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RATTEN – SIE KENNEN DICH, SIE BEOBACHTEN DICH, SIE FINDEN DICH – AUCH IM CYBERSPACE Der junge Cyberforensiker Thiess Riedel soll beim Aufbau einer Spezialeinheit helfen, die sich dem Kampf gegen Cyberkriminalität widmet. Kaum zurück in seiner Heimat Hamburg wird er Zeuge, wie hinter seinem Boot eine Leiche aus dem Hafenbecken gezogen wird. Damit ist er bereits mittendrin in einem Fall internationaler Bedrohungen. Welche Rolle spielt sein alter Schulfreund Lasse, ein erfolgreicher Computerhacker, der seit einem Unfall schwer verunstaltet ist? Hat er den Mord begangen, für den er sich bei der Polizei gestellt hat? Thiess beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und wird in einen Fall hineingezogen, der nicht nur seine ganz persönliche Vergangenheit ans Tageslicht bringt, sondern auch deutlich macht, dass es noch mehr Menschen in seiner Familie gibt, die ein dunkles Geheimnis haben …
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Für Sibylle
Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2023 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHISBN 978-3-8271-8443-6
Matthias AsterothCYBERRATBand 1
Montag, 18. September 1950
Eine leicht wabernde Nebelwand lag über dem Wittmoor und hielt die Kälte fest am Boden. Oberhalb des Nebels herrschte klare Sicht auf den funkelnden Sternenhimmel und den Mond, der hell herableuchtete. Das Moor war im Osten durch dichten Mischwald begrenzt und stach aus der herbstlichen Landschaft heraus wie eine verdorrte Oase.
Ein heiser geschnurrtes, gedehntes „Chrüüüh“ ließ den schmächtigen Mann am Waldrand kurz zusammenzucken.
„Chrüüüh“ kam es ein zweites Mal aus der Finsternis hinter ihm. Es war lange her, dass er dieses Geräusch gehört hatte. Eine Schleiereule. Aus dem nebelverhangenen Moor kam der gleiche Ruf wie eine Antwort auf den ersten.
Der Mann stand unter den Bäumen und rauchte mit zitternden Fingern seine Eckstein zu Ende. Er war froh, dass es keinen Krieg mehr gab und er die Zigarette allein zu Ende rauchen konnte. Das Teilen seiner Lieblingsmarke mit den Kameraden war schlimm für ihn gewesen. Dass er diese jüdische Marke so liebte, hatte sein Bruder nie verstanden. Hastig nahm der Mann einen letzten Zug. Dann warf er die Zigarette auf den Boden, wo sie im nassen Morast mit einem leisen Zischen erlosch.
Nervös schaute er sich um. Seine müden Augen suchten den Rand des Moores ab, dort wo der Nebel flüchtig war. Die Kälte krabbelte wie winzige Ameisen an der Innenseite seiner dünnen Hose empor. Seine Handflächen rieben schnell aneinander, aber die Finger blieben klamm und steif.
In seiner Nase kribbelte es und der stechende, beißende Geruch überquellender Latrinen war wieder präsent. Der Blick wurde schummrig und verschwommen, allmählich teilte sich das Moor vor seinem geistigen Auge und ein karger, sandiger Platz erschien. Die Häftlinge liefen zum Morgenappell herbei. Er hörte die gellenden Schreie der Kapos und sah die nur aus Haut und Knochen bestehenden Geschöpfe sich im Gleichschritt auf den Appellplatz zwischen den Baracken zubewegen. Tausende Menschen kamen wankend aus den steinernen Gefangenenunterkünften hervor. Sie waren noch nicht tot. Mit vor Angst verzerrten Gesichtern versammelten sie sich auf dem großen freien Platz inmitten der Unterkünfte. Unter dem Gebrüll der Kapos bemühten sie sich, still zu stehen. Der elektrische Zaun war nicht weit entfernt. Sehnsuchtsvolle Blicke. Dahinter lag die Freiheit. Nur ein kleiner Sprung.
Der Mann am Waldrand vertrieb die Erinnerung mit einem heftigen Kopfschütteln und schlug den löchrigen Kragen des Mantels hoch. Die Hände wanderten tief in die Taschen. Mit Unbehagen sah er auf die sich nur schwer auflösenden Nebelschwaden und fragte sich, wie spät es inzwischen war. Mitternacht musste schon vorbei sein, schätzte er, denn die Uhr seines Vaters hatte er bei einem Handgemenge im Lager verloren.
Die Feuchtigkeit der vermodernden Pflanzen war durch die dünnen Schuhe längst an seine Füße gelangt und hatte sich wie ein nasser Wischlappen auf die abgemagerten Zehen gelegt. Der faulige Geruch kroch unangenehm in seine Nase. Seine linke Hand holte ein rostiges Zigarettenetui aus der Manteltasche und öffnete es. Es war leer. Stumm ließ er es wieder in den Mantel gleiten. Der Kopf rutschte in den Mantelkragen hinein, die Schultern fielen nach vorne und der Blick suchte den Nebel ab.
Die Schleiereule schrie erneut ihr heiseres „Chrüüüh“. Aus den Tiefen des Waldes antwortete ein anderes Geschöpf der Nacht mit einem kraftvollen Jaulen.
Ein Wolf? Seit mehr als 150 Jahren hatte es keine Wolfssichtung in dieser Gegend gegeben. Sein Großvater hatte ihm berichtet, dass er als Kind einmal auf eine Wolfsfährte gestoßen war.
Die feuchte Moorlandschaft lag vor ihm wie ein verlassener Friedhof. Er hatte viele Orte kennengelernt, an denen man Menschen begraben hatte. Bilder von Skeletten tauchten vor seinem Auge auf. Zerlumpte Menschen hockten zwischen den Toten und streckten ihm die Hände entgegen. Sie waren zu schwach zum Sprechen, zu ausgemergelt zum Essen und doch zu lebendig, um zu sterben.
Seine Finger zitterten unkontrolliert in den ausgebeulten Taschen des Armeemantels, der sein persönliches Andenken an den Krieg war. Er drehte sich zu dem verrosteten rosa Damenfahrrad, das neben ihm an einer Fichte lehnte. Ein sanfter Windhauch kam durch den Nebel herüber und kitzelte seine Nase. Eine Hand umklammerte den Lenker des Rades. Kurz darauf hörte er das schmatzende Geräusch von Stiefeln, die sich durch den Schlamm wühlten und mit jedem Schritt etwas tiefer einsanken. Die Tiere verstummten.
Er starrte auf die sich oberhalb der Baumwipfel verflüchtigende Nebelwand und ließ den Blick dann zu Boden gleiten. Unscharfe Figuren erschienen hinter dem Nebel, sie schwebten über dem Boden und kamen langsam auf den Mann mit dem Damenrad zu. Allmählich lösten sich die feinen Umrisse aus der Dunkelheit und traten durch den wabernden Vorhang. Sie wurden zu menschlichen Silhouetten.
Der Mann am Waldrand stieß einen leichten Seufzer aus und spannte die Schultern an. Er blieb an seinem Platz und wartete, die zitternden Hände um den Lenker des Fahrrads geklammert.
Schwarze Schatten kamen langsam durch das Moor näher, ihre Gesichter waren nicht zu erkennen. Aber er erkannte die Waffen, die über ihren Schultern hingen, Sturmgewehre der Wehrmacht vom Typ 44.
Seine Kehle war ausgetrocknet und Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Die Soldaten kamen näher. Vier von ihnen hatten eine Hand auf dem Gewehr. Der Fünfte trug keine sichtbare Waffe. Er war der Anführer der Gruppe und ging geradewegs auf den Mann unter den Birken zu.
Mit einem kurzen Blick über die Schulter wies er seine vier Gefolgsleute an, stehen zu bleiben und zu warten. Mit festen Schritten näherte er sich dem Waldrand und blieb vor dem Mann mit dem Fahrrad stehen. Er zog die Handschuhe aus und steckte sie hinter die silberne Gürtelschnalle. Ein Totenkopf leuchtete im Licht des Mondes auf.
„Hallo, Heinrich. Du siehst krank aus.“
Er streckte ihm die Hand entgegen. Heinrichs Finger hatten sich fest um den Lenker geschlungen. Er starrte den Mann in der dunklen Militäruniform an. Seit dem Lager war viel Zeit vergangen. Das einst schwarze Haar lugte weiß unter der Uniformmütze hervor.
„Hallo, Hermann“, flüsterte Heinrich mit sterbender Stimme und ergriff zitternd die ausgestreckte Hand.
Ein kurzer, kräftiger Händedruck, dann fuhr der Oberkörper von Hermann herum und er gab seinen vier Begleitern ein Zeichen. Sie verließen die Nebelgrenze vollständig und traten an ihnen vorbei in den dunklen Wald.
„Du bist damit hergekommen, Bruder?“, fragte Hermann und zeigte auf das klapprige Fahrrad.
Heinrich nickte stumm. Hermann musterte ihn. Er legte seinen rechten Arm um die Schulter seines Bruders, doch der war irritiert über die vertrauliche Geste und zog sich zurück.
„Wir nehmen es mit.“
Hermann steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen kurzen Pfiff ertönen. Einer der Soldaten kam zurück, packte das Fahrrad mit einer Hand und trug es über der Schulter in den Wald.
Schweigend folgten sie den vier Wehrmachtssoldaten in den bewaldeten Teil des Wittmoors. Sie wanderten immer tiefer in den Wald hinein. Das Mondlicht war keine Hilfe mehr. Einer der Gefolgsleute hatte eine Taschenlampe und eine Karte in den Händen. Er beleuchtete den Weg. Ein zweiter Soldat hielt einen kleinen Kompass direkt vor sich. Ab und zu gab er dem Kameraden mit der Lampe Anweisungen zur Korrektur der Richtung.
Vom Boden stieg die Feuchtigkeit zwischen den Baumstämmen empor und schlang sich um Heinrichs Körper wie ein nasser Lappen. Die Füße waren fast taub. Seinem Bruder schien die Kälte nichts auszumachen. Er bewegte sich frisch und kraftvoll durch den Wald.
Nach einem Marsch von etwa einer halben Stunde kamen sie auf eine Lichtung, an deren nördlichem Ende sich ein großer Hügel erhob. Darauf schoben sich meterhohe Birken in den Himmel. Zwei der Soldaten rissen mit den Händen Blätter und Äste herab.
Die beiden ungleichen Brüder standen stumm nebeneinander und beobachteten die Arbeit. Hermann griff in die Seitentasche seines sauberen schwarzen Mantels und holte ein glänzendes Etui hervor. Er öffnete es. Es war gefüllt mit Filterzigaretten. Er hielt es Heinrich entgegen, doch der schüttelte den Kopf. Hermann nahm sich eine Zigarette, zündete sie an und ließ das schimmernde Etui wieder in die Manteltasche gleiten.
Unterdessen kamen die Männer schnell voran. Eine von Efeu, Moos und dunkler Patina überwucherte Stahltür markierte den Eingang ins Innere des Hügels. Heinrich erkannte, was es war. Ein Bunker. Der Soldat, der den Kompass getragen hatte, nestelte kurz an seinem Hemdkragen und streifte ein Band mit einem dicken Schlüssel über den Kopf. Er fingerte an dem Schloss der massiven Tür herum.
„Was machen wir hier?“, fragte Heinrich mit dünner Stimme und sah seinen Bruder an. Hermann warf die eben frisch entzündete Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem vom Moor matschigen Stiefel aus. Er legte ihm erneut den Arm um die Schulter und zog ihn etwas fester an sich. Heinrich versuchte, sich zu entziehen, doch Hermann war kräftiger. Die Augen des älteren der beiden Riedel-Brüder strahlten im Dunkeln voller Vorfreude.
Es quietschte und Heinrich sah, wie die Soldaten gemeinsam und unter großer Kraftanstrengung die verwitterte Stahltür aufzogen.
„Warte ab, du wirst es gleich sehen!“, verkündete Hermann mit leuchtenden Augen und gab seinen Leuten ein Zeichen, die Lichtung zu sichern. Zwei Kameraden postierten sich vor dem Zugang, einer sicherte den Weg ins Moor ab, der vierte platzierte sich am südlichen Waldrand. Hermann marschierte geradewegs auf das dunkle Loch unter den Birken zu und bedeutete Heinrich, ihm zu folgen. Mit hängenden Schultern kam Heinrich hinterher.
Sie traten in den dunklen Gang hinein. Hermann drehte an einem Schalter neben der Tür und die alten Relais der Lampen klackerten und krächzten. Mit einem Knall, der Heinrich auf das Heftigste zusammenzucken ließ, leuchtete die Decke des unterirdischen Bunkers im Wald hell. Das Licht wies den Weg in ein schwarzes Loch. Der Boden war übersät mit kleinen Ästen, Erde und Grasbüscheln.
Heinrich stand hinter Hermann und bestaunte die Stahltreppe, die in die Dunkelheit führte.
„Ein Bunker?“, flüsterte Heinrich. Im Krieg hatte er viele Bunker gesehen, aber dieser war anders. Die Lampen in ihrem explosionsgeschützten Stahlgehäuse strahlten hell und frisch, als wären sie erst gestern eingebaut worden.
Hermann drehte sich um, schaute seinen Bruder mit strengem Blick an und stieg dann die Treppe hinab. Sie führte tief in den Hügel hinein. Heinrich folgte ihm langsam, der Druck auf seiner Brust wurde mit jedem Schritt stärker. Ein unsichtbarer Schraubstock legte sich um seine Rippen und presste den Sauerstoff aus den Lungenflügeln heraus. Die kalte, modrige Luft aus der Tiefe des Hügels setzte sich in seiner Nase fest und erzeugte einen hartnäckigen Würgereiz. Magensäure stieg auf und auf seiner Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen.
Heinrich schnaufte lauter und in immer kürzeren Abständen, das Blut pumpte hektisch durch seine Venen. Er drehte sich seitwärts und umklammerte den Handlauf der Treppe mit beiden Händen und ließ sich langsam die Stufen hinabrutschen, einen Fuß nach dem anderen.
Seine Hände krallten sich um den glatten Stahl. Er schwankte zur Seite, rutschte an die nackte Wand und sein Kopf zuckte vorwärts. Die bleichen Augenlider fest zusammengepresst, kämpfte er gegen die Bilder aus seiner Erinnerung. Ein plötzlicher Würgereiz erschütterte ihn.
Der Druck wurde unerträglich. Heinrich wurde fast wahnsinnig. Das Hämmern in den Schläfen war kaum auszuhalten. Mit jedem Schritt hinab donnerte es gegen den Stirnlappen. Ein Reflex, der sich nicht abstellen ließ. Er hatte gehofft, dass mit der Zeit die Erinnerung verblasste.
Ein saurer Geruch stieg langsam die Speiseröhre empor und drang in seine Nase, der dicke Kloß wanderte aus dem Magen allmählich höher und drängte darauf, sich zu ergießen. Doch auf halben Weg verschwand der Druck. Er schnaubte ein paarmal kräftig, stieß literweise Luft aus den Lungen und presste sich gegen die Wand.
„Reiß ... dich ... zusammen!“, flüsterte er in die Dunkelheit. „Reiß dich einmal zusammen!“
Seine Beine, die eben wie festgewachsen waren, setzten sich langsam wieder in Bewegung. Eine Hand umklammerte erneut fest den glänzenden Handlauf. Er folgte seinem Bruder tiefer hinab.
Hermann war schon längst in der Dunkelheit am Ende der Treppe verschwunden. Die dumpfen Schritte hallten aus der Finsternis empor. Heinrich bemühte sich, ihm zu folgen. Das war in den abgetragenen und zerfledderten Schuhen nicht einfach. Der Schweiß hatte sich inzwischen wie eine schmierige Schicht auf seine Stirn gelegt. Die Hände waren nass und sein rasselnder Atem kam jetzt regelmäßiger. Er kämpfte gegen den immer wieder aufkeimenden Würgereiz an und stolperte Stufe um Stufe hinab. In seiner Nase kribbelte es. Er kannte diesen Geruch.
Toter Wald und verwesende Kleintiere, verbranntes Fleisch. Es roch nach brennendem Menschenfleisch.
Tränen flossen über sein Gesicht und die Hand krampfte sich um das kalte Metall. Heinrich wandte sich zur Umkehr. Jetzt fortlaufen und nie mehr zurückkommen. Er würde weit weglaufen und keinen Gedanken an seinen Bruder verschwenden. Was kümmerte es ihn, dass er seinem Bruder sein Leben zu verdanken hatte? Er hatte Hermann damals seine Seele verkauft.
Er blieb stehen, schwankte auf der Treppe, doch die Beine waren wie festgeschraubt. Sein Oberkörper drehte sich herum und die Augen suchten sehnsuchtsvoll den Ausgang.
„Heinrich!“, schallte es aus der Dunkelheit empor, kraftvoll und verärgert. Die unsichtbaren Fesseln um seine Beine lösten sich und seine Füße setzten sich in Bewegung.
Heinrich war der Hölle entkommen, doch er hatte das Gefühl, dass er dabei war, den Vorhof einer neuen zu betreten.
Donnerstag, 1. August 2019, 5 Uhr 40
„... schnell ... weg ...“, sagte die Stimme in seinem Kopf.
Woher kam sie? Er hörte ein Knistern, dann zersplitterte Glas. Seine Lider ließen sich nicht anheben, sie waren wie zugeklebt. Ihm wurde warm und das Knistern wurde zu einem Schaben und Kratzen. Was war das?
Er versuchte, die Augen zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Seine Finger tasteten auf dem Boden umher und glitten über die weichen Fasern des Teppichs. Sie bewegten sich vorsichtig weiter und stoppten abrupt. Ein harter Gegenstand, glatt poliert mit einigen Riefen. Daumen und Zeigefinger umschlossen das unbekannte Objekt und erkannten die markante Form. Es war ein Holzbein, genauer das Standbein eines roten Sofas mit quietschenden Federn. Das Sofa, das immer bei seinem Großvater im Wohnzimmer gestanden hatte. Auf dem groben Stoff hatte er schon als fünfjähriger Knirps herumgetobt.
Langsam stützte sich Thiess Riedel auf die Hände und schob den Oberkörper hoch, bis er an der Rückseite des Sofas lehnte. Er keuchte und das Atmen fiel ihm schwer. Seine Muskeln waren kraftlos und lahm. In seinem Kopf drehte sich alles und die Hitze im Gesicht war so gewaltig, dass er die Wärmequelle direkt vor sich vermutete.
Der beißende Geruch verbrennender Farbe stach ihm in der Nase und der Schweiß lief an der Nasenwurzel herab und auf die Lippen. Mit dem Salz vermischt schmeckte er sein eigenes Blut.
Wo kam die Wärme her? Die Augen blieben zu. Warum?
In Zeitlupe drehte sich sein Oberkörper und er versuchte, sich am Sofa hochzuziehen. Oberhalb der Rückenlehne schlug ihm ein heißer Luftwirbel entgegen und warf ihn zurück auf den Boden. Was zum Teufel war hier los? Sein Puls beschleunigte sich, die Gedanken stoben durch seinen Kopf. So langsam fügten sich die Teile zusammen. Er war im Wohnzimmer seines Großvaters Heinrich. Aber die Geräusche, die Wärme ... das war Feuer!
Dann war alles anders. Die Augen ließen sich öffnen. Die Zimmertür ging auf und ein kleiner Junge mit kahlem Schädel und großen schwarzen Glupschaugen stand dort, die Hand an der Klinke. Er grinste hämisch in seine Richtung und fing an zu lachen, laut und glucksend.
Thiess versuchte aufzustehen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Irgendetwas hielt ihn am Boden gefangen. Er schaute an sich herab. Eine dicke Kette war um die Füße geschlungen. Das Lachen des Jungen wurde lauter, die Augen traten langsam aus den Höhlen und sein Klopfen auf die Oberschenkel klang wie ein Hammer, der auf einen Amboss niederging.
Im Raum wurde es heißer und lauter. Thiess riss den Kopf hoch und sah verzweifelt zur Tür. Der Junge stand dort, aber jetzt lachte er nicht mehr. Sein Mund hatte sich zu einer grimmigen Fratze verzerrt. Die Augen waren inzwischen tiefschwarz. Er hob eine Hand und winkte ihm lachend zu, zog die Tür ins Schloss und Thiess hörte, wie der Schlüssel auf der anderen Seite umgedreht wurde.
Er riss an seinen Fußfesseln, doch er kam nicht los. Dann sah er unter dem kleinen Esstisch seines Großvaters ein Paar menschliche Beine liegen. Er versuchte, dorthin zu robben. Die Länge der Kette ließ ihn aber nicht nah genug herankommen. Er erkannte nicht, wer dort lag.
Dichter tiefgrauer Rauch kroch unter der Tür hindurch in das Zimmer und füllte seine Lungen. Hustend zerrte Thiess an seinen Fesseln und streckte sich, um die Beine zu erreichen. Da erhob sich der am Boden liegende Körper und eine Fratze starrte ihn an. Die Haut hing in verkohlten Fetzen von seinem Gesicht. Lasse öffnete den Mund. Er wollte etwas sagen.
Schweißgebadet erwachte Thiess. Senkrecht saß er im Bett und fuhr sich hektisch über das Gesicht. Er sah auf die eigene Hand. Es war kein Blut daran, nur kalter Schweiß. Sein Herz pumpte schnell und das T-Shirt klebte an seiner Brust. Sein Puls raste. Er versuchte, im dunklen Raum etwas zu erkennen, doch die Augen waren verklebt. Nur das leise Plätschern des Wassers gegen den Rumpf des Bootes war zu hören.
Thiess griff nach der Brille, die in dem kleinen Ablagefach links neben der Matratze lag, und krabbelte den Kopf voraus aus dem Bett. Er tapste mittschiffs und knipste die Lampe in der Küchenzeile an. Hektisch hielt er seine Handgelenke unter das helle Licht. Nichts zu sehen. Die Narben sahen aus wie immer. Längst verwachsen mit seiner eigenen Haut.
„Das war nicht real!“
Nacheinander fuhren seine Finger über die vernarbten Hautpartien. Die Temperatur des Gewebes war normal. Was hatte er erwartet? Lodernde Flammen, die ihm entgegenschlugen? Feuer, das aus seinen Armen entsprang?
Er nahm sich ein Glas aus dem Schrank, hielt es unter den Hahn im Spülbecken und stürzte das Wasser hinunter.
Der Traum suchte ihn immer öfter heim und wurde mit jedem Mal realistischer. Sogar die Gerüche waren echt. Bildete er sich das ein, oder roch selbst sein Schweiß nach Ruß und kalter Asche? Angefangen hatte es, kurz bevor Karla ihn aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte.
Thiess beugte den Kopf über die Spüle und atmete tief ein und aus. Langsam beruhigten sich Puls und Magen wieder, die Übelkeit verschwand. Ein paar Spritzer eiskaltes Wasser ins Gesicht belebten ihn. Er setzte Kaffee auf und schaute hinaus auf den verschlafenen kleinen Sportboothafen an der Dove-Elbe.
Flüchtige Nebelschwaden hingen träge auf der glatten Wasseroberfläche. Die Sonne war schon aufgegangen. Seine Augen glitten zur Wanduhr über der Küchenzeile. 5 Uhr 47.
Der angenehme Geruch frisch gebrühten Kaffees vertrieb die dunklen Gedanken und er goss sich seinen großen Becher voll, dann schwang er sich auf den Sitz vor dem Steuerstand und träumte mit offenen Augen. Sosehr er sich auch dagegen sträubte, die Gedanken glitten immer öfter zu dem Traum, der ihn seit dem Rausschmiss heimsuchte. Wieso jetzt? Das war vor über 15 Jahren passiert.
Thiess führte den Becher mit dem heißen Kaffee zum Mund. Doch bevor er den ersten beruhigenden Schluck nehmen konnte, hörte er das Knarren auf dem Bootssteg direkt neben seinem Boot. Schritte kamen näher.
„Sie muss schnell hier weg! Wann kommt endlich die Wasserschutzpolizei? Ich steh schon ’ne Stunde hier. Die Kinder dürfen so was nicht sehen.“
Das Quietschen von Gummistiefeln war zu hören, die hastig neben dem Boot hin und her stampften.
„Ich weiß nicht, wie lange sie schon da liegt, aber sie kann da nicht liegen bleiben. Sie muss weg, und zwar schnell! Ich dreh hier noch durch! So was Ekliges hab ich noch nicht gesehen.“
Thiess schwang sich vom Steuerstand herab und stellte den Kaffeebecher in die Spüle. Mit nackten Füßen stieg er die enge Holztreppe hinauf. Seine müden Finger hatten Schwierigkeiten, den Zipper zu finden und die Persenning zu öffnen. Er steckte seinen ungekämmten dunkelblonden Schopf durch die schmale Öffnung und versuchte, einen Blick auf den Steg zu erhaschen. Es war nichts zu erkennen. Er sah den Drahtzaun des Kindergartens, der vis-à-vis der Anlegestelle errichtet worden war. Doch selbst das Backsteingebäude hinter dem kleinen Bolzplatz war nicht zu sehen. Ungeduldig zerrte er an dem Reißverschluss und riss ihn mit einem kräftigen Ruck auf. Er stolperte auf das nasse Oberdeck. Das Gewitter der letzten Nacht hatte an Deck alles unter Wasser gesetzt und er tapste auf dem Weg an die Reling durch einige Pfützen. Auf dem Steg wanderte ein kräftiger junger Mann umher. Er trug eine Jacke mit dem Logo des THW auf dem Rücken und hielt ein Mobiltelefon ans Ohr. Thiess winkte ihm zu.
„Ich bin gleich weg. Nur noch ein paar Minuten.“
Der Mann am Telefon beachtete ihn gar nicht. Thiess fuhr sich durch die zerzausten Haare.
„Ey Digga, da ist ’ne Leiche im Wasser!“
Thiess drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein paar Meter den Steg hinunter an der Brücke stand ein junger Mann mit rasiertem Schädel. Er hielt einen Zigarettenstummel in der rechten komplett tätowierten Hand. Schmutzige Bartstoppel umrahmten sein Gesicht. Er trug eine schwarze Weste mit prägnanten Nieten und er sah genauso übermüdet aus wie Thiess. Auf dem linken Oberarm prangten deutlich sichtbar die Worte Fuck Nazis. Er war fünf Meter entfernt, aber Thiess roch den Alkohol bis zu seinem Anlegeplatz.
„Digga, unter der Brücke ... hinter dem roten Brücke .... da is was gefunden worden. Liegt wohl schon ’ne Weile da im Wasser rum ...“
Thiess setzte zu einer Erwiderung an, doch da hörte er das Knattern eines Zweitakter-Außenbordmotors. Ein kleines schwarzes Schlauchboot kam unter der Schleusenbrücke herangefahren und hielt direkt hinter der Ronja. Auf dem Rand des wendigen Einsatzbootes stand in großen weißen Buchstaben Polizei.
Thiess setzte zum Reden an, stoppte aber sofort wieder, als er den vollbärtigen Polizisten sah, der das Boot am Poller hinter der Ronja festmachte und auf den Steg sprang. Ein zweiter Mann von etwas schmächtigerer Statur kam hinterher. Beide verschwendeten keinen Blick an Thiess, sondern liefen direkt zu dem THW-Mitarbeiter mit dem Telefon am Ohr. Sie ließen sich den Fundort der Leiche zeigen.
„Ob das wohl ’ne Belohnung gibt, Digga?“
Thiess drehte sich wieder herum und schaute den kahlköpfigen jungen Mann an. Er war sich nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte. Er brauchte unbedingt einen zweiten Kaffee, um wach zu werden.
Der tätowierte Obdachlose führte den Zigarettenstummel hastig zum Mund, nahm einen letzten süchtigen Zug und warf die Kippe achtlos auf den Boden. Er trat unter dem Baum an der Ecke des Restaurants hervor, das direkt an das Gelände des Kindergartens angeschlossen war, und steckte beide Hände in die Hosentaschen.
„Irgendjemand wird sie doch b’stimmt vermissen. Gibt doch b’stimmt ’nen Finderlohn.“
Thiess schüttelte den Kopf und wünschte sich, das Gefühl von Wasser im linken Ohr würde endlich verschwinden. Manchmal hörte er das Rauschen nicht mehr, aber an Tagen wie diesem war es wieder deutlich und übertönte alles andere. Er drückte mit dem Zeigefinger der linken Hand hinter der Ohrmuschel herum und fühlte, wie sich der Fingernagel in das Fleisch grub, aber das taube Gefühl im Ohr verschwand nicht. Wenn es nach der Meinung seines Arztes ging, würde es nie wieder zurückgehen. Thiess hatte sich intensiv mit dem Thema Tinnitus befasst und war ebenfalls zu der Einsicht gelangt, dass er mit dem Geräusch würde leben müssen.
Sein Kopf fing an zu schmerzen. Der zweite Gin Tonic am Abend war überflüssig gewesen. Er brauchte einen weiteren Kaffee, und zwar schnell.
„Alter, hast du mal ’ne Kippe?“
„Eher nicht“, entgegnete Thiess mürrisch. „Ich bin Nichtraucher.“
Er schaute wieder in Richtung der drei Offiziellen. Während der THW-Mitarbeiter weiter am Telefon hing und gestikulierte, sicherten die beiden Männer der Wasserschutzpolizei den Fundort der Leiche mit einem roten Absperrband.
Von der Straße oberhalb der Schleusenbrücke kamen drei weitere Personen die Treppenstufen herab, ein kräftiger junger Mann in schwarzer Lederjacke und zwei Frauen. Die Ältere der beiden war zierlich und einen ganzen Kopf kleiner als ihre Begleiter. Sie trug einen eleganten grauen Hosenanzug und blieb am Ende der Steintreppe stehen, streifte die hochhackigen Schuhe von den Füßen und ließ sie neben den Stufen zurück. Die junge rothaarige Frau hinter ihr warf dem Mann in der schwarzen Lederjacke einen bewundernden Blick zu und zuckte mit den Schultern. Eilig passierten die drei das Restaurant und schritten an Thiess’ Boot vorbei zu den Kollegen der Wasserschutzpolizei. Sie ließen sich die Leiche zeigen, die immer noch im Wasser lag.
Die Rothaarige hatte einen Fotoapparat dabei und fing sofort an, Fotos von der Leiche zu schießen. Der junge Mann in der schwarzen Lederjacke zog ein Paar Handschuhe aus der Jackentasche und sichtete erste Spuren.
Kurze Zeit später hielt oberhalb der Brücke ein weiterer Wagen, Türen wurden geöffnet und zwei Männer in weißer Schutzkleidung sprangen heraus und eilten mit schnellen Schritten zu ihren Kollegen. Sie zogen die Leiche mit einem Spießhaken aus dem Wasser. Für einen kurzen Moment sah Thiess eine lila gefärbte Weste aufblitzen. Doch bevor er mehr erkannte, standen eine Handvoll Polizisten und Feuerwehrleute vor der Leiche und versperrten die Sicht. Die Menschen waren aus dem Nichts aufgetaucht. Niemand kümmerte sich um den glatzköpfigen Flaschensammler, der sich mittlerweile schon wieder unter den Baum an der Häuserecke zurückgezogen hatte und seine Flaschen in dem Einkaufswagen sortierte.
Das Rauschen in Thiess’ linkem Ohr wurde stärker und sein Magen meldete sich zu Wort. Er hatte Hunger. Richtigen Kohldampf. Die Sicherung der Spuren würde noch eine Weile dauern. Es sprach nichts dagegen, unter Deck zu verschwinden und sich Frühstück zuzubereiten.
Thiess ließ die Persenning offen, um zu hören, was draußen besprochen wurde. Aber die Polizisten waren extrem vorsichtig. Während er den Tisch auf dem Oberdeck deckte und immer wieder einen verstohlenen Blick hinüberwarf, arbeitete die Spurensicherung konzentriert und abgeschirmt durch die Präsenz der Wasserschutzpolizei und des THW.
Thiess lebte seit ein paar Wochen auf dem Segelboot seiner verstorbenen Tante Annemarie, einer 14-Meter-Jacht, die auf den Namen Ronja getauft war. Nach Annemaries Tod im letzten Jahr hatte der schnittige Segler ein paar Monate unbewohnt im kleinen Hafen an der Dove-Elbe gelegen. Nachdem Thiess von seiner Ex aus der gemeinsamen Wohnung in Hamburg rausgeschmissen worden war, zog er auf das Boot, das seine Tante ihm vererbt hatte. Zunächst war er skeptisch gewesen und hatte sich innerlich dagegen gesträubt, das kostbare Erbe anzunehmen. Aber es gab sonst keinen mehr in seiner Familie, und als dann die Sache mit der E-Mail passierte und Karla ihn aus der gemeinsamen Wohnung warf, war eine neue Unterkunft nötig.
Thiess beugte sich zum Kühlschrank hinunter und öffnete ihn. Gähnende Leere. Nur ein geöffneter Becher Sojajoghurt stand darin. Er hob den Deckel an und roch prüfend an der weißen Masse. Angewidert verzog er das Gesicht und warf den Joghurt in den Müll. Frühstück würde ausfallen. Er stellte den Kaffeebecher mit der Aufschrift 42 neben die Kaffeemaschine, tauschte den vollen Filter gegen einen frischen aus und füllte Kaffeepulver hinein. Das Wasser goss er aus dem Wasserfilter in die Maschine und stellte sie an. Während der Kaffee aufgebrüht wurde, schaute Thiess durch das Bugfenster nach draußen. Er sah nur ein Gewusel von weißen Schutzanzügen. Undeutliche Stimmen drangen zu ihm herüber, aber es war nicht zu verstehen, was gesprochen wurde.
Nach sieben Minuten war der Kaffee fertig und Thiess füllte das belebende Getränk in seinen Becher und stieg die schmale Treppe hinauf. Er trat zur Reling und versuchte zu erkennen, was dort hinten unter der Brücke vor sich ging. Der Menschenauflauf nahm keine Notiz von ihm, alle waren sie mit ihrer Arbeit beschäftigt. Die rothaarige Polizistin knipste Fotos von der Umgebung des Leichenfundorts.
Das Schlauchboot der Polizei war mittlerweile nicht mehr am Steg befestigt. Es kreiste auf der Dove-Elbe an der 1940 errichteten, denkmalgeschützten Holzbrücke, die die Stadtteile Reitbrook und Allermöhe miteinander verband. Es fuhr den Kanal hinter dem Hafengelände entlang und folgte der Flussbiegung unter der Brücke hindurch in Richtung Curslack.
Nach einer Stunde kamen die ersten Spaziergänger vorbei. Sie wurden von den Polizisten zurückgewiesen. Ein älterer Jogger flutschte unter dem Absperrband durch, bevor die rothaarige Polizistin ihn aufhalten konnte. Wenige Sekunden später kam er wieder, begleitet von dem Mann in der schwarzen Lederjacke, der seinen Oberarm fest gepackt hatte. Er wurde zurück hinter die rot-weiße Flatterleine geschickt.
Den Logenplatz hatte Thiess auf der Ronja. Er wunderte sich, dass ihn bisher keiner befragt hatte. Niemand hatte sich erkundigt, ob er etwas gesehen oder gehört hatte. Die Leiche hatte nicht weit von seinem Liegeplatz entfernt im Wasser gelegen.
Er hatte am Abend zuvor zunächst auf dem Deck unter der Persenning gesessen und die dunklen Wolken beobachtet, die sich von Süden langsam westwärts über das Land gezogen hatten. Einige Zeit hatte es so ausgesehen, als würde das Gewitter den kleinen Ort an der Biegung der Dove-Elbe verschonen. Gewaltiges Donnergrollen und ekstatisch zuckende Blitze durchbrachen die entspannte Abendstimmung und innerhalb von Sekunden öffneten sich die himmlischen Schleusentore. Dicke Tropfen prasselten auf die Planken des Segelschiffes und fluteten das gesamte Oberdeck. Nicht einmal die nah vorbeiführende Autobahn A25 war zu hören. Unter dem durchsichtigen Schutz der Kuchenbude hatte er sich die hereinbrechende Apokalypse angeschaut. Zum ersten Mal seit langer Zeit war das Geräusch in seinen Ohren verstummt.
Heute war der Himmel blau und nur ein paar leichte Schleierwolken zogen dahin. Das ausgedörrte Gras des Kindergartens, der direkt am Kanal lag und an diesem Morgen friedlich auf die ersten Hortkinder wartete, hatte alle Flüssigkeit der zurückliegenden Nacht aufgesogen. Die letzten Wochen war eine unvergleichliche Hitzeperiode über Deutschland und Europa gezogen. Die Medien sprachen von einer Jahrhunderthitze. Ein Großteil der Ernte im Alten Land war ausgetrocknet und zerstört. Das Unwetter der Nacht hatte nur für kurzzeitige Abkühlung und Erholung gesorgt.
„Ey Digga, wie lange dauert das noch?“
Thiess erschrak und fuhr herum. Er war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht bemerkt hatte, wie der glatzköpfige junge Mann wieder unter dem Baum hervorgekommen war und keine zwei Meter von der Ronja entfernt stand. Mit dem Kopf nach rechts zeigend wiederholte er seine Frage.
„Wie lange, Mann? Die nerven! Will meine Ruhe, Digga.“
„Weiß ich doch nicht“, entgegnete Thiess. „Wieso sollte ich das wissen?“
„Siehst aus wie ein Bulle.“
Thiess nippte an dem nicht mehr heißen Kaffee und schaute den jungen Mann mit hochgezogenen Brauen an.
„Wie kommst du denn darauf?“
„Kann ich ’nen Schluck haben, Digga?“
Thiess schaute auf die Tasse in seiner Hand. Sie war fast leer. Er stieg hinunter in die Kombüse, goss den Rest Kaffee in ein zweites Gefäß und kehrte zurück an Deck. Der Obdachlose hatte sich inzwischen unter einen Baum vor dem Kindergarten gesetzt. Thiess stieg vom Boot und brachte dem obdachlosen Punker den noch leicht dampfenden Becher. Er nahm sich vor, ihn später gründlich zu desinfizieren.
„Bitte“, sagte er nur und reichte dem anderen den Kaffee. Der Obdachlose griff die Tasse und führte das heiße Getränk gierig zum Mund. Thiess schaute sich unterdessen an, wie der Mann lebte. Der lila Schlafsack an der Hauswand hinter dem Restaurant sah schon abgenutzt aus, er war überall mit weißen Spakflecken bedeckt und stank erbärmlich. Daneben lagen Zeitungskartons, die durch das Unwetter der letzten Nacht aufgeweicht waren und auseinanderfielen. Ein paar Einkaufstüten standen unter dem Baum, prall gefüllt mit Plastikflaschen. Eine Handvoll kleiner Schnapsflaschen lag auf dem Boden neben dem Schlafsack.
Thiess blieb vor den Glatzkopf stehen und sah ihm zu, wie dieser begierig den heißen Kaffee in sich hineinstürzte.
„Wieso sehe ich aus, als wäre ich ein Polizist?“, wiederholte Thiess.
„Zu viele Fragen, Digga“, murrte der Glatzkopf und hielt seine Augen nur auf den Kaffeebecher zwischen seinen Händen gerichtet. Er sog das heiße Getränk gierig zwischen seinen fauligen Zähnen ein. Thiess beschloss, den Becher später einfach wegzuwerfen. „Zu viele ... Fragen.“
„Aber ich schaue doch nur“, entgegnete Thiess und kippte den letzten Rest seines eigenen Kaffees runter.
Der Glatzkopf hatte sein Getränk heruntergestürzt und hielt Thiess stumm den leeren Becher hin. Er fingerte mit der anderen Hand aus seinem Schlafsack ein zerknittertes Päckchen hervor, in dem eine letzte Zigarette verborgen war.
„Haste Feuer?“
„Ich bin immer noch Nichtraucher ... wie vor fünf Minuten“, erwiderte Thiess geduldig und drehte sich zu der Spurensicherung um, die mit ihrer Arbeit noch immer nicht fertig war. Die Leiche war inzwischen zugedeckt worden. Die drei zuletzt dazugekommenen Polizisten gestikulierten auf einmal hektisch. Die ältere Frau sprach ein Machtwort zu ihren Begleitern. Daraufhin setzte sich die rothaarige Polizistin in Bewegung und kam auf Thiess und den kahlköpfigen Obdachlosen zu. Sie musterte beide, bevor sie anfing zu sprechen.
„Wer von Ihnen hat die Meldung gemacht?“
Sofort war der Glatzkopf hellwach.
„Hey Schnuckelchen ... ich hab sie gefunden“, rief er und versuchte aufzuspringen, doch der Kaffee hatte seine volle Wirkung noch nicht entfacht und so stolperte er ein paar Schritte vorwärts anstatt aufzustehen, und kam vor den Füßen der Polizistin zu liegen. Angewidert griff sie ihm unter den Arm und zog ihn hoch.
„Ganz ruhig. Wie ist denn Ihr Name? Und wo wohnen Sie?“
Der Glatzkopf neigte den Kopf und suchte den Boden ab.
„Hallo! Ich habe Sie gefragt, wie Sie heißen.“
Dass die Geduld der Rothaarigen nicht von langer Ausdauer war, schien den Obdachlosen nicht zu stören. Er riss seinen Arm aus ihrer Hand und kniete sich nieder. Leise vor sich hinmurmelnd tastete er den Boden ab. Seine Nase berührte fast die mit Vogelkot beschmutzten Platten. Thiess warf der jungen Polizistin ein Schmunzeln zu. Doch die ließ sich nicht beirren.
„Ihr Name! Ich sag es nicht noch einmal!“
„Ja, ja, ist ja schon gut ...“, murmelte der Glatzkopf und richtete sich umständlich wieder auf. Die verschmierten Hände tasteten nach einem Halt und kamen der schicken Sportjacke der Polizistin nah, woraufhin die Rothaarige einen Schritt zurückwich und gegen den vollen Einkaufswagen stieß. Die leeren Flaschen schepperten und hallten unter der Brücke wider.
„Hier!“
Der Glatzkopf grinste über das dreckige und stoppelige Gesicht. Zeigefinger und Daumen präsentierten die Zigarette, die ihm zuvor beim Aufstehen aus der Hand gefallen war. Er roch daran, nickte ein paarmal und steckte sich den Stummel in den Mund.
„Baumann.“
Die rothaarige Polizistin notierte den Namen in ihrem kleinen Notizbuch.
„Und weiter? Vorname?“
„Levander, Schnuckelchen. Aber du kannst Levi zu mir sagen.“
Der Obdachlose drehte sich um, streckte die Hände aus und zeigte auf den Schlafsack und die Kartons auf dem Boden unter der Brücke.
„Willkommen in meinem Wohnzimmer.“
„Bitte?“, fragte die rothaarige Polizistin irritiert.
„Was meinen Sie damit? Sie wohnen hier? Neben dem Kindergarten?“
„Ja klar. Sie glauben gar nicht, wie oft ich hier was zu essen abstauben kann. Die Kleinen essen viel lieber Kekse und Chips als diese Brote, die die Mütter ihnen immer einpacken. Und das landet dann alles dort drin.“
Bei den letzten Worten hatte er auf den Mülleimer gezeigt, der am Boden neben der braunen Sitzbank stand, gegenüber von Thiess’ Boot.
„Wurst mit Schinken mag ich am liebsten“, meinte der Glatzkopf grinsend.
Thiess sah ihn in den Tiefen des Mantels graben und ein „Ha“ ausstoßen, als er ein Feuerzeug hervorzog. Genüsslich zündete Levander Baumann sich den zerknitterten Zigarettenstummel an.
Wieder notierte die Polizistin etwas in ihr Notizbuch. Dann wandte sie sich an Thiess, der die ganze Zeit danebengestanden und aus der Ferne beobachtet hatte, wie die Leiche in dem Zinksarg abtransportiert worden war.
„Und wer sind Sie? Haben Sie auch etwas gesehen?“
„Thiess Riedel. Ich lebe auf der Ronja.“
Die Polizistin schrieb in ihr Notizbuch.
„Und wo finde ich diese Ronja, mit der Sie zusammenleben? Kann die vielleicht auch etwas gesehen haben?“
Thiess grinste.
„Die Ronja ist mein Boot ... genau hinter Ihnen.“
„Oh.“
„Und nein, ich habe nichts gesehen. War ja auch ein heftiges Gewitter gestern Abend. Ziemlich lauter Donner.“
Sorgfältig schrieb die junge Polizistin alles auf. Sie drehte sich zur Ronja und notierte die Bootskennung.
„Wen hat man denn da aus dem Wasser gefischt?“
Die Rothaarige klappte das Notizbuch zu.
„Dazu darf ich nichts sagen. Aber ist Ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen?“
Thiess schüttelte den Kopf. Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. Langsam wurde es Zeit. An seinem ersten Tag zu spät zu kommen machte keinen guten Eindruck. Wenn er gut durchkäme, würde er eine halbe Stunde mit dem Auto brauchen. Im schlimmsten Fall eine Stunde.
„Brauchen Sie mich noch?“, erkundigte er sich. „Ich muss zur Arbeit.“
Die Polizistin sah ihn an, ließ den Notizblock sinken und hatte sogar ein leichtes Lächeln für Thiess übrig.
„Nein, Sie können gehen. Wir haben ja Ihre Daten.“
Thiess drehte sich zu seinem Boot um und war im Begriff an Bord zu klettern, als der Polizist in der schwarzen Lederjacke angelaufen kam und direkt vor ihnen unter der Brücke stehen blieb. Etwas außer Atem starrte er seine Kollegin an, sein Gesicht war aschfahl.
„Hast du einen Geist gesehen, Nick?“
„Es ist Yasmin! Das Schwein hat ihre Nase abgetrennt!“
Donnerstag, 1. August 2019, 8 Uhr 40
Es war sein erster Arbeitstag und er kam zu spät. Der Verkehr auf der B 75 war schlimm gewesen. Den Stau im Bereich Berliner Tor hatte er nicht einkalkuliert und so statt der 30 Minuten Fahrtzeit über eine Stunde für den Weg vom Sportboothafen zur Polizeizentrale in Alsterdorf benötigt. Er lenkte den kleinen blauen Fiat Punto auf eine freie Lücke am Seitenstreifen kurz hinter der U-Bahn-Station und stellte den Motor ab. Der Rundbau des Polizeipräsidiums mit den sternförmig angeordneten Blöcken schimmerte durch die dicht gewachsene Hecke hindurch.
Thiess schnappte sich Jacke und sein Smartphone vom Beifahrersitz und stieg aus dem Auto. Auf der Hindenburgstraße schob sich der Berufsverkehr durch den Stadtpark in Richtung Innenstadt. Die Sommerferien waren gestern zu Ende gegangen und die Straßen waren voll wie immer. Obwohl das Thermometer im Auto schon 20 Grad anzeigte, schlüpfte er in die dünne rote Jacke und ging auf das futuristisch aussehende Gebäude aus grauem Stahl und Glas zu. Sein Herz pochte etwas schneller als normal und er fühlte die Anspannung. Vielleicht hätte er es am Morgen doch bei einem Kaffee belassen sollen. Es gab keinen Grund, nervös zu sein. Thiess kannte seine Fähigkeiten. Die Polizei Hamburg war es gewesen, die das BKA in Wiesbaden um Unterstützung beim Ausbau ihrer Cybercrime-Abteilung gebeten hatte. Jan-Ole Hansen, der Leiter der Abteilung Cybercrime in Wiesbaden, hatte ihm die Stellenanzeige auf den Schreibtisch gelegt, noch bevor sie im Intranet veröffentlicht worden war. Der alte Hansen hatte immer gewusst, dass Thiess’ Sehnsucht nach der kühlen nordischen Heimat groß war. Obwohl er Hansens bester Analyst gewesen war, hatte dieser Thiess gehen lassen. Er war es sogar gewesen, der Thiess ein Empfehlungsschreiben für das LKA in Hamburg ausgestellt hatte. Die Vergangenheit hatte für Hansen nie eine Rolle gespielt. Thiess hoffte, dass die neuen Vorgesetzten das ähnlich sahen und nur auf seine Fähigkeiten schauten. Er konnte einfach gut mit Computern, mit Menschen eher nicht so.
Thiess atmete tief durch und ging dann zügig die Treppen hinauf zum Eingang des Polizeipräsidiums. Er öffnete die Glastür und ging hinein in die großzügige, helle Eingangshalle. Der Empfangsschalter war mit zwei Frauen besetzt, die angeregt miteinander redeten. Thiess trat heran und wartete, bis eine der beiden den Kopf hob und ihn anschaute.
„Hi, ich bin Thiess Riedel und fange heute hier an. Ich soll mich bei Kriminalrat Günther Maak melden.“
„Thiess Riedel?“, fragte die Blonde rechts von ihm. „Thiess mit s oder scharfem s?“
„Mit einem doppelten s.“
Die junge Frau tippte in ihren Computer.
„Da habe ich nichts. Sind Sie sicher, dass der Termin heute ist?“
Thiess zog das Einladungsschreiben aus der Jackentasche und schob es der Blonden über den Tresen. Sie warf einen Blick darauf und versuchte es erneut mit dem Computer.
„Betty, guckst du mal?“
Die ältere Kollegin schob sich die Brille von der Stirn auf die Nase und schaute ihrer Kollegin über die Schulter auf den Computerbildschirm.
„Sie stehen nicht auf der Liste, junger Mann.“
„Und was ist mit meiner Einladung?“
Die beiden Frauen sahen erst sich an, dann schauten sie auf Thiess und Betty ergriff mit ruhiger Stimme das Wort.
„Die Einladung könnte gefälscht sein, junger Mann. Sie stehen nicht auf der Liste.“
Thiess beugte sich leicht nach vorne über den Tresen.
„Wie wäre es, wenn Sie Herrn Maak einfach mal anrufen und sagen, dass ich da bin? Dann sehen Sie ja, ob die Einladung echt ist oder nicht. Es kann doch sein, dass Ihre Daten im System nicht aktuell sind. “
Betty schaute ihn ernst an.
„Junger Mann, wir haben hier ein sehr gutes EDV-System. Unsere Daten sind auf dem neuesten Stand. Wenn hier steht, dass Sie keinen Termin haben, dann ist das so. Warum soll ich dann Kriminalrat Dr. Maak mit solchem unwichtigen Kleinkram behelligen?“
Betty erhob sich und beugte sich nach vorne. Sie reichte Thiess seinen Zettel zurück und meinte mit einem abschätzigen Blick auf das zerknitterte Papier:
„Wahrscheinlich sind Sie von irgendeinem reißerischen Privatfernsehsender und wollen die Hamburger Polizei nur wieder in Misskredit bringen.“
Thiess seufzte und nahm das wertlose Stück Papier und verstaute es in der hinteren Hosentasche.
„Mögen Sie eigentlich Katzen?“
Er hatte die Frage ganz allgemein gestellt. Betty schaute ihn verständnislos an, aber die junge Blonde war gleich Feuer und Flamme und lächelte übers ganze Gesicht.
„Oh ja, nicht wahr, Betty? Diese kleinen Katzenbabys sind besonders süß. Wenn die sich so an ihre Katzenmama kuscheln. Ich habe da dieses süße Video gesehen.“
Thiess nickte leicht und griff zum Smartphone.
„Was geht es Sie an, ob wir Katzen mögen? Selbst wenn, hat es Sie nicht zu interessieren, junger Mann. Sie kommen trotzdem nicht ins Gebäude!“
Das war für Betty der Schlusspunkt und sie ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen und wandte sich ihrem Computer zu. Die Blonde sah ihre ältere Kollegin irritiert an, lächelte noch einmal unsicher und versteckte den Kopf dann wieder hinter dem Tresen.
Thiess entfernte sich vom Tresen und trat nach draußen. Er tippte eine Nummer auf seinem Telefon und musste nicht lange warten.
„Hallo, hier ist Thiess Riedel. Die Mail ist angekommen und wurde geöffnet.“
Thiess steckte das Telefon zurück in die Tasche seiner Jacke und ging vor der Eingangstür auf und ab. Er schaute durch die Hecken auf die dahinterliegende Hindenburgstraße und den dicht fließenden Verkehr. Das dicke Blattwerk milderte den Lärm der Straße ein wenig ab.
Ein schwarzer BMW bog von der Straße ein und hielt an der Schranke zum Mitarbeiterparkplatz und fuhr dann in eine freie Parklücke. Drei Personen stiegen aus und kamen auf den Eingang zu. Thiess bemerkte, dass es die Polizisten vom Morgen waren, die den Leichenfund an der Dove-Elbe untersucht hatten. Die junge rothaarige Polizistin sah ihn ebenfalls und schaute ihn irritiert an. Die ältere Frau und der Mann gingen wortlos an Thiess vorbei und stoppten, weil plötzlich die Tür von innen aufgestoßen wurde und Betty ihren gelockten Schopf durch den Spalt steckte.
„Herr Riedel, gut dass Sie noch da sind! Der Kriminalrat Dr. Günther Maak möchte Sie sprechen.“
„Sie machen keine halben Sachen, Thiess.“
Günther Maak saß hinter seinem vor Papieren und Aktenordnern überquellenden Schreibtisch und schaute auf Thiess, der auf dem Stuhl davor Platz genommen hatte.
„Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich Sie beim Vornamen nenne. Wir in der IT sind locker unterwegs.“
Thiess nickte.
„Das haben wir in Wiesbaden auch so gemacht.“
„Ach ja, Wiesbaden. Das BKA. Hansen hat mir ja einiges von Ihnen erzählt. Er sagte mir, dass Sie gut sind und frische Ideen haben. Aber dass Sie sich gleich mit einer Phishingmail hier einführen! Respekt!“
Thiess konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
„Ich habe diesem Test Ihres Freundes Hansen nur zugestimmt, weil der Hamburger Polizei immer nachgesagt wird, wir wären zu alt und zu unflexibel.“
Günther Maak lehnte sich zurück und ließ die kurzen fleischigen Hände auf seinem dicken Bauch liegen.
„Lassen Sie sich nicht täuschen, Thiess. Auf Sie mag das unflexibel wirken, aber für uns sind das Regeln, an die wir uns halten. Ich erwarte von meinem Team, dass es sich an die Regeln hält und niemand aus der Reihe tanzt.“
Maak erhob sich schwerfällig aus seinem Schreibtischstuhl und trat ans Fenster. Er blickte kurz hinab auf den Parkplatz und drehte sich dann wieder zu Thiess um.
„Hansen sagte mir, dass Sie gerne mal etwas unkonventioneller vorgehen. Das ist gut, wirklich. Aber hier in Hamburg lieben wir es kontrolliert. Wir lieben Regeln und wir halten uns an diese Regeln. Regeln wurden aus einem guten Grund aufgestellt. Nur durch Regeln schafft man es, ein gemeinsames Ziel anzusteuern. Es ist manchmal vielleicht gut, diese Regeln etwas auszudehnen. Aber das sollte man nicht zur Gewohnheit werden lassen. Verstehen Sie, was ich meine, Thiess?“
Thiess wusste genau, was er meinte. Er hatte gehofft, dass man ihn hier in Hamburg unvoreingenommen empfangen würde. Aber als sein Vorgesetzter hatte Maak natürlich auch Zugriff auf die Personalakten. Also konnte Thiess nur stumm nicken.
Maak lächelte so breit, dass seine weiß gebleichten Zähne aufblitzten. Mit der Hand fuhr er sich durch die gegelten Haare.
„Gut, gut. Es ist wichtig, dass wir da einer Meinung sind. Ich möchte, dass mein Team weiß, dass ich immer hinter ihm stehe. Aber das Team muss auch hinter mir stehen und wir müssen an einem Strang ziehen.“
Thiess bemerkte, dass sein neuer Chef das linke Bein etwas nachzog, als er jetzt wieder vom Fenster zu seinem Schreibtisch zurückkam und sich vor Thiess aufbaute. Er lehnte sich mit dem ausladenden Gesäß gegen die Schreibtischkante und schob einen Stapel Aktenordner mit Leichtigkeit in die Mitte der vollgestellten Arbeitsfläche. Günther Maak schaute auf die Uhr über dem Türrahmen.
„Haben Sie noch irgendwelche Fragen, Thiess? Ansonsten würde ich Tammi bitten, Sie an Ihren Arbeitsplatz zu bringen.“
Der Leiter des Dezernats Fahndung und Erkennungsdienst machte Anstalten, zur Tür zu gehen, doch Thiess verharrte im Stuhl. Irritiert schaute ihn Maak an.
„Heute Morgen gab es in der Nähe von Allermöhe einen Leichenfund. Die Polizisten vor Ort haben den Namen Yasmin erwähnt. Ist das eine Kollegin?“
Maaks Gesichtszüge verhärteten sich und Thiess sah, dass die Hände für einen Moment unkontrolliert zuckten. Die Erwähnung des Namens hatte etwas in seinem neuen Chef ausgelöst. Doch seine über 30-jährige Berufserfahrung sorgte dafür, dass er schnell die Kontrolle zurückerlangte. Die Hand glitt wieder vom Türgriff und er schaute Thiess sehr eindringlich an.
„Was haben Sie damit zu tun?“
„Die Leiche wurde in der Nähe meines Bootes gefunden. Ich bin von den Kollegen als Zeuge vernommen worden.“
„Dann wissen Sie, dass ich Ihnen keine Auskunft geben darf, Thiess.“
Kriminalrat Dr. Günther Maak öffnete die Tür.
„Ich will Sie nicht länger aufhalten. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie die anderen Teammitglieder kennenlernen.“
Maak wies seine Sekretärin an, Thiess den Weg zur Personalabteilung zu zeigen.
Er reichte ihm die Hand und Thiess’ Hand berührte die dicken, fleischigen Finger, auf denen noch ein Rest des Haargels zurückgeblieben war.
„Herzlich willkommen und viel Erfolg!“
Günther Maak bugsierte Thiess mit der anderen Hand leicht hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Die Sekretärin Tamara Schäfer sah Thiess’ irritierten Blick und zuckte mit den Schultern. Sie griff zum Telefon und informierte die Personalabteilung.
Der Wind hatte ganz plötzlich aufgefrischt. Auf der Fahrt aus der Hamburger Innenstadt nach Hause ahnte Thiess es schon an den Bewegungen der Bäume, dass es ein stürmischer Abend werden würde. Als er den Fiat auf dem Parkplatz gegenüber dem Sportboothafen abstellte, sah er schon, wie ein paar Boote hin und her schaukelten. Es knirschte und knarrte, als die Bootsrümpfe aneinanderschabten und sich die Masten der kleinen Segler ineinander verkeilten. Die Takelage vibrierte im Wind. Thiess beeilte sich, den Kiesweg hinabzulaufen. Am Anfang des Stegs blieb er stehen und schaute sich suchend um. Von den Bootsbesitzern war niemand vor Ort.
„Götz!“, rief er, doch es kam keine Reaktion. Vom Hafenmeister war nichts zu sehen. Noch bevor er ein zweites Mal rufen konnte, sah er, wie sich eine 14-Meter-Jacht am Nachbarsteg gefährlich zur Seite legte und der Hauptmast sich im Mast des danebenliegenden Bootes verfing. Der Wind drückte unablässig von der Seite gegen den Rumpf der großen Jacht und drängte diesen immer tiefer. Nicht mehr lange, und das Elbwasser würde das Boot fluten oder der empfindliche Holzmast des frisch restaurierten Seglers brach entzwei. Einer musste nachgeben.
„Scheiße!“
Thiess sprintete los, sprang auf den wankenden Steg und dann, ohne nachzudenken, auf den Segler, der vom Wind wie ein Strohhalm hin und her geschaukelt wurde. Er warf die Fender auf der Seite des Stegs über die Reling und griff anschließend nach einem herumliegenden Tampen, der an einer Klampe festgemacht war, und formte mit dem losen Ende einen Palstek. Dann lief er zum Bug des Segelbootes und warf die Schlinge um den Festmacher am Ende des Stegs. Thiess sprang von Bord und zurrte die Leine fest, so gut es ging. Er kontrollierte noch einmal die Fender und blickte dann zum Himmel. Die Wolken hatten sich verzogen und eine verdächtige Stille hatte sich über das Hafenbecken gelegt.
Thiess schüttelte stumm den Kopf, wischte sich die Hände an der Hose ab und machte sich auf den Weg zur Wohnung des Hafenmeisters, die oberhalb der Hafenanlage auf einem kleinen Hügel lag. Bei der kleinen Holzhütte war alles ruhig. Die Fenster waren alle dunkel.
Seit Thiess in dem Sportboothafen an der Dove-Elbe lebte, war der alte Götz Brandstädter jeden Tag vor Sonnenaufgang auf den Beinen gewesen und hatte bis zum letzten Sonnenstrahl an der frischen Luft gearbeitet. Doch heute hatte Thiess ihn noch nicht gesehen.
Er klopfte mit den Fingerknöcheln gegen die Holztür, doch im Innern der Hütte oberhalb des Stegs regte sich nichts. Er trat um die Ecke des kleinen Holzhauses und lugte durch das Küchenfenster hinein. Drinnen war es schummrig und sehr schwer, etwas zu erkennen. Bis auf den Esstisch schien die Küche leer zu sein. Nur die Blätter der verblühten Sonnenblume lagen auf dem runden Holztisch.
Eine leichte Unruhe befiel Thiess und er hämmerte mit der Faust gegen die Tür. Noch immer geschah nichts. Er trat mit dem Fuß gegen die Holztür. Der Lärm hätte den Hafenmeister normalerweise aufgeweckt.
„Götz, bist du da? Ich hab gerade deiner Jenny das Leben gerettet!“
Thiess lauschte an der Tür. Es war noch immer still. Er versuchte, sich zu erinnern, ob Götz etwas von einer bevorstehenden Reise erzählt hatte. Aber nein, Götz verreiste nicht. Er liebte die Elbe und den Norden Deutschlands. Das genügte ihm zur Entspannung. Mehr hatte der schweigsame Bootswart von seiner Persönlichkeit bisher nicht preisgegeben.
Thiess spürte eine innere Unruhe aufsteigen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er trat einen Schritt zurück und warf sich dann gegen die Haustür. Krachend zerbarst das alte Holz unter dem Druck in unzählige kleine Splitter und verteilte sich auf dem Boden, das Schloss hing zur Hälfte in der Türzarge und der Zylinder lugte aus dem Überbleibsel der Tür hervor. Thiess ignorierte den Schaden, den er angerichtet hatte, und schritt vorsichtig durch die Wohnung.
„Götz?“, rief er in die Stille. Es kam keine Antwort. Ein leichtes Kribbeln sorgte dafür, dass sich seine Haare auf den Armen aufrichteten. Eine unsichtbare Alarmglocke schrillte in seinem Kopf. Hätte er eine Pistole besessen, dies wäre der Zeitpunkt gewesen, sie zu ziehen. Doch er war ein Computernerd und die trugen keine scharfen Waffen. Seine Waffen waren Scanner und Protokolle. Es war ein Leichtes für Thiess, Existenzen durch die Auswertung von Protokollen zu zerstören. Das war anonym und technisch, aber äußerst effektiv und bei Weitem nicht so blutig, als besäße er eine Pistole.
Thiess ging vorsichtig durch die Wohnung und horchte in die Stille. Da war nichts außer dem leisen Ticken der Küchenuhr. Weder Fernseher noch Radio liefen. Direkt rechts neben dem Flur lag die kleine Küche, in die er von draußen hineingeschaut hatte. Er streckte den Kopf durch die offene Tür und sah den umgefallenen Stuhl und daneben eine Pistole. Eine zerbrochene Müslischüssel und der matschige Inhalt, bestehend aus Quark und Obst, lagen unter dem Tisch. Von Götz keine Spur. Thiess schritt den Flur entlang und erreichte das Schlafzimmer.
Die Tür war offen und auf dem Boden lag der alte Bootswart, nur mit einer grauen Schlafanzughose und einem ausgeblichenen T-Shirt mit überdimensionaler Zunge darauf bekleidet. Er rührte sich nicht. Thiess war mit einer schnellen Bewegung bei ihm und presste den Finger auf die Halsschlagader. Erleichtert atmete er aus. Vorsichtig schüttelte er seine Schulter.
„Hey, Götz, was ist los? Alles in Ordnung?“
Der Angesprochene rührte sich nicht. Er war am ganzen Körper schweißnass und das Gesicht war aschfahl. Thiess rüttelte etwas fester. Langsam kam wieder Leben in den Körper des Hafenmeisters. Die faltigen Lider blinzelten und er schlug die Augen auf und schaute orientierungslos im Raum umher. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er Thiess wahrnahm und seine Umgebung erkannte.
„Wie ... was ist passiert?“
Thiess hob die Augenbrauen und führte ihn zum Bett. Götz zitterte am ganzen Körper. Thiess reichte ihm den grauen Pullover vom Stuhl und half ihm dabei, das durchgeschwitzte T-Shirt auszuziehen und den nicht unbedingt frisch wirkenden Pullover über den Kopf zu ziehen. Der Bootswart fuhr sich mit der Hand durch die nassen Haare und schüttelte den Kopf. Er warf das T-Shirt auf den Boden.
„Ich hab in der Küche gesessen und wollte gerade frühstücken. Da waren komische Geräusche auf dem Steg. Ich hab meine Pistole geholt. Plötzlich wurde mir schwarz vor Augen ... Ich hab Durst!“
Thiess ließ ihn vorsichtig zurück aufs Bett fallen und holte ein Glas Wasser aus der Küche.
„Hier, trink das.“
„Ich hätte jetzt lieber ein Bier.“
„Gibt es nicht. Wenn du nicht hörst, fahre ich dich ins Krankenhaus.“
„Ist ja schon gut, Junge, schon gut.“
Langsam rappelte sich Götz auf. Das T-Shirt vom Rolling-Stones-Konzert war klitschnass und roch nicht nur nach Schweiß. Thiess vermutete, dass Götz zuvor das ein oder andere Bier zu viel getrunken hatte. Aber es stand ihm nicht zu, ihn zu verurteilen. Mit dieser Diagnose im Kopf hätte Thiess auch nicht gewusst, wie er sich verhalten sollte. Er fühlte nur, dass er seinem Vater damals unrecht getan hatte. Statt ihm Hilfe im Kampf gegen den Alkohol anzubieten, hatte er ihn verurteilt und verachtet.
Der weißhaarige Bootswart hatte ihm kurz nach ihrer ersten Begegnung Anfang des Sommers erzählt, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte. Vier Monate hatten die Ärzte ihm maximal noch zum Leben gegeben. Gegen die Anfälle und Schmerzen hatte er hoch dosierte Opiate bekommen, die ihn ausknockten. Meist verzichtete Götz auf die Medikamente. Wenn die Situation unerträglich werden würde, so hatte er es Thiess gestanden, gab es immer noch seine eigene Therapie. Die lag jetzt in der Küche auf dem Boden zwischen dem Quark und dem klein geschnittenen Obst.
Auf dem Nachtisch lag eine ungeöffnete Packung Medikamente.
„Was sind das denn für Dinger?“
Götz schaute ihn irritiert an, während Thiess ihm das Glas mit Wasser entgegenhielt und keine Anstalten machte, wieder fortzugehen.
„Trink!“
Götz griff nach den Medikamenten und ließ die Packung in seiner Hosentasche verschwinden.
„Du bist schlimmer als meine Ex.“
Eine Art Lächeln legte sich auf Thiess’ Lippen.
Götz griff das Glas, kippte das Wasser hinunter und ließ sich ins Bett fallen.
„Jetzt komm aber nicht auf die Idee, mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Du bist nicht meine Mutter.“
„Was ist geschehen?“, versuchte Thiess etwas zu erfahren.
Götz schaute ihn verwirrt an.
„Ich habe Geräusche gehört und bin zum Bootshaus rüber. Von dort habe ich gesehen, wie sich jemand hinter deinem Boot zu schaffen gemacht hat.“
„Hinter meinem Boot? Wann war das?“
„So gegen halb drei. Ich bin zum Schrank und hab die Pistole geholt.“
Götz versuchte, sich im Bett aufzurichten.
„Puh“, schnaufte er und verzog das Gesicht vor Schmerzen. „Draußen sah alles ruhig aus. Aber ich weiß, dass da jemand war. Ich bin doch nicht bescheuert!“
„Nein, das bist du nicht!“
Thiess nahm die Hose, die auf dem Stuhl neben dem Bett lag, und legte sie fein säuberlich zusammen und hängte sie über den Kleiderbügel, der an der Tür des Schlafzimmerschranks baumelte. Er setzte sich Götz gegenüber.
„Man hat heute Morgen eine Leiche aus der Elbe gezogen, in der Nähe der Ronja.“
„Eine Leiche?“
„Ja. Die Leiche dürfte mittlerweile in der Rechtsmedizin sein.“
Götz hob seine grauen Augenbrauen.
„Heute Morgen? Wie spät ist es denn?“
Thiess sah auf seine Armbanduhr.
„Kurz nach 18 Uhr. Ich bin gerade aus der Stadt zurück.“
Götz schlug die Decke zurück und versuchte aufzustehen.
„Was ist das für ’ne Leiche?“, fragte er und erhob sich vorsichtig. Seine Beine zitterten, sodass er sich an Thiess’ Schulter festhielt. Er kniff die Mundwinkel zusammen.
„Jemand aus dem Klub hier?“
„Keine Ahnung. Scheint zumindest ’ne Frau zu sein. Sie haben den Namen Yasmin erwähnt.“
„Yasmin? Kenn niemanden, der so heißt.“
Götz öffnete den Schrank und holte ein sauberes Nirvana-T-Shirt heraus. Er warf das durchgeschwitzte Shirt aufs Bett und drehte Thiess den nackten Rücken zu. Der sah die beiden kreisrunden Narben oberhalb der Nieren. Einschusslöcher. Götz schien es nicht zu bemerken und zog sich weiter an. Nachdem er endlich frische Socken angezogen hatte, ließ er angestrengt die Luft aus seinen Lungen.
„Vielleicht eine von diesen Partykids, die hier ständig rumlungern und ihr Dope verticken?“
„Drogen?“, fragte Thiess.
Götz hob die Schultern.
„Was weiß denn ich? War sicher alles nur Zufall.“
Der alte Bootswart tapste unsicher auf Socken über den kleinen Flur in die Küche und setzte eine Kanne Tee auf. Thiess folgte ihm und schnappte sich ein paar Stücke Küchenpapier, um das Chaos auf dem Boden zu beseitigen. Die Pistole legte er vorsichtig auf den Küchentisch. Er hasste Waffen und war froh, dass sie nicht zu seinem Equipment gehörten.
Eine halbe Stunde später saßen sie bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer des Bootshauses und schauten durch das große Panoramafenster auf die Dove-Elbe. Der kleine Sportboothafen wirkte verschlafen. Von dem Wind, der noch vor einer Stunde im Hafen gewütet hatte, war nichts mehr zu sehen. Nun lagen alle Boote wieder ruhig an ihren Anlegern.
„Du bräuchtest einen Hund!“
„Warum?“, wollte Thiess wissen. „Widerliche Köter. Schnappen nach allem und jedem. Und wenn sie nass sind, stinken sie.“
„Aber es sind auch treue Seelen, die einen nie im Stich lassen!“
„Tun Computer auch nicht, und sie brauchen kein Futter aus Dosen.“
Götz sah ihn mit einer Mischung aus Besorgnis und Skepsis an. Thiess ignorierte den Blick.
„Ich hatte mal einen Hund, einen Zwergpudel. Irgendwo müssen hier noch sein Halsband und seine Leine liegen. Wenn ich nur wüsste, wo ...“
Götz erhob sich aus dem Sessel und schritt hinüber zur großen Bücherwand. Er zog eine der Aufbewahrungskisten in der untersten Etage heraus und brachte sie nach draußen. Er wühlte darin. Zum Vorschein kamen ein paar Fotos, Briefe und ein vollkommen abgenutztes Lederhalsband, mit einem kleinen silbernen Anhänger daran. Götz hielt das Halsband zwischen den Fingern und strich liebevoll darüber. Unterdessen fiel Thiess das Foto einer attraktiven Frau auf, das einfach so in der Kiste lag. Götz nahm Halsband und Leine und stellte die Kiste auf die Holzplanken neben sich.
„Du hast als Kind keinen Hund gehabt, oder?“
