Cop Town - Stadt der Angst - Karin Slaughter - E-Book
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Beschreibung

Eine Stadt in Angst. Ein Killer, der Cops tötet. Zwei Frauen, die ihren Mann stehen.

Atlanta, 1974: Kate Murphy fürchtet, dass ihr erster Tag beim Police Department gleichzeitig ihr letzter sein könnte. Denn ein Killer terrorisiert die Stadt – seine Opfer sind ausschließlich Cops. Und als würde das nicht reichen, machen auch Kates männliche Kollegen ihr den Job zur Hölle: Eine weibliche Polizistin zählt in ihren Augen keinen Cent. Zum Glück ist Kate nicht allein. Auch ihre Partnerin Maggie Lawson spürt, wie die Stimmung unter den männlichen Kollegen kippt. Ihnen ist jedes Mittel recht, um den Killer zur Strecke zu bringen. Und plötzlich befindet sich Atlanta im Ausnahmezustand – denn die Cops beginnen eine brutale Menschenjagd und werden so gefährlich wie der Killer selbst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:693


KARIN SLAUGHTER

COP TOWN

STADT DER ANGST

THRILLER

DEUTSCH VON KLAUS BERR

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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Cop Town«

bei Delacorte Press, an imprint of The Random House Publishing Group,

a division of Random House, Inc., New York.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Karin Slaughter

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

Redaktion: Leena Flegler

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Karte: Karin Slaughter Publishing, LLC.

ISBN 978-3-641-16297-9

www.blanvalet-verlag.de

1

Maggie Lawson war oben in ihrem Zimmer, als sie in der Küche das Telefon klingeln hörte. Sie sah auf die Uhr. Dass so früh am Morgen das Telefon klingelte, konnte nichts Gutes bedeuten. Küchengeräusche drangen übers Treppenhaus hinauf: ein Klacken, als der Hörer von der Gabel genommen wurde. Das leise Murmeln ihrer Mutter. Das scharfe Klatschen der Telefonschnur auf dem Boden, als sie in der Küche hin und her ging.

Zahlreiche graue Streifen auf dem Linoleum zeugten von den unzähligen Malen, da Delia Lawson in der Küche auf und ab gegangen war, um sich schlechte Nachrichten anzuhören.

Das Gespräch dauerte nicht lange. Delia legte auf. Das laute Klacken hallte bis zu den Dachsparren hoch. Maggie kannte jedes Geräusch, das dieses alte Haus von sich gab. Sogar in ihrem Zimmer konnte sie die Bewegungen ihrer Mutter durch die Küche verfolgen: das Öffnen und Schließen der Kühlschranktür. Eine Schranktür, die zufiel. Eier, die in eine Schüssel geschlagen wurden. Das Ratschen des Bic-Feuerzeugs, wenn ihre Mutter sich eine Zigarette anzündete.

Maggie wusste, wie es gleich ablaufen würde. Delia hatte Schlechte-Nachrichten-Blackjack gespielt, solange Maggie zurückdenken konnte. Eine Weile würde sie noch an sich halten, aber dann – heute Abend, morgen, vielleicht auch erst in einer Woche – würde sie einen Streit mit Maggie vom Zaun brechen, sobald Maggie den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern, und würde die Karten auf den Tisch legen: Die Stromrechnung sei überfällig, ihre Schichten im Diner seien eingedampft worden, das Auto brauche ein neues Getriebe, und doch mache Maggie alles nur noch schlimmer, indem sie dauernd widersprach, und ob sie ihrer Mutter denn nicht um Himmels willen mal eine Verschnaufpause gönne.

Überreizt. Die Bank gewinnt.

Maggie klappte das quietschende Bügelbrett zusammen. Vorsichtig ging sie um die Stapel mit zusammengelegter Wäsche herum. Sie war seit fünf Uhr wach und hatte die Wäsche der gesamten Familie gebügelt. Sisyphos im Morgenmantel. Sie alle trugen Uniformen der einen oder anderen Art. Lilly trug in der Schule grün und blau karierte Röcke und gelbe Button-down-Blusen; Jimmy und Maggie die dunkelblauen Hosen und langärmeligen Hemden des Atlanta Police Departments; Delia die Polyesterkittel aus dem Diner. Und sie alle kamen nach Hause und zogen normale Kleidung an, was bedeutete, dass Maggie nicht vier, sondern acht Garnituren waschen und bügeln musste.

Sie beklagte sich nur, wenn niemand sie hören konnte.

Aus Lillys Zimmer kam ein Kratzen. Sie hatte die Tonabnehmernadel auf eine Schallplatte gesetzt. Maggie knirschte mit den Zähnen. Tapestry. Das Album spielte Lilly unaufhörlich.

Es war noch nicht lange her, dass Maggie Lilly beim Anziehen für die Schule geholfen hatte. Abends hatten sie gemeinsam im Brides-Magazin geblättert und Fotos für ihre Traumhochzeiten ausgeschnitten. Doch das war gewesen, bevor Lilly dreizehn geworden und vollends in das Lebensgefühl dieser Songs eingetaucht war.

Sie wartete darauf, dass Jimmy an die Wand hämmerte und zu Lilly hinüberbellte, sie solle diese Scheiße abstellen, aber dann fiel ihr wieder ein, dass ihr Bruder Nachtschicht gehabt hatte. Maggie warf einen Blick aus dem Fenster. Jimmys Auto stand nicht in der Einfahrt. Ungewöhnlich. Auch der Transporter des Nachbarn war nicht da. Sie fragte sich, ob auch er neuerdings Nachtschichten einlegte. Und dann tadelte sie sich dafür, weil es sie nichts anging, was der Nachbar trieb.

Eigentlich könnte sie jetzt gleich zum Frühstück hinuntergehen. Maggie zog sich die Schaumstoff-Lockenwickler aus den Haaren, während sie die Treppe hinabstieg. Genau in der Mitte blieb sie stehen. Der akustische Ruhepunkt. Kein Tapestry mehr und auch aus der Küche keine Geräusche. Wenn Maggie den richtigen Punkt erwischte, um stehen zu bleiben, war dort manchmal eine ganze Minute lang Stille. Tagsüber würde es keinen Moment mehr geben, an dem sie sich so völlig ungestört fühlte.

Sie atmete tief ein und dann langsam wieder aus, ehe sie die restlichen Stufen hinabstieg.

Das alte viktorianische Haus war irgendwann einmal prächtig gewesen, doch jetzt war keine Spur seiner früheren Herrlichkeit mehr zu sehen. Teile der Außenverkleidung waren einfach verschwunden. Verfaultes Holz hing von den Giebeln wie Fledermäuse. Die Fenster klirrten selbst in der sanftesten Brise. Regen schickte Sturzbäche durch den Keller. Wegen schlampiger Installationsarbeiten und schlechter Sicherungen gab es im ganzen Haus keine einzige Steckdose, die nicht einen schwarzen Schattenrand aufwies.

Obwohl es Winter war, war es schwül in der Küche. Zu jeder Jahreszeit roch es dort nach gebratenem Speck und Zigaretten. Die Quelle für beides stand gegenüber am Herd. Mit krummem Rücken befüllte Delia die Kaffeemaschine. Wenn Maggie an ihre Mutter dachte, sah sie immer diese Küche vor sich – die ausgebleichten avocadogrünen Einbauschränke, das rissige gelbe Linoleum am Boden, die schwarz verkohlten Grate auf der laminierten Tischplatte, wo ihr Vater seine Zigaretten abgelegt hatte.

Wie immer war Delia schon vor Maggie aufgestanden. Keiner wusste, was Delia in diesen frühen Morgenstunden eigentlich tat. Wahrscheinlich Gott verfluchen, weil sie schon wieder im selben Haus zu denselben Problemen aufgewacht war. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz: Man ging nicht nach unten, ehe man hörte, dass Eier in der Schüssel verquirlt wurden. Delia bereitete immer ein großes Frühstück zu – ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit während der Depression, als das Frühstück schlechtestenfalls die einzige Mahlzeit des Tages bleiben konnte.

»Lilly schon wach?« Delia hatte sich nicht mal umgedreht, aber sie wusste genau, dass Maggie hinter ihr stand.

»Im Moment schon.« Dann machte sie ihrer Mutter das gleiche Angebot wie jeden Morgen: »Kann ich was tun?«

»Nein.« Delia stocherte mit einer Gabel im Speck. »Die Einfahrt nebenan ist leer.«

Maggie warf einen Blick aus dem Fenster und tat so, als wüsste sie nicht bereits, dass Lee Grants Transporter nicht an seinem gewohnten Platz stand.

»Das fehlt gerade noch, dass in dem Haus zu jeder Tages- und Nachtzeit Mädchen ein und aus gehen. Wieder mal.«

Maggie lehnte sich an die Arbeitsfläche. Delia sah erschöpft aus. Nicht einmal ihre strähnigen braunen Haare konnten sich in dem Nest oben auf ihrem Kopf halten. Sie alle schoben Zusatzschichten, damit sie sich die Privatschule für Lilly leisten konnten. Keiner wollte, dass sie mit dem Bus quer durch die Stadt ins Getto fahren musste. Bis Lilly ihren Abschluss machte, hatten sie noch vier Jahre Schulgeld, Bücher und Uniformen vor sich. Maggie war sich nicht sicher, ob ihre Mutter so lang durchhalten würde.

Als Kind hatte Delia mit ansehen müssen, wie sich ihr Vater in den Kopf geschossen hatte, nachdem er den Familienbetrieb hatte schließen müssen. Ihre Mutter hatte sich auf einer gepachteten Farm in ein frühes Grab geschuftet. Sie hatte beide Brüder durch Kinderlähmung verloren. Sie dachte wohl, sie hätte das große Los gezogen, als sie Hank Lawson heiratete: Er trug einen Anzug, hatte einen guten Job und ein schönes Auto. Doch dann war er so verstört aus Okinawa zurückgekehrt, dass er seitdem mehr Zeit in der staatlichen Heilanstalt als außerhalb verbracht hatte.

Maggie wusste nicht viel über ihren Vater. Offensichtlich hatte er zwischen den Krankenhausaufenthalten immer wieder versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Nach Lillys Geburt hatte er eine Schaukel im hinteren Teil des Gartens aufgestellt. Einmal hatte er in der Eisenwarenhandlung einen Eimer grauer Farbe im Sonderangebot gefunden und dann sechsunddreißig Stunden durchgearbeitet, bis jedes Zimmer im Haus die Farbe eines Flugzeugträgers hatte. An den Wochenenden hatte er so lange den Rasen gemäht, wie er für ein Sixpack Schlitz gebraucht hatte, und den Mäher dann genau dort stehen lassen, wo ihm das Bier ausgegangen war. Als es einmal geschneit und Maggie eine Halsentzündung gehabt hatte, hatte er ihr in einer Tupperware-Dose Schnee gebracht, sodass sie im Bad damit spielen konnte.

»Um Himmels willen, Maggie!« Delia schlug mit der Gabel gegen die Bratpfanne. »Kannst du dich nicht irgendwie beschäftigen?«

Maggie nahm einen Stapel Teller und Besteck von der Anrichte und trug alles ins Esszimmer. Lilly saß bereits am Tisch. Sie hatte den Kopf über ein Schulbuch gebeugt, was in Maggies Augen ein Wunder war. Das vergangene Jahr war weniger dem Erblühen einer Dreizehnjährigen zur Frau gleichgekommen als einem permanenten Vorsprechen für den Exorzisten.

Trotzdem wollte Maggie ihre kleine Schwester nicht einfach abschreiben. »Gut geschlafen?«

»Super.« Lilly legte zum Gruß an die Buchseite Daumen und Zeigefinger an die Stirn. Ihr Haar war zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengefasst. Es war kastanienbraun – irgendwo zwischen Delias Mausbraun und Maggies dunklerer Tönung.

»Super klingt gut.« Maggie stellte einen Teller neben Lillys Ellbogen und stupste sie mit dem Oberschenkel an. »Was liest du?« Sie stieß sie ein zweites Mal an. Und noch einmal. Als Lilly nicht reagierte, sang sie die ersten Zeilen von I Feel the Earth Move und akzentuierte jede Pause mit einem weiteren Stupser.

»Lass das …« Lilly ließ den Kopf noch tiefer sinken. Ihre Nasenspitze berührte inzwischen fast das Buch.

Maggie beugte sich über den Tisch, um auch die andere Seite einzudecken. Dabei warf sie Lilly einen Seitenblick zu. Sie hatte, seit Maggie hereingekommen war, ein und denselben Punkt auf der Seite angestarrt.

»Schau mich an.«

»Ich lese.«

»Schau mich an!«

»Ich hab eine Prüfung.«

»Du hast schon wieder mein Make-up geklaut.«

Lilly hob den Kopf. Ihre Augen waren schwarz umrandet wie die von Kleopatra.

»Schwesterlein«, sagte Maggie leise, »du bist schön. Du brauchst dieses Zeug nicht.«

Lilly verdrehte die Augen.

Maggie versuchte es noch einmal. »Du verstehst nicht, welche Signale du den Jungs gibst, wenn du dich schon in deinem Alter schminkst.«

»Du musst es ja wissen.«

Maggie stützte die Hand auf den Tisch. Sie fragte sich, wann ihre kleine Schwester angefangen hatte, so spitzzüngig zu sein.

Die Küchentür ging auf. Delia trug Platten voller Pfannkuchen, Eier, Speck und getoasteter Brötchen herein. »Du hast zwei Sekunden, um dir diesen Scheiß abzuwaschen, dann hole ich den Gürtel deines Vaters.«

Lilly stürzte aus dem Zimmer, und Delia stellte eine Platte nach der anderen auf den Tisch.

»Da siehst du, was du ihr beibringst.«

»Warum bin ich …«

»Halt den Mund.« Delia zog ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Schürze. »Du bist zweiundzwanzig Jahre alt, Margaret. Warum habe ich eigentlich den Eindruck, dass ich immer noch mit zwei Teenagern unter einem Dach lebe?«

»Dreiundzwanzig«, war alles, was Maggie hervorbrachte.

Delia zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch durch die Zähne. »Dreiundzwanzig«, wiederholte sie. »In deinem Alter war ich bereits verheiratet und hatte zwei Kinder.«

Maggie verkniff es sich, ihre Mutter zu fragen, wie gut das wohl für sie gelaufen war.

Delia zupfte sich einen Tabakbrösel von der Zunge. »Dieses Emanzipationszeugs funktioniert für reiche Mädchen, aber du hast nichts anderes vorzuweisen als dein Gesicht und deine Figur. Nutz beides, bevor’s verloren geht.«

Maggie presste die Lippen zusammen. Sie stellte sich eine große Kiste verloren gegangener Dinge ganz hinten in einem Lagerraum vor, angefüllt mit den Gesichtern und Figuren dreißigjähriger Frauen.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

»Mama …« Maggie bemühte sich um einen sachlichen Ton. »Ich mag meine Arbeit.«

»Muss schön sein zu tun, was man mag.« Delia hob die Zigarette an die Lippen, nahm einen tiefen Zug und hielt den Rauch für einen Moment in der Lunge. Schaute zur Decke empor. Schüttelte den Kopf.

Maggie ahnte, dass es früher kommen würde, als sie angenommen hatte. Ihre Mutter mischte bereits die Karten und würde gleich die Schlechte-Nachrichten-Karte ausspielen: Warum wirfst du dein Leben weg? Geh in die Schwesternschule. Such dir einen Teilzeitjob als Sekretärin. Irgendeine Arbeit, bei der du einen Mann findest, der dich nicht für eine Hure hält.

Doch stattdessen sagte Delia: »Don Wesley wurde heute Morgen umgebracht.«

Maggies Hand schnellte an ihre Brust. Es fühlte sich an, als wäre ein Kolibri unter ihren Fingern gefangen.

»Kopfschuss. Starb zwei Sekunden, nachdem er ins Krankenhaus kam.«

»Ist Jimmy …«

»Glaubst du, ich würde jetzt hier stehen und über Don Wesley reden, wenn Jimmy was passiert wäre?«

Maggie holte tief Luft und hustete sie dann wieder aus. Das Zimmer war voll mit Rauch und Küchendämpfen. Am liebsten hätte sie das Fenster aufgerissen, aber ihr Vater hatte sie alle mit Lack versiegelt.

»Wie ist es …« Maggie fiel es schwer, die Frage auszusprechen. »Wie ist es passiert?«

»Ich bin doch nur die Mutter. Glaubst du allen Ernstes, die sagen mir irgendwas?«

»Die«, murmelte Maggie. Ihr Onkel Terry und seine Freunde. Im Vergleich zu ihnen war Delia geradezu mitteilsam. Zum Glück gab es eine Alternative. Maggie streckte sich nach der Stereoanlage, um das Radio einzuschalten.

»Nicht.« Delia hielt sie zurück. »In den Nachrichten erfahren wir nichts, was wir nicht bereits wüssten.«

»Was wissen wir denn?«

»Lass jetzt gut sein, Margaret.« Delia klopfte ein bisschen Asche von ihrer Zigarette in die hohle Hand. »Jimmy ist in Sicherheit. Alles andere ist unwichtig. Und du sei nett zu ihm, wenn er nach Hause kommt.«

»Natürlich bin ich …«

In der Einfahrt knallte eine Tür. Die Fensterscheiben klirrten. Maggie hielt die Luft an, weil das einfacher war, als zu atmen. Ein Teil von ihr hoffte, es wäre ihr Nachbar, der gerade nach Hause gekommen war. Doch dann polterten Schuhe durch den Carport und zur rückwärtigen Treppe hinauf. Die Küchentür ging auf – und nicht mehr zu.

Dass es ihr Onkel Terry war, wusste sie, bevor sie ihn sah. Er machte nie die Tür hinter sich zu. Die Küche war für ihn ein Nicht-Raum – eins der Dinge, die wichtig für Frauen waren, die Männer aber nichts angingen. Wie Monatsbinden oder Liebesromane.

Obwohl der Tag kaum angefangen hatte, stank Terry Lawson nach Alkohol. Maggie konnte es quer durchs Zimmer riechen. Schwankend stand er in der Esszimmertür. Er trug die Uniform eines Police Sergeant, aber sein Hemd war aufgeknöpft. Ein weißes Unterhemd lugte darunter hervor. Aus dem Ausschnitt quollen Haarbüschel. Er sah aus, als hätte er mit einer Flasche Jack Daniel’s zwischen den Knien in seinem Auto geschlafen. Und dort war er wahrscheinlich auch gewesen, als er über Funk die Nachricht von Don Wesley erhalten hatte.

»Setz dich«, sagte Delia. »Du siehst fix und fertig aus.«

Terry rieb sich den Unterkiefer, während er seine Nichte und seine Schwägerin musterte. »Jimmy ist unterwegs. Mack und Bud kümmern sich um ihn.«

»Geht es ihm gut?«, fragte Maggie.

»Natürlich geht es ihm gut. Werd nicht gleich hysterisch.«

Plötzlich wollte Maggie nichts lieber, als hysterisch zu werden. »Du hättest mich anrufen sollen!«

»Wozu?«

Maggie war verblüfft. Es war wohl völlig egal, dass Jimmy ihr Bruder und Don Wesley sein Freund gewesen war. Und auch sie war Polizistin. Man ging ins Krankenhaus, wenn ein Kollege dort landete. Man spendete Blut. Man hoffte auf gute Nachrichten. Man tröstete Angehörige. Das alles gehörte ebenfalls zum Job. »Ich hätte dort sein …«

»Wozu?«, fragte er erneut. »Die Krankenschwestern haben uns Kaffee gebracht. Und du stehst sowieso immer nur allen im Weg.« Er nickte Delia zu. »Übrigens könnt ich eine Tasse vertragen.«

Delia zog sich in die Küche zurück, und Maggie setzte sich. Sie war immer noch ganz benommen von der Nachricht. Sie konnte den Gedanken kaum ertragen, dass der einzige Weg, an Antworten zu kommen, über Terry führte.

»Wie ist es passiert?«

»Genau, wie es immer passiert.« Terry setzte sich auf den Stuhl am Kopfende des Tisches. »Irgendein Nigger hat ihn erschossen.«

»War es der Shooter?«

»Shooter«, grummelte er. »Schalt dein Hirn ein, bevor du redest.«

»Onkel Terry!« Lilly kam ins Zimmer gestürmt. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und küsste ihn auf die Wange. Bei Terry benahm sie sich immer noch, als wäre sie ein kleines Mädchen.

»Jimmy geht es gut«, eröffnete Maggie ihr, »aber Don Wesley wurde heute Morgen umgebracht.«

Terry tätschelte Lilly den Arm, während er Maggie scharf ansah. »Ich und die Jungs hängen diesen Mistkerl auf. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«

»Niemand macht sich Sorgen.« Delia kam mit Terrys Kaffee zurück. Sie stellte den Becher auf den Tisch und gab ihm die Zeitung. »Cal und die anderen sind in Ordnung?«

»Natürlich sind sie das. Alle sind in Ordnung.« Terry schlug die Zeitung auf. Die Atlanta Constitution war offensichtlich noch vor dem Mord an Don Wesley in Druck gegangen. In der Titelgeschichte ging es um die strukturellen Veränderungen, die der neue – schwarze – Bürgermeister im Rathaus anstrebte.

»Mit Don sind es jetzt fünf Opfer.«

»Maggie!«, fauchte Delia, die schon wieder auf dem Weg in die Küche war. »Geh deinem Onkel nicht auf die Nerven.«

Doch Maggie tat, als hätte sie die Warnung nicht gehört. »Es ist der Shooter.«

Terry schüttelte bloß den Kopf.

»Sie wurden hinterrücks überfallen. Es muss …«

»Iss dein Frühstück«, sagte er. »Wenn du mit zur Arbeit fahren willst, solltest du fertig sein, wenn ich es bin.«

Lilly hatte immer noch den Arm um Terrys Schultern gelegt. Ihre Stimme klang unfassbar jung, als sie fragte: »Sind die anderen auch in Gefahr, Onkel Terry?«

»Das hier ist immer noch eine Cop Town, meine Süße – eine Stadt der Polizisten. Noch haben die Affen aus dem Zoo hier nicht das Sagen.« Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern. »Na, komm, iss was.«

Lilly stritt sich nie mit Terry. Sie setzte sich und stocherte in ihrem Frühstück herum.

Terry nahm die Zeitung wieder auf und blätterte um. Maggie sah nur den oberen Teil seines Kopfes, den Bürstenhaarschnitt, der seinen zurückweichenden Haaransatz betonte. Er brauchte eine Brille. Mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen versuchte er, die Footballergebnisse zu entziffern.

Aus der Küche drang lautes statisches Knistern. Jimmys altes Transistorradio. Die Stimme eines Nachrichtensprechers kam blechern aus dem Lautsprecher. »… Berichte über einen weiteren Beamten, der in Ausübung seiner Pflicht getötet …« Die Stimme verklang. Delia hatte das Radio leiser gedreht.

Maggie war klar, dass ihre Mutter in einer Hinsicht recht hatte: Sie brauchten die Nachrichten nicht, um zu erfahren, was sie bereits wussten. In den vergangenen drei Monaten waren mehrere Streifenpolizisten in den frühen Morgenstunden im Innenstadtbezirk von Five Points ermordet worden. Sie waren zu zweit unterwegs gewesen – niemand patrouillierte dort je allein. Die ersten beiden waren in einer Gasse gefunden worden. Man hatte sie gezwungen, sich hinzuknien, und sie dann mit je einer Kugel in den Kopf regelrecht hingerichtet. Die anderen beiden waren hinter dem Lieferanteneingang des Portman Motel gefunden worden. Die gleiche Vorgehensweise. Der gleiche Mangel an Spuren. Keine Zeugen. Keine Patronenhülsen. Keine Fingerabdrücke. Keine Verdächtigen.

Auf dem Revier hatte man angefangen, den Mörder »Atlanta Shooter« zu nennen.

»Ich hab eine frische Kanne aufgesetzt«, sagte Delia und setzte sich ebenfalls, auch wenn sie selten lange sitzen blieb. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl um und sah Terry an – was sie normalerweise ebenso selten tat. »Sag mir, was wirklich passiert ist, Terrance.«

Terrance. Der Name hing zwischen Zigarettenrauch und Speckdunst in der Luft.

Terry ließ sich seinen Widerwillen deutlich anmerken. Er seufzte, faltete die Zeitung methodisch zusammen und legte sie sorgsam auf den Tisch. Er richtete sie sogar an der Tischkante aus. Dann deutete er, anstatt Delias Frage zu beantworten, mit der Hand eine Pistole an und hielt sie sich seitlich ans Gesicht. Niemand sagte etwas – bis er den imaginären Abzug betätigte.

»Oh Scheiße«, flüsterte Lilly.

Sie wurde nicht einmal dafür getadelt.

»Jimmy konnte nichts tun«, hob Terry an. »Er ist mit Don über der Schulter zwanzig Blocks weit gelaufen, hat ihn ins Krankenhaus geschafft – aber da war es schon zu spät.«

Eine so lange Strecke – mit seinem kaputten Knie!, dachte Maggie. »Aber er wurde nicht …«

»Jimmy geht’s gut.« Terry klang, als könnte er ihre Fragen nur mit viel Geduld ertragen. »Was er jetzt wirklich nicht braucht, ist ein Stall voll aufgescheuchter Hühner, die kreischend um ihn herumlaufen.« Damit schlug er die Zeitung wieder auf und vergrub die Nase zwischen den Seiten.

Er hatte Delias Frage nicht wirklich beantwortet. Er hatte ihnen nur das Nötigste gesagt; wahrscheinlich nur das, was auch im Radio kommen würde. Terry wusste genau, was er ihnen damit antat. Er war im Krieg bei den Marines gewesen. Seine Einheit war spezialisiert gewesen auf psychologische Kriegsführung. Er spannte sie auf die Folter, weil er es nun mal konnte.

Anstatt in die Küche zurückzukehren, zog Delia ein Päckchen Kools aus der Schürzentasche und klopfte eine Zigarette heraus. Nachdem sie sie angezündet hatte, wirkte sie ein wenig ruhiger. Rauch stieg ihr aus der Nase. Die Falten in Delias Gesicht kamen samt und sonders vom Rauchen – die Furchen wie Krepppapier um ihren Mund, das schlaffe Kinn, die tiefen Einkerbungen zwischen den Augenbrauen. Sogar die grauen Strähnen in ihrem Haar hatten die Farbe des Rauchs, der von ihren Kools aufstieg. Sie war fünfundvierzig Jahre alt. An einem guten Tag sah sie aus wie sechzig. Im Augenblick wirkte sie doppelt so alt, als stünde sie bereits mit einem Bein im Grab.

Wo Don Wesley bald liegen würde.

Maggie wusste, dass der Partner ihres Bruders Infanterist gewesen und gerade erst aus Vietnam zurückgekehrt war und seither nichts mehr hatte tun wollen, wozu er keine Waffe hätte tragen dürfen. Seine Familie stammte aus dem südlichen Alabama. Er wohnte zur Miete in einer Wohnung an der Piedmont Avenue. Er fuhr einen burgunderfarbenen Chevrolet Chevelle. Er hatte eine Freundin – ein indianisches Blumenkind, die von »dem Mann« sprach und sich nicht beklagte, wenn Don sie verprügelte, weil er im Dschungel so viel Scheiße mit angesehen hatte.

Doch nichts von alledem war jetzt noch wichtig. Denn Don war tot.

Terry knallte seinen Becher auf den Tisch. Kaffee spritzte auf das weiße Tischtuch. »Ist da auch was für mich dabei?«

Delia sprang auf, nahm einen Teller und belud ihn mit Essen, obwohl Terry am Morgen normalerweise viel zu verkatert war, um irgendetwas hinunterzubringen.

Dann stellte sie den Teller vor ihn hin. Ihre Stimme klang beinahe flehend, als sie sagte: »Terry, bitte. Sag mir einfach, was passiert ist, okay? Ich muss es wissen.«

Terry sah erst Maggie an und dann auf seinen halb leeren Becher hinab.

Sie gestattete sich ein hörbares Seufzen, ehe sie aufstand, um ihm frischen Kaffee zu holen. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, fing Terry an zu reden.

»Gegen Ende ihrer Schicht ging es wohl ziemlich ruhig zu. Dann wurde ihnen ein Vierundvierziger an der Whitehall in Five Points durchgegeben – das ist ein potenzieller Raubüberfall.« Provozierend sah er zu Maggie auf, als sie wieder hereinkam – als würde sie nicht bereits seit fünf Jahren hinter dem Steuer eines Streifenwagens sitzen. »Sie kommen zu der Adresse, überprüfen sie. Vorder- und Hintertür sind verschlossen. Sie geben über Funk Entwarnung. Und dann …« Er zuckte mit den Schultern. »Ein Kerl kommt um die Ecke, schießt Don in den Kopf und haut wieder ab. Den Rest kennt ihr. Jimmy hat alles getan, was er konnte. Hat halt nicht gereicht.«

»Der arme Jimmy«, murmelte Lilly.

»Was heißt da arm?«, entgegnete Terry. »Jimmy Lawson kann gut auf sich selber aufpassen. Kapiert?«

Lilly nickte bloß.

»Denkt an meine Worte.« Terry deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Zeitung. »Das hier ist schlicht und einfach ein Rassenkrieg. Davon liest man nichts in der Zeitung oder hört es im Radio – aber wir sehen es auf den Straßen. Es ist genau, wie ich vor zehn Jahren gesagt habe: Gib ihnen ein bisschen Macht, und sie stürzen sich auf dich wie tollwütige Hunde. Die Macht wieder übernehmen – das ist jetzt unsere Pflicht.«

Maggie lehnte sich mit der Schulter an den Türstock. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Sie hatte dieses Gerede schon so oft gehört, dass sie es mit Terry im Duett hätte singen können. Er verabscheute alles und jeden – die Minderheiten, die seit Kurzem angeblich das Sagen in der Stadt hatten, und die Verräter, die ihnen zu dieser Macht verholfen hatten. Wenn man sie lassen würde, dann würden Terry und seine Kumpels ein Loch bis China graben und sie alle hineinwerfen.

»Wer hat denn den Vierundvierziger gemeldet?« Maggie stutzte kurz, bis ihr klar wurde, dass die Frage aus ihrem eigenen Mund gekommen war. Aber die Frage war durchaus berechtigt. »Wer hat diesen vermeintlichen Raubüberfall gemeldet?«

Terry schlug die Zeitung wieder auf und knickte den Rücken zu einer scharfen Falte.

Delia stand auf. Sie berührte Maggie flüchtig am Arm, bevor sie in die Küche zurückging. Lilly starrte auf die Eier hinab, die auf ihrem Teller kalt geworden waren, und Maggie setzte sich auf den Stuhl, den ihre Mutter soeben geräumt hatte. Sie nahm sich Kaffee, brachte aber keinen Schluck hinunter.

Jimmy und Don waren aufgrund einer Überfallmeldung nach Five Points gefahren. Das Herz von Downtown und Knotenpunkt für das gesamte Straßensystem. Standort des ersten Wasserwerks von Atlanta und Rotlichtbezirk seit der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Fünf Straßen stießen dort zusammen: Peachtree, Whitehall, Decatur, Marietta und Edgewood. Die Kreuzung lag in der Nähe einer staatlichen Universität und nicht weit entfernt vom Sozialamt, wo tagtäglich Frauen um den ganzen Block herum anstanden, um ihre Sozialhilfeschecks abzuholen. Viele von ihnen kamen nachts zurück in die Gegend, wenn die Lichter in den Wolkenkratzern bereits ausgeschaltet und die einzigen Männer, die sich dort noch herumtrieben, diejenigen waren, die für ein bisschen Gesellschaft willens waren zu zahlen.

Maggie konnte sich bildhaft vorstellen, wie das Polizeikorps auf den Mord an Don reagieren würde. In der ganzen Stadt würde mit äußerster Härte durchgegriffen werden. Das Gefängnis würde jede Nacht voll sein. Freier würden sich nicht mehr auf die Straße trauen – und das war schlecht fürs Geschäft. Jeder prahlte damit, dass er niemals mit den Bullen reden würde, aber kaum liefen die Geschäfte nicht mehr, kamen die Informanten gerannt.

Zumindest lief es normalerweise so ab. Seit den Shooter-Fällen sah es allerdings anders aus. Jedes Mal war die gesamte Truppe mobilisiert worden, um die Stadt dichtzumachen, doch irgendwann war die Energie wieder verpufft, die Spitzel kamen nicht mehr, und auf den Straßen liefen die Geschäfte wieder normal, während sie alle darauf warteten, dass der nächste Polizist ermordet wurde.

Das war nicht nur fatalistisch anzusehen; die Siebziger hatten sich bereits jetzt als verdammt schlechtes Jahrzehnt für Polizeibeamte erwiesen. Atlanta hatte mehr Verluste zu beklagen als fast alle anderen Städte. In den letzten zwei Jahren hatte man fünf Polizistenmörder gefasst, doch nur einer hatte je einen Gerichtssaal von innen gesehen. Die anderen hatten Unfälle gehabt, bevor ihnen der Prozess gemacht werden konnte – einer hatte sich seiner Verhaftung widersetzt und war im Koma gelandet, ein anderer war im Untersuchungsgefängnis mit einer Klinge in der Niere aufgewacht, und die beiden anderen waren mit normalen Magenbeschwerden ins Grady Hospital gekommen und hatten das Krankenhaus in Leichensäcken wieder verlassen.

Der Fünfte war aus dem Gerichtssaal als freier Mann hinausspaziert. Es gab in der Stadt keinen Polizisten, der nicht ausspuckte, wenn die Rede darauf kam. Jene Geschichte und dann auch noch die mögliche weitere Kerbe im Waffengürtel des Atlanta Shooter – und der heutige Tag würde ein sehr, sehr schlechter werden für jeden, der auf der falschen Seite des Gesetzes stand.

Terry räusperte sich. Er starrte wieder auf seinen leeren Becher hinab.

Maggie goss ihm Kaffee nach und stellte die Kanne zurück auf den Tisch. Sie richtete Messer und Gabel auf ihrem Teller gerade. Sie drehte den Griff ihres Bechers nach links, dann nach rechts.

Terry sah sie verdrossen an. »Hast du irgendwas zu sagen, Prinzessin?«

»Nein«, sagte Maggie, aber dann redete sie doch. »Was war mit ihrem Auto?« Jimmy und Don waren in einem Streifenwagen unterwegs gewesen. In der Nachtschicht ging kein Mensch zu Fuß auf Patrouille. »Warum hat Jimmy ihn getragen? Warum hat er ihn nicht …«

»Die Reifen waren zerstochen.«

Maggie runzelte die Stirn. »Diese vier anderen Kollegen – wurden bei denen auch die Reifen zerstochen?«

»Nein.«

Sie versuchte, sich den Ablauf vor Augen zu führen. »Irgendjemand meldet also einen Überfall, sticht dann ihre Reifen auf, erschießt Don und rührt Jimmy nicht an?«

Terry schüttelte den Kopf, ohne von der Zeitung aufzusehen. »Überlass das den Detectives, Süße.«

»Aber …« Maggie wollte nicht lockerlassen. »Der Shooter ändert seine Vorgehensweise. Oder aber es ist gar nicht der Shooter. Es ist jemand, der versucht, den Shooter zu imitieren.«

Terry schüttelte wieder den Kopf, doch diesmal wirkte es eher wie eine Warnung.

»Ich schreibe gerade einen Aufsatz über den Bürgerkrieg …«, warf Lilly ein, doch Maggie fiel ihr ins Wort: »Waren sie zusammen, als Don erschossen wurde?«

Terry seufzte genervt. »Man lässt seinen Partner nicht allein. Das solltest selbst du wissen.«

»Jimmy war also bei Don?«

»Natürlich war er das.«

»Die meisten Kinder reden darüber mit ihren Großeltern, aber ich …«, kam es von Lilly, und erneut schnitt Maggie ihr das Wort ab: »Aber auf Jimmy wurde nicht geschossen. Er stand direkt neben Don oder zumindest in seiner Nähe.« Das war der große Unterschied. In den anderen Fällen waren beide Männer gezwungen worden, sich hinzuknien, und waren dann hingerichtet worden, einer nach dem anderen. »Konnte Jimmy seine Waffe ziehen?«

»Herrgott noch mal!« Terry schlug mich der Faust auf den Tisch. »Hältst du jetzt endlich die Klappe, damit ich die Zeitung lesen kann?«

»Terry?«, rief Delia aus der Küche. »Der Abfluss ist schon wieder verstopft. Glaubst du, du könntest …«

»Gleich.« Er starrte Maggie an. »Ich will wissen, was dieses toughe Mädchen hier denkt. Hast wohl gleich alles durchschaut, Columbo? Siehst du irgendwas, was die Jungs übersehen haben, die schon bei der Truppe waren, als du noch ein Kitzeln in den Eiern deines Vaters warst?«

Wenn sie jetzt Prügel bezöge, dann aus gutem Grund, dachte Maggie. »Bei den anderen Shooter-Fällen mussten beide auf die Knie. Dann wurde ihnen in den Kopf geschossen wie bei einer Hinrichtung – einem nach dem anderen. Don wurde ebenfalls erschossen. Warum nicht Jimmy?«

Terry beugte sich über den Tisch. Whiskey und Schweiß sickerten aus seinen Poren. »Was für einen Scheiß auch immer du mit deinem Bruder am Laufen hast – das hört jetzt auf der Stelle auf! Hast du mich verstanden?«

Es fühlte sich an, als würde der Boden unter ihren Füßen schwanken. »Darum geht’s doch jetzt gar nicht«, sagte sie. Sie alle wussten, was dieses Darum bedeutete.

»Worum denn sonst?«, fragte Terry. »Warum diese ganzen Fragen?«

Sie wollte ihm gern sagen, dass sie all diese Fragen stellte, weil sie Polizistin war. Dass Polizisten Fälle lösten, indem sie Fragen stellten. Aber sie sagte nur: »Weil es keinen Sinn ergibt.«

»Sinn?« Er schnaubte. »Seit wann fragst du denn nach dem Sinn?«

»Da ist er!«, rief Lilly unvermittelt, und die anderen schreckten zusammen. Aber es stimmte. Maggie hörte, wie Jimmys Wagen in die Einfahrt einbog. Der Auspufftopf des Fairlane war beinahe durchgerostet. Der Auspuff hustete genauso heiser wie Delia, wenn sie morgens aufstand.

Maggie wollte schon aufspringen, aber Terry packte sie fest am Arm und zog sie wieder auf den Stuhl zurück.

Sie war klug genug, sich nicht gegen ihn zu wehren. Es blieb ihr also nur zu lauschen. Die Geräusche waren die gleichen wie bei Terrys Ankunft: Schuhe polterten durch den Carport und die Treppe hinauf. Die Hintertür stand bereits offen, also schloss er sie. Dann zögerte er ein paar Sekunden. Maggie konnte sich den Blickkontakt zwischen Mutter und Sohn nur zu gut vorstellen. Vielleicht nickte Jimmy Delia lediglich zu. Vielleicht reichte er ihr aber auch seine Mütze, damit sie sich nützlich vorkam.

Als Jimmy das Esszimmer betrat, sah Maggie auf einen Blick, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wo sich seine Mütze befand. Er trug keine Uniform mehr, sondern eine grüne Krankenhauskluft. Das Hemd spannte an seinen Schultern. Sein Gesicht war kalkweiß. Die Augen waren rot gerändert, die Lippen unter seinem Schnurrbart blass. Er hatte etwas Gehetztes an sich. Maggie erinnerte es an die Art, wie ihr Vater manchmal aussah, wenn es mal wieder Zeit wurde für einen Anstaltsaufenthalt.

»Haben Mack und Bud sich um dich gekümmert?«, fragte Terry.

Jimmy brachte lediglich ein Nicken zustande. Er rieb sich den Nacken; er hatte sich nicht gründlich genug gewaschen. Reste getrockneten Bluts klebten an Hals und Gesicht. In einer seiner Koteletten konnte Maggie irgendein Klümpchen erkennen.

Lilly presste sich die Hand auf die Brust, und Tränen traten ihr in die Augen.

»Nicht …«, sagte Terry, aber es war bereits zu spät. Lilly war schon zu Jimmy hinübergelaufen und schlang ihm die Arme um die Taille, vergrub ihr Gesicht in seiner Körpermitte und fing an zu schluchzen.

»Ist schon gut.« Jimmy klang heiser. Er strich ihr über den Rücken und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. »Jetzt komm schon. Ab nach oben. Sonst kommst du zu spät zur Schule.«

Lilly ließ ihn so schnell los, wie sie ihn umarmt hatte, und stürmte aus dem Zimmer. Ihre Schritte polterten über die nackte Holztreppe. Einen Augenblick lang sah Jimmy so aus, als wollte er ihr folgen, doch dann ließ er die Schultern hängen und starrte zu Boden. »Ich will nicht darüber reden.«

»Und wir wollen es nicht hören.« Delia war hinter ihn getreten. Sie hob den Arm, um Jimmy die Hand auf die Schulter zu legen, hielt aber inne, kurz bevor sie ihn berührte. Im Allgemeinen bestanden die einzigen Gesten der Zuneigung ihrer Mutter in Korrekturen des äußeren Erscheinungsbilds. Sie strich Falten in Lillys Pullover glatt. Zupfte Haare von Maggies Uniformschultern. Und jetzt klaubte sie das Klümpchen aus Jimmys Kotelette und starrte dann darauf hinab, und am Gesichtsausdruck ihrer Mutter konnte Maggie erkennen, dass es kein Straßenschmutz war. Delia ballte die Faust und steckte sie in die Schürzentasche. »Ihr alle – frühstückt, bevor es kalt wird. Wir können es uns nicht leisten, Essen wegzuwerfen.«

Jimmy humpelte um den Tisch herum und setzte sich an seinen gewohnten Platz. Wann immer er sein linkes Bein belastete, verzog er leicht das Gesicht. Maggie hätte ihm am liebsten geholfen. Sie sehnte sich danach, zu ihm zu laufen, wie Lilly es getan hatte, und die Arme um ihren Bruder zu schlingen.

Aber sie wusste, dass sie das nicht tun durfte.

»So.« Delia hatte Jimmy bereits Kaffee eingeschenkt. Jetzt befüllte sie ihm den Teller. Sie benutzte dabei nur eine Hand. Die andere steckte noch immer tief in ihrer Schürzentasche. »Braucht jemand sonst noch was?«

»Wir haben alles.« Terry winkte sie beiseite.

»Die Eier sind kalt. Ich mache frische.« Dann kehrte sie in die Küche zurück.

Maggie starrte ihren Bruder an. Sie wusste, dass er ihren Blick nicht erwidern würde. Die schwach roten Blutflecken auf seiner Haut erinnerten sie an die Zeit, als er noch ein pickliger Teenager gewesen war. Offensichtlich hatte Jimmy geweint. Sie wusste nicht genau, wann sie ihren Bruder das letzte Mal hatte weinen sehen. Acht Jahre war das sicher schon her.

»Du hast heute Morgen Tapestry verpasst«, murmelte sie.

Jimmy grummelte irgendetwas in sich hinein und schob sich eine Gabel voll Eier in den Mund.

Sie versuchte es noch einmal. »Ich hab deine Uniformen in den Schrank gehängt.«

Jimmy schluckte laut. »Zu viel Stärke im Kragen.«

»Ich mach sie nach der Arbeit noch mal, okay?«

Erneut stopfte er sich Eier in den Mund.

»Leg sie mir einfach in mein Zimmer …« Unerklärlicherweise war Maggie nervös. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu reden. »Ich mach sie neu, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme.«

Terry ließ ein Zischen hören, um sie zum Schweigen zu bringen. Diesmal gehorchte Maggie – doch nicht wegen Terry, sondern wegen Jimmy. Sie hatte Angst, etwas Falsches zu sagen und es so für ihren Bruder nur noch schlimmer zu machen. Es wäre nicht das erste Mal. Sie beide verband ein Seil, das zusehends ausfranste, sobald einer einen Schritt auf den anderen zumachte.

In der Stille hörte sie Jimmy kauen. Er gab schmatzende, mechanische Geräusche von sich. Sie merkte, dass sie sein Kiefergelenk anstarrte, das beim Kauen hervortrat. Wie eine Baumaschine schaufelte er sich Eier in den Mund, kaute und schaufelte dann noch mehr hinterher. Sein Gesicht war ausdruckslos, seine Augen beinahe glasig. Er starrte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand an.

Sie wusste genau, was er sah. Bräunliche Patina über grauer Farbe vom vielen Zigarettenrauch. Dies hier war das Zimmer, das Hank Lawson bei seinen seltenen Aufenthalten bei der Familie am häufigsten benutzte. Kaum kam er nach Hause, holte er den Fernseher aus Delias Zimmer und stellte ihn auf den Beistelltisch. Dann rauchte er Kette und sah fern, bis abends die Nationalhymne gespielt wurde. Manchmal, wenn Maggie nachts herunterkam, um sich ein Glas Wasser zu holen, sah sie ihn dort sitzen und die amerikanische Flagge vor schwarzem Hintergrund anstarren.

Maggie bezweifelte, dass Jimmy im Augenblick an seinen Vater dachte. Vielleicht dachte er an sein letztes Footballspiel. An sein Leben, bevor ein Linebacker Brei aus seinem Knie gemacht hatte. Maggie hatte neben allen anderen auf der Tribüne gestanden. Sie hatte sehen können, wie Jimmy gewohnt selbstsicher aufs Feld schlenderte und die Faust hob. Die Menge brüllte. Er war ihr Goldjunge – der Junge aus dem Viertel, der seinen Weg machte. Seine Zukunft war bereits vorgezeichnet. Er würde mit dem Geld eines anderen an die UGA gehen. Dort würde man ihn zum Profi machen, und wenn man ihn das nächste Mal sähe, würde Jimmy Lawson wie Broadway Joe in einem Nerz und mit einem Mädchen an jedem Finger aus einem Nachtclub treten.

Stattdessen saß er jetzt mit dem Blut eines anderen Manns auf dem Gesicht im Esszimmer seiner Mutter.

»Hier.« Delia tauschte Jimmys Teller gegen einen frischen aus und türmte Speck darauf. Dann Pfannkuchen. Sie übergoss alles mit Sirup, so wie er es gern hatte.

»Mom …« Jimmy scheuchte sie mit einem Wink mit der Gabel weg. »Es reicht.«

Delia setzte sich und zündete sich eine neue Zigarette an. Maggie versuchte, einen Bissen zu essen. Die Eier auf ihrem Teller waren kalt geworden, und das Fett um die Speckscheiben war geronnen. Maggie würgte es nichtsdestotrotz hinunter, weil sie Fragen hatte, von denen sie wusste, dass sie sie erst würde stellen können, wenn ihr Mund nicht mehr voll war.

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie die Schießerei abgelaufen war. Sobald irgendjemand – vor allem ein Schwarzer – sich Jimmy und Don genähert hätte, hätten beide ihre Revolver ziehen müssen. Fast schon aus reinem Überlebenstrieb. Don war lang genug in Vietnam gewesen, um zu wissen, dass man sich von niemandem überrumpeln lassen durfte. Und Jimmy war seit seinem achtzehnten Lebensjahr bei der Polizei.

Maggie sah ihren Bruder verstohlen über den Tisch hinweg an. Vielleicht war er in Panik geraten. Vielleicht hatte er – über und über besudelt mit Dons Blut – dagestanden und war derart von Angst beherrscht gewesen, dass er einfach nur mehr zu Boden sinken und um sein Überleben hatte beten können.

Maggie musste an das Klümpchen denken, das ihre Mutter aus Jimmys Kotelette gezupft hatte. Das Fragment aus Don Wesleys Kopf lag jetzt wahrscheinlich im Mülleimer auf den Eierschalen und der Plastikverpackung des Specks.

»Es wird Zeit.« Terry faltete die Zeitung zusammen. Dann wandte er sich an Jimmy: »Du brauchst ein bisschen Schlaf, mein Sohn. Ich ruf dich an, wenn irgendwas passiert.«

Jimmy hatte bereits den Kopf geschüttelt, noch ehe Terry den Satz beendet hatte. »Auf gar keinen Fall. Ich schlafe erst wieder, wenn wir diesen Mistkerl festgesetzt haben.«

»Den schnappen wir uns, darauf kannst du Gift nehmen.« Terry zwinkerte Maggie zu, als hieße es, er und Jimmy gegen den Rest der Welt.

Vielleicht fragte sie deshalb ihren Bruder: »Was ist wirklich passiert?«

Terry griff so fest nach Maggies Knie, dass ihr der Schmerz schier den Atem raubte. Sie schrie auf und grub ihre Nägel in seinen Handrücken. Doch er packte nur noch fester zu. »Hab ich dir nicht gesagt, du sollst deinen Bruder in Ruhe lassen?«

Der Schmerz schoss ihr das Bein empor. Maggies Lippen zitterten. Sie würde ihn nicht anflehen. Sie wollte ihn nicht anflehen.

»Sie hört es sowieso auf dem Revier.« Jimmy klang eher verärgert als besorgt. »Na, komm, Terry. Lass sie los.«

Terry ließ los.

»Gott!« Keuchend rieb sich Maggie das Knie, und sie erschauderte.

»Mach jetzt bloß keine Szene.« Delia zupfte eine Staubfluse von Maggies Bademantel. »Also, was ist passiert, Jimmy?«

Er zuckte mit den Schultern. »Don ging zu Boden. Ich konnte noch dreimal feuern. Der Schütze rannte davon. Ich wollte ihm nachjagen, aber ich konnte Don doch nicht allein dort liegen lassen.« Und als Nachsatz fügte er noch hinzu: »Ich konnte ihn nicht besonders gut sehen. Ein Farbiger. Durchschnittlich groß. Durchschnittliche Statur.«

Maggie rieb sich immer noch das Knie. Die Sehne pulsierte mit jedem Herzschlag.

»Cal Vick setzt mich mit einem Zeichner zusammen«, fuhr Jimmy mit einem Schulterzucken fort. »Weiß auch nicht, was das bringen soll. Die Gasse war dunkel. Es ging alles sehr schnell.«

»Du hattest Glück«, sagte Delia, »dass er nicht auch noch versucht hat, auf dich zu schießen.«

»Natürlich hat er das versucht«, erwiderte Jimmy schärfer als unbedingt nötig. »Aber seine Waffe hatte eine Ladehemmung. Er hat versucht, auf mich zu schießen, aber es ist nichts passiert. Lucky Lawson, was? Mal wieder Glück gehabt.« Lucky Lawson war der Name, den man ihm an der Highschool gegeben hatte. »So bin ich eben. Der reinste Glückspilz.«

Terry gefiel die Richtung offensichtlich nicht, die das Gespräch eingeschlagen hatte. »Jetzt mach dich erst mal richtig sauber«, sagte er zu Jimmy. »Wir sehen uns dann auf dem Revier.« Er stand auf – und Maggie geriet in Panik.

»Du musst mich mitnehmen …«

»Und warum?«

Er wusste genau, warum. Maggies Auto stand seit einer Woche in der Werkstatt. »Ich darf nicht zu spät zum Morgenappell kommen.«

»Dann beeil dich gefälligst.« Terry schlug ihr mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Mund. »Aber dieser Schlitz unter deiner Nase bleibt zu, verstanden?«

Maggie nahm die Teller vom Tisch und eilte in die Küche. Jimmys Waffengurt lag auf der Anrichte. Der Revolver steckte im Holster.

Hinter ihr im Esszimmer machte Terry ein paar anzügliche Bemerkungen über einige neue Rekrutinnen von der Akademie. Maggie stellte die Teller ins Waschbecken, ließ Wasser darüberlaufen, damit sie nicht zusammenklebten, ehe Lilly Zeit finden würde, sie abzuspülen.

Und dann schlich sie zu Jimmys Gürtel hinüber.

Vorsichtig löste sie den Sicherheitsriemen, zog den Revolver aus dem Holster und kontrollierte den Zylinder. Voll geladen. Keine leeren Kammern. Maggie hielt die Mündung nach unten und schnupperte am Schlagbolzen, am oberen Rahmen und am Zylinderende des Laufs.

Nicht der geringste Hauch von verbranntem Kupfer und Schwefel, nur der übliche Geruch nach Stahl und Öl.

Maggie steckte die Waffe wieder in das Holster und drückte den Sicherheitsriemen zu. Sie griff ans Treppengeländer, um sich auf die Stufen zu schwingen. Sie hörte Terry und Jimmy über Baseball reden; sie fragten sich, wie die Braves ohne Hank Aaron zurechtkommen wollten. Die beiden Männer waren schon immer gut miteinander ausgekommen. Sie konnten über alles reden – solange nichts davon eine tiefergehende Bedeutung hatte.

Wie beispielsweise die Tatsache, dass – was auch immer heute Morgen in dieser Gasse passiert war – Jimmy Lawson seine Waffe nicht abgefeuert hatte.

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Karin Slaughter

COP TOWN

ISBN 978-3-641-16297-9 (eBook)

ISBN 978-3-7645-0551-6 (Paperback)

ISBN 978-3-8371-3162-8 (Hörbuch)

Erscheinungstermin aller Ausgaben: 9.11.2015