Crime-Prediction - S. L. Portengates - E-Book

Crime-Prediction E-Book

S. L. Portengates

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Beschreibung

Viele nennen den Informatiker Mint arrogant und selbstgefällig. Er hält sich für unverblümt ehrlich und hilfsbereit. Wie lernt jemand sonst aus seinen Fehlern, wenn Mint ihn nicht darauf hinweist? Mint verbringt seine Zeit meist mit Online-Spielen und finanziert sich, indem er Fehlerursachen und Sicherheitslücken in Softwaresystemen findet. Sein Leben ist toll, bis eine Crime-Prediction-Software voraussieht, dass er einen Mord begehen wird und er fliehen muss. Bei dem Versuch, seine zukünftige Unschuld zu beweisen, deckt Mint einen skrupellosen Missbrauch von Big Data auf.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über das Buch:

Viele nennen den Informatiker Mint arrogant und selbstgefällig. Er hält sich für unverblümt ehrlich und hilfsbereit. Wie lernt jemand sonst aus seinen Fehlern, wenn Mint ihn nicht darauf hinweist? Mint verbringt seine Zeit meist mit Online-Spielen und finanziert sich, indem er Fehlerursachen und Sicherheitslücken in Softwaresystemen findet. Sein Leben ist toll, bis eine Crime-Prediction-Software voraus sieht, dass er einen Mord begehen wird und er fliehen muss. Bei dem Versuch, seine zukünftige Unschuld zu beweisen, deckt Mint einen skrupellosen Missbrauch von Big Data auf.

Über die Autoren:

S. L. Portengates ist das Pseudonym von zwei Personen, die produktive soziale Verbindungen schätzen und gerne Fehler in Systemen suchen, um deren Funktion zu optimieren.

Diesen Techno-Roman haben sie aufgrund der Freude am Schreiben und Programmieren verfasst.

Hinweis:

Alle in diesem fiktiven Roman vorkommenden Personen, Schauplätze, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen, lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

1. Tag: 09:58 Uhr

1. Tag: 10:37 Uhr

1. Tag: 11:02 Uhr

1. Tag: 12:03 Uhr

1. Tag: 12:19 Uhr

1. Tag: 13:07 Uhr

1. Tag: 21:20 Uhr

2. Tag: 0:35 Uhr

2. Tag – Denke ich. Ich kann nicht auf meine Datenuhr blicken.

Tag und Uhrzeit? Ich wache gerade auf!

3. Tag: 11:02 Uhr

3. Tag: 11:43 Uhr

3. Tag: 12:30 Uhr

Etwa zwanzig Minuten später ...

3. Tag: 14:22 Uhr

3. Tag: 14:34 Uhr

Tag und Uhrzeit? Was für ein beschissenes Déjà-vu!

Eine heiße Brünette in schwarzer Spitzenunterwäsche liegt dicht an mich geschmiegt in einem Bett ...

Ich öffne meine Augen und sehe auf einen rosa Wecker: 9:06 Uhr - Demnach ein weiterer Tag, an dem mein Leben gar nicht toll ist

4. Tag: 17:48 Uhr

4. Tag: 19:12 Uhr

Nach etwa dreißig Minuten ...

Zwei Wochen später: 11:27 Uhr

1. Tag

09:58 Uhr

Durch die Windschutzscheibe meines Geländewagens sehe ich den Mann in fünf Metern Entfernung vor mir stehen. Der Typ ist eine Mischung aus Anabolika-Bodybuilder und Surfer-Boy: Hantelbank-Muskelmasse in schwarzem Lederoutfit trifft auf blonden Lockenschopf mit Seitenscheitel. Völlig lächerlich. Aber rechts und links hält er zwei Schrotflinten in den Händen.

Wenn ich nicht handle, wird mir dieser Muskelprotz-Schönling in wenigen Sekunden die Rübe wegblasen.

Jetzt muss alles schnell gehen: Ich greife mein Sturmgewehr vom Beifahrersitz, öffne die Fahrertür, springe aus dem Wagen raus, rolle mich auf dem staubigen Boden ab und renne, von Schrothagel begleitet, hinter eine eingestürzte Mauer in Deckung.

Piep. Piep. Piep.

Oh nein! Nicht jetzt!

Sobald ich diesen Typen erledige, werde ich Level 42 erreichen. Ich war diesem Möchtegern-Actionheld auf einer Convention begegnet. In der Realität ist er ein 1,49 Meter kleiner, schlaksiger 16-jähriger Junge mit Hornbrille, der lispelt.

Völlig unscheinbar.

Aber hier im Online-Spiel scheint er unbesiegbar. Es geht das Gerücht um, dass er das Spiel gehackt und seine Spielzüge modifiziert hat. Der Typ? Bestimmt nicht. Der könnte nicht mal einen Baby-Bug fixen, wenn man ihm die Lösung direkt in den Code kopierte1.

Piep. Piep. Piep.

Ach, scheiße! Wer ruft mich um zehn Uhr morgens an? Um so eine Uhrzeit melden sich in der Regel nur Personen, die mit mir eine für mich unproduktive soziale Verbindung eingehen möchten. Wie zum Beispiel Abonnement-Verkäufer oder One-Night-Ladies, die den versäumten Kaffee nachholen wollen.

Piep. Piep. Piep.

Meine Mailbox meldet sich: »Da ich nicht dran gehe, habe ich schlussfolgernd besseres zu tun. Wenn ich nicht zurück rufe, dann liegt das daran, dass ich mit Arschlöchern nichts anfangen kann.«

Ich lebe zeitlich meistens asynchron zu anderen Menschen. Oder besser gesagt: Ich habe keinen von der Uhrzeit versklavten Rhythmus. Ich gehe schlafen, wenn ich müde bin und stehe auf, wenn ich wach werde. Manchmal – wie die letzten Nächte – schlafe ich auch gar nicht.

Piep. Piep. Piep.

Auf jeden Fall ist es eine hartnäckige Person, die auch das Anspringen der Mailbox nicht als Zeichen ansieht, mich in Ruhe zu lassen.

Piep. Piep. Piep.

OK. So lästig ist nur mein Chef. Ich lasse den Controller mit einer Hand los, schalte das nervig piepsende Headset in meinem Ohr an und nehme den Anruf entgegen.

»Was gibt’s?«, brülle ich, beide Hände wieder am Controller und konzentriere mich auf das Geschehen auf meinem Monitor.

»Timmy, ich habe einen neuen Auftrag für dich«, sagt, wie von mir geahnt, mein Chef Harald.

»Nenn mich nicht so. Du weißt, wie sehr ich das hasse«, schreie ich. Warum musste mich meine beknackte Mutter – möge sie in Frieden ruhen – nur so nennen?

Ich war als Frühchen zur Welt gekommen und wurde von meiner Mutter passend zu meinem schmächtigen Körper nicht Thomas, sondern Timmy gerufen. Süß für ein Baby, aber danach einfach nur peinlich.

»Also Mint«, Harald räuspert sich, »der Auftrag sollte nicht länger als einen Tag dauern. Nimmst du ihn an oder nicht?«, fragt er und nutzt meinen neuen Namen.

Mint hatte ich mich mit 17 Jahren selbst genannt. Mein Stiefvater war mal wieder voll gelaufen gewesen und trat gegen den Kopf meiner Mutter, die zugedröhnt mit einer Nadel im Arm2 vor dem Sofa lag.

Mein leiblicher Vater?

Der ist an einem Gehirntumor gestorben, bevor ich geboren wurde. Wahrscheinlich ist meine Mutter mitunter deshalb den Drogen verfallen. Die Realität hat sie fertig gemacht und Drogen nahmen ihr den Schmerz.

Klingt nach der typischen Folge einer Drama-Serie, in der ein vernachlässigtes, verängstigtes Kind gerettet wird?

Scheiße ja.

Aber ein hilfloses Kind war ich vor vier Jahren schon lange nicht mehr.

In meiner Wut packte ich meinen Stiefvater mit beiden Händen kräftig an den Schultern und riss ihn von meiner Mutter weg, wobei ich im Fallen mein Knie mit voller Wucht in seinen Rücken rammte.

Ein perfekter Kick. Meine Vorliebe für Wrestling-Spiele kam mir damals sehr gelegen.

Danach war ich nicht mehr der kleine Timmy.

Mein Stiefvater kam mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus und danach in den Knast. Ich blieb frei, da mein Kick als Notwehr eingestuft wurde.

Von da an war ich auf mich allein gestellt, denn meine Mutter überlebte ihre Verletzungen nicht. So ein Ende hatte keiner, erst recht nicht meine Mutter verdient. Sie war, wenn sie sich nicht zu dröhnte, eine sehr liebevolle Frau gewesen, die immer ein offenes Ohr für meine Probleme hatte. Eigentlich für die Probleme aller. Das wurde ihr zum Verhängnis. Denn sie war zu liebevoll und zu hilfsbereit gewesen.

Mein Stiefvater war nicht der erste Mann in ihrem Leben mit Alkoholproblemen und ohne Job, dem sie helfen wollte.

Mir hatte meine Mutter – die in guten Zeiten als Krankenschwester gearbeitet hatte – immer eingebläut, die Finger von Drogen zu lassen, selbst von Alkohol und Zigaretten. Aber warum hatte sie sich nicht selbst daran gehalten?

In ihren klaren Momenten versprach sie mir, clean zu werden, da sie nur mich, ihren kleinen Timmy liebte und zum Leben brauchte. Doch ihre Sucht war stärker als ihre Mutterliebe.

Nach ihrer Beerdigung hatte ich mir Zutritt zu der Software des Gefängnisses beschafft und den Namen eines zum Tode verurteilten Häftlings mit dem meines Stiefvaters ausgetauscht. Es war mein erster ernster Computer-Hack. Zum Üben habe ich mich mehrmals in Krankenhaus-Systeme gehackt.

Total easy-peasy. Denn Krankenhäuser haben die wohl am schlechtesten gesicherten Software-Systeme. Da ist es weitaus schwieriger, ein Online-Shop-Konto zu knacken.

Aber auch ins Gefängnis-System zu gelangen war nicht ansatzweise so schwer, wie ich geglaubt hatte. Da ein Wachmann ein paar Jahre zuvor von einem Häftling mit einem Kabel erwürgt wurde, hat der Gefängnisleiter beauftragt, sämtliche Netzwerkinfrastruktur3auf kabellose Technik umzustellen. Ins Internet gelangten sie seitdem über WLAN.

Natürlich verschlüsselt und laut der stümperhaften Software-Bude namens Bytes and Blondes total sicher.

Ein 32-bit-Key ist super, wenn die scharfe Brünette von letzter Nacht auf gar keinen Fall will, dass euer Sexvideo online geht.

Wenn dein PC doch gehackt wird?

Oops. Die Verschlüsselung wurde mir von einem Experten empfohlen. Echt jetzt.

Kurz: Es war total einfach, das Gefängnis-System zu knacken. Erst recht mit so einem miesen Krypto-Algorithmus. Und ich brauchte dafür selbst kaum einen Finger rühren. Ich habe einen Jungen, der sich in den Schulferien was dazu verdienen wollte, mit einem Notebook in die Nähe vom Gefängnis gesetzt und die Netzwerkpakete des Knasts mit sniffen lassen.

Danach besuchte ich ein paar Kumpels an der Universität.

Studiert habe ich zwar nicht – ich eignete mir mein Wissen unter realen Bedingungen selbst an – trotzdem bin ich an der Uni mit ein paar Leuten befreundet. Die meisten sind Langzeitstudenten, die gerne ein paar Credits4dazu verdienen und mir so ab und zu behilflich sind.

Während ich gegen ihren neu entwickelten Schach-Computer spielte, habe ich nebenbei die gesnifften Netzwerkpakete ins leistungsstarke Rechenzentrum der Universität hochgeladen und ausgewertet. Ein paar amüsante Stunden später lagen in meinem Mailpostfach die Zugangsdaten für das Netzwerk des Gefängnisses, ein paar valide MAC-Adressen sowie eine Handvoll Benutzernamen mit Passwörtern.

Damit war es leicht, meinen Computer als gefängnisinternen Rechner auszugeben und mich mit dem Benutzernamen und dem Passwort eines Wächters5 einzuloggen, um die Datenbank-Einträge zu ändern6 und somit den Namens meines Stiefvaters mit dem eines anderen Mörders auszutauschen.

Mein Plan hätte klappen können, hätte sich ein bürokratischer Sesselpupser nicht genau am Hinrichtungstag dazu entschieden, zu arbeiten. Die Verwechslung wurde bemerkt und mein Stiefvater behielt seine lebenslängliche Haftstrafe. Aber das eingeschleuste Gerücht, dass er am liebsten kleine Mädchen mochte, verschaffte mir doch noch Genugtuung. Mein Stiefvater starb wenige Tage später bei einer Messerstecherei.

Doch anders als erwartet verschwand durch seinen Tod der Schmerz über den Verlust meiner Mutter nicht. Wenn der Himmel von dunklen, grauen Wolken verhangen ist und es regnet, vermisse ich meine Mutter am meisten. Die Engel weinen um all die guten Menschen, denen in unserer Welt von anderen ein Leid angetan wird, höre ich ihre sanfte Stimme sagen, wenn Regentropfen gegen mein Fenster prasseln.

Nun weint sie wohl auf einer Wolke sitzend über sich selbst.

Genug von der gefühlsduseligen Vergangenheit.

Zurück ins Jetzt.

Hastig schaue ich im Spiel hinter der Mauer hervor, schieße mein Sturmgewehr leer und verstecke mich wieder, als nun mir die Patronen um die Ohren fliegen.

»Worum geht’s?«, frage ich Harald wenig interessiert. Einen ganzen Tag lang arbeiten? Nicht so mein Ding.

»Das System von einem unserer Kunden stürzt unerklärlicherweise immer wieder ab. Du musst den Kunden vor Ort betreuen.«

»Hmm.« Gebannt schaue ich auf meinen Monitor, lade meine Waffe nach und warte den nächsten Angriff meines Gegenspielers ab.

Vor meinen Füßen landet eine Handgranate.

Mist!

Sie explodiert und zerreißt mich.

Game over erscheint auf dem Bildschirm, untermalt von einem hämischen Lachen.

»Lachst du mich aus? Du willst dir wohl einen anderen Job suchen?«, brüllt Harald.

»Sorry. Klar nehme ich deinen verlockenden Auftrag an«, sage ich überschwänglich. Ich brauche sowieso mal wieder ein paar Credits7.

»Junge, sei nicht so selbstgefällig. Wenn du nicht ...«

»Ja, ja. Wenn ich nicht der Beste wäre den du hättest«, unterbreche ich Harald. Immer wenn meine Kollegen nicht weiter wissen, fragt er mich um Hilfe. Sobald sich das geistige Vakuum zu weit in der Firma ausdehnt, habe ich viel zu tun, aber auch viele Credits. Brauche ich in diesen arbeitsintensiven Phasen mehr Freizeit, tue ich einfach so, als hätte ich das Problem noch nicht gelöst. Das ist das Schöne am Aufdecken von Sicherheitslücken und Fehlern in Systemen: Kaum jemand kann einschätzen, wie lange es wirklich dauert.

»Aber warum soll ich dort hin fahren? Ich kann den Auftrag genauso gut von meinem Computer aus erledigen.« Und nebenbei ein Online-Spiel zocken.

Harald atmet hörbar aus und sagt mit einem zickigen Unterton: »Klar würde dir das gefallen. Aber die Firma des Kunden ist eine Wirtschaftsauskunftei8, die aus Sicherheitsgründen einen stark eingeschränkten Internetzugang hat.«

»OK. Schick mir einfach wie immer die Anweisungen auf meine Datenuhr.«

Harald brummt, was ich als ein Ja deute, und ich lege auf.

Ich schließe das Spiel und scrolle mich durch eine Liste von Videos.

Nur da Harald kurzfristig einen Auftrag von mir erledigt haben will, bedeutet das ja noch lange nicht, dass ich sofort los gehe.

Ah! Diesen Beitrag wollte ich mir schon letztens ansehen, aber der Spielemarathon hat mich davon abgehalten. Ich starte das Video, das meinen Oberboss Josh Cettanight vor einem Fabrikgebäude zeigt:

»Josh Cettanight, der Besitzer der größten Software-und Robotik-Firma Cettanight Enterprises eröffnet heute mit dem Bürgermeister die neue Poststelle in unserer Stadt, die zur Hälfte von Drohnen und Robotern geführt wird.« Die Journalistin in einem eng anliegenden roten Kostüm streicht sich das vom Wind zerzauste blonde Haar aus dem Gesicht, das ihr fast bis zu ihrem knackigen Po reicht.

»Herr Cettanight, interessiert es Sie überhaupt, dass zahlreiche Postangestellte ihren Arbeitsplatz verlieren oder sind Sie nur auf Ihren eigenen Vorteil aus? Immerhin wollen weltweit Postkonzerne die neue Technik von Cettanight Enterprises erwerben«, fragt die Journalistin und hält Josh Cettanight das Mikrofon vor sein ovales, sonnengebräuntes Gesicht. Cettanight lässt sich auch heute einen Drei-Tage-Bart stehen.

Er hat hellbraune kurze Haare, die so wuschelig sind, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Dennoch sieht seine Frisur gewollt aus. Im Kontrast dazu trägt er stets einen schwarzen Anzug mit einem weißen Hemd und einer schmalen schwarzen Krawatte. Dieser Kleidungsstil ist zwar nichts für mich, aber Cettanight ist einfach ein cooler Typ. Bereits mit 32 Jahren ist er in seiner Branche unschlagbar. Genau wie ich hat er die Schule abgebrochen und sich sein Wissen selbst angeeignet.

Zunächst hatte ich mir als Jugendlicher Taschengeld mit einfachen Programmieraufträgen verdient. Bald fand ich heraus, dass es deutlich lukrativer war, nicht ganz legale Aufträge anzunehmen. Ich hatte mehr Credits, als wenn ich nach einem Studium bei einer Software-Firma gearbeitet hätte und so blieb die Motivation aus, weiter irgendeine Schulbank zu drücken. Nur Cettanights Angebot für eine Festanstellung auf Stundenbasis9 hat mich dazu gebracht, meine Freiheit in der Wahl der Aufträge einzuschränken.

»Ich verstehe Ihre Kritik.« Cettanight zeigt mit seinem stets einnehmenden Lächeln seine perfekt weißen Zähne. »Zwar haben einige Postangestellte vorerst ihren Job verloren. Aber genau wie bei anderen Firmen, die mit Hilfe der Roboter und Drohnen effizienter arbeiten, erhalten alle gekündigten Mitarbeiter einen Job bei Cettanight Enterprises. Wir haben ein Umschulungsprojekt entwickelt, dass auf lange Sicht gesehen wieder neue Arbeitsplätze schafft.« Cettanight sieht die Journalisten mit seinen braunen Augen überlegen an.

»Das ist ja sehr löblich von Ihnen. Dennoch sind Sie meiner Frage teilweise ausgewichen. Letztendlich nutzt die Einführung von Drohnen und Robotern doch nur Ihrer Firma, die dadurch am weltweiten Markt immer mehr Platz einnimmt«, hakt die Journalistin nach und schürzt ihre rot geschminkten Lippen.

»Natürlich will ich als Unternehmer erfolgreich sein. Aber letztendlich nutzen Roboter und Drohnen uns allen.« Cettanight streckt seine Arme in Richtung der Kamera so aus, als wolle er jeden Zuschauer mit einbeziehen und sieht direkt in die Linse. »Sie führen effizient und ohne niedere Ablenkungen ihre Aufgaben aus. Das ist ein optimiertes Arbeiten, von dem wir Menschen nur lernen können.«

»Also wollen Sie, dass die Arbeiter wie Maschinen handeln?«

Cettanight steckt seine Hände lässig in die Hosentaschen und sieht wieder die Journalistin an. »Ich will, dass sie mit Maschinen zusammen arbeiten. Roboter kennen nicht das Gefühl der Müdigkeit oder Faulheit. So stellen sie eine erstklassige Ergänzung zum denkenden Menschen dar. Und diese Zusammenführung ermöglicht effizienteres Arbeiten.«

»Also sind wir Menschen zu faul, zu müde und damit einfach austauschbar?«, fragt die Journalistin aufgebracht und verschränkt die Arme unter ihrer üppigen Oberweite. Es ist gar nicht so einfach ihren Fragen zu folgen.

»Ich halte den Sachverhalt für komplexer. Ich möchte mit meinen Maschinen das Potenzial der Menschen erhöhen. Austauschen möchte ich nur Fehlerquellen und keine Menschen. Ich sehe die Maschinen als Werkzeug für den Menschen. Vor hunderten von Jahren war es der Hammer, der dem Arm zu mehr Leistung verholfen hat. Nun sind es Roboter und Drohnen. Der Hammer hat ja auch nicht den Handwerker ersetzt.«

Cooler Vergleich. Josh Cettanight weiß, wovon er spricht.

An meinem linken Handgelenk vibriert meine Datenuhr, die ich mit meinen Fingern bedienen kann10. Diese technische Errungenschaft habe ich direkt nach der Einstellung von Cettanights Bio-Technik-Abteilung bekommen. Außerdem erhalte ich jedes Jahr ein weiteres Monatsgehalt, da ich an der Testreihe teilnehme. Mehr Credits, nur indem ich eine Hightech-Uhr an meinem Handgelenk trage? Gerne!

Ich ziehe den kleinen Finger an. Dadurch zeigt mir die Datenuhr mein Auftrags-Ticket und ich lese die Nachricht von Harald, während ich den Monitor ausschalte. Ich verstehe die Kritik an Cettanight nicht. Durch seine Innovationen hat sich die ehemalige Kleinstadt in eine angesagte Metropole entwickelt und Tausenden Arbeit verschafft.

Jetzt aber los: Es ist Zeit zum Credits verdienen. Manchmal kann auch ich nicht anders als meine Bedürfnisse zeitlich festgelegten Terminen zu unterwerfen. Wie zum Beispiel zeitnah einen Job zu erledigen.

Ich greife in die Chipstüte auf meinem Schoß und stopfe mir eine handvoll Crunchy-Fire-Chips in den Mund.

Bäh! Die Chips sind im Laufe der Nacht weich geworden. Ich spüle mit einem Schluck lauwarmem Softdrink die breiige Masse hinunter und stehe aus meinem Ledersessel – eine Kombination aus Gamestation, Schreibtisch und Massagegerät – auf.

Ich wische mir Chipskrümmel von meinem schwarzen Shirt mit der weißen Aufschrift Hallo Welt!11, ziehe meine Boxershorts aus und greife mir aus einer Schublade eine schwarze Unterhose, auf der ein Gnom den Mittelfinger ausstreckt12. Dann schlüpfe ich in eine Jeans, die noch ganz passabel riecht und ziehe mir Socken an, die praktischerweise noch in meinen blau-gelben Sneakers stecken.

Waschtag ist erst in zwei Tagen, wenn meine sauberen Klamotten aufgebraucht sind oder wenn ich wie ein Kadaver stinkend die Wohnung verlassen müsste.

Beim Blick in den Spiegel neben der Wohnungstür klagen mich die dunklen Ränder unter meinen grünen Augen an, die letzten Nächte besser nicht durch gezockt zu haben.

Egal.

Ich streiche mir mit den Fingern durch mein kurzes braunes Haar, verlasse viel zu früh an diesem Morgen mein Zwei-Zimmer-Appartement und fahre mit dem Fahrstuhl runter in den Hausflur.

1 Ich spreche hier nicht von Baby-Käfern oder Drogenkonsum. Sondern: Es geht das Gerücht um, dass er auf nicht ganz legale Weise das Spiel zu seinen Gunsten geändert hat. Der könnte aber nicht mal einen Fehler in Software-Programmen beheben, wenn man ihm die Lösung direkt vorlegte. Noch immer nicht verstanden? Besser nicht mehr weiter lesen. Aber bloß nicht meine Gedankengänge wegwerfen, sondern jemanden geben, der davon etwas versteht. Ja, solche Personen gibt es.

2 Hier spreche ich nun tatsächlich von Drogen. Meine Mutter war abhängig und ich dadurch scheiße dran. Ja, deshalb konsumiere ich keine Drogen. Nein, ich habe keinen Er-hatte-eine-schlechte-Kindheit-Komplex. Wer das jetzt bezweifelt, der schiebe sich seine Meinung gefälligst da hin, wo nur ein Proktologe herein sieht. Genau: ganz tief in den Arsch.

3 Für Dilettanten, also Personen, die diese Fußnote lesen müssen, um mir folgen zu können, drücke ich es sehr einfach aus: Über eine Netzwerkinfrastruktur kommunizieren Geräte untereinander. Immer noch zu schwer? Sorry, trivaler geht es nicht. An Volkshochschulen gibt es Kurse, in denen man lernt, einen Computer einzuschalten. Nur so ein Tipp nebenbei.

4 Eine virtuelle Währung.

5 Die Wächter gehören zu der staatlichen Behörde, die in der Stadt für die Einhaltung der Gesetze sorgt.

6 Zu kompliziert? Das wundert mich nach Fußnote 3 nicht. Also ganz simpel gesagt: Da die Gefängsnissoftware schlecht gesichert war, konnte ich nach Lust und Laune die Namen austauschen.

7 Nur wenn ich Credits auf mein Konto überwiesen bekomme, kann ich mir alles, was ich so zum Leben brauche, kaufen. Also bin ich gezwungen hin und wieder zu Arbeiten, um Credits als Lohn zu erhalten. Ich hab es echt nicht leicht.

8 Eigentlich bin ich Informatiker, aber zum allgemeinen Verständnis erkläre ich den Begriff Wirtschaftsauskunftei: So nennt man ein Unternehmen, das wirtschaftliche Daten über Privatpersonen und Unternehmen sammelt. Dort kann zum Beispiel eine Bank erfragen, ob ihr künftiger Kunde kreditwürdig ist. Nur damit es klar ist: Ich erkläre im weiteren Verlauf nicht jeden Pups. Dafür gibt es Wörterbücher.

9 Für kein Geld der Welt würde ich mich für 40 Stunden und mehr in ein Büro mit anderen Job-Hamstern quetschen. Ich brauche meinen Freiraum und meine selbstgewählte Freizeit.

10 In der Datenuhr nehmen sehr empfindliche Elektroden die in den Muskelzellen erzeugte elektrische Spannung an der Hautoberfläche wahr und erkennen so den Befehl, den ich durch die Fingerbewegung aufrufe. Diese Technik wird auch für Prothesen genutzt. Josh Cettanight will die Datenuhren in ein paar Jahren zu einem guten Preis für Jedermann anbieten.

11 Noch etwas weiter lesen. Die Handlung des Gnoms ist für alle gedacht, die glauben, dass mein Shirt nicht super cool ist und die Aufschrift für zwei unbedeutende kleine Wörter halten.

12 Beleidigt wegen dem gezeigten Stinkefinger? So soll es sein. Diese Wirkung wollte ich bei allen inkompetenten Personen erzielen, die nicht die Bedeutung von Hallo Welt! zu schätzen wissen.

1. Tag

10:37 Uhr

Als sich die Haustür öffnet und ich aus dem kühlen Flur auf die Straße trete, trifft mich schlagartig die schwüle Sommerluft, die sich an besonders heißen Tagen zwischen den Hochhäusern staut.

Bevor Josh Cettanight seine Firma ausgebaut hatte, war dieser Ort eine Kleinstadt mit zahlreichen Einfamilienhäusern mit Vorgarten. Immer mehr Leute kamen durch ihren Job bei Cettanight Enterprises in die Stadt, und so verdrängten die Hochhäuser die kleinen Häuschen.

Ich gehe die von Hausfassaden gesäumte Straße etwa tausend Meter runter, an dessen Ende mein Auto in einem Parkhaus steht. Mehr Menschen brachten auch mehr Autos in die Stadt und so wurden Parkplätze zur Mangelware. Da es in der Vergangenheit zu viele Einsätze der Wächter gab, die zwischen streitenden Parkplatzsuchern schlichteten, ist es verboten, Fahrzeuge am Gehsteig zu parken.

Ich betrete das nach Orangenblüten duftende Treppenhaus des Parkhauses – eine Duftinstallation für mehr Wohlfühlatmosphäre – und gelange über zwei Treppen zum Parkdeck II, auf dem sich mein Auto auf einem von meinem Arbeitgeber gestellten Parkplatz befindet. Der hellgrüne Elektro-Zweisitzer wird mir auch von Cettanight Enterprises zur Verfügung gestellt.

Es ist toll, ich zu sein!

Zumindest meistens. Denn heute gehe ich viel zu früh wieder arbeiten. Ich weiß, dass ich das bereits erwähnt habe. Aber es ist so viel zu früh, dass ich es nicht oft genug wiederholen kann.

»Öffne Fahrertür.« Das Auto erkennt meine Stimme und lässt die Schiebetür nach hinten aufgleiten.

Es ist schon komisch: In der Entwicklung von der Kutsche bis zum Auto dominierten Schwenktüren. Dann haben sich Techniker an das automatisierte Öffnen der Türen begeben und sind auf das Problem der Hindernis-Erkennung gestoßen. Verbeulte Autotüren und verletzte Fahrradfahrer waren die Folge, da die Nutzer auch das Denken der Technik überließen. Anstatt die Hindernisse von der Software erkennbar zu machen, haben die Entwickler Schiebetüren eingebaut. Ich hätte es viel spannender gefunden, das Problem in der Software zu lösen.

Auch die Gesundheits-App13 auf meiner