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Der mit Preisen überhäufte Star-Komponist und Dirigent Johann wacht mit einem dicken Brummschädel im Kassenraum des menschenleeren Opernhauses auf. Noch kann er sich nicht an den gestrigen Tag erinnern, doch als er überall seltsame Hinweise und Nachrichten findet, kehren die Erinnerungen Stück für Stück zurück. Schnell überkommt ihn das Gefühl, dass er doch nicht die einzige Person in dem altehrwürdigen Opernhaus sein könnte … Ein packender Thriller aus der Welt der klassischen Musik und ihrer Stars.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sebastian Noll
Crescendo
Oper des Wahnsinns
Impressum
Crescendo
Oper des Wahnsinns
Sebastian Noll
© 2018vss-verlag, 60389 Frankfurt
Covergestaltung: Armin Bappert unter Verwendung eines Fotos von Paixabay
Lektorat: Elfriede Schilling
www.vss-verlag.de
1. Akt
Benommen und mit einem dicken Brummschädel wachte Johann auf und öffnete seine Augen.
»Ah, mein Schädel«, stöhnte er und hielt sich den schmerzenden Kopf. »Was ist nur passiert?«
Taumelnd richtete er sich auf. Ihm war schwindelig und er fühlte sich noch immer ein wenig benommen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er den Ort, an dem er sich gerade befand, wiedererkannte. Über ihm baumelte eine Hängelampe, dessen energiesparende Glühbirne den kleinen Raum mit unangenehmen Licht füllte. In der Ecke, in der er gerade noch gelegen hatte, standen neben seinem ungewollten Schlafplatz zwei leere Flaschen Grünländer Bier. Johann war sich nicht sicher, ob er getrunken hatte. Normalerweise mied er dieses bayerische Gesöff. Da bevorzugte er lieber einen edleren, trockenen Wein.
Sein Blick fiel auf den Schreibtisch, auf dem einige mit unleserlichen Notizen vollgekritzelte Zettel lagen. Eine Tasse mit einem dünnen Kaffeefilm auf dem Boden und ein vollgekrümelter Teller standen gefährlich nah am Rand des Tisches. Durch das Plastikglasfenster drang etwas Licht in das ansonsten finstere Foyer. Eine kleine Luke, durch die der Kassierer normalerweise Geld und Eintrittskarten mit den Gästen wechselte, war geschlossen. Weiter rechts neben dem Teller stand ein alter Computerbildschirm, dessen Tastatur ausschließlich mit Ziffern bestückt war, und ein Drucker, der etwa die Größe eines Toasters hatte.
Kein Zweifel: Er befand sich im Kassenraum. Es war kein Ort, an dem Johann sich oft aufhielt. Normalerweise stand er auf der anderen Seite der Glasscheibe im Foyer.
Wieso war er nur hier? Und wie spät war es überhaupt? Automatisch griff er mit seiner Hand in die linke Hosentasche, in der er in der Regel sein Smartphone aufbewahrte.
»Wo ist es nur?«, sagte er zu sich selbst, als er mit seiner Hand in die leere Tasche griff. Sein Smartphone war nicht da. Verzweifelt kroch er unter den Schreibtisch in der Hoffnung, es wäre ihm beim Schlafen aus der Tasche gerutscht. Aber außer einer Mausefalle, in der noch immer ein Stück Käse klemmte, war dort nichts. Auch zwischen den ganzen Zetteln fand er es nicht.
Mit brummenden Schädel sank er auf den lehnenlosen Kassenstuhl und versuchte sich zu erinnern. Was war passiert? Wie ist er hierher gekommen? Und wo war sein Smartphone? Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war die Freitagsvorstellung. Er ging zum Abschluss der Vorstellung als Letzter auf die Bühne und bekam dabei den größten Applaus von allen. Noch fünf Minuten, nachdem er die Bühne verlassen hatte, klatschten die Leute weiter. Danach verblasste seine Erinnerung.
Auf die Scheibe starrend entdeckte er durch das verschwommene Spiegelbild eine Uhr an der Wand hinter ihm. Der große Zeiger stand auf der vier und der kleine auf der sechs. Mit einem Ohr lauschte er nach einem Ticken. Da war etwas, ein ganz leises Ticken. Die Uhr war also nicht stehengeblieben, zumindest nicht ganz.
Aus der Dunkelheit schloss er, dass es abends sein musste. Auch dass um diese Uhrzeit das Foyer menschenleer war, konnte nur bedeuten, dass heute Samstag oder Sonntag sein musste. An jedem anderen Tag wäre das Foyer jetzt beleuchtet und voll mit schnatternden Besuchern, die sich auf die nächste Vorstellung freuten.
Johann entschied sich, erst einmal nach Hause zu fahren und sich mit einer Schmerztablette ins Bett zu legen. Sobald er diesen pochenden Kopfschmerz los wäre, würde ihm schon noch einfallen, was passiert war. Blieb nur die Frage, wie er am besten nach Hause kommen würde. Mit dem Brummschädel und vermutlich noch Restalkohol im Blut wollte er nicht ins Auto steigen. Er konnte es sich auch nicht leisten, betrunken erwischt zu werden. Ein Punkt mehr und er wäre seinen Führerschein für die nächsten Monate los. Am liebsten wäre er mit dem Taxi nach Hause gefahren, aber dazu müsste er erst einmal eines bestellen können – keine leichte Aufgabe ohne Smartphone. Also blieb ihm nur der Bus – das Verkehrsmittel, das er am meisten hasste. Verschmierte Sitze, pöbelnde Jugendliche, lange Wartezeiten und unfreundliche Mitfahrer waren Gründe für seine Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel. Dennoch war es in dieser Situation die richtige Wahl, denn zum Laufen fühlte er sich gerade – verständlicherweise – nicht imstande (zumal die Strecke nach Hause auch relativ weit gewesen wäre).
Seine Hand griff in die rechte Gesäßtasche, um seinen Geldbeutel hervorzuholen. Er wollte prüfen, ob er noch genug Kleingeld für eine Fahrkarte dabei hatte. Geschockt stellte er fest, dass die Gesäßtasche, wo sein Geldbeutel normalerweise eine eckige Ausbuchtung hinterließ, ganz flach war.
»Das kann doch nicht sein«, sagte er und fühlte zur Sicherheit auch an der anderen Seite nach.
Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Smartphone weg; kein Geld; wie sollte er so nach Hause kommen?
»Die Kasse«, dachte er. Er könnte sich einfach etwas Kleingeld für die Fahrkarte aus der Kasse borgen. Morgen würde er es umgehend an Edwina zurückgeben. Zum Glück wusste er, wo Edwina, eine der Kassiererinnen, den Schlüssel für die Kasse aufbewahrte. Vor einigen Jahren, als er schon einmal sein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, zeigte sie ihm den geheimen Ort, damit er sich das Geld aus der Kasse leihen konnte.
Johann stand auf und hob das Polster vom Kassenstuhl wenige Zentimeter an, um dann mit der zweiten Hand darunter greifen zu können.
»Bingo«, rief er laut auf, als er den kleinen, metallenen Schlüssel spürte und ihn anschließend siegessicher hochhielt. Sofort schob er ihn das Schloss an der Kasse, die als Metallkasten unter dem Schreibtisch befestigt war, und drehte den Schlüssel um. Mit einem Klingeln sprang sie auf und Johann fand etwa sechzig Euro darin. Viel war das nicht. Die meisten zahlten mittlerweile bargeldlos oder bestellten die Karten im Internet. Er hatte Glück, dass die Kasse nach der letzten Vorstellung nicht gänzlich geleert worden war, und so nahm er sich etwa fünf Euro in Cent- und Eurostücken heraus. Das, so hoffte er, würde für eine einfache Busfahrt reichen.
Immer noch leicht taumelnd öffnete er die Tür zum Kassenraum und schritt etwas holprig durch das Foyer zum Ausgang, um eine der Eingangstüren aufzudrücken.
»Mist«, fluchte er, als er vergeblich an der geschlossenen Tür rüttelte, und fühlte anschließend mit den Händen die Hemdtaschen ab. Irgendwo musste er doch seinen Schlüsselbund haben … Das konnte doch alles nicht wahr sein! Erst das Smartphone, dann sein Portemonnaie und jetzt auch noch sein Schlüssel. Selbst wenn er es schaffen würde hier herauszukommen, würde er zu Hause vor verschlossenen Tür stehen.
Er taumelte zur nächsten Tür und rüttelte auch dort – wieder nichts. Auch die dritte der drei großen Eingangstüren war verschlossen.
Johann drehte sich um und fing an, im Foyer auf und ab zu laufen. Eigentlich wollte er darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte, aber ihm war kotzübel. Hatte er gestern Abend wirklich so viel getrunken? Er konnte sich einfach nicht erinnern. Es war wie ein schwarzer Fleck, der sich auf die Erinnerungen des gestrigen Abends gelegt hatte und den er einfach nicht wegwischen konnte.
Mit vorsichtigen Schritten, damit er nicht stolperte und umfiel, machte er sich auf den Weg zu den Toiletten. Vielleicht würde er sich nach einer Blasenerleichterung etwas besser fühlen. Doch noch bevor er die Tür zu den Toiletten aufstieß, wusste er, dass die Blase nicht das Einzige war, das erleichtert werden musste. Hastig schlug er eine der Kabinen auf, beugte sich über die Kloschüssel und übergab sich.
Nach einigen Minuten fühlte er sich wieder etwas besser und stellte sich vor eines der Waschbecken. Entsetzt betrachtete Johann sein Spiegelbild. Seine blonden Haare waren ganz strubbelig, fast so, als hätte ein Vogel versucht, ein Nest auf seinem Kopf anzulegen. Das Gesicht war blass. Unter seiner Nase klebte etwas vertrocknetes Blut, und an seinem Hals erkannte er einen langen Kratzer. An seinem sonst glattrasierten Kinn und um seinen Mund standen etliche kratzige Bartstoppeln hervor.
Dann wanderte sein Blick weiter nach unten. Er trug immer noch den Frack von der gestrigen Vorstellung, der allerdings von Staub und Flusen bedeckt war, und der bei seinen Zuschauern so sicherlich nicht mehr gut angekommen wäre. Auf dem weißen Hemd waren rötliche Flecken zu sehen und seine Fliege war offen und hing lieblos an seinem Hals herab.
Er sah fürchterlich aus. Nicht wie sonst, wenn er eine Vorstellung hatte. Normalerweise waren seine Haare glatt gestriegelt und etwas zur Seite gekämmt. Er legte sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres und achtete genau darauf, dass seine Kleidung stets sauber und im besten Zustand war. Etwas anderes würde sein Publikum auch nicht von ihm erwarten.
Er öffnete den Wasserhahn, hielt die Hände unter das kalt fließende Wasser und spülte es sich ins Gesicht.
Etwas erfrischt blickte er erneut in den Spiegel. Das Blut, das zuvor noch unter seiner Nase klebte, war nun abgewaschen. Dann wischte er sich mit den feuchten Händen noch etwas die Haare zurecht, bis sie wieder einigermaßen saßen.
Plötzlich hörte er von draußen Schritte durch das Foyer hallen. Sofort wandte er sich von seinem Spiegelbild ab und schlich zur Tür hinüber, um durch einen Spalt ins Foyer zu spähen. War er womöglich doch nicht alleine im Gebäude?
Im Foyer war alles ruhig und kein Mensch in Sicht. Johann lugte noch einmal durch den Spalt nach rechts und links, um sich zu vergewissern, dass sich niemand in den Ecken versteckt hatte. Dann schloss er die Tür zu den Toiletten wieder, lehnte sich dagegen und starrte für einen Moment auf ein Urinal, über das mit einem schwarzen Lackstift die Worte »Von Wolfgang für Elise« geschmiert waren.
»Du hast dir die Schrittgeräusche nur eingebildet«, beteuerte er zu sich selbst. Doch kurz nachdem er seinen eigenen Worten Glauben geschenkt hatte, polterte draußen ein zweites Geräusch, als wenn etwas Großes und schweres umgefallen wäre. Und dieses Mal war er sich absolut sicher, dass er sich das Geräusch nicht eingebildet hatte.
Er atmete einmal tief durch und öffnete erneut die Tür nach draußen, an die er sich gerade noch angelehnt hatte. Wieder war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Angestrengt spähte er durch das dunkle Foyer, das nur durch die schwache Lampe im Kassenraum erleuchtet wurde.
»Ist da jemand?«, rief Johann zaghaft in die Dunkelheit hinein und horchte nach, ob außer ihm noch jemand im Gebäude war. Vielleicht probte gerade einer der Sänger im Saal oder auf der Bühne. Aber warum brannten dann keine Lichter? In einem dunklen Saal probte es sich jedenfalls nicht sonderlich gut.
Johann dachte scharf darüber nach, wer an einem Samstagabend hier herumgeistern könnte. Doch hoffentlich kein Phantom wie das aus dem berühmten Musical?
Er entschloss sich, zunächst die Hauptbeleuchtung im Saal und im Foyer einzuschalten. Zwar fürchtete er sich nicht vor der Dunkelheit, aber so ein Opernhaus ohne Licht war selbst ihm nicht ganz geheuer. Unglücklicherweise war der Schalter für die Lampen und Kronleuchter nicht etwa in dem Raum, der beleuchtet werden sollte, sondern gehörte zu einer Art Sicherungskasten im Keller. Jan, der Hausmeister, hatte ihm den gräulichen Kasten vor einigen Jahren gezeigt, als Johann noch etwas länger bleiben wollte, damit er die Lampen selbst ausschalten konnte.
Schleichend schritt Johann durch das Foyer zum Treppenabgang in die untere Etage, dem Keller. Hier war es noch dunkler und unheimlicher als im Foyer, aber zumindest gab es hier einen Lichtschalter. Er betätigte den Schalter direkt am Ende der Treppe und folgte dem schlecht beleuchteten Korridor. An den Wänden verstaubten etliche Requisiten, die irgendwann einmal für verschiedene Stücke angefertigt und seitdem nie wieder verwendet wurden. Auf der rechten Wandseite lehnte ein großer Tigerkopf aus Pappmaschee und Stoff und auf der linken Seite lag eine Plastikpalme neben dem riesigen Nachbau einer chinesischen Ming Vase, die schon da stand, als Johann hier angefangen hatte. Wer weiß, wie viele Spinnen und anderes Insektengetier auf dem Boden dieser mit bunten Mustern verzierten Vase ihr Ende gefunden hatten.
Eine mondgesichtige Clownspuppe versetzte Johann einen kurzen Schrecken, als dieser seinen Blick wieder auf die rechte Seite des Korridors gerichtet hatte. Dort thronte der furchterregende Clown auf einem alten Klappstuhl und starrte Johann mit seiner grausigen Fratze an. Direkt dahinter hing an der Wand eine große Leinwand, auf der Bäume mit Wachsmalern gezeichnet waren, die aussahen, als wären sie von den Kindern des benachbarten Kindergartens gemalt worden.
Endlich erreichte Johann das Ende des Korridors, wo die eiserne Tür zum Hausmeisterkeller lag. Der Hausmeisterkeller war der Raum, wo nicht nur die gesamte Gebäudetechnik wie Strom-, Wasserversorgung und Heizung untergebracht waren, sondern auch Jan, der Hausmeister, sein ‘Büro’ hatte. Johann kam nicht oft hierher. Nicht nur, weil der kleine Raum sehr chaotisch war und es unangenehm müffelte, nein, Johann gab sich außerdem nur äußerst ungern mit Menschen aus den unteren Sozialschichten ab. Ja, Johann umgab sich viel lieber mit kulturell anspruchsvollen Menschen, wie der alten Baronin von Schröckhausen, die mindestens einmal pro Monat die Oper besuchte und jedes Mal nach einer Privataudienz mit Johann verlangte. Oder dem Herzog von Yorkshire Forest, der bei fast allen Premieren extra aus England anreiste, um dann seinen Stammplatz in der ersten Reihe einzunehmen. Und auch Professor Heißinger, Dekan der städtischen Universität, war ein gern gesehener Gast seiner musikalischen Darbietungen und ein hervorragender Diskussionspartner. Besonders stolz war Johann über den Besuch des Bundespräsidenten, der im letzten Jahr wegen seiner berühmten Operette »Das steinerne Schiff« gekommen war und ihm nach der Vorstellung zu seinem »Meisterwerk« gratuliert hatte.
Doch nun stand Johann vor der verschlossenen Eisentür des Hausmeisterbüros und drückte die schwere Klinke nach unten.
»Abgeschlossen?«, fragte er überrascht und rüttelte zugleich genervt an der unbeweglichen Eisenplatte. »Die Tür ist doch nie abgeschlossen.«
Gab es nicht irgendwo einen Generalschlüssel, mit der sich jede Tür im ganzen Gebäude aufschließen ließ? Damit könnte er nicht nur das Hausmeisterbüro aufschließen, sondern sogar aus seinem ungewöhnlichen Gefängnis entkommen.
Gedankenversunken starrte Johann auf ein zerknittertes Stück Papier, das mit Tesafilm unter dem Eingangsschild der Tür festgeklebt war. Darauf stand in verschmierter Tinte und schnörkeliger, fast unleserlicher Schrift: »Der Direktor grüßt seine Dirigenten.«
Wieso hatte Jan diesen Zettel neben seiner Tür aufgehängt? Und was sollte dieser Satz überhaupt bedeuten? In diesem Opernhaus gab es nur einen einzigen Dirigenten und das war Johann.
Ratlos ruhte sein Blick auf dem am größten geschriebenem Wort »Direktor«. Johann pflegte ein gutes Verhältnis zu seinen beiden Vorgesetzten. Sowohl der Direktor als auch der Intendant waren damals voller Stolz, als sie den berühmten Solisten und aufstrebenden Komponisten Johann als neuen Dirigenten der Presse vorstellten. Der lokale Nachrichtensender berichtete in einer langen Reportage über ihn und auch die regionale Tageszeitung betitelte seine Einstellung mit »Ehemaliges Wunderkind übernimmt Dirigentenposten« und veröffentlichte ein langes Interview mit ihm und dem Intendanten, das dem Opernhaus viel positive Publicity bescherte.
Wenn Johanns Gedächtnis von der gestrigen Nacht keinen Totalschaden erlitten hatte, war er sich ziemlich sicher, im Büro des Direktors vor einigen Wochen einen Ersatzschlüssel für den Keller gesehen zu haben. Er entschloss sich, den gruseligen Korridor zum Treppenaufgang zurückzukehren, und durch das Foyer die Treppe in das erste Obergeschoss zu nehmen. Seine glänzenden Lederschuhe klackerten dabei mit der harten Sohle über den kalten Marmorboden, der im Foyer und im ersten Stock verlegt war. Es war ein schöner Klang, fast wie bei einem Stepptanz. Dass seine Schritte so laut durch das Gebäude hallten, war im zuvor nie aufgefallen, was vermutlich daran lag, dass er noch nie so lange ganz alleine im Opernhaus unterwegs war.
Oben angekommen betrat er eine Tür mit der Aufschrift »Privat« und stand im Vorraum zum Büro des Direktors. Es war dunkel und nur eine vom Fenster aus weit entfernte Straßenlaterne sorgte für etwas Licht in dem stickigen Empfangszimmer, wo normalerweise Hanna, die kettenrauchende Sekretärin, Besucher empfing und nervige Anrufer entgegennahm. Der Geruch von ranzigem Kaffee und alten Zigaretten lag in der Luft und ließ Johann kurz aufstoßen. Es war gerade zehn Minuten her, dass er sich übergeben hatte, aber bei diesem Mief kam es ihm glatt noch einmal hoch. Ein Grund, weshalb er das Büro des Direktors möglichst mied. Wenn Johann Direktor wäre, würde hier buchstäblich ein anderer Wind wehen.
Er betätigte den Doppelschalter und sofort sprang der Deckenventilator an, der gleichzeitig auch als Lampe diente. Ein angenehmes Lüftchen sorgte dafür, dass Bewegung in den Mief kam und der Geruch etwas erträglicher wurde.
Die holzvertäfelten Wände und Decke waren mit hübschen Ornamenten und Mustern verziert. Auf dem Schreibtisch lag ein voller, olivfarbener Aschenbecher und am daneben stehenden Telefon blinkte in kurzen Abständen ein rotes Lämpchen, das anzeigte, dass jemand auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen hatte. Johann zögerte einen Moment, dann schritt er auf den Schreibtisch zu und drückte auf den Knopf neben dem blinkenden Lämpchen, um die Nachricht abzuspielen. Nicht, dass er neugierig gewesen wäre, er wollte einfach nur die Stimme von jemandem hören.
»Es gibt zwei neue Nachrichten«, dröhnte eine monotone Computerstimme aus dem Gerät und durchbrach damit die quälende Stille, die Johann schon die ganze Zeit bedrückte. »Nachricht eins: Freitag, 21:23 Uhr.«
»Hey Hanna, ich bin’s, Thorsten. Kannst du dem Direktor bitte Bescheid geben, dass ich den Bericht erst in der nächsten Woche abliefern kann? Ich habe die Zahlen erst letzten Donnerstag bekommen und dann ist auch noch Freddie krank geworden … Na ja, ich melde mich Anfang nächster Woche noch einmal. Also bis dann.«
Johann hatte nicht die leiseste Ahnung, wer dieser Thorsten war, geschweige denn, um was für einen Bericht es ging. Aber es tat gut, mal wieder die Stimme eines Menschen zu hören.
»Nachricht zwei: Samstag, 18:29 Uhr.«
Für einen kurzen Augenblick stockte Johann der Atem. Der Anruf war erst ein paar Minuten her.
»Hallo?«, sagte eine röchelnde Stimme, als wenn sie darauf wartete, dass jemand antworten würde. Ein paar Sekunden vergingen, in denen man die Person am anderen Ende der Leitung nur laut atmen hören konnte.
»Ist dort einer der Dirigenten?«, fragte die Stimme plötzlich und Johanns Augen weiteten sich. »Meldet euch!«
Dann legte die Person abrupt auf und ließ Johann ratlos und völlig verdattert zurück. Schon wieder war von einem zweiten Dirigenten die Rede. Ob der Anruf von der gleichen Person stammte, die schon den verschmierten Zettel im Keller hinterlassen hatte? Der rostige Klang der Stimme verhinderte zudem, dass man das Geschlecht des Anrufers heraushören konnte.
»Zwei alte Nachrichten«, beendete die monotone Computerstimme die Aufzeichnung und die quälende Stille kehrte wieder zurück.
Er musste jemanden anrufen, und zwar schnell. Irgendjemanden, dem er vertraute, und der ihn vielleicht sogar hier herausholen konnte. Hanna? Nein, sie würde ihn nur beim Direktor verraten. Jan? Nein, von ihm kannte er die Nummer nicht. Edwina? Hatte keinen Schlüssel.
Nach kurzer Zeit fiel ihm nur noch eine Person ein, der er genug vertraute, die einen Schlüssel hatte und von der er die Telefonnummer auswendig wusste: Maria.
Maria war seine Konzertmeisterin und spielte eine fantastische erste Geige. Mit 22 Jahren war sie eine der jüngsten Konzertmeisterinnen Deutschlands und ein absolutes Ausnahmetalent. Neben Johann war sie der Star des Sinfonieorchesters und ein Grund, weshalb viele Zuschauer von sehr weit anreisten. Nicht zuletzt wegen ihres fabelhaften Spiels, sondern auch, weil sie dazu noch sehr gut aussah. Ihren Kopf zierte honigfarbenes, schulterlanges Haar, ihre schokobraunen Augen erinnerten an Rehäuglein und mit ihren 1,70 war sie einen ganzen Kopf kleiner als Johann. Man hätte meinen können, Maria wäre das weibliche Pendant zu Johann. Doch in einer Eigenschaft unterschieden sie sich grundlegend: beim Ehrgeiz. Mit ihrem Talent hätte sie schon längst einen Platz bei den besten Philharmonikern in New York, London oder Berlin sicher, wenn sie nur ehrgeiziger wäre. Doch nach Johanns Meinung verspielte sie ihr einzigartiges Talent und das ärgerte ihn, denn er hätte gerne dieses Potenzial gehabt.
Hastig tippte er Zahlen auf dem Nummernblock des Telefons ein, hob den Hörer ab und hielt ihn an sein empfindliches Ohr. Er erwartete, dass ein lautes a durch den Hörer an sein Trommelfell drang, doch es blieb still. Die Hörmuschel gab keinen Ton von sich. Verdutzt nahm er den Hörer von seinem Ohr und blickte darauf, als wenn er aus den kleinen Öffnungen die Töne herausspringen sehen könnte. Er tastete das geringelte Kabel bis zum Ende ab und untersuchte dann das lange Kabel, das vom Gerät aus unter den Tisch führte.
»Durchgeschnitten«, stellte er fest, nachdem er unter den Schreibtisch gekrabbelt war, und nun die beiden Kabelenden jeweils in einer Hand hielt. Er war also nicht alleine. Jemand musste das Kabel in den letzten zehn Minuten durchgeschnitten haben, kurz nachdem der merkwürdige Anruf noch auf dem Anrufbeantworter gespeichert worden war.
Johann wirbelte umher, schaute in alle Richtungen und in alle Ecken, ob sich vielleicht irgendwo jemand versteckt hatte. Wurde er gerade von draußen aus beobachtet? Sofort fiel sein Blick aus dem Fenster auf die menschenleere Einbahnstraße, wo die einsame Laterne vor sich hin flackerte. Auch im Garten konnte er niemanden erkennen, aber die Hecken würden in der Dunkelheit ein ausgezeichnetes Versteck hergeben. Ein Stück weiter, direkt neben dem Garten, konnte er noch den fast leeren Parkplatz erkennen, auf dem, außer seinem zehn Jahre alten Cabrio, kein weiteres Auto mehr geparkt war.
Auf das Cabrio war Johann besonders stolz. Als er vor zwei Jahren einen bekannten Preis für seine Leistung verliehen bekam, spendierte ihm das Opernhaus einen dicken Bonus, von dem er sich dann endlich sein Traumauto kaufen konnte: Ein extra aus Amerika importiertes gelbes Cabriolet – gebraucht, versteht sich. Dummerweise verklemmte sich irgendwie das Dach im letzten Winter, sodass es sich nicht mehr öffnen ließ. Für die Reparatur fuhr er sämtliche Werkstätten in der Nähe an, wovon nur eine das nötige Fachwissen aufweisen konnte. Leider musste die Werkstatt dazu ein extrem teureres Ersatzteil beschaffen. So blieb Johann nichts anderes übrig, als das Frühjahr und den Sommer mit geschlossenem Dach auszukommen. Im nächsten Jahr hatte er dann hoffentlich ausreichend gespart – oder bis dahin wieder einen Preis gewonnen.
Erschöpft ließ sich Johann auf den unbequemen Bürostuhl sinken und versuchte sich mit gleichmäßigen Atemzügen zu beruhigen. Was, wenn ihn ein Verrückter gestern Abend mit Chloroform betäubt hatte und nun durch das Opernhaus geistert, um ihn in den Wahnsinn zu treiben? Vielleicht ein fanatischer Bewunderer seiner Kunst oder ein eifersüchtiger Kollege?
Dann fiel ihm ein, weshalb er überhaupt hierher gekommen war. Mit dem Ersatzschlüssel würde er den Keller aufschließen und das Licht im Saal und im Foyer entzünden können. Danach würde er den Kerl, wer auch immer er war, schon noch finden.
Etwas beruhigter stand er wieder auf und schritt am Schreibtisch vorbei zur Tür, die in das Büro des Direktors führte. Vorsichtig öffnete er sie einen Spalt und spähte hinein. Auch im Büro des Direktors war keine Menschenseele. Johann betrat den stickigen Raum und schaltete erneut das Licht an. Ein antik wirkender Globus, der von innen beleuchtet war, strahlte eine angenehm wohlige Atmosphäre aus. In einem großen Bücherregal an der gegenüberliegenden Wand verstaubten Werke wie »Das große Einmaleins der Harmonielehre«, »Ludwig van Beethoven – Komposition eines Genies« und »Von Händel bis Bach: Wie der Barock unsere Musik bis heute prägt«. Johann hatte sie alle gelesen, und besaß sogar selbst einige dieser äußerst anspruchsvollen Lehrbücher – allerdings in einer neueren und weniger wertvollen Auflage. Die Bücher hier hatten schwere Einbänder aus Holz und Leder mit goldenen Rändern und allerlei Verzierungen.
Johann schritt auf eine altertümliche Kommode zu und begann, nach dem Schlüssel zu suchen. Mit jedem Schritt, den er auf dem dunklen Holzparkettboden trat, knarzte es leise.
In der ersten Schublade fand er jede Menge unsortierter Papiere und Zettel. Er wühlte sich durch die Blätter, auf denen jede Menge Zahlen tabellarisch aufgelistet waren, in der Hoffnung, der Schlüssel wäre irgendwo dazwischen geraten, aber seine Suche blieb erfolglos.
In der zweiten und dritten Schublade waren alte Hemden, Pullover und Jacken verstaut, die – ihrem Geruch nach zu urteilen – schon etwas länger hier lagerten. Johann schloss die Schubladen wieder und wandte sich einer schmucken Vitrine zu, in der Pokale und Trophäen aufbewahrt wurden. Eine eingebaute Lampe sorgte für die perfekte Beleuchtung der goldenen, silbernen und gläsernen Auszeichnungen des Opernhauses. Aufschriften wie »Opernhaus des Jahres 2007«, »Bester Nachwuchsmusiker 2010« und »Europe’s Best Composition« klebten an den Sockeln der Trophäen. Johann erinnerte sich noch gut daran, wie er für seine Operette »Der Bettler, der zum König wurde« den begehrten Preis vom Jury-Präsidenten persönlich überreicht bekam. Sofort nach der Verleihung nahm ihm der Direktor die Trophäe, die einem goldenen Flügel nachempfunden war, ab. Seitdem durfte er sie nur noch in der Vitrine betrachten. Dabei war es sein Preis.
Es juckte ihm in den Fingern. Liebend gerne hätte er seinen Preis aus der Vitrine geholt und ihn mit nach Hause genommen. Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit, er musste weiter nach dem Schlüssel suchen.
Als Johann sich einer weiteren Kommode annahm, und auch dort die Schubladen öffnete, um den Inhalt zu begutachten, meldete sich sein Magen mit einem lauten Grollen. Es musste nun schon einige Zeit her sein, seitdem er seine letzte Mahlzeit zu sich genommen hatte. Zumal er nicht einmal genau wusste, wie lange er weggetreten war und im Kassenraum geschlafen hatte.
»Wieder nichts«, sagte er enttäuscht, nachdem er die unterste Schublade wieder zurück in die Kommode eingeschoben hatte.
Ein Porträt des Operngründers verfolgte während Johanns Suche nach dem Schlüssel jede seiner Bewegungen. Es war das Porträt eines grauhaarigen Mannes mit Halbglatze und Schnäuzer. Er trug einen schwarzen Frack und eine Fliege, genau wie Johann.
Diese unerträgliche Stille drückte auf Johanns Gemüt. Doch dann entdeckte er den alten Plattenspieler, der auf einer Anrichte unterhalb des Gründerporträts stand. Nach kurzem Zögern näherte sich Johann dem Gerät, legte die Nadel des Tonabnehmers vorsichtig auf der unbeschrifteten Platte aus Vinyl ab, und drückte auf den Knopf, der die Schallplatte in Bewegung versetzte. Johann erkannte das Gesangsstück sofort wieder. Begleitet von einem Klavier sang ein Tenor mit heiterer Stimme:
»In einem Bächlein helle,
Da schoss in froher Eil,
Die launische Forelle
Vorüber wie ein Pfeil.«
»Die Forelle von Franz Schubert«, sagte Johann zufrieden und summte währenddessen die Melodie mit. Die Musik versetzte ihn in einen leichten Rauschzustand und so tänzelte er leichtfüßig auf den Schreibtisch zu, der neben dem antiken Globus stand. Darauf fand er das einzig Moderne in dem gesamten Raum: einen Computer mit Bildschirm, Maus und Tastatur. Zu Johanns Überraschung blinkte am Bildschirm ein kleines blaues LED-Lämpchen, das anzeigte, dass der Computer nicht ausgeschaltet war.
Für ein paar Sekunden starrte er auf die schwarze Mattscheibe des Monitors und kämpfte innerlich mit seinem Gewissen. Sollte er einen Blick auf den Computer des Direktors riskieren?
Aus dem Plattenspieler schallte die zweite Strophe des Lieds:
»Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.«
Innerlich rang die Neugier sein Gewissen nieder, und vorsichtig klickte er auf eine der Maustasten. Kurz darauf erhellte sich der Monitor und zeigte das Bild eines Textverarbeitungsprogramms. In riesigen, schnörkeligen Lettern war dort zu lesen: »Dirigent vermisst«.
Johann stutzte. War er etwa vermisst? Hatte man ihn womöglich schon länger eingesperrt, sodass der Direktor nach ihm suchen ließ? Oder war dies ein weiterer Versuch des Phantoms, ihn in den Wahnsinn zu treiben?
Die Nadel des Tonabnehmers kratzte unangenehm auf dem Vinyl der Schallplatte, während der Tenor die dritte Strophe sang:
»Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang; er macht
Das Bächlein tückisch trübe:
Und eh ich es gedacht,
So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran;
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogne an.«
Plötzlich klang das Lied gar nicht mehr so heiter und fröhlich. Nachdem auch das Klavier seinen letzten Ton gespielt hatte, war nur noch das lästige Kratzen der Nadel zu hören. Dieser eigentümliche Klang hüllte das Büro in eine gespenstische Atmosphäre.
Johann schüttelte sich kurz. Dann durchwühlte er die Blätter und Zettel, die auf dem gesamten Schreibtisch verstreut waren. Er hoffte, irgendwo zwischen dem Papier einen Schlüssel zu finden, doch es war vergeblich. Bücher, Akten mit Kalkulationen, Notenblätter, Mappen, ein paar Stifte und eine halb leere Packung Papiertaschentücher – mehr war hier nicht zu finden.
»Irgendwo muss er doch sein«, ärgerte sich Johann, der zunehmend gereizter wurde, und riss die Schublade unterhalb des Schreibtischs auf. Ungeduldig kramte er zwischen den Bleistiften und einem Stapel mit Noten von Chopins zweiter Klaviersonate. Und dort lag er: Der kleine silberne Schlüssel hatte sich unter dem Papierstapel versteckt. Johann erkannte ihn sofort wegen seiner eckigen Form wieder.
Feierlich nahm er ihn in die Hand und hielt ihn vor sich, als wenn er soeben einen lange verloren geglaubten Schatz wiedergefunden hätte.
»Hab ich dich endlich«, sagte er lächelnd. »Und jetzt wieder schnell zurück in den Keller. Warte ab, bis hier überall das Licht brennt, Phantom!«
Den letzten Satz sagte er besonders laut, auch wenn er nicht glaubte, dass das Phantom ihn hören konnte.
Fluchtartig eilte er aus dem Büro des Direktors durch den Empfangsraum der Sekretärin hinaus ins Foyer. Von dort aus nahm er die Treppe ins Erdgeschoss, sauste durch den Eingangsbereich und in den Keller hinab. Die mondgesichtige Clownspuppe folgte mit seinem traurigen Blick Johanns Schritte durch den Gang bis zum Versorgungskeller des Hausmeisters. Dort drehte er den soeben gefundenen Schlüssel im Schloss um und betrat den gewölbeartigen Kellerraum. Anders als im Rest des Kellers konnte man hier das Mauerwerk sehen, auf dessen Grundfeste das gesamte Gebäude aufgebaut war. Die feuchtwarme Luft roch leicht vermodert und an der Decke tropfte etwas Flüssigkeit aus einem der Rohre auf einen alten Sessel. Die Flüssigkeit sammelte sich in einer Kuhle auf dem Leder, die Jan nach unzähligen Lesestunden während seiner Pausen auf dem Sessel hinterlassen hatte.
Auf einem alten Tischchen neben dem Sessel fand er eine zusammengefaltete Zeitung von letzter Woche. Er las nur die Schlagzeile der ersten Seite, ehe er sich dem Käseblatt wieder kopfschüttelnd abwandte: Als Nonnen verkleidete Räuber erbeuten Schmuck im Wert von mehreren Tausend Euro aus Juweliergeschäft.
Ein verrosteter Heizkessel surrte leise vor sich hin. An einer kleinen Öffnung konnte man die blaue Flamme erkennen, die den Ofen antrieb. Ab und an hörte man, wie das Wasser durch die Rohre vom Kessel in die Decke gepumpt wurde.
Neben dem Stromkasten hatte Jan das Poster einer bekannten Popsängerin an die Wand genagelt. Offenbar hörte Jan lieber modernen Rock und Pop als klassische Orchestermusik, wie sie einige Meter über ihm üblicherweise gespielt wurde.
Johann schritt auf den Stromkasten zu und öffnete die metallene Tür. Der Kasten war voll von beschrifteten Kippschaltern. Einige Kabel hingen ungesichert herum und die Buchstaben auf dem vergilbten Papierfetzen waren kaum noch zu entziffern.
»Beleuchtung Foyer«, murmelte er und drückte den Kippschalter nach oben. Es klackte. Anschließend betätigte er noch die Schalter mit der Aufschrift »Beleuchtung Saal« und »Bühnenbeleuchtung«. Dann schloss er den Stromkasten wieder und machte sich auf den Rückweg ins Foyer, das nun hell erleuchtet war. Der weiße Marmorboden glänzte im Schein der Lampen. Johann konnte sogar ein mattes, verschwommenes Spiegelbild seiner selbst darin erkennen, als er selbstbewusst auf die verzierten Holzpforten zu marschierte.
Knarzend schob er einer der zwei großen Pforten auf, durch die viermal pro Woche mehrere Hundert Besucher in den großen Saal stürmten.
