Beschreibung

Savie Harris hat genug davon, auf Mr. Right zu hoffen. Traummänner gibt es im wahren Leben nun mal nicht. Ihr Entschluss steht deshalb fest: Zum Glücklichsein braucht sie keinen Mann. Kein schlechter Plan – bis der unverschämt attraktive Geschäftsmann Aiden Trempton im Laden auftaucht und ihr Herz höher schlagen lässt. Aiden lässt Savie nicht hinter seine düstere Fassade blicken und treibt sie mit seiner Undurchsichtigkeit beinahe in den Wahnsinn – und in den siebten Himmel, denn seine Küsse sind leider genau so heiß wie verführerisch. Aiden Trempton ist smart, erfolgsverwöhnt und handelt stets wohlüberlegt. Dass ihm eine kurvige Bäckerin seine perfekt organisierte Welt völlig auf den Kopf stellt, ist das Letzte, womit er gerechnet hat. Savies Unschuld und Herzlichkeit berühren etwas in ihm, von dem er lange glaubte es sei verloren. Schon bald will er mehr von ihr als nur die besten Cupcakes der Stadt. Aiden und Savie fühlen sich immer stärker zueinander hingezogen. So stark, dass sie die Gefahr übersehen, die auf sie lauert …   Der neue atemberaubende, herzzerreißende und unwiderstehliche Liebesroman von Bestsellerautorin Karin Lindberg. Der Roman ist in sich abgeschlossen. 

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 352

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Cupcakequeen

– zartschmelzend verführt

Karin Lindberg

A life without a cupcake is a life without love

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: Dr. Andreas Fischer

Covergestaltung: Casandra Krammer

Copyright © Karin Lindberg 2018

Erstausgabe April 2018

www.karinlindberg.info

Facebook

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Weitere Informationen unter www.karinlindberg.info

Auf meiner Website könnt ihr den kostenlosen Newsletter abonnieren, als Dankeschön erhaltet ihr das Ebook "Der Maskenball". Neben allen aktuellen Terminen erhaltet ihr regelmäßig kostenloses Bonusmaterial und exklusive Gewinnspielmöglichkeiten.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Vorschau „Viel mehr als Liebe“

Danksagung

Prolog

Aiden

Ich registriere die an mir vorbeiziehenden Häuserfronten kaum, während ich teilnahmslos aus dem Fenster meines Wagens starre. Wie immer telefoniere ich unterwegs, um die Zeit zu nutzen. Christopher liest mir den heutigen Artikel aus der Regenbogenpresse vor. „… das ist der Grund, weshalb sein Bett der begehrteste Ort der Stadt, wenn nicht gar des ganzen Landes ist. Aiden Trempton, der einzige Sohn des Industriemagnats Richard Trempton, geht jedoch seit vielen Jahren eigene Wege und ist nicht minder erfolgreich – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, alles, was er anfasst, wird zu Gold. Zu gerne wüssten wir, mit welcher Schönheit der Playboy sich nun einlässt, seitdem die royale Liaison mit Prinzessin Viktoria nach eigenen Angaben ‚nicht länger aktuell ist‘.“

Mein bester Freund seufzt am anderen Ende. „Wirklich, Aiden? Hättest du es nicht etwas diskreter beenden können?“

„Ich habe mein Bestes gegeben.“

„Das sieht mir nicht danach aus. Mensch, Aiden, das, was du jetzt am wenigsten brauchst, ist Publicity dieser Art. Der Deal mit Baxter ist heiß, und du solltest gerade deshalb den Ball flach halten.“

„Du meinst, ich soll meinen Schwanz in der Hose lassen.“ Ich hebe eine Augenbraue und spüre, wie sich meine Mundwinkel nach oben biegen. Ich war schon immer für klare Worte. Wenn man so vielbeschäftigt ist wie ich, spart man sich enorm viel Zeit, wenn man nicht unnötig um den heißen Brei herumredet.

„Wenn du es so nennen willst. Und wenn der Druck zu groß wird, lass den Dampf bitte woanders ab. Bloß, lass mir die Royals in Ruhe.“

Ein raues Lachen schleicht sich aus meiner Kehle. „Glaub mir, so heiß war sie nicht, dass ich das wiederholen möchte. Das ganze Tamtam drumherum war jedenfalls nur lästig. Du glaubst gar nicht, an welche Regeln man sich halten muss, wenn man mit einer Prinzessin liiert ist.“

Als Liaison kann man die paar Tage, die wir uns getroffen haben, nicht mal wirklich bezeichnen. Glücklicherweise ist sie Geschichte und ich muss mich nicht mehr um Etikette scheren.

„Erspar mir die Details.“

„Sehr gerne sogar, ich bin froh, dass ich wieder meine Ruhe habe, na ja, jedenfalls vor ihr. Was gibt es sonst noch?“

„Reicht das nicht fürs Erste?“ Er seufzt leise. „Also, halt dich ab sofort aus jeglichem Ärger raus!“

„Mache ich, versprochen. Wie sehen die Entwürfe für die Verträge aus?“

Christopher ist nicht nur ein Kumpel, dem ich blind vertraue, er ist auch ein sehr fähiger Anwalt für Gesellschaftsrecht. Ich ziehe einen Deal an Land, er und sein Team kümmern sich um den Papierkram. So läuft das seit einigen Jahren schon, unsere Zusammenarbeit ist so wie unsere Freundschaft – problemlos.

„Gut, sehr gut. Wie kommt ihr mit der Due Diligence voran?“, erkundigt sich Christopher. Die Risikoprüfung beim Kauf von Firmenanteilen geht manchmal sehr schnell und reibungslos über die Bühne, bei manchen Geschäften zieht es sich aber wie Kaugummi. Dieser Deal ist so einer.

Ich seufze leise. „Es geht, irgendwo hakt es ständig. Der Data Room ist in den letzten Tagen ein paarmal zusammengebrochen. Da meint man, wir wären im 21. Jahrhundert angekommen, aber eine Firma mit drei Milliarden Pfund Umsatz kriegt es nicht auf die Reihe, uns einen vernünftigen Online-Datenraum zur Verfügung zu stellen. Ich bin, gelinde gesagt, genervt.“

„Okay, verstehe. Tja, da kann man wohl nur hoffen, dass sie es endlich hinbekommen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr, mein Freund. Ich muss Schluss machen, ich melde mich bei dir.“

Ohne auf Christophers Antwort zu warten, lege ich auf. Mein Chauffeur öffnet die Hintertür der Limousine für mich und ich steige aus. Meistens fahre ich selbst, aber mein Aston Martin ist in der Werkstatt.

Ich atme tief ein und schließe mein Jackett. Es ist einer dieser feuchtkalten Londoner Sommertage, für die die Metropole an der Themse so berühmt ist. Ich werfe einen Blick in den Himmel, grau in grau, es wird für den restlichen Tag vermutlich so unfreundlich bleiben. „Danke, Mario, in ungefähr einer Stunde bin ich fertig.“ Am liebsten würde ich mich in einen Flieger setzen und abhauen. Raus aus dem Trubel, weg vom Ärger mit den Geschäften. Praktisch ist es zurzeit leider unmöglich, mich für ein paar Tage auszuklinken.

„Ja, Sir. Sollten Sie mich früher wieder benötigen, rufen Sie einfach kurz an, ich halte mich in der Nähe auf.“

Ich gehe auf das Restaurant „The Ledbury“ zu, in dem ich mit meinem Vater zum Lunch verabredet bin.

Meine Laune sinkt schlagartig, als ich registriere, dass mein Erzeuger mit Begleitung gekommen ist. Neben ihm sitzt eine Frau, oder eher eine Barbie, die ich auf mein Alter schätze. Sie klebt an ihm wie ein Kaugummi. Eigentlich hatte ich gehofft, dass mein Vater alleine aufkreuzen würde, wenn er sich schon mit mir zum Mittagessen verabredet, wie wir es meist einmal im Monat tun. Unser Verhältnis ist schwierig, was zum großen Teil daran liegt, dass er ein Arschloch ist. Aber ich bin sein einziges Kind und bringe es nicht über mich den Kontakt abzubrechen, obwohl uns kaum mehr verbindet als DNA.

Als mein Dad mich sieht, schiebt er seine Gespielin ein Stück von sich. Sie verzieht beleidigt das Gesicht, kichert dann aber, als er ihr etwas ins Ohr flüstert.

Ich bin angewidert und würde am liebsten direkt wieder kehrtmachen, natürlich lasse ich mir von meinen Gefühlsregungen nichts anmerken. Ich bin viel zu geübt darin zu verbergen, was wirklich in mir vorgeht. Richard Trempton steht auf, sein Lächeln wirkt echt. Ich schätze, ich bin tatsächlich der einzige Mensch, den mein Vater leiden kann, was vermutlich daran liegt, dass ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten bin – nur fünfundzwanzig Jahre jünger.

„Hallo Dad.“ Wir schütteln die Hände, er klopft mir mit der anderen freundschaftlich auf den Oberarm.

„Hallo Sohn, wie gut, dich zu sehen.“

Es wäre schön, wenn ich das Gleiche sagen könnte. Aber wenn ich ihn treffe, denke ich immer nur daran, was er meiner Mutter über Jahre hinweg angetan hat.

„Wen haben wir denn hier?“, frage ich kühl. Er weiß, wie sehr ich seine außerehelichen Affären verachte. Ich wünschte, er wäre etwas diskreter, wenn er es schon nicht lassen kann, seine Ehefrau zu betrügen. Zum Glück bekommt meine Mutter davon nichts mehr mit, was allerdings nicht immer so gewesen ist. Ich bin selbst kein Kind von Traurigkeit, aber genau aus dem Grund auch nicht verheiratet. Im Gegensatz zu meinem Vater bedeuten mir Treue und Gelübde nämlich etwas. Solange ich die nicht halten kann, binde ich mich nicht. So einfach ist das.

„Das ist Suzie. Sag Hallo, Suzie“, plaudert mein Vater drauflos.

Ich unterdrücke ein Augenrollen, als ich ihre piepsige Stimme höre. „Hi“, macht sie und streckt mir ihre manikürten Fingerchen entgegen.

„Guten Tag, Suzie.“ Ich drücke ihre Hand und setze mich. „Können wir bestellen?“, frage ich und nehme gleich die Speisekarte zur Hand, die schon bei meinem Eintreffen bereitlag. Ich will keine Zeit verschwenden. Je eher ich aus diesem protzigen Luxusschuppen wieder abhauen kann, desto besser. Ein Hotdog wäre mir lieber, aber für meinen Vater gilt nur Sterneküche als akzeptabel. Dass ich mich des lieben Friedens willen regelmäßig mit meinem Erzeuger treffe, heißt noch lange nicht, dass ich diese Begegnungen in die Länge ziehen muss.

Unsere Gläser sind bereits mit stillem Wasser gefüllt, und in dieser Sekunde kommt ein Kellner mit einem Kühler und einer Flasche Weißwein angelaufen.

Während mein Vater testet, ob ihm der Geschmack des Chablis genehm ist, überfliege ich das Menü und entscheide mich für ein Steak. Vor- und Nachspeise spare ich mir.

„Möchtest du lieber Rotwein zum Steak?“

„Nein, vielen Dank. Ich verzichte, ich muss wieder ins Büro.“

Nach weiteren zwanzig Minuten, in denen wir hauptsächlich über das Wetter und die aktuellen Börsenkurse gesprochen haben, fängt seine Gespielin an, unruhig zu werden. Ich bin ziemlich genervt und verliere die Geduld. „Warum kannst du nicht ein bisschen diskreter sein, Dad?“

„Was stellst du dich so an, Aiden? Dir ist doch wohl klar, dass ich nicht im Zölibat lebe.“

„Das ist doch nun wirklich was anderes.“

„Weil deine letzte Partnerin eine Prinzessin war? Aiden, machen wir uns nichts vor. Wir sind beide aus demselben Holz geschnitzt. Du bist genau wie ich, ich möchte sogar wetten, dass die Liste deiner Mätressen geringfügig länger ist als meine.“

Wundervoll, er hat den Artikel in der „Sun“ also auch gelesen. Ich trinke einen Schluck von meinem Wasser, bevor ich antworte. „Vergleichen wir hier nicht Äpfel mit Birnen?“

Er sieht mich mit seinen stahlblauen Iriden an und hebt eine Braue. Gott, wie sehr ich ihn in diesem Moment verabscheue.

„Wirklich, Sohn?“ Er lacht, und der Knoten in meinem Magen wird fester. „Sieh den Tatsachen ins Auge, Junge. Auch wenn du es nicht gut findest, du bist wie ich. “

Mein Dad hat recht, bis auf eine Kleinigkeit, die ich jedoch sehr wichtig finde: Obwohl ich mit vielen Frauen meinen Spaß habe, geschäftlich sehr erfolgreich bin und mir nehme, was ich will, so habe ich dennoch ein paar ethische Grundsätze. Ich gebe Versprechen nur, wenn ich sie halten kann. Sollte ich jemals heiraten, werde ich meine Ehe, im Gegensatz zu meinem Erzeuger, ernst nehmen. Bis jetzt ist mir allerdings noch nie eine Frau begegnet, bei der ich das Bedürfnis hatte, mich fest zu binden, und ich frage mich manchmal, ob ich jemals so weit sein werde, diesen Schritt zu gehen. Plötzlich werde ich von einer unsäglichen Abgespanntheit befallen. Ich bin es so leid, all das immer wieder mitzuerleben.

„Wenn du meinst.“ Ich spare mir jeglichen weiteren Kommentar und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Das dürfte eine lange Stunde werden.

Kapitel 1

Savie

Ich lasse das Wasser in ganz kleinen Schlucken durch meine Kehle rinnen und hoffe, dass die Alka-Seltzer schnell wirkt. Kopfschmerzen sind allerdings kein Grund, warum ich nicht gleich heute mit meinem neuen sportlichen Leben anfangen sollte. Mit den Ausreden ist es ab jetzt vorbei, das habe ich mir geschworen, als meine Cousine gestern Abend mal wieder nicht müde wurde, fiese Bemerkungen über meine üppigen Kurven zu machen. Ich seufze und blicke an die Decke meines alten Kinderzimmers. Hier sieht alles noch wie früher aus, irgendwie so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nur, dass die Poster mit meinen Lieblingsbands nicht mehr an den Wänden hängen. Die habe ich letztens abgerissen und in den Mülleimer gestopft. Inzwischen ist es mir peinlich, dass ich mal Rednex und die Vengaboys mochte. „Los, steh auf“, versuche ich mich selbst anzutreiben. Aber meine Muskeln gehorchen mir noch nicht. Aus einem Gläschen sind gestern auf dem Junggesellenabschied meiner Schwester leider ein paar mehr geworden. Umso dringender sollte ich jetzt laufen gehen. Bevor ich aufstehe, klicke ich mich kurz durch die News auf meinem Smartphone und nehme über Facebook an ein paar Gewinnspielen teil. Ich ächze leise und schließe einen Moment die Augen, während ich mir vorstelle, wie es sich anfühlen würde, mal wieder warmen Sand unter meinen Fußsohlen zu spüren. Irgendwann muss es ja mal klappen. O Gott, ich würde so gerne eine Reise ins Paradies gewinnen, einfach mal ein paar Tage ausspannen und faul in der Sonne liegen. Nein, natürlich nicht nur faul. Ich würde mich zum Yoga anmelden, vor dem Frühstück am Strand joggen gehen und erst danach träge in der Sonne braten und mich erholen. Ich öffne nach ein paar Sekunden wieder meine Augen. Dieses Mal muss es klappen!

In meinem Facebook-Postfach finde ich schon wieder eine Nachricht von irgendeiner dämlichen Diätschnepfe. Mein Gott, dass diese blöden Weiber nicht kapieren, dass ich keine Lust auf eine Bodychallenge habe. Gestern bin ich fast vom Stuhl gefallen, als meine Cousine Dorothy neben den üblichen Beleidigungen über mein Gewicht auch noch damit anfing. Sie arbeitet jetzt für irgend so eine dubiose Firma, die auch noch den geistreichen Namen „It’s effective“ trägt. Sie und ihre Mutter Mable stehen sich in puncto Gemeinheiten in nichts nach. Kränkungen aus ihren spitzen Mündern kenne ich leider zur Genüge, was allerdings nicht heißt, dass es mit den Jahren weniger wehtun würde. Alleine deswegen hätte ich einen Trip auf eine Karibikinsel verdient. Ansonsten ist Urlaub momentan finanziell nicht drin. Ich komme so ja schon kaum über die Runden, also bleibt mir keine Wahl: Ich muss einfach gewinnen. Aber später, jetzt muss ich erst mal Sport machen.

Mit gemächlichen Bewegungen schlüpfe ich in eine ausgeleierte Jogginghose, die noch in meinem alten Kleiderschrank auf mich gewartet hat. Solange die Schmerztablette noch nicht wirkt, geht es einfach nicht schneller.

Eine halbe Stunde später bin ich dann auch tatsächlich draußen. Ich jogge – in bedächtigem Tempo, aber immerhin – durch die Straßen meiner Kindheit. Ein Reihenhaus drängt sich an das andere, die meisten sind Mitte der Sechziger gebaut worden und sehen auch heute noch aus wie damals. Die Leute in Enfield haben nicht viel übrig für Veränderungen. Im Norden Londons gelegen, braucht man bis in die City, wo meine derzeitige Wohnung liegt, gute anderthalb Stunden. Bei meinen Eltern halte ich mich momentan nur wegen der Hochzeit meiner Schwester auf. Aus einigen Schornsteinen steigt Rauch in den morgendlichen Himmel, ein helles Blau blitzt durch graue Wolken an einigen Stellen durch. An mir brummt ein roter Doppeldeckerbus vorbei, ich laufe noch etwas schneller. Wahnsinn, ich fühle mich so frisch und energiegeladen, quasi wie neugeboren. Sport zu treiben ist viel einfacher, als ich dachte. Wenn man erst mal den inneren Schweinehund besiegt hat und tatsächlich rausgeht, hat man gewonnen. Der sportliche Teil ist ein Klacks. Ja, ich bin schon mittendrin im Runner’s High. Unglaublich, es ist einfach genial, ab sofort werde ich jeden Morgen vor der Arbeit Laufen gehen.

Leider ebbt das Glücksgefühl schon nach kurzer Zeit ab, ungefähr als ich fünfhundert Meter hinter mir habe. Ich pruste wie eine Dampflok und meine Lungen brennen mindestens genauso heftig wie meine Oberschenkelmuskulatur. Meine Beine fühlen sich nun nicht mehr an, als könnte ich damit einen Marathon laufen. Es ist vielmehr so schlimm, dass ich es nicht mehr bis nach Hause schaffen werde. Vielleicht war es doch ein Fehler, nach der Partynacht gleich zum Frühsport aufzubrechen. Aber ich will mir keinesfalls die Blöße geben und es mir hier und jetzt eingestehen. Ich kämpfe weiter.

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach, schießt es mir durch den Kopf, als ich buchstäblich zusammensacke. Meine Beine tragen mich nicht mehr, ich muss mich setzen. Schwer atmend lasse ich mich auf den kühlen Gehsteig fallen und hoffe, dass ich nur eine kleine Pause brauche und dann wieder aufstehen kann. Leider, und das ist bezeichnend für mein Leben, kommt genau in diesem Moment auf der anderen Straßenseite mein Ex-Freund mit seiner neuen Liebe vorbeigespurtet. Ich hasse mein Timing, meine Dummheit und mein sportliches Unvermögen.

„Savie?“, ruft William über die Straße und bleibt stehen.

Ich wünschte, ich könnte so tun, als ob ich ihn nicht sehen würde, aber es ist zu spät. Uns trennen nur wenige Meter, es ist unmöglich, mich jetzt noch zu verstecken.

Ich möchte im Erdboden versinken. Blöderweise tut sich natürlich kein Loch auf, wenn man mal dringend eines benötigt …

„Brauchst du Hilfe?“, ruft er mir über die Straße zu.

„Hi William“, hechele ich und ringe mir ein Lächeln ab. Vermutlich ähnelt es einer Fratze, aber im Moment gelingt es mir nicht besser. Seine Begleitung macht in der Zwischenzeit ein paar Dehnübungen, bei denen mir schon vom Hinsehen alles wehtut. Sie kann sich sicher auch beim Sex die Beine hinters Ohr klemmen und dabei noch filmreif stöhnen. Gott, ich hasse mein Leben.

Ach, da waren wir ja schon. „Nein, ich brauche keine Hilfe …“, fahre ich fort und bin dankbar, dass zumindest meine Stimme einigermaßen fest klingt. „Ich … äh, probiere hier nur ein paar neue Yoga-Posen aus.“

Ich krame in meinem Gehirn nach irgendeiner Position, die meiner ähnlich sehen könnte, aber mir fällt keine ein. Ich muss wohl eine neue kreieren, deswegen hebe ich meine Arme über den Kopf und winkele die Hände schräg ab.

William runzelt die Stirn. „Bist du sicher? Welche Pose soll das sein? Wir gehen ja immer zum Hot-Yoga, … aber die habe ich nie gesehen.“

„Äh, der rastende Läufer“, unterbreche ich ihn. „Ich komme klar, danke. Lauft nur weiter.“ Ich nicke höflich und denke doch nur: Verpiss dich endlich.

William und ich haben uns vor einem knappen Jahr im Guten getrennt, als wir gesehen haben, dass unsere Beziehung in einer Sackgasse gelandet ist. Ich bin längst über ihn weg, vor allem weil die Trennung von mir ausging, aber wer möchte schon gerne vor seinem Ex japsend am Boden liegen, während seine sportliche Neue, die, nebenbei bemerkt, vermutlich die Hälfte von mir wiegt, locker mit seinem Marathon-Sprint-Tempo mithalten kann?

„Okay, dann also, Savie. Viel Spaß noch“, gibt er mit gerunzelter Stirn zurück und schickt sich an weiterzujoggen.

Ich winke den beiden zum Abschied zu und lächele gezwungen. Noch während ich dem Paar hinterherschaue, lasse ich meine Arme sinken und stöhne geräuschvoll.

Gott sei Dank laufen sie so schnell, dass ich bald wieder alleine bin. Anstatt aufzustehen, lasse ich mich jedoch zurücksinken, strecke mich lang auf dem Boden aus, schließe meine Lider und wünsche mir, dass ich heute Morgen nie aufgestanden wäre.

Ich fürchte, heute ist so ein Tag, an dem alles schiefläuft, und er wird, zumindest für mich, vermutlich nicht besser werden, denn nachher habe ich noch bei der Hochzeit meiner Schwester zu erscheinen. Als Brautjungfer, in einem viel zu engen Kleid.

Als ich erschöpft und humpelnd nach Hause komme – ich habe mir wohl zu allem Übel auch noch was gezerrt –, werde ich mit seltsamen Blicken empfangen.

„Savie, warst du um diese Uhrzeit draußen? Zum Joggen?“, fragt mich meine Mum und nippt von ihrem Tee. Der ungläubige Gesichtsausdruck meiner Mutter verleiht mir neue Lebenskraft in Form von Wut.

„Nein, man kann sich nicht vorstellen, dass jemand wie ich sich freiwillig bewegt, oder?“

Dad verkriecht sich hinter seiner Zeitung, er stellt sich nicht gerne zwischen die Fronten.

„Aber Darling, so war das doch nicht gemeint. Ich dachte nur, gestern war es doch sicher spät, ich bin lediglich ein bisschen … überrascht. Sport tut dir sicher gut. Ja, sehr schön. Wie war es beim Junggesellenabschied?“

Sie beleidigt mich ganz bestimmt nicht mit Absicht, es ist einfach ihre Art. Leider habe ich in athletischer und figürlicher Hinsicht nicht ihre guten Gene abbekommen, denn meine Mum ist auch mit Ende fünfzig noch gertenschlank und läuft fünf Meilen in vierzig Minuten. Sie trägt ihr blondes Haar schulterlang und kleidet sich sportlich schick. Ich komme da leider mehr nach meinem Vater, wir essen eben gerne.

„Ich gehe duschen“, brumme ich, unfähig, mehr über meinen ramponierten Zustand preiszugeben. Ihre Frage ignoriere ich.

„Möchtest du nicht erst mal was frühstücken? Ich habe hier ein ganz leckeres Bircher-Müsli, probier mal, ist mit fettarmem Joghurt angerührt.“ Enthusiastisch springt sie auf und hält mir eine Schüssel mit einem weißlichen Brei vor die Nase. „Das ist super gesund.“

„Äh, nein danke. Ich mache mich erst mal frisch und dann habe ich noch ein paar Sachen zu erledigen.“

Ehe ich das Körnerzeug esse, friert die Hölle zu, aber das verrate ich meiner Mutter lieber nicht. Auf eine zusätzliche Diskussion über gesunde Ernährung habe ich nun wirklich keine Lust. Das hat Dorothy gestern Abend ja schon übernommen, ich bin also bestens informiert.

„Ach ja? Was hast du denn noch zu tun? Schreibst du vielleicht online deine Bewerbungen? Wie läuft es denn?“ Ihre unverhohlene Neugierde beschwört den Wunsch in mir herauf, laut zu schreien. Ich kann mich gerade noch beherrschen.

Eigentlich meinte ich nämlich mit „ich habe noch was zu erledigen“, dass ich nach einer heißen Dusche nach ein paar weiteren Reise-Gewinnspielen Ausschau halten werde und vielleicht noch ein bisschen meiner neuen Lieblingsapp „Bilanzmanager“ frönen werde. Verlosungen sind momentan meine einzige Hoffnung auf einen bezahlten Urlaub, – den ich, und das wird mir von Minute zu Minute klarer – wirklich ganz dringend brauche. Lotto spiele ich nicht, denn in Wahrscheinlichkeitsrechnung war ich immer eine der Besten, und die miese Gewinnquote hält mich davon ab, es zu versuchen. Ehe ich im Lotto gewinne, finde ich noch einen Traumprinzen. Wie unwahrscheinlich das ist, können wir uns alle ausrechnen. Aber die Chancen dafür stehen hoffentlich besser als eins zu hundertvierzig Millionen. Die unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeit: Männer. Auch ein ganz schlechtes Thema, da spreche ich ja noch lieber über Bewerbungen. „Ich kümmere mich drum, Mum“, leiere ich deshalb herunter, nehme mir ein Glas Wasser und verlasse die Küche fluchtartig. Das heißt, so schnell es mir nach meiner desaströsen Laufeinheit möglich ist.

Vier Stunden später stehe ich neben den anderen beiden Brautjungfern und schaue auf das Hochzeitspaar und die Gemeinde. Da ich mit den beiden Mädels in Pink neben mir die Kirche als Letzte betreten habe, nach der Braut selbstverständlich, sind mir peinliche Begrüßungsszenen bislang zum Glück erspart geblieben. Trotzdem sind mir die mitleidigen Blicke einiger Individuen natürlich nicht entgangen. Ich konnte förmlich hören, was in ihren Köpfen vorging:

„Ach, die Arme ist immer noch Single.“

„Na, kein Wunder, mit der Figur, dabei hat sie so ein hübsches Gesicht.“

„Pink ist absolut nicht ihre Farbe.“

Ich hasse es. Ja, was mein Aussehen anbelangt, bin ich empfindlich.

Ich schüttelte mich kaum merklich, um die fiesen Gedanken zu vertreiben. Meine Schwester und ihr Bald-Ehemann haben es verdient, dass ich mich nicht in meinem eigenen Elend suhle, sondern ihrer Trauung andächtig lausche.

„…wir haben uns heute hier versammelt …“ Es ist mucksmäuschenstill, alle starren wie gebannt auf das strahlende Brautpaar. Meine Schwester Mary sieht wunderhübsch aus, dafür braucht sie nicht mal ein Meer aus Spitze und Satin. Ihre goldblonden Haare sind zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur aufgetürmt worden, in die zusätzlich kleine Perlen und filigrane Blüten eingeflochten wurden. Ihr Make-up ist so perfekt wie dezent.

Eigentlich sehen wir uns ähnlich, bis auf eine Tatsache – uns trennen ungefähr fünfzehn Kilo. Sehr zu meinem Leidwesen stecke ich als Trauzeugin und eine von drei Brautjungfern in einem Alptraum aus Satin, der mich aussehen lässt wie ein adipöses Flittchen. Marys Freundinnen, die das gleiche Modell tragen wie ich, sind leider gertenschlank. Ich bin grün vor Neid. Obwohl ich meiner Schwester ihr Glück von Herzen gönne, führt es mir allzu deutlich vor Augen, wie einsam ich bin. Für heute habe ich mir jedoch vorgenommen, genau diese Tatsache zu ignorieren. Es ist ihr Tag, und ich kann ab morgen wieder heulen, weil ich immer an die falschen Männer gerate.

Meine Mutter schnäuzt sich gerade lautstark in ein Taschentuch, sie ist sichtlich gerührt. Mein Vater tätschelt ihr Knie, allerdings ein wenig unbeholfen. Er konnte noch nie gut mit Gefühlsausbrüchen umgehen, was nicht heißt, dass er emotionslos ist. Er kann sie nur nicht so gut zeigen wie Mum.

Ich lasse meinen Blick noch einmal über die Gäste in den Bänken der kleinen Kirche schweifen und lausche dabei den Worten des Pfarrers nur noch mit einem Ohr. Es werden die unglaublichsten Hutkreationen mit Stolz getragen, sie würden der Queen alle Ehre machen, auch wenn sie vermutlich nur einen Bruchteil davon kosten. Meine Cousine Dorothy, ihr Freund und ihre Mum Mable sitzen in der Reihe hinter meiner Mutter. Ihre herablassenden Blicke nagen an meinem Ego. Es sollte mir nichts ausmachen, dass sie sich für was Besseres halten und mich auf mein Gewicht reduzieren, aber das tut es. Jedes Mal wieder. Seit ich klein bin, werde ich wegen meines Aussehens von ihnen gehänselt. Dass meine Cousine nun auch noch zu einer dieser Diätschnepfen geworden ist, die alle und jeden auf Facebook und überall nerven und mir ihre Pillen andrehen will, möchte ich für den Moment lieber vergessen. Savie, ermahne ich mich, sieh nicht hin und konzentriere dich auf die Trauung. Ich werde mir den wundervollen Tag nicht von ihnen verderben lassen.

Gerade erzählt der Pfarrer, wie Mary und Ethan sich kennen und lieben gelernt haben. Mary war auf dem Weg nach Cornwall, ihr Wagen hatte einen Platten und er hat sie aus dem Regen gerettet, den Reifen gewechselt und sie dann zum Essen eingeladen. Es ist so romantisch, dass meine Augen feucht werden.

Verdammt, ich will auch so eine Liebesgeschichte, eine Traumhochzeit und einen Mann, der mich auf Händen trägt. Okay, vielleicht muss er mich nicht unbedingt tragen, das wäre selbst von meinem Liebsten zu viel verlangt … Klar ist, so geht es nicht weiter mit mir. Neulich habe ich tatsächlich die ersten kleinen Fältchen um die Augen entdeckt, die auch nach einer Hydrabomb-Maske nicht wieder verschwunden sind. Ich bin fett und faltig, das Leben ist doch einfach nicht fair.

Während ich versuche der Zeremonie zu folgen, lege ich mir im Geiste eine To-Do-Liste an. Ich darf nachher nur nicht vergessen, sie in mein Smartphone zu tippen. Mit Zahlen und Plänen bin ich gut, nur mit der Disziplin hapert es manchmal ein bisschen. Es ist offensichtlich, dass mir ein paar Kilo weniger auf den Hüften gut stehen würden, und nicht nur mein Cholesterinspiegel würde davon profitieren. Aber Crashdiäten kommen für mich nicht mehr infrage, die habe ich zur Genüge probiert, mein zweiter Vorname ist Jojo. Trotzdem werde ich den Teufel tun und mir von meiner Cousine Dorothy irgendwelche Diätpillen aufschwatzen lassen.

Punkt 1, ab sofort esse ich mehr Obst und Gemüse, dafür werden Kohlenhydrate drastisch reduziert. Zweitens, ich werde meine Mitgliedschaft im Fitnessstudio endlich nutzen und nicht nur hingehen, um Proteinshakes zu trinken. Notiz am Rande, ich werde mich zum Hot-Yoga eintragen, das Fett wird einfach weggeschwitzt.

Drittens, ich werde weniger ausgehen und damit weniger Geld ausgeben, somit bleibt mir mehr Zeit, um gute Bücher zu lesen. Merke: Gute Bücher, Autoren wie Austen, Dickens und Brontë, nicht die Erotik-Schinken, die ich sonst schmökere.

Viertens, Online-Shopping ist ab sofort ebenfalls gestrichen, denn in Kürze brauche ich sowieso eine neue Garderobe, also wäre das nur hinausgeschmissenes Geld. Und das Wichtigste: Punkt fünf sollte ich mir fett unterstreichen, ich werde nur mit Männern ausgehen, die Qualitäten für eine reife Beziehung vorweisen können. Keine One-Night-Stands ohne Zukunft mehr.

„…und so frage ich dich hier und jetzt, Mary Anne Harris, willst du den hier anwesenden …“

Ich atme tief ein, und das Kleid spannt sofort bedenklich, sodass ich schnell wieder ausatme. Mit lauter, aber dennoch zitternder Stimme tönt ein helles „Ja“ durch die Kirche. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass meine Mum schon wieder heult, dabei hatte sie sich gerade erst gefangen.

Kapitel 2

Savie

Am folgenden Montag stehe ich wieder in der Cupcakeria im Herzen Londons. Ich liebe den Bezirk Southwark, das pulsierende Leben und die Nähe zur Themse. Die Tower Bridge ist direkt um die Ecke, wir haben viele Stammkunden, aber leben auch von der Laufkundschaft, den Touristen. Die Möbel im Laden sind bunt zusammengewürfelt, der Shabby Chic-Trend kommt uns zugute, es passt zwar nichts zusammen, aber die Kombination aus verschiedenen Teilen macht es wieder gemütlich. Die Wände sind in einem Zitronengelb gestrichen, der Boden mit hellen Dielen ausgelegt. Meine Freundin und Chefin Claire ist noch nicht da, ich übernehme heute die Frühschicht. Bislang habe ich fünfundvierzig Cupcakes gebacken und verziert, eigentlich eine gute Quote. Davon selbst gegessen habe ich drei, theoretisch gesehen nicht so schlimm, aber es ist noch nicht mal zehn Uhr morgens. Definitiv zu früh für so viel Zucker und Fett.

Verdammt. So viel zum Thema abnehmen. Heute Abend muss ich wohl eine Extra-Runde auf dem Fitnessrad drehen. Allerdings habe ich eine gute Entschuldigung für meinen Zuckerkonsum, denn ich kämpfe immer noch mit den demütigenden Erinnerungen an die Hochzeitsfeier. Mein Leben ist deprimierend. Ich bin alleine, Single, habe einen mittelmäßig bezahlten Job in einem Laden, der Cupcakes produziert und verkauft.

Tantchen und Tochter haben am Samstag wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, über mich herzuziehen und sich neben meinen figürlichen Defiziten auch noch über meine berufliche Nicht-Entwicklung auszulassen. Da war die Frage, ob ich denn endlich wieder einen Freund hätte, ja fast noch nett.

„Danke, ich habe einen Job“, habe ich geantwortet und mich grün und blau geärgert, dass ich nicht schlagfertiger sein konnte.

Es ist zwar kein Beruf, in dem ich meinen Bachelor in Finanzmanagement wirklich gebrauchen kann, aber es reicht, um meine Miete zu bezahlen (meistens jedenfalls), und ich muss nicht hungern (was vielleicht mal nicht schaden würde). Ein Gemüsegeschäft wäre besser für meine Hüften, aber schlechter für meine Laune, außerdem liebe ich die Arbeit mit Claire. Neben meinen täglichen Aufgaben im Laden kann ich mich zusätzlich bei der Buchhaltung austoben. Für die meisten ein Graus, für mich ist es Spaß. Mit Zahlen zu jonglieren, gelingt mir wesentlich besser als mit meinem Leben. Meine Freundinnen Claire und Trisha werden nicht müde zu betonen, dass ich hübsch aussehe, dass meine blonden Locken, meine kurvige Figur und meine vollen Lippen, die ich gerne rot schminke, wenn wir ausgehen, mich zu einer echten Sexbombe machen. Aber ich fürchte, die beiden wollen nur nett sein, warum sonst sollte ich immer noch Single sein? Weil mein Männergeschmack grausig ist, vielleicht? Möglicherweise liegt es ja gar nicht an mir? Meine Verwandtschaft sieht das definitiv anders.

Egal, die Hochzeit meiner Schwester ist überstanden, und ich stehe heute wieder in der Cupcakeria und verziere Cupcakes. Ich atme tief ein und nehme die Spritztüte in die Hand. Ich will mich jetzt nicht mehr über die gemeinen Ziegen aufregen.

Ich drücke das Ende der Tülle zusammen und beuge mich ein Stück nach vorne. Der krönende Abschluss jedes Cupcakes ist das Frosting. Obwohl ich es schon tausendmal getan habe, erfüllt mich immer wieder der gleiche Stolz, während ich die kleinen Türmchen auf die Kuchen spritze. Vor mir liegen achtzehn Schokoküchlein, die auf ihr Himbeertopping warten.

Gerade, als die rosafarbene Masse aus der Öffnung kommt, klopft es hart an die Ladentür. Ich schrecke zusammen und hebe den Kopf. Bin ich zu spät dran? Habe ich getrödelt und es verpasst, rechtzeitig zu öffnen?

Ich werfe einen hektischen Blick auf die große Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Es ist erst Viertel vor zehn, der Ankömmling kann wohl nicht lesen, denn wir machen erst in fünfzehn Minuten auf, das steht auch genau so auf unserem Schild mit den Öffnungszeiten.

Vor dem Laden steht ein sexy Kerl in einem dunklen Anzug und klopft schon wieder an die Scheibe. Ich kneife die Augen ein wenig zusammen und rufe: „Wir haben geschlossen.“ Dann zeige ich auf die Uhr an der Wand.

„Aber Sie sind ja schon da, können Sie nicht aufmachen?“

Gott, was ist das eigentlich für ein Drängler? Wofür gibt es Öffnungszeiten, wenn man sich nicht daran hält? Am Flughafen fordere ich ja auch nicht, dass die Maschine früher abhebt, nur weil ich drei Stunden vorher eingecheckt habe.

Er klopft unterdessen schon wieder an die Scheibe. Meine Güte, ein Mensch wie er lebt sicher nicht nach dem Mantra „In der Ruhe liegt die Kraft“.

„Ja, ist ja gut, ich komme schon.“ Ich lege die Spritztüte zur Seite, wische mir die Hände an der Schürze ab, gehe zur Tür und drehe den Schlüssel um. Gerade will ich die Klinke drücken und für ihn öffnen, als selbige schon aufgeht. Mit einem Satz springe ich zurück. Was wird das hier eigentlich? Ich hoffe, der Kerl will mich nicht überfallen.

Beim zweiten Hinsehen verwerfe ich diesen Gedanken sofort. Von jemandem wie ihm würde ich mich gern überfallen lassen. Hitze schießt mir in die Wangen, und ich verdränge die Vorstellung gleich wieder. Er sieht nicht so aus, als ob er es nötig hätte, jemanden zu berauben. Sein Anzug sitzt perfekt, garantiert maßgeschneidert – und was für Maße der Mann hat. Mein Gott! Mir bleibt der Mund offen stehen. Breite Schultern, schmale Hüften. Seine kantigen Gesichtszüge scheinen, als wären sie in Stein gemeißelt. Die dunklen Bartstoppeln verleihen ihm etwas Verwegenes und das weiße, gestärkte Hemd bildet den perfekten Kontrast zu seiner düsteren Aura. Sein durchdringender Blick macht mir gleichzeitig unmissverständlich klar, dass er zu der Sorte Menschen gehört, die sich nehmen, was sie wollen. Was mich direkt zur nächsten Frage bringt: Warum ist er hier? Er sieht nicht aus, als ob er cupcakesüchtig wäre wie ich.

Es sind nur wenige Sekunden vergangen, trotzdem kommt mir das Schweigen wie eine halbe Ewigkeit vor. Die angespannte Furche auf seiner Stirn glättet sich, als er mich plötzlich anlächelt und „Guten Morgen!“ sagt. Mein Herz schlägt bis zum Hals und meine Hände werden feucht.

Meine Unsicherheit irritiert mich zutiefst. Ich stolpere hinter den Tresen, um etwas Abstand zwischen uns zu bringen, und atme tief durch, ehe ich antworte. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

O Gott, das klingt so dämlich. Ich spüre, wie ich knallrot anlaufe. Ihm scheint es nicht entgangen zu sein, denn um seinen fein geschwungenen Mund taucht ein spöttischer Zug auf.

„Ich hätte gern ein paar von diesen Törtchen.“ Dabei blickt er mich weiter auf diese seltsam stille Art an, die mich bis unter die Haarwurzeln erröten lässt. Seine Stimme ist dunkel und ein bisschen rau. Ich spüre, wie sich jetzt auch noch die feinen Härchen auf meinen Unterarmen aufstellen. Ich kann die maskuline Stärke, die er mit jeder Pore verströmt, einfach nicht ignorieren.

„Törtchen?“, wiederhole ich dümmlich. Meine Knie fühlen sich an, als würden sie jeden Moment nachgeben.

Seine Lippen verziehen sich zu einem verführerischen Grinsen. Sogar seine Zähne sind perfekt, weiß und gerade, nicht zu groß. „Sie verkaufen hier doch welche? Cupcakes?“

Himmel, ich kann nicht denken, wenn er mich so durchdringend anschaut.

Er macht sich über mich lustig, so viel bekomme ich aber gerade noch mit. Verunsichert schiebe ich mir eine Strähne, die sich aus meiner Frisur gelöst hat, aus dem Gesicht. Innerlich ärgere ich mich, dass ich heute Morgen zu faul gewesen bin, nicht wenigstens ein bisschen Make-up aufzulegen.

„Natürlich, welche hätten Sie denn gerne?“, bringe ich schlussendlich mit halbwegs fester Stimme hervor.

„Zitrone mit Creamcheese.“

Ich habe einen Mann vor mir, der weiß, was er will. Er hat sich nicht mal in der Auslage unserer Kühlvitrine umgesehen, ehe er geantwortet hat. Dabei ist die Auswahl dank meiner Vorarbeit für diese Uhrzeit schon beachtlich, aber diesen einen Wunsch kann ich ihm leider nicht erfüllen.

„Die sind noch nicht fertig, ich kann Ihnen Schoko-Himbeer, Baileys-Mandel, Mango-Kokos, Marzipan-Mohn oder meinen Favoriten Triple Peanut Toffee Crisp anbieten.“

Ein Wunder, dass mir überhaupt noch einfällt, welche Sorten wir verkaufen, aber was Cupcakes angeht, macht mir so schnell keiner was vor.

Seine Augen wandern über meinen Körper, und das Brennen auf meinen Wangen intensiviert sich. Mir wird flau im Magen, und ich frage mich, was er wohl über mich denkt. Sein Gesichtsausdruck ist einfach nicht zu deuten. Tja, nach meinen Erfahrungen mit Männern kann ich mir aber zusammenreimen, zu welchem Ergebnis er nach meinem Bodyscan kommen wird.

Ja, verdammt, ich trage nicht Size Zero und bin für mein Gewicht ein bisschen zu klein geraten. Gerade will ich etwas Pampiges sagen, als sich unsere Blicke erneut treffen. Ich lese nicht Verachtung oder gar Spott darin, sondern etwas ganz anderes. Aber das kann ja wohl nicht sein, ich muss mich täuschen.

Seine geschäftsmäßige Antwort bestätigt mich darin leider nur. „Nein, danke, ich möchte genau diese. Wann sind die Zitronen-Creamcheese-Cupcakes fertig?“

Mir fehlen die passenden Worte, mein Gehirn ist immer noch wie leergefegt. Außerdem ist mir schrecklich heiß. „Sie sind im Ofen, aber ich muss erst die Himbeer-Schoko …“

Er nickt ungeduldig und spielt mit einem Manschettenknopf an seinem linken Ärmel. „In Ordnung. Ich warte“, unterbricht er mich. „Haben Sie so etwas wie eine Kaffeemaschine?“

Noch während er diese rhetorische Frage stellt, setzt er sich an einen der drei Tische im Laden, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.

„Sicher. Wie nehmen Sie Ihren Kaffee?“

Er schaut mich mit seinen stahlblauen Augen an, und mein Puls schnellt schon wieder in die Höhe.

„Schwarz“, antwortet er und widmet sich dann seinem Smartphone.

Männer wie er bestellen sich keinen weichgespülten Cappuccino mit Vanille-Aroma, das hatte ich schon vermutet, allerdings kaufen sie in der Regel auch keine süßen und bunten Cupcakes. Er wirkt rätselhaft, zu gerne würde ich sein Geheimnis lüften. Ihn umgibt eine Aura von Macht und Stärke, die mich einerseits fasziniert, mir andererseits aber auch ein bisschen Angst macht. Ich schaue ihn eine Sekunde zu lange an und bleibe mit meinem Blick an seinem Mund hängen. Seine Lippen sind einfach göttlich, wie zum Küssen gemacht. In den Winkeln sind sie leicht nach oben gezogen, nicht wie so oft bei Businessleuten hängend und verkniffen.

Hach.

O Gott, habe ich gerade wirklich geseufzt?

Shit.

„Dürfte ich einen Kaffee haben? Ich zahle auch …“, erinnert er mich an seine Bestellung.

Scheiße. Er grinst. Er weiß, dass ich ihn angestarrt habe.

Wie peinlich. Ich drehe mich hastig um, greife mit zitternden Fingern nach einer Tasse und stelle sie unter unseren Gastro-Vollautomaten.

Das Mahlen der Kaffeebohnen beruhigt mich ein bisschen, und während ich zusehe, wie der Kaffee aus den Düsen ins Porzellan läuft, spüre ich seinen bohrenden Blick im Rücken.

Lieber Gott, bitte lass mich auf dem Weg zu seinem Tisch nicht stolpern und der Länge nach hinfallen, denn das wäre typisch für mich.

Glücklicherweise geschieht nichts dergleichen, aber als ich ihm seinen Wachmacher serviere, steigt mir ein Hauch seines frischen Aftershaves in die Nase. Er riecht so gut, dass ich die Augen schließen und meine Nase an seinen Hals drücken möchte. Genau so sollte ein Mann duften: frisch, aber nicht aufdringlich, holzig herb und nicht süßlich penetrant, obwohl ich sonst wirklich auf alles Zuckrige stehe.

„Denken Sie noch an meine Cupcakes?“, reißt er mich aus meinen Gedanken.

Langsam sickert der Satz bis zu meinem Hirn durch. Cupcakes, ach ja, deswegen ist er hier … O Gott, ich muss mich endlich zusammenreißen.

Die Cupcakes im Ofen hatte ich komplett vergessen, hoffentlich sind sie mittlerweile nicht verkohlt.

„Natürlich“, antworte ich und lächele ihn freundlich an. „Bin schon auf dem Weg.“

Ich stoße mir die Hüfte, als ich um den Tresen herumgehe. Es schmerzt höllisch, aber ich bin froh, dass es kein schlimmeres Missgeschick war als nur das.

„Bin gleich wieder da.“ Ich verschwinde in der kleinen Küche hinter dem Verkaufsraum. Mit fahrigen Bewegungen greife ich nach den Topflappen, nehme das Blech aus dem Ofen und setze es zum Abkühlen auf ein Gitter. Ich schließe einen Moment die Augen und fächele mir Luft zu.

„Savie, du beruhigst dich jetzt mal. Er ist ein ganz normaler Kunde und kein Grund, gleich in Ohnmacht zu fallen“, murmele ich, während ich das Creamcheese-Frosting hektisch zusammenrühre. Die Mengen kenne ich mittlerweile zum Glück auswendig, wie die aller anderen Cupcakes, die wir im Standardprogramm haben, auch. Eigentlich müsste ich das Frosting noch ein bisschen kalt stellen, aber ich vermute, mein ungeduldiger Kunde möchte nicht noch länger warten.

„Hey, sind Sie noch da?“, höre ich ironischerweise genau jetzt seine dunkle Stimme aus dem Verkaufsraum.

Geduld scheint nicht gerade seine Stärke zu sein, aber das liegt wahrscheinlich in seiner Natur. Er hat es nicht nötig, Männer wie ihn lässt man nicht warten. Ein Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht, weil er seine Pläne heute ausnahmsweise doch nach zwei Törtchen richtet.

„Bin gleich bei Ihnen. Moment.“ Ich setze die Zitronencupcakes auf ein Tablett, stelle das Frosting daneben und gehe damit wieder nach vorne zur Arbeitsfläche neben dem Tresen. Die Schoko-Himbeer-Cupcakes schiebe ich beiseite, die werde ich nachher fertigmachen.

„Sehen Sie, bin schon da. Darf es vielleicht noch ein Kaffee sein?“

„Nein, danke.“ Er hat wieder sein Smartphone in der Hand und tippt darauf herum. Ich frage mich, für wen die Cupcakes eigentlich sein sollen. Er wirkt nicht so, als ob er selbst viel Kuchen essen würde. Eher, als verbrächte er die Zeit außerhalb seiner Arbeit auf dem Laufband. Ein Bild von ihm, wie er joggend die Börsenkurse auf verschiedenen Monitoren verfolgt, erscheint vor meinem geistigen Auge. Er schwitzt, die Adern an Unterarmen und Unterschenkeln treten von der Anstrengung hervor.

Wahnsinn, was für ein Exemplar von einem Mann! Er lässt sein Smartphone sinken und sieht sich um, was mich daran erinnert, dass ich nicht blöd glotzen sondern arbeiten sollte.

Während ich mich von meinen Tagträumen verabschiede, befülle ich einen sauberen Spritzbeutel mit der Frischkäsemasse.

„Wie viele wollten Sie noch mal? Sie sind noch nicht ganz abgekühlt, aber wenn Sie nicht länger warten wollen, kann ich das Frosting schon auftragen.“

„Zwei Stück, bitte.“

Das klingt sehr nach einem Cupcake-for-two-Termin. Irgendwie verstimmt mich der Gedanke, dass er nachher vielleicht mit seiner Geliebten im Bett liegt und ihr Reste des Gebäcks von den Lippen küsst.

Mist. Es geht mich verdammt noch mal nichts an, was er mit wem treibt.

Ich muss mich ablenken. „Wie sind Sie auf unseren Laden aufmerksam geworden?“

O Gott, fällt mir nicht noch was Blöderes ein?

Er hebt eine Augenbraue, fast wundert es mich, dass er auf meine dämliche Frage überhaupt antwortet. Er hat sicher Besseres zu tun, als mit einem Pummelchen wie mir Smalltalk zu betreiben.

„Ich habe gehört, dass die Cupcakes hier die besten sein sollen.“

„Oh, wirklich?“

Ich hebe meinen Kopf. Stahlblaue Augen beobachten jede meiner Bewegungen.

„Stimmen Sie dem nicht zu?“ Er neigt den Kopf, ein fragender, dennoch belustigter Ausdruck zeichnet sich auf seinen kantigen Zügen ab.

Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten.

„Was? Äh, ja doch, doch natürlich. Ich habe das eher auf die Empfehlung bezogen. Es freut uns immer, wenn wir quasi Mund zu Mund neue Kunden gewinnen.“

Mund zu Mund, was für einen Mist rede ich denn da?

„Wir?“ Er hebt eine Augenbraue.

„Der Laden gehört meiner Freundin Claire, ich bin angestellt, helfe mit und kümmere mich um die Buchhaltung.“

Ich sollte nicht so viel plappern, sondern mich auf die Arbeit konzentrieren. Das Topping für den letzten Cupcake ist komplett misslungen. Den werde ich ihm definitiv nicht mitgeben.

„Hm“, macht er und widmet sich wieder seinem Smartphone.

Idiot.