblitzen, als er nach oben schaute.

Majestätisch glänzte die bronzene Quadriga vor dem hellblauen, wolkenlosen Himmel. Mit nur einer Hand führte die geflügelte Viktoria die vier Pferde lässig an den Zügeln. Die Dame hatte Klasse, dachte Parker. Jedenfalls ließ sie sich ihre wechselvolle Geschichte nicht anmerken. Die Entführung nach Paris durch den stürmischen Kaiser Napoleon Bonaparte dürfte sie vielleicht noch als Kompliment gewertet haben, ihre fast völlige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg war hingegen sicherlich ein eher traumatisches Erlebnis gewesen.

Die hübsche Preußin schien Parkers Blick zu erwidern. Er nahm das als gutes Omen für den ereignisreichen Tag, der vor ihm lag. In wenigen Minuten würde er vor dem Brandenburger Tor ein Fernsehinterview geben, dann hatte er einige Stunden Zeit, bis ihn am frühen Abend ein Treffen mit einem Staatssekretär im Bundeskanzleramt erwartete. Es war seine erste Einladung ins Kanzleramt, und die Zusammenkunft versprach höchst interessant zu werden. Das galt allerdings auch für seine letzte Verabredung am heutigen Tag. Als er die Anfrage hierfür erhalten hatte, hatten in seinem Inneren mehrere Alarmglocken geläutet, und der vernünftige Teil seines Ichs hatte ihm dringend nahelegt, Berlin nach dem Treffen im Kanzleramt so schnell wie möglich zu verlassen. Aber er hatte dennoch zugesagt.

Er schob den Gedanken an den Abend beiseite, lächelte frohgemut der berühmten Siegesgöttin auf dem Brandenburger Tor zu und spürte dabei die Schminke auf dem Gesicht, die ihm kurz zuvor in der Maske aufgetragen worden war, und zwar nicht zu knapp. Verstohlen schaute er auf den Monitor, der ein, zwei Meter vor ihm auf einem kleinen Podest stand. Gelassen blickte ihm sein eigenes Konterfei entgegen.

»Dr. Benjamin Parker, Experte für Kunstrecht«, las er eingeblendet unter seinem Gesicht. Die Maske hatte ganz passable Arbeit geleistet, dachte er. Als er vor einer knappen Stunde aufgestanden war, hatte ein Blick in den Spiegel deutliche Spuren eines beträchtlichen Schlafmangels offenbart: Er hatte bis in die frühen Morgenstunden an der Präsentation für das Treffen im Kanzleramt gearbeitet.

»Herr Parker, wir gehen gleich auf Sendung«, hörte er die Journalistin, die sich nun mit einem Mikrofon bewaffnet neben ihn stellte. »Schalten Sie bitte Ihr Handy ab, falls Sie es noch nicht getan haben.«

Parker erinnerte sich, dass er sein Mobiltelefon gestern Abend ausgestellt hatte, um sich ungestört auf sein Treffen im Bundeskanzleramt vorbereiten zu können. Er hatte heute Morgen völlig vergessen, es wieder einzuschalten. »Schon erledigt.«

Die Journalistin, die ihre kurzen hellblonden Haare seitlich gescheitelt trug, strich ihre dunkelblaue Kostümjacke glatt und wartete auf das Zeichen der Regie. In wenigen Sekunden würde die Livesendung beginnen. Sie schien die Sache mit professioneller Routine anzugehen.

Jetzt lächelte sie ihn an und sagte leise: »Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit Gregory Peck haben?«

»Bitte?«

»Noch fünf Sekunden!«, rief jemand, den er nicht sehen konnte.

»Ja, und ich wette, ich bin nicht die Erste, der das auffällt.« Ihre Augen funkelten ihn verschmitzt an.

»Doch.« Sie hatte zwar recht, Parker hatte aber keine Lust, es zuzugeben. »Vor Ihnen ist noch niemand auf diese abwegige Idee gekommen.«

»Herr Parker«, sagte sie und betonte das A und das R dabei mit künstlicher Empörung. »Schon bei der ersten Frage sagen Sie mir nicht die Wahrheit! Das fängt ja gut an mit uns beiden!«

Er lachte. »Das finde ich auch. Aber haben Sie ein wenig Nachsicht mit einem zerstreuten Gelehrten.«

»Nachsicht? Bestimmt nicht! Ich werde Sie den Zuschauern als Professor Peck vorstellen.«

Er schluckte, und sie strahlte ihn an. Dann kam das Signal, und die Sendung begann.

»Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, beim kommenden Antrittsbesuch der Bundeskanzlerin in Moskau steht eine ganze Reihe von Themen auf der Agenda. Die Kanzlerin wird ihren ersten Besuch beim russischen Präsidenten sicher dazu nutzen, um neue Akzente zu setzen. Hinter verschlossenen Türen, so darf man vermuten, wird nicht nur die russischen Energiepolitik und das iranische Atomprogramm kontrovers diskutiert werden, sondern auch die noch immer ungelöste Frage der sogenannten Beutekunst im Vordergrund stehen. Aus diesem Anlass wollen wir uns heute näher mit den historischen und rechtlichen Fragestellungen der im und nach dem Krieg abhandengekommenen Kunstwerke beschäftigen. Ein Thema, das viele Fachleute schlicht als unlösbar bezeichnen.« Sie machte eine kurze Pause und wandte sich Parker zu. »Ich freue mich daher sehr, heute den frischgebackenen wissenschaftlichen Leiter der Kanzlerreise, Herrn Professor Parker von der Universität Heidelberg, hier bei uns zu haben.«

Geschickt machte sie eine Überleitung zu einem Einspielfilm, der den Zuschauern einen Einblick in die Geschichte der Beutekunst geben sollte, und senkte dann das Mikrofon. Der Film zeigte in aller Kürze die erschütternden Fakten des groß angelegten Kunstraubs der Nazis während des Krieges und richtete dabei insbesondere den Blick auf den Russlandfeldzug.

Parker lauschte der sonoren Stimme, die den Film kommentierte. »Hinter den vorrückenden deutschen Landsern folgten unmittelbar die Kunstjäger in Partei- und SS-Uniformen. Mord, Raub und Vertreibung waren die Mittel, um an die ersehnten Kunstschätze zu gelangen.«

Auf dem Monitor erschienen Bilder der vorrückenden Wehrmacht während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion 1941. Vor brennenden Städten und Dörfern fuhren motorisierte Einheiten an den Kameras der Wochenschau vorbei und grüßten lachend. Göring wurde eingeblendet, der eine Gruppe von Parteifunktionären mit staatsmännischer Miene durch ein nicht genanntes Museum führte, wobei er fortwährend mit ausladenden Gesten auf verschiedene Gemälde deutete. Dann Hitler mit seinem Hofarchitekten Speer. Hitler stand mit prüfender Miene über verschiedene Pappmodelle gebeugt, die allesamt schier größenwahnsinnige Museumsbauten darstellten. Linz, Hitlers Geburtsstadt, hatte er dazu auserkoren, die Kulturhauptstadt des Dritten Reiches zu werden. Und die unendliche Masse an Kunstwerken, die benötigt wurden, um die weißen Wände der Prachtbauten zu bedecken, hatte bei ihm einen unersättlichen Hunger auf Kunst ausgelöst.

Der Film zeigte leergeräumte Museen und die Auflösung von wertvollen Privatsammlungen, deren ehemalige Eigentümer nicht selten in Konzentrationslager verbracht worden waren. Erschütternde Aufnahmen folgten von in Zugwaggons zusammengepferchten Menschen auf dem Weg in den sicheren Tod. Dann wieder Bilder eines Güterzugs, diesmal bis zum Rand vollgestopft mit Teppichen, Gemälden, Statuen, Kronleuchtern, Geschirr und Schmuck. Führungslos waren die Waggons auf einer baum- und strauchlosen Fläche zum Stehen gekommen.

Der Bericht wandte sich nun der Nachkriegszeit zu. Jetzt verschwammen die moralischen Konturen, und Gut und Böse ließ sich nicht mehr so einfach trennen. Fest stand, dass die Moskauer Archive und Museen nach Kriegsende händeringend nach Stauraum suchten, um die Flut der von den Sowjets erbeuteten Kunstwerke überhaupt noch unterbringen zu können.

Während er dem Bericht weiter zuhörte, hakte Parker die lange bekannten Fakten innerlich ab.

Deutschland verlangte noch immer über eine Million Kunstgegenstände von Russland zurück, davon allein zweihunderttausend Werke mit einem herausragenden und einzigartigen Wert. Die Kulturgüter befanden sich zum Teil in einem besorgniserregenden Zustand, da Russland die Mittel für eine sachgerechte Lagerung fehlten. 4,6 Millionen Bücher aus deutschen Museen und privaten Sammlungen wurden vermisst, häufig ohne jede Spur.

Die rund drei Regalkilometer verschollenen Archivmaterials erwähnte der Bericht nicht, registrierte Parker, während die sonore Stimme fortfuhr: »… sowjetische Trophäenbrigaden, die sich auf Stalins Befehl schon seit 1943 auf die systematische Plünderung deutscher Museen und Privatsammlungen vorbereitet hatten …«

Am Ende des Films wurde der Kreml eingeblendet, und die Moderatorin leitete kurz und bündig auf die für März geplante Kanzlerreise nach Russland über.

Dann schenkte sie Parker ein gewinnendes Lächeln: »Herr Parker, wie fühlt man sich, wenn man mit gerade einmal achtunddreißig Jahren bereits eine weltbekannte Koryphäe auf dem Gebiet des Kulturgüterschutzes ist und jetzt sogar zum persönlichen Berater der Kanzlerin ernannt wurde? Ist dies ein Ritterschlag, der Angst macht?«

Parker wurde unbehaglich zumute. In der Interviewanfrage war es nur um ein paar kurze Erläuterungen zur komplexen Rechtslage bei der Restitution deutscher Kunstwerke von Russland gegangen. Jetzt bekam die Angelegenheit plötzlich einen anderen Zungenschlag. Auf keinen Fall wollte er als juristischer Supermann im Auftrag der Kanzlerin präsentiert werden.

»Danke. Ich fühle mich bei solchen Komplimenten natürlich ausgezeichnet. Auch wenn Sie ein bisschen übertreiben.«

»Herr Parker wird vielen von Ihnen, liebe Zuschauer, sicherlich schon bekannt sein wegen seiner Rolle im Jahrhundertprozess vor dem englischen High Court über die sogenannte Stettiner Kunstsammlung.« Ein Lächeln flog über ihr Gesicht. »Herr Parker, die Erbengemeinschaft, die Sie in London vertreten haben, hat es maßgeblich Ihnen zu verdanken, dass nach fast sechzig Jahren Kunstwerke mit einem geschätzten Wert von über hundert Millionen Euro zurückgegeben wurden.«

Das Interview schien völlig zu entgleiten. Was als nüchterne juristische Bestandsaufnahme geplant war, entwickelte sich zu einer hemmungslosen Lobpreisung. Da half nur ein beherztes Gegensteuern. »Nun, zunächst einmal war der Erfolg vor allem auf das brillante juristische Plädoyer von Rechtsanwältin Frau Dr. Anne Kreifelts zurückzuführen. Mein Beitrag war demgegenüber eher von untergeordneter Natur.«

»Es ist sehr galant von Ihnen, dass Sie der Anwältin den Vortritt lassen möchten, aber schließlich waren Sie es doch, der damals das prozessentscheidende Rechtsgutachten verfasst hat«, insistierte die Reporterin. »Soweit ich mich erinnere, war die Sache ziemlich verfahren, nachdem die britischen Museen, die die Werke in ihrem Bestand hielten, sich auf Verjährung berufen haben. Wie ist es Ihnen denn gelungen, die englischen Richter davon zu überzeugen, dass die Ansprüche der Erben nach sechzig Jahren noch durchgesetzt werden konnten?«

Parker atmete langsam aus. »Die Gemälde gehörten ursprünglich einem wohlhabenden Kunstsammler aus Stettin, dem sie von den Nazis geraubt worden waren. Das englische Gericht war mit Blick auf den eindeutigen Bezug zu Deutschland gezwungen, deutsches Recht auf den Fall anzuwenden, obwohl der Prozess in London stattfand.«

»Kam Ihnen das als deutscher Jurist nicht sehr gelegen?«

»Ganz und gar nicht. Wir hätten uns über die Geltung englischen Rechts sehr gefreut, denn nach deutschem Recht war die Rückgabeforderung nach dreißig Jahren tatsächlich bereits verjährt. Nach englischem Recht jedoch nicht.«

»Dann war die Klage Ihrer Mandanten eigentlich aussichtslos?«, fragte die Journalistin, und Parker meinte, sie hätte dabei ein wenig mit ihren Augen geklimpert.

»Zum Glück für unsere Seite haben die Engländer einen besonderen Sinn für Fairplay …«, er musste schmunzeln, bevor er fortfuhr, »… der uns auf dem Kontinent manchmal überrascht. In diesem Wissen haben wir unsere Prozessstrategie darauf ausgerichtet, den englischen Richtern die Absurdität des deutschen Verjährungsrechts vor Augen zu führen.«

Skeptisch hielt sie ihm das Mikro näher an den Mund. »Dass Ansprüche nach dreißig Jahren verjähren, erscheint mir auf den ersten Blick nicht sonderlich ungewöhnlich.«

Parker hatte den Einwand erwartet. Er klang so einleuchtend, wie er seiner Ansicht nach unrichtig war. »Wenn Sie sich die Folgen dieser Regelung im Einzelfall klarmachen, denken Sie vielleicht anders darüber. Nach deutschem Gesetz verlieren die rechtmäßigen Eigentümer nach dreißig Jahren ihr Recht, vom unrechtmäßigen Besitzer etwa eines Bildes die Herausgabe zu verlangen. Und das, selbst wenn dieser das Kunstwerk zuvor nicht in gutem Glauben erworben oder vielleicht sogar selbst gestohlen hatte.«

»In Deutschland darf ein Dieb gestohlene Kunstwerke behalten!«, entfuhr es der Interviewerin.

Er nickte. »Unter Umständen, ja. Ein Ergebnis, das übrigens die alten Römer nur mit Kopfschütteln quittiert hätten. Im römischen Recht galt der Grundsatz fur semper in mora, oder auf Deutsch: Ein Dieb ist immer in Verzug mit der Rückgabe der gestohlenen Sache. Und auch der ehrwürdige High Court of Justice sah sich nicht in der Lage, das deutsche Verjährungsrecht nachzuvollziehen. Das Gericht hat daher kurzerhand entschieden, dass die wertvollen Bilder auch nach fast sechzig Jahren an die eigentlichen Eigentümer herauszugeben sind.« Er lächelte. »Deutsches Recht hin oder her.«

Schwungvoll drehte sich die Fernsehreporterin zu den Kameras und sprach in ihr Mikrofon: »Meine Damen und Herren, Sie sehen, bei Professor …«, sie hielt für einen Sekundenbruchteil inne und warf ihm einen kurzen Blick zu, »… Parker … handelt es sich um einen Mann für ganz besonders knifflige Fälle. Da wundert es nicht, dass ihn die Kanzlerin bei der anstehenden Russlandreise an ihrer Seite haben will.«

Er bemühte sich, freundlich in die Kamera zu blicken, obwohl es ihm angesichts der Schmeicheleien zunehmend schwerfiel.

»Herr Parker«, sprach sie ihn wieder direkt an. »Glauben Sie, dass bei Ihrer Berufung zum wissenschaftlichen Delegationsleiter auch Ihre beruflichen Erfahrungen vor Ihrer Tätigkeit als Kunstrechtsexperte eine Rolle gespielt haben?«

Parker schluckte. Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Die meisten Menschen in seiner Umgebung sahen in ihm lediglich einen Rechtsgelehrten, der ab und an in der Presse auftauchte. Die Zeit davor war in Vergessenheit geraten, und niemand war dafür dankbarer als er selbst.

»Für die Zuschauer, die hierüber nicht informiert sind«, fuhr die Journalistin zu Parkers Entsetzen fort, »müssen wir erläutern, dass Herr Parker zunächst für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die OSZE, als Beobachter in Krisengebieten tätig war. Ich finde das, ehrlich gesagt, sehr bewundernswert. Was hat Sie zu diesem Entschluss geleitet?«

Parker nahm sich zusammen. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie ungern er über diese Zeit sprach. »Mich hat die Aufgabe gereizt, die OSZE direkt vor Ort bei ihren friedensschaffenden Maßnahmen zu unterstützen.« Er sah der Journalistin in die Augen und dachte: Belassen wir es dabei. Keinesfalls wollte er vor laufender Kamera zu seiner letzten Mission befragt werden. Sie erwiderte den Blick, während sie sagte: »Im Januar 1999 haben Sie als OSZE-Beobachter an der Mission im Kosovo teilgenommen. Die Serben hatten einen Truppenrückzug versprochen, und die albanische Untergrundarmee UCK wollte einen beiderseitigen Waffenstillstand akzeptieren.«

Parkers Gesichtszüge verhärteten sich. Was sollte diese Frage? Seine Zeit im Kosovo hatte doch nichts mit seiner Russlandreise zu tun!

Mitfühlend schaute sie ihn an. »Sie waren damals auf dem Weg in die Stadt Peć, die im Westen des Kosovo liegt, und begleiteten einen Konvoi, als sich ein schrecklicher Unglücksfall ereignete.«

Er fixierte die Journalistin, und in seinem Kopf stiegen die Erinnerungen auf. Er konnte das Gefühl der Unausweichlichkeit und der Ohnmacht schmecken. Bitter und brennend war es. Unwillkürlich nahm er einen Schluck Wasser aus dem bereitstehenden Glas.

Die Journalistin sah ihn unverändert fragend an.

»Richtig«, sagte er tonlos.

»Bis heute konnte nicht restlos aufgeklärt werden, was damals genau geschehen ist«, sagte sie und blickte ernst in die Kamera.

Parker nickte. Die Bitterkeit lag auf seiner Zunge, während sein Rachen lichterloh brannte.

Sie hielt ihm auffordernd das Mikro hin.

»Das stimmt«, sagte er. »Es gab im Januar 1999 einen Anschlag auf unsere Gruppe. Und man weiß bis heute nicht, wer den Hinterhalt gelegt hat.«

»Selbst die OSZE hat nie Auskunft über den genauen Zweck Ihrer damaligen Mission gegeben«, insistierte die Journalistin. »Außer dass Sie die Einhaltung des Waffenstillstands überprüft haben, ist nichts bekannt.«

Ihn beschlich ein Gefühl der unendlichen Traurigkeit, als er an den verhängnisvollen Tag dachte.

»Auch ich möchte nicht mehr dazu sagen«, antwortete er schließlich. »Noch heute ist das Leben von Menschen in Gefahr, die uns damals geholfen haben. Für diese Leute ist Vertraulichkeit eine Lebensversicherung.«

»Mindestens ein OSZE-Mitarbeiter aus Ihrer Gruppe soll sein Leben bei dem Angriff verloren haben«, sagte die Journalistin.

Er spürte, wie er zunehmend verkrampfte und sich Kälte in ihm ausbreitete. Er warf der Moderatorin einen durchdringenden Blick zu. »Das ist leider wahr. Ian Fowler, ein langjähriger Mitarbeiter der OSZE, wurde durch einen Heckenschützen tödlich verletzt«, antwortete er schließlich mit steinerner Miene. Noch heute hörte er in seinen Träumen das Schluchzen von Ians französischer Ehefrau bei der Beerdigung in Nordwales.

»Pourquoi?«, hatte sie ihm im walisischen Regen ins Ohr geflüstert, als er sie tröstend vor dem offenen Grab umarmt hatte.

Er atmete kurz aus, bevor er fortfuhr: »Ich bin dann im März 1999 nach dem Ausbruch des Kosovo-Krieges und dem Abzug der OSZE aus der Region schließlich dem Ruf nach Heidelberg gefolgt.«

»Das kann ich gut verstehen.« Die Journalistin hakte zu seiner Überraschung nicht weiter nach. Er mutmaßte, dass die fortgeschrittene Sendezeit, welche die große Studio-Uhr in roten Lettern anzeigte, ihn vor weiteren Fragen bewahrt hatte.

»Wenden wir uns jetzt der anstehenden Moskau-Reise der Kanzlerin zu. Sind Sie der deutsche Ali Baba, der die geheime Sesam-öffne-dich-Formel kennt, um in die fest verschlossenen Schatzkammern Moskaus einzudringen?«

Er schüttelte leicht den Kopf. »Ich fürchte, mit dem berühmten Ali Baba kann ich mich nicht messen, und ich glaube auch nicht, dass im Kreml vierzig Räuber sitzen.«

Sie sah ihn für einen kurzen Augenblick verdutzt an. Eine leichte Röte flackerte an ihrem Hals auf. »Haben Sie dennoch etwas im Gepäck, das uns und Ihnen Hoffnung auf die Rückgabe von weiteren Kunstwerken machen könnte?«

»Ich denke schon.«

Ihre Augen weiteten sich. »Verraten Sie es uns!«

Parker sah auf der Studiouhr, dass die letzten Sekunden der Sendung liefen, und hielt einen Moment inne, bevor er weitersprach. Er wog seine Worte ab. »Die Rückgabe der Beutekunst berührt nicht nur juristische Fragestellungen, sondern im Wesentlichen politische Überlegungen. Die Meinungsverschiedenheiten über den Verbleib der Kulturgüter sind im Kern ein Test für die Belastbarkeit der Freundschaft beider Völker. Hierin liegt eine große Chance – wenn wir das unermessliche Leid nie vergessen, welches das russische Volk im Zweiten Weltkrieg erfahren hat. Nur wer diese Realität akzeptiert, kann Lösungen finden. Wir brauchen also vor allem Verständnis und Zuneigung für das russische Volk.«

Bei seinem letzten Wort zeigte die digitale Uhr noch genau drei Sekunden an. Hastig beeilte sich die Journalistin, ihre Ab-Moderation loszuwerden.

Kaum war die Übertragung beendet, drehte sie sich zu ihm um und fragte mit einem kecken Blick: »Was machen Sie eigentlich heute Abend? Haben Sie zufällig Lust, gemeinsam etwas essen zu gehen?« Ohne ihn aus den Augen zu lassen, zauberte sie ein Päckchen Zigaretten hervor und bot ihm eine an.

»Nein, danke«, sagte er. »Ich habe vor zwei Jahren das Rauchen aufgegeben.«

Sie zündete sich eine an und blies den Rauch an ihm vorbei. »Und Journalistinnen zum Essen einzuladen, haben Sie das auch aufgegeben?«

Sie war ein attraktiver, nordischer Typ. Mit Augen wie ein Husky unter beinahe weißen Brauen. Für einen Moment war er versucht, das unliebsame Treffen am späten Abend gegen ein Dinner mit dieser aparten Journalistin einzutauschen, aber dann gab er sich einen Ruck. »Ich bin schon vergeben. Tut mir leid.«

Für 23 Uhr hatte das Sekretariat von Frau Rechtsanwältin Dr. Anne Kreifelts einen Tisch für zwei Personen im Restaurant Borchardt in Berlin-Mitte reserviert. Dr. Kreifelts würde an diesem Tag von einem einwöchigen Businesstrip aus New York zurückkehren und gegen neun Uhr in Berlin landen, hatte man ihm ausrichten lassen, und würde sich sehr freuen, ihn zu sehen.

Nachdenklich blickte Parker der Journalistin nach, die ihm noch ein »Mir auch« zugeworfen hatte und nun auf den Aufnahmeleiter zuging. Mit gemischten Gefühlen dachte er an sein nächtliches Rendezvous mit Anne.

Kapitel 2

Vom Brandenburger Tor bis zum Bundeskanzleramt waren es nur wenige hundert Meter. Im siebten Stock der deutschen Regierungszentrale verfolgte die Bundeskanzlerin von ihrem Schreibtisch aus das Interview mit Parker auf einem Flachbildschirm an der Wand.

Als Parker sein Schlusswort gesprochen hatte, drückte sie mit missbilligender Miene auf den Knopf der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Parker machte Politik und gab mit seiner Parole VerständnisundZuneigung die Richtung ihrer Reise vor. Sie verzog den Mund, auch wenn ihre Verärgerung über dieses nicht abgesprochene Vorpreschen schon fast wieder verflogen war. Bis zum März war noch mehr als genug Zeit, um dem jungen Mann gehörig den Kopf zu waschen.

Und überhaupt war die Reise nach Moskau zurzeit ihr geringstes Problem.

Grübelnd wanderte ihr Blick auf den vor ihr liegenden Bericht des Bundeskriminalamts, den sie bereits zweimal durchgegangen war. Es handelte sich um ein Dokument der Hilflosigkeit, wie sie es noch nie zuvor vorgelegt bekommen hatte. Der Polizeibericht bezog sich auf die Überwachung einer Wohnung in Berlin-Mitte, die nicht unweit ihrer eigenen lag. Das hundert Quadratmeter große Appartement befand sich in einer gehobenen Wohnanlage und war nach allen Regeln der Kunst verwanzt worden. Ungläubig hatte die Regierungschefin gelesen, dass jeder Raum mit drei winzigen über Funk gesteuerten Mikros überwacht wurde. Selbst der Balkon, das Treppenhaus und der Kellerbereich waren vor den Abhörspezialisten des BKA nicht sicher gewesen. Die Telefonüberwachung umfasste das Festnetz und die zwei Handys. Das Haus selbst wurde von einem vierköpfigen Team observiert, Ablösung alle sechs Stunden. Die Kanzlerin massierte sich die Schläfen. Dass kein Beamter unter dem Bett gelegen hatte, war alles.

Das Papier verzeichnete auf die Minute genau sämtliche Geschehnisse, die sich gestern Abend in der Wohnung zugetragen hatten. Es gab exakt zwei Eintragungen:

21:58: Ankunft der Rechtsanwältin

22:13: Duschgeräusche

Um 22.26 brach das Protokoll mit dem lapidaren Eintrag ab: Ende der Überwachungsmaßnahmen.

Bedächtig spreizte sie ihre Finger, drückte die Fingerkuppen ihrer Hände gegeneinander und ließ die Hände dann nach unten kippen. Sie betrachtete gedankenverloren das so entstandene umgedrehte Dreieck und stieß langsam den Atem aus.

Noch immer konnte sie es kaum glauben. Irgendjemand hatte dem BKA gegen 22 Uhr den Befehl erteilt, die Überwachung der Rechtsanwältin abzubrechen. Daraufhin waren die Polizisten vollständig abgezogen, und auch die elektronische Wohnungs- und Telefonüberwachung war unterbrochen worden.

Und selbst Stunden später war das BKA noch nicht einmal in der Lage, ihr zu melden, von wem die fatale Weisung stammte. Der Abzug des Überwachungsteams, so konstatierte der Verfasser des Berichts, erfolgte aufgrund einer mit der Staatsanwaltschaft abgestimmten Anordnung des Innenministeriums. Um genau 22:09 Uhr war die mysteriöse Meldung als vorschriftsmäßig codierte digitale Nachricht vom BKA-Computer empfangen, entschlüsselt und als dringliche Weisung für die Einsatzleitung identifiziert worden. Keine zwanzig Minuten nach dem Eingang der Anordnung über das BKA-Intranet hatten sich die Polizisten bereits vollständig zurückgezogen.

Eine Nachfrage beim Innenministerium am heutigen Morgen hatte ergeben, dass weder das Ministerium noch die Staatsanwaltschaft von der nächtlichen Weisung Kenntnis hatten. Gleich darauf waren die Computerfachleute des BKA angerückt und suchten seitdem vergeblich nach einem geheimnisvollen Hacker, der jedoch offenbar keine digitalen Spuren hinterlassen hatte. Andere Beamte fahndeten nach einem Maulwurf in den Reihen der Polizei oder des Ministeriums.

Alles bisher ergebnislos.

Ratlos schob sie das Dokument von sich, wobei ihr Blick auf das Bildnis der russischen Zarin Katharina der Großen fiel. Sie hatte den Stich mit ins Kanzleramt genommen, wo er nun ihren Schreibtisch zierte. Die machtbewusste deutsche Prinzessin, die ihren eigenen Ehemann, Zar Peter III., gestürzt hatte und so zu einer der mächtigsten Frauen Europas im achtzehnten Jahrhundert aufgestiegen war, war schon seit langem ihr großes Vorbild. Nie hätte sie sich vorstellen können, dass die Entscheidungen der Zarin einmal auch ihr eigenes Handeln bestimmen könnten. Geschichte wiederholt sich nicht, dachte sie, aber sie sendet offenkundig Grüße aus der Vergangenheit: überraschende, ironische und nicht selten zugleich äußerst bedrohliche.

Sie streifte die flachen Schuhe ab und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück in ihren Stuhl. Sie dachte an Parker. Was vor ein paar Tagen nur eine vage Idee gewesen war, könnte sich möglicherweise jetzt zu einem ernsthaften Plan auswachsen, einem Plan, der auf nichts anderem als Verzweiflung gründete. Falten bildeten sich auf der Stirn der deutschen Regierungschefin, als sie ihre Lider wieder öffnete.

Ihr abwesender Blick fiel auf die drei Schachfiguren, die sie im vorderen Teil des Raums vor dem Fenster hatte aufstellen lassen. Eine über einen Meter hohe weiße Dame, die von zwei Bauern begleitet wurde. Die Kanzlerin erhob sich von ihrem Lederstuhl und näherte sich auf Socken dem Wandschrank aus rötlich schimmerndem Mahagoniholz auf der anderen Seite des Büros. Sie öffnete eine Klappe, und zum Vorschein kam ein Schachspiel aus altem Eibenholz.

Ihr Vater hatte es ihr als Fünfjähriger geschenkt, und sie hatte sich seitdem nicht mehr davon getrennt. Selbst als sie als Jugendliche per Anhalterin durch den Kaukasus bis nach Tiflis gereist war, hatte sie die weißen und schwarzen Holzfiguren in ihrem Rucksack bei sich getragen.

Nachdenklich studierte sie die fein säuberlich aufgereihte Phalanx der weißen Bauern, die scheinbar nur auf ihren Befehl wartete, um loszuschlagen. Fast zärtlich berührte sie eine der Figuren, nahm sie auf und drehte sie in der Hand. Sie liebte dieses Spiel, bei dem die richtige Mischung aus Berechnung und Instinkt über Sieg oder Niederlage entschied.

Viele lange Nachmittage und Abende hatte ihr Vater sie geduldig in die Geheimnisse des uralten Spiels eingeweiht. Und sie war, wie immer in ihrem Leben, eine ausgezeichnete Schülerin gewesen.

Ein verschmitztes, kaum sichtbares Lächeln huschte erstmals an diesem Morgen über ihr Gesicht. Erinnerungen stiegen plötzlich auf, und sie sah das siebenjährige Mädchen vor sich, das sie einmal gewesen war und das mit weichen Knien und heißen Wangen versuchte, den Vater auf dem Schachbrett zu besiegen. Sie war in der Defensive, und die schwarzen Figuren des Vaters rückten unaufhörlich auf den weißen König zu. Aber einem ihrer Bauern war es gelungen, weit in die gegnerische Hälfte einzudringen. Der Vater hatte der schwachen Figur im heillosen Durcheinander ihrer hoffnungslosen Stellung keine Beachtung geschenkt, und sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und erst ihren letzten Läufer und dann noch einen mächtigen Turm geopfert, nur um ihren Bauern noch ein Feld weiter nach vorne ziehen zu können. Regungslos hatte sie mit halb geschlossenen Lidern auf das Schachbrett gestarrt, aus Angst, sich bei einem Blickkontakt mit ihrem Vater zu verraten.

Als der das drohende Unheil schließlich doch erkannte und versuchte, es mit hektischen Zügen abzuwenden, war es schon zu spät. Unaufhaltsam bahnte sich der weiße Bauer seinen Weg zur schwarzen Grundlinie.

Nie würde sie den Augenblick vergessen, als sie die vermeintlich unterlegene Spielfigur auf das Feld in der letzten Reihe setzte und sofort gegen eine mächtige Dame eintauschte. Vier Züge später gab ihr Vater auf.

Prüfend blickte sie nochmals auf die weiße Spielfigur in ihrer Hand und stellte sie dann entschlossen zurück auf das Brett. Der Damenbauer war nun zwei Felder nach vorne gerückt. Das Spiel hatte begonnen.

Kapitel 3

Nach dem Interview zogen die Sonnenstrahlen Parker auf die Straßen Berlins. An eine Rückkehr ins Adlon war nicht mehr zu denken.

Ohne besonderes Ziel ließ er sich im Strom der Leute treiben. Gemächlich schlenderte er den Prachtboulevard Unter den Linden hinauf, passierte die für ihre pompösen Empfänge berüchtigte Russische Botschaft und kurz darauf die Humboldt-Universität, an der er schon einige Gastvorlesungen gehalten hatte. Die alte Residenz des Preußenkönigs Friedrich II., das spätklassizistische Kronprinzenpalais, ließ er links liegen und lief geradewegs auf den Berliner Dom zu. Das Rote Rathaus und der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz leuchteten im Morgenlicht.

Er überquerte den Seitenarm der Spree und gelangte auf die Museumsinsel, wo ihn das Alte Museum mit seiner gewaltigen Säulenfront in seinen Bann schlug.

Von außen nicht erkennbar, hielt es in seinem Inneren eine bauliche Glanzleistung bereit, die auf ihn eine spürbare Anziehungskraft ausübte: die Rotunde, deren Wände mit vierundzwanzig korinthischen Säulen umgeben waren und über der sich eine mehr als zwanzig Meter hohe Kuppel wölbte. Das architektonische Kleinod hatte einige dazu verleitet, vom schönsten Pantheon zu sprechen, das Schinkel je erbaut hatte.

Er näherte sich der weitläufigen Freitreppe, hinter der die Preußische Antikensammlung und vorübergehend auch die Sammlung des Ägyptischen Museums mit der weltbekannten Büste der Nofretete untergebracht waren.

Die berühmte Ägypterin ließ ihn zum zweiten Mal an diesem Morgen an Anne denken.

Vor einigen Jahren hatte er gemeinsam mit Anne der hübschen Gattin des Pharaos Tutenchamun einen Besuch in ihrem damaligen Domizil, dem Ägyptischen Museum in Charlottenburg, abgestattet.

»O Nafteta! Wann wirst du endlich zu deinem Volk zurückkehren dürfen?«, hatte Anne damals theatralisch ausgerufen und dabei die alte Aussprache des Namens mehr oder minder richtig nachgeahmt. »Wäre ich doch nur deine Anwältin!«