Crashkurs - Dirk Müller - E-Book
Beschreibung

Bankenpleiten und Immobilienblase in den USA – was kommt noch alles auf uns zu? Ist unser Geld noch sicher? Dirk Müller warnt vor Verführern und Blendern. Er sagt, welche Risiken unserem gesamten Wirtschaftssystem drohen – und wie wir selbst in der Krise noch das Beste aus unserem Geld machen können. Crashkurs von Dirk Müller: Aktuelle Debatten im eBook!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:388


Dirk Müller

Crashkurs

Weltwirtschaftskrise oder Jahrhundertchance? Wie Sie das Beste aus Ihrem Geld machen

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Vorwort: Die Krise im Herbst 2008Börsenbericht – der Finanzmarkt und die Nebelkerzen»Verschwörungstheorien« – das ultimative TotschlagargumentWas sind Einschätzungen der Experten wert?Die Nebelkerzenmethode oder: Warum Sie nicht Ihrem Gefühl vertrauenNebelkerze »IFO-Index«Nebelkerze »Arbeitsmarktstatistik«Nebelkerze »Inflation«Warum akzeptiert die Finanzwelt »optimierte« Zahlen?Sinn oder Unsinn der täglichen ZahlenflutSelbstverliebtes Finanzsystem und frustrierte AnlegerGeld bewegt die WeltWas ist eigentlich Geld, und wie entsteht es?Der Dollar und die seltsame Explosion der LebensmittelpreiseWie wird heute Geld »geschaffen«?Wie sicher ist mein Geld bei meiner Bank?Krisenherd USAVon der Immobilienkrise zur Bankenkrise zur Krise der RealwirtschaftDie wirtschaftliche Kernschmelze – das HorrorszenarioWorst-Case-SzenarioDas HoffnungsszenarioDie NotenbankenDie Ratingagenturen – neutrale Instanzen?Spezialeinheit: das Plunge Protection TeamDie Regierung BushDie Finanz- und MachthydraWie der Abwärtstrend umgekehrt wirdWie soll ich mich als Anleger in der Krise verhalten?Aktien und AktienfondsAktien und Aktienfonds in SchwellenländernStaatsanleihenTagesgeld und GeldmarktfondsBargeldImmobilienSchuldenLebensversicherungenGold und SilberKein Papiergold, sondern physisches Gold!Das große FinaleWenn das Hoffnungsszenario Realität wird …AktienAktien der SchwellenländerFondsImmobilien und ImmobilienfondsRentenpapiere und StaatsanleihenTagesgeldBargeldSchuldenAusblick: Von alten und neuen MächtenSchneller, höher, weiter – bis zum KollapsDie FreiwirtschaftChina: boomender Wirtschaftspartner oder gelbe Gefahr?GlobalisierungNachtrag im November 2008Nachtrag zur Taschenbuchausgabe, Mai 2010Bürger und PolitikKann ich meinem Bankberater vertrauen?Dank
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Vorwort: Die Krise im Herbst 2008

Viele haben sich im Verlauf der letzten Monate gefragt, was eigentlich los ist mit der Weltwirtschaft. Da hört man von Immobilienkrisen, während der eigene Bankberater versichert, dass Sie das überhaupt nicht betrifft und hier in Deutschland alles anders ist. Da schreiben Banken monatlich Milliardenbeträge ab, und die Börsenkurse stürzen ab, während im Fernsehen Analysten von Kaufkursen sprechen und neue Dax-Höchststände für die nächsten Monate prophezeien. In England prügeln sich Menschen um Bargeld vor einer Bankfiliale, aber unser Wirtschaftsminister erklärt, dass so etwas bei uns nie passieren wird.

Die Älteren denken mit bangem Blick an ihre Erlebnisse und die Erzählungen von 1923 zurück und wollen nur zu gerne glauben, dass die Politiker und Wirtschaftsexperten mit ihren beruhigenden Worten die Wahrheit sagen. Auch damals gab es an jeder Ecke beruhigende Worte gratis, bevor erst die Wirtschaft zusammenbrach und schließlich die Währung aufgegeben wurde.

Aber was kommt wirklich auf uns zu? Was kommt zum Vorschein, wenn sich der Rauch der vielen Nebelkerzen verzogen hat, die von allen Seiten aus den unterschiedlichsten Gründen geworfen werden?

Mit dieser Frage will sich dieses Buch auseinandersetzen. Nicht mit wirtschaftswissenschaftlichen Phrasen und verwirrenden Formeln, sondern unter Anwendung des gesunden Menschenverstandes. Dieses Buch will die Leser auffordern, mit klarem Blick auf das Offensichtliche zu schauen, die Lügen und Unwahrheiten beiseitezuwischen und laut auszurufen: »Der Kaiser hat keine Kleider an!« – auch wenn die Lakaien noch so sehr des nackten Kaisers neue Gewänder preisen.

Eines sei vorweg gesagt: Niemand kann mit hundertprozentiger Gewissheit behaupten, er wisse, was die Zukunft bringt. Auch wir an der Börse handeln nur mit Wahrscheinlichkeiten. So erhebt auch dieses Buch nicht den Anspruch auf die absolute Wahrheit. Heute noch nicht absehbare Zufälle wie Naturkatastrophen oder politische Entwicklungen können die Entwicklung der Szenarien vollständig verändern.

Dieses Buch ist so vielseitig wie die Finanzwelt. Es soll in verständlicher, humorvoller und manchmal überdeutlicher Sprache nicht nur die Hintergründe und Folgen des Einbruchs der Finanzmärkte seit 2007 aufdecken, sondern auch aufzeigen, auf welchem katastrophalen Crashkurs sich unser Finanzsystem seit Jahren befindet. Nur wenn Sie diesen Crashkurs erkennen, können Sie sich selbst und Ihr Geld in Sicherheit bringen. Es geht um Risiken, aber auch Chancen in einer Größenordnung, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht hatten. Wenn Sie die Jahrhundertchance erkennen, die diese Entwicklung beinhaltet, werden Sie als Sieger daraus hervorgehen und ein Vermögen machen.

Ich bin kein Dauerpessimist, dessen ständige Crashwarnungen irgendwann mehr oder weniger zufällig Wirklichkeit werden. Aber ich versuche, die Märkte realistisch zu sehen. Meine jeweiligen Prognosen und Einschätzungen sind in den Zeitungsberichten der vergangenen Jahre nachzulesen. Als im Jahr 2000 die Internetaktien den Höhepunkt ihrer Irrsinnsbewertung erreichten, hatte ich bereits seit einem Jahr vor diesem Wahnsinn gewarnt. Aktien zu kaufen, nur weil das Unternehmen pro Monat weniger Geld verliert als ein Mitbewerber, kann doch kein Geschäftsmodell sein. In jedem Sportverein und auf jedem Dorffest erzählten mir Handwerker und Hausfrauen, mit welchen tollen Aktien sie gerade wieder 100 Prozent Gewinn in fünf Tagen gemacht haben. Schon Altmeister André Kostolany wusste: »Wenn die Schuhputzer anfangen, dir Börsentipps zu geben, ist es höchste Zeit, sich aus dem Markt zu verabschieden.« Wenn eine kleine Internetfirma an der Börse mehr wert ist als ein Konzern wie Lufthansa, braucht es kein BWL-Studium, um mit gesundem Menschenverstand zu erkennen, dass dieser Wahnsinn von äußerst kurzer Dauer sein wird. Und was passiert, wenn Tausende von Anlegern dies plötzlich schmerzhaft erkennen und gleichzeitig schnell durch eine enge Tür fliehen wollen, haben wir in den Jahren 2001 bis 2003 gesehen: Der Dax brach von über 8000 Punkten auf unter 2200 Punkte ein.

Als wir im März 2003 bei 2500 Punkten angekommen waren und die Panik jedes logische Denken erstickte, fragte mich ein Journalist der Welt am Sonntag: »Herr Müller, wie tief fallen wir noch? Sehen wir noch die 1000?« Ich habe darauf geantwortet: »Was soll noch groß passieren? Fest steht: Noch einmal 2500 Punkte fallen wir nicht. Der Dax im Minus – das geht nicht. Wenn sich die politischen Rahmenbedingungen (Irak, Nordkorea) beruhigen, sind wir ruck, zuck wieder bei 3500 bis 3800 Punkten.«

Die Bild am Sonntag zitierte mich mit den Worten: »Wir werden in einem Jahr auf den Dax schauen und uns den Kopf an die Wand schlagen, warum man bei 2500 Punkten so blöd sein konnte, nicht zu kaufen.«

Ich bin also keineswegs Berufspessimist. Aber es gibt Zeiten, da muss man Aktien haben, und es gibt Zeiten, da sollte man keine Aktien haben. Wenn die Risiken größer sind als die Chancen, ist Letzteres der Fall. Und genau diese Risiken – aber auch die Chancen – möchte ich Ihnen in diesem Buch vorstellen. Danach müssen Sie selbst entscheiden, für wie wahrscheinlich Sie die aufgezeigten Szenarien halten und welche Konsequenzen Sie für Ihre ganz persönliche Situation ziehen. Dieses Buch kann und will Ihnen die Entscheidung nicht abnehmen, sondern will Ihnen die Informationen zugänglich machen, die Sie für eine objektive Beurteilung der Lage unbedingt brauchen.

Deshalb ist dieses Buch zugleich ein Wegweiser durch unser Geldsystem; es versteht sich als »Cash-Kurs« mit allerlei faszinierenden Wahrheiten und Anregungen rund um unser Geld und den Umgang damit.

Ich habe für dieses Buch viele Informationen zusammengetragen, die man Ihnen seit langem bewusst vorenthält. Einigen Gruppierungen passt die Aufdeckung dieser Hintergründe ganz und gar nicht ins Konzept. Für umso wichtiger halte ich es, Ihnen genau diese Fakten und Einschätzungen offenzulegen, damit Sie nicht länger Opfer, sondern Nutznießer der Ereignisse sind. Ich gehe damit ein ziemliches Risiko ein, bin aber überzeugt, dass es das wert ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Geld ist mit Sicherheit nicht alles, aber ich habe noch niemanden getroffen, der gesagt hätte: »Ach, hätte ich doch nur weniger davon!«

 

Dirk Müller

November 2008

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Börsenbericht – der Finanzmarkt und die Nebelkerzen

»Verschwörungstheorien« – das ultimative Totschlagargument

Bei all meinen Recherchen der letzten Jahre und insbesondere zu diesem Buch bin ich immer wieder auf ein Wort gestoßen, das sich wie ein roter Faden durch jede kritische Betrachtungsweise zu jedem Thema zieht: »Verschwörungstheorie«. Es scheint in der Tat so zu sein, dass es zu allen wirtschaftlichen und politischen Themen dieser Erde exakt eine richtige und absolute Wahrheit gibt. Nämlich die Wahrheit, die die breite Masse glaubt, die Wahrheit, die von den großen Medienstationen weltweit verbreitet wird, die Wahrheit, die die Politiker und Wirtschaftsbosse in die Kameras sprechen. Wann immer an dieser absoluten Wahrheit gekratzt wird oder wenn sie sogar in Frage gestellt wird, taucht plötzlich und unvermeidlich dieses alles beendende Wort auf: »Verschwörungstheorie«!

Es hat ja in der Tat eine beeindruckende Wirkung. Wer will schon gerne zu diesen Spinnern gehören, die an Ufo-Entführungen glauben? Jede ernsthafte Diskussion endet zumeist, sobald dieses ominöse Wort fällt. Zumindest endet ihre Ernsthaftigkeit.

Aber was ist eigentlich eine Verschwörungstheorie? Die Theorie – also eine Überlegung – über eine Verschwörung. Wikipedia klärt uns über den Begriff »Verschwörung« auf: »Die heimliche Verbündung zwecks Beseitigung von (…) Missständen. Die Zielsetzung einer Verschwörung beruht nicht immer auf niederen Motiven, sie basiert jedoch in jedem Fall auf Täuschung.«

Ist also nicht jede Absprache hinter verschlossenen Türen eine Verschwörung? Wird in Wirtschaft und Politik nicht viel mehr im stillen Kämmerlein und mit stillschweigenden Vereinbarungen entschieden als im Scheinwerferlicht der Kameras? Ist so gesehen nicht der Großteil der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen aus »Verschwörungen« hervorgegangen? Wie oft wurde wohl bei diesen »Verschwörungen« etwas anderes beschlossen, als später in den Medien bekanntgemacht wurde, um es den Menschen besser verkaufen zu können?

Wer aber gerne wissen möchte, was wirklich passiert ist, wer wissen will, welche Entscheidungen wirklich gefällt wurden und zu welchem Zweck, wer das Spiel verstehen möchte, um eine reelle Chance zu haben, bei diesem Spiel auch zu gewinnen, der muss Theorien aufstellen und Verbindungen schaffen, die nicht immer hundertprozentig mit der offiziellen Verlautbarung – und dem entspricht dann auch meist die Meinung der Masse – übereinstimmen. Diese Theorien müssen nicht immer richtig sein. Es sind ja noch immer Theorien. Aber sind sie deshalb von vornherein falsch? Gibt es nur die eine, die offizielle Wahrheit?

Sie werden auf den folgenden Seiten auf viele Fakten, aber auch auf viele Theorien stoßen. Ich behaupte nicht: »So ist es!« Aber ich stelle die Frage: »Könnte es sein, dass …?«

Ich möchte Sie auffordern, offizielle Aussagen zu hinterfragen. Die sind nicht immer falsch, aber zu häufig gibt es noch eine Wahrheit hinter ihnen. Je wichtiger das jeweilige Thema im internationalen oder wirtschaftlichen Zusammenhang ist, desto häufiger gibt es nach meiner Beobachtung eine zweite Wahrheit hinter der ersten.

Beispiel gefällig? Vor wenigen Jahren gehörten Sie noch zu den Verschwörungstheoretikern, wenn Sie gemutmaßt haben: »Die irakischen Massenvernichtungswaffen hat die US-Regierung nur erfunden.«

Meist bringen genau diejenigen das Totschlagargument »Verschwörungstheorie«, die das Hinterfragen schnellstmöglich beenden wollen – am einfachsten, indem sie den Hinterfrager und seine Theorie ins Lächerliche ziehen. Wenn Sie also wieder einmal irgendwo auf den Begriff »Verschwörungstheorie« stoßen, sollte Sie dies besonders neugierig machen.

Verschwörungstheorien müssen nicht zwangsläufig falsch sein. Vielleicht treffen sie sogar häufiger zu als die offiziellen Wahrheiten. Gut, es gibt Ausnahmen, und man muss da sicherlich unterscheiden. Auch ich glaube nicht, dass der vormalige US-Präsident Bush in Wirklichkeit vom Mars stammt und die Gedanken der Menschheit mit Techno-Musik beherrscht. Obwohl ich diesen Gedanken manchmal …

Was sind Einschätzungen der Experten wert?

Täglich erklären uns die Experten der Banken und Fonds, die Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftsweisen, dass alles nicht so schlimm ist. Sie sprechen von kleinen Korrekturen und bald wieder steigenden Kursen. Sie warnen vor Panikverkäufen und sehen Kaufkurse. Was ist davon zu halten? Dazu möchte ich aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zitieren:

»Alle von der SZ befragten Finanzmarkt-Beobachter erwarten, dass die Aktienkurse in Deutschland bis Ende kommenden Jahres zulegen werden. Beim Dax wird im Schnitt ein Anstieg um ein Fünftel (…) erwartet. (…) An der Umfrage zum kommenden Finanzjahr haben sich 35 Banken, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter und Versicherungen beteiligt. Sie sehen voraus, dass der Dax, der am Montagnachmittag bei knapp 6500 Punkten stand, im kommenden Jahr kräftig zulegen wird. (…) Am positivsten gestimmt ist die Deutsche Bank, die den Schlusswert in einer Spanne von 8200 und 8700 Zählern sieht. Mit Verlusten rechnet kein einziger der Befragten (…).«

Ist doch nichts Besonderes, werden Sie vielleicht denken. Ist es doch. Dieser Artikel stammt nämlich vom 16. Dezember 2000 und nicht von Ende 2007! Und danach ging’s bergab – genau wie 2008. Erschreckende Parallele.

Folgendes Zitat stammt aus einem Artikel vom 10. Februar 2001 bei einem Dax-Stand von nur noch 6400 Punkten:

»Wer beim schubweisen Börsencrash im vergangenen Jahr den Ausstieg verpasst hat (…), sollte seine Aktien und Fonds jetzt auf keinen Fall zu Tiefstständen verkaufen. Verzweifelte Kleinanleger und Börsenfrischlinge, die erst ›neulich‹ zu Höchstständen einstiegen, warnt Finanzexperte (…) von Stiftung (…) dringend vor Panikverkäufen. Damit wären gleich zwei grobe Fehler begangen: Beim absoluten Hoch rein und im tiefsten Tal raus.«

Zwei schmerzhafte Jahre später stand der Dax bei 2200 Punkten. Wer auf diese Experten vertraut hat, hat dieses Vertrauen teuer bezahlt. Eigenes Nachdenken, kritisches Infragestellen und gesunder Menschenverstand hätten vielleicht vor der Katastrophe bewahrt.

Sieben Jahre später hören wir bis aufs Komma die gleichen Einschätzungen und Beschwichtigungen. Die gleichen fahrlässigen Ratschläge wie »Bloß keine Panikverkäufe, alles wird gut«. Wieso wird eigentlich jede rationale Entscheidung, sich von fallenden Aktien zu trennen – was doch das Normalste auf der Welt sein sollte –, stets als Panikverkauf hingestellt? Ganz einfach: Um die Anleger genau von diesem Tun abzuhalten. »Nein, nein, ich will nicht zu denen gehören, die in Panik handeln. Ich denke ja rational. Wenn Verkaufen also panisch ist, dann verkaufe ich NICHT. Vielleicht mache ich es ja noch schlauer und kaufe sogar!« Und schon haben die Fondsgesellschaften und Bankexperten ihr Ziel erreicht. So einfach ist das.

Diese Zeilen hatte ich schon einige Monate fertig, da höre ich heute, im September 2008, während ich an einem ganz anderen Kapitel arbeite, im Fernsehen einen von mir ansonsten sehr geschätzten Kollegen mit folgenden Worten: »Wer aber jetzt den Weg von 8000 auf 6000 mitgemacht hat, dem würde ich nicht empfehlen auszusteigen. (…) Es ist abzusehen, wann das Ende der Finanzkrise eingeläutet wird (…).« Ich dachte erst an ein Déjà-vu, aber es ist wohl so, dass selbst die Profis aus der Geschichte einfach nicht lernen.

Natürlich dürfen nicht alle Experten über einen Kamm geschoren werden. Nicht jeder versucht dem Zuschauer arglistig die Interessen seines Arbeitgebers zu verkaufen. Man muss da genau unterscheiden. Da sind zum einen natürlich die Experten der Banken, Versicherer und Fonds, die verkaufende Kunden mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser. Was glauben Sie, was ein Fondsmanager von seinem Arbeitgeber zu hören bekäme, wenn er im Fernsehen sagen würde: »Ich sehe in den nächsten Monaten große Risiken für den Aktienmarkt und empfehle Ihnen, Aktien und Fonds zu verkaufen.« Wahrscheinlich wäre das Nächste, was er hört, das Quietschen der Tür im Arbeitsamt. Banken, Versicherer und Fonds leben davon, Kapital einzusammeln und zu investieren. Wenn in größerem Maßstab Kapital abgezogen würde, wäre das schlecht fürs Geschäft und im schlimmsten Falle existenzbedrohend.

Manche Experten sind vor allem richtige Experten darin, die Interessen ihres Arbeitgebers in den Medien zu vertreten und dennoch nichts Falsches zu sagen. Ein Analyst sagte einmal in einem TV-Interview: »Ich sehe auf Sicht der nächsten drei bis vier Monate deutlich höhere Kurse!« Der Anleger sieht das und denkt: »Prima! Dann ist ja das Schlimmste vorbei, und ich kann wieder beruhigt kaufen.« Als ich den Analysten nach der Sendung auf diese Aussage anspreche und ihm heftig widerspreche, kommt die trockene Antwort: »Ja, ja, ich hab ja nur gesagt: auf Sicht der nächsten drei bis vier Monate. Danach erwarte auch ich einen drastischen Einbruch!« Schade, dass dieser Teil der Einschätzung beim Zuschauer nicht ankam, der nach der Sendung mit seinem Vermögen wieder in den Aktienmarkt eingestiegen ist.

Als Nächstes gibt es die »Experten«, die sich gar nicht die Mühe machen, sich ein eigenes Bild zu entwickeln. Die nehmen einfach die Meinungen der anderen »Experten« und machen sie zu ihrer eigenen. Ist ja auch bequem. Ein solcher Kommentator ist dann in guter Gesellschaft, steht mit seiner Meinung nicht gegen die der anderen, und man bestätigt sich gegenseitig, wie richtig man liegt. Die haben keine böse Absicht! Die wissen es einfach nicht besser, und wenn es alle sagen, wird’s schon stimmen.

Es gibt ohnehin nur wenige wirkliche »Meinungsmacher«. Diejenigen, die es schaffen, ihre Einschätzungen als Erste in die Nachrichtenagenturen zu bringen, entscheiden darüber, welche Meinung die Welt künftig über dieses oder jenes Geschehen hat. Die meisten »Experten« haben selbst gar nicht die Zeit, sich mit allen Themen im Detail auseinanderzusetzen. Also lesen sie die ersten Analysen und Einschätzungen von anderen, um sich ein Bild zu machen. In den meisten Fällen übernehmen sie diese Meinung ungeprüft. Vor der Fernsehkamera geben sie diese Einschätzung des ersten Analysten dann weiter, und so weiter, und so weiter. Diejenigen, die den schnellsten Zugang zu den Medien haben und bei denen eventuell schon eine vorgefertigte Einschätzung zum jeweiligen Ereignis in der Schublade liegt – vielleicht sogar, weil sie mit diesem Ereignis zu tun haben –, besitzen eine ungeheure Macht über die öffentliche Meinung und Wahrnehmung. So gibt es in Deutschland sogenannte Thinktanks (Denkfabriken), die nichts anderes machen, als im Auftrag von finanziell starken Interessengruppen wie der Industrie Analysen zu erstellen und die öffentliche Meinung in deren Sinne zu beeinflussen. Sie geben den Journalisten eine vorgefertigte Analyse oder »Einschätzung«, noch bevor die Journalisten sich eine eigene Meinung gebildet haben. Da die Medien immer schneller reagieren müssen, haben die wenigsten Zeit, selbst ausführlich zu recherchieren. Also übernehmen sie die Analyse der Lobby dankbar und verbreiten diese als allgemeingültige Wahrheit. Noch einfacher wird das, wenn entscheidende Journalisten in diese »Lobbyarbeit« gleich mit eingebunden werden.

Schließlich gibt es noch die Experten, die nicht nur bereits ahnen, dass der Eisberg, auf den wir aufgelaufen sind, mehr als einen Kratzer in die Bordwand geritzt hat, sondern die schon hören, wie die Kammern volllaufen und die ersten Schotte brechen. Und genau wie ein verantwortungsbewusster Kapitän versuchen sie, die Passagiere zu beruhigen, um eine geordnete und kontrollierte Rettungsaktion zu ermöglichen. Das ist sicherlich die ehrenwerteste Form der Desinformation – aber es bleibt dennoch eine. Denn vielleicht ließen sich mehr Leute retten, wenn ihnen die ungeschönte Wahrheit gesagt und ihnen empfohlen würde, an Deck zu kommen, anstatt sie in die Kabinen zurückzuschicken. Denn was, wenn die Rettung des Schiffes misslingt? Die Passagiere bleiben in ihren Kabinen und gehen mit Mann und Maus unter. So wie die Aktienbesitzer mit ihren Depots untergehen, wenn der Markt einbricht. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Kabine zu verlassen und an Deck zu kommen oder eben seine Depots zu leeren. Wenn das Schiff stabilisiert ist und keine Gefahr mehr besteht, kann man ja jederzeit mit überschaubarerem Risiko wieder einsteigen. Vielleicht hat man ein paar schöne Stunden unter Deck verpasst (ein paar Prozent Gewinn nicht gemacht), aber man war jedenfalls nicht der Gefahr ausgesetzt, das Leben (das gesamte Kapital) zu verlieren.

Wenn ich mir die Kommentare aus dem Jahr 2007/2008 anschaue, die von steigender Konsumfreude der Privathaushalte in Deutschland und den tollen Chancen durch die asiatischen Märkte berichten, erinnert mich das zunehmend an die letzten Bilder der Titanic. Da spielte auch noch die Kapelle, als das Schicksal des Schiffes bereits besiegelt war.

Der oberste Wirtschaftsweise sprach in Interviews im Dezember 2007 davon, dass alles gut wird, weil der private Verbraucher in Deutschland demnächst viel mehr Geld in der Tasche haben wird und damit den Konsum und die Wirtschaft ankurbelt. Da blieb mir zunächst der Mund offen stehen. Bei mir ist diese Geldflut noch nicht angekommen. Und ich frage mich, wo der Verbraucher all das viele Geld plötzlich herbekommt. Oder haben Sie gehört, dass die Energieversorger Ihre Strompreise drastisch senken, dass die Lebensmittelpreise in den nächsten Monaten deutlich fallen werden? Die angekündigte russische Gaspreiserhöhung um wieder einmal 20 Prozent war wahrscheinlich auch nur ein Scherz. Der Russe hat halt einen merkwürdigen Humor!

Kurzum: Auch hier genügt der gesunde Menschenverstand, um die Aussagen auch der honorigsten Vertreter als das zu erkennen, was sie sind: gutgemeinte Versuche, die Passagiere zu beruhigen. Ich werfe es ihnen nicht einmal vor. Vielleicht müssen sie wirklich so handeln. Aber ich will dennoch nicht als Letzter in der Kabine sitzen.

Seit dem Frühsommer 2007 warne ich vor einem starken Einbruch der Märkte und empfehle den Menschen seit dieser Zeit in Funk, Fernsehen und Zeitungsinterviews, aus ihren Aktien und Risikoanlagen auszusteigen. In all den Monaten danach wurde mir immer wieder vorgeworfen, das wäre verantwortungslos. Mit welchem Recht wird das behauptet!? Ich sage den Menschen nicht: »Wettet auf fallende Kurse!« Ich sage: »Geht aus dem Risiko, haltet euer Geld fest. Wettet überhaupt nicht!« Das ist der verantwortungsvollste Ratschlag, den man einem Menschen in solch unsicheren Zeiten geben kann. Diejenigen, die seit vielen Monaten die Parole ausgeben: »Halten! Aussitzen! Das müssen Sie langfristig sehen! Nur keine Panikverkäufe!«, handeln verantwortungslos, denn sie empfehlen den Menschen damit, direkt auf steigende Kurse zu wetten.

Wenn ich unrecht habe, verliert keiner, der meinem Rat gefolgt ist, auch nur einen Euro. Im Gegenteil, er hat sogar noch seine Tagesgeldzinsen verdient.

Wenn aber diejenigen unrecht haben, die »Halten« empfohlen haben, verlieren die Menschen, die diesem Rat gefolgt sind, Haus, Hof und eventuell ihre Altersvorsorge.

Wer von beiden ist also unverantwortlich!?

 

Nachdem ich in einem Interview vor weiter fallenden Kursen gewarnt hatte, hat mir ein hochrangiger Politiker vorgehalten, ich dürfe vor der Kamera nicht jede Wahrheit sagen.

Nach einem sehr »deutlichen« Interview meinerseits bei mehreren TV-Sendern fühlte sich Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), genötigt, »die Börsenhändler zur Ordnung zu rufen«. »Sie sollen ihren irrationalen Pessimismus im Zaum halten!«, sagte er.

Wie war das noch gleich mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung!? Werden jetzt diejenigen attackiert, die frei und offen über die Situation sprechen, statt derer, die die Lage hervorgerufen haben?

Dazu fällt mir der große Satz des Chefanalysten der Bremer Landesbank Folker Hellmeyer ein: »Erst stirbt der freie Markt, dann stirbt die Demokratie.« Sind wir etwa schon so weit?

Die Nebelkerzenmethode oder: Warum Sie nicht Ihrem Gefühl vertrauen

Eigentlich müsste jeder logisch denkende Bürger die Lageeinschätzungen der Experten durchschauen können und rufen: »Das stimmt doch nicht! Der Kaiser hat keine Kleider an!« Warum passiert das nicht? Die Erklärung ist so erschreckend wie einfach. Es werden von allen Seiten beständig Nebelkerzen geworfen, die nur einen Zweck haben: Die Menschen bekommen so viele verwirrende, komplizierte und kaum nachzuvollziehende »Fakten« um die Ohren gehauen, dass die meisten gleich resigniert abwinken und sagen: »Das ist mir alles zu kompliziert, die werden schon recht haben.« Und diese »Fakten« werden dann gezielt so präsentiert, dass bei der Bevölkerung jeweils die Stimmungslage erreicht wird, die beabsichtigt ist. Wir wollen uns einige dieser Nebelkerzen genauer ansehen. Dann verlieren sie ganz schnell ihre Mystik und damit ihre Wirkung.

Nebelkerze »IFO-Index«

Wenn Expertenaussagen kritisch hinterfragt werden, verteidigen die Fachleute ihren Standpunkt zumeist mit den aktuellen Wirtschaftsdaten. Kleines Beispiel gefällig? Bitte sehr: Einer der am häufigsten zu Rate gezogenen Indizes zur Lage der Konjunktur in Deutschland ist der IFO-Index, auch »Geschäftsklimaindex« genannt. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Es werden einmal im Monat 7000 Firmenchefs befragt:

»Wie schätzen Sie Ihre augenblickliche Lage ein? Gut, befriedigend oder schlecht? Und wie, glauben Sie, wird sich Ihre wirtschaftliche Lage in den nächsten sechs Monaten entwickeln? Günstiger, gleichbleibend oder ungünstiger?«

Das war alles. Gar nicht so kompliziert. Aaaaber: Erstens kann an diesem Index durch Auswahl der Firmen mächtig getrickst werden. Ich rufe zum Beispiel einfach mehr bei Stromversorgern als bei Fliesenlegern an. Und wenn ich im Dezember einen Gartenbaubetrieb anrufe, wird der mir sagen: »Im Moment läuft es nicht so toll, aber in den nächsten sechs Monaten erwarten wir deutlich mehr Aufträge.« Die Folgerung: Die Wirtschaft erwartet einen Konjunkturaufschwung! Geht doch. Oft werden diese lästigen Anfragen auch gar nicht von den Firmenchefs beantwortet, wie man meinen könnte. Mir wurde bereits glaubhaft versichert, dass dieser Anfragebogen gelegentlich auch vom Praktikanten ausgefüllt wird. Darüber hinaus werden zwar 7000 Firmen befragt, aber es ist nicht die Rede davon, wie viele auch antworten. Vielleicht hat derjenige, der gerade um die Existenz seiner Firma kämpft, ganz andere Dinge zu tun, als einen nervigen Fragebogen an ein Wirtschaftsforschungsinstitut zurückzusenden.

Des Weiteren sind Firmenchefs auch keine Übermenschen. Wenn der Leiter einer großen Holzhandlung jeden Tag in der Zeitung liest, dass die Wirtschaftsexperten mit einer anziehenden Wirtschaft rechnen, weil der Konsument bald mehr Geld in der Tasche hat, wird dieser Firmenchef, der ja von Haus aus optimistisch sein sollte, der Überzeugung sein: Wenn das so ist, wie die sagen, werde ich in den nächsten Monaten auch mehr Holz verkaufen. Und schon entspricht der Ifo-Index dem, was die Experten gesagt haben.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Erst wenn die Lage in den Firmen schon als so dramatisch wahrgenommen wird, dass selbst die optimistischen Firmenchefs, die ja immer am liebsten Gewinnzuwächse ankündigen, zurückrudern und den Beteuerungen der Experten keinen rechten Glauben mehr schenken wollen, wird der IFO-Index zurückgehen.

Der IFO-Geschäftsklimaindex hatte Anfang 2007 seinen höchsten Stand seit über zehn Jahren und fällt seitdem kontinuierlich. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren!

Nebelkerze »Arbeitsmarktstatistik«

Darüber hinaus ist im Moment ständig von der wunderbaren Vermehrung der Arbeitsplätze zu lesen. Zugegeben: Wie es die Bundesregierung schafft, aus einem Heer von Arbeitslosen auf dem Papier ein Jobwunder zu erschaffen, das hat in der Tat schon etwas von einem biblischen Wunder. Hätte die Bundesagentur für Arbeit diese Nummer vor 2000 Jahren durchgezogen, wäre das vermutlich irgendwo zwischen der Teilung des Roten Meeres und der Speisung der 5000 in der Bibel erzählt worden. Es ist doch so: Auf Seite 1 der Zeitungen steht oft »Niedrigste Arbeitslosenzahl im Dezember seit Jahren«, auf Seite 2 bis 4 der gleichen Zeitung wird vom Stellenabbau im Bankgewerbe und von der Verlagerung von Tausenden von Handy-Arbeitsplätzen nach Rumänien berichtet. Mein Nachbar hat gerade seine Spedition geschlossen, und die Bundesagentur für Arbeit frohlockt monatlich mit tollen Zahlen. Sind das alles nur traurige Einzelschicksale und wir alle nur fachlich zu wenig beschlagen, um zu erkennen, dass das große Ganze sich wunderbar entwickelt? Oder sind meine Beobachtungen nach dem gesunden Menschenverstand gar nicht so falsch, aber die Zahlen der Statistik passen da irgendwie nicht rein? Höchste Zeit, sich diese Arbeitslosenstatistik einmal näher anzusehen. Also machen wir unsere Windmaschine an, blasen den Nebel der Statistikformeln beiseite und konzentrieren uns auf das Offensichtliche.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) meldet im Februar 2008 offiziell 3,6 Millionen Arbeitslose. Jetzt denkt der geneigte Wähler: »Na ja, 3,6 Millionen haben keine Arbeit und werden unterstützt. Alle anderen, die nicht mehr zur Schule gehen oder noch nicht in Rente sind, haben Arbeit.« Das ist gesunder Menschenverstand – hat aber leider nichts mit der Schönrechnerei unserer Regierung zu tun. Die sieht das ganz anders: Der Arbeitslose, der zum Beispiel gerade auf Staatskosten eine Berufsqualifizierungsmaßnahme macht, ist nämlich gar nicht arbeitslos. Der Arbeitslose, der gerade auf Kosten der Arbeitsagentur eine Berufsberatung erhält, ist auch nicht arbeitslos. Sie werden denken: »Wie das? Der Arbeitslose ist arbeitslos, bezieht Arbeitslosengeld, aber wird nicht als arbeitslos gezählt?« Und ich sage Ihnen: »Ja! Genau so wird das Spiel gespielt.«

Und damit wir nicht nur im luftleeren Raum argumentieren, hier die harten Fakten der Bundesagentur für Arbeit. Im Februar 2008 nahmen 1,46 Millionen Arbeitslose an sogenannten »ausgewählten Maßnahmen aktiver Arbeitsmarktpolitik« teil. Unter diesen tollen Begriff fallen Qualifizierung, Berufsberatung, Förderung der Berufsausbildung und so weiter. Aber halt! Wir dürfen ja nicht sagen: »Arbeitslose«. Denn mit dem Dritten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (in Kraft seit 1.1.2004) wurde im § 16 Arbeitslose, SGB III klargestellt: »Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten als nicht arbeitslos.«

Es gibt natürlich auch Arbeitslose über 58 Jahre. Hier geht es für Detailinteressierte um § 428, SGB III. Hierunter fallen im November 2007 204000 Menschen, die zwar Arbeitslosengeld kassieren, aber nicht als arbeitslos gezählt werden.

Die Ein-Euro-Jobber dürfen wir auch nicht vergessen. Die bekommen zwar Arbeitslosengeld. Doch da sie ja arbeiten, und sei es auch nur für einen Euro pro Stunde, sind sie laut Regierung ebenfalls nicht arbeitslos. Toll! Das macht noch einmal 287000 Arbeitslose weniger im Februar 2008.

Dazu kommen noch die kranken Arbeitslosen, die nicht mehr als arbeitslos zählen, die Jugendlichen, die keinen Job haben, aber eine Lehrstelle suchen, und so weiter und so weiter …

Da blickt zwar keiner mehr durch – soll ja aber auch nicht.

Drehen wir den Spieß doch mal um und betrachten die Sache mit dem gesunden Menschenverstand. Die Zahlen haben wir wieder von der Bundesanstalt für Arbeit.

Wir behaupten einfach, dass wir alle diejenigen als arbeitslos zählen, die Arbeitslosengeld bekommen. Ist doch eigentlich die einfachste und logischste Betrachtungsweise, oder?

Februar 2008:

Empfänger Arbeitslosengeld I:

1,1 Millionen

Empfänger Arbeitslosengeld II:

5,1 Millionen

Gesamtzahl der Arbeitslosen:

6,2 Millionen!

Vergleichen wir das noch einmal mit den 3,6 Millionen, die uns die Regierung an die Backe malen will. Was macht die Bundesagentur da? Sie schmeißt eine ganze Kiste Nebelkerzen mit den Namen »Ein-Euro-Job-Kerze«, »Über-58-Kerze« und so weiter, und in dem ganzen Qualm steht einer und schreit: »Ich hab’s gesehen, es sind nur 3,6 Millionen Arbeitslose!!!« Und da wir keine Lust haben, selbst im Nebel herumzustochern, glauben wir es halt.

Würden wir uns die Mühe machen, wären wir wieder bei des Kaisers neuen Kleidern. Wir zählen einfach alle Arbeitslosen als Arbeitslose, und schon ist der ganze Spuk enttarnt. So einfach ist das! Aber warum macht man das? Warum erzählt man uns nicht die Wahrheit? Ein römischer Senator hat einmal im Senat den Vorschlag eingebracht, dass alle Sklaven in der Öffentlichkeit weiße Armbänder tragen sollten. Er war der Ansicht, man könne ja nicht mehr unterscheiden, wer Sklave und wer ein Freier sei. Der Senat lehnte diese Anfrage ab. Aus gutem Grund: »Wenn die Sklaven sehen, wie viele sie sind, fegen sie uns hinweg.« Mit leicht veränderter Wortwahl ginge der Satz heute auch wieder durch.

Notiz am Rande: 1932 gab es in Deutschland 5,6 Millionen Arbeitslose – was daraus wurde, ist hinlänglich bekannt.

Solange der Arbeitslose glaubt, dass die Wirtschaft toll läuft und nur er persönlich zu blöd ist, daran teilzuhaben, so lange hält er schamvoll den Mund. Alle anderen scheinen ja Jobs zu bekommen, da wird es wohl an ihm selbst liegen. Vielleicht sollte er sich doch mal wieder rasieren.

Aber was, wenn die Arbeitslosen wüssten, dass sie 6 Millionen sind? Vielleicht würden sie dann doch selbstbewusster nach Änderungen verlangen. Und davor haben die Regierung und die Industrie eine Heidenangst.

Selbst die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger wirft der Bundesregierung und der Bundesagentur für Arbeit in einem Interview mit dem hessischen Rundfunk »Statistik-Schwindel« vor. Aber was bei den Arbeitslosen so schön funktioniert, das muss doch auch bei anderen unliebsamen Zahlen funktionieren.

Warum akzeptiert die Finanzwelt »optimierte« Zahlen?

Sie haben gesehen, dass veröffentlichte Zahlen stets mit größter Skepsis zu betrachten sind. Wir könnten von diesen Beispielen noch etliche durchkauen. Ich denke jedoch, für den Moment genügt es. Auf den einen oder anderen Aufreger bezüglich der Wirtschaftsdaten komme ich noch zu sprechen.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Warum, zum Henker, kümmern sich die hochbezahlten Finanzmenschen an den Kapitalmärkten denn überhaupt um diese Zahlen, wenn sie ohnehin nicht stimmen? Eigentlich müssten doch landauf, landab die Analysten auf die Barrikaden gehen und rufen: »Das stimmt alles nicht! Der Kaiser hat keine Kleider an!« Stattdessen nicken alle freundlich mit dem Kopf und loben des Kaisers neue Kleider. »Oh, wir haben die Arbeitslosigkeit im Griff! Seht nur, wie stabil unsere Preise sind!«

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten, die allesamt ein gewisses Kopfschütteln hervorrufen. Zum einen sind tatsächlich noch Experten anzutreffen, die diese Zahlen für bare Münze nehmen. Zugegeben, ich bin in den letzten Jahren sehr wenigen davon begegnet. Die große Masse der »Finanzcommunity« ist sich vollkommen darüber im Klaren, dass die Zahlen mehr oder weniger Kappes sind. Die Spanne reicht von »möglicherweise etwas ungenau« bis »Volksverarsche«. Dennoch hat auch der geplagte Finanzmensch ein großes Problem: An irgendetwas muss er sich ja orientieren. Also hat man sich irgendwann stillschweigend dazu durchgerungen, dass es am einfachsten ist, so zu tun, als würden die offiziellen Daten, so wie sie sind, stimmen. Jetzt haben wir wenigstens eine mathematische Konstante, mit der alle rechnen. Wenn alle falsch rechnen, ist es für mich ja nicht so schlimm. Außerdem ist es ziemlich anstrengend, immer wieder gegen alle anderen mit dem Argument anrennen zu müssen: »Aber das stimmt doch alles nicht!« Man hat mit dem Alltagsgeschäft schon genug zu tun und kann nicht auch noch gegen Windmühlen kämpfen.

Hinzu kommt ein höchst praktischer Nebeneffekt: Vielen Banken und Vermögensberatern passt es prima ins Konzept, wenn die Kunden glauben, dass die Inflationsrate bei 3 Prozent liegt. Dann finden die Kunden 5 Prozent Zinsen oder sogar 6 Prozent Fondserfolg eine ganz tolle Sache, hat man doch inflationsbereinigt 2 oder 3 Prozent verdient. Wenn der Kunde wüsste, dass die Inflation bei 10 Prozent liegt, würde er zu Recht sagen: »Habt ihr noch alle Latten am Zaun? Ich bekomme 5 Prozent Zinsen, während mir die Inflation jedes Jahr 10 Prozent wegfrisst!? Da bin ich ja bis zur Rente ein armer Mann!«

Warum sollte also jemand ein Interesse daran haben, an den offiziellen Daten zu zweifeln? Sie sind doch ganz nützlich.

Natürlich wissen die Profis ganz genau, dass die reale Inflation wesentlich höher ist. Daher jagen sie ja auch seit Jahren wie der Teufel hinter der armen Seele höheren Renditen für ihre eigenen Finanzanlagen hinterher, um diese echte Inflationsrate zu schlagen oder zumindest auszugleichen. Warum hatten wir denn in den letzten Jahren die Forderungen nach immer höheren »Eigenkapitalrenditen« (das ist die Rendite, die auf das eigene eingesetzte Geld anfällt) bei den Unternehmen? Erinnern Sie sich? Josef Ackermann forderte für die Deutsche Bank im Jahr 2005 eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern. Dafür war man auch bereit, trotz Milliardengewinnen Mitarbeiter zu entlassen. Die Leute haben sich an den Kopf gefasst. Aber Ackermann hat es geschafft. Selbst wenn man die Steuern abzieht, hat die Deutsche Bank im Jahr 2006 20,4 Prozent Rendite erzielt, 2007 immerhin noch 18 Prozent. Da blieb nach der Inflation noch ein schönes Sümmchen übrig. Und wie sah das in den letzten Jahren bei Ihnen aus, lieber Leser?

Natürlich waren diese hohen Renditen nicht mit langweiligen Pfandbriefen und Mittelstandskrediten zu erzielen. Da musste schon etwas Kreatives her. Hohe Rendite heißt auch immer hohes Risiko. Aber wenn man die Inflation schlagen will … Da durfte es dann schon mal ein abenteuerliches Finanzvehikel mit amerikanischen Häuslebauern sein. Die Folgen dieser Renditegier können Sie in Ihrer Tageszeitung oder auf den folgenden Seiten dieses Buches nachlesen.

Sinn oder Unsinn der täglichen Zahlenflut

Ergänzend kommt hinzu, dass jede Woche eine Flut von Wirtschaftsdaten die Finanzmärkte überschwemmt. Viele Marktteilnehmer haben ohnehin längst jeden Überblick verloren. Einige Eifrige bemühen sich, in diesem Meer von neuen Daten irgendwie den Kopf über Wasser zu halten, zu erkennen, welche Daten gerade wirklich wichtig sind, und dann auch noch zu verstehen, wie das jeweilige Ergebnis zu interpretieren ist, bevor oft schon Minuten später die nächste »wichtige« Kennziffer über sie hereinbricht. Da kommen Erstanträge auf Arbeitslosenzahlen der USA, gefolgt von der ersten Schätzung des Bruttoinlandsprodukts der USA, bevor Minuten später der »Zottelbärenindex« wieder alles über den Haufen wirft.

Der Begriff »Zottelbärenindex« ist volkswirtschaftlich nicht ganz korrekt und geht auf meinen hochgeschätzten Kollegen Rolf B. zurück, der den »University of Michigan Verbrauchervertrauensindex« stets mit den liebevollen Worten begrüßte: »Was wollen die langhaarigen Zottelbären von der Uni Michigan mir heute wieder erzählen?« Die Marktteilnehmer haben in der Masse längst aufgehört zu hinterfragen, was hinter der einen oder anderen gemeldeten Zahl wirklich steckt. Kaum jemand weiß, wie diese Zahlen erhoben werden, ob sie der Realität entsprechen oder ob sie in irgendwelchen Hinterzimmern von Eigenbrötlern mit dicken Brillengläsern und unerfülltem Liebesleben zusammengeschraubt werden.

Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass die meisten Marktteilnehmer überhaupt nicht wissen, was es mit dieser oder jener Zahl auf sich hat. Fragen Sie mal probehalber irgendwelche Händler: »Heute Mittag kommt der ZEW-Index. Liegt diese Zahl etwa bei –50 oder +50 und handelt es sich dabei um Indexpunkte oder Prozent?« Geschätzte 70 Prozent würden falsch antworten, und vielleicht 20 Prozent hätten richtig geraten (und nur die restlichen 10 Prozent haben es vielleicht wirklich gewusst …).

Das konkrete Wissen spielt schlicht keine Rolle. Wann immer eine neue Zahl veröffentlicht wird, lautet die Frage der Händler nur: »Ist das besser als das, was die Analysten erwartet haben, oder schlechter?« Die veröffentlichte Wirtschaftskennziffer wird von den Nachrichtenagenturen meist zusammen mit einer weiteren Zahl geliefert, der sogenannten Analystenschätzung. Dazu werden unterschiedlich viele Experten der Banken nach ihrer Prognose für diese oder jene Zahl befragt. Aus all den Antworten wird ein Durchschnitt gebildet, und das ist dann die Analystenerwartung. Ob diese Schätzung von einem Volkswirt abgegeben wurde oder ob dieser mangels Zeit einen Praktikanten die Zahl auf das Antwortformular hat schreiben lassen, bleibt ungeklärt. Häufig hat das schon etwas von Kaffeesatzlesen und Schwarze-Katze-bei-Vollmond-hinterm-Hof-Vergraben. Entsprechend oft weichen die veröffentlichten Zahlen von eben diesen Analystenerwartungen ab. Je stärker die Abweichung, umso hysterischer reagiert der Markt: »In den USA wurden letzten Monat 30000 Stellen abgebaut« – die Analysten hatten mit 50000 gerechnet. Die Händler springen vor Freude aus den Schuhen und die Aktien wie von der Tarantel gestochen nach oben. Aber nur für wenige Minuten. Dann ist der Spuk vorbei, und es geht in die gleiche Richtung weiter wie vor der Bekanntgabe der Zahlen.

Da kann die veröffentlichte Wirtschaftskennzahl noch so grottenschlecht sein – wenn sie nur besser war als die mysteriöse »Analystenerwartung«, freut sich der Markt wie ein Schnitzel über steigende Kurse. Verrückte Börsenwelt.