Damian. Die Stadt der gefallenen Engel - Rainer Wekwerth - E-Book

Damian. Die Stadt der gefallenen Engel E-Book

Rainer Wekwerth

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Beschreibung

Lara will ein paar aufregende Tage in Berlin verbringen. Doch hinter der Fassade der Großstadt verbirgt sich eine Welt, in der dunkle Kreaturen einen verbitterten Kampf austragen. Als Lara Damian kennenlernt, weiß sie nicht, dass sich durch ihn eine alte Prophezeiung erfüllen soll. Ein düsteres Familiengeheimnis legt sich wie ein Schatten über die beiden und bedroht ihre Liebe und ihr Leben.

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Seitenzahl: 444

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Rainer Wekwerth

Damian

Die Stadt dergefallenen Engel

 

Weitere Titel von Rainer Wekwerth in dieser Reihe:

Damian. Die Wiederkehr des gefallenen Engels

 

 

 

Rainer Wekwerth,

1959 in Esslingen am Neckar geboren, schreibt aus Leidenschaft. Er ist Autor erfolgreicher Bücher, die er teilweise unter Pseudonym veröffentlicht und für die er Preise gewonnen hat. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter. Der Autor lebt im Stuttgarter Raum.

 

Für Anna und Gabriele

1. Auflage als Arena-Taschenbuch 2013 © 2010 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Ein Projekt der AVA international GmbH Autoren und Verlagsagentur (www.ava-international.de) Umschlaggestaltung: Frauke Schneider Umschlagtypografie: knaus. büro für konzeptionelle und visuelle identitäten, Würzburg ISSN 0518-4002 ISBN 978-3-401-80133-9

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

54.

55.

56.

57.

58.

59.

60.

61.

62.

63.

64.

65.

66.

67.

68.

69.

70.

Epilog

Glossar

Danksagungen

Denn Gott hat die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen und übergeben, dass sie zum Gericht behalten werden.

2. Petrus 2,4

Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefällt, der du die Heiden schwächtest! Gedachtest du doch in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Stuhl über die Sterne Gottes erhöhen; ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung in der fernsten Mitternacht; ich will über die hohen Wolken fahren und gleich sein dem Allerhöchsten.«

Jesaja 14,12

Hochmütig warst du geworden, weil du so schön warst. Du hast deine Weisheit vernichtet, verblendet vom strahlenden Glanz. Ich stieß dich auf die Erde hinab …

So ließ ich mitten in dir ein Feuer ausbrechen, das dich verzehrt hat. Vor den Augen all derer, die dich sahen, machte ich dich zu Asche auf der Erde.

Das Buch Ezechiel, Kapitel 28

An dem Rand des Himmels standen sie und sahen dort den wüsten, unermesslich tiefen Abgrund.

John Milton – Paradise Lost, Auszug 7. Gesang

Prolog

Erwachen

Er war nicht mehr als ein Schatten in der Dunkelheit. Ein Schemen, der sich gegen den wolkenzerfetzten Himmel abhob. Der Mann kauerte auf einem Mauervorsprung, hoch oben über den pulsierenden Lichtern der Stadt.

Vollkommen regungslos.

Nur der Wind spielte mit seinen Haaren, wehte sie um das entrückte Gesicht, als wolle er den Mann zum Tanz im Mondlicht einladen, doch dieser schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Gleich einer Krähe kauerte er in Gedanken versunken auf dem Dachfirst, die Arme vor der Brust gekreuzt. Seine dunkle Kleidung verstärkte den vogelartigen Eindruck noch. Als er einen Arm hob und die Hand anklagend dem Himmel entgegenstreckte, zerstob das Bild.

Warum? Warum hast du mich fallen lassen?

Er erwartete keine Antwort auf diese Frage. Es gab keine Antwort. Es gab nur die Nacht und den Wind. Und vielleicht war das genug. Vielleicht war es sogar mehr, als er sich überhaupt erhoffen konnte.

Das Dunkelblau des Nachthimmels wich einem tiefen Schwarz und das Leben der Stadt schien sich eine kleine Atempause zu gönnen. Immer weniger Autos fuhren über die vierspurige Straße unter ihm und die Lichter der Häuser erloschen nach und nach. Der Mann legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Der Geruch des Tages war dem Duft der Nacht gewichen. Er konnte die Büsche und Bäume des nahe gelegenen Parks riechen. Tief sog der die Luft ein und verharrte einen Augenblick. Er versuchte, nicht an die Menschen zu denken, die dort unten in ihren Betten lagen oder sich schlaftrunken auf den Weg zur Arbeit machten. All das Leben unter ihm wollte er für einen Moment vergessen. Er fühlte die Kraft des Windes auf seinem Gesicht, die kalte Luft strich über seine Haut und er genoss das Prickeln, das seinen Körper erfasste. Er spürte die Wolken, die sich zu mächtigen Gebilden auftürmten, als würde sich auch eine schwere Last auf seine Schultern legen. Bald würde der aufziehende Sturm Regen bringen.

Ein einzelner Tropfen fand seinen Weg auf seine geöffneten Lippen. Er lächelte.

Wasser! Das Leben selbst.

Die Mauersteine knirschten unter seinen Stiefeln, als er sich erhob. Breitbeinig stand der Mann am Rand des Daches, die Arme weit ausgestreckt. Der Wind rüttelte an seiner Gestalt, wollte ihn packen, über den Vorsprung reißen, aber er trotzte der Kraft.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während er so dastand. Es war einfach unglaublich, das alles zu spüren. Fühlen zu können. Vor Freude lachte er laut auf. Ein einsamer Klang in der Finsternis, der sich mit dem Heulen des Sturms vermischte. Der Wind peitschte ihm Regentropfen ins Gesicht, aber da war noch etwas. Etwas anderes.

Hinter ihm erklang ein schabendes Geräusch. Krallen, die über Stein kratzten. Schwefelgeruch mischte sich in den Geschmack des Regens und den Duft der Nacht. Der Mann verzog das Gesicht. Er hatte ihnen befohlen, in der Dunkelheit auszuharren und zu warten, bis er zu ihnen kam.

»Herr«, knurrte eine tiefe Stimme hinter seinem Rücken.

Der Angesprochene hob eine Hand, ohne sich umzudrehen.

»Du störst mich«, sagte er verärgert. »Hast du keine Ehrfurcht vor der Schönheit der Nacht? Fühlst du nicht das Leben um dich herum?« Er hielt kurz inne und holte ein paarmal tief Luft, ehe er fortfuhr. »Und warum wartest du nicht, wie ich es befohlen habe?«

»Deine Diener sind ungeduldig.«

Der Anführer spürte, wie sich der Blick aus geschlitzten Pupillen in seinen Rücken bohrte. Er lauschte in sich hinein, ob er Angst empfand, aber da war nur dieses berauschende Gefühl, am Leben zu sein. Sie fürchteten ihn noch immer. Fürchteten seine ungeheure Macht, die jeden einzelnen von ihnen zu Staub zermalmen konnte.

Aber wie lange noch? Mit jedem Atemzug nahm seine Kraft ab. Der Mann wusste, dass die Zeit kommen würde, da sich seine Diener nicht mehr seinen Befehlen beugen würden. Dann würde er sterben.

Doch er durfte keine Schwäche zeigen. Mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht wandte er sich um.

Das Wesen stand nur wenige Schritte entfernt. Der Wind trieb die Wolken am Himmel auseinander und das bleiche Licht des Mondes fiel auf eine Gestalt, die ihn weit überragte. Obwohl der größte Teil durch die fahle Dunkelheit verborgen blieb, erahnte er die Kraft, die sich in diesem Körper verbarg. Sein Gegenüber schien nur darauf zu warten, sich auf ihn zu stürzen.

Ohne zu zögern, trat er näher. Sein Blick drang tief in die gelben Pupillen ein. Langsam legte der Mann einen Finger über die geöffneten Lippen mit den langen Reißzähnen.

»Ich sage, du sollst schweigen.« Fast zärtlich strich der Finger über das schuppige Fleisch. »Schweig und gehorche meinen Befehlen.« Seine Stimme war gefährlich leise geworden und deutlich war die Drohung zu hören, die in diesen Worten mitschwang.

Die Lippen zuckten, als wollten sie widersprechen.

»Nein.« Die Stimme des Anführers klang wie brüchiges Glas. »Und nun geh! Geh zu den anderen. Sag ihnen, wir werden noch warten.«

Er nahm den Finger von den Lippen des anderen und deutete in die Finsternis hinaus. Seine Stimme wurde sanft, als er weitersprach. »Die Engel sind wachsam. Heute ist nicht die Nacht des Kampfes. Heute ist die Nacht der List. Deshalb muss ich nachdenken.«

Die Miene des Anführers verdüsterte sich, dann drehte er sich abrupt um. »Und du wirst mich nicht noch einmal stören.«

1.

Lara stöhnte und verdrehte genervt die Augen. Der Regen fiel immer dichter und der Bahnhof war durch die grauen Schlieren auf der Windschutzscheibe kaum auszumachen. Hoffentlich war es in Berlin besser als hier. Aber egal ob Regen oder nicht, wichtig war nur, dass sie endlich Ferien hatte und zwei Wochen lang wegkonnte. Weg von Ben und den traurigen Tagen, die hinter ihr lagen.

Laras Mutter lenkte den großen Volvo in eine Seitenstraße und hielt nach einem Parkplatz Ausschau. Regentropfen hinterließen verschwommene Spuren auf dem Autofenster. Die Lüftung des Fahrzeugs lief auf Hochtouren, trotzdem war die Scheibe beschlagen. Ihre Mutter beugte sich kurzsichtig über das Lenkrad, um etwas zu erkennen. »Siehst du was?«, fragte sie.

»Da vorne«, antwortete Lara. »Es sind jede Menge Parkplätze frei.«

Wen wunderte das in einem Dorf wie Rottenbach? Es war jetzt kurz vor elf Uhr und der morgendliche Pendlerverkehr nach Stuttgart war längst versiegt. Lara seufzte. Rottenbach war wirklich nicht der Nabel der Welt. Eigentlich war hier nur morgens und am Abend etwas los, wenn die Menschen zur Arbeit fuhren oder wieder nach Hause kamen. Dann wimmelte es von Leuten mit Aktentaschen, Frauen und Männern in grauer oder schwarzer Kleidung. Jugendliche kamen kaum hierher. Entweder nahmen sie den Bus zur Schule oder sie ließen sich von ihren Eltern fahren.

Laras Mutter hatte endlich einen freien Parkplatz erspäht und steuerte nun den Wagen umständlich hinein. Lara warf ihr einen Blick zu und hätte beinahe laut aufgelacht, als sie sah, wie ihre Mutter konzentriert die Lippen schürzte. Und trotz dieser albernen Mimik sah sie toll aus, wie immer. Die langen braunen Locken fielen weit über die Schultern hinab und umspielten ihr hübsches Gesicht.

Lara wusste, dass sie ihrer Mutter ähnlich sah. Sie hatten die gleichen Haare und ihre Gesichter zeigten unverkennbar die enge Verwandtschaft. Allerdings war die Nase ihrer Mutter schmal und gerade und bei ihr selbst ein wenig gebogen, was ihr ihrer Meinung nach ein vogelähnliches Aussehen verlieh. Außerdem hatte Rachel olivfarbene Haut, sie hingegen wirkte etwas blass. Aber auf ihre Augen war Lara stolz, denn die Augenfarbe ihrer Mutter war ein unauffälliges Braun, während ihre Pupillen einen intensiven grünen Schimmer hatten und bei Sonnenschein wie ein Smaragd leuchteten. Ben hatte immer gesagt, dass sie wie zwei kleine Waldseen schimmern würden . . .

»Hallo, Fräulein Winter«, lachte Laras Mutter und riss sie aus ihren Gedanken, »wir müssen uns beeilen! Dein Zug kommt gleich.« Und schon hatte sie die Fahrertür aufgemacht und der mit Regen vermischte Wind drang unerbittlich ins warme Innere.

»Ich komm ja schon«, murmelte Lara und stieg aus.

Eigentlich kam ihr der Regen genau recht. So würde niemand ihre Tränen sehen, die ihr bei dem Gedanken an Ben in die Augen gestiegen waren. Und je schneller sie bei ihren Großeltern in Berlin war, umso schneller konnte sie der Erinnerung an Ben entfliehen, die sie seit ein paar Tagen zu ersticken drohte. Es war die Idee ihrer Großeltern gewesen, dass sie zu Besuch kam, und obwohl Lara zurzeit auf gar nichts Lust hatte, war sie froh, für eine Weile nicht in Rottenbach sein zu müssen.

Ben, Ben, Ben. Den ganzen Tag war er in ihrem Kopf. Und sogar in ihre Träume stahl er sich. Seit er mit ihr Schluss gemacht hatte, drehten sich ihre Gedanken nur noch um ihn. So als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt. Wie einen Kieselstein rollte sie die Frage nach dem »Warum« in ihrem Kopf hin und her und fand doch keine Erklärung, die den Schmerz in ihrem Inneren hätte lindern können.

Lara blickte zum Himmel und sah ein paar Krähen, die ihr Spiel mit dem Wind trieben. Fasziniert beobachtete sie, wie sie sich von einer Böe emportragen und wieder fallen ließen. Sie fragte sich, wie es wohl sein mochte, schwerelos am Himmel zu schweben und niemals abzustürzen.

Auch sie war geschwebt. Mit Ben. Hatte sich einfach von diesem unheimlich schönen Gefühl tragen lassen. Aber dann war sie gefallen und hart aufgeschlagen.

Tut mir leid, aber ich denke, es ist besser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen. Ich habe jemand anderen kennengelernt, hatte er ihr vor zehn Tagen per SMS geschrieben.

Nicht mehr sehen? Wie hatte Ben sich das vorgestellt? Schließlich ging er auf die gleiche Schule wie sie, es war unmöglich, sich nicht zu begegnen! Jede Pause war seitdem die Hölle für sie gewesen. Sie konnte es einfach nicht glauben, dass sie nicht mehr zu ihm zu gehen durfte, ihn nicht mehr umarmen konnte, nie wieder seine Lippen auf den ihren spüren würde.

Ben hatte sie in den Pausen angelächelt, als sei nichts zwischen ihnen vorgefallen, aber für sie war jedes Lächeln ein Stich ins Herz gewesen und sie hatte nur noch Schmerz gefühlt.

Ich hätte mit ihm schlafen sollen, dachte Lara. Ich hätte es tun sollen, als er es wollte.

»Irgendwann muss es passieren«, hatte er gesagt.

Aber sie hatte sich bedrängt gefühlt, tief im Inneren gespürt, dass sie noch nicht dafür bereit war.

»Ich möchte noch warten«, hatte sie zu ihm gesagt.

Daraufhin war er gegangen. Wortlos.

Zwei Tage hatte sie ihn nicht gesehen. Er war nicht zur Schule gekommen und ihre Anrufe und Nachrichten waren unbeantwortet geblieben. Am dritten Tag hatte sie die SMS erhalten.

Arschloch.

Wut stieg in ihr auf. Wie konnte er sie nach dieser langen Zeit so behandeln?

»Lara, kommst du jetzt endlich?« Die Stimme ihrer Mutter klang ungeduldig.

Lara wischte sich hastig die Tränen von den Wangen, dann lief sie um den Wagen herum und half ihrer Mutter, den Koffer auszuladen. Der Ausziehgriff klemmte, und erst nachdem sie beide heftig daran gezogen hatten, ließ sich die Verlängerung herausziehen, sodass sie den schweren Koffer hinter sich herziehen konnten.

Während der Regen unablässig auf sie herabfiel, wandte Lara den Kopf und betrachtete die Spuren der Plastikrollen im Kies. Sie lächelte bitter.

Wenigstens so hinterlasse ich Spuren.

»Was hast du?«, fragte ihre Mutter. »Du siehst schon den ganzen Vormittag so traurig aus. Freust du dich denn gar nicht auf Berlin? Ist es wegen Ben?«

Lara blickte in das Gesicht ihrer Mutter und sah die ernsthafte Anteilnahme darin.

»Ja, wegen Ben . . . und dem Wetter . . . und auch wegen Berlin. Vielleicht sollte ich doch hierbleiben und mich die nächsten zwei Wochen in meinem Zimmer verkriechen – oder besser gleich für den ganzen Rest meines Lebens.«

Rachel blieb stehen und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Das, was du gerade erlebst, muss jeder einmal durchmachen. Es gehört dazu.«

»Ich weiß, aber das macht es auch nicht leichter«, sagte Lara.

»Niemand sagt, dass es leicht ist.«

»Aber mir hat auch niemand gesagt, wie beschissen weh es tut, wenn es vorbei ist.«

Normalerweise reagierte ihre Mutter allergisch darauf, wenn sie Wörter wie »beschissen« benutzte, aber dieses Mal schien sie einfach darüber hinwegzuhören.

»Richtig, das erfährt man erst, wenn es zu spät ist. Aber es gibt keine Liebe ohne Schmerz. Je früher du das verstehst, desto erträglicher wird es für dich sein, wenn der Schmerz kommt und dich aufzufressen versucht.«

»Liebst du Papa noch immer?«, fragte Lara leise.

Ihr Vater hatte die Familie kurz nach ihrer Geburt verlassen und sie hatten nie wieder etwas von ihm gehört.

Rachels Augen schienen eine Spur dunkler zu werden. »Ich liebe und ich hasse ihn.«

»Du hast jedes Recht dazu, ihn zu hassen.« Laras Wut auf Ben und ihren Vater machte sich Luft und ihre Stimme klang verbittert.

»Weißt du, ich glaube, wir sollten wirklich nicht mehr darüber sprechen. Wir können es nicht ungeschehen machen und es schmerzt jedes Mal aufs Neue, darüber zu reden.«

»Ich habe es einfach immer noch nicht verstanden.« Lara zögerte. »Vielleicht war es ja doch wegen mir.«

Laras Mutter zog ihre Tochter eng an sich. »Du weißt, so war es nicht. Wir haben oft darüber gesprochen«, flüsterte sie leise. Ihre Stimme klang plötzlich rau.

Lara löste sich aus der Umarmung. Ihre Mutter trat verlegen einen Schritt zurück.

»Was wirst du ohne mich anfangen, wenn ich in Berlin bin?«, versuchte Lara, einen unbefangenen Ton anzuschlagen.

»Na ja, es gibt da diesen neuen Kollegen in der Firma . . . Thorsten Stegemann. Ich habe dir von ihm erzählt. Er ist wirklich nett und er hat schon öfter gefragt, ob wir nicht mal zusammen was unternehmen wollen.«

»Also Mama!«, sagte Lara gespielt vorwurfsvoll, aber innerlich war sie froh darüber, dass ihre Mutter vielleicht endlich jemanden gefunden hatte, mit dem sie eine Beziehung aufbauen konnte. Seit ihr Vater gegangen war, hatten sie allein gelebt.

Ihre Mutter grinste über das ganze Gesicht. »Und wenn es nicht klappt oder ein großer Reinfall wird, dann komme ich zu dir und lasse mich trösten.«

Lara lächelte. Ihre Mutter schaffte es immer wieder, sie aufzuheitern, selbst wenn sie nicht aufgeheitert werden wollte.

»Ich bin erst siebzehn und hab vom Leben noch keine Ahnung«, sagte sie theatralisch und seufzte übertrieben laut.

»Du hast gelernt, was Schmerz ist. Diese Erfahrung ist zwar nicht schön, aber sie macht dich erwachsener.«

Eine Lautsprecherdurchsage kündete das Eintreffen des Verbindungszuges nach Stuttgart an.

»Jetzt aber los«, rief ihre Mutter lachend.

Beide legten die Hände auf den Koffergriff und rannten zum Bahnsteig.

2.

Lara stieg aus dem ICE und blieb benommen stehen. Die fünfeinhalb Stunden, die der Zug für die gesamte Strecke bis nach Berlin gebraucht hatte, waren wahnsinnig schnell vergangen. Sie war so erschöpft gewesen, dass sie schon kurz hinter Stuttgart eingeschlafen war. Kalte Luft schlug ihr nun entgegen und die Menschen rempelten sie an, weil sie mitten auf dem Bahnsteig stehen geblieben war. Doch Lara wollte sich erst einmal umsehen.

Der Berliner Hauptbahnhof war atemberaubend. Die unteren Etagen wirkten wie ein großzügig angelegtes Kaufhaus, wohingegen die oberen Etagen aufgrund der luftigen Stahl- und Glaskonstruktion lichtdurchflutet waren und mehr dem ähnelten, was man sich unter einem Weltraumbahnhof der Zukunft vorstellte. Fast schien es Lara, als hätte sie eine Zeitreise unternommen und die nächste Lautsprecherdurchsage würde den Abflug zum Mars oder zur Venus bekannt geben. Stattdessen sagte eine künstlich wirkende Stimme die Einfahrt eines ICEs aus Hamburg an.

Um sie herum drängten die Menschen vorwärts und Lara ließ sich nun einfach mit dem Strom treiben. Die Luft war erfüllt von unzähligen Sprachen. Menschen aus aller Welt erinnerten in ihrer Vielfalt an einen tropischen Fischschwarm, der mal hierhin, mal dorthin drängte.

Lara lachte kurz auf, als sie daran dachte, wie sie heute Morgen noch auf dem Rottenbacher Bahnhof gestanden hatte. Dann sog sie tief die Luft ein. Es duftete nach Freiheit, nach Abenteuer, nach Leben.

Das war Berlin. Ihre Zeit in Berlin. Und sie begann genau hier und jetzt.

Es hatte aufgehört zu regen, aber noch immer liefen Tropfen die Fensterscheibe des Taxis hinunter. Lara hatte den Bahnhof im Erdgeschoss verlassen und am Europaplatz ein Taxi genommen, so wie es ihre Großeltern ihr gesagt hatten. Der Fahrer, ein schweigsamer junger Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck, hatte nur einmal mit ihr gesprochen, als er das Fahrziel wissen wollte. Lara hatte kein Problem damit, sie hatte sowieso keine Lust auf sinnlosen Smalltalk und schaute stattdessen lieber aus dem Fenster.

Das also war Berlin. Der Ort, an dem sie zur Welt gekommen war. Lara spürte ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Zuletzt war sie vor fünf Jahren hier gewesen, doch die Erinnerungen an die Stadt und auch an die Großeltern waren wie von einem Schleier überdeckt. Lara kniff die Augen zusammen. Vereinzelte Sonnenstrahlen drangen durch die Wolken und ließen Fensterscheiben und Hausfassaden glänzen und funkeln. Die Stadt war grüner als erwartet. Überall säumten Bäume die Straßen, die Blätter waren bereits herbstlich verfärbt.

Als sie die stark befahrene Straße verlassen hatten, wurde der Verkehr immer ruhiger. Schließlich hatten sie die Stadtmitte so weit hinter sich gelassen, dass der Verkehr nur noch träge dahinfloss. Niedrigere Häuser lösten die mehrstöckigen Gebäude ab, die wiederum Villen aus dem neunzehnten Jahrhundert Platz machten. Die Gegend, durch die sie nun fuhren, wirkte wohlhabend, aber nicht protzig. Hier lebten zweifelsohne Menschen der oberen Gesellschaftsschicht. Alles war sauber und ordentlich, die Häuser waren aufwendig renoviert und die Gärten groß und gepflegt. In vielen Einfahrten parkten teure Autos. Fußgänger waren kaum zu sehen und Lara konnte auch keine spielenden Kinder in den Gärten oder auf den Straßen entdecken.

Als das Taxi vor dem Haus ihrer Großeltern hielt, hatten sich die Regenwolken verzogen und das letzte Licht des Tages spiegelte sich in den Pfützen. Lara stieg aus dem Fahrzeug und spürte, dass sie ein wenig nervös war. Der Taxifahrer lud ihren Trolley aus, nahm das Fahrgeld und ein kleines Trinkgeld entgegen, bevor er wieder einstieg und davonbrauste.

Der Wind zauste an Laras Haar, als sie das mit schwarzen Schieferschindeln gedeckte Haus betrachtete. Sie war schon einmal hier gewesen, im Alter von zwölf Jahren, aber im Sommer hatte das Anwesen ihrer Großeltern weniger düster gewirkt. Auf den Schindeln glänzte feucht der Regen und verlieh dem Ganzen etwas Unwirkliches. Das würde nun also für die nächsten Tage ihr Zuhause sein. Lara hatte sich auf die Zeit in Berlin gefreut. Doch nun, als sie vor dem Haus ihrer Großeltern stand, machte sich ein merkwürdiges Gefühl in ihr breit. Entschlossen schüttelte Lara es ab. Sie war hier, um sich in das Leben der Großstadt zu stürzen. Sie wollte Spaß haben und all die schrecklichen Tage, die hinter ihr lagen, einfach nur vergessen.

Verwelktes Laub raschelte unter ihren Füßen, als Lara die mit Kies bestreute Einfahrt zur Vorderseite des Hauses hinaufging. Die Räder des Trolleys blieben immer wieder stecken und es kostete sie ziemlich viel Kraft, den Koffer hinter sich herzuziehen. Schließlich erreichte sie schnaufend die kleine Treppe.

Gerade in dem Augenblick, als sie die abgetretenen Steinstufen in Angriff nehmen wollte, flog die Haustür auf und ihre Großeltern traten heraus.

Martha kam die Stufen herab, während ihr Mann im Türrahmen stehen blieb. Als sie vor Lara stand, schien sie einen Moment zu zögern, doch dann breitete sie ihre Arme aus und umarmte ihre Enkeltochter zur Begrüßung.

»Wir freuen uns so, dass du gekommen bist, Lara.« Die Augen ihrer Großmutter strahlten, als sich Lara befreite und sie neugierig betrachtete. Sie hatten sich seit ihrem letzten Besuch nicht mehr gesehen, aber die alte Dame schien keinen Tag älter geworden zu sein.

Das graue Haar war nun fast weiß geworden, aber noch immer war es dicht und zu einer modischen Kurzhaarfrisur geschnitten. Nur wenige Falten um die Augen herum verrieten ihr Alter. Die straffen Wangen mit ihrer gesunden Farbe konnten es immer noch mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau aufnehmen. Einzig die dünnen Finger, mit denen sie Lara über das Haar strich, waren knochiger als in Laras Erinnerung, aber sie wirkten gepflegt und waren in einem blassen Rot lackiert worden.

»Nun lass mich doch auch mal das Mädchen begrüßen«, brummte ihr Großvater, der die Stufen herabgekommen war, um Lara ebenfalls zu umarmen. Maximilian Hermsdorf war ein großer Mann, der seine Enkeltochter um Haupteslänge überragte. Obwohl er nun schon vierundachtzig Jahre alt war, hielt er sich noch immer aufrecht – und er trug noch immer seine weißen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Laras Großvater war ein Unikum. Mit seinen ausgeblichenen Jeans und dem karierten Baumwollhemd wirkte er wie ein alternder Holzfäller und keinesfalls wie ein hoch angesehener Professor für Geschichte und Okkultismus.

Seine weißen Augenbrauen zogen sich missbilligend nach oben, als er Lara auf Armeslänge entfernt hielt und ihr in die Augen sah. »Das Kind ist zu dünn«, meinte er lapidar. »Aber daran werden wir etwas ändern. Deine Großmutter hat einen Apfelstrudel gebacken und dazu gibt es warme Vanillesoße.«

In diesem Moment nahm Lara den herrlichen Geruch wahr, der aus dem Haus drang. Außer einem Sandwich, das ihr ihre Mutter am Bahnhof noch in die Hand gedrückt hatte, hatte sie nichts mehr gegessen und nun merkte sie, dass sie wirklich hungrig war – das erste Mal, seit Bens SMS . . .

Martha griff nach Laras Hand und zog sie mit sich. »Komm rein, Lara, und fühl dich wie zu Hause. Max, du nimmst den Koffer.«

Aber der ist ganz schön schwer, wollte Lara erwidern, doch dann sah sie, wie ihr Großvater sich mit erstaunlicher Kraft den Trolley schnappte und ihn ins Haus trug.

3.

Sie gingen in die Küche. In der Mitte des Raumes stand ein schlichter Holztisch, um den sich vier Stühle gruppierten. Ein altertümlicher Herd mit eingebautem Backofen teilte sich eine Seite der Wand mit der Spüle. Darüber hingen Schränke, in denen Teller, Tassen und Gläser untergebracht waren. Eine rustikale Küchenvitrine stand neben dem großen Fenster, das auf den Hof hinausging. Alles wirkte etwas abgenutzt, strömte aber den Geruch von Pflege und Sauberkeit aus. Der Duft eines ganzen Lebens lag in diesem Raum.

So ganz wollte das Gefühl, das Lara in diesen Räumen empfand, nicht mit dem Bild zusammenpassen, das sie sich von Berlin gemacht hatte. Doch dann ermahnte sie sich selbst. Sie war gerade erst angekommen und sollte nicht vorschnell urteilen, sondern den Dingen eine Chance geben.

Martha nahm ihrer Enkelin die Jacke ab und drängte sie auf einen Stuhl. In der Küche war es sehr warm. Lara wickelte ihren Schal ab und hängte ihn über die Lehne. Ihr Großvater hatte ihr gegenüber Platz genommen. Seine Augen funkelten sie freudig an.

»Na, was gibt es Neues in Rottenbach?«, fragte ihre Großmutter, während sie den Apfelstrudel aus dem Backofen zog.

»Nicht viel«, antwortete Lara.

»Wie läuft es in der Schule?«

»Geht so.«

Martha zog eine Augenbraue hoch und Lara fügte schnell hinzu: »Eigentlich läuft es ganz gut. Das Abitur sollte kein Problem sein.«

»Und wie geht es deiner Mutter?«

»Gut.«

Obwohl es die wahrscheinlich normalste Frage der Welt war, schwang ein seltsamer Unterton mit. Ihre Mutter und ihre Großeltern sprachen schon seit Jahren kaum miteinander. Bis auf wenige Telefonate im Jahr herrschte Stille an der Familienfront. Lara selbst rief wenigstens ab und zu in Berlin an. Wenn sie schon nicht in ihrer Nähe lebten, wollte sie wenigstens den Kontakt zu ihren Großeltern aufrechterhalten.

Ihre Großmutter liebte es, mit ihrer Enkelin am Telefon zu schwatzen, und ihr Großvater überraschte sie immer wieder mit Geschichten, die sich angeblich in der Umgebung abgespielt hatten. Lara hatte den Verdacht, dass er sich manches ausdachte, um sie zu unterhalten, denn auf der Fahrt hierher hatte es nicht gerade nach einer aufregenden Wohngegend ausgesehen.

Sie wollte gerade ihren Großvater danach fragen, ob er sie all die Jahre angeschwindelt hatte, als Martha einen dampfenden Teller vor ihr abstellte und ihr Besteck in die Hand drückte.

Es duftete herrlich und hungrig machte sich Lara über das Essen her. Es schmeckte fantastisch. Zwischen zwei Bissen fragte sie: »Und ihr? Esst ihr nichts?«

Ihr Großvater schüttelte den Kopf. »Da wir nicht genau wussten, wann du kommst, haben wir schon zu Abend gegessen.«

»Ein Stück Apfelstrudel passt immer rein«, grinste Lara. »Besonders wenn er von Oma ist.«

»Da hast du recht«, lachte der Professor. »Martha, gib mir einen Teller. Und bitte viel Vanillesoße.«

Kurz darauf aß auch er genüsslich und sogar ihre Großmutter nahm sich ein Stück und setzte sich zu ihnen an den Küchentisch.

Eine Weile aßen sie schweigend, dann sagte Martha vorsichtig: »Deine Mutter hat uns von Ben erzählt.«

Lara blickte auf. Sie sah die Anteilnahme in den Augen ihrer Großmutter. »Dazu gibt es nichts zu sagen.« Es klang härter als beabsichtigt.

Ihr Großvater schaute von seinem Teller auf. Sein Blick war eindringlich. »Das mag sein, aber falls du darüber reden willst – du weißt, wir können zuhören.«

»Ja, das weiß ich«, gab Lara zu. Trotzdem wollte sie das Thema unbedingt vermeiden.

»Was hast du in Berlin vor? Schon irgendwelche Pläne gemacht?«, wollte Martha wissen und wechselte geschickt das Thema.

Lara schüttelte erleichtert den Kopf. »Ich hab keine Ahnung«, gab sie zu und schob sich das letzte Stück Apfelstrudel in den Mund. »Auf jeden Fall will ich ein bisschen durch die Stadt ziehen. Vielleicht lerne ich ja ein paar coole Leute kennen.«

»Na, das klingt doch gut. Möchtest du noch ein Stück Apfelstrudel?«

Lara verneinte. »Ich bin ziemlich müde. Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich jetzt gern nach oben gehen. Schließlich habe ich Ferien und ich bin heute viel zu früh aufgestanden!«

Martha lächelte und stand auf. »Lass alles stehen«, sagte sie, als Lara Teller und Besteck wegräumen wollte. »Komm, ich zeig dir dein Zimmer.«

Nachdem Lara ihrem Opa eine gute Nacht gewünscht hatte, stieg sie hinter ihrer Großmutter die Treppe hinauf.

Und jeder Schritt war ein Schritt in die Vergangenheit. Die Erinnerung an ihren bisher einzigen Besuch stieg in ihr auf und mit ihr kam ein Gefühl von Geborgenheit. Es war bestimmt die richtige Entscheidung gewesen, nach Berlin zu kommen, um Ben zu vergessen.

Vielleicht würde es bald weniger wehtun, an ihn zu denken. Lara wollte die Zeit in Berlin genießen. Sie war im Haus ihrer Großeltern, die sie so lange nicht gesehen hatte und nun endlich näher kennenlernen würde.

Und dann war da noch Berlin.

Eine ganze Stadt, die nur darauf wartete, entdeckt zu werden.

Das Zimmer war klein, ohne beengt zu wirken. Ein einfacher Kleiderschrank, ein bequemes Bett, ein Nachttisch aus Kiefernholz mit passender Lampe, ein flauschiger Teppich, der frühmorgens die kalten Füße wärmte, mehr gab es darin nicht. Trotzdem fühlte sich Lara sofort wohl in dem Raum.

Über dem Bett hing ein farbenfrohes Ölgemälde, das eine Landschaft im Frühling zeigte. Goldene Sonnenstrahlen fielen auf blühende Wiesen. Bäume wiegten sich im Wind. Eigentlich ein kitschiges Bild. Aber so voller Leben. Lara betrachtete es eingehend und erinnerte sich daran, wie sie als Kind davor gestanden und davon geträumt hatte, diesen Ort zu finden. Das Bild stammte von einem unbekannten polnischen Maler und der Himmel mochte wissen, wo es gemalt worden war.

Lächelnd schaute ihre Großmutter sie an. »Ich erinnere mich, als du das letzte Mal hier warst und uns besucht hast, musste ich dir Farbe und Papier besorgen, weil du es abmalen wolltest.«

Nun musste auch Lara lächeln. »Manche dieser Versuche habe ich heute noch.«

»Es waren schöne Bilder. Und du hast immer voller Hingabe gemalt.«

»Schon eine Weile her«, murmelte Lara.

»Malst du noch?«

»Nein.«

Martha fragte nicht nach. »Wenn du willst, kannst du das Gemälde mit nach Hause nehmen. Hier oben verstaubt es nur und es ist ein Bild, das angesehen werden will.«

»Du würdest es mir schenken?«, fragte Lara erstaunt.

»Ja«, sagte ihre Großmutter ernst. »Eigentlich war es schon immer dein Bild. Seit du das erste Mal davor gestanden bist und es mit staunenden Augen betrachtet hast. Es hing bisher nur am falschen Ort.«

Lara umarmte ihre Großmutter. »Danke, Oma.«

»Ich lasse dich jetzt allein, damit du auspacken und dich hinlegen kannst.«

»Gute Nacht, Oma.«

»Gute Nacht, Lara.«

Als ihre Großmutter das Zimmer verlassen hatte, warf sich Lara aufs Bett. Sie war ziemlich müde von der Reise, aber als sie kurz die Augen schloss, sah sie sofort Bens Gesicht vor sich. Wütend riss sie die Augen wieder auf, sprang auf die Beine und begann, ihren Koffer auszupacken.

Sie war in Berlin. Sie wollte nicht mehr an zu Hause denken. An Rottenbach. An Ben. Das alles war nun weit weg und sie würde ein paar coole Tage hier verbringen! Und die würde sie sich bestimmt nicht von diesem Idioten vermiesen lassen!

Ganz anders als in Rottenbach gab es hier tausend Dinge, die man tun konnte. Lara trat ans Fenster und schob die Gardine beiseite. Der Himmel, der nun wieder wolkenverhangen war, reflektierte die Lichter der Stadt. Lara kam es vor, als hätte jemand eine riesige orangefarbene Glocke über Berlin gestülpt. Die Vorfreude auf die Großstadt mit all ihren Möglichkeiten hinterließ ein kribbelndes Gefühl in ihrem Magen. Vielleicht würde sie ja tatsächlich ein paar Leute in ihrem Alter kennenlernen; nette Leute, die ihr zeigen konnten, was Berlin fernab der Touri-Ziele wirklich zu bieten hatte.

Ja, sie würde sich ins Großstadtleben stürzen und alle Jungs dieser Welt konnten ihr gestohlen bleiben!

Lara drehte sich vom Fenster weg, legte den letzten Pulli in den Schrank, dann verstaute sie den Koffer und ließ sich zufrieden aufs Bett fallen. Schließlich zog sie ihr Handy aus der Hosentasche. Sie wollte ihrer Mutter noch eine SMS schicken, dass sie gut angekommen war.

Und sie hatte nun das Gefühl, angekommen zu sein.

Berlin!

4.

Zwei Tage später

Lara schlang den Schal enger um den Hals und stellte den Kragen ihrer Jacke hoch. Der Herbstwind fegte erbarmungslos durch die Straßen und trug einen Geruch nach feuchtem Laub mit sich. Obwohl es noch einigermaßen hell war, beleuchteten bereits die Lampen der Straßenlaternen ihren Weg zum nahe gelegenen Park.

Lara mochte diese Oase fernab der großen Straßen; sie hatte die Grünfläche gleich am ersten Morgen entdeckt, als sie zum Bäcker gelaufen war. Und nach einem langen Tag in der quirligen, lauten Stadt hatte sie gestern Abend die Ruhe genossen, die einen umfing, sobald man den Park betrat. Auch heute war Lara mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus der Innenstadt zurückgekommen und nun sehnte sie sich nach ein bisschen Stille und Einsamkeit.

Die letzten beiden Tage war sie durch Berlin gelaufen, hatte sich treiben lassen von den Menschenmengen, die die Stadt bevölkerten. Sie hatte das Brandenburger Tor besucht und eine Currywurst auf dem Alexanderplatz gegessen. Sie hatte die letzten warmen Strahlen der Spätsommersonne genossen und sich mit einem Coffee-to-go an das Ufer der Spree gesetzt, wo ein paar Jugendliche Musik gemacht hatten.

Berlin war anders als alles, was sie kannte. Es war so groß, dass man verloren ging, wenn man keinen Stadtplan benutzte. Die Menschen waren nett, mit offenen Gesichtern und beantworteten freundlich ihre Fragen, wenn man sie nach bestimmten Orten oder nach einer Richtung fragte.

Sie fand die Metropole aufregend und genoss es, anonym zwischen den Menschen dahinzutreiben, aber nach einem Tag in der Stadt freute sich Lara darauf, noch ein bisschen durch den kleinen Park zu schlendern. So konnte sie wieder runterkommen und ihre Gedanken ordnen.

Lara hatte das Haus ihrer Großeltern schon ein ganzes Stück hinter sich gelassen und bog nun in eine schmale Gasse ein, die direkt auf den Park zuführte. Außer ihr waren kaum Leute unterwegs. Ein Jogger kam ihr entgegen, er hatte seine Fleecemütze weit über die Ohren gezogen. Eine Windböe fuhr durch die Bäume und wirbelte braune Blätter durch die immer kälter werdende Abendluft. Als Lara das Ende der Gasse erreicht hatte, überquerte sie einen Zebrastreifen und betrat den Park.

Es war nicht wirklich dunkel hier, aber die Schatten drängten von allen Seiten an den schmalen Kiesweg. Lediglich einige in großen Abständen verteilte Laternen schufen hell erleuchtete Passagen.

In den Büschen und Bäumen raschelten Tiere, wahrscheinlich Vögel, die einen Schlafplatz für die Nacht suchten. Über allem lag der Geruch feuchten Laubes und der Geruch nach Vergänglichkeit. Die Blüten der meisten Blumen waren längst verwelkt, sie strömten einen süßlichen Duft aus, der vom Sommer erzählte und vom nahenden Winter kündete.

Unwillkürlich musste Lara an zu Hause denken – und an Ben. Während sie in der Stadt von all den neuen Eindrücken förmlich überschwemmt worden war, gab es hier nichts, das ihre Gedanken abgelenkt hätte. Ihre Füße folgten dem bekannten Weg von allein. Sie hielt den Kopf gesenkt und so bemerkte sie den Jungen erst, als sie mit ihm zusammenstieß.

Kurz taumelte sie, dann fand sie das Gleichgewicht wieder und trat unbewusst einen Schritt zurück.

»Entschuldigung. Ich war . . .«

Lara schaute auf. Dunkle Augen blickten sie durchdringend an. Etwas Lauerndes lag in diesem Blick. Der Junge mochte in ihrem Alter sein. Wirres schwarzes Haar lugte unter der Kapuze seiner Jacke hervor. Seine Haut war glatt, fast als hätte sie jemand zu fest über die Wangenknochen gespannt. Schweigend starrte er sie an.

»Es tut mir leid«, stammelte Lara und wollte sich abwenden.

Eine Hand streckte sich nach ihr aus, packte sie am Ärmel ihrer Jacke.

»Du gehst nirgendwohin«, sagte er leise.

Angst durchströmte Laras Körper. Sie wollte protestieren, ihn auffordern, sie sofort loszulassen, aber nur ein stummes Krächzen verließ ihre Lippen.

Der Junge grinste wölfisch.

Hinter ihm erschien ein weiterer Schatten.

Er war nicht allein.

»Was soll das?«, stieß Lara hervor und versuchte, sich aus dem Griff des Jungen zu befreien. »Lass mich . . .«

Der Schlag kam unerwartet. Hart und schmerzvoll. Die Ohrfeige warf sie zu Boden.

»Halt’s Maul, Schlampe!« Seine Stimme keuchte vor Erregung.

Lara versuchte, sich aufzurappeln, aber da war er auch schon über ihr. Im nächsten Moment saß er rittlings auf ihr und sein Gewicht drückte ihren Körper in den nassen Kies. Mit fliegenden Händen riss er ihre Jacke auf, so als öffne er einen Vorhang.

»Ich . . . bitte . . .« Lara wollte schreien, wollte nach Hilfe rufen, doch in diesem Moment legten sich Finger über ihren Mund, raubten ihr den Atem. Der Junge beugte sich zu ihr hinab, flüsterte in ihr Ohr: »Kein Wort mehr. Du wirst tun, was ich dir sage, oder ich mach dich alle. Hast du das verstanden?«

Lara nickte heftig. Ihre Augen waren aufgerissen und sie sah in seinem Blick, dass er es ernst meinte. Die Hand löste sich von ihren Lippen, dann wurde ihr Pullover hochgeschoben. Laras Herz begann zu rasen, das Blut rauschte in ihren Ohren.

»Geil!«, meinte der zweite Junge, der ins Licht der Laterne trat.

Lara wandte ihm den Kopf zu. Er war nicht viel älter als der Junge, mit dem sie zusammengeprallt war. Blondes, strähniges Haar fiel ihm in die Stirn. Sein Gesicht hatte etwas Feminines, aber seine Augen glänzten voller Gier.

»Was hast du mit ihr vor?«, fragte er.

Sein Kumpel lachte und Lara gefror das Blut in den Adern, als sie seine gelblich verfärbten Zähne aufblitzen sah. Er packte Laras BH mit einer Faust und riss ihn mit einem Ruck von ihrem Körper. Der kalte Luftzug ließ Lara schaudern, gleichzeitig rann ihr der Schweiß zwischen den nackten Brüsten hinab. Lara lag wie erstarrt auf dem nassfeuchten Boden. »Bitte . . .«, wimmerte sie.

Ein weiterer Schlag traf ihr Gesicht. Ihr Kopf wurde heftig zur Seite geschleudert. Lara spürte einen brennenden Schmerz auf ihrer Wange, dann hatte sie den metallischen Geschmack von Blut auf ihrer Zunge. Als der Typ sich an ihrer Hose zu schaffen machte, bäumte sich Laras ganzer Körper in verzweifelter Wut auf und sie stieß einen schrillen Schrei aus.

Plötzlich erklang ein ersticktes Geräusch und der zweite Junge sackte auf die Knie. Sein verblüffter Blick ging in die Nacht hinaus. Seine Hände griffen nach seinem Nacken, so als suchten sie etwas, dann kippte er stumm vornüber.

Laras Angreifer wirbelte herum. Mit einem Satz war er auf den Füßen. Vor ihm stand ein junger Mann. Ganz in schwarz gekleidet, wirkte er wie ein Schemen in der Dunkelheit. Er hatte den langen Ledermantel zurückgeschoben und die Hände fast lässig in die Taschen seiner Jeans gesteckt. Ein sanftes Lächeln lag auf dem schmalen Gesicht. Er sprach kein Wort, sah den anderen nur neugierig an, der irritiert auf seinen bewusstlosen Kumpel starrte.

»Das war ein Fehler«, keuchte Laras Angreifer aufgebracht.

»Ach ja?« Der junge Mann machte einen Schritt auf ihn zu.

»Wir wollten sie nur ein wenig erschrecken.«

»So sah es aber nicht aus.« Seine Stimme war so sanft wie sein Lächeln.

»Man mischt sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein.«

»Tut man das nicht?«

»Nein.« Der Junge grinste bösartig. Plötzlich blitzte eine Messerklinge auf. »Man lässt es bleiben.«

Der Satz war noch nicht zu Ende gesprochen, als sich der Angreifer nach vorn warf. Das Messer zuckte nach dem Fremden, aber der drehte sich wie ein Tänzer zur Seite. Der Stich ging ins Leere. Dann standen sich beide wieder gegenüber. Lauernd.

»Das war wohl nichts. Vielleicht solltest du noch ein wenig üben.«

Der Messerstecher schwieg. Den Oberkörper vorgebeugt, umkreiste er seinen Gegner. Die Hand mit der Waffe pendelte fast magisch durch die Luft.

»Du willst es noch einmal versuchen?«, fragte der junge Mann gelassen. Er streckte die Hand einladend aus. »Komm.«

Lara beobachtete den Kampf wie durch einen Schleier. Der Schock des Überfalls hatte ihren Körper geschwächt. Ihre Beine zitterten unkontrolliert. Sie versuchte, sich aufzurichten, sackte aber gleich wieder zu Boden.

Ich muss hier weg.

Sie versuchte davonzukriechen. Winzige Kieselsteine bohrten sich in ihre Handflächen und sie zuckte zurück. Als sie den Kopf hob, schien ihr Herz einen Schlag auszusetzen.

Der zweite Junge, von dem sie geglaubt hatte, er wäre ohnmächtig, stand leise hinter dem Rücken des fremden Mannes auf. Sein Freund hatte ihn bereits entdeckt. Lara erkannte, dass sein Spiel mit dem Messer den Gegner ablenken sollte, bis der andere herangeschlichen war.

Sie stieß einen Schrei aus. Der Kopf des Mannes ruckte zu ihr herum – und das war ein Fehler. Vielleicht hätte er den hinterhältigen Angriff noch rechtzeitig bemerkt, aber so wurde seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt und er sah den Schlag nicht, der auf seinen Hinterkopf krachte.

Betäubt versuchte er, sich der neuen Gefahr zu stellen, aber da traf ihn die Faust des Messerstechers mitten ins Gesicht. Ein Blutschwall schoss aus der schmalen Nase hervor, bespritzte sein Hemd und den Mantel, aber noch stand er aufrecht. Fast in Zeitlupe hob er schützend den rechten Arm. Nun prasselten derbe Faustschläge auf ihn ein und er stürzte zu Boden. Die Angreifer traten ihm in die Rippen, fluchten und bespuckten ihn, aber dann hielten sie plötzlich inne und lauschten in die Dunkelheit.

»Da kommt jemand«, sagte der eine.

»Ja, lass uns abhauen«, antwortete der andere.

Kurz darauf waren sie verschwunden. Lara sah und hörte niemanden, aber sie war dankbar dafür, dass die beiden Angreifer nicht weiter auf den jungen Mann einprügelten, der versucht hatte, sie zu retten.

Sie ließ sich auf die Hände sinken und kroch ungeachtet der Schmerzen zu ihm hinüber. Er lag mitten auf dem Weg. Das schwarze lange Haar klebte auf dem blutverschmierten Gesicht. Seine Unterlippe war geplatzt und Blut sickerte daraus hervor. Ein dünnes Rinnsal lief aus seiner Nase über das Kinn den Hals hinunter. Aber er atmete und war bei Bewusstsein. Als Lara vorsichtig sein Gesicht in beide Hände nahm, versuchte er ein Lächeln.

»Fast hätten sie mich erwischt«, stöhnte er. Er grinste schmerzverzerrt und streckte eine Hand aus.

»Hilf mir auf die Beine.«

»Vielleicht solltest du . . .«

»Hilf mir.«

Lara stand mühsam auf, ergriff seine Hand und zog ihn hoch, dann standen sie sich schweigend gegenüber.

»Danke«, sagte sie leise.

Er strich sich eine Haarsträhne aus den Augen und befühlte seine aufgeplatzte Lippe und die Zähne.

»Scheinen noch alle da zu sein.«

»Wir sollten einen Arzt und die Polizei rufen.«

»Wozu?«

»Du bist verletzt.«

Er lächelte auf eine eigentümliche Art. »Warmes Wasser und ein bisschen Jod reichen aus. Ich habe keine Lust, die ganze Nacht im Krankenhaus oder auf einem Polizeirevier zu verbringen.«

»Wie geht es dir?«, fragte Lara.

Er lachte laut auf und presste dabei die Hände auf die Rippen. »Blendend.« Sein Blick drang in ihre Augen. »Und du? Wie geht es dir? Bist du verletzt?«

Lara blickte an sich herab. Ihr Pullover war über dem Bauch etwas ausgeleiert und der oberste Knopf ihrer Jeans war verschwunden, weshalb die Hose ein Stück aufklaffte. Hastig zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Auf dem Boden lag ihr zerfetzter BH. Mit zitternden Händen hob sie ihn auf und stopfte ihn schnell in ihre Jackentasche.

»Ich denke . . . mir ist nichts passiert . . .«

Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Einen Moment lang sah der junge Mann sie stumm an, dann nahm er sie in die Arme.

»Wo wohnst du?«, fragte er leise. »Ich bringe dich nach Hause.«

5.

Dort«, sagte Lara und deutete auf den schwarzen Schatten des Hauses, das sich wie ein Scherenschnitt vor dem Nachthimmel abhob. »Am Ende des Weges. Das ist es. Das Haus meiner Großeltern.«

Ihr Schritt war nun fester, das Zittern hatte sich gelegt, aber Lara fühlte sich unheimlich müde und erschöpft.

Der fremde junge Mann ging schweigend neben ihr. Den ganzen Weg vom Park bis hierher hatte er kaum gesprochen. Nur hin und wieder gefragt, ob es ihr gut gehe. Lara spürte seine Kraft durch den Stoff der Jacke hindurch, als seine Hand sich um ihren Oberarm legte, um sie zu stützen, als sie die Straße überquerten.

Sie benötigte seine Hilfe nicht, denn längst fühlte sie sich nicht mehr schwach, aber sein Griff vermittelte ihr das angenehme Gefühl, beschützt zu werden. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Sie blieb unvermittelt stehen und sah ihn an. Seine Augen leuchteten im Licht der Straßenlaterne, als er sich umwandte und ihr in die Augen blickte.

»Ist was?«, fragte er. Seine Stimme war warm und mitfühlend.

»Ja«, lächelte Lara schüchtern. »Ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt.«

Ein jungenhaftes Grinsen zog über sein Gesicht. Er schob sich eine Strähne aus der Stirn. »Ich bin ganz schön unhöflich.« Dann wurde er ernst und streckte ihr die Hand entgegen. »Damian. Mein Name ist Damian Antas.«

Lara ergriff seine Hand und erschauerte, als ein Kribbeln ihren Arm hinauflief.

»Lara.«

Wieder tauchte dieses schiefe Grinsen auf. »Und weiter?«

»Winter.«

»Ein schöner Name. Schöner Klang.« Dann wiederholte er ihn, flüsterte ihn. »Lara Winter.«

»Danke, dass du mir geholfen hast«, sagte Lara.

»Nicht der Rede wert.«

»Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn du nicht eingegriffen hättest.«

Er sagte nichts, fasste nur wieder nach ihrer Hand und hielt sie fest.

Lara fühlte sich geborgen in seiner Nähe. Das schmale Gesicht strahlte Ruhe und Kraft aus. Der Wind spielte mit seinen schwarzen Haaren und in Lara stieg das Gefühl auf, ihn schon einmal gesehen zu haben. Aber das war natürlich Unsinn.

»Lass uns weitergehen«, sagte Lara. »Ich bin okay.«

Er nickte und lief los.

Ihre Hand hielt er fest in seiner.

Die Haustür flog schon nach dem ersten Läuten auf, so als hätten ihre Großeltern direkt hinter der Tür gewartet. Die beiden alten Leute waren entgegen Laras Vermutung noch nicht im Bett gewesen.

Marthas weiße Haare sahen aus wie frisch frisiert und ihr Großvater trug Stiefel statt der um diese Zeit üblichen Pantoffeln. Fast schien es, als hätten ihre Großeltern auf sie gewartet.

»Oh mein Gott«, rief ihre Großmutter. »Lara, was ist passiert?«

Bevor Lara überhaupt etwas sagen konnte, hatte Martha sie auch schon am Arm gefasst und in den Flur gezogen. »Was ist geschehen? Hattest du einen Unfall? Bist du gestürzt?«

Ihr Großvater trat einen Schritt näher. »Martha, lass das Mädchen doch erst mal Luft holen. Dann wird sie uns schon sagen, was passiert ist.«

Nachdem alle in die Küche gegangen waren und auf den Stühlen Platz genommen hatten, blickte Lara in die angespannten Gesichter ihrer Großeltern. In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie unglaubliches Glück gehabt hatte und ihr eigentlich nichts passiert war. Sie entschied sich, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, ohne ihre Großeltern unnötig aufzuregen. »Zwei Jungs in meinem Alter haben mich im Park angerempelt und wurden aggressiv.« Laras Stimme zitterte, sie räusperte sich, bat ihre Großmutter um ein Glas Wasser und erzählte dann weiter. »Einer von den beiden hat mir eine Ohrfeige verpasst, da bin ich hingefallen. Damian kam hinzu und hat sich eingemischt, da haben sie auf ihn eingeprügelt, aber als sie hörten, dass jemand kommt, sind sie abgehauen.«

Sie verschwieg, dass einer der beiden ihr den BH heruntergerissen und versucht hatte, sie auszuziehen. Für Details war auch später noch Zeit, im Moment fühlte sie sich müde und erschöpft und konnte kaum noch die Augen offen halten.

»Oh mein Gott«, sagte ihre Großmutter. »Hast du Schmerzen? Tut dir etwas weh?«

»Nein, ich fühle mich nur etwas schwach, aber es geht bestimmt gleich wieder besser«, meinte Lara zögerlich.

»Wir müssen die Polizei verständigen«, sagte Max ruhig.

»Können wir das nicht morgen machen, Opa?«

»Wir werden einen Arzt rufen«, bestimmte Martha.

»Nein, das ist nicht nötig«, erklärte Lara. »Ich würde mich nur gern ein wenig hinlegen.« Doch als sie aufstand, wurde ihr schwindelig. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht.

»Du siehst aus wie ein Gespenst«, sagte ihre Großmutter besorgt. »Ich bringe dich jetzt ins Bett und keine Widerrede.« Sie nahm Laras Arm und führte sie aus der Küche und die Treppe hinauf.

Lara konnte hören, dass Damian und Max ebenfalls aufgestanden waren. Auf dem Absatz drehte sie sich noch einmal um. Sie wollte sich von Damian, der nun im Flur stand, verabschieden, aber er hatte ihr den Rücken zugewandt. Das Letzte, was Lara an diesem Tag sah, war der merkwürdige Blick, den ihr Großvater Damian zuwarf. Fast schien es, als tauschten die beiden eine stumme Botschaft aus.

6.

Als Lara erwachte, schien es ihr, als tauche sie aus einem tiefen dunklen See zur Oberfläche auf. Die Sonne schien hell ins Zimmer und kündete von einem warmen Herbsttag.

Sie hatte nicht geträumt oder erinnerte sich zumindest nicht daran, trotzdem fühlte sie sich wie erschlagen. Ihr Blick fiel auf den Digitalwecker. Elf Uhr vierunddreißig – sie hatte fast den ganzen Vormittag verschlafen!

Als sie aufstand, spürte Lara, wie ihre Beine zitterten. Und mit dem Zittern kehrte die Erinnerung zurück. Galle stieg in ihrem Mund auf. Auf nackten Füßen lief Lara ins Bad und spülte ihren Mund mit kaltem, frischem Wasser aus. Als sie einen Blick in den Spiegel warf, zuckte Lara zusammen. Das konnte unmöglich sie sein!

Das bleiche Gesicht eines Gespenstes schien ihr entgegenzublicken. Die Haare fielen ihr strähnig auf die Schultern, ihre Augen lagen tief in den Höhlen, die Farbe ihrer Iris wirkte stumpf und erinnerte an verschmutzte Glaskugeln. Sie fasste mit beiden Händen nach ihren Wangen, schob sie hoch und runter, aber trotzdem sah es aus, als wäre das Fleisch von ihnen abgefallen.

Ich sehe schlimm aus. Dann verbesserte sie sich in Gedanken. Nein, ich sehe furchtbar aus. Wie der leibhaftige Tod.

Sie stellte erneut das Wasser an, hielt die gewölbten Handflächen darunter und klatschte sich das kühle Nass ins Gesicht.

Besser.

Etwas Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück. Erst jetzt bemerkte sie die rote Schramme an ihrem Hals. Sie begann unterhalb des linken Ohrläppchens und zog sich bis zum Schlüsselbein. Als sie die Linie mit dem Finger nachfuhr, spürte sie keinen Schmerz.

Laura griff nach ihrer Zahnbürste und schrubbte, bis ihr Zahnfleisch brannte. Als sie den Mund ausspülte, hörte sie ihre Großmutter von unten rufen.

»Lara, bist du wach?« Dann eine kleine Pause. »Kommst du zum Frühstück? Ich habe Rührei und frischen Toast gemacht. Komm, bevor alles kalt wird.«

Ihr war überhaupt nicht nach Essen zumute, dennoch rief sie zurück, dass sie gleich runterkäme.

Lara griff nach einem breiten Kamm und begann, die Knoten aus ihren Haaren zu ziehen. Anschließend trug sie noch rasch etwas Rouge auf, schlüpfte in ihre Jeans, streifte ein weißes T-Shirt über und ging barfuß in die Küche hinunter.

Der Duft des Essens drang Lara in die Nase und zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie doch Appetit hatte.

»Guten Morgen, Oma«, sagte Lara und zog einen Stuhl heran.

Ihre Großmutter wirkte ruhig und gefasst, aber in ihren Augen lag ein besorgter Ausdruck. Offensichtlich hatten Laras Verschönerungsversuche doch nicht so viel bewirkt.

Martha trat schweigend näher, bückte sich und umarmte ihre Enkelin. »Alles wird wieder gut«, flüsterte sie immer wieder leise in Laras Ohr und streichelte ihr dabei tröstend über den Rücken.

»Oma, ich . . .«

»Jetzt iss erst mal und dann reden wir in aller Ruhe darüber, was passiert ist.«

Lara trank den letzten Schluck Kaffee und wischte mit einer Ecke des Toastbrots das restliche Ei auf. Mit dem Frühstück im Magen fühlte sie sich wesentlich besser und auch das Schwächegefühl war verschwunden.

Sie atmete tief ein und sagte: »Oma, ich habe dir gestern nicht alles erzählt . . . nicht die ganze Wahrheit.«

Ihre Großmutter hob fragend eine Augenbraue. »Und was hast du ausgespart?«

»Ich war diejenige, die versehentlich gegen einen der beiden gestoßen ist, nicht umgekehrt. Aber obwohl ich mich entschuldigt habe, sind sie aggressiv geworden. Derjenige, den ich angerempelt habe, hat mich geschlagen und beschimpft. Als ich zu Boden stürzte, hat er sich auf mich geworfen und versucht, mir die Kleider vom Leib zu reißen.« Lara versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.

Stumm vor Entsetzen blickte ihre Großmuter sie an.

»Wäre Damian nicht hinzugekommen, hätte alles Mögliche passieren können. Er hat mir geholfen – und wurde von den beiden zusammengeschlagen.«

Sie schwiegen für einen Moment, beobachteten, wie der Staub im Sonnenlicht tanzte.

»Dann sind wir Damian zu großem Dank verpflichtet . . .«, sagte ihre Großmutter schließlich.

»Ja.«

». . . und wir müssen die Polizei verständigen.«

Lara zögerte. »Ich denke, das wird nichts bringen, Oma.«

»Was?«

»Es war dunkel, diese Typen trugen Kapuzenjacken und ich habe ihre Gesichter nicht richtig gesehen. Zum Glück ist ja nichts passiert.«

Marthas Gesichtsausdruck wurde hart. »Du willst sie davonkommen lassen? Einfach so? Sie haben dich geschlagen und hätten dir wer weiß was angetan, wenn der junge Mann nicht aufgetaucht wäre . . . Und du willst sie noch nicht mal anzeigen?«

»Oma, das bringt doch nichts. Ich habe nicht die Kraft, mich stundenlang von der Polizei befragen zu lassen. Am liebsten würde ich den ganzen Vorfall einfach vergessen.«

»Vergessen? Nein, hier wird gar nichts vergessen. Wenn dein Großvater von der Universität zurück ist, fahren wir zum nächsten Polizeirevier. Und heute Abend rufen wir deine Mutter an und erzählen ihr alles.«

Lara gab jede Widerrede auf. Ihr fehlte die Energie, ihrer Großmutter zu widersprechen. Sie nahm Teller, Tasse und Besteck, stand auf und räumte alles in die Spülmaschine. Ohne sich umzudrehen, fragte sie beiläufig: »Hat Damian eine Telefonnummer oder seine Adresse hinterlassen?« Selbst in ihren Ohren klang der Versuch, kein übermäßiges Interesse zu zeigen, absolut kläglich.

»Nicht, dass ich wüsste, als ich gestern Abend wieder runterkam, war er schon gegangen. Vielleicht hat dein Großvater etwas notiert.«

Enttäuschung machte sich in Lara breit. Gerne hätte sie Damian wiedergesehen, mit ihm über alles gesprochen, sich noch einmal bei ihm bedankt, aber nun war er genauso schnell aus ihrem Leben verschwunden, wie er hineingetreten war.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie das schwarze Haar, das schmale, etwas bleiche Gesicht und sein schiefes Lächeln, das ihn so sympathisch machte. Sie spürte, er war jemand Besonderes. Ein Mensch, wie man ihm nur selten begegnet.

Sie musste sich eingestehen, dass alle Jungs an ihrer Schule neben ihm langweilig und uninteressant wirkten. Sie hätte ihn gern näher kennengelernt; vielleicht hätte er ihr Berlin zeigen können.

Aber nun war es zu spät. Sie hatte es verpatzt!

Warum habe ich ihn nicht nach seiner Handynummer gefragt?

Der Gedanke, ihn vielleicht niemals wiederzusehen, ließ ihre Laune auf den Nullpunkt sinken. Plötzlich fühlte sie sich unsagbar müde. Kraftlos.