Damian. Die Wiederkehr des gefallenen Engels - Rainer Wekwerth - E-Book

Damian. Die Wiederkehr des gefallenen Engels E-Book

Rainer Wekwerth

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2,99 €

Beschreibung

Eine düstere Prophezeiung und ein altes Geheimnis.

Der Kampf dunkler Mächte um unsere Welt.

Und eine Liebe, größer als der Tod.

Damian ist auf die Erde zurückgekehrt. Aus Liebe zu Lara, die er beschützen möchte, hat er sich dem Himmel widersetzt. Lara erkennt ihn jedoch nicht. Während er gegen den Verfall kämpft, den er auf der Erde erleiden muss, versucht sie, ihren Exfreund Ben zurückzugewinnen. Doch über allem schwebt eine finstere Prophezeiung, die Lara erfüllen muss, denn sie ist mehr als ein Mensch. Damian und Lara stellen sich der dämonischen Gefahr, aber sie ahnt nicht, welchen Preis Damian für seine Liebe bezahlt hat.

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Seitenzahl: 430

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Rainer Wekwerth

Damian

Die Wiederkehr des gefallenen Engels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer Wekwerth schreibt aus Leidenschaft. Er ist Autor erfolgreicher Bücher, die er teilweise unter Pseudonym veröffentlicht und für die er Preise gewonnen hat. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter. Mehr über den Autor unterwww.wekwerth.com

Ebenfalls von Rainer Weckwerth im Arena Verlag erschienen:Damian. Die Stadt der gefallenen Engel

 

Für Volker, wo immer du jetzt auch sein magst, ich hoffe, du bist glücklich.

 

1. Auflage 2011 © 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Ein Projekt der AVA international GmbH Autoren und Verlagsagentur (www.ava-international.de) Einbandgestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80134-6

www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.de

Inhalt

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

35.

35.

36.

37.

38.

39.

40. – 13.00 Uhr

41. – 13.30 Uhr

42. – 14.30 Uhr

43. – 18.00 Uhr

44. – 19.30 Uhr

45. – 22.30 Uhr

46. – 0.20 Uhr

47. – 0.40 Uhr, 23 Stunden 20 Minuten

48. – 23.00 Uhr, nur noch 60 Minuten

49. – 23.45 Uhr, 15 Minuten bis zur Ewigkeit

50. – 23.55 Uhr, noch fünf Minuten

51. – Mitternacht am 6666. Tag

52.

In der Hölle

Epilog

Glossar

Danks

 

 

 

 

 

Und es erhob sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen; und der Drache stritt und seine Engel, und siegten nicht, auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel. Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.

Offenbarung 12, 7-9

Prolog

Das Land war weit, schien kein Ende zu nehmen. Ein blauer Himmel erstreckte sich über eine bis zum Horizont reichende Wiese, auf der das Sonnenlicht tanzte. Zwei Männer saßen sich gegenüber, die Augen geschlossen, und beteten. Es war Damian, der als erster die Lider öffnete. Ruhig betrachtete er Michael, den Engel vor allen Engeln. Das goldene Haar wiegte sich im leichten Wind, umspielte sein anmutiges Antlitz von grenzenloser Schönheit. Die schmalen Hände im Schoß gefaltet, wirkte er vollkommen.

»Du siehst mich an, Bruder?«, fragte Michael, ohne die Augen zu öffnen.

»Ja, ich bewundere deine Ruhe und Gelassenheit.«

»Sollte es anders sein?«

»In der Hölle findet ein Kampf unvorstellbaren Ausmaßes statt. Dämonen gegen gefallene Engel. Ich habe dir davon berichtet. Und in der Welt der Menschen wird sich das Schicksal aller Dimensionen erfüllen. Engel, Dämonen, Menschen, alles strebt darauf zu, ineinander zu verschmelzen, die Hölle wird untergehen. Was dann geschieht, weißt du?«

»Die Zeit wird aufhören zu existieren und mit ihr alles Leben.«

»Und dennoch bist du ruhig und zuversichtlich?«

»Ja, denn es liegt nicht in meiner oder deiner Hand, daran etwas zu ändern. Dies ist Satans Kampf, vielleicht wurde er in die Hölle gestürzt, um ihn zu kämpfen.«

»Ich kann nicht glauben, dass wir nichts an unserem Schicksal und dem Schicksal der Menschen ändern können.«

»Wir dienen und schützen sie. Schweigend und still. So war es schon immer. So wird es auch in Zukunft sein.«

»Aber …«

»Schweig!« Michael sprach leise, aber das Wort durchdrang Damian wie eine glühende Waffe. Der Engel schlug die Lider auf. Atemberaubend blaue Augen blickten Damian ruhig an, sahen bis auf den Grund seiner Seele.

»Gabriel hat dir vertraut, also vertraue ich dir. Vergiss nicht, dass dir ein Geschenk gemacht wurde, als man dich in den Himmel zurückkehren ließ.«

Michaels ausgestreckte Hand berührte das Gras. Das saftige Grün wurde immer heller, schien durchsichtig zu sein und wurde schließlich zu Wasser. Eine weitere Bewegung und ein sanft plätschernder Bach durchzog die Wiese, kühlte die Hand des Engels.

»Du bist in die Gemeinschaft deiner Brüder wiederaufgenommen worden, aus der du verstoßen warst. Du hast Satan gedient, aber dir wurde verziehen. Deine Aufgabe ist jetzt hier, unter uns. Lerne von den Brüdern, finde zu dir selbst und diene IHM in vollkommener Hingabe.«

»Das will ich tun, Michael, aber ich kann nicht. Nicht jetzt. Das Mädchen … Lara ist in Gefahr, ich muss zu ihr.«

Michael sah ihn ernst an. »Du kannst nicht gehen. Der Preis dafür wäre unermesslich hoch.«

Damian ballte seine Hände zu Fäusten. Als er sie wieder öffnete, tanzten Flammen darin. Er legte die Handflächen auf die grüne Wiese und das Gras darunter verbrannte zu Asche.

»Dann hast du dich entschieden«, fragte Michael traurig.

»Ich kann nicht anders. Ich muss zu ihr.«

»Du liebst sie.«

»Von ganzem Herzen.«

»Es ist uns verboten, einen Menschen über den anderen Menschen zu stellen.«

»Sie ist ein besonderer Mensch.«

»Wann wirst du gehen?«, fragte Michael. Er erhob sich anmutig und betrachtete die Ascheflecken in diesem Reich der Harmonie. Das verbrannte Gras machte ihm deutlich, wie es in Damians Seele aussah. Auch Damian verbrannte innerlich, aber die grauen Augen leuchteten, wenn er von diesem Mädchen sprach.

»Bald«, antwortete Damian.

»Dann nimm meinen Segen mit dir. Wir werden uns nicht wiedersehen.«

»Das werden wir leider nicht, Bruder, aber ich danke dir für deine Güte.«

»Danke nicht mir, danke IHM.«

»Das werde ich. Mit meinem Tun.«

»So geh nun.«

Damian wandte sich ab, drehte sich dann aber noch einmal um. »Wie viel Zeit bleibt mir in der Welt der Menschen?«

»Wenige Tage.«

»Und dann?«, fragte Damian, obwohl er die Antwort kannte.

»Wirst du im Licht vergehen.«

1.

Meine Güte, ist das kalt.« Jasmin Albrich stampfte fest mit den Füßen auf den Boden, um die Kälte daraus zu vertreiben. Ihre nackten Hände hatte sie unter die Arme geklemmt, die in einer viel zu dünnen Jacke steckten. Lara Winter warf einen Blick auf die hellbraunen Wildlederstiefel, die Jasmin trug. Schick! Sicherlich! Aber vollkommen ungeeignet für diese Kälte. Zehn Grad unter null und Jasmin lief herum, als würde morgen der Sommer beginnen.

Lara schaute in das hübsche, etwas zu stark geschminkte Gesicht ihrer langjährigen Schulfreundin.

Nicht einmal eine Mütze hat sie auf, dachte sie. Im mittelblonden Haar hatten sich Eiskristalle gebildet, die wie kleine Diamanten im Licht der Straßenlaterne funkelten. Es war 7.40 Uhr morgens. Januar in Rottenbach. Und beschissen kalt. Wenn nur Simone bald kommen würde.

Lara selbst hatte die dickste Jacke angezogen, die sie gefunden hatte. Darunter wärmten ein Wollpullover und ein langärmliges Sweatshirt zusätzlich. Im Gegensatz zu Jasmin trug sie dicke Boots an den Füßen, nicht unbedingt sexy, aber ausreichend warm.

Trotzdem ist mir kalt, dachte Lara. Wenn nur dieser eisige Wind nicht wäre.

Wenigstens hatte es aufgehört zu schneien. Sie und Jasmin standen vor dem Heinrich-Heine-Gymnasium und warteten. Auf Simone. Ihre gemeinsame beste Freundin.

»Oh, Mann, wo bleibt die nur?«, beschwerte sich Jasmin.

»Keine Ahnung. Wenn sie nicht gleich auftaucht, gehen wir rein.«

»Ja, bevor ich mir hier noch was abfriere.«

Eine Gruppe Schüler ging mit gesenkten Köpfen vorbei. Alles Jungs. Baseballcaps und Wollmützen tief ins Gesicht gezogen. Ihr weißer Atem trieb wie eine Wolke vor ihnen her. Lara erkannte Robert, Fabian, Sam und …

… Ben.

Mist, dachte sie. Hoffentlich geht er weiter.

Er tat es nicht. Ein breites Lächeln wanderte über sein Gesicht. Die langen blonden Haare erinnerten Lara einmal mehr an Brad Pitt aus dem Film Legenden der Leidenschaft. Sie hatte den Film mehrfach mit ihrer Mutter gesehen und war begeistert gewesen, sowohl von der Handlung als auch von dem gut aussehenden Schauspieler.

Er ist ihm einfach verdammt ähnlich. Shit, er sieht wirklich klasse aus.

Die kurze Zeit, die sie mit Ben zusammen gewesen war, erschien ihr jetzt wie ein verblassender Traum. Ben war ihr erster richtiger Freund gewesen, aber die Beziehung scheiterte an der Tatsache, dass er körperlich von ihr mehr verlangte, als sie bereit war zu geben. Er wollte mit ihr schlafen, aber sie hatte gespürt, dass sie noch nicht so weit war.

»Irgendwann muss es passieren«, hatte er damals gesagt. Lara hatte sich bedrängt gefühlt und ihn das auch wissen lassen. Wütend war er davongestürmt. Einige Tage später war seine SMS gekommen:

Tut mir leid, aber ich denke, es ist besser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen. Ich habe jemand anderen kennengelernt.

Es hatte sich angefühlt, als hätte ihr jemand das Herz aus der Brust gerissen und stattdessen ein glühendes Stück Metall hinterlassen. Was hatte sie sich die Augen aus dem Kopf geflennt. Die Zeit mit Ben war traumhaft gewesen. So aufregend. Alle Mädchen an der Schule hatten sie um ihre Beziehung zu ihm beneidet und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich schön gefühlt. Als etwas Besonderes. Nur wenige Worte hatten ausgereicht, um dieses Gefühl in ihr auszulöschen.

Um Ben zu vergessen, war sie vor drei Monaten in den Herbstferien nach Berlin zu ihren Großeltern gefahren. Und sie hatte vergessen, ihren Schmerz, aber seltsamer noch konnte sie sich auch kaum daran erinnern, was sie in Berlin erlebt hatte.

Klar, sie hatte sich die abwechslungsreiche Stadt angesehen, war shoppen gewesen, aber sonst? Alles lag wie hinter einem Nebelschleier verborgen. Wahrscheinlich habe ich gar nichts erlebt und erinnere mich deshalb nicht daran, dachte sie.

Großvater ist gestorben. An Herzversagen.

Noch immer trauerte Lara um den alten Professor, mit dem sie sich so gerne über die Welt und all ihre Geheimnisse unterhalten hatte.

Dann drängte sich Ben wieder in ihre Gedanken. Kurz nachdem sie nach Rottenbach zurückgekehrt war, hatte er eines Abends vor ihrem Haus gestanden.

»Was möchtest du?«, hatte sie ihn barsch gefragt.

»Es tut mir leid«, sagte er. Vier Worte, die sie tief getroffen hatten. Tiefer, als sie sich selbst eingestehen konnte.

»Was tut dir leid?«

»Alles. Wie mies ich dich behandelt habe. Kannst du …«

Die Worte waren auf seinen Lippen gestorben, bevor er sie aussprechen konnte. Ben wusste, er durfte nicht hoffen.

Dennoch, da waren noch Gefühle für ihn. Oder wollte sie, konnte sie einfach nur nicht allein sein? War es nicht so, dass sich ihr Herz nach jemandem sehnte, der sie halten und lieben würde? Alles war so verwirrend.

Ben, wie er dastand, sie anblickte und darauf hoffte, dass sie ihm verzeihen konnte. Damals hatte sie es nicht gekonnt und ihn weggeschickt, aber die Sehnsucht nach Liebe war geblieben.

»Hi, Lara«, unterbrach ihre Gedanken eine männliche Stimme. Ben. Sie war mit ihren Erinnerungen so weit weg gewesen, dass sie ihn nicht auf sich zukommen gesehen hatte. Neben ihr trat Jasmin unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie mochte Ben nicht und machte auch keinen Hehl daraus.

»Hi, Ben. Wie geht’s?«, sagte Lara und versuchte, ihre Aufregung vor ihm zu verbergen.

»Alles cool und bei dir?«

Mir geht es nicht so toll, denn immer wenn ich dich sehe, schmerzt es mich.

»Auch gut«, sagte sie stattdessen.

»Ähm …«

Lara sah ihn überrascht an. Es kam nicht oft vor, dass Ben verlegen wurde und nach Worten suchte. Normalerweise war er die Selbstsicherheit in Person. Ben blickte Jasmin an, die die Botschaft verstand.

»Ich geh dann schon mal rein«, meinte sie und wandte sich ab, nicht ohne Ben noch ein verächtliches Lächeln zu schenken.

»Sie mag mich nicht«, stellte Ben nüchtern fest, als Jasmin durch die Glastür gegangen war.

»Ich würde es so nicht nennen.«

»Wie würdest du es denn nennen?«

»Sie kann dich nicht ausstehen«, platzte Lara heraus und musste lachen. Ben stimmte ein.

»Ich glaube, das habe ich mir auch verdient.« Er wurde ernst. Seine dunklen Augen richteten sich auf Lara und sie versank darin.

»Meinst du, wir könnten mal wieder etwas gemeinsam unternehmen?«, fragte er leise. »Zusammen was machen, ausgehen, abhängen oder sonst etwas.«

»Was ist mit deiner Freundin?«, konnte sich Lara nicht verkneifen zu fragen. »Wird sie nichts dagegen haben?«

Er verzog das Gesicht. »Ist vorbei. Schon lange.«

»Ach so, hab ich nicht mitbekommen.«

»Du redest ja nicht mehr mit mir. Seit du aus Berlin zurück bist, machst du einen Bogen um mich, weichst mir aus.«

»Das stimmt nicht.« Sie wussten beide, dass es stimmte.

»Egal«, meinte Ben. »Wie sieht es aus? Hast du mal Zeit für mich.«

»Lass mich darüber nachdenken«, sagte Lara ruhig, aber ihre Knie fühlten sich plötzlich an, als bestünden sie aus Wasser. Ihr Herz klopfte wild. Sie hoffte, dass Ben nicht bemerkte, wie sehr seine Worte sie in Aufruhr versetzten.

»Okay, alles klar. Du hast meine Handynummer«, sagte Ben.

»Ja, wenn es noch dieselbe ist.«

»Was ist mit deiner Nummer? Ich habe versucht, dich anzurufen, aber da ging nichts.«

»Neues Handy, neuer Vertrag«, erwiderte Lara schlicht.

»Gibst du mir die Nummer?«

Lara zögerte, dann sagte sie: »Ein anderes Mal vielleicht.«

Er nickte und wandte sich ab.

»Ben?«

»Ja?«

»Lass mir Zeit.«

Er lächelte sie an. Dann ging er.

Und Laras Herz klopfte wie verrückt.

»Läuft da wieder etwas zwischen euch?«

Lara wandte sich um und stand Simone gegenüber, die über das ganze Gesicht grinste. Ihre roten Haare lugten zerzaust unter einer dicken Wollmütze hervor. Die Augen blitzten vergnügt. Simone war klein, kaum einen Meter sechzig groß, aber sie strahlte geballte Energie aus.

Lara lächelte gequält. »Nein …«

»Was?«

»Ich denke, er will wieder etwas von mir. Er hat mich gefragt, ob wir uns treffen können. Die Sache war ziemlich eindeutig.«

»Und du?«

»Ich weiß nicht so recht«, seufzte Lara. »Klar, er hat mich verletzt …«

»Dir das Herz aus dem Leib gerissen, wolltest du sagen«, erwiderte Simone eisern.

»Jaja, das stimmt schon, aber … ich vermisse ihn auch, weißt du? Ihn zu sehen, versetzt mich in Aufregung. Ich fange an zu zittern …«

»Das ist die Kälte!«

Lara lächelte. »Du weißt, was ich sagen will.«

»Ja«, stöhnte Simone und verdrehte die Augen. »Du bist noch immer in ihn verliebt, und das nach allem, was er dir angetan hat.«

»Ach komm, du übertreibst.«

»Er hat mit dir Schluss gemacht, weil du nicht bereit warst, mit ihm zu pennen.«

»So stimmt das nicht.«

»Genau so war es.«

»Und du?«

»Was ich?«

»Du hast doch auch mit Thomas geschlafen, obwohl du dir nicht sicher warst, ob du es schon willst.«

»Da gibt es Unterschiede.«

»Die da wären?«

»Thomas und ich sind noch zusammen.«

»Ja«, gab Lara zu. »Aber vielleicht wärt ihr es nicht mehr, wenn du damals Nein gesagt hättest.«

»Glaube ich nicht. Thomas ist anders als Ben.«

»Ja, aber du weißt es nicht.«

Simone schwieg.

»Und was soll ich jetzt machen?«, fragte Lara.

»Ehrlich … keine Ahnung. Vielleicht hat er sich ja geändert. Vielleicht ist er heute Morgen aufgewacht und war kein Arschloch mehr.«

»Simone!«

»Ach, die ganze Flennerei hast du schon vergessen. Vergessen, wie weh er dir getan hat.«

»Du bist mir keine Hilfe.«

Simones Augen nahmen einen ernsten Ausdruck an. »In dem Fall will ich das auch gar nicht sein. Mir ist klar, um was es dir geht. Du willst von mir einfach nur Zuspruch. Ermutigung dazu, dass du dich wieder mit ihm einlässt, aber ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Ben ist immer noch Ben, so schnell ändert der sich nicht und dann wird es enden wie beim letzten Mal.«

»Noch ist ja nichts passiert. Wir reden doch bloß darüber.«

»Ja und genau die Tatsache, dass wir überhaupt darüber reden, verursacht mir Bauchschmerzen. Weiß Jasmin schon von eurer neu entflammten Liebe?«

»Nein«, sagte Lara.

»Na, die wird ihren Spaß haben.«

Der Schulgong rief sie zum Unterricht.

»Na los, wir müssen rein«, meinte Simone.

»Noch ein halbes Jahr, dann haben wir es geschafft«, wechselte Lara das Thema.

»Wenn wir es packen«, gab Simone zu bedenken.

Lara lachte. »Klar packen wir das!«

2.

Als Martha Hermsdorf die Tür für ihre Enkelin öffnete, wehte der Wind tanzende Schneeflocken hinein. Martha warf einen Blick zum Himmel und seufzte. Dieser Winter war unglaublich. Schnee, Schnee und nochmals Schnee. Längst kamen die städtischen Streu- und Räumdienste nicht mehr hinterher. Gehwege verschwanden ebenso unter der weißen Last wie Straßen, durch die sich der Verkehr nur langsam quälte. Tiefe, vereiste Furchen waren die einzige Spur, durch die man noch langsam rollen konnte, der Rest ging nahtlos in die weiße Winterlandschaft über.

»Du kommst spät«, meinte Martha vorwurfsvoll. »Das Essen ist schon fast kalt.«

»Oma!«, entgegnete Lara entrüstet. »Schau mal raus. Da draußen geht die Welt unter und die Busse kommen kaum durch, aber du machst mir Vorwürfe, weil ich ein paar Minuten zu spät bin.«

Lara schob den Ärmel ihrer Jacke hoch und blickte auf ihre Armbanduhr.

»Zehn Minuten. Bloß zehn Minuten.«

Sie zog den Ärmel wieder herunter und schlüpfte aus der Jacke. Dann streifte sie die Stiefel ab, stellte sie unter die Garderobe und klopfte den Schnee von ihrer Jeans.

»Schau mal, was du für eine Sauerei machst«, beschwerte sich Martha. »Ich habe vor einer halben Stunde gewischt.«

Lara verharrte mitten in der Bewegung. Ihre Augen funkelten wütend.

»Geht das jetzt immer so weiter?«, zischte sie. »Ständig diese Meckerei. ›Du kommst zu spät, Lara‹ oder ›Du machst alles dreckig‹. Es ist Winter! Da kommen Busse nicht pünktlich. Man verspätet sich. Und zum Teufel …«

»Sprich nicht so mit …«

»… das bisschen Schnee tut keinem weh. Es ist bloß Wasser, Oma. Hörst du mich? Wasser! Man kann es aufwischen, es bleibt nicht für die Ewigkeit.«

Martha Hermsdorf zügelte ihren Zorn und sagte leise: »Ich kann etwas Rücksicht von dir erwarten, junge Dame …«

»Komm mir nicht so, Oma«, stöhnte Lara. »Nicht die Junge-Dame-Nummer. Du weißt, ich hasse es, wenn du mir auf die Tour kommst.«

Martha war nun ebenfalls wütend. »Dann verhalte dich respektvoller. So kannst du vielleicht mit deinen Freundinnen sprechen, aber nicht mit mir.«

»Dann hör auf, mich wie ein kleines Kind zu behandeln.«

Beide starrten sich an. Zehn Sekunden vergingen. Irgendwie verflog der ganze Ärger auf einen Schlag.

»Was gibt’s zu essen?«, fragte Lara und prustete los.

»Dein Lieblingsgericht, du verzogenes Gör.«

»Und du? Hör auf, dich wie eine alte Hexe zu benehmen.«

»Fängst du schon wieder an.«

»Nein«, entgegnete Lara lachend und legte einen Arm um ihre Großmutter. »Wenn es Spaghetti Carbonara gibt, muss alles andere warten.«

Lara blickte über den Küchentisch hinweg ihre Oma an. Obwohl sie noch immer eine attraktive Frau war, hatten sich doch in letzter Zeit deutlich mehr Falten in ihr Gesicht gegraben. Ein Spinnennetz aus feinen und feinsten Fältchen spannte sich um ihre Mundwinkel und zersprang bei jedem Lächeln. Und sie lächelte viel.

Sie hat eine schwere Zeit hinter sich. Ihre eigene Krebserkrankung und Opas Tod, dachte Lara. Sie ist eine starke Frau und ich hoffe, ich werde mal so wie sie. Stolz und mit viel Ausstrahlung.

»Schmeckt es dir nicht?«, fragte Martha.

»Oh und wie. Ich habe nur gerade nachgedacht.«

Ihre Oma forderte sie mit einem Kopfnicken auf weiterzusprechen.

»Über dich«, gab Lara zu.

»Mich?«, wiederholte Martha überrascht.

»Ja, ich finde es erstaunlich, wie du dein Leben meisterst seit …« Sie verstummte.

»Opas Tod?«

»Ja.«

Martha blickte sie ernst an. »Auch wenn es banal klingt, das Leben geht weiter. Im wahrsten Sinn des Wortes. Menschen werden geboren, in diesem Augenblick. Andere sterben, in diesem Augenblick. Für manche ist heute der schönste Tag in ihrem Leben, für andere der traurigste, aber die Erkenntnis aus alldem ist, das Leben hält nicht an. Nicht einen Atemzug. Solange man atmet, will es gelebt werden, auch wenn das nicht stets die reine Freude ist.«

»Vermisst du Opa?«

Ihre Großmutter sah überrascht auf. »Ja, natürlich tue ich das. Wir haben so lange zusammengelebt, dass ich manchmal das Gefühl habe, vor ihm war nichts, kein Leben, keine Vergangenheit. Ich vermisse ihn jeden Tag.«

»Du weinst nie«, sagte Lara und bereute diesen Satz sofort, aber ihre Oma lächelte.

»Man muss nicht weinen, um jemanden zu betrauern.« Martha fuhr sich durch das noch immer dichte Haar. »Außerdem bist du nicht ständig da.«

»Du beherrschst dich, wenn du mit anderen zusammen bist«, stellte Lara fest.

»In meiner Generation hat man gelernt, Gefühle nicht nach außen zu tragen. Es ist anders als bei euch Jugendlichen heute. Ich schalte den Fernseher an und sehe Jungs weinen und Mädchen fluchen. Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben.«

»Was hätte es zu deiner Zeit nicht gegeben?«, erklang eine Stimme in der Tür.

Lara sprang auf und umarmte ihre Mutter herzlich.

»He, womit habe ich das verdient?«, fragte Rachel.

Statt einer Antwort gab es einen dicken Kuss auf die Wange.

»Was hast du in das Essen gemischt, Mutter?«, lachte Rachel. Sie schnupperte. »Ah, Spaghetti Carbonara. Jetzt wundert mich nichts mehr. Ist noch etwas übrig oder hat Lara alles vertilgt?«

Martha lächelte. »Es ist noch genug da. Zieh den Mantel aus und setz dich. Ich bringe dir das Essen.«

Rachel Winter schälte sich aus ihrem Mantel, ging in die kleine Speisekammer, die direkt neben der Spüle war, holte eine Flasche Rotwein, entkorkte sie und schenkte für sich und ihre Mutter ein.

»Willst du auch ein Glas?«, wandte sie sich an ihre Tochter.

»Du bietest mir am helllichten Tag Alkohol an?«, fragte Lara verblüfft. »Was ist jetzt los? Gibt es etwas zu feiern?«

»Hm, lass mich erst einmal essen, ich bin halb verhungert.«

»Mama!«

Ihre Oma stellte einen dampfenden Teller vor Rachel ab und nahm ebenfalls wieder Platz.

»Ach, riecht das gut«, seufzte Rachel und begann, genüsslich zu essen. »Und es schmeckt hervorragend«, fügte sie mit vollem Mund hinzu.

»Was ist jetzt?«, wollte Lara wissen. »Du kannst uns nicht so lange auf die Folter spannen.«

Ihre Mutter grinste, tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab und faltete die Hände auf dem Tisch.

»Thorsten hat mir heute eine wichtige Frage gestellt.«

»Dein neuer Freund?«, fragte Oma.

»Mein Bekannter, den ich sehr mag.«

»Oh Gott, er hat dich gefragt, ob du ihn heiraten willst?«, stöhnte Lara. »Mama, ihr kennt euch …«

»Quatsch. Wir haben uns ein paarmal verabredet und aus der Sache könnte etwas werden. Das spüre ich und ich denke, er fühlt es auch. Jedenfalls hat er mich gefragt, ob ich nicht nächste Woche für sieben Tage mit ihm nach Florida fliegen will. Er muss dort beruflich hin, irgendeine Tagung, hat aber viel Freizeit und da wollte er wissen, ob wir die Zeit in den USA nicht gemeinsam genießen wollen.«

»Und was hast du geantwortet?«, fragte Lara atemlos nach.

»Dass ich erst mit dir reden muss.«

Lara fuhr sich entsetzt mit beiden Händen in die Haare. »Was? Bist du verrückt? Sonne, Strand und blaues Meer, zusammen mit einem Mann, in den du verknallt bist, und du sagst nicht sofort zu?«

»Ich wollte mit dir darüber sprechen. Ich lasse dich nicht gern allein.«

»Mama, ich bin achtzehn Jahre alt, ich darf ein Auto lenken und den Bundestag wählen, in ein paar Wochen mache ich mein Abitur, dann fange ich an zu studieren, aber ich kann nicht mal ein paar Tage allein zu Hause bleiben? Außerdem ist Oma da.«

Hilfe suchend blickte Rachel zu ihrer Mutter.

»Das Kind hat recht«, sagte Martha. »Allzu viele Chancen, sein Glück zu finden, gibt es nicht im Leben. Außerdem solltest du froh darüber sein, der Kälte für einige Zeit zu entkommen.«

Lara bemerkte den sorgenvollen Blick, den ihre Mutter der Großmutter zuwarf. Eine Frage schien in diesem Blick mitzuschwingen. Noch seltsamer war die Reaktion ihrer Oma, die kaum merklich nickte. Irgendwie hatten die beiden Fragen und Antworten ausgetauscht und Lara hatte dabei das Gefühl, dass es um sie ging. Seit sie aus Berlin zurückgekehrt war, wurde sie von ihrer Mutter regelrecht betüdelt, und bei ihrer Oma hatte sie manchmal das Gefühl, sie umsorgte sie so herzlich, weil sie irgendetwas gutmachen wollte. Nur was das sein sollte, wusste Lara nicht.

Im Blick ihrer Mutter stand Sehnsucht, als sie leise fragte: »Dann meint ihr …?«

»Ja«, antworteten beide im Chor.

Lara erhob sich und umarmte ihre Mutter. »Ich freue mich für dich. Wann geht es los?«

»Das ist es ja. Alles geht so schnell. Nächste Woche Dienstag müssten wir fliegen.«

»Na, ist doch prima«, meinte Lara lächelnd. »Dann bleibt dir nicht genug Zeit zu grübeln.« Sie hob den Zeigefinger. »Und wehe, du überlegst es dir zwischenzeitlich anders.«

Rachel nahm eine Locke zwischen die Finger und begann, sie zu drehen. »Ich bin so aufregt. Mir ist richtig schwummerig. Was soll ich bloß mitnehmen? Ich habe überhaupt nichts zum Anziehen.«

»Da findet sich schon etwas«, tröstete Lara.

»Was, wenn er mich langweilig findet und ich alles vermassele?«

»Mama, sei einfach so, wie du bist, und alles wird gut.«

»Meinst du wirklich?«

Lara lachte laut auf. »Du kannst gar nichts falsch machen.«

Sie erhob ihr Wasserglas und alle stießen miteinander an.

»Auf Florida.«

Später, als Lara im Bett lag und las, klopfte ihre Mutter zaghaft an die Tür.

»Komm rein«, rief Lara.

»Störe ich dich?«

Lara legte das Buch beiseite. »Nein, ist schon gut.«

Ihre Mutter setzte sich zu ihr auf die Bettkante. »Bei all der Aufregung um meine Reise habe ich vergessen, dich zu fragen, wie dein Tag war.«

Lara zögerte. »War okay.«

»Ist etwas vorgefallen?«

»Ben.«

»Was ist mit ihm?«

»Er hat heute Morgen vor der Schule auf mich gewartet. Es ist ziemlich eindeutig, dass er wieder etwas von mir will.«

»Bist du dir sicher?«

»Ja, er hat eine Weile herumgedruckst, mich aber schließlich gefragt, ob wir uns treffen können.«

»Und du? Was willst du, Lara?«

»Ich weiß es nicht«, seufzte Lara. »Er hat mir sehr wehgetan, aber ich empfinde einfach immer noch etwas für ihn. Wenn ich ihn sehe, wird mir schwindelig und es schmerzt. Hier, verstehst du?« Sie deutete auf ihre Brust.

»Ja«, sagte Rachel. »Das Gefühl kenne ich. Es ist, als wollte das eigene Herz zerspringen.«

»Gut ausgedrückt.«

»Und nun? Wirst du dich mit ihm verabreden?«

»Ich weiß es einfach nicht, Mama.« Lara spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. »Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was würdest du denn an meiner Stelle machen?«

»Ach meine Kleine. Ich wünschte, ich wäre ein besserer Ratgeber in Herzensangelegenheiten. Aber ich denke, so wie es jetzt ist, wird diese Wunde in deiner Seele nicht heilen. Du musst erfahren, ob du wirklich, wirklich etwas für diesen Jungen empfindest oder nicht. Dann kannst du wenigstens mit der ganzen Sache abschließen. Also geh und finde es heraus.«

Lara legte die Arme um den Hals ihrer Mutter.

»Danke«, sagte sie leise.

Rachel gab ihr einen Kuss. »Bis morgen.«

3.

Als Lara über den Schulhof ging, spürte sie seine Blicke in ihrem Rücken. Jetzt war gerade große Pause und sie hatte erwartet, ihn im Hof zu finden, aber als sie ihn so dastehen sah, wurde ihr warm im Magen und jeder Versuch, ihn zu ignorieren, war hoffnungslos.

Lara nahm ihren ganzen Mut zusammen, blieb stehen, seufzte und wandte sich um. Seit dem Gespräch vor zwei Tagen waren sie sich nicht mehr begegnet, aber nun fühlte sie, dass sie mit jedem weiteren Ausweichen ihre Entscheidung nur unnötig vor sich herschob.

Ben hatte bisher mit dem Rücken an der Mauer des Hofs gelehnt, doch als er sah, dass sie auf ihn zukam, löste er sich davon und ging ihr entgegen. Kurz vor ihr blieb er stehen und sah sie ruhig an.

»Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?«, fragte er vorsichtig. Eine Haarsträhne fiel über das linke Auge und ließ ihn verwundbar aussehen. Lara holte tief Luft. Ihr Seufzer war diesmal unhörbar.

»Ja, ich würde mich gern mit dir treffen.«

»Prima, das freut mich.«

»Aber es gilt, ein paar Sachen klarzustellen.«

Er hob überrascht die Augenbrauen, sagte aber nichts. »Wenn wir uns treffen …«, fuhr Lara fort, »heißt das nicht automatisch, dass auch etwas läuft. Das sollte dir klar sein.«

Er lächelte. »Okay, mach dir keine Sorgen. Ich will nur Zeit mit dir verbringen. Alles andere ergibt sich oder auch nicht, darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken.«

Hat er sich wirklich so verändert?, dachte Lara. Er wirkt so viel reifer als noch vor wenigen Wochen.

»Ach ja, und wenn wir schon dabei sind: Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte?«, fragte sie.

»Wie meinst du das?«

Lara wappnete sich innerlich und versuchte, unbeteiligt zu klingen. »Irgendeine Tussi, die Anspruch auf dich erhebt, plötzlich vor mir auftaucht und mir eine Szene macht, nur weil wir uns mal getroffen haben. Ich stehe vor dem Abi und kann so einen Stress jetzt nicht gebrauchen.«

»Nein, nichts dergleichen. Ich bin solo, absolut single.«

»Okay.«

»Sonst noch etwas?«

»Komm mir nicht mit Kino. Ich setze mich nicht mit dir in einen dunklen Raum, das würde dich nur auf dumme Gedanken bringen.«

»Wahrscheinlich«, grinste Ben.

Lara schmolz dahin. Niemand konnte so entwaffnend wie Ben sein. Mit seiner Antwort hatte er ihr jeglichen Wind aus den Segeln genommen. Sie stieß ihm gespielt böse in die Seite.

»Ich meine es ernst.«

»Hab schon verstanden. Was möchtest du gern machen?«

»Schlittschuh laufen. Der Rottenbacher See ist komplett zugefroren und auch schon freigegeben, hab ich gesehen.«

»Ähm …«

»Willst du es dir vielleicht noch einmal überlegen?«

»Das nicht, aber ich bin seit Jahren nicht mehr auf Kufen herumgeflitzt.«

»Hast du nicht früher mal Eishockey gespielt?«

»Da war ich elf und auch nur für ein Jahr, dann habe ich mich entschieden, dass mir meine Zähne zu kostbar sind, und mich abgemeldet. Seitdem stand ich nicht mehr auf Schlittschuhen.«

»So etwas verlernt man nicht.«

»Sagst du.«

»Sage ich. Na, was ist jetzt? Ja oder nein?«

Ben stöhnte auf und verdrehte die Augen. »Natürlich Ja, eine zweite Chance wirst du mir nicht geben.«

»Richtig erkannt.«

»Wann soll der große Sportevent steigen?«

»Heute Nachmittag. So um drei Uhr. Da ist das Licht noch gut und wir haben Zeit, bis es dunkel wird.«

»Das ganze Dorf wird um diese Uhrzeit dort sein.«

»Und?«

»Ich meine nur.« Er kratzte sich nachdenklich am Ohr. »Du sagst doch nichts zu Jasmin oder Simone, oder?«

»Warum auf einmal so schüchtern?«

»Ich habe keine Lust, dass die mich auslachen. Jasmin kann mich eh nicht ausstehen.«

»Simone mag dich auch nicht mehr als sie.«

»Okay, für dich tue ich alles.«

»Du bist mein Held.«

Ben zuckte zurück. »Du verarschst mich«, sagte er gequält.

»Woran hast du das bloß gemerkt?« Ein Lächeln, dann war Lara im Schulhaus verschwunden.

4.

Ben war der geborene Schlittschuhläufer. Leicht, elegant und scheinbar mühelos glitt er über das Eis, so als schwebe er darüber. Er hatte recht gehabt, das halbe Dorf war auf dem See und alle sahen Ben bewundernd zu, wenn er bei vollem Tempo eine perfekte Drehung hinlegte.

Dagegen sehe ich wie ein bekiffter Pinguin aus, der übers Eis watschelt, ärgerte sich Lara. Vor allem weil es ihr Vorschlag gewesen war, hierher zu kommen.

Ja, glotzt ihn nur alle an.

Auf dem Eis waren mehrere Mädchen in ihrem Alter, die sie aus der Schule kannte und die jedes Mal kicherten, wenn Ben an ihnen vorbeiflog.

Er könnte jede haben, dachte Lara. Und verdammt, warum auch nicht, sie sind ja alles andere als hässlich. Nein, zwei von ihnen sehen sogar richtig klasse aus, mit ihren engen Jeans, den teuren Schlittschuhen und den noch teureren schicken Winterjacken. Dazu jede Menge schwarzer Kajal und French Nails, die an Krallen erinnern. Darauf muss ein Junge wie Ben doch einfach abfahren.

Aber der beachtete die Mädchen nicht einmal, wie Lara zufrieden feststellte.

Es war ein schöner Tag. Die dichten Wolken hatten sich verzogen und die Sonne strahlte am kalten Himmel, ließ den Schnee wie von Diamanten bestäubt funkeln. Es war ein herrlicher Moment, wie geschaffen zum Schlittschuhlaufen.

Wenn man es kann, dachte Lara und fuhr vorsichtig los. Okay, sie war nicht unbedingt so elegant wie Ben, aber sie stellte sich auch nicht blöd an und mit jeder Sekunde gewann sie an Sicherheit. Ben tauchte neben ihr auf, hakte sich bei ihr unter. Sein Atem trieb weiße Wolken in die Luft.

»Geht gar nicht so schlecht«, sagte er gut gelaunt.

»Wunderbar, Ben. Einfach wunderbar.« Der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Was ist jetzt wieder los?« Ben schien leicht genervt. »Du wolltest hierher, wegen mir hätten wir auch etwas anderes unternehmen können und jetzt hast du schlechte Laune.«

Lara senkte beschämt den Kopf. Er hatte ja recht. Es war nicht seine Schuld, dass er ein Klassesportler war.

»Tut mir leid, war nicht so gemeint. Mich regen nur die Tussis auf, die dir die ganze Zeit hinterherstarren.«

»Oh«, lachte Ben. »Kannst du mir zeigen, wen du meinst?« Er legte die flache Hand über die Augen. »Ich lerne gern neue Menschen kennen.«

Sie knuffte ihn. »Hör auf zu glotzen, die Mädels sind schon weg«, log sie.

»Komm wir fahren zusammen«, schlug Ben vor. Er fasste sie unter und zog sie mit sich.

Wahrscheinlich sieht es jetzt so aus, als schiebt er einen Kartoffelsack ans andere Ufer.

Aber sie wusste, dass es so nicht war. Automatisch übernahm sie seine Leichtigkeit und verschmolz mit ihm zu einer Einheit, ein Paar, das mühelos über das Eis glitt.

5.

Der Tag war wie jeder andere, nur dass es endlich aufgehört hatte zu schneien. Ein freundlicher blauer Himmel leuchtete über Rottenbach und die Sonne sandte wärmende Strahlen zur Erde hinab.

Lara ging gedankenverloren die Treppe vom Klassenzimmer zum Physiksaal hinab, als sie mit jemandem zusammenstieß. Die Bücher rutschten unter ihrem Arm heraus und polterten die Stufen hinunter.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich der Junge.

Lara hob den Kopf an und blickte den Fremden an. Sie spürte, wie ihr Gesicht zu glühen begann. Wut kochte in ihr auf, aber sie drängte die Gefühle zurück.

»Ist schon gut«, brummte sie und sprang die Stufen hinunter, um ihre Bücher wieder aufzuheben.

Der Junge kam ihr nach und bückte sich. Als er nach einem Buch greifen wollte, meinte Lara: »Lass nur. Ich mache das allein.«

»Entschuldigung«, sagte der Junge und erhob sich. Lara, die ihren Bücherstapel wieder unter dem Arm verstaut hatte, stand ebenfalls auf.

Zum ersten Mal nahm sie sich die Zeit, den fremden Jungen genauer zu betrachten. Er war etwas größer als sie, schlank, soweit sie seine Figur unter dem langen schwarzen Ledermantel beurteilen konnte. Dazu trug er Jeans und schwarze Stiefel. Nicht ungewöhnlich, aber auch nicht gerade »in«. Schwarzes Haar, das ihm bis über die Schulter fiel. Das Gesicht schmal und die hohen Wangenknochen verliehen ihm etwas Raubtierhaftes. Eine leicht gebogene Nase und ein Mund, der ständig zu lächeln schien. Laras Blick blieb an seinen Augen hängen. Grau wie ein Wintersee. Sterne schienen darin zu tanzen, aber es waren wahrscheinlich nur Reflektionen des von draußen eindringenden Sonnenlichts.

Er hat ein wunderschönes Gesicht, dachte Lara und ärgerte sich im selben Augenblick über sich selbst. Warum machte sie sich Gedanken über sein Aussehen?

»Suchst du was?«, fragte sie

»Ja, könntest du mir vielleicht sagen, wo ich das Sekretariat finde?«

»Ja, klar. Kommst du etwa an diese Schule? Mitten im Schuljahr?«

»Sieht so aus.«

»Wie heißt du denn überhaupt?«

»Damian. Und du?«

»Lara.«

Er streckte ihr die Hand entgegen, Lara drückte sie kurz und unverbindlich. »Du musst einfach nur die Treppe hoch, am Ende des Ganges auf der rechten Seite ist das Sekretariat.«

»Danke«, sagte er freundlich. Er wandte sich ab und ging mit großen Schritten die Treppe hinauf. Über die Schulter rief er zurück: »Man sieht sich.«

»Hoffentlich passt du dann besser auf«, konnte sich Lara nicht verkneifen.

Als sich einige Stufen später Damian noch einmal nach Lara umwandte, war sie bereits gegangen. Ein Stich jagte durch sein Herz. Sie hatte ihn nicht erkannt. Nicht einmal ansatzweise war etwas in ihrem Blick zu erkennen gewesen. All die Liebe, die er für sie empfand, würde unerwidert bleiben, das spürte er und es tat weh. Mehr als er sich eingestehen wollte, aber er war hier, um sie zu beschützen. Das allein zählte.

Obwohl sie ihn nicht mehr erkannte, war er dankbar dafür, in ihrer Nähe zu sein, auch wenn es ihn innerlich zerriss, sie nicht berühren zu können.

Damian starrte auf die Stelle, an der sie gestanden hatte. Der zarte Hauch ihres Parfüms lag noch in der Luft.

Er schloss die Augen und atmete tief ein.

6.

Hast du schon mit ihm gesprochen?«, fragte Jasmin ganz aufgeregt.

»Mit wem?«, fragte Lara, obwohl sie ahnte, wer gemeint war.

»Na, mit dem neuen Typen in deiner Klasse. Der da drüben. Er kommt auf uns zu.«

»Du meinst Damian?«, fragte Lara unnötigerweise.

»Heißt er so?« Dann wiederholte sie leise den Namen. Nur für sich selbst, wie es schien. So als wollte sie den Namen auf ihren Lippen schmecken. Ärger durchzuckte Lara. Was sollte dieses alberne Getue? Okay, der Typ sah echt gut aus, aber das war es auch schon.

Ihre Klassenlehrerin hatte ihm die Schulbank direkt hinter ihr zugewiesen. Er saß dort allein, alle anderen hatten schon einen Sitznachbarn. In den ersten beiden Schulstunden hatte sie sich fast automatisch mehrfach nach ihm umgedreht. Jedes Mal hatte er den Blick von seinem Schreibblock gehoben und sie freundlich angelächelt, aber Lara hatte sich sofort wieder nach vorne gewandt, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt war große Pause und der fremde Junge kam genau auf sie zu.

»Warum kommt der her?«, flüsterte sie.

Jasmin sah sie überrascht an. »Er ist neu hier an der Schule. Irgendwann muss er ja seine Klasse kennenlernen.«

»Da drüben stehen jede Menge Mitschüler.«

Jasmin lächelte und wollte noch etwas sagen, aber da war der Junge schon heran. Gelassen blieb er vor ihnen stehen. Das schmale Gesicht war bleich von der Kälte, aber auf seinen Lippen lag ein Lächeln, als er die Hand zum Gruß hob und Hi sagte.

Jasmin sagte ebenfalls Hi, Lara begnügte sich mit einer gemurmelten Begrüßung.

»Ich bin Damian«, sagte er und reichte Jasmin die Hand, die mit offenem Mund den Jungen anstarrte. Lara stand daneben und konnte kaum glauben, wie peinlich sich ihre Freundin benahm. Was glotzte sie ihn so an und sprach dabei kein Wort? So gut sah er nun auch wieder nicht aus, und selbst wenn, zeigte man das nicht so deutlich.

»Du kannst ihn wieder loslassen«, neckte Lara sie, um den peinlichen Moment zu überspielen.

»Oh«, machte Jasmin und schüttelte leicht den Kopf, so als wäre sie gerade aus einem Traum aufgewacht. »Ich dachte gerade …«

»Was dachtest du?«

Jasmin wirkte verwirrt. »Sag ich dir nachher. Ich muss zurück in meine Klasse.« Kaum gesagt kehrte sie ihnen den Rücken zu, blieb dann aber doch stehen und schaute den Jungen noch einmal an. »Es … hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Mein Name ist Jasmin. Vielleicht können wir uns später noch unterhalten. Jetzt muss ich los. Wir schreiben gleich einen Mathetest.«

Das war eine Lüge, wie Lara wusste. Wenn Jasmin einen Test schreiben würde, hätte sie ihr das erzählt. Außerdem war ihre Freundin nicht gerade der pünktliche Typ, Mathetest hin oder her. Jasmin kam immer zu spät. Das war schon so etwas wie eine Tradition. Was war bloß los mit ihr?

Als sie selbst Damian in die Augen blickte, fand sie die Antwort auch nicht. Graue Augen. Okay, schöne graue Augen. Und sonst. Regte sich etwas in ihr beim Anblick dieser Augen? Nein! Warum machte Jasmin dann so ein Theater? Die Sache war mehr als peinlich.

Lara wandte sich an den Jungen, der ruhig ihren Blick erwiderte.

»Ich glaube, ich muss mich für meine Freundin entschuldigen. Normalerweise ist sie nicht so. Vielleicht liegt ihr der Mathetest im Magen.«

»Schon gut, ich finde sie nett.«

»Wolltest du etwas Bestimmtes?«, fragte Lara.

»Nein, ich sah dich herumstehen und dachte, ich komme mal rüber. Einfach so.«

»Oh, das ist … nett. Es ist ganz schön kalt, oder?« Lara schlang die Arme enger um den Oberkörper und trat von einem Fuß auf den anderen.

Er sagte nichts. Sah sie nur an. Mit seinen schönen grauen Augen.

Ein Gong erklang und verkündete das Ende der Pause.

»Okay, wir müssen wohl wieder hoch«, sagte Damian.

Er wollte sich gerade abwenden, als Lara einen Schritt auf ihn zumachte.

»Wir können zusammen gehen, wir haben ja eh denselben Weg«, sagte sie und lächelte ihn an.

Er erwiderte ihr Lächeln.

Und plötzlich war ihr nicht mehr kalt.

7.

Im Eingang der Schule stand Ben und sah ihr ernst entgegen. Er trug eine dicke braune Lederjacke im Pilotenstil, die wahrscheinlich ein Vermögen gekostet hatte, Timberland-Schuhe und eine Jeans von G-Star.

Das lebende männliche Topmodel, dachte Lara und seufzte. Wie soll man sich in diesen Typen nicht verlieben?

»Ich gehe dann schon mal vor«, sagte Damian und zwängte sich an dem anderen Jungen vorbei.

»Okay, wir sehen uns ja gleich«, meinte Lara, war aber in Gedanken schon bei Ben. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie langsam auf ihn zuging. Seine Augen verfolgten jeden ihrer Schritte. Kein Lächeln. Nichts.

»Hi«, sagte Lara.

Ben begrüßte sie nicht, sondern sagte stattdessen: »Wer ist der Typ?«

»Ein neuer Schüler. Ist sein erster Tag hier.«

Ben blickte über ihre Schulter zu Damian hinüber, der gerade durch die Tür verschwand. »Und was wollte er von dir?«

»Nichts. Einfach nur reden. Bist du etwas eifersüchtig«, neckte sie ihn und hoffte, dass es genau so war.

»Nein«, versicherte Ben hastig. »Ich war nur neugierig.«

Schade, dachte Lara. Ihre gute Laune verflog.

»Sehen wir uns nach der Schule?«, fragte Ben.

»Weiß nicht, muss erst mal nach Hause. Vielleicht später.«

Er beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf ihre Wange. »Ich mag dich«, flüsterte er leise in ihr Ohr. Bevor sie antworten oder reagieren konnte, war er auch schon verschwunden.

Ihre Finger legten sich auf die Stelle, an der seine Lippen sie berührt hatten.

Noch immer konnte sie seinen Kuss fühlen.

Damian stand hinter der gläsernen Eingangstür. Er beobachtete die Begegnung von Lara und dem anderen Jungen und sah auch, wie dieser ihr einen Kuss gab.

Bei diesem Anblick spürte er einen Stich in seiner Brust und fragte sich, woher dieser plötzliche unbekannte Schmerz kam. Es war so schwer, ihr nahe zu sein, ohne sie berühren zu können, ohne sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen und ihr ins Ohr zu flüstern, dass er sie liebte.

In der jetzigen Situation war das unvorstellbar.

Gabriel hatte ihr jede Erinnerung an die Ereignisse in Berlin genommen, und das war gut so, denn an dem, was dort geschehen war, konnte ein junger Mensch leicht zerbrechen.

Lara war damals in die Großstadt gekommen, ohne zu ahnen, dass sie eine wichtige Rolle im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse spielte. Seit Anbeginn der Zeit kämpften die Krieger des Lichts und die Krieger der Hölle um die Vorherrschaft in dieser Welt.

Seit Äonen war dieser Krieg ausgeglichen gewesen, aber nun drohte der Menschheit große Gefahr. Die Dämonen der Hölle, Sklaven Satans, hatten sich gegen Satans Herrschaft erhoben und waren dabei, das Schicksal aller zu verändern.

Als ehemalige Menschen drängten sie danach, die Ketten der Sklaverei abzuschütteln, in die Welt zurückzukehren, aus der sie gekommen waren, und eine eigene Schreckensherrschaft zu errichten.

In gewaltigen Horden überrannten sie einen Kreis der Hölle nach dem anderen. Ihr Ziel waren die Portale, nur sie stellten einen Zugang zur Oberwelt dar, aber diese Portale wurden im Auftrag Satans von gefallenen Engeln erbittert verteidigt. Fielen erst einmal die Portale, erfüllte sich endgültig auch das Schicksal der Gefallenen und so stellten sie sich den dämonischen Horden entgegen. Abertausende waren unter den Hieben der Angreifer bereits gefallen und noch immer starben sie, wie Getreide unter der Sense eines Bauern wurden sie gemäht.

Aber sie hielten stand.

Nur wie lange noch?

Satans letzte Hoffnung in diesem Kampf war seine Tochter. Lara! Vor achtzehn Jahren von ihm mit der Sterblichen Rachel Winter gezeugt, verfügte sie über die Macht der Hölle, aber sie konnte sich auch, im Gegensatz zu den Engeln, unbegrenzt in dieser irdischen Welt aufhalten. Zunächst hatte Satan geplant, sie seinen Feinden zu opfern, um die Dämonenfürsten mit dieser Gabe und durch einen Pakt wieder unter seine Herrschaft zu bringen, aber inzwischen hatte er sich anders entschieden. Die Dämonen ließen sich nicht mehr kontrollieren, keine Gabe und auch keine Versprechungen konnten sie mehr aufhalten. Es galt allein, diese letzte Schlacht zu gewinnen. Lara sollte dem gefallenen Engel Damian, die rechte Hand Satans, dabei helfen. Laras Macht war groß. Sie war Satans Tochter, aber vielleicht war sie auch viel mehr als das.

Vor einigen Monaten hatte ihn Satan damit beauftragt, Lara in die Hölle zu bringen, damit das Ritual des 6666. Tages ihres Lebens vollzogen werden konnte. Einem Ritual, das sie für alle Zeiten an die Hölle band, sie auf den Pfad des Bösen brachte, den sie niemals wieder würde verlassen können. Ein Feind der Menschheit, der die Waagschale zwischen Himmel und Hölle ins Wanken bringen konnte.

Damian hatte mit eigenen Augen diese Macht gesehen, als Lara an einer U-Bahn-Station in Berlin in einem fast verlorenen Kampf gegen Asiszaar und seine dämonischen Krieger einen Feuersturm ausgelöst und alle Dämonen vernichtet hatte. Asiszaar, Satans Jäger, hatte das Feuer überlebt, aber schließlich war er unter den Hieben der Engel gefallen.

Jedoch zuvor war es ihm noch gelungen, Damian seine Schwerter in den Leib zu rammen. Und dann war das Wunder geschehen. Er verging nicht wie andere Höllenkrieger im Feuersturm. Seine Existenz wurde nicht ausgelöscht, denn sein Opfer für Lara hatte seine Urschuld getilgt und er wurde wieder in die Bruderschaft der Engel im Himmel aufgenommen. Damals in Berlin hatte er sich aus Liebe zu Lara Satans Befehlen widersetzt. Und nun widersetzte er sich erneut, diesmal dem Himmel, indem er auf die Erde zurückgekehrt war, um Lara zu schützen. Aus Liebe.

Sie musste nicht wissen, wer er war und dass er sie liebte und sie ihn einst auch geliebt hatte. Es war besser, sie erfuhr nichts über die Ereignisse in Berlin. Nichts darüber, dass ihr Vater, von dem sie glaubte, er habe ihre Familie kurz nach der Geburt verlassen, in Wirklichkeit Satan selbst war. Sie durfte auch nicht erfahren, welche Schuld ihr verstorbener Großvater auf sich geladen hatte, denn an dieser Schuld und allem anderen konnte sie zerbrechen.

Ich liebe dich, dachte er sehnsüchtig.

Damian sah auf seine Hand hinab. Kurz hatte er Laras Hand zur Begrüßung gehalten, es war ein atemberaubendes Gefühl gewesen, aber nun zitterte diese Hand. Er bewegte vorsichtig seine Finger, die sich krampfhaft öffneten und schlossen. Der Verfall hatte begonnen. Kein Engel konnte sich für lange Zeit in dieser Welt aufhalten, das konnten nur Menschen und Dämonen. Die dunklen Engel und die Engel des Himmels litten mit jedem Tag in der Welt der Menschen Schmerzen und Beeinträchtigungen. Es war nicht ihre Welt und ER hatte dafür gesorgt, dass sie nicht bleiben konnten. Kehrten sie nicht rechtzeitig in den Himmel oder die Hölle zurück, starben sie qualvoll. Ihre Existenz verging. Verflog im Nichts.

Wohin soll ich zurückkehren, wenn die Schmerzen überwältigend werden? Wenn das Leid mir den Verstand raubt?

Es gab keinen Ort, an den er gehen konnte. Die Hölle sah in ihm einen Verräter und würde ihn vernichten. Der Himmel blieb ihm verwehrt, nachdem er gegen Michaels ausdrücklichen Wunsch hierher zurückgekehrt war. Er hatte sich für ein irdisches Dasein entschieden, was schon in naher Zeit beendet sein würde.

Die Schmerzen beginnen schon. Wie viel Zeit bleibt mir? Werde ich sterben, bevor ich meine Aufgabe erfüllen kann?

Damian knurrte dumpf auf. Er schüttelte den Kopf, so als erwache er aus einem Traum.

Ich werde kämpfen. Um jeden Atemzug. Alles, was zählt, ist, dass ich bei ihr bin, wenn sie mich braucht.

Als er aufblickte, sah er den Jungen, mit dem Lara gesprochen hatte. Lara musste inzwischen unbemerkt an ihm vorbeigegangen sein. Lächelnd blickte er zu ihm herüber. Ein merkwürdiger Ausdruck lag auf dem markanten Gesicht.

Warum sieht er mich so an?, fragte sich Damian.

Doch dann bemerkte er, dass der andere ihm nicht ins Gesicht sah, sondern auf seine Hand starrte, die wie eine Klaue aus dem Ärmel ragte.

Damian zuckte zusammen. Das Lächeln des Jungen wurde noch breiter, dann ging er durch die große Glastür.

8.

Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Ihr Nacken kribbelte unter diesem Blick. Damian.

Der Unterricht hatte begonnen, aber Lara konnte sich nicht darauf konzentrieren, was ihr Physiklehrer an der Tafel erklärte. Herr Seher hatte eine Versuchsanordnung aufgebaut, in der es um magnetische Felder ging, und kritzelte nun die physikalische Formel an die Tafel. Wie stets war seine krakelige Schrift kaum zu entziffern, also machte sich Lara gar nicht erst die Mühe mitzuschreiben, sie würde später im Buch nachschlagen oder auf Wikipedia nachsehen.

Ich habe Kopfschmerzen, dachte sie. Warum habe ich so oft Kopfschmerzen? Und warum bin ich ständig gereizt? Was ist bloß los mit mir?

Seit sie aus Berlin zurückgekehrt war, hatte sie diese Kopfschmerzen, und sie wurde häufig aus nichtigen Gründen wütend.

Die Schmerzen wurden stärker. Vor ihren Augen begann es zu flimmern. Nur noch undeutlich nahm sie Herrn Seher und ihre Mitschüler wahr.

Was? Was …?

Schwindel erfasste sie. Etwas Warmes floss aus ihrer Nase über die Lippen. Sie tastete mit den Fingern danach. Als sie die Hand vor die Augen hielt, erschrak sie.

Blut? Ist das Blut? Mein Blut …

Bleierne Schwärze legte sich über sie. Die Schmerzen verschwanden. Dankbar ließ sich Lara in die Dunkelheit fallen.

Sie spürte nicht mehr, wie sie hart mit dem Kopf auf die Tischplatte aufschlug.

Lara blickte sich um und verstand nicht. Sie war in einer anderen Welt. So weit ihr Blick reichte, herrschte graue, steinerne Ödnis, nur unterbrochen von glühenden Strömen, die sich ihren Weg durch den Fels bahnten. Die Hitze war atemberaubend. Schweiß lief ihr über das Gesicht, die Wangen glühten. Sie bekam kaum Luft. Jeder Atemzug war ein feuriges Messer, das sich in ihre Lunge bohrte.

Wo bin ich?

Ist das ein Traum?

Es fühlte sich so real an. Ein heißer Wind strich ihr über die Stirn, schien die Haut in Fetzen reißen zu wollen.

Plötzlich ein Ton. Wie von einem Tier unter großen Qualen ausgestoßen. Der Klang eines einsamen Horns folgte.

Lara fuhr herum.

Vor ihr lag das Grauen. Eine wüste Ebene, so weit das Auge reichte, angefüllt mit zerlumpten Leibern, die auf eine gigantische Festung zuströmten. Wie die Wellen eines Meeres brandeten sie gegen Mauern an, die über einhundert Meter hoch sein mochten. Lara blinzelte in die Hitze. Waren das Menschen, die Schwerter und Äxte schwangen?

Nein …

Lara erschrak. Es waren Monster. Nun konnte sie Gesichter in der Menge ausmachen. Gesichter? Nein. Fratzen. Hässliche, widerwärtige Fratzen, vor Wut verzerrt. Nun vernahm sie auch Schreie, aus unzähligen Kehlen ausgestoßen. Wie ein Banner flog der ohrenbetäubende Lärm vor ihnen her.

Dann wurde es dunkel.

Richtiggehend düster. Ein gewaltiger Schatten hatte sich über das Land gelegt. Lara blickte zum bleigrauen Himmel auf. Was sie sah, ließ sie an ihrem Verstand zweifeln. Weitere Monster, diesmal mit Flügeln, segelten im heißen Wind heran. Ihr Kreischen schmerzte in Laras Ohren.

Die Monster stürzten sich auf die Festungsmauern hinab und wurden von einer schwarzen Wolke aus Pfeilen empfangen, die ihnen surrend entgegenjagten. Posauen erklangen. Trommeln schlugen.

Die Welle der Monster am Boden war auch am Fuße der Mauer nicht zu stoppen. Lara konnte nicht erkennen, wie sie es machten, aber die Angreifer kletterten den rauen Stein hinauf, als würden ihre Pranken sicheren Halt finden. Ameisen gleich strömten sie der Brüstung entgegen. Von oben wurden Lanzen herabgeworfen. Pfeile schossen durch die Luft. Hunderte verloren den Halt, rissen weitere Tausend mit sich in den tödlichen Abgrund.

Das Chaos war vollkommen. Der Lärm der Schlacht, ein Meer, in dem sie zu versinken drohte.

Plötzlich wurde sie an der Hand berührt. Lara zuckte zusammen. Automatisch hatte sie die Hand zum Schlag gehoben, aber sie ließ die Faust wieder sinken, als sie erkannte, dass nur ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren vor ihr stand und sie aus himmelblauen Augen betrachtete.

»Ich bin Satan«, sagte das Mädchen, doch Lara verstand sie bei dem Lärm der tobenden Schlacht nicht. Die blonden Zöpfe schwangen leicht hin und her, als die Kleine unbekümmert von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Sie trug ein rotes Kleid, mit freundlichen blauen Kornblumen darauf. In das Haar war ein Blütenkranz geflochten. Die Geräusche um Lara herum wurden leiser, so als habe sich eine riesige Glocke über das Kampffeld gelegt.

»Schau mal, was ich bekommen habe.«

Das Kind holte ein Jo-Jo hervor und begann, damit zu spielen. Nach zwei Versuchen hatte sich die Schnur verwickelt.

»Och, das passiert mir jedes Mal«, sagte die Kleine enttäuscht. »Kannst du mir helfen?«

Die blauen Augen richteten sich Hilfe suchend auf Lara.