Creature. Gefahr aus der Tiefe - Morton Rhue - E-Book

Creature. Gefahr aus der Tiefe E-Book

Morton Rhue

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12,99 €

Beschreibung

EIN PLANET VOLLER GEFAHREN. EINE MÖRDERISCHE KREATUR. EIN JUNGE, DER UM SEIN LEBEN KÄMPFT Der junge Ismael weiß: Wenn er überleben will, muss er die Erde verlassen. Die Umwelt ist zerstört, Nahrungs- und Sauerstoffvorräte werden knapp. Also reist er zum Planeten Cretacea und heuert auf einem Schiff an, das Jagd auf gefährliche Meereskreaturen macht: die Terrafins, rochenartige Wesen. Doch je länger Ismael an Bord ist, umso unheimlicher wird ihm der Kapitän. Geht es ihm wirklich nur um die Beute? Sturmgepeitschtes Fantasy-Abenteuer und packender Umwelthriller in einem - niemand kombiniert Spannung und Gesellschaftskritik so gekonnt wie Bestseller-Autor Morton Rhue. "Der Schwarm" meets "Elysium"!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489




Als Ravensburger E-Book erschienen 2017Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH© 2017 Ravensburger Verlag GmbHCopyright © 2015 by Todd StrasserDie amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Beast of Cretacea« bei Candlewick Press.Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Nicolai von Schweder-SchreinerDie Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.Lektorat: Petra Deistler-KaufmannUmschlaggestaltung: Favoritbüro, MünchenVerwendetes Bildmaterial von © Triff/Shutterstock, © Ethan Daniels/Shutterstock, © Mrijit/Shutterstock, © yellow/Shutterstock, © Viktor Habick/Shutterstock, © irabel8/Shutterstock, © Ase/Shutterstock, © Chaikovsky Igor/Shutterstock und © artdock/ShutterstockAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-47798-2www.ravensburger.de

Dieses Buch widme ich meiner Mutter Sheila Strasser, deren bedingungslose Liebe mein Rettungsboot war.

»Um Gottes willen, geht sparsam mit euren Lampen und Kerzen um! Nicht eine Gallone verbrennt ihr, für die nicht wenigstens ein Tropfen Menschenblut vergossen ward.«Herman Melville, Moby Dick

1

»Aufwachen.«

Es ist dunkel. Ismael schwimmt in luftdurchlässigem Sirup. Ist das ein Traum?, fragt er sich, bevor weiche, warme Ranken nach ihm greifen und ihn zurück in den schwarzen, schaumigen Nebel ziehen.

»Na los, Leute! Raus aus den Federn!«

Ismael macht eine Faust, die gallertartige Masse um ihn herum ist verschwunden. Er öffnet die Augen und sieht Farben: das kupferrote Gesicht einer Frau, ungewöhnlich schimmernd, mit schlangenförmigen Tattoos verziert. Dunkelbraunes Haar, blaue Augen, ein freundliches Lächeln.

»Sind wir da?«, fragt er, während er versucht, sich aufzurichten. Der Nebel hat sich aufgelöst, aber er fühlt sich benommen und wundert sich, wie steif sein Kiefer ist.

»Ganz ruhig, Schätzchen.« Die Frau legt die Fingerspitzen auf sein Schlüsselbein. »Du bist da, aber du warst im Kälteschlaf. Also schön langsam.« Sie drückt ihn sanft zurück in den Schaumstoff. »Ich sag dir Bescheid.«

Ismael lässt sich widerstandslos in das weiche Polster sacken, aber als die Frau zur nächsten Kapsel geht, späht er über den Rand. In der spärlich beleuchteten Kammer stehen fünf grüne ovale Kapseln, in jeder liegt ein Neuankömmling. Ismael hat ein paar von ihnen schon an dem Tag gesehen, als sie die Erde verließen. Komischerweise ist das im Moment das Einzige, woran er sich erinnern kann, und an seinen Namen.

Kurz darauf, nachdem sie alle aufgeweckt hat, stellt sich die Frau in die Mitte des Raumes. Sie trägt blaue Shorts und ein blaues Hemd mit abgerissenen Ärmeln, ihre Arme sind mit Tattoos bedeckt. »Hört mal zu. Ich heiße Charity, und ich werde euch beim Wiedereintritt begleiten. Ich weiß, ihr wollt unbedingt aufstehen und euch umsehen, aber wenn ihr euch keinen ernsthaften Schaden zufügen wollt, empfehle ich euch, genau das zu tun, was ich sage. Hebt die rechte Hand.«

Ismael gehorcht. Wie sein Kiefer fühlen sich auch Ellbogen und Schulter steif und verspannt an.

»Das ist deine linke Hand, Billy.«

Eine zittrige hohe Stimme erklingt: »T-tut mir leid, Ma’am.«

»Jetzt hebt die linke Hand.«

Charity lässt sie nacheinander sämtliche Gliedmaßen strecken und beugen. Ismael hat sich noch nie so kraftlos gefühlt. Allein das Bein zu heben bringt ihn kurz außer Atem.

»Macht euch keine Sorgen, wenn ihr euch schwach und müde fühlt«, erklärt Charity ihnen. »Kurz vor dem Aufwecken hat man euch ein Biologikum verabreicht, das euch hilft, wieder zu Kräften zu kommen und euer Gleichgewicht wiederzuerlangen. Wir begeben uns jetzt in die Vertikale. Die meisten von euch werden es nicht beim ersten Anlauf schaffen. Das ist normal. Wenn euch schwindelig wird, lasst euch in die Kapsel zurückfallen. Dafür ist sie so schön ausgepolstert. Weniger schön ist es, wenn ihr vornüberkippt und euch auf dem Boden den Schädel aufschlagt. Alle verstanden? Dann versucht, euch jetzt aufzusetzen.«

Während Ismael sich vorsichtig auf die Ellbogen stützt, spürt er sein Herz schneller pumpen. Aus dieser Position kann er in mehrere Kapseln sehen. Er erinnert sich nicht, die steife braune Uniform angezogen zu haben, die er und die anderen Ankömmlinge tragen. Ihm gegenüber richtet sich ein Mädchen mit wild zerzausten roten Haaren halb auf, bevor es die Augen verdreht und mit leisem Aufprall zurückplumpst.

Als sein Herzschlag sich beruhigt hat, hebt Ismael den Oberkörper weiter an. Neben ihm versucht noch jemand, sich hinzusetzen, verliert das Bewusstsein und kippt nach hinten. Vorsichtig kommt Ismael ein paar Grad weiter hoch.

Charity wirft einen Blick in seine Richtung und nickt ihm anerkennend zu.

Neben dem rothaarigen Mädchen sitzt ein großer Kerl mit breiten Schultern, auf der anderen Seite ein zerbrechlich aussehender Junge mit kurzen blonden Locken, von dem Ismael annimmt, dass es Billy ist. Alle sind knochendürr und haben matte, schlammfarbene Haut.

Der nächste Schritt besteht darin, aus der Kapsel zu steigen. »Haltet euch am Handlauf fest«, fordert Charity sie auf. »Wenn ihr euch langsam aufrichtet, sollte euch nicht mehr schwindelig sein, falls doch, geht in die Hocke und setzt euch dann auf den Boden.«

Die Kapseln kippen leicht nach vorn. Die Neuankömmlinge greifen nach dem Handlauf und setzen unsicher die Füße auf den Boden. Der Große steht als Erster, aber dann fängt er an zu schwanken. Als seine Knie einknicken, eilt Charity zu ihm, schiebt die Arme unter seine Achseln und lässt ihn vorsichtig runter.

»Nicht noch einer ohnmächtig werden. Außer mir ist niemand da, der euch auffangen kann.« Sie hockt sich vor den großen Jungen. »Alles klar, Queequeg?«

Er stützt die Hände flach auf den Boden. »Ich glaube, ja. Danke.«

»Das war ein bisschen schnell«, sagt Charity und hilft ihm auf. »Versuch es jetzt mal langsamer.«

Ismael und die anderen stehen mittlerweile auf wackligen Beinen und halten sich an den Handläufen fest. Der Fußboden neigt sich leicht unter ihnen.

»Fühlt sich tatsächlich an wie auf einem Schiff«, sagt ein Junge, der Ismael bisher nicht aufgefallen war. Er ist klein und pummelig, das schwarze Haar ordentlich geschnitten, die Fingernägel gepflegt. Ismael starrt ihn verwundert an, er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal jemanden gesehen hat, der auch nur ein Gramm zu viel wog.

»Das liegt daran, dass das hier ein Schiff ist, Mr Lopez-Makarova«, erwidert Charity.

»Sie können mich Pip nennen«, sagt er.

»W-wo sind wir?«, fragt der zerbrechlich aussehende Junge, immer noch mit zittriger Stimme.

»Das wirst du später noch erfahren, Billy. Wenn ich es dir jetzt sage, vergisst du es nur. Gedächtnisverlust ist eine Nebenwirkung des Kälteschlafs, aber das geht vorbei. Im Moment konzentrierst du dich am besten auf dein Gleichgewicht. Ach, und noch ein wichtiger Punkt. Streckt die linke Hand aus!«

Alle tun wie geheißen, und Charity scannt ihre Handgelenke mit einem Tablet, angefangen mit Billy, dessen schlanker Arm seinen zarten Zügen entspricht. Ismael blickt auf das tätowierte Symbol an seinem Puls. Das fast drei Zentimeter lange Viereck ähnelt einem Schaltkreis mit kupferfarbenen, in eine schwarze Matrix geflochtenen Glühfäden: seine Registrierung.

Charity richtet das violette Licht auf die Hand des rothaarigen Mädchens und wirft ihm einen irritierten Blick zu.

»Gibt’s ein Problem?«, brummt das Mädchen.

»Mit der Haltung kommst du hier nicht weit, Gwendolyn.«

»Niemand nennt mich so«, blafft sie zurück. »Ich bin Gwen.«

Charity geht weiter zu Queequeg, der ihr sein nacktes Handgelenk zeigt. »Sorry, ich hab keine.«

Das überrascht Ismael. Trotz seiner getrübten Erinnerung ist er sicher, dass zu Hause in Black Range jeder eine Registrierung hatte – das war Gesetz. Aber Charity gibt sich mit Queequegs Antwort zufrieden und geht weiter zu Ismael. Als das violette Licht über sein Handgelenk fährt, sieht er kurz ein goldenes Geflecht aufleuchten. Charity sieht ihn mit einem Ausdruck an, den er nicht recht einordnen kann, dann dreht sie sich weg.

Ismael fragt sich, ob jemand außer ihm mitbekommen hat, dass sie das Handgelenk von dem Jungen namens Pip nicht gescannt hat.

Es dauert nicht lange und die Neuankömmlinge gehen die ersten Schritte. Ismael kommt sich vor wie ein Kleinkind auf seinen wackligen Beinen, vielleicht ist es aber auch das Schiff, das so schwankt. Freundlich und gleichzeitig fordernd dirigiert Charity sie durch die einzelnen Bewegungsabläufe. Am Ende verteilt sie Schutzbrillen. »Wir gehen jetzt hoch an Deck. Seid vorsichtig damit. Die Dinger gehen leicht kaputt und sind nur begrenzt vorrätig. Wenn wir oben sind, dürft ihr sie unter keinen Umständen absetzen. Eure Netzhaut kann sonst großen Schaden nehmen.«

»Vielleicht sollten wir dann nicht an Deck gehen.« Gwen wirft ihr die Brille zurück.

Charity stürzt vorwärts, um sie aufzufangen, bevor sie zu Boden fällt. »Hast du nicht zugehört? Die sind verdammt empfindlich. Du kannst sie nicht einfach durch die Gegend werfen. Und du gehst auf jeden Fall nach oben.«

Als das rothaarige Mädchen die Arme verschränkt und trotzig das Kinn vorstreckt, tritt Charity auf es zu und senkt die Stimme. »Sei nicht dumm, Gwen. Du bist hier, um Geld zu verdienen, und dazu wirst du kooperieren und Befehle entgegennehmen müssen.« Sie hält ihr die Brille hin. »Es sei denn, du willst den Rest der Reise in einer stinkenden heißen Zelle neben dem Reaktor verbringen.«

Schnaubend gibt Gwen klein bei. Charity wendet sich an die anderen. »Okay, Leute, es ist Zeit, eure neue Welt kennenzulernen.«

Gespannt, was ihn erwartet, setzt Ismael seine Brille auf. Anders als die dunklen VR-Brillen, durch die man nur virtuelle Realität sieht, bleibt diese hier durchsichtig, als Charity sie aus der Kammer heraus und dann mehrere Treppen hoch führt. Am Ende eines langen Ganges drückt sie eine Luke auf. Ein blendend greller Strahl scheint hindurch, weit heller, als Ismael es je auf der Erde erlebt hat. Heiße Luft weht herein.

»Einer nach dem anderen«, erklärt Charity.

Queequeg geht vor und scheint sich im gleißenden Licht draußen aufzulösen. Ihm folgt Gwen, dann Pip. Ismael rückt nach, sein Puls jagt vor Aufregung. Als er durch die Luke tritt, schlägt ihm eine Gluthitze entgegen, sein Kopf fühlt sich an, als stünde er direkt unter einem Gasbrenner. Ganz am Rand seines Gesichtsfelds entdeckt er die Quelle dieses heißen, glühenden Lichts, eine riesige gelbe Scheibe am Himmel. Obwohl die Brille sich automatisch verdunkelt, muss er die Augen gegen das schmerzhafte Whiteout zusammenkneifen. Gleichzeitig prasselt eine Unzahl verblüffender Klänge, Gerüche und Empfindungen auf ihn ein.

Nur eines weiß er mit Sicherheit: Er ist zum ersten Mal in seinem Leben an einem Ort ohne Dunstglocke.

»W-was ist das?«, hört er Billy fragen.

»Das ist die Sonne«, antwortet Charity.

Ismael atmet tief durch, seine Lunge füllt sich mit stickiger Luft. Die Brille ist extra für empfindliche, an ständige Dunkelheit gewöhnte Augen gemacht, man hat durch sie also eine eher gedämpfte, begrenzte Sicht. Aber da Charity nur eine Schirmkappe trägt, hofft Ismael, dass sie die Brillen früher oder später auch nicht mehr brauchen werden.

Fürs Erste sieht er, dass sie an Deck eines großen Schiffes sind, das ganz anders aussieht als die beim virtuellen Rundgang in der Missionszentrale, wo er sich eingeschrieben hat. Das waren schnittige, glänzende Boote mit stromlinienförmigen Aufbauten. Dieser alte Pott hier ist verbeult und voller Rostflecken, die schwarze Farbe ist abgeblättert, überall sind lange rotbraune Streifen. Über ihnen ragen die dunklen Umrisse der Kräne empor und in der Mitte ein Aufbau mit teilweise kaputten Fenstern und Rettungsbooten, die schief an zerfransten Seilen hängen.

Aber damit hält sich Ismael nicht auf. Nicht bei all dem Wasser um sie herum. Bis zu diesem Tag hat er nicht mehr Wasser auf einmal gesehen, als in einen kleinen Eimer passen würde. Und jetzt treibt ihr Schiff auf einem riesigen glitzernden blaugrünen Meer, das sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckt, weiter als jede VR es ihm hätte vortäuschen können. Darüber sieht er zum ersten Mal in seinem Leben den endlos blauen Himmel, gesprenkelt mit kleinen weißen Wolken.

So also sieht eine unberührte Welt aus … Ein Planet, der in jeder Hinsicht anders ist als die Erde, die er verlassen hat.

Ein plötzlicher Tumult an Deck holt ihn aus seinen Träumereien. Mehrere Matrosen rauschen vorbei, von oben ertönt das hohe Jaulen einer landenden Drohne. Weitere Besatzungsmitglieder eilen in Richtung Backbord, die Neuankömmlinge hören ihre aufgeregten Rufe über das Deck schallen.

»Was ist los?«, fragt Queequeg.

Charity schnappt sich einen der Matrosen, der begeistert erklärt: »Fedallah hat einen Terrafin erwischt!«

2

Mit Charity an der Spitze laufen sie über das Deck zu den Seeleuten, die sich backbord an der Verschanzung versammelt haben. Als Ismael die Reling berührt, verbrennt er sich die Hand am aufgeheizten Lack und zuckt zurück. Neben ihm schütten sie Eimer mit Meerwasser auf die Reling, um sie zu kühlen, also macht er es auch so. Das Sonnenlicht glitzert auf der sanft wogenden See, und der fremde salzige Geruch des Meeres dringt ihm in die Nase.

Die Matrosen zeigen auf zwei Punkte am blaugrünen Horizont.

»Was ist das?«, fragt Queequeg und wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

»Jagdboote«, erklärt Charity. »Mit dem Terrafin im Schlepptau.«

»Terrafin?«, wiederholt Pip.

»Siehst du gleich.«

Allmählich verwandeln sich die Punkte in der Ferne in winzige Boote. Ismael schätzt, dass sie knapp zweihundert Meter auseinander sind. Beide ziehen eine schwere rote Leine hinter sich her. Etwa eine Viertelmeile dahinter laufen die Leinen zu einem brodelnden, schäumenden Strudel zusammen.

»Das ist eindeutig ein Terrafin!«, ruft ein Seemann neben ihm. »Ich kenn sonst nichts, was sich derartig wehrt!«

»Kein großer, aber dürfte reichen!«, brüllt ein anderer.

»Hilft auf jeden Fall den Topf füllen!«, jubelt ein Dritter.

Während alle das Spektakel in der Ferne beobachten, lehnt Ismael an der Reling und sieht nach unten. Ihm stockt augenblicklich der Atem. Auf einem blutdurchtränkten Deck unter ihnen steht ein halbes Dutzend Seeleute mit langen, an Stangen befestigten Klingen um eine riesige grüngraue, auf der Seite liegende Kreatur herum. Das Tier hat einen gewaltigen Kopf, ein lang gezogenes Maul voller spitzer Zähne, flache Stummelflossen und einen langen Schwanz. Ismael stößt Queequeg mit dem Ellbogen an, damit er ebenfalls hinuntersieht.

»Ein Buckelwal«, sagt Charity, als sie die beiden bemerkt. »Heute Morgen erst gefangen.«

Ismael und Queequeg beobachten schweigend, wie die Seeleute das Tier in Stücke schneiden und die matratzengroßen Fleischscheiben an der Seite stapeln. Abgesehen von ein paar lästigen Insekten zu Hause auf der Erde ist dies das erste nicht menschliche Lebewesen, das die beiden je gesehen haben.

Währenddessen werden die Männer um sie herum immer lauter und aufgeregter. Die langen, schmalen Jagdboote sind inzwischen ein ganzes Stück näher gekommen, und der Terrafin wehrt sich so erbittert, dass man meinen könnte, sie würden einen kleinen Taifun hinter sich herziehen. Endlich erreichen die Boote das Schiff, und die roten Leinen werden auf die großen Seilwinden zu beiden Seiten der breiten Rampe gespannt, die am Heck ins Wasser abfällt.

»Jetzt wird es brenzlig«, warnt Charity. Das Deck bebt, als das Schiff sich in Gang setzt und den Terrafin langsam mit sich zieht, sodass die Leinen nicht durchhängen und sich verheddern. Eine Strickleiter wird an der Seite ausgeworfen, und mehrere Matrosen in gelben Taucheranzügen klettern hinunter und helfen den Männern in den Jagdbooten hoch.

Die Ankunft der ersten Crew löst Erstaunen unter den Neuankömmlingen aus. Die Männer sind alle groß, haben dunkel glänzende Haut und hell gefärbte Haare. Die Ärmel an ihren Uniformen sind abgerissen, die nackten Arme muskulös und tätowiert.

»Das ist Tashtegos Crew«, sagt Charity. »Sieht nicht so aus, als wären sie beim eigentlichen Fang dabei gewesen. Wahrscheinlich sind sie erst später dazugekommen und haben mitgeholfen, das Viech abzuschleppen.«

»Woher wollen Sie das wissen?«, fragt Gwen.

»Sie sehen nicht mitgenommen genug aus.«

Kaum sind die Worte Charity über die Lippen gekommen, taucht die zweite Crew auf. Als Erstes steigt eine grünhaarige Frau schlotternd über die Reling, gefolgt von einem benommen wirkenden Mann mit buschigem gelbem Haar, einem ebenso gelben Ziegenbart und orangerot tätowierten Flammen, die aus den gelben Augenbrauen aufsteigen. Um die Stirn hat er einen rot gefleckten Verband gewickelt, seine Rettungsweste ist mit Blut bespritzt.

Als das nächste Besatzungsmitglied in einer Korbtrage hochgehievt wird, beißt sich Charity auf die Lippen. »Den scheint es schlimm erwischt zu haben.«

Ein paar Matrosen greifen nach der Trage und lassen sie vorsichtig aufs Deck ab. Darin liegt ein Brocken von einem Kerl mit rasiertem Kopf. Die tief liegenden Augen zusammengepresst, das Gesicht schmerzverzerrt, hält er sich den linken Arm. Ein kleiner runder Mann mit Augenklappe geht neben ihm in die Hocke, öffnet einen schwarzen Arztkoffer und fummelt eine Weile an einer mit wässrig grüner Flüssigkeit gefüllten Impfpistole herum. Endlich verpasst er dem Verletzten die Injektion, woraufhin der erleichtert ausatmet und auf die Trage zurücksinkt.

Der letzte der Crew klettert an Bord, er ist zarter gebaut und hat das weiße Haar zu einem Knoten geballt, der wie ein Ei oben auf dem Kopf liegt. Auch seine Uniform ist blutbespritzt und am Ellbogen und am Knie aufgerissen. Aber er wirkt ganz ruhig, seine dunklen Augen blicken verträumt. Ohne mit irgendwem ein Wort zu wechseln, läuft er übers Deck und verschwindet durch eine Luke.

Die kräftigen Winden haben den wütenden Terrafin nahe ans Schiff gezogen. Ismael ist erstaunt, wie klein er ist. Die Spannweite seiner dicken, mächtigen Schwingen kann nicht mehr als vier Meter betragen, und der dünne, peitschenartige Schwanz ist vielleicht gerade mal drei Meter lang. Trotz seiner Wildheit ist er von einer faszinierenden Schönheit, der Rücken so schwarz wie die Unterseite weiß, um die großen nachtblauen Augen sind ein paar weiße Tupfer versprengt.

Je näher der Terrafin dem Schiff kommt, desto größer wird sein Widerstand. Er wirft sich mit solcher Kraft hin und her, dass er fast mehr über als unter Wasser ist. Gleichzeitig verdunkelt sich der Himmel mit weißen, grauen und braunen Fliegern, die kreischend über der Rampe kreisen.

»Stopp!«, ruft plötzlich jemand. Alle drehen sich um. Ein Mann steht auf einem kleinen Turm neben dem verglasten Kasten, von wo aus die Winde betrieben wird. Er trägt eine schwarze Uniform und eine kleine runde Sonnenbrille, in der sich das Sonnenlicht spiegelt. Ein Kopftuch hält sein pechschwarzes Haar zurück.

Die Winden bleiben stehen. Ismael sieht auch warum: Unten an der Rampe hat sich der Terrafin in einer Ecke verkeilt. Wenn die Winden weiter die Leinen einholten, würde die Harpune herausgerissen und das Tier entkommen. Und tatsächlich, während es mit den Schwingen gegen den Schiffsrumpf donnert, kann jeder sehen, dass einer der blutigen Widerhaken langsam aus seinem Rücken tritt.

»Die sollten besser eine zweite Harpune nehmen, bevor die hier sich löst«, sagt Charity.

Der Mann in Schwarz brüllt den Seeleuten von seinem Turm aus zu: »Ein Tausender dem, der ihm eine zweite Harpune verpasst!«

Ismael stockt der Atem. Das ist aberwitzig viel Geld, und er rechnet damit, dass die Männer sich um diese Chance prügeln werden. Doch die Horde verstummt, die Blicke bleiben unter den Schirmen der Mützen versteckt. Nur das Schlagen des Terrafins und das Krächzen der Flieger über ihnen sind noch zu hören.

»Zweitausend!«, ruft der Mann.

»Ist das der Kapitän?«, fragt Gwen.

Charity schüttelt den Kopf. »Starbuck, der Erste Steuermann.«

»Dreitausend!«, brüllt Starbuck.

Queequeg beugt sich zu Ismael vor und flüstert: »Auf der Erde würde es Jahre dauern, so viel Geld zu verdienen.«

Trotzdem geht niemand auf das Angebot ein.

Vor der Rampe flattert und schlägt der Terrafin weiter um sich. Einer der Widerhaken hat sich jetzt komplett befreit.

»Viertausend!«, fleht Starbuck. Was für ein Haufen Geld … für etwas, was nicht mehr als ein paar Sekunden dauern kann. Damit hätte Ismael schon einen Teil der Summe zusammen, wegen der er auf diesen Planeten gekommen ist. Aber er ist erst seit ein paar Stunden an Bord, würde man ihm die Aufgabe überhaupt anvertrauen?

Er überlegt noch, ob er sich melden soll, da geht eine Hand in der Menge hoch, und ein kleiner, drahtiger Seemann tritt vor.

»Abdul hat angebissen«, flüstert Charity. »Wünscht ihm Glück. Er wird es brauchen.«

Der Mann bekommt Helm, Panzerweste, einen durchsichtigen Schild und einen Harpunenwerfer. Er blickt nervös um sich, seine Hände zittern. Schweiß läuft ihm unter dem Helm hervor und über die Schläfen. Jemand befestigt ein Drahtseil an seinem Panzer und klopft ihm ermunternd auf die Schulter.

Mit erhobenem Schild und dem Harpunenwerfer auf der Schulter läuft Abdul in kurzen, vorsichtigen Schritten die Rampe hinunter. Der Terrafin schlägt weiter wild um sich, Wasser spritzt gegen den Schild. Die Flieger stürzen jetzt noch wilder krächzend hinab, als spürten sie die Spannung in der Luft.

Auf halber Strecke bleibt Abdul stehen und sieht sich um.

»Worauf wartest du?« brüllt Starbuck ungeduldig.

Die anderen pflichten ihm bei. »Los, weiter!« – »Keine Angst!« – »Denk an den Topf, Mann!«

»Am besten zieht er die Sache jetzt durch«, flüstert Charity. »Das würden sie ihm sonst nie verzeihen.«

»Die Harpune!« Einer der Seeleute zeigt nach unten. Der zweite Widerhaken hat sich aus der Wunde gelöst.

»Los!«, bellt Starbuck. »Bevor wir ihn verlieren!«

Abdul geht einen Schritt vorwärts. Im selben Moment hält der Terrafin inne. Die Menge verstummt. Das Tier liegt jetzt am Eingang der Rampe, der Motor ist aus, und die Schiffsschrauben stehen still. Das Schiff gleitet langsam und ruhig dahin.

»Na, los!«, schreit Starbuck.

Abdul senkt den Schild und zielt auf die reglose Kreatur, die unter ihm halb aus dem Meer ragt. Die schwarze Haut glänzt in der Sonne.

»Mach schon!«, befiehlt Starbuck.

Doch der Terrafin kommt dem Seemann zuvor. Blitzschnell wölbt er den Rücken und schlägt den Schwanz über den Kopf. Abdul knickt ein und bricht zusammen, der Harpunenwerfer fällt scheppernd zu Boden.

Kleine Wellen plätschern gegen das Heck, wo eben noch der Terrafin festhing. Das Tier ist weg, die blutige Harpune baumelt nutzlos an der Leine. Abdul liegt auf der Rampe, ein langer, spitzer weißer Stachel steckt quer in seinem Hals, sodass beide Enden sichtbar sind. Mit jedem Herzschlag strömt hellrotes Blut aus der Wunde auf den Boden.

Starbuck und der kleine Mann mit der Augenklappe drängen durch die Menge und laufen die Rampe hinunter. Starbuck hält Abduls Kopf auf dem Schoß, während der Arzt erneut in seinem schwarzen Koffer kramt und die Impfpistole hervorholt.

Doch dann stoppt er mitten in der Bewegung.

Es fließt kein Blut mehr aus Abduls Wunde.

Starbuck lässt die Schultern hängen. »Vergiss es, Doc!«

Der Arzt steckt die Pistole zurück in die Tasche, und der Erste Steuermann legt Abduls Kopf vorsichtig auf die Rampe.

Für Ismael ist es nicht die erste Begegnung mit dem Tod. Wenn man zu Hause in Black Range jeden Tag im Morgengrauen aufbrach, um sich in der Natrient-Schlange anzustellen, kam man früher oder später an einem Toten vorbei, jemand, der am Abend zuvor Opfer eines Überfalls geworden war oder zu viel Benzo getrunken oder zu großen Kummer erlebt hatte. Aber Ismael hat noch nie jemanden direkt vor seinen Augen sterben sehen und die anderen Neuankömmlinge offensichtlich auch nicht. Bleich und mit offenem Mund beobachten sie, wie Starbuck die Männer anweist, Abduls Leichnam die Rampe hochzutragen.

»W-was war d-das D-Ding in seinem Hals?«, stammelt Billy.

»Wir nennen es Spieß«, antwortet Charity und schüttelt grimmig den Kopf. »Willkommen in eurem neuen Leben, Leute.«

3

BLACK RANGE, ERDE: vor der Abreise

Sie saßen an einem alten Baklum-Tisch, dessen schwache biolumineszente Strahlung kaum ausreichte, um das Glas und den Krug darauf zu erkennen. Der Rest der kleinen Küche war in Dunkelheit gehüllt. Von den Menschen am Tisch waren gerade mal Silhouetten zu sehen.

»Wie lange noch?«, fragte Ismael.

»Neun Stunden«, erwiderte sein Pflegevater Joe.

»Ist doch egal, Isi.« Archies Stimme kam aus dem Dunkeln. »Ich will mit. Es war dumm von dir, Einspruch zu erheben. Ich komm schon klar.«

»Ist Elizas Gesetz nicht genau dazu da, so etwas zu verhindern?«, fragte Ismael.

Old Ben lehnte sich aus dem Schatten vor. Mit zitternder Hand griff er nach seinem halb vollen Glas Benzo. »Das bezieht sich nur auf Jobs in diesem Sonnensystem. Hinter der Oort’schen Wolke herrscht mehr oder weniger Anarchie.« Das Glas war leer, als er es auf den Tisch zurückstellte.

»Wenn du weggehen kannst, dann kann ich es auch, Isi«, sagte Archie. »Die schicken mich bestimmt an einen total harmlosen Ort. Zum Beispiel auf diesen Planeten, wo die ganzen Nutrazeutika herkommen. Wie heißt der noch?«

»Permia«, sagte Joe.

»Angeblich sitzt man da den ganzen Tag im Labor und überprüft das Essen auf Fremdstoffe«, erklärte Archie und fügte dann hinzu: »Wobei ich schätze, dass sie dort nicht so gut zahlen wie auf einem dieser irren Planeten mit aktiven Vulkanen und Erdbeben, wo die Leute bei Minenunglücken sterben.«

Old Ben beugte sich gerade mal weit genug vor, dass Ismael seine buschigen Augenbrauen und sein weißes Haar sehen konnte. Er nahm den Krug und schenkte sich etwas von der durchsichtigen, süßlichen Flüssigkeit ein. »Egal, was sie zahlen«, sagte er, »es wird mehr sein, als du hier bekommst … falls du überhaupt einen Job findest.« Als Leiter des Zirconium-Elektrolyse-Werkes – dem einzigen größeren Arbeitgeber in Black Range – wusste Old Ben besser als jeder andere, wie düster die Aussichten für Ismaels und Archies Generation waren.

»Er hat recht«, sagte Joe.

Obwohl Ismael es nie aussprechen würde, ärgerte es ihn, dass es seinem Pflegevater so wenig ausmachte, wenn Archie wegging. Gut, so eine Mission dauerte nur ein Jahr – es sei denn, man verlängerte –, aber egal, wie viel man verdiente, es lohnte sich nur, wenn man überlebte.

Draußen pfiff der Wind. Ismael glaubte, Schotter und Sand über das Dach kratzen zu hören.

Bens Glas war wieder leer, aber als er nach dem Benzo-Krug greifen wollte, war er verschwunden. Ismael nahm an, dass sein Pflegevater ihn weggestellt hatte.

»Könnte ein Sturm sein.« Joe stand auf. »Vielleicht gehst du besser nach Hause, Ben. Hol schon mal den POL, Ismael.«

»Soll ich ein Gewehr mitnehmen?«, fragte Ismael. Nachts war das normalerweise ratsam.

Von draußen erklang das Rasseln einer Dose, die der Wind über die Straße fegte. Joe zögerte, dann nickte er. »Schwer vorstellbar, dass sich bei dem Wetter jemand herumtreibt, aber man weiß ja nie.«

Ismael ging in die Abstellkammer, schnappte sich das Gewehr und tastete auf dem unaufgeräumten Regal herum, bis er den portablen organischen Leuchtstab gefunden hatte. Inzwischen pfiff der Wind noch lauter, und in der Ferne hörten sie es donnern. Es klang in der Tat nach einem schweren Sturm.

Auf dem Weg zur Haustür erblickte er im Dunkeln die kaum sichtbaren Silhouetten von Old Ben und Joe, die die Köpfe zusammensteckten und leise miteinander sprachen. Er blieb stehen und lauschte.

»Das Werk liefert nur noch eine Ladung Kohle pro Woche«, flüsterte Old Ben. »Und bald nur noch alle zwei Wochen.«

Joe seufzte. »Ich mache mir Sorgen um Archie … Es wird doch überall irgendeine Form von Elizas Gesetz geben, egal, wo sie ihn hinschicken, oder?«

»Keine Ahnung.« Old Ben legte dem größeren Joe die Hand auf die Schulter. »Aber selbst wenn nicht, er ist ein kluger Junge und wird sich zu helfen wissen. Und du weißt, dass es sein muss.«

»Was muss sein?«, fragte Ismael.

Beide Männer rissen erschrocken die Köpfe hoch.

»Nichts, Isi«, sagte Joe. »Du solltest Ben jetzt nach Hause bringen. Und nimm die Schutzbrille und eine Maske mit. Könnte unangenehm werden auf dem Rückweg.«

Draußen im Wind stank es nach Chemikalien und Ruß. Bis auf einen schwachen Lichtschein in einem Fenster hier und da war es stockfinster. Selbst in den klarsten Nächten sah man gerade mal zwei Meter weit, bevor alles im Nichts versank. Als Ismael jünger war, stellte er sich manchmal vor, wie er die Straße hinunterging und von einem Felsen stürzte, vielleicht sogar vom Rand der Erde, und dann endlos durch die Leere des Weltalls fiel. Aber wenn es stimmte, was er gehört hatte, dann leuchteten dort wenigstens die Sterne.

Old Ben und er folgten dem Strahl des POL über den aufgerissenen, holprigen Gehweg, der Wind blies ihnen in den Rücken, und der Sand brannte an Ohren und Nacken. Manchmal vergingen Monate, ohne dass sich die stinkende, rußige Luft unter der Glocke bewegte. Dann kam ein Sturm, der alles unter einer Sanddecke begrub.

Ismael stützte den alten Mann am Arm.

»Du bist ein guter Junge«, sagte Old Ben, als sie an den hohen nackten Masten vorbeikamen, an denen früher angeblich Laternen hingen. »Mach dir wegen Archie keine Sorgen. Er kriegt das schon hin.«

Bens Worte trösteten Ismael nicht. Wer wusste schon, wie es auf diesen Versorgerplaneten so viele Lichtjahre entfernt wirklich aussah? Jeder, mit dem man sprach, hatte seine eigene Version, aber die waren alle aus zweiter oder dritter Hand. Black Range war ein Fluch, und die Leute meldeten sich für Missionen an, weil sie nur so genug Geld verdienen konnten, um abzuhauen und nie mehr zurückzukehren.

Sie kamen an einem flackernden Holovid vorbei, einem der größten Gebilde in Black Range, nach den hohen Schornsteinen, die sich aus dem Zirconium-Elektrolyse-Werk erhoben. Eine bildschöne, zwölf Meter große Frau informierte sie auf einer lückenhaften Tonspur: »Wollen Sie … zzzt … neue Welten voller … zzzt … Rekruten haben ein exzellentes … zzzt … nie einen besseren Zeitpunkt … zzzt … Sichere Reise an Bord einer modernen Flotte … zzzt … Abenteuer und Spannung … zzzt … eine gesicherte finanzielle Zukunft … zzzt … Melden Sie sich noch heute an und … zzzt.«

Ismael zuckte zusammen. Warum hatte er Archie bloß erzählt, dass er sich eingeschrieben hatte? Andererseits konnte er auch nicht einfach so ohne Ankündigung gehen – das wäre undenkbar gewesen. Was hätte er tun können, um Archie davon abzuhalten, in die Missionszentrale zu humpeln und sich auch anzumelden?

Tatsächlich wäre Ismael nie eingefallen, dass sein Pflegebruder auch nur auf die Idee kommen könnte – und selbst wenn, dass die Missionsbehörde ihn nehmen würde. Dafür gab es doch Elizas Gesetz, oder? Damit Kinder und Menschen mit Behinderungen nicht ausgebeutet wurden. Ismael versank in Schuldgefühlen. Vielleicht hätte er sich gar nicht erst einschreiben sollen. Was bedeutet hätte, dass sie alle den Rest ihres Lebens im dunklen, trostlosen, verwahrlosten Black Range verbracht hätten, aber wenigstens wäre Archie in Sicherheit.

Der grobe Flugsand brannte auf der Haut, als sie bei Old Ben ankamen, dessen Haus früher wohl mal eines der schönsten in Black Range war, inzwischen aber ziemlich heruntergekommen aussah. Ismael half dem alten Mann durch die Tür und rümpfte die Nase über den muffigen Geruch im Haus.

»Setz dich!«, sagte Old Ben keuchend.

»Aber gleich kommt der Sturm.«

»Setz dich! Wir müssen … reden, mein Sohn. Es ist … wichtig.« Obwohl sie nicht weit hatten laufen müssen, war der alte Mann ganz außer Atem.

Da Ismael wusste, dass Old Ben ihn nicht aufhalten würde, wenn es nicht wirklich dringend wäre, tastete er nach einem Stuhl und setzte sich. Der Alte verschwand in der Dunkelheit und kam mit einem Krug und einem Glas zurück. Benzo war ein selbst gemachtes Gebräu, das das Nervensystem angriff und die Menschen zittrig machte. Aber Ben war alt, vielleicht fünfundvierzig oder sogar fünfzig, und hatte mit Sicherheit nicht mehr viele Jahre zu leben. Sein dichter Bart und sein Haar waren schneeweiß, bis auf ein wenig Grau am spitzen Haaransatz, und wie praktisch jeder, der in seinem Alter noch am Leben war, trug er einen Clip an der Nase, der seine zerstörte Lunge mit reinem Sauerstoff versorgte. Er ließ sich auf den Stuhl fallen und sog die Luft durch den Clip. Ismael konnte sein Gesicht kaum erkennen.

»Es gibt ein paar Dinge, die ich dir erklären muss, mein Sohn … Dinge, die ich dir bisher nicht sagen konnte … und jetzt habe ich nicht genug Zeit dafür wegen diesem verdammten Sturm.« Mit zitternden Händen schenkte er sich ein Glas Benzo ein und vergoss dabei etwas auf dem Tisch. Ismael staunte immer wieder, wie viel von dem Zeug Old Ben trinken und dabei noch klar denken konnte. »Also, du weißt ja, dass deine Pflegeeltern und ich schon sehr lange befreundet sind … aber was ich dir jetzt sagen werde, wissen selbst sie nicht. Du musst mir also schwören, dass das unter uns bleibt. Niemand darf ein Wort davon erfahren.«

Ismael zögerte. Seinen Pflegeeltern erzählte er zwar nicht alles, aber vor Archie hatte er keine Geheimnisse.

»Auch nicht Archie«, fügte der Alte wissend hinzu. »Irgendwann mal vielleicht, aber nicht jetzt. Schwörst du?«

»Warum?«, fragte Ismael.

»Weil …« Old Ben holte tief Luft und atmete langsam aus. »Es geht um Leben und Tod, mein Sohn. Darum.«

Ismael spürte, wie seine Brust sich zusammenzog. Was konnte so wichtig sein? Der Wind rüttelte an den Fenstern. Feiner Staub drang durch die undichte Tür.

»Es gibt vieles, was du und deine Familie nicht wissen, Ismael. Dinge, die niemand in diesem Ort weiß, weil der Trust es nicht will.«

»Der Trust?«, wiederholte Ismael verwirrt.

»Hab Geduld, mein Sohn«, sagte Old Ben. »Du bist ein kluger Junge und fragst dich wahrscheinlich, warum ein alter Mann wie ich, der den Großteil seines Lebens in diesem abgewirtschafteten Zirconium-Elektrolyse-Werk gearbeitet hat, etwas wissen sollte, was du nicht weißt. Ich werde dir etwas zeigen.« Er zog den Ärmel hoch und legte den linken Arm auf den Tisch mit der Innenseite nach oben. »Leg deinen Arm neben meinen, sodass unsere Registrierungen sich gegenüberliegen.«

Ismael beugte sich vor und tat, wie der Alte ihn geheißen. Der gegorene Geruch seiner Benzofahne stieg ihm in die Nase. Langsam zog Old Ben Ismaels Arm an seinen heran, bis plötzlich ein blauer Funke zwischen den beiden hin und her sprang und Ismael einen kleinen Schlag bekam. Erschrocken riss er den Arm weg.

»Unsere Registrierungen haben sich gerade begrüßt«, erklärte Old Ben.

Davon hatte Ismael noch nie gehört. Eine Registrierung war eine Form von Identifizierung. Warum sollten sie miteinander kommunizieren? »Was bedeutet das?«

Die Fenster klapperten. Draußen fegte der Schotter gegen das Haus. Old Ben winkte ab. »Ich habe keine Zeit, das zu erklären. Es gibt zu viel anderes, was ich dir sagen muss. Aber behalte in Erinnerung, was du gerade gesehen hast. Also, du hast vielleicht gehört, dass die Kohlebestände zu Ende gehen? Dass es bald nicht mehr genug Brennstoff gibt, um die Systeme anzutreiben, die das Leben auf diesem Planeten erhalten?«

Ismael nickte.

»Gut, ich sage es dir nur ungern, mein Sohn, aber es ist die Wahrheit. Wir haben praktisch alle uns bekannten Bestände aufgebracht.« Der Alte machte eine Pause, um die Worte sacken zu lassen. »Die Sauerstoffproduktion ist unter ein akzeptables Niveau gesunken. Dir ist wahrscheinlich aufgefallen, dass man an manchen Tagen kaum Luft bekommt?«

»Ich dachte, das liegt am Kohlenmonoxid«, sagte Ismael. Wenn im Zirconium-Elektrolyse-Werk Kohlendioxid aufgespalten wurde, entstanden Sauerstoff und Kohlenmonoxid – das ab einer gewissen Konzentration giftig war.

»Unter anderem auch. Aber hauptsächlich ist es Sauerstoffmangel.«

Ismael bekam eine Gänsehaut. Wenn es stimmte, was Old Ben behauptete, bedeutete das dann nicht das baldige Ende allen Lebens auf der Erde? »Bist du sicher? Joe und Petra hätten mir doch davon erzählt …«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Denk mal nach, mein Sohn. Mehr als alles andere wollen eure Pflegeeltern, dass Archie und du in Sicherheit seid. Und bald schon wird der sicherste Ort überall, nur nicht auf der Erde sein.«

Plötzlich verstand Ismael, warum Joe und Petra nichts gegen Archies Anmeldung unternahmen und ihn selbst so dabei ermutigt hatten. Trotzdem schüttelte er den Kopf. »Wenn das stimmt, gehe ich nicht weg. Die beiden können doch nicht erwarten, dass ich sie hier … ihrem langsamen Tod überlasse?«

Old Ben legte die Hand auf Ismaels und drückte sie. Sein Griff war überraschend kräftig. »Wenn du hierbleibst, mein Sohn, werdet ihr alle sterben. Du kannst dich und deine Pflegeeltern nur retten, wenn du gehst.«

»Und sie im Stich lassen?« Das war unvorstellbar.

Old Ben ließ Ismaels Hand los und lehnte sich zurück in den Schatten. Er trank einen Schluck Benzo, betrachtete das Glas und überlegte, was er noch sagen wollte. »Hör mir gut zu, mein Sohn, denn das, was ich dir jetzt erzählen werde, ist nicht leicht zu schlucken. Was, wenn ich dir sage, dass wir beide uns schon früher einmal begegnet sind – vor langer, langer Zeit? Ich meine nicht hier auf der Erde.« Der Alte zeigte mit dem Finger nach oben. »Ich meine, da draußen … dort, wo du jetzt hingehen wirst. Auf Cretacea, wo du an Bord eines Schiffes namens Pequod gedient hast.«

4

Die Neuankömmlinge folgen Charity durch eine Luke in einen Gang. Erschüttert von den Geschehnissen an Deck bemerken sie erst nicht den runzligen, gebeugten alten Mann, der jetzt auf sie zutrottet. Seine Haut ist fast durchsichtig. Die Augen sind eingefallen und geschlossen, seine knochige Hand rutscht über das Geländer, mit der anderen zieht er einen Eimer auf Rädern hinter sich her. Darin schwappt eine scharf riechende, chemische Flüssigkeit, und der Griff einer langen Bürste ragt heraus.

Er bleibt stehen und horcht einen Moment, das Gesicht zur Wand gedreht. »Sind das Sie, Ms Charity? Ja?«

»Wie geht es Ihnen, Tarnmoor?«, fragt Charity.

»Wie soll es einem gehen, nach dem, was man gerade über den jungen Abdul gehört hat? Sagen Sie mir, Ms Charity, gibt es denn eine Torheit der Tiere, welche der Irrsinn der Menschen nicht unendlich weit übertrifft? Was meinen Sie?«

»Nein, Tarnmoor, ganz bestimmt nicht«, antwortet Charity.

Der seltsame alte Mann zieht geräuschvoll die Nase hoch. »Haben Sie ’n paar Gören dabei, was? Ja?«

»Hab ich, ja.«

»Ah.« Er wendet sich den Neuankömmlingen zu. »Tut genau, was Ms Charity euch sagt, hört ihr? Wollt ja nicht enden wie der arme Abdul. Oder ’n blinder alter Matrose wie ich, was? Ja? Und jetzt sagt, wie ihr heißt, einer nach dem andern. Die Namen.«

Während sie an ihm vorbeilaufen, nennen sie ihm ihre Namen. »Hallo, ich bin Pip.« – »B-Billy.« – »Ismael.« – »Queequeg, Sir.«

»Moment mal, Moment mal!«, ruft Tarnmoor, als sie durch sind. »Die junge Dame hat ihren Namen nicht gesagt. Junge Dame?«

Gwen sieht ihn erschrocken an. »Woher wissen Sie das?«

Der krumme alte Mann grinst, man sieht sein Zahnfleisch und ein paar Stümpfe. »Woher der alte Tarnmoor das weiß? Woher? Vom Licht der Sonne erblindet war er vom ersten Tag an. Aye, aber wissen tut er alles … Wenn sich etwas bewegt oder wenn es ein Geräusch macht, aye, dann weiß er das. Wenn es nach was riecht, dann weiß er das.«

»Lassen Sie sich das mal nicht zu Kopf steigen«, spottet Gwen.

»Ah, auch noch eine kleine Rothaarige! Stimmt’s, Ms Charity? Stimmt’s?«

Gwen reißt überrascht die Augen auf.

»Da haben Sie recht«, erwidert Charity.

Tarnmoor gackert und zeigt dann mit seinem krummen Finger auf die anderen. »Passt auf euch auf, Kinder. Die schrecklichsten Geschöpfe gleiten unter Wasser dahin, zum größten Teile unsichtbar, heimtückisch verborgen unter dem schönsten Azur.«

»Ich glaube, das haben sie gerade mit eigenen Augen gesehen, Tarnmoor«, sagt Charity und führt Ismael und die anderen weiter.

Ein paar Decks tiefer, vor dem Männerschlafraum, bittet Charity Gwen zu warten und winkt die Jungen hinein. Mit Vorhängen versehene Kojen schweben von Magnetkraft gehalten in unterschiedlicher Höhe zwischen Decke und Boden. Während sie nach hinten geführt werden, bemerkt Ismael, dass einige der Betten dekoriert sind mit riesigen spitzen Zähnen und langen Stacheln, so wie der in Abduls Hals. Charity stößt die Tür zum Waschraum auf und gibt ihnen ein Zeichen hineinzusehen. Erstaunt blicken sie auf eine Reihe von offenen Kabinen mit Knöpfen und jeweils einem langen gebogenen Rohr, das in einer kegelförmigen Düse endet.

»Will jemand raten, was das ist?«, fragt Charity.

Ismael, Billy und Queequeg haben keine Ahnung. Nur Pip – mit seinen schnellen, neugierigen Augen – guckt, als wüsste er mehr.

»Versucht mal, an so einem Knopf zu drehen«, schlägt Charity vor.

Queequeg betritt den Waschraum, und Ismael fällt auf, wie anders als die verängstigten Bewohner von Black Range er sich verhält. Ohne zu zögern, greift er in eine Kabine und dreht an dem Knopf.

Aus der Düse über ihm läuft Wasser!

Queequeg springt überrascht zurück, greift dann schnell wieder hinein und dreht das Wasser ab. »Tut mir leid! Das wusste ich nicht! Wirklich!«

»Kein Problem.« Charity lacht. »Dafür ist es ja da. Du kannst es den ganzen Tag laufen lassen, wenn du willst.«

Ismael traut seinen Ohren nicht. Zu Hause auf der Erde konnte man verhaftet werden, wenn man mutwillig Wasser verschwendete. Er sieht noch mal zu den Kabinen und dann zu Charity. »Sind die … zum Waschen?«

»Wann immer ihr wollt, Jungs«, sagt Charity und grinst. »Und so, wie die meisten von euch gerochen haben, als ich eure Kapseln geöffnet habe, solltet ihr diese Duschen vielleicht direkt mal ausprobieren. Ich komme wieder, wenn es Essen gibt.« Sie geht hinaus und schließt die Tür hinter sich.

Kurz darauf stehen Ismael und Queequeg in den Kabinen und lassen das heiße Wasser über ihre Körper laufen. Es ist ein Wunder. Ismael kann gar nicht genug von dem Gefühl bekommen. Wenn es doch nur die Erinnerung an den Toten wegspülen könnte, den er eben gesehen hat.

»Kannst du das glauben?«, fragt er Queequeg. »Woher kommt das wohl?«

Der große Junge zuckt mit den Schultern. »Charity meinte, das Schiff hätte einen Kernreaktor. Das heiße Wasser ist wahrscheinlich ein Nebenprodukt des Kühlsystems.«

Ismael hat noch nie etwas von Kernreaktoren gehört. Aber jetzt, wo er darüber nachdenkt, kann er sich nicht erinnern, oben an Deck einen Schornstein gesehen zu haben. Keine Spur von schwarzem, rußigem Rauch, der in die Luft steigt, so wie zu Hause.

»Auf der Erde gab es auch mal Kernkraft«, sagt Queequeg. »Damals, bevor es die Glocke gab. Aber man braucht viel Wasser dafür.«

Ismael spritzt sich das heiße Wasser ins Gesicht und fragt sich, woher Queequeg das alles weiß.

»Und wie er ihn mit diesem komischen Spieß im Schwanz durchbohrt hat«, ereifert sich Queequeg. Nachdem ihre wenigen Besitztümer verstaut sind, haben die Jungen sich zwischen den Kojen versammelt und sprechen über Abduls Tod. »Habt ihr so was schon mal gesehen?«

»Natürlich nicht«, erwidert Pip herablassend. »Das Viech ist ein Meeresbewohner, und auf der Erde gibt es keine Meere.«

»Und ob es die gibt«, sagt Queequeg. »Nicht mehr viele, aber es gab eine Zeit, da waren mehr als drei Viertel der Erde von Wasser bedeckt.«

Pip schnaubt. »Quatsch!«

»Ach ja? Und wenn ich dir sage, dass ich schon mal eins gesehen habe?«, fragt Queequeg.

Pip lacht. »Das ist absurd!«

»Möge der Blitz mich treffen, wenn es nicht stimmt.« Queequeg blickt ernst in die Runde. »Mein Vater hat mich mitgenommen. Eine Woche lang sind wir über schmutziges graues Salz gelaufen. Knirsch, knirsch, den ganzen Tag.«

»Und w-weswegen g-glaubst du, dass das ein Meer war?«, fragt Billy.

»Weil wir ein Wrack gefunden haben. Von einem Schiff wie diesem hier. Ein riesiger verrosteter Rumpf – lag einfach so da.«

Keiner sagt etwas, nicht mal Pip. Wenn Ismael an seinen vertrockneten, verdreckten Heimatplaneten denkt, erscheint es ihm ungeheuerlich, dass ein Großteil davon einmal von Wasser bedeckt gewesen sein soll. Aber warum sollte Queequeg sich so etwas ausdenken?

»Irgendwann kamen wir an die Klippen«, fährt Queequeg fort. »Ich glaube, mein Vater hatte Angst, das Salz könnte in sich zusammenfallen und wir würden hineinstürzen und nie wieder rauskommen. Aber dann sahen wir die Korallen …«

»Korallen?«, wiederholt Billy.

»Das sind Kolonien von kleinen Tierchen im Ozean, die sind schon lange ausgestorben«, erklärt Queequeg. »Die sogenannten Korallenriffe sind meistens hart wie Stein und existieren in allen möglichen seltsamen Formen.«

»Ah, was für ein Blödsinn.« Pip knurrt missbilligend und wendet sich dann an Billy und Ismael: »Nehmt ihr das jemandem ab, der nicht mal eine Registrierung hat?«

»St-stimmt«, sagt Billy. »Wie ist das m-möglich? Ich d-dachte, jeder k-kriegt eine Registrierung bei der Geburt.«

Queequeg schaut weg. »Nicht jeder.«

»Möchtest du das vielleicht näher erklären?«, fragt Pip.

Als Queequeg nicht antwortet, wirft Pip Billy und Ismael einen selbstgefälligen Blick zu. »Denkt daran, wenn er euch das nächste Mal solche Geschichten erzählt.«

So merkwürdig es ist, dass Queequeg keine Registrierung hat, Pip wirkt auch etwas undurchsichtig. Zum Beispiel redet er wie die Sprecher in der VR. Und dann die ordentlich geschnittenen Haare und Fingernägel und dass er so pummelig ist – all das ist praktisch unmöglich im kargen, dunklen Leben von Black Range. Als sie sich einrichten, fällt Ismael außerdem auf, dass die Sachen, die Pip aus seiner Reisetasche holt, alle brandneu und noch originalverpackt sind.

Doch bevor er nachfragen kann, geht die Tür zum Schlafsaal auf, und drei Seeleute kommen herein. Ismael erkennt sie von vorhin wieder, sie gehören zu einer der Jagdbootmannschaften: der mit dem hellgelben Haar, der mit dem weißen Knoten oben auf dem Kopf und der Brocken mit dem rasierten Schädel, der den linken Arm jetzt in einer Schlinge trägt. Während der mit dem Haarknoten in eine mit Zähnen und Terrafinspießen verzierte Koje klettert, kommen die anderen beiden direkt auf sie zugeschlendert. Der Riese mit der Glatze gleicht einem Betonklotz, auf seinen ausgeprägten Muskeln treten dicke Venen hervor. Wie lange hat er wohl schon auf diesem Planeten gedient, um so auszusehen?

Ohne Vorwarnung greift er mit der gesunden Hand in Pips Koje und schnappt sich die T-Pille, die Pip gerade aus seiner Kiste geholt hat.

»He, was soll das?«, ruft Pip. »Geben Sie die sofort zurück!«

Der Kerl ignoriert ihn und zeigt seinem Kameraden das elektronische Schlafmittel. »Hübsch, was, Daggoo? Und gutes Timing, meine ist nämlich gerade kaputtgegangen.«

»Das ist nicht Ihre«, faucht Pip empört und wendet sich dann an Daggoo. »Sagen Sie ihm, er soll sie zurückgeben.«

Daggoo tut, als würde er gehorchen. »Hast du gehört, Bunta? Tu besser, was der junge Herr sagt.«

Als der Brocken sich umdreht und gehen will, bittet Pip die anderen um Hilfe. Ismael hat eigentlich keinen Grund, diesem wohlgenährten, eingebildeten Jungen zur Seite zu stehen, trotzdem fühlt er sich ihm verbunden, allein, weil sie beide neu sind. Außerdem weiß er, wie es ist, wenn die Stärkeren meinen, einen herumschubsen zu können. Wenn diese Typen sich erst mal einen von ihnen vorgeknöpft haben, was hält sie dann davon ab, sie alle zu terrorisieren?

Billy wirkt nicht, als würde er sich gerne prügeln, und Pip selbst sieht zu verweichlicht dafür aus. Bleibt nur Queequeg. Als Ismael ihm einen Blick zuwirft, nickt der große, breitschultrige Junge.

Ismael tritt vor. »Geben Sie das her.«

Bunta bleibt stehen, dreht langsam den Kopf und tut so, als würde er sich umsehen. »Hat jemand was gesagt?«

Ismael knackt mit den Knöcheln. »Ja, ich. Geben Sie das her.«

Bunta sieht zu ihm runter und kräuselt die Lippen, hinter denen eine Reihe glänzender Stahlzähne zum Vorschein kommt. »Du? Wie alt bist du, Kleiner?«

»Ich heiße Ismael, und ich bin siebzehn.«

»Für siebzehn bist du zu klein.«

»Vielleicht haben Sie es vergessen, aber bei uns auf der Erde sind Nahrungsmittel knapp.«

»Dann solltest du froh sein, dass du nicht dort bist, und dich hier um deine eigenen Angelegenheiten kümmern.« Bunta zwinkert Daggoo zu, als hätte er etwas besonders Cleveres gesagt.

»Vielleicht sollten Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern«, schießt Ismael zurück. »Statt Neuankömmlinge zu bestehlen.«

Auf einmal ist es mucksmäuschenstill. Buntas Miene verdunkelt sich. »Pass auf, was du sagst, Kleiner.«

»Ich hab gesagt, ich heiße Ismael. Und jetzt geben Sie das her.«

Der Brocken schnaubt. »Hol’s dir!« Er drängt an Ismael vorbei.

Als Ismael die Hand ausstreckt und ihm auf die Schulter klopft, wirbelt Bunta herum und holt mit seiner gewaltigen Faust nach Ismaels Kopf aus. Ismael duckt sich und versetzt dem Klotz einen gezielten Schlag in die Rippen. Aber alles an Bunta ist so steinhart, dass es Ismael vorkommt, als hätte er in einen Lehmblock geboxt. Bunta grinst.

Jetzt stellt sich Queequeg zu Ismael.

»Das geht nur ihn und mich etwas an«, warnt ihn Bunta. »Du hältst dich da raus.«

Queequeg weicht nicht von der Stelle.

Bunta überlegt kurz und gibt dann Daggoo die T-Pille. »Okay, euch beide erledige ich mit einer Hand.«

»Nein.« Von gegenüber erklingt die Stimme des Matrosen mit dem weißen Haarknoten.

Bunta guckt irritiert. »Ah, komm schon, Fedallah.«

Mit ausdrucksloser Miene zeigt Fedallah auf Daggoo. »Gib das dem Jungen zurück.«

Zu Ismaels Erstaunen wirft der Seemann Pip sein Schlafmittel zu.

Bunta kneift die Augen zusammen und sieht Ismael an. »Du bist tot, Pinkie.«

Ismael hebt das Kinn. »Mein Name ist Ismael. Merk dir das.«

Buntas Knopfaugen treten hervor. Einen Moment lang scheint es, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch dann sieht er zu Fedallah rüber und stampft davon.

Daggoo kichert. »Du weißt nicht, was ein Pinkie ist, oder? Aber keine Sorge: Du wirst bald das Vergnügen haben.« Dann verfinstert sich seine Miene. »Pass auf, Ismael: Wenn du Bunta das nächste Mal in die Quere kommst, wird niemand, nicht mal Fedallah, ihn aufhalten können.«

5

»W-weiß irgendwer, auf welchem P-Planeten wir sind?«, fragt Billy, als sie Charity durch den Gang zum Abendessen folgen.

»Cretacea«, antwortet Charity.

Ismael bleibt stehen. »Bist du sicher?«

Charity sieht ihn komisch an. »Natürlich bin ich sicher. Warum?«

Ismael bekommt eine Gänsehaut, als er an seinen letzten Abend auf der Erde denkt. Hatte Old Ben womöglich gewusst, wo er hinfuhr? Oder war es Zufall?

»Hey, mein Freund, willst du hier stehen bleiben?«, fragt Queequeg. »Andere Leute haben Hunger.«

Ismael setzt sich in Bewegung. Während sie sich dem Speiseraum nähern, füllt sich der Gang mit unbekannten Gerüchen, teils nach Öl und Maschinen, andere herb oder rauchig.

»Hört mal«, sagt Charity, bevor sie hineingehen, »ich nehme an, die meisten von euch kennen keine feste Nahrung. Wenn ihr euch nicht den Großteil der Nacht die Seele aus dem Leib kotzen wollt, esst nicht mehr als einen halben Teller voll. Und nichts Rohes. Ihr könnt Sachen mit Haut essen, aber nicht die Haut selbst. Eure Darmflora verkraftet das noch nicht.«

Während Ismael noch versucht, sich vorzustellen, etwas mit einer Haut zu essen, führt Charity sie durch die Tür hinein in den großen, lauten Speiseraum voller Matrosen, auf deren Tellern sich grauenhaft aussehendes Zeug stapelt. Manche sind schlank, andere haben seit ihrer Ankunft offensichtlich schon so viel gegessen, dass die Uniformen über ihren Bäuchen und Hintern spannen.

Charity bringt die Jugendlichen ans hintere Ende des Saals, wo sie Tabletts und so genanntes Silberbesteck bekommen. Dann geht es in die Kombüse, einen heißen, engen Raum mit scharfen Gerüchen, die Ismaels Magen zum Knurren bringen. Hinter beschlagenen Scheiben servieren Männer in fleckigen weißen Schürzen unappetitliches Zeug. Trotz seines knurrenden Magens fühlt Ismael sich abgestoßen von den dunkelbraunen Klößen, krustigen hellbraunen Sticks und Viechern mit Schwänzen und glasigen Augen, die in einer öligen gelblichen Flüssigkeit schwimmen. Das sollen sie essen?

»Glaubt mir, es schmeckt viel besser als es aussieht«, versichert ihnen Charity. »Man muss sich nur daran gewöhnen. Probiert ruhig ein paar Sachen aus, und wenn ihr etwas mögt, holt euch noch ein bisschen davon.«

Kurz darauf folgen sie ihr mit Tabletts beladen zurück in den Speiseraum, wo Charity sie in den Umgang mit dem Essbesteck einweist. Fasziniert sehen sie zu, wie sie einen Happen mit der Gabel aufspießt, dann kaut und herunterschluckt. »Köstlich!«, verkündet sie.

Queequeg folgt als Erster ihrem Beispiel, er sticht in einen kleinen braunen Kloß und steckt ihn in den Mund. Er reißt die Augen auf und stürzt sich sofort mit Löffel und Gabel auf den nächsten.

»Du musst mit dem Messer schneiden, und vergiss nicht zu kauen«, warnt ihn Charity. »Sonst erstickst du noch daran.«

Ismael schwirrt der Kopf. Etwas essen, was Augen und einen Schwanz hat? Das mal gelebt hat? Das einen töten könnte? Zu Hause gab es nur Natrient, einen süßen, klebrigen »natürlichen Nährstoff«, den man aus Aluminiumbeuteln quetschte. Warum sollten sie sich stattdessen von diesem merkwürdig riechenden, grauenhaft aussehenden Zeug ernähren?

Aber Queequegs seliger Gesichtsausdruck und sein offensichtliches Verlangen nach mehr ermutigen Ismael, die Gabel in die Hand zu nehmen und es selbst zu probieren. Das Essen fühlt sich komisch im Mund an, und er muss daran denken zu kauen, aber es schmeckt tatsächlich viel besser, als es aussieht, und anders als alles, was er bisher gegessen hat.

»Nicht so schnell«, ermahnt Charity sie. »Ihr müsst ganz langsam essen, weil eure Körper unsere Kost nicht gewohnt sind. Und kaut so lange ihr könnt, bevor ihr schluckt. Das ist besser für die Verdauung.«

Doch das ist für die Neuankömmlinge leichter gesagt als getan. Ismael und Queequeg hängen über ihren Tellern und umklammern mit mahlendem Kiefer Messer und Gabel. Billy probiert mit dem Löffel kleine unauffällig aussehende Häppchen. Als Gwen feststellt, wie köstlich das Essen schmeckt, stellt sie schützend die Arme links und rechts vom Teller auf den Tisch. Nur Pip isst langsam und genüsslich und legt Messer und Gabel auf den Teller, während er kaut. Da er der einzig Wohlgenährte unter ihnen ist, ist er vielleicht auch nicht so hungrig.

»Was ist das für ein Zeug?«, fragt Gwen mit vollem Mund.

»Hauptsächlich das, was wir hier fangen«, antwortet Charity. »Buckelwal, Langhals, Klatscher.«

»W-was ist hiermit?« Billy stößt mit dem Messer nach einem der kleinen Viecher mit Augen, Mund und Schwanz.

»Das sind Scurrys. Keine Ahnung, wer die gefangen hat, vielleicht haben wir auch welche getauscht. Normalerweise fängt die Pequod so was nicht.«

Ismael hört auf zu kauen. »Die Pequod?«

»So heißt unser Schiff.«

Ismael legt das Besteck aus der Hand. Er muss an Old Bens Worte denken.

»Auf Cretacea, wo du an Bord eines Schiffes namens Pequod gedient hast.«

Er hat keinen Zweifel mehr daran, dass der Alte wusste, wohin er ging. Aber woher?

»Na, den Appetit verloren, Schätzchen?«, fragt Charity.

Ismael blinzelt. »Bitte?«

Sie deutet auf seinen Teller. Ismael versucht sich zusammenzureißen und isst weiter, aber in Gedanken ist er weit weg, daheim bei Old Ben. Was hatte der Alte nochmal genau zu ihm gesagt?

Kurz darauf haben alle bis auf Pip und Billy ihre Teller leer gegessen. Pip lässt sich weiter Zeit, Billy hat ein paar Bissen probiert und den Rest nicht angerührt.

»Können wir noch mehr haben?«, fragt Queequeg.

Charity nickt. »Aber nicht zu viel, sonst werdet ihr es bereuen, glaubt mir.«

Queequeg, Ismael und Gwen laufen zurück in die Kombüse. Ismael und Gwen beherzigen Charitys Rat und holen sich nur einen kleinen Nachschlag, aber Queequeg lässt sich den ganzen Teller auffüllen.

»Wartet mal, Freunde!« Er zieht einen Löffel aus der Hosentasche und schaufelt sich gierig das Essen in den Mund.

Als sie kurz darauf aus der Kombüse kommen, sieht es aus, als hätte Queequeg sich nicht mehr als Ismael und Gwen geben lassen.

Nachdem sie aufgegessen haben, breitet sich eine wohlige Schwere in ihnen aus. Charity verschwindet in der Kombüse und kehrt mit einem Wagen zurück, auf dem zwei Mahlzeiten auf Tabletts stehen. »Die muss ich auf die Brücke bringen. Ihr geht zurück in die Kabine. Ihr müsst euch noch akklimatisieren. Zum ersten Mal festes Essen zu verdauen, ist nicht ganz ohne. Schlaft euch ordentlich aus. Morgen beginnt der Tag mit Arbeit.«

Es ist stockfinster, als Ismael aufwacht und jemanden wimmern und schniefen hört.

Erst glaubt er, dass es Pip ist, der da weint. Kurz vor dem Schlafengehen hat er festgestellt, dass sein elektronisches Schlafmittel kaputt gerissen wurde, Schaumstoff und Fiberschaltungen hingen wirr heraus. Aber es ist nicht Pip, sondern Billy.

»Ah, Ruhe, verdammt noch mal«, schimpft jemand im Dunkeln.

»Ich w-will nach H-Hause«, wimmert Billy.

»Warte ein Jahr, und dein Wunsch geht in Erfüllung, Kumpel«, krächzt eine andere Stimme.

»Ich w-will aber jetzt!«, plärrt Billy.

»Stopf ihm ’ne Socke rein!«, ruft ein Mann – der Stimme nach Bunta.

»Lasst ihn in Ruhe«, fährt Ismael dazwischen.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram, Pinkie. Niemand hat Lust, sich die ganze Nacht diese Heulsuse anzuhören.«

»Je mehr ihr ihn bedroht, desto mehr Angst hat er doch«, sagt Ismael. »Wenn ihr weiterschlafen wollt, hört einfach auf.«

Es folgt noch etwas Gemurmel, doch dann wird es bis auf Billys Schniefen allmählich still.

»Billy«, flüstert Ismael.

»J-ja?«

»Hör zu, du bist nicht allein. Wir haben alle Angst. Und diese Blödmänner machen es einem nicht leichter. Aber Queequeg und ich sind auf deiner Seite. Stimmt’s, Queequeg?«

»Na klar, mein Freund«, hört er ein gegähntes Nuscheln von der Koje unter ihm.

»Versuch zu schlafen«, sagt Ismael zu Billy. »Morgen früh sieht alles anders aus.«

»Nein, tut es nicht«, schnieft Billy.

»Okay, vielleicht auch nicht. Aber wenn du ausgeschlafen bist, wirst du dich zumindest besser fühlen.«

Stille. Dann flüstert Billy: »O-okay. D-danke.«

Ismael lässt den Kopf ins Kissen sinken und schläft schnell ein – aber nicht lange. Kurz darauf wird er wieder geweckt, diesmal, weil er jemanden direkt an seinem Ohr atmen spürt. Er erkennt gerade mal die Silhouette von Buntas großem, rasiertem Schädel.

»Du bist ein toter Mann, Pinkie«, raunt er ihm im Dunkeln zu. »Wenn du es am wenigsten erwartest … wenn du überhaupt nicht damit rechnest … mach ich dich alle.«

Bunta verschwindet ohne einen Laut. Dafür dass er so groß ist, bewegt er sich erstaunlich leichtfüßig.

Ismael schließt die Augen und wartet darauf, dass sein Herz wieder normal schlägt. In der Stille hört er jemanden im Waschraum würgen. Er wirft einen Blick in Queequegs Koje. Sie ist leer.

6

Ismael saß bei Old Ben und lauschte dem Pfeifen des Windes. Er wusste, dass er sich längst auf den Heimweg hätte machen sollen. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen im Sturm verirrten und lungenkrank wurden, weil sie zu viel Ruß und Sand einatmeten. Trotzdem blieb er. Was Old Ben gerade behauptet hatte, dass sie sich schon mal auf einem anderen Planeten begegnet seien, war unmöglich – und im Grunde totaler Unsinn –, aber Ismael hatte noch nie erlebt, dass der alte Mann log.

»Man hat mir noch nicht mitgeteilt, wo ich hingehe. Aber wo immer es ist, wir können uns dort nicht begegnet sein. Ich war noch nie weg von der Erde.«

Der Alte trommelte im Dunkeln mit den Fingern auf dem Tisch, als überlegte er, wie er es ihm erklären sollte. »Fürs Erste lass einem alten Mann einfach seinen Glauben und tu so, als hätten wir beide uns vor dreißig oder vierzig Jahren auf Cretacea kennengelernt. Würdest du das für mich tun?«

Old Ben hatte zwar die Worte tu so benutzt, aber Ismael wusste, dass dies kein Spiel war. Wenn der Alte ihm das erzählte, dann nur, weil er fest daran glaubte. Dabei hatte Ismael vor dreißig oder vierzig Jahren noch gar nicht gelebt …

»Damals war ich selbst noch ein Kind«, fuhr Old Ben fort. »Vielleicht höchstens zwölf Jahre alt. Ich kannte nur Grace und das scheinbar unendliche Meer.«

»Grace?«

Der Alte klang jetzt wehmütig. »Die Kapitänin von unserem Pinkboot. Ich war ihre Crew.«

Pinkboot? Allmählich machte Ismael sich Sorgen. Das Ganze klang immer mehr wie ein Hirngespinst, die Fantasien eines einsamen, alten Mannes. Oder war es das Benzo, das aus Old Ben sprach? »Wir sind uns begegnet, als du zwölf warst?«, wiederholte Ismael, um ihm klarzumachen, wie haarsträubend das in seinen Ohren klang.

Aber Old Ben verstand ihn falsch. »Du denkst, mit zwölf ist man zu jung, um auf eine Mission zu gehen. Dass Elizas Gesetz es nicht erlaubt.«

Das hatte Ismael nicht gemeint, aber er musste zugeben, dass es ein gutes Argument war.

Der Alte beugte sich über den Tisch, sodass sein zerfurchtes Gesicht aus dem Schatten kam. »Ich war auf keiner Mission, mein Sohn. Ich bin auf Cretacea groß geworden.«

Ismael lehnte sich zurück, er wusste nicht, was er tun sollte. Der Wind rüttelte am Dach. Inzwischen würde Joe wohl denken, dass er bei Old Ben übernachtete. Aber Ismael musste nach Hause. Er wollte die letzte Nacht auf der Erde unbedingt bei seinem Pflegebruder verbringen.

Ein lautes Klirren ließ sie beide zusammenzucken. Wahrscheinlich ein Windstoß, der einen Kiesel gegen die Scheibe geschleudert hatte. Old Ben goss sich Benzo ein, bis das Glas überlief. »Denk an meine Worte, mein Sohn: Das nächste Mal sehen wir uns auf einem Scurry-Fangschiff mitten auf einem unvorstellbar großen Ozean.«

Er hob das Glas und trank es aus. Doch statt sich zu entspannen, neigte er sich plötzlich nach vorn und sah ihm tief in die Augen. »Hör mir gut zu: Pass auf, dass ihr nicht auf die Pequod