Creepy Chronicles – Vorsicht, Halsabschneider! - Sergio Dudli - E-Book

Creepy Chronicles – Vorsicht, Halsabschneider! E-Book

Sergio Dudli

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Beschreibung

Die Monsterjagd geht weiter! Als Padraig und seine Freunde vom Monstrukt erfahren – einem Monster, das Viktor Frankenstein aus Leichenteilen verschiedener grässlicher Kreaturen zusammengenäht und mithilfe eines magischen Schlüssels zum Leben erweckt haben soll –, machen sie sich sofort auf den Weg in die Katakomben von Paris, um vom größten Halsabschneider aller Zeiten mehr über diese Legende herauszufinden. Die Suche nach dem zweiten Schattenschlüssel führt sie in ein steinernes Sumpflabyrinth und eine verlassene Berghütte voller mechanischer Puppen und natürlich kreuzen auch jede Menge Monster ihren Weg. Höchste Zeit, ihre Furchtlosigkeit und Kampfkünste unter Beweis zu stellen. Denn nur tote Monster sind gute Monster!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Monstrukt ist ein Monster, das Viktor Frankenstein vor seinem Tod aus verschiedenen grässlichen Kreaturen zusammengenäht und mithilfe eines magischen Schlüssels zum Leben erweckt hat.

Als Padraig, Brandon und Hannah davon hören, machen sie sich sofort auf den Weg in die Katakomben von Paris, um vom größten Halsabschneider aller Zeiten mehr zu erfahren. Leider sind sie nicht die Einzigen auf der Suche nach Frankensteins Vermächtnis …

Band 2 der spannenden Monsterjäger-Reihe – Humor, Action und Gänsehaut garantiert!

Von Sergio Dudli ist bei dtv außerdem lieferbar:

Creepy Chronicles – Bloß nicht den Kopf verlieren! (Band 1)

Mit Illustrationen von Falk »Zapf« Holzapfel

1 Padraig

Zombie-Dad im Seerosenteich

Es gibt Orte, die sind einfach nicht für die Monsterjagd gemacht. Museen beispielsweise. Da besteht immer die Gefahr, etwas Wertvolles kaputt zu machen. Dumm nur, wenn dieses unheimlich wertvolle und unheimlich kaputte Ding eine echte Rarität ist, weshalb sich ein verschrobener alter Mann mit Monokel und Seidenschal tagelang in den Schlaf weinen muss. Aber woher sollte ich, ein erstklassiger BEAST-Agent, ahnen, dass ausgerechnet der winzige Knochen an der Ferse das ganze Skelett eines Tyrannosaurus Rex zum Einsturz bringt? Okay, Brandon hätte es bestimmt gewusst und mir den lateinischen Namen für den Knochen rückwärts buchstabiert. Aber als mir dieses kleine Missgeschick unterlief, glaubte der noch an Vampire und war damit beschäftigt, sich an seiner Schule möglichst unbeliebt zu machen.

Einkaufszentren gehörten ebenfalls in die Kategorie der ungeeigneten Jagdreviere. Vor zwei Jahren hatte ich mit Dad einen Säurespucker durch ein Geschäft für Bademode gejagt. Als wir ihm den Kopf abschlugen, trug er einen quietschgelben Badeanzug.

Als wir an diesem Abend die Paloma Street verließen und zur Jagd aufbrachen, begleitete mich ein ungutes Ziehen in der Magengegend. Das konnte zwei Dinge bedeuten. Erstens, ich hatte immer noch nicht kapiert, dass mir scharfe Sauce im Burrito nicht bekam. Oder zweitens, es war eine dumpfe Vorahnung, dass meine Liste der ungeeigneten Jagdreviere bald um einen Ort erweitert werden könnte.

»Wusstet ihr, dass der Royal Botanic Garden in Edinburgh der zweitälteste botanische Garten in Großbritannien ist?« Brandon schob die Brille auf den Nasenrücken. Sein Atem verwandelte sich in Wolken, als wir gegen neun Uhr abends durch die parkähnliche Anlage schritten. »Der Garten musste seinen Standort aufgrund der Luftverschmutzung durch die Industrialisierung mehrmals wechseln. Hier in Inverleith besteht er seit zweihundert Jahren.«

Ein längliches Konstrukt aus Glas und Metallstreben ragte vor uns aus der Dunkelheit. Es sah aus wie ein gläserner Verteidigungswall, dessen Inneres mit Bäumen vollgestopft war.

»Bei der Anzahl Burritos mit scharfer Sauce, die du vorhin verdrückt hast, steht die nächste Luftverschmutzung für die Pflanzen unmittelbar bevor«, kommentierte ich – und verschwieg das verdächtige Grummeln in meinem Magen.

Brandon schnitt eine Grimasse. »Keine Sorge«, versicherte er gelassen und zurrte den Rucksack fest. »Damit warte ich, bis wir wieder zu Hause sind.«

»Zum Glück schlafe ich auf dem Dachboden«, meinte Hannah. Sie schlenderte mit den Händen in den Taschen ihres Pullovers neben mir her. »Dort bin ich in Sicherheit.«

»Da muss ich dich leider enttäuschen«, warf Brandon ein. »Warme Luft weist eine geringere Dichte auf und steigt deshalb nach oben.«

»Dann schläfst du heute wohl draußen!«

»Und zwar sowas von!« Ich schwang meinen Gehstock, in dem sich ein hauchdünner Degen verbarg. »Sonst ergeht es uns wie diesem botanischen Garten und wir müssen umziehen.«

»Ich will nicht umziehen.« Hannah verzog das Gesicht. »Ich mag mein kleines Dachzimmer.«

Die terrakottafarbenen Bodenplatten knickten nach links ab und folgten der Glasfront. Palmen, Stauden und fremdartige Tropengewächse drückten sich gegen die angelaufenen Scheiben, an denen Wassertropfen kondensierten.

»Bevor wir uns Gedanken über meinen heutigen Schlafplatz oder einen möglichen Umzug machen, müssen wir erst einmal diese Nacht überleben.« Brandon holte ein in schwarzes Leder gebundenes Buch aus seiner Tasche und aktivierte die Taschenlampe des Smartphones. Das fahle Licht ließ seine Haut noch bleicher und kränklicher wirken als ohnehin schon. »Und in Anbetracht dessen, was uns da drinnen erwartet«, er nickte zum gläsernen Gebäude, »ist das alles andere als garantiert. Mit einem Schreckwandler ist nicht zu spaßen.«

Hannah sah vom Bestiarium auf und musterte das Gewächshaus. »In dem botanischen Garten sitzt ein Froschmensch aus dem Urwald in Costa Rica?«

»In den Akten ist von einer Lieferung aus Mittelamerika die Rede, die in den letzten Tagen hier angekommen ist.« Ich kratzte mich mit dem Griff meines Stocks an der Stirn. »Seither haben drei Wachmänner seltsame Beobachtungen gemeldet. Möglich, dass der Schreckwandler in einer der Transportkisten saß.«

»Seltsame Beobachtungen ist maßlos untertrieben«, stellte Brandon klar. Er stopfte das zerfledderte Buch in eines der Seitennetze seines Rucksacks. »Ein Wachmann hat behauptet, seine Schwiegermutter sei aus einem der Teiche aufgetaucht. Der zweite will einen Yeti auf einer Seerose gesehen haben und der dritte sprach von einem Mann im Anzug mit dem Kopf einer Fliege.«

Der Herbst goss gespenstische Nebelschwaden aus einem unsichtbaren Eimer, die sich wabernd auf die Wiesen und die Bodenplatten legten. Ein Schild wies den Weg zum Eingang des Glashauses.

Hannah zog die Kapuze enger, die ihre Locken im Zaum hielt. Ihre Miene war so ausdrucklos wie immer. »Der Schreckwandler hat die Wachmänner also mit seiner giftigen Zunge berührt und dadurch die Halluzinationen hervorgerufen?«

»Entweder das«, begann ich, »oder eine Schwiegermutter, ein Yeti und eine Fliege im Anzug feiern seit Tagen eine abgedrehte Party.« Ich zuckte mit den Schultern, was die Eisenkette unter meinem Trenchcoat rasseln ließ. »Lustiger wäre die Party-Meute, aber da mache ich mir keine großen Hoffnungen. Regel Nummer drei besagt nicht umsonst: Rechne stets mit dem Schlimmsten und Unmöglichsten, dann wirstdu nicht mehr so überrascht, wenn es noch viel schlimmer und unmöglicher kommt.«

Plötzlich musste ich an Dad denken, der mir ständig mit seinen Regeln in den Ohren gelegen hatte. Vier Monate waren vergangen, seit er im Keller unter dem Friedhof in Little Worrington die Sigille gezogen hatte, die ihn und die Monster, die uns töten wollten, in die Schattenwelt gebracht hatte – eine Parallelwelt, in der ewige Dunkelheit herrschte und der Tod in vielen Gestalten gierig und rastlos über abgestorbene Erde wandelte.

»Immerhin deutet diese Regel nicht an, dass uns grausige Kreaturen den Schädel spalten, Körperteile ausreißen oder Organe zerquetschen werden«, holte mich Brandon aus den Gedanken. »Das tun nämlich fast alle Regeln deines Dads.«

»Apropos, denkt daran«, ich hob meinen Zeigefinger, »wir töten den Schreckwandler am schnellsten, indem wir ihm die Zunge abschneiden.«

Wir erreichten den Eingang zum Glashaus. Ich überprüfte die Salzkugeln an meinem Waffengurt, der sich neben der Eisenkette um meine Brust schlang. Auf das Weihwasser und das Feuer des Prometheus hatte ich heute verzichtet.

Ich wandte mich Hannah zu. »Spürst du schon etwas?«

Sie schloss die Augen und atmete ruhig. Auch wenn ihre Hörner unter der Kapuze verborgen lagen, erwischte ich mich dabei, wie mein Blick zu ihrer Stirn wanderte. Es war mir nach wie vor ein Rätsel, wie sie mit den Dingern Emotionen fühlen konnte.

»Das Glas macht es schwierig, die Spuren zu lesen«, meinte Hannah. Sie öffnete die Augen und spähte durch die gläserne Fassade. »Wir müssen rein, damit ich die Gefühle erkennen kann.«

Ich nickte und kramte den Schlüssel aus der Tasche. Wir hatten ihn vor unserem nächtlichen Einsatz bei BEAST, der Behörde für eigenartige Angelegenheiten und superobskure Tierwesen abgeholt. Die Behörde der Monsterjäger besaß die Zugangsschlüssel zu den meisten öffentlichen Gebäuden.

Die schwere Glastür schwang geräuschlos auf und wir traten ein. Kurz raubte mir die stickige, feuchte Luft den Atem. Der schnelle Wechsel von Temperatur und Luftfeuchtigkeit stellte die Härchen auf meinen Unterarmen auf. Das nervöse Prickeln entlang der Wirbelsäule gab es kostenlos dazu.

Brandon erschauderte und fluchte leise, weil seine Brillengläser beschlugen. Hannah hingegen stand ungerührt da, die Hände in den Taschen, und schaute sich mit gelangweiltem Ausdruck um.

Brandon nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Ärmel sauber. Seine Augen verkleinerten sich auf die Größe von ausgedörrten Rosinen. »Bei welchem der Teiche haben sich die Spukgestalten rumgetrieben?«

»Bei dem mit den großen Seerosen«, erklärte ich.

»Die Seerosen müssen wirklich riesig sein, wenn ein Yeti darauf sitzen kann.« Brandon setzte sich die Brille auf. Kaum berührte sie seine Nase, beschlugen die Gläser erneut. »Verfluchte Bril–«

»Hier steht eine Maschine, die deine Brillengläser mit einer Schicht versiegelt.« Hannah zeigte auf ein Gerät neben der Tür.

Brandon murrte, hielt seine Brille aber unter den Apparat. Die Maschine sprühte eine Flüssigkeit auf die Gläser, die in wenigen Sekunden trocknete. Brandon setzte die Brille auf – und nickte anerkennend. »Schon besser. Also, wo geht’s zum Seerosenteich?«

Ich knipste eine Taschenlampe an. Brandon friemelte einen Stift aus der Hosentasche und kritzelte etwas auf seine Handfläche. Als er fertig war, glomm ein helles blaues Licht auf. Er grinste breit und streckte die Hand aus, die wie ein Scheinwerfer leuchtete.

»Ist das dein neuester Party-Trick?« Hannah zog kaum merklich eine Augenbraue hoch.

»Hat mir Mrs Chandra diese Woche beigebracht.« Brandon gelang es nicht, seine kindliche Freude an der Sigille zu verbergen.

Seit ein paar Wochen bildete ihn Elsha Chandra zu einem Sigillisten aus. Er hatte bei unserem Fall in Port Willow ein beachtliches Talent für das Ziehen magischer Symbole an den Tag gelegt. Was wohl daran lag, dass er gerne Comics zeichnete. Zudem wurde ich den Verdacht nicht los, dass seine Begabung etwas mit seinem verstorbenen Großvater zu tun hatte. Grandpa Duncan hatte nicht nur eine mit Sigillen verzierte Vase gehört, er hatte Brandon außerdem bereits als Kind auf den Geschmack von Monstern gebracht und ihn damit vom Rest seiner religiösen Familie entfremdet.

»Diese Sigille beschwört ein Licht herauf«, erklärte Brandon stolz und streckte den Arm wie ein Polizist aus, der ein Auto aufhalten wollte.

»Ach, was du nicht sagst …«

»Eigentlich ist es gedacht, um Höhlen, Grüfte und andere finstere Räume zu erleuchten.« Brandon zuckte mit den Schultern. »Aber so ist es cooler.«

»Es ist völlig albern.«

»Schon ein wenig.«

»Ihr seid doch nur neidisch!«

Wir betraten die grüne, dicht bewachsene Welt, die einem Regenwald glich. Stauden von Bananenbäumen wuchsen wie schützende Hände über den betonierten Weg, der sich durch die Pflanzen schlängelte. In das Grün und Braun der Bäume und Sträucher mischten sich Farbtupfer von Blumen, Knospen und anderen Gewächsen, die aussahen wie von einem weit entfernten Planeten.

Unter einem Baum stand eine Informationstafel, die die einzelnen Bereiche des Glashauses aufzeigte. Der Teich mit den Seerosen lag im hinteren Teil.

Der Weg führte vorbei an sonderbaren Bäumen, Sträuchern und Pflanzen. An manchen Stellen fielen sie wie Vorhänge von dicken Ästen, an anderen sprossen sie wie krauses Brusthaar an Baumstämmen. Der Geruch in der Luft war frisch und modrig zugleich und kitzelte mich unangenehm in der Nase.

Nachdem wir vier weitere Türen passiert hatten, tat sich der Teich mit den Seerosen vor uns auf. Sie waren groß wie die Räder von Traktoren und trieben wie kreisrunde Flöße auf dem Wasser.

»Monsterscheiße, sind die riesig«, sagte Brandon erstaunt. »Darauf könnte man ein Nickerchen halten!«

»Du würdest untergehen wie die Titanic, wenn du einen Fuß daraufsetzt.« Ich trat näher an den Teich. Mit der Spitze meines Gehstocks stupste ich eine Seerose an. Sie schwankte sanft hin und her. »Ab jetzt gilt höchste Konzentration. Hannah, hast du eine Ahnung, wo sich unser ungebetener Gast aufhält?«

Sie öffnete gerade die Augen. »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, er ist noch da drin.« Sie zeigte auf den Teich. »Ich nehme eine Spur wahr, aber das Wasser dämpft ihre Kraft.«

Brandon stellte seinen Rucksack ab und öffnete ihn. Darin steckten Einmachgläser mit aufgemalten Sigillen. Er nannte sie MEGs, Magische Einsaug-Gläser. Seit er damit am Tag nach unserem Kennenlernen einen Angstzehrer eingesaugt hatte, trug er sie ständig mit sich herum. Dummerweise war ihre Reichweite begrenzt. Man musste also ziemlich nahe an ein Monster herankommen, damit sie wirkten. Mir waren sie ein wenig suspekt, weshalb ich nach wie vor eine scharfe Klinge bevorzugte!

»Will jemand ein MEG?« Brandon hielt eines der Gläser hoch.

»Kannst du das Licht wieder ausmachen?« Ich schirmte die Augen ab. »Du leuchtest damit überall hin wie ein Suchscheinwerfer, der vergessen hat, wonach er sucht.«

Brandon zog die Lippen kraus. »Nein, dafür müsste ich eine der Linien der Sigille unterbr–«

Wie aus dem Nichts schnellte ein Schatten aus dem Wasser, schlang sich um das Einmachglas in Brandons Hand und riss es mit einem dumpfen Pflutsch! in den Teich.

»Was zum Teufel?«

Wir fuhren herum. An der Stelle, wo das Glas untergetaucht war, breiteten sich kreisförmige Wellen aus und ließen die Seerosen schaukeln.

Ich legte die Lampe auf den Boden und streifte hastig den Trenchcoat ab. Dann zückte ich die spindeldürre Klinge, die sich in meinem Gehstock verbarg, und warf Hannah eine der faustgroßen Salzkugeln zu. Sie fing sie lässig mit einer Hand und steckte sie in die Tasche ihres Pullovers. Dort bewahrte sie auch meinen alten Dolch auf, der jedes Monster erstarren ließ, sobald der Stahl seine Haut durchbohrte.

Brandon wühlte aufgeregt in seinem Rucksack. Er holte zwei gläserne Ampullen hervor. In einer schwappte eine violette Flüssigkeit, in der anderen waberte grünstichiger Rauch. Seit er meinem Onkel Emmerett hin und wieder beim Sezieren von Monstern half, kam er mit allerhand merkwürdigen Waffen um die Ecke.

»Achtet auf die Zunge«, warnte ich. »Sie ist nicht nur giftig, sondern erwürgt euch innerhalb von Sekunden – sofern euch der Schreckwandler nicht direkt den Kopf abreißt, versteht sich.«

»Tolle Rede«, meinte Hannah knapp.

»Er weiß einfach, wie man seiner Truppe Mut macht«, ergänzte Brandon.

»Eine meiner vielen Stärken.« Ich zwinkerte ihnen zu, aber ihre Blicke waren auf das Wasser gerichtet.

Brandon steckte die beiden Ampullen und ein neues MEG in seinen Gürtel, dann leuchtete er mit der Hand über den Teich.

Das Wasser war wieder glatt wie ein schwarzer Spiegel. Irgendwo quakte ein Frosch, in den Bäumen hinter uns raschelte es.

»Wir verteilen uns entlang des Teichs«, beschloss ich. »Hannah, du bleibst hier und meldest dich, wenn du eine Spur wahrnimmst. Brandon, du gehst nach links, ich nach rechts. Noch Fragen?«

»Nein.«

»Nö.«

»Gut, da–«

Etwas Feuchtes berührte mich am Hals. Es ging so schnell, dass ich mir zuerst unsicher war, ob es wirklich geschehen war. Erst das hysterische Geschrei von Brandon verscheuchte sämtliche Zweifel.

»Die Zunge!«, rief er und leuchtete mir ins Gesicht. »Sie kam genau in deine Richtung. Hat sie dich berührt?«

Ich fuhr mir über den Nacken. An meiner Hand klebte eine Flüssigkeit, die wie Spucke aussah und zähe Fäden zog.

»Monsterscheiße!« Das bläuliche Licht verlieh Brandon einen besorgten Ausdruck. Er schaute mich mit aufgerissenen Augen an. »Der Schreckwandler hat dich erwischt!«

Hannah legte den Kopf schief. »Wie fühlst du dich?« Sie sprach gelassen. Im Gegensatz zu Brandon wusste sie, dass uns Panik nicht weiterbrachte.

Ich wischte die Hand am Hosenbein ab. »Mir geht es gut, aber wir beeilen uns besser. Vielleicht bleiben mir ein paar Minuten, bevor die Wirkung einsetzt.«

Hannah wies hinaus auf den Teich. »Ich glaube, unser Froschmensch hat genug vom Versteckspielen.«

Zwischen zwei Seerosen schob sich ein froschartiger Kopf aus dem Wasser. Weit abstehende Glubschaugen reflektierten das Licht aus Brandons Hand. Die Haut des Schreckwandlers war voller Warzen wie bei einer Kröte. Sie war jedoch nicht bräunlich oder grün, sondern schimmerte durchsichtig wie der Sabber, der jetzt an meiner Hose klebte.

»Das Ding hat ja noch mehr Warzen als Farchie«, flüsterte Brandon unheilvoll. »Und das will etwas heißen, schließlich ist euer Hauself ein Warzentreiber!«

»Er mag es nicht, Hauself genannt zu werden!«, zischte Hannah.

»Deshalb sag ich es ja«, erwiderte Brandon.

Der Schreckwandler schoss mit einem Satz aus dem Wasser. Er landete federleicht auf einer Seerose. Seine kauernde Haltung erinnerte an einen Frosch. Die Backen bliesen sich auf wie ein Blasebalg. Als die Luft entwich, erklang ein tiefes Quaken. Die rosafarbene Zunge hing wie bei einem hechelnden Hund ein Stück aus dem Mund. Aus der Entfernung sah das Monster aus, als wäre ihm die Haut abgezogen und die Knochen und Muskeln darunter mit Gelatine überzogen worden.

Brandons Blick schnellte zwischen dem Monster und mir hin und her. »Was siehst du auf der Seerose?«

»Dich.«

»Echt?« Er schob erstaunt seine Brille nach oben. »Du hast Angst vor mir? Wie sehe ich denn aus?«

»Nun ja, eigentlich wie immer«, sagte ich. »Wie eine Mischung aus Mensch und Frosch mit unzähligen Warzen.«

Brandon seufzte. »Vielen Dank auch.«

Ich lächelte Hannah verstohlen zu und richtete den Blick zurück auf den Schreckwandler. Aber es war kein Wandler mehr da. Stattdessen saß Dad auf der Seerose.

Er sah furchtbar aus. An seinen ausgemergelten Gliedern haftete die Kleidung, die er in der Nacht seines Verschwindens getragen hatte. Das Haar hing ihm in das verschwitzte Gesicht, der altmodische Schnauzer schwebte schief über den blutigen Lippen, die Wangen waren zersetzt, die Sehnen unter der zerfressenen Haut gespannt wie Gitarrensaiten. Das rechte Auge war zugeschwollen, über dem linken fehlte ein Stück des Schädelknochens. Dad bleckte die vergilbten Zähne, von denen die Hälfte ausgeschlagen war. Jemand hatte ihm den rechten Arm unterhalb des Ellbogens ausgerissen. Durch den Stofffetzen, der um den Stummel gebunden war, triefte Blut.

»Dad«, murmelte ich schwach. »Was … was haben sie dir getan?«

In der nächsten Sekunde sprang der Zombie auf mich zu. Ich blieb wie gelähmt stehen.

»Padraig!«

Ein kraftvoller Stoß warf mich zur Seite. Ich geriet ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht – und landete im Teich. Das Wasser war warm und reichte mir bis zu den Hüften. Sofort saugten sich meine Kleider voll und klebten an mir wie eine zweite Haut.

Vor dem Teich schraubte sich die Zombie-Version meines Vaters in die Luft. Mit den Füßen voran schoss er auf Hannah zu. Sie wich mit einem Sprung aus und rollte sich ab. Der Schreckwandler verfehlte sie, prallte aber mit voller Wucht gegen Brandon. Der stürzte und knallte mit dem Kopf gegen den abgelegten Rucksack. Das unschöne Scheppern von Glas schwappte über den Teich. Stöhnend richtete sich Brandon auf – keine Sekunde zu früh, um sich schreiend unter den Fuß zu ducken, der auf seinen Kopf zielte.

Dad landete hinter ihm, quakte und sperrte das Maul auf. Bevor er die giftige Zunge um Brandons Hals legen konnte, rammte ihm eine Schulter gegen die Schläfe und er taumelte zurück. Hannah rieb sich den Oberarm, verzog das Gesicht und holte die Salzkugel aus der Tasche. Aus der Dunkelheit schnellte die Froschzunge hervor und zog ihr das Bein weg. In letzter Sekunde hob sie die Hände schützend vor das Gesicht. Mit einem unschönen Geräusch klatschte sie auf den Bauch. Die Salzkugel rollte unverrichteter Dinge auf den Teich zu.

Meine Gedanken wurden langsam klarer. Ich wollte eine der übrigen Salzkugeln vom Gurt lösen, aber meine Hand griff ins Leere. Wahrscheinlich hatte ich die Kugeln beim Eintauchen ins Wasser verloren. Mit siedend heißem Kopf fiel mir auf, dass auch der Degen nirgends zu sehen war. Hektisch blickte ich mich um. Zu meiner Erleichterung steckte er wie ein großer Zahnstocher in einer Seerose. Ich kämpfte mich zum Degen, packte den Griff und schnitt das schwimmende Blatt entzwei. Auf dem Gehweg stemmte sich Hannah mühsam auf. Zombie-Dad näherte sich ihr quakend.

Ich watete quälend langsam auf den Beckenrand zu. Plötzlich stürzte sich Brandon mit lautem Kampfgebrüll auf den Schreckwandler. Er schleuderte ihm die Ampulle mit den grünlichen Rauchschwaden entgegen. Leider war Brandon ein miserabler Werfer und eine Niete in allem, was auch nur entfernt mit Sport zu tun hatte. Er verfehlte das Monster meilenweit. Die Ampulle prallte gegen einen Baum, blieb dabei auf wundersame Weise heil, flog in hohem Bogen zurück und zersprang vor Hannah, die in einer grünen Rauchwolke verschwand.

»Monsterscheiße!«

Es folgte ein Chaos aus Hustern, Entschuldigungen und erregtem Quaken, das höhnischem Gelächter glich.

Das Husten verebbte schlagartig, als Hannah regungslos aus dem Rauch kippte und zu Boden sackte.

»Brandon!« Das Wasser ergoss sich aus meinen Hosenbeinen, als ich mich schwerfällig über den Rand des Teichs hievte. »Was hast du getan?«

Brandon starrte auf Hannah hinab und hielt seine Hand schützend vor den Mund, um keine Dämpfe einzuatmen. Ihm blieb keine Zeit, um mir zu antworten. Der Schreckwandler hüpfte mit einem riesigen Satz über die Rauchwolke und schoss auf ihn zu.

Kurzerhand warf ich den Degen wie einen Speer. Er segelte durch die Luft, streifte den verstümmelten Arm meines Dads und bohrte sich dahinter in ein Bambusrohr.

Brandon machte eine überraschend geschmeidige Hechtrolle nach vorne. Der Wandler landete hinter ihm, drehte sich um und schwang die Zunge wie eine Peitsche. Brandon hob geistesgegenwärtig den Rucksack auf. Die Zunge prallte daran ab wie an einem Schutzschild.

Ich hastete über den Betonboden auf den Bambuswald zu, der sich hinter dem Weg auftat. Mit einer ruckartigen Bewegung zog ich den Degen aus dem Rohr.

»Padraig, hinter dir!«

Instinktiv duckte ich mich noch in der Drehung – und sah aus den Augenwinkeln einen Schatten über mich hinwegfliegen. Die Bambusrohre hinter mir schlugen gegeneinander wie riesige Schlagzeugstöcke.

Schwer atmend drehte ich mich um. Dad klebte wie eine Echse am Bambus. Sofort preschte ich mit erhobenem Degen auf ihn zu. Kurz bevor die Klinge den Rücken des Zombies durchbohren konnte, stieß sich das Monster ab. Es machte einen Rückwärtssalto und landete hinter mir.

»Achtung!«, rief Brandon. Er sprang über die bewusstlose Hannah, wobei er ihr versehentlich den Schuh gegen den Kopf knallte, und hetzte mit dem Rucksack vor dem Gesicht am Beckenrand entlang. Die leuchtende Hand richtete er auf den Schreckwandler.

Das Monster wandte sich geblendet ab. Einen Wimpernschlag später machte es Bekanntschaft mit dem Rucksack. Zombie-Dad krachte zur Seite und Brandon warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. Sie verstrickten sich in ein Durcheinander aus Armen, Beinen und dem Lichtstrahl, der nervös hin und her zuckte.

Als Brandon oben lag, zog ich ihn vom Schreckwandler und wir rannten davon. Doch unserer Flucht wurde ein abruptes Ende gesetzt und wir fanden uns eng umschlungen wie ein Liebespaar wieder.

»Die Zunge!«, rief Brandon und schaute an sich hinab. »Ich kann meine Hände nicht bewegen!«

Die Zunge spannte sich wie ein Drahtseil und schnürte uns zusammen. Wir zerrten an den fleischigen Fesseln, aber es war zwecklos. Zombie-Dad näherte sich hüpfend.

»Tu doch was!«, schrie Brandon panisch.

Ich versuchte, mir mit kleinen Bewegungen ein wenig Raum zu verschaffen. Brandons Angstschweiß kroch mir in die Nase und vermischte sich mit der stickigen Luft.

»Ich … schaff … es … nicht«, presste ich hervor.

»Musst du auch nicht.«

Hannah stand mit dem Dolch in der Hand neben mir. Eine Schramme an ihrem Kopf zeugte von Brandons Fußtritt. Ohne weitere Worte holte sie aus.

Ein schmerzvolles Quaken hallte über den Seerosenteich und ich beschloss, botanische Gärten in die Liste der unbeliebtesten Jagdreviere aufzunehmen.

2 Brandon

Halten oder ziehen?

»Und da sitzen die Giftdrüsen.« Emmerett O’Sullivan drückte die Zunge zur Seite und leuchtete mit einer grellen Lampe ins Maul. »Siehst du sie? Gleich am Zungenansatz. An der Stelle befinden sich bei uns die Speicheldrüsen.«

Der Schreckwandler lag steif und ziemlich tot auf einer metallenen Bahre. Die schlaffe, um eine Armlänge gekürzte Zunge reichte bis zu den weißen Fliesen, die auch Decke und Wände des kargen Labors bedeckten. In dem sterilen Raum war es eiskalt, was die herumliegenden Monsterleichname daran hinderte, zu verwesen und faulige Gase zu bilden.

Mein Gesicht näherte sich vorsichtig dem Froschkopf. Aus der Nähe waren seine erblassten Adern zu sehen, die durch die fahle Haut drückten. Der Gestank nach verfaultem Fisch beförderte mein Frühstück nach oben.

»Sind es diese Wucherungen kurz vor dem Gaumen?«, hakte ich nach und unterdrückte das Aufstoßen.

»Genau«, bestätigte Emmerett. Er nahm die Finger aus dem Monstermaul und wischte sie an der fleckigen Lederschürze ab. Padraigs Onkel griff nach einem Holzstab, der neben weiteren Instrumenten auf einem blechernen Tablett lag. »Kannst du bitte die Pipette nehmen?«

Ich streifte Gummihandschuhe über – schließlich wollte ich nicht versehentlich einen Giftspritzer abbekommen. Zwar war der Schreckwandler seit über zwölf Stunden tot, aber sein Gift wirkte noch immer. Während Emmerett mit einer Hand das Maul des Monsters aufdrückte und mit der anderen darin herumstocherte, nahm ich die Pipette.

»Wie lief es mit den neuen Waffen?«, fragte Emmerett, ohne den Blick vom Schreckwandler abzuwenden. Wieder drückte er die Zunge zur Seite und tastete mit dem Holzstab im Maul herum. »Hat euch das Gas des Tibetischen Traumfressers geholfen?«

»Nun ja«, machte ich zögernd und dachte an den grünen Rauch, der Hannah nach meinem missglückten Wurf außer Gefecht gesetzt hatte. »Streng genommen hat es bestens funktioniert. Die Dosis genügt, um einer mittelgroßen weiblichen Person für zwei Minuten das Bewusstsein zu nehmen.«

»Du hast es an Menschen getestet?« Emmerett drehte an einer fernrohrartigen Vorrichtung, die er auf das rechte Brillenglas geklemmt hatte. »Hat euch eine Wärterin überrascht?«

»Jap«, log ich. »Plötzlich stand sie da. Puff, wie aus dem Nichts! Ich hielt sie für ein Monster, also habe ich das Glas geworfen.«

Emmerett hielt sein Gesicht noch näher an das Maul des Wandlers. »Brandon, wir waren uns einig, dass du unsere Waffen nur an Monstern ausprobierst.«

»Es war keine Absicht.« Ich sah die Pipette böse an, als würde sie die Schuld an dem Schlamassel tragen. »Immerhin gab es keine nennenswerten Nebenwirkungen. Weder eine partielle Amnesie noch, wie befürchtet, den sofortigen Tod aufgrund einer zu hohen Dosierung.«

»Jetzt habe ich dich!«, rief Emmerett. Er winkte mich mit energischen Handbewegungen zu sich. »Schnell, beeile dich. Ich habe den Druckpunkt gefunden, um die Giftreste aus der Drüse zu pressen. Hast du die Pipette?«

Ich stellte mich mit der Pipette auf die andere Seite der Bahre und hielt den Atem an.

»Du musst diese wässrige Flüssigkeit aufsaugen«, wies Emmerett mich an. »Sobald ich den Druck verstärke, tritt das Gift aus. Achtung …«

Ich spähte in den Rachen. Tatsächlich sonderte die Drüse einen durchsichtigen Saft aus, der sich in einer Lache sammelte. Mit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Gesicht sog ich das Gift auf.

»Wunderbar«, frohlockte Emmerett. Er nickte über seine Schulter. »Schütte das Gift in den Glaskolben da drüben. Und dann nimmst du die zweite Pipette.«

Nachdem ich meine Hand ein weiteres Mal in das Maul des toten Monsters gesteckt und dessen Gift aufgesaugt hatte, atmete ich erleichtert aus. Ich war von Giftspritzern verschont worden, hatte nichts verschüttet und war bei Bewusstsein geblieben (was ich von meiner allerersten Sezierung nicht behaupten konnte).

Emmerett nahm das seltsame Konstrukt von der Brille und legte das Holzstäbchen zurück in die Schale. Danach hielt er den Glaskolben prüfend unter das Deckenlicht. »Rund einhundert Milliliter reines Schreckwandler-Gift – eine wahre Seltenheit!«

Emmerett summte eine fröhliche Melodie, verkorkte das Gefäß und notierte etwas auf einem Etikett, das er um den Kolben wickelte. Bestens gelaunt schritt er auf einen Metallschrank am Ende des Raums zu und sperrte die Tür auf. Darin stapelten sich Gefäße in verschiedensten Formen und Größen, jedes fein säuberlich mit einem Etikett versehen. In jedem Glas blubberten, dampften oder schwappten Flüssigkeiten in allen erdenklichen Farben.

»Wie lief es mit dem Gas des N’Galogians?« Emmerett schob ein paar trapezförmige, mit schwefelartigem Dampf gefüllte Kolben beiseite, um Platz für seine neueste Errungenschaft zu machen. »Konntest du sie in deinem Feldversuch direkt am Objekt überprüfen?«

»Nein, leider nicht.« Ich trat zu einem Waschbecken, das unter einem quadratischen Spiegel an den Fliesen befestigt war. Das blonde Haar hing mir strähnig in die Schutzbrille, die ich über meiner eigentlichen Brille trug. »Ich wollte nicht riskieren, dass das violette Gas den halben Garten verätzt.«

»Verständlich«, murmelte Emmerett und sperrte den Schrank ab. »Es wird sich sicher bald eine Gelegenheit ergeben, die ätzenden Darmgase des N’Galogians zu testen.«

Ich drehte den Hahn auf und wusch die Pipetten aus. »Ist es nicht merkwürdig, mit den eingefangenen Fürzen eines Monsters andere Bestien zu jagen?«

Emmerett blickte mich verwirrt an. Die Frage schien für ihn keinen Sinn zu ergeben. »Warum sollte es seltsam sein? Auch in unseren Körpern entstehen Gase während der Verdauung.«

»Das mag sein.« Ich stellte die Pipetten zum Abtropfen auf eine Ablage und trocknete die Hände an einem Tuch ab. »Aber der N’Galogian besitzt, soweit ich informiert bin, keine Verdauungsorgane. Er verdaut seine Nahrung ausschließlich mit dem violetten Gas. Und wir jagen damit andere Monster. Die ersticken praktisch an den Flatulenzen eines Kollegen.«

Emmerett legte den Kopf schief und musterte mich wie eine Eule. »Worauf willst du hinaus?«

»Ach, egal.« Ich winkte ab und schaute auf die Uhr über der Eingangstür. »Oh, ich muss los. In einer halben Stunde beginnt der Sigillen-Unterricht bei Mrs Chandra. Vorher wollt–«

Emmerett klatschte in die Hände. »Genug Zeit, um mir bei einer letzten Sache zu assistieren. Ich würde es ja allein machen, aber mit vier Händen geht es eindeutig besser.« Er trat an die Bahre und griff dem Schreckwandler unter die Achseln. »Ganz schön schwer, der Bursche. Willst du halten oder ziehen?«

Ich sah zu, wie Emmerett das Monster zurück auf die Bahre plumpsen ließ und nach dem Skalpell griff.

»Wie meinst du das, halten oder ziehen?«

»Nun ja.« Emmerett setzte die Klinge am Hals des Wandlers an und zog bis zur Hüfte einen fein säuberlichen Schnitt. »Der eine hält das Monster in einer aufrechten Position, der andere zieht ihm die Haut ab. Ohne sie nützt mir das Gift wenig. Also«, er lächelte mich an, »willst du halten oder ziehen?«

Mrs Elsha Chandra trug einen dunkelgrünen Sari, ein traditionelles Kleid aus ihrer indischen Heimat. Der Saum des Rocks und die Ränder der Schärpe, die von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte reichte, waren mit goldenen Verzierungen bestickt. In der einen Hand trug sie eine Art Vogelkäfig, der mit Sigillen überzogen war.

»Du bist spät dran«, merkte Mrs Chandra in einem strengen Tonfall an, der typisch britisch klang und nichts von ihrer indischen Herkunft verriet. Sie stand regungslos da und sah zu, wie ich schwer atmend durch den Raum stolperte. Aus dem Käfig drang ein nervöses Scharren.

Der Unterrichtsraum war groß, aber komplett unmöbliert. Stählerne Träger ragten aus dem Boden und stützten die Decke, die mit Sigillen versehen war. Auf dem Boden war ein Kreis gezeichnet, der von komplexen Symbolen gesäumt war. In seiner Mitte stand Mrs Chandra – und neben ihr ein Mädchen.

»Entschuldigen Sie«, keuchte ich und rang nach Luft. Ich schwitzte, meine Hände stanken nach Fisch und letzte Reste von Froscheingeweiden klebten an meinen Fingern. »Ich bin aufgehalten worden.«

»Lass mich raten«, seufzte Mrs Chandra. »Emmerett O’Sullivan?«

»Wir haben einen Schreckwandler gehäutet.« Ich zog die Jacke aus und fächerte Luft unter meinen Pullover, auf dem ein aufgerissenes Maul mit spitzen Eckzähnen zu sehen war. »Falls Sie ihm mal dabei assistieren und er fragt, ob Sie halten oder ziehen möchten, sagen Sie um Gottes willen halten.«

»Ich werde mich mal mit dem Leiter der Forschungsabteilung für Monster und Kreaturen unterhalten müssen«, brummte die Sigillistin. »Schließlich bist du mein Schüler und keiner seiner wissenschaftlichen Assistenten. Aber lasst uns nicht noch mehr Zeit verlieren.« Mrs Chandra streckte den freien Arm aus und wies auf das Mädchen. »Brandon, darf ich dir Primrose Klimt vorstellen? Sie wird meine zweite Schülerin. Primrose hat um einen Ausbildungsplatz gebeten und sich als fähig erwiesen. Sie verfügt ebenfalls über die Gabe der ruhigen Hand.«

»Hi, Brandon.«

Primrose machte unsicher einen Schritt nach vorne. Sie war ungefähr in meinem Alter und trug eine cremefarbene Bluse, die sie sich in die Jeans gesteckt hatte. Die Jeans wiederum reichte bis zum Bauchnabel. Meine Schwester Penelope hätte bestimmt Gefallen an der Hose gefunden. Das braune Haar fiel Primrose in weichen Wellen bis zur Schulter. Hinter ihrem rechten Ohr klemmte ein Bleistift. Mit gekreuzten Armen hielt sie ein zitronengelbes Notizbuch an die Brust gepresst.

»Hallo, Primrose«, begrüßte ich sie und streckte ihr die Hand entgegen. Auf halbem Weg erinnerte ich mich an den fischigen Geruch, hielt inne und winkte unbeholfen.

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, das in erster Linie aus Sommersprossen zu bestehen schien. »Meine Freunde nennen mich Prim. Du kannst mich auch so nennen, wenn du magst. Primrose klingt so altertümlich. Keine Ahnung, was sich meine Eltern dabei gedacht haben.«

»Es erinnert mich an eine edle Weinsorte.« Ich räusperte mich und täuschte einen französischen Akzent vor. »Garçon, bitte eine Flasche Primrose für zwei Personen.«

Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, kam ich mir wie ein Idiot vor. Ich spürte, wie meine Ohren und Wangen rot anliefen. Warum hatte ich das gesagt?

»Tut mir leid«, warf ich hinterher.

Prim kicherte in ihr Notizbuch. »Es klingt tatsächlich wie ein Wein. Das ist mir noch nie aufgefallen.«

Ich grinste sie dankbar an und kratzte mich verlegen am Hinterkopf.

Elsha Chandra verdrehte genervt die Augen. »Bevor Brandon die Situation noch peinlicher macht – was bei ihm durchaus denkbar oder sogar wahrscheinlich ist – beginnen wir besser mit dem Unterricht. Grundsätzlich üben wir das Ziehen neuer Sigillen zuerst im Kreis.« Elsha Chandra wandte sich Prim zu, übergab ihr ein Stück Kreide und wies mit ausladender Geste auf den Kreis. »Die Zeichen um den Kreis herum bannen die Wirkung eurer Sigillen. So könnt ihr die Symbole praktizieren, bis ihr sie perfekt beherrscht. Erst danach gestatte ich euch, sie außerhalb des Schutzkreises anzuwenden.«

Ich stellte mich zu Prim in den Kreis. Sie lächelte mich unsicher an, als ich neben ihr stehen blieb.

»Du sollst nicht in den Kreis, Brandon.« Mrs Chandra winkte mich energisch zu sich. »Zeig mir deine Fortschritte mit der Sigille des Lichts. Zeichne sie an die Wand da. Wenn du sie zu meiner Zufriedenheit ziehst, widmen wir uns deinem ersten Bannkreis.«

Prim blätterte eifrig durch ihr gelbes Notizbuch und nahm den Stift hinter dem rechten Ohr hervor. Im Vorbeigehen erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf die detaillierte Zeichnung eines männlichen Gesichts. Es sah fast aus wie eine Fotografie. Das Mädchen schien tatsächlich talentiert zu sein.

»Was ist in dem Käfig?«, fragte ich. Der Eisenkäfig stand zwei Meter entfernt. Wieder vernahm ich ein leises Kratzen – als würden Krallen von innen gegen das Metall schaben.

»Fragen haben die schlechte Eigenschaft, den natürlichen Fluss der Gedanken zu blockieren.« Mrs Chandra stellte sich hinter mich, um mich beim Ziehen der Sigille zu beobachten. »Flammt eine Frage in unserem Kopf auf, dreht sich alles um sie.« Die Sigillistin musterte mich. »Warum müssen unsere Gedanken stets ungehemmt fließen, Brandon?«

Ich wippte auf den Fußballen. »Weil Konzentration auf das Wesentliche einen klaren Kopf bedingt. Der freie Fluss der Gedanken lenkt unsere Hände beim Ziehen von Linien, Kreisen und Symbolen und prägt die Kraft der Sigillen.«

Das Kratzen von Stift auf Papier hallte leise durch den kargen Raum. Prim hing eine Haarsträhne in das Notizbuch. Mit einer raschen Handbewegung strich sie sie hinter das Ohr. Sofort setzte das kratzende Geräusch wieder ein.

Mrs Chandra räusperte sich. »Deine Konzentration scheint heute irgendwo anders zu sein.«

»E-entschuldigen Sie.«

Ich nahm eine Kreide von Mrs Chandra entgegen, trat an die Wand und schloss für einen Moment die Augen. Mit tiefen Atemzügen holte ich meine Gedanken ins Hier und Jetzt. Die einströmende Luft kühlte die Innenseite meiner Nasenflügel. Ein alter Trick von Dad, den er von Grandpa Duncan hatte. Ich wandte ihn an, wenn ich nachts nicht schlafen konnte oder mit einer Situation konfrontiert war, die mir unbehaglich war.

Mein Puls verlangsamte sich und ich spürte das Gewicht der Kreide in meiner Hand. Ich schlug die Augen auf und begann, die Sigille zu ziehen. Nach wenigen Sekunden leuchtete ein bläuliches Licht auf.

Ich grinste zufrieden. Ihr hättet sehen müssen, wie das Ding in meiner Hand geleuchtet hat, dachte ich.

»Sehr gut«, lobte Mrs Chandra und löste die verschränkten Arme. Die goldenen Kettchen daran klimperten. »Wenn du den Fokus künftig auch ohne meine mahnenden Worte auf das Ziehen der Zeichen legst, werden deine Sigillen an Kraft und Stärke gewinnen.«

Ich blickte verstohlen an Mrs Chandra vorbei. Prim schaute mich mit großen Augen an. Sie schien beeindruckt zu sein. Ein breites Grinsen zwängte sich auf mein Gesicht, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.

»Vielen Dank«, sagte ich möglichst gelassen, als wäre das Lob eine Selbstverständlichkeit. »Ich werde weiterhin an meiner Technik arbeiten.«

Die Sigillistin nickte anerkennend. »Ich möchte, dass du Primrose die Sigille des Lichts beibringst. Dadurch lernst du, Wissen weiterzugeben. Wenn du die Fehler der anderen erkennst, bedeutet das, dass du selbst von ihnen befreit bist.«

»Oh«, machte ich. Unsicher blickte ich das Mädchen mit den vielen Sommersprossen an. »Also, ich weiß nicht … wissen Sie … ich … ähm …«

»Zuerst«, unterbrach Mrs Chandra mein Stottern, »zeige ich dir aber wie versprochen deinen ersten Bannkreis.« Sie nahm den Käfig und drückte ihn mir in die Hand.

»Was soll ich damit?«

»Ihn auf dem Kopf balancieren.«

»Veralbern Sie mich gerade?«

»Natürlich tue ich das. Du sollst das tun, was man mit einem Gegenstand macht, der einem gereicht wird: ihn halten.«

»Besser als ziehen«, murmelte ich.

Prim kicherte.

Der Käfig sah aus wie eine große Laterne. Nur gab es keine Glaswände mit Blick auf eine flackernde Kerze. Stattdessen waren die metallenen Außenflächen mit eingeritzten Symbolen versehen. Im Inneren bewegte sich etwas.

Elsha Chandra kniete sich hin und zeichnete einen Kreis. Um ihn herum zog sie sieben Zeichen, die den Buchstaben eines fremden Alphabets glichen. Jede noch so unbedeutend wirkende Linie musste die perfekte Länge und Dicke sowie die richtige Position haben, um die Sigille zu komplettieren.

Nach dem siebten Symbol erhob sich Mrs Chandra und blieb im Kreis stehen. Die Handflächen presste sie vor der Brust zusammen, als würde sie ein Gebet sprechen.

»Stelle den Käfig auf den Boden und öffne die Tür«, befahl sie gelassen. »Und geh zu deiner eigenen Sicherheit zu Prim in den Kreis, sobald die Tür offen ist.«

»Ähm, Mrs Chandra?«

»Ja, Primrose?«

Prim blickte unsicher auf den Kreis, das Notizbuch an den Körper gedrückt. »Sind wir hier drin sicher vor … was auch immer da drinsteckt?«

»Aber natürlich.« Kaum sichtbare Falten zerfurchten die sonst glatte Stirn von Mrs Chandra. »Meinen Schülerinnen und Schülern geschieht nie etwas.«

»Hatten Sie vor uns überhaupt welche?«, hakte ich nach.

»Nein«, antwortete die Sigillistin. »Deshalb ist bisher auch keinem etwas geschehen. Und nun öffne endlich den Käfig, Brandon.«

Ich unterdrückte weitere Fragen und stellte die eiserne Laterne ab. Ein Metallstift hielt die Tür in den Angeln. Vorsichtig zog ich ihn heraus.

Noch bevor der Stift ganz draußen war, flog die Tür auf und ein huhnartiges Wesen stürzte heraus. Die merkwürdig gackernde Kreatur stürzte auf den Kreis und Mrs Chandra zu. Im letzten Moment machte die Frau im grünen Seidenkleid einen Schritt zur Seite und trat aus dem Kreis. Das Monsterhuhn übertrat die Linie – und knallte auf der anderen Seite gegen eine unsichtbare Barriere.

Sichtlich verwirrt hielt das Wesen einen Augenblick inne. Es schüttelte sich, plusterte sein blutrotes Gefieder auf und senkte den Kopf wie ein Stier. Auf dem Schädel wuchs ein messerscharfer Kamm. Das Monsterhuhn stieß eine Mischung aus Gackern und Wolfsgeheul aus und scharrte mit den bekrallten Füßen. Dann stürmte es los – und krachte mit dem Kamm erneut gegen eine Wand, die für unser Auge unsichtbar war.

»Was ist das denn für ein Ding?«, fragte ich erstaunt und rief mir alle Einträge des Bestiariums in Erinnerung. Ein Monsterhuhn war mir darin nicht untergekommen.

»Die BEAST-Agenten nennen es einen Blutroten Gackerer«, erklärte Mrs Chandra. Sie schaute zu, wie das gefiederte Monster immer und immer wieder versuchte, die unsichtbaren Mauern zu durchbrechen. »Der Bannkreis ist stark genug, um seinen Angriffen standzuhalten. Für stärkere Monster ist er zu schwach. Sie könnten einfach hindurchgehen.« Elsha Chandra schritt um den Kreis. »Für mächtige Kreaturen muss der Kreis mit mehr Sigillen verstärkt werden. Aber je mehr Symbole, desto größer die Gefahr für Fehler.« Sie blieb stehen und schaute auf den Blutroten Gackerer herab, der wütend aufheulte. »Ein Fehler genügt und die unsichtbaren Mauern reißen, bevor ihr euch in Sicherheit bringen könnt.«

»Wie geht es deiner Hand?« Prim schritt neben mir die Treppen aus den oberen Stockwerken nach unten. »Dieser Gackerer hat dich echt voll erwischt.«

Ich sah hinunter auf das große Pflaster, das auf meinem Handrücken klebte. »Sieht schlimmer aus, als es ist«, log ich. In Wahrheit brannte die Wunde wie Feuer. »Ich dachte echt, ich hätte den Bannkreis auf Anhieb perfekt hinbekommen.«

Wir erreichten den überdachten Innenhof des BEAST-Hauptquartiers, das im verlassenen Industrieviertel von Edinburgh stand. In der Mitte des Hofs prangte ein Springbrunnen aus weißem Marmor, der ein geflügeltes Pferd mit vier Schwingen darstellte. Fahlgraues Licht fiel durch die gläserne Kuppel. Über die vier Stockwerke verteilt, gab es eine Vielzahl an kuriosen Geschäften und Läden, die alles für den täglichen Gebrauch eines Agenten anboten. Von Waffen und Eisenketten über verkorktes Weihwasser und Ampullen mit loderndem Feuer bis zu Schutzkleidung und Notrationen.

Prim hielt ihr Notizbuch umklammert. Sie hatte die ganze Stunde bei Mrs Chandra immer wieder Dinge darin notiert. Als ich ihr die Sigille des Lichts gezeigt hatte, hatte sie das Symbol fein säuberlich auf einer ganzen Seite abgezeichnet.

»Na ja«, sagte Prim, als wir den Brunnen umrundeten, »am Ende der Stunde hat dein Bannkreis immerhin drei Angriffe des Gackerers ausgehalten.« Sie sah enttäuscht auf ihre Schuhe. »Meine Sigille hat nicht einmal ein kurzes Aufflackern hervorgebracht.«

Da ich mich mit Mädchen nicht so auskannte – Penelope und Hannah waren die einzigen, die je mehr als zwei Worte mit mir gesprochen hatten –, wusste ich nicht genau, wie man eines tröstete.

»Bei mir hat es einen Monat gedauert, bevor die Sigille heller geleuchtet hat als ein Glühwürmchen«, versuchte ich es. »Das musst du erst mal übertreffen!«

Ein scheues Lächeln mischte sich unter die Sommersprossen. »Ich werde mir Mühe geben!«

Wir liefen stumm nebeneinander weiter. Mit jedem Meter schien die Temperatur um ein Grad zu steigen. Ich spürte den Schweiß auf der Stirn. Ich wollte Prim etwas fragen, wusste aber nicht, was.

»Bis–«

»Woh–«

Wir redeten beide gleichzeitig und verstummten sofort wieder.

»Was wolltest d–«

»Du zuerst«, forderte Prim.

Ich schob die Brille nach oben. »Sind deine Eltern auch Agenten? Oder wie bist du hierhergekommen?«

Prim warf einen Blick in eines der Schaufenster. Hämmer, Speere, Schwerter und andere tödliche Waffen lagen darin ausgestellt. Hinter der Kasse stand ein alter Mann, der uns freundlich zuwinkte. Mr Lockwood war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Schmiedekunst.

Prim hob die Hand und winkte zurück. »Ich bi–«

»Brandon, da sind Sie ja!«, unterbrach uns eine piepsige Stimme. »Ich habe endlich die Unterlagen aus Deutschland erhalten, die Sie gesucht haben.«

Eine kleine, rundliche Frau wuselte auf uns zu. Sie trug mehrere Schichten aus altrosafarbenen Strickjacken, einen farblich passenden Rock und violette Schuhe. Um ihren Hals hingen zwei Brillen und ein Bund mit unzähligen Schlüsseln, die bei jeder Bewegung klimperten. In den Händen hielt sie eine Mappe aus gelbem Papier.

»Hallo, Mrs Love-Wobbley«, begrüßte ich die ältere Dame, die in dem unterirdischen Archiv dafür sorgte, dass alle Unterlagen und Fallakten katalogisiert wurden. »Sie sind wirklich erfolgreich gewesen?«

Mrs Love-Wobbley gesellte sich zu uns. Obwohl ich einen Kopf kleiner als Padraig war, reichte mir die Archivarin kaum bis zur Schulter. Ganz in Rosa sah sie aus wie eine Kaugummiblase mit Pudelfrisur.

»In der Tat, das war ich«, bestätigte sie und streckte mir die Mappe entgegen. »Wochenlang musste ich meine Kollegin bei DAEMON, dem Deutschen Amt für Eigenartiges und Monster, bearbeiten. Die alte Mrs Rumpeldinger ist nicht gerade die Schnellste, wenn es darum geht, Informationen zu besorgen.« Sie setzte eine ihrer Brillen auf. »Aber so leicht lasse ich nicht locker!« Ihr Blick fiel auf Prim und ihr rosiges Gesicht hellte sich schlagartig auf. »Oh, wer ist denn Ihre hübsche Begleiterin, Brandon?«

Ich nahm die Akte entgegen. »Das ist Primrose Klimt, die neue Schülerin von Mrs Chandra. Sie wird wie ich in der Kunst der Sigillen ausgebildet.«

»Ach wie schön«, frohlockte Mrs Love-Wobbley. Sie packte Prims Hand und schüttelte sie energisch. »Endlich wieder eine Frau in diesem Männerschuppen!« Sie beugte sich vor und fuhr im Flüsterton fort: »Es gibt eindeutig zu viele Männer hier, wenn Sie mich fragen, Primrose.«

»Was ist mit Mrs Hazle-Finch?«, bohrte ich nach. »Immerhin hat eine Frau die Leitung von BEAST inne.«

Mrs Love-Wobbley funkelte mich über den Rand ihrer Brille finster an. »Die alte Hexe zählt nicht.«

Ich war mir ziemlich sicher, dass die Archivarin einige Jahre älter als die BEAST-Leiterin war, behielt diesen Gedanken aber für mich.

»Ich muss weiter, die Pflicht ruft«, warf Mrs Love-Wobbley ein. Sie strahlte Prim herzlich an. »Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und Sie, Brandon, passen gefälligst auf.« Sie tippte auf die Akte. »Viktor Frankenstein war ein gefährlicher Fanatiker, an dessen Händen das Blut unschuldiger Menschen klebt. Es gibt gute Gründe, weshalb meine Vorgänger alle Akten zu den Vorfällen vernichtet haben.« Mrs Love-Wobbley nahm die Brille ab und schaute gedankenverloren ins Nichts. »Der Mann hat nicht nur Grenzen überschritten und ein Monster erschaffen – er war selbst eines.«

3 Padraig

Der Tag, an dem ein Mann den Tod besiegte

Der Schlüssel war schwerer, als er aussah. Er war so lang wie ein Kugelschreiber und bestand aus einem schimmernden Stein als Griff und einem Bart aus acht verschraubten Gliedern. Wenn man diese auseinanderbaute und seitlich in den eingefassten Stein schraubte, verwandelte sich der Schattenschlüssel in einen spinnenförmigen Anhänger. In dem Anhänger hatte bis vor vier Monaten ein Parasit gelebt, der Brandons Mutter befallen und sie benutzt hatte, um Penelope und deren beste Freundin Cassie in eine düstere Höhle zu schleppen. Zum Glück hatten wir sie rechtzeitig entdeckt, bevor sie von einem Spinnenmonster bei lebendigem Leib verdaut werden konnten. Die Sigillen, die das Monster zur Strecke gebracht hatten, hatte Brandon im Bestiarium gefunden. In den letzten Monaten hatten wir sie an anderen Kreaturen getestet, aber aus welchen Gründen auch immer schienen sie nur bei dieser vielbeinigen Bestie zu wirken. Nach wie vor hatte ich übrigens keinen Schimmer, wie Dad an die Symbole gekommen war …

Die Tür quietschte und eine gedrungene Gestalt humpelte in die Küche. Vom Küchentisch aus konnte ich nur einen fast kahlen Kopf voller Warzen sehen, aus denen wenige Haarfäden wie borstiges Gras sprossen.

»Der Schattenschlüssel riecht nach Tod, Dunkelheit und Verdammnis«, krächzte eine heisere Stimme.

Sie gehörte zu Farchie, einem vorlauten, aber ergebenen Warzentreiber, dem Dad vor langer Zeit das Leben gerettet hatte. Seither diente er unserer Familie, auch wenn er mich nicht ausstehen konnte.

Er hüpfte auf mich zu – mit einem Bein die einzig mögliche Fortbewegungsart. »Es ist mir nicht geheuer, wenn Ihr den Schlüssel hervorholt, junger Meister O’Sullivan.«

Ich legte ihn auf den Tisch. »Du müsstest ihn eigentlich mögen«, entgegnete ich. »Immerhin ist er der einzige Weg, deinen Meister aus der Schattenwelt zurückzuholen. Jetzt müssen wir nur noch die anderen drei Schlüssel finden, mit denen wir das verborgene Tor zu der Welt der Monster aufschließen können, damit du nicht auf ewig mit mir hier herumsitzen musst.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und das willst du doch nicht, oder?«

Farchie schmatzte und popelte mit den Fingern seines einzigen Arms in der Nase. Sein Zyklopenauge vergrößerte sich freudig, als er fündig wurde. Ein kleiner, haariger Klumpen klebte auf dem Zeigefinger. Der Warzentreiber leckte sich gierig über die spröden Lippen.

»Ich hoffe, Ihr erinnert Euch, dass Ihr mir noch einen Gefallen schuldet.« Farchie steckte sich den Popel in den Mund und schmatzte genüsslich. »Oder ist diese Kleinigkeit durch das großlöchrige Sieb gefallen, das Ihr Euer Gehirn nennt?«

Natürlich hatte ich nicht vergessen, wie uns Farchie dabei geholfen hatte, die unsichtbare Schrift im Bestiarium zu entziffern. Erst dank dieses verborgenen Hinweises waren wir dem Schattenschlüssel in Port Willow auf die Spur gekommen.

»Ich erinnere mich an unsere Abmachung«, sagte ich knapp. »Aber was hat dieser Gefallen mit den Schattenschlüsseln und Dads Rettung zu tun?«

Farchie wandte mir sein runzeliges Gesicht zu, das mehr Falten warf als das Hinterteil eines Elefanten. »Wenn Ihr bei der Suche nach meinem einzig wahren Meister scheitert, finde ich Mittel und Wege, meine endlose Enttäuschung über Euer Unvermögen zu lindern.«

»Ob du es glaubst oder nicht.« Ich erhob mich und trat zum Kühlschrank. »Meinen Vater zu finden, ist das Einzige, das mich antreibt.« Ich trank eine Flasche Wasser in einem Zug leer und wischte mir mit dem Handrücken über den Mund. »Vielleicht finde ich sogar Mum in der Schattenwelt. Schließlich wurde sie kurz nach meiner Geburt von einem Ortswechsler dorthin entführt.«

Plötzlich machte Farchie einen Satz zur Seite, warf einen Stuhl um und kraxelte auf den Tisch.

»Haltet mir diese elende Bestie vom Hals!«, fauchte er mit aufgerissenem Auge. »Ich ertrage es nicht, wenn sich diese Kreatur lautlos wie ein scheues Reh an mich heranpirscht, nur um mir in einem Moment der Unachtsamkeit die Kehle aus dem Leib zu reißen und sich genüsslich an meinen Überresten zu laben.«

Ein schwarzer Kater, den wir kürzlich Mr Hide getauft hatten, schmiegte sich an das Tischbein und schnurrte. Er hatte mich vor unserem Abenteuer in Port Willow zu Hannah geführt, die ich in einem verlassenen Hangar vor zwei Hautsammlern gerettet hatte. Seither waren Mr Hide und Hannah ein Herz und eine Seele. Tagsüber jagte der Kater in der Sackgasse vor unserem Haus in der Paloma Street Ratten und Mäuse oder ließ sich weiter vorne an der Hauptstraße von Passanten streicheln. Nachts rollte er sich zufrieden in einer Ecke von Hannahs Feldbett zusammen.