Dämonengrab - Jörg Benne - E-Book
Beschreibung

Es will deine Seele... Seit Generationen suchen Abenteurer in der Nähe eines alten Dorfes nach einer verschütteten Tempelanlage und deren legendärem Schatz. Als zwei Jungen zufällig einen verborgenen Eingang entdecken und einer der beiden unter mysteriösen Umständen verschwindet, schließen sich dem Suchtrupp auch einige Schatzsucher an. Doch auf das, was in den finsteren Gängen der Ruine auf sie lauert, ist keiner von ihnen vorbereitet... Klaustrophobischer Fantasy-Horror aus der Feder von Nuareth-Schöpfer Jörg Benne.

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Seitenzahl:424

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DÄMONENGRAB

– Deutsche Erstauflage –

1. Auflage

Veröffentlicht durch denMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKFrankfurt am Main 2017

www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen AusgabeMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKText © Jörg BenneLektorat & Korrektorat: Anja KodaSatz: Karl-Heinz ZapfCovergestaltung: Matyan & Matthias Lück

VP: 164-124-01-04-1017

eISBN: 978-3-96188-039-3

Jörg Benne

DÄMONENGRAB

Roman

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Danksagung

- 1 -

»Sie kommen!«

Ordo stand in der vordersten Reihe der Dorfmiliz von Brensacker. Wie die Männer und Frauen neben ihm, hielt er ein Schwert in der Hand. Tapfer sah er der sich nähernden Gefahr ins Auge: Nabloks! Die Kreaturen mochten klein sein, kaum größer als zehnjährige Kinder, und mit ihrer zusammengewürfelten Ausrüstung aus schartigen Waffen und halb verrosteten Rüstungen wirkten die Wesen beinahe lächerlich. Doch der Ausdruck in ihren widerlichen Fratzen mit den kleinen Hauern im Unterkiefer, war voller Entschlossenheit – und sie waren bei Weitem in der Überzahl. Rasch kamen sie heran, knurrten, brüllten und schwangen mit den langen Armen ihre Waffen über dem Kopf.

»Lako-Ma sei uns gnädig«, wimmerte ein Mitstreiter von Ordo neben ihm, wobei das Schwert in seiner Hand zitterte. Andere wichen unwillkürlich zurück.

»Verzagt nicht!«, rief Ordo über das Kriegsgeschrei der heranstürmenden Kreaturen hinweg. »Eure Familien verlassen sich auf euch.« Demonstrativ trat er selbst einen Schritt vor.

Obwohl Ordo mit seinen achtzehn Jahren einer der Jüngsten unter den zwei Dutzend Verteidigern war, zeigten seine Worte Wirkung. Die Leute neben ihm schlossen zu ihm auf, reckten ihre Waffen den Nabloks entgegen. Für mehr blieb keine Zeit, denn schon prallten die Fronten aufeinander.

Ordo schwang das Schwert mit tödlicher Präzision, parierte Angriffe, führte Attacken, durchbohrte Nabloks oder trennte ihnen Gliedmaßen ab. Bald war er mit ihrem Blut besudelt, doch er kämpfte verbissen weiter – für Brensacker, für seine Heimat.

»Ordo!«

Er wich einem Angriff aus, tänzelte zwei Schritte zurück und riskierte einen kurzen Blick über die Schulter, in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Die anderen Verteidiger des Dorfes kämpften nicht so behände wie er, aber sie waren tapfer und die meisten standen noch. Keiner sah in seine Richtung, wer hatte gerufen?

»Ordo, wach auf.«

Ordo schrak aus dem Schlaf. Er saß im Schatten eines Baumes, wo er sich nach getaner Arbeit niedergelassen hatte. Er musste für eine Weile eingenickt sein, denn die Sonne stand deutlich tiefer als er es in Erinnerung hatte.

Vor ihm stand sein Freund Varjan. Er hatte drei Sommer weniger gesehen als Ordo und war neben ihm der einzige Bursche in ihrem Alter, der noch nicht fortgegangen war. Jetzt drückte sein sommersprossiges Gesicht Belustigung aus. »Na, wieder mal gegen Nablokhorden gekämpft?«, fragte er und grinste.

Ordo spürte, wie er rot wurde. Er wusste, dass er manchmal im Schlaf sprach. »Was ist denn?«, wich er aus.

Varjan zuckte die Schultern. »Nichts. Ich war gerade auf dem Heimweg, als ich dich hier sitzen sah und dachte, du willst mich vielleicht begleiten.« Varjan war der Sohn des Holzfällers Asfen und wohnte gut eine Meile außerhalb des Dorfes im Wald.

Ordo kam auf die Beine. Sein Blick fiel auf Varjans Handkarren, der mit Säcken voll Mehl und anderen Lebensmitteln beladen war. »Verstehe. Natürlich nur, um unterwegs mit mir zu plaudern, was?«, brummte er.

Varjan grinste noch breiter. »Na ja, als echter Freund magst du mir vielleicht auch beim Ziehen helfen.«

»So, so. Erst störst du meinen verdienten Schlaf, dann machst du dich noch über mich lustig und jetzt soll ich dir helfen?« Ordo stemmte die Hände in die Hüften und starrte seinen Freund finster an.

Varjans hob die Hände. »In Ordnung, tut mir leid. Aber der Karren ist echt schwer…«

Ordo lachte und schlug Varjan auf die Schulter. »Reingefallen, ich bin dir nicht böse. Natürlich helfe ich dir.«

Varjan stimmte in das Lachen mit ein und gemeinsam zogen sie den Wagen den holperigen Weg in Richtung Wald. »Wovon hast du denn nun geträumt? Waren es wieder die Nabloks? Oder Wolfsmenschen? Oder vielleicht sogar ein Drache?«

Ordo knuffte ihn in die Seite. »Hör auf, sonst kannst du den Wagen allein weiterziehen.« Er seufzte. »Wenn wenigstens mal ein Nablok sich in die Gegend verirren würde …«

»… dann was? Schlitzt du ihn dann mit der Sense oder einer Sichel auf? Vielleicht mit einem Schälmesser?«, neckte Varjan.

Ordo ließ den Kopf hängen. Nicht nur im Schlaf träumte er davon, eine Waffe zu führen und in glorreiche Schlachten zu ziehen. Aber in Brensacker gab es keine Kämpfer, nicht einmal Waffen. Die einzige Ausnahme war das Schwert von Terok, dem alten Wächter, aber Ordo hatte es ihn noch nie benutzen sehen.

Ordos Alltag bestand aus der Morgenandacht im Tempel, gefolgt von harter Arbeit auf den Feldern, tagein, tagaus. Die einzige Abwechslung war die Tempelschule während des Winters. Zu gern wäre auch er von hier fortgegangen, hätte sein Glück bei der Armee oder in Terida, der nächstgelegenen Stadt, versucht. Er wollte die Welt sehen, Abenteuer erleben. Aber Ordo konnte nicht fort.

»Tut mir leid«, sagte Varjan. »Ich habe es wohl übertrieben.«

»Ja, hast du«, erwiderte Ordo. »Als ob du bessere Waffen ins Feld führen könntest.«

»Na, ich hätte immerhin eine Holzfälleraxt. Damit kann man Schädel spalten, sagt mein Vater.«

»Ach was, spalten. Mit einer Sense hau ich die Schädel gleich von den Schultern, das geht schneller.«

Die beiden lachten und Ordo wurde das Herz für den Moment ein wenig leichter.

Am darauffolgenden Tag ging Ordo unter der spätsommerlichen Mittagssonne über das Getreidefeld, das er mit seiner Mutter bewirtschaftete, und suchte nach Spuren von Raupen oder Käfern. Die Ähren standen hoch, stark, und waren beinahe reif für die Ernte. Es war ein guter Sommer gewesen und es versprach eine reiche Ernte zu werden. Vielleicht noch zehn Tage, überlegte Ordo, dann war es soweit.

Während er zwischen den Pflanzen einherging und mit den Händen durch die Ähren strich, überschlug Ordo in Gedanken, wie viele Scheffel Korn das Feld wohl bestenfalls abwerfen würde, zog ab, was er an den Tempel und für den Transport in die Stadt würde abtreten müssen, und rechnete den Ertrag aus. Als vor einigen Tagen ein fahrender Händler ins Dorf gekommen war, hatte Ordo ihn nach den Preisen gefragt, die in Terida für den Scheffel gezahlt wurden. Sie waren hoch wie lange nicht mehr. Nach den schlechten Ernten der Vorjahre waren die Speicher der Stadt beinahe leer. Würde er also dieses Mal genug Kronen bekommen, um mit seiner Mutter ein neues Leben anfangen zu können?

»Ordo, sieh!«, hörte er mit einem Mal ihre Stimme.

Er schrak aus seinen Gedanken. Seine Mutter stand am Rand des Feldes, wie immer schwer auf ihren Stock gestützt. Nach dem frühen Tod von Ordos Vater hatte sie das Feld viele Jahre allein bestellen müssen und sich mit der harten Arbeit den Rücken und die Gelenke ruiniert. Heute schaffte sie kaum noch den Weg in den Tempel und war auf Ordo angewiesen.

Sie deutete mit dem freien Arm nach Osten. Er folgte ihrem Blick und runzelte die Stirn. Finstere Wolken türmten sich dort auf, quollen hoch in den sonst blauen Himmel. Der Wind frischte mit einem Mal auf und blies Ordo die schulterlangen Haare ins Gesicht, als wollte er jeden Zweifel daran ausräumen, dass das Unwetter in Richtung des Dorfes ziehen würde.

Er stand da und starrte die Wolken entgeistert an. Es war nicht die Jahreszeit für Unwetter und als er vorhin auf das Feld getreten war, hatte er keine Anzeichen für einen aufziehenden Sturm bemerkt. Kein Stundenglas war seitdem verstrichen – wo kamen die Wolken so plötzlich her?

Eine heftige Bö fegte über das Feld, die Ähren bogen sich. Andernorts hätten die Bauern vielleicht hoffen können, dass die Wolken vorbeiziehen würden, doch diese Hoffnung gab es für Brensacker nicht, denn das Dorf lag am Ausgang des schmalen Narbentals, am Fuße der Götterzinnen. Dieses gewaltige Gebirge spaltete Nuareth von Nord nach Süd in zwei Hälften und keine Wolke konnte dieses Bollwerk überqueren, ohne sich vorher ihrer Last zu entledigen. Ordo schluckte. Wenn diese unheilverkündende Front sich über den Feldern entlud, würde sie die Ernte vernichten.

Der Sturm kam rasch näher und er hörte aus der Ferne schon das Grummeln von Donner. Stumm flehte er die Götter um Beistand an.

»Komm ins Haus!«, rief seine Mutter.

Er löste sich vom Anblick der Wolkenfront und rannte zwischen den Ähren auf den Rand des Feldes zu. Auch auf den angrenzenden Feldern stellten die Bauern ihre Arbeit ein und eilten zurück ins Dorf, wo einige Frauen beisammenstanden, den Blick auf den Sturm gerichtet.

Der Wind frischte weiter auf, Bö folgte auf Bö, und noch bevor Ordo seine Mutter erreicht hatte, grollte Donner laut und drohend über die Felder.

Seine Mutter hakte sich bei Ordo unter und er half ihr den kurzen Weg zurück zu ihrem Haus. Sie ächzte, als ihr durch die ungewohnt raschen Bewegungen der Schmerz in den gekrümmten Rücken fuhr, aber sie schleppte sich tapfer weiter.

Als sie das ärmliche Haus erreichten, heulte der Wind bereits und es war merklich dunkler geworden. Ordo lief schnell einmal um das Gebäude, schloss alle Fensterläden, sammelte herumliegendes Werkzeug ein und verstaute es im Schuppen neben dem Haus. Die ersten Regentropfen klatschten schwer auf die Erde, als er einen letzten Blick auf die Sturmfront warf.

Gigantisch türmten sich die Wolken über ihm auf und bildeten in ihrem Inneren einen Schlund. Ordo zitterte bei diesem Anblick vor Angst. Noch nie hatte er so etwas gesehen und er begriff, dass die Götter das Dorf vor diesem Sturm nicht retten würden – ein solches Unwetter mussten die Götter selbst ihnen gesandt haben. War das die Strafe für die Frevel der Ungläubigen, von denen Prior Dalet so oft im Tempel gepredigt hatte?

Ein lodernder Blitz, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag, trieb Ordo ins Innere. Seine Mutter hatte eine Laterne angezündet und hockte am Tisch, die Hände im Schoß gefaltet und Gebete vor sich hin murmelnd. Er fiel auf die Knie und schickte ebenfalls ein Gebet an die Gottkönigin Lako-Ma, flehte um Vergebung seiner Sünden und um Gnade für sich und die anderen Bewohner des Dorfes.

Obwohl sie hier zu Füßen des Heims der Götter lebten, schienen diese die Gebete nicht erhören zu wollen. Stattdessen ließ ein weiterer Donnerschlag Ordo zusammenzucken. Laut prasselnd schlug der Regen gegen die Ostseite des Hauses, die Fensterläden rüttelten in ihren Befestigungen, über ihnen heulte der Wind durch das Gebälk des Daches. Voller Angst sah Ordo auf. Würde das Gebäude standhalten? Was, wenn ein Blitz einschlug und das Dach in Brand setzte?

Plötzlich hämmerte es an die Tür und Ordo fuhr zusammen.

»Dulag kommt, um uns in sein Reich zu holen«, stieß seine Mutter hervor. Sie war kreidebleich geworden.

Ordo glaubte zwar nicht, dass der Totengott vor der Tür stand, dennoch rührte er sich erst, als er die Stimme von Gelon, dem Dorfschulzen vernahm, der über das Heulen des Windes brüllte. Was bei allen Göttern trieb ihn bei diesem Wetter nach draußen?

Ordo öffnete die Tür, die zum Glück auf der dem Wind abgewandten Seite des Hauses lag.

Gelon war schon nass bis auf die Haut, sein schütteres Haar hing ihm wirr in die Stirn. »Schnell!«, rief er. »In den Tempel.«

Ordo wollte ihn fragen warum, als sein Blick auf das Haus der nächsten Nachbarn fiel – auf die Reste davon. Das Dach war fortgeweht, die dem Wind ausgesetzte Wand eingedrückt. Bei allen Göttern …

»Beeilt euch, nur im Tempel ist es sicher!«, rief Gelon, dann rannte er weiter. Wie um seine Worte zu unterstreichen, fegte ein besonders schwerer Windstoß durch das Dorf, und die Balken des Daches ächzten über Ordos Kopf. Gelon wurde beinahe von den Füßen gerissen und torkelte einige Schritte seitwärts, ehe er sich wieder fing und zum nächsten Haus eilte, um auch dessen Bewohner zu warnen.

Ordo hastete zu seiner Mutter, die noch immer zusammengekauert am Tisch hockte. Er griff nach ihrer Hand. »Komm, Mutter, wir müssen in den Tempel.«

Sie sah ihn aus geweiteten Augen an. »Aber unser Hab und Gut, Ordo, wir können doch nicht alles hier zurücklassen!«

Der nächste Donnerschlag ließ sie beide zusammenzucken und machte eine Antwort überflüssig. Seine Mutter kam mühsam auf die Beine, griff sich dabei mit schmerzverzerrter Miene an den Rücken. Ordo zog sie dennoch unbarmherzig mit sich zur Tür. Sie hatten keine Zeit zu verlieren.

Dort schaute er angstvoll nach draußen. Über ihnen brodelte der Sturm, krachend schlug ein Blitz in einen nicht weit entfernten Baum und spaltete ihn unter Getöse beinahe auf ganzer Länge. Ordos Mutter schrie vor Angst auf und klammerte sich an ihn. Auch er war für einen Moment wie gelähmt, doch der Gedanke, dass der nächste Blitz das Haus treffen könnte, trieb ihn weiter.

Seine Mutter an der Hand hinter sich herziehend, hielt er auf den großen Lako-Ma-Tempel zu, der im Zentrum des Dorfes stand. Er war das einzige Gebäude aus Stein, und bei allem Zorn, den die Götter empfinden mochten, würde die Gottkönigin sicher nicht ihr eigenes Heiligtum zerstören. Zumindest hoffte Ordo das.

Gut zweihundert Schritte waren es bis dorthin. Normalerweise ein Weg, den Ordo allmorgendlich in kürzester Zeit zurücklegte – jetzt erschien er ihm endlos lang. Der Wind zerrte an ihren Kleidern, binnen weniger Augenblicke waren sie beide bis auf die Haut durchnässt, und Regenwasser lief Ordo in die Augen. Eine heftige Bö erfasste sie und die Hand seiner Mutter entglitt ihm. Er drehte sich nach ihr um. Sie war in einen der vom Regen gebildeten Bäche gestürzt und hatte Mühe, wieder auf die Beine zu kommen. Ordo zerrte sie hoch und sie stolperten weiter. Abermals tönte Donner, so laut, dass es ihnen in den Ohren klingelte. Als wolle der Wind sie am Erreichen des Tempels hindern, wurden die Böen noch heftiger. Ein alter Baum krachte kaum zehn Schritte von ihnen entfernt zu Boden und riss mit seinem Wurzelwerk einen riesigen Krater auf. Blätter und abgebrochene Zweige peitschten sie, und Ordo erwartete jeden Moment, von einem Blitz niedergestreckt zu werden.

Seine Mutter war am Ende ihrer Kräfte, als sie endlich das Portal des Tempels erreichten, neben dem die umliegenden Häuser winzig wirkten. Die mächtigen Torflügel waren geschlossen und Ordo hämmerte verzweifelt dagegen. Seine Mutter und er duckten sich unter den Torsturz, doch der bot ihnen kaum Schutz. Plötzlich setzte auch noch ein ohrenbetäubendes Prasseln ein und Ordo sah große Hagelkörner niedergehen, die auf die Dächer der Hütten trommelten und auf der Straße hüpften. Zwei Gestalten, die auf dem Weg zum Tempel waren, suchten rasch Zuflucht unter einem Baum. Ordo beugte sich schützend über seine Mutter und barg den Kopf unter den Armen. Beide drängten sich so nahe wie nur möglich ans Tor. Noch einmal hämmerte Ordo dagegen und endlich hörte er das Knirschen, mit dem innen der Riegel beiseitegeschoben wurde.

Zwei Männer waren nötig, um den Türflügel gegen den Wind so weit aufzustemmen, dass Ordo und seine Mutter sich ins Innere des Tempels zwängen konnten. »Es kommen noch mehr«, rief Ordo mit zitternder Stimme, damit die Männer den Riegel nicht wieder vorschoben.

Am ganzen Körper schlotternd stolperte er in den Altarraum, der den größten Teil des Tempels einnahm. Hier drin waren sie geschützt, wenngleich der Hagel so laut auf das steinerne Dach prasselte, als wolle er es einschlagen. Die meisten aus dem Dorf waren schon hier, hockten in den hölzernen Bänken, die Köpfe gesenkt oder zur Statue der Gottkönigin erhoben, die am Ende des großen Saales thronte und in gütiger Geste ihre Hände über die Gläubigen ausgestreckt hielt.

Oft war Ordo in den Tempel gekommen, wenn ihn wieder einmal Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit überkamen, weil er an dieses abgelegene Tal gefesselt war, das ihm nichts zu bieten hatte. Dann hatte ihm der Anblick der Statue Mut gemacht und ihm in Erinnerung gerufen, dass es seine Pflicht war, sich genauso für seine Mutter aufzuopfern, wie sie es nach dem Tod seines Vaters für ihn getan hatte.

Jetzt aber spürte Ordo nichts von dieser Güte. Angesichts des Zorns, den Lako-Ma und die anderen Götter auf das Dorf niedergehen ließen, erschien ihm das sanfte Lächeln im Gesicht der Statue beinahe wie Hohn.

Noch einmal heulte der Wind laut auf, als das Tor einen Spalt geöffnet wurde. Gelon half einer von Ordos Nachbarfamilien hinein. Die Mädchen schluchzten und hingen am Rockschoß ihrer Mutter, der Blut aus einer Platzwunde über die Wange lief. Jenek, der Vater, humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht zur nächsten Bank, ließ sich schwer hineinfallen und hielt sich dabei den linken Arm.

»Sind Larkis und seine Familie hier?«, fragte Gelon laut.

Ordo sah sich erschrocken im Tempel um. Er sorgte sich nicht nur um Larkis, dem die zerstörte Nachbarshütte gehörte. Erst jetzt, da sein eigenes Leben wieder sicher schien, war ihm sein Freund Varjan in den Sinn gekommen. Hatte die Holzfällerfamilie es auch in den Schutz des Tempels geschafft?

»Wir sind hier!«, antwortete Larkis von einer Bank nahe des Altars aus. Er hatte das einzige Kind auf dem Schoß, neben ihm saß seine Frau und weinte leise.

»Gut, dann sind alle hier, bis auf Asfen und die Seinen«, stellte Gelon fest und bestätigte damit Ordos Befürchtungen bezüglich Varjan und dessen Eltern. »Ich habe es nicht bis zu ihnen geschafft.« Er schüttelte betrübt den Kopf.

»Das hat auch niemand von dir erwartet.« Krian, einer der Männer am Tor, legte Gelon eine Hand auf die Schulter. »Du warst mutiger als wir anderen, aber Asfens Hütte ist zu weit draußen.« Ordo schluckte. Vielleicht hatte der Wald das Heim seines Freundes und dessen Eltern ja geschützt, versuchte er sich zu beruhigen, doch vor seinem geistigen Auge sah er die Bäume auf ihr Haus krachen und es unter sich begraben. Er blickte zur Gottkönigin auf. Bitte, Lako-Ma, schone ihr Leben, schone ihr Hab und Gut, betete er stumm.

Als Antwort heulte der Wind klagend durch einen Spalt im Tor. »Sehet und höret«, tönte unvermittelt eine Stimme durch den Saal, und alle wandten sich der Priesterkanzel zu. Prior Dalet stand dort, die Hände beschwörend erhoben und blickte zur Decke des Saales. »Ich habe euch oft von den Schandtaten erzählt, die Anhänger des unheiligen Jekari-Kultes einst in dieser Gegend verübten. Damals richteten die Götter die Jekari, verschütteten den Tempel, in dem sie ihre frevelhaften Messen feierten, Unzucht trieben und wer weiß was sonst noch. Der Zorn der Götter war so groß, dass sie einen halben Berg einstürzen und auf diesen Hort des Unheils niedergehen ließen, auf dass die Narbe in der Flanke des Berges die Menschen auf immer daran erinnern möge, dass es einzig der Wille Lako-Mas ist, dem wir zu dienen haben.

Verglichen mit ihrem damaligen Zorn ist dieser Sturm ein Nichts, nicht mehr als eine Mahnung, mit der die Götter uns bewusst machen, dass sie auch unser Dorf mit einem Wink vernichten könnten, wenn wir uns ihrer Gnade nicht als würdig erweisen. Um diese Gnade zu verdienen, müssen wir hier im Narbental besonders fromm und gläubig sein, müssen uns der Frevel der Kultisten erinnern und diese zugleich verdammen.«

Mit strenger Miene blickte Dalet durch den Raum und ließ seine Worte wirken, ehe er mit beruhigender Stimme fortfuhr: »Doch fürchtet euch nicht, Brüder und Schwestern. Hier, in der heiligen Halle Lako-Mas, wird euch kein Leid ereilen. Dieser Tempel wurde einst erbaut, um der Gottkönigin zu versichern, dass dieser Ort nie wieder dunklen Kulten und anderen Abwegen vom Glauben folgen wird. Hier wird sie uns schützen. Lasst uns niederknien und ihr danken, dass sie uns diesen Unterschlupf gewährt.«

Alle kamen seiner Aufforderung nach, sogar die Verletzten. Einige beteten laut und das gemeinschaftliche Gemurmel erfüllte den großen Raum, manchmal unterbrochen von dem Donner, der hier drin nicht mehr so bedrohlich klang. Auch Ordo betete inbrünstig, dankte der Gottkönigin für den Schutz im Tempel, flehte sie abermals an, das Leben von Varjan und seiner Familie zu schützen und die Hütten im Dorf unversehrt zu lassen. Dennoch fand er keinen Frieden im Gebet. Er hatte den Hagel gesehen und war sich sicher, dass die so vielversprechende Ernte vernichtet war – und mit ihr die Hoffnung von einem neuen Leben außerhalb von Brensacker.

Als der Sturm endlich nachließ, war es bereits spät in der Nacht und der Himmel war noch immer so mit Wolken verhangen, dass keiner der drei Monde zu sehen war. Prior Dalet bot den Dörflern an, im Tempel zu übernachten, und alle blieben.

Früh am nächsten Morgen wagten sich die Dorfbewohner aus dem Tempel. Zuerst drängten sie sich beim Tor und ließen den Blick schweifen, so als fürchteten sie, der nächste Blitz lauere nur darauf, dass sich einer von ihnen blicken ließe. Der Himmel war jedoch beinahe wolkenlos und die Sonne schien.

Der Anblick des Dorfes ließ viele aufstöhnen. Mehrere Bäume waren entwurzelt oder umgeknickt, einer versperrte die Straße, überall lagen Äste und Zweige herum. Viele Hütten hatten beschädigte Dächer, zerstört war jedoch nur die von Larkis und seiner Familie. Die Felder waren allerdings ein Bild des Jammers, die Ähren vom Wind niedergedrückt und vom Hagel zerschlagen. Es war auf den ersten Blick klar, dass nur wenig von der Ernte würde gerettet werden können.

Entsprechend niedergeschlagen gingen Ordo und seine Mutter zu ihrem Haus, und es munterte sie auch nicht auf, dass ihre Behausung, abgesehen von ein paar losen Dachsparren, den Sturm beinahe unbeschädigt überstanden hatte. Einzig den kleinen Unterstand an der Seitenwand, in dem Sense, Pflug und anderes Gerät aufbewahrt wurde, hatte der Sturm zerstört, Bretter und Werkzeuge lagen in weitem Umkreis verstreut. Im Inneren des Hauses war entgegen Ordos Befürchtungen alles unversehrt und sogar trocken geblieben.

Seine Mutter stimmte sogleich ein Loblied auf die Gottkönigin an, Ordo selbst war zwar auch dankbar, aber noch immer in Sorge um seinen Freund Varjan und dessen Familie. Also machte er sich sofort auf, um zu sehen, wie es ihnen ergangen war.

Auf dem Marsch zum Haus der Holzfällerfamilie versperrten Ordo einige umgestürzte Bäume den Weg und zwangen ihn zu einem Umweg durch das Unterholz. Andere Bäume standen gefährlich schief und er schlug einen Bogen um sie, aus Angst, sie könnten genau in dem Moment umstürzen, wenn er unter ihnen stand.

Endlich sah er hinter einer Biegung das Dach der Holzfällerhütte und atmete auf. Es war unversehrt und aus dem kleinen Schornstein stieg sogar Rauch auf. Tatsächlich wirkte die Lichtung, auf der Varjan und seine Familie lebten, so, als sei sie vom Sturm verschont geblieben. Nur ein paar abgebrochene Äste lagen herum, ansonsten sah alles aus wie immer.

Als er näher kam, hörte Ordo Geräusche aus dem Geräteschuppen. Varjans Vater Asfen trug einige Werkzeuge zu einem Handkarren, in dem bereits Nägel und Bretter lagen. Asfen war ein Riese von einem Mann, neben dem Ordo sich wie ein Hänfling vorkam, obwohl er durch die schwere Arbeit auf den Feldern durchaus muskulös war. Aber Asfens Oberarme hatten einen Umfang wie anderer Leute Oberschenkel und sein Hemd spannte über der gewaltigen Brust. Seine Miene war ernst, aber er lächelte ein wenig, als er Ordo bemerkte.

»Grüß dich, Ordo.« Er nahm ihn kurz in die Arme. »Hat es das Dorf hart getroffen?«

»Die Hütte von Larkis ist zerstört und einige Bäume sind umgestürzt. Die anderen Häuser haben es zwar besser überstanden, als ich befürchtet hatte, aber die Ernte ist verloren.«

»Das ist schlimm«, sagte Asfen düster. »Ist wenigstens niemand verletzt worden?«

»Jenek hat sich wohl den Arm gebrochen und ein paar hatten Schürfwunden, aber nichts Ernstes.«

Lautes Gebell ließ Ordo herumfahren. Harina, Varjans Mutter, hatte die Haustür geöffnet und Kjiba, die schwarze Mischlingshündin der Familie, war noch vor ihr herausgeschlüpft. Wild mit dem Schwanz wedelnd stürmte das Tier auf Ordo zu und sprang an ihm hoch. Erst auf einen scharfen Befehl von Asfen hin, beruhigte sich Kjiba etwas. Ordo tätschelte ihr den Kopf.

Harina trat mit sorgenvoller Miene zu ihnen. »Deiner Mutter geht es gut?«

Ordo nickte. »Wir waren im Tempel, dort war es sicher. Unseren Schuppen hat es zerlegt, aber das Haus ist in Ordnung und drinnen alles heil.«

»Den Schuppen bauen wir euch wieder auf«, versicherte ihm Asfen aufmunternd. »Also wollten uns die Götter nur Angst machen und uns nicht strafen«, fügte er, mehr zu sich selbst sprechend, hinzu. Er deutete mit dem Daumen auf den Schuppen. »Ich hole noch ein paar Bretter, dann können wir ins Dorf gehen, da wartet sicher eine Menge Arbeit auf uns.«

»Der Weg ins Dorf ist versperrt.« Ordo deutete auf den Karren. »Mehrere Bäume sind umgestürzt.«

Asfen runzelte die Stirn. Von der Lichtung aus waren die Hindernisse nicht zu sehen, stellte Ordo bei einem Blick über die Schulter fest.

»Hm«, machte Asfen. »Dann werden wir erst mal nur Werkzeug und ein paar Bretter mitnehmen. Varjan?« Er sah sich um. »Varjan! Wo steckt der Junge?«, fragte er seine Frau.

Die zuckte die Schultern. »Als er sah, wie der Sturm am Talende gewütet hat, wollte er unbedingt hin.«

Asfen seufzte. »Der Junge und seine Abenteuerlust. Selbst wenn der Sturm dort alles umgegraben hat, wird er keine Spur des Kultisten-Tempels finden.« Er wandte sich an Ordo. »Kannst du Varjan suchen? Ich mache mich besser rasch auf den Weg, damit die schlimmsten Schäden bis heute Abend behoben sind, falls es noch einmal zu regnen beginnt.«

Ordo stimmte gern zu, denn seine Neugier war geweckt. »Mache ich.«

Asfen hob mahnend den Zeigefinger. »Wenn du ihn findest, kommt ihr sofort ins Dorf. Dort wird jede Hand gebraucht.«

Auf dem weiteren Weg das Tal hinauf ragten die Götterzinnen majestätisch vor Ordo in den Himmel, so hoch, dass ihre Gipfel selbst jetzt im Sommer mit Schnee bedeckt waren. So weit das Auge reichte, reihte sich von Nord nach Süd Gipfel an Gipfel. Ordo hatte das Narbental in seinem Leben noch nie verlassen, aber von reisenden Kaufleuten hatte er gehört, dass es von hier aus mehr als hundert Meilen bis zu jedem Ende der Bergkette waren. Für ihn eine unvorstellbar lange Reise.

Wenngleich er das Gebirge jeden Tag sah, erfüllte ihn der Anblick noch immer mit Ehrfurcht. Nur wahrhaft mächtige Götter konnten eine solche Barriere geschaffen haben und nur sehr zornige Götter hätten eine ganze Bergflanke zum Einsturz gebracht, bloß um ein paar Ungläubige zu strafen. Neko Giar, den halben Berg, nannte man jenen, zu dessen Füßen der Tempel der Jekari gestanden haben sollte. Dem Berg fehlte der schneebedeckte Gipfel und seine, dem Tal zugewandte Flanke war keine Ansammlung felsiger Grate, wie bei den benachbarten Bergen, sondern eine graue, leblose Narbe aus Schutt, die sich bis heute nicht von dem Schlag der Götter erholt hatte. Wegen ihr erhielt das Tal seinen Namen. Nur am Fuße des Berges hatten die Götter gestattet, dass wieder Bäume wuchsen, damit diese auch die letzten Spuren des Jekari-Tempels tilgen konnten.

Aber diese Bäume standen nun nicht mehr, wie Ordo sah, als er die Holzfällerhütte ein Stück hinter sich gelassen hatte und ihm eine Lichtung einen Blick auf das Talende gestattete. Waren im Dorf und im Tal nur vereinzelt Bäume umgefallen, schien am Fuß des Neko Giar kein einziger stehengeblieben zu sein, so, als habe der Sturm sich vor allem dort ausgetobt. Offenbar hatte es sogar einen Erdrutsch gegeben, jedenfalls sah der untere Teil der Bergflanke ganz anders aus, als Ordo ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht waren ja wirklich Spuren des alten Tempels freigelegt worden, womöglich sogar ein Zugang.

Die Vorstellung, die legendäre Anlage zu betreten, jagte Ordo einen wohligen Schauder über den Rücken. Wie jedes Kind aus dem Narbental hatte auch er schon voller Abenteuerlust den Wald am Fuß des Neko Giar nach Spuren des Tempelbaus durchforstet, aber nichts gefunden. Nur die Aufzeichnungen im Lako-Ma-Tempel belegten, dass es die Kultstätte überhaupt gegeben hatte, aber selbst die waren erst nach dem Zorn der Götter entstanden. Man konnte also nicht sicher sein, ob die Schilderungen der riesigen Ausmaße des Kultisten-Tempels und die Einzelheiten über die darin begangenen Gräuel der Wahrheit entsprachen. Doch wer war er, die Aufzeichnungen von Priestern der Gottkönigin in Zweifel zu ziehen?

Ordo beschleunigte seine Schritte, um die zwei Meilen bis zum Ende des Tales zügig zu bewältigen. Die Flanken der anderen Berge rückten rasch näher und das Tal stieg langsam an, aber Ordo war ein ausdauernder Wanderer. Er traf auf den Bach, der sonst gemächlich durch das Tal floss. Jetzt war dieser über die Ufer getreten, schlammiges Wasser schäumte in dem schmalen Bett und führte Äste und Laub mit sich. Ordo folgte dem Verlauf.

Sein Blick wurde immer wieder vom Talende angezogen, sodass er einige Male ins Stolpern geriet, weil er einen Stein oder eine Wurzel übersah. Die Zerstörung, die der Sturm im Zusammenspiel mit dem Erdrutsch angerichtet hatte, war erschreckend. Nur vereinzelt reckte sich noch ein Baum gen Himmel, die anderen lagen kreuz und quer übereinander, viele unter einer Schlammschicht begraben.

Im Näherkommen schwand Ordos Hoffnung, dass in dem Chaos ein Teil der alten Kultstätte aufgetaucht sein mochte. Wenn überhaupt, war alles nur noch tiefer unter Schlamm und Baumstämmen begraben. »Varjan?« Ordo rief einige Male, bekam aber keine Antwort, obwohl sein Ruf von den nahen Felswänden widerhallte.

Allmählich machte er sich Sorgen. Varjan neigte zu Übermut und der Schlamm mochte tückisch sein. Vielleicht steckte er fest oder war zwischen zwei Baumstämmen eingeklemmt worden, die plötzlich in Bewegung geraten waren.

Ordo schluckte und rief lauter. Er erhielt noch immer keine Antwort. Mittlerweile hatte er die Ausläufer der Schlammlawine erreicht, der Bachlauf verschwand einfach darin. Vorsichtig erklomm Ordo einige Baumstämme, bis er besser sehen konnte, rief noch einmal, diesmal schon mit Verzweiflung in der Stimme.

Nicht auch noch Varjan, dachte er. All seine anderen Freunde aus Kindertagen hatten Brensacker den Rücken gekehrt und kamen nur sehr selten heim, um ihre Eltern zu besuchen.

»Hier!«, erklang es da plötzlich hinter ihm. »Hier bin ich.«

Ordo fuhr herum und sah seinen Freund am Fuße der Schlammlawine stehen und ihm zuwinken. Erleichtert machte er sich an den Abstieg.

»Hast du mich nicht gehört?«, fragte er vorwurfsvoll, als er bei seinem Freund ankam. »Ich habe schon gedacht, dir sei etwas zugestoßen.«

»Ach was.« Varjan tat es mit einer lässigen Handbewegung ab.

»Dein Vater sucht dich«, fuhr Ordo verärgert fort. »Wir sollen sofort ins Dorf kommen, es gibt einiges zu tun.«

Varjan seufzte und sah zum Berg hinauf. »Na schön, dann lass uns gehen.« Er ging voran.

Ordo schloss rasch zu ihm auf. Eigentlich war er wütend und wollte deshalb nicht fragen, aber seine Neugier war doch zu groß. »Hast du etwas gefunden?«

Varjan nickte grinsend. »Zeige ich dir heute Abend.«

Obwohl Ordo auf dem Weg ins Dorf noch mehrmals nachhakte, ließ sich Varjan nicht mehr als ein geheimnisvolles Lächeln entlocken. Als sie die ersten Häuser von Brensacker erreichten, trennten sich ihre Wege. Varjan wurde zu seinem Vater gerufen, um diesem zu helfen, während Ordo bei einem Nachbarn mit anpackte, der sein ramponiertes Dach reparierte. Später halfen ihm andere, den Schuppen neben seinem Haus wieder aufzubauen. Unter der Sonne, die vom wolkenlosen Himmel brannte, als habe es nie ein Unwetter gegeben, war das ein schweißtreibendes Unterfangen.

Wenngleich die Arbeiten gut vorangingen, war die Stimmung gedrückt. Immer wieder warfen die Dörfler Blicke auf die von Wind und Wetter verheerten Felder. Der Sturm hatte nicht nur Ordos Träume zerstört.

Erst gegen Mittag trafen sich Ordo und Varjan wieder. Alle Dorfbewohner versammelten sich am großen Brunnen, wo sich die durchgeschwitzten Männer wuschen, während die Frauen eine Tafel deckten, an der ein gemeinsames Mahl serviert wurde. Ordo schaufelte den Eintopf gierig in sich hinein und holte sich noch einen Nachschlag. Als er sich gerade wieder setzen wollte, trat Varjan neben ihn.

»Wir treffen uns heute Abend«, sagte er leise. »Bei den drei Eichen am Bach, wenn die Sonne hinter den Gipfeln steht. Dann zeige ich dir, was ich gefunden habe.«

- 2 -

Obwohl er auch den Nachmittag über schwer arbeitete, wanderten Ordos Gedanken des Öfteren zum Tempel der Kultisten. Was mochte Varjan nur gefunden haben? Bloß ein Stück Mauer? Das war der letzte Fund, von dem man sich in Brensacker erzählte, und man hatte nie sicher sagen können, ob die paar Ziegelsteine wirklich Teil der Kultstätte gewesen waren. Trotzdem kursierten nach wie vor Legenden von riesigen Schätzen, die im Inneren des verschütteten Tempels liegen sollten. Die Aussicht, etwas davon zu finden, lockte immer wieder Leute von fernen Orten her. Abenteurer, die auf den großen Reichtum hofften und auch nicht von den sich hartnäckig haltenden Gerüchten abgeschreckt wurden, denen zufolge verdammte Seelen und grauenvolle Kreaturen in den verschütteten Gängen ihr Unwesen treiben sollten.

Im Gasthaus hatte Ordo noch vor wenigen Tagen zwei solche Abenteurer großspurig erzählen hören, dass sie genau wüssten, wo der Zugang zum Tempel läge. Aber wie so viele vor ihnen, hatten auch diese beiden nichts gefunden und sich schließlich mit missmutigen Gesichtern wieder auf den Heimweg gemacht.

Was, wenn Varjan nun tatsächlich einen Zugang gefunden hatte? Gab es die Schätze wirklich – und die Geister und Monster womöglich auch? Der Gedanke ließ Ordo einen Schauder über den schweißnassen Rücken laufen. Unvermittelt durchfuhr ihn ein dumpfer Schmerz, als er sich mit dem Hammer auf den Daumen schlug. Fluchend vertrieb Ordo die Tagträume vom Tempel und konzentrierte sich stattdessen wieder auf seine Arbeit.

Als die Sonne nur noch knapp über den Spitzen der höchsten Gipfel stand, war die wichtigste Arbeit getan. Die Dächer waren wieder instand gesetzt, der auf die Straße gestürzte Baum zersägt und beiseite geschafft. Auch der Geräteschuppen neben Ordos Haus war weitgehend wiederhergestellt, wenn auch etwas kleiner als zuvor.

Im Tempel sollte eine Abendandacht stattfinden, um der Gottkönigin dafür zu danken, dass niemand ernsthaft verletzt worden war. Angesichts der ruinierten Ernte hielt sich Ordos Dankbarkeit jedoch in Grenzen und er war nicht der einzige, der der Andacht fernblieb. Einige der Bauern gingen stattdessen auf die Felder, um zu retten, was zu retten war. Ordo eilte zum vereinbarten Treffpunkt, um endlich zu erfahren, was Varjan gefunden hatte. Die wenigen Ähren, die den Sturm überstanden hatten, konnte er auch am nächsten Tag noch ernten.

Varjan erwartete ihn bereits voller Ungeduld. Er hatte eine Rolle Seil und eine Laterne bei sich. Kaum, dass Ordo bei ihm angelangt war, ging Varjan voran auf den Erdrutsch zu.

»Nun sag schon, was du gefunden hast«, drängte Ordo, der es nicht länger aushielt.

»Einen Eingang«, prahlte Varjan. »Ich war sogar schon drin, deshalb habe ich dich nicht rufen hören.«

Ordo verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt. »Und?«

»Da waren natürlich überall Geister und Monster, deshalb will ich ja noch mal hin«, erwiderte Varjan mit einem breiten Grinsen.

»Nein, ernsthaft, was hast du gesehen?«

»Nichts. Es ist ein ganz schmaler Schacht, der in einen großen Raum mündet. Das Licht von draußen reichte nur für ein paar Meter. Deswegen habe ich diesmal die hier dabei.« Er deutete auf die Laterne.

Ordo schluckte. Nun, da es gewiss war, was Varjan gefunden hatte, wurde ihm ein wenig mulmig bei dem Gedanken, wirklich in den Tempel hinabzusteigen. Aber er versuchte sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, schließlich war er der ältere der beiden und wollte nicht als Feigling dastehen.

Sie sprachen nicht mehr viel, bis sie das Gewirr aus umgestürzten Bäumen und Schlamm erreichten, das der Erdrutsch hinterlassen hatte. Die Berggipfel warfen bereits lange Schatten und Ordo fragte sich, ob sie bei diesen Lichtverhältnissen noch sicher klettern konnten.

Varjan machte aber gar keine Anstalten die aufgetürmten Baumstämme zu erklimmen, sondern umrundete die Schlammlawine auf der linken Seite des Baches. An dieser Stelle hatte ein mächtiger Felsvorsprung hoch über ihnen die darunter stehenden Bäume geschützt. Zwar war der Boden auch hier von einer nur an der Oberfläche getrockneten Schlammschicht bedeckt, doch Ordo und Varjan konnten sich an den Bäumen festhalten und so den Steilhang erklimmen. Sie gelangten ohne große Probleme auf die Höhe, bis zu der der Hügel aus Holz und Morast reichte, den die Lawine hinterlassen hatte. Darüber war alles mit Matsch und Geröll bedeckt, hier und da ragten abgebrochene Baumstämme heraus.

»Pass auf, es ist verdammt rutschig«, warnte Varjan.

Ordo folgte seinem Freund quer zum Hang bis zu einem gewaltigen Baumstumpf. Der ragte eine Armlänge aus dem Morast und es hätte mehrere Männer gebraucht, um den Stamm zu umfassen, dennoch war der Baum von den Geröllmassen einfach abgebrochen worden. Direkt daneben gähnte ein Loch, in dem Ordo erst auf den zweiten Blick einen gemauerten Schacht erkannte. »Das ist er«, verkündete Varjan stolz.

Ordo näherte sich vorsichtig. Er beugte sich vor, um in den Schacht hinabzusehen, der etwa einen Schritt breit war. Das verbliebene Tageslicht reichte nicht aus, um bis zum Boden zu sehen.

»Nimm sie.« Varjan hielt ihm die Laterne hin, nachdem er sie entzündet hatte. »Leuchte mal hierher.«

Varjan machte sich daran, das Seil an einer dicken Wurzel des Baumstumpfes festzubinden, die von den Wassermassen halb aus dem Erdreich gewaschen worden war. Als er fertig war, zog er mit seinem ganzen Gewicht an dem Seil. Es hielt und Varjan warf es in den Schacht hinab.

Ordo hielt die Laterne in das Loch. An einer Seite war bröckelndes Mauerwerk zu sehen, an den anderen hingen Wurzeln aus dem Erdreich. Vielleicht eine Art Kamin? Am Grund wurde das Licht von einer Wasserfläche reflektiert. Allzu tief schien der Schacht nicht zu sein, Ordo schätzte höchstens fünf Schritte.

»Keine Sorge, das Wasser ist nicht mal knöcheltief. Willst du zuerst runterklettern?« Varjans Grinsen und dem Klang seiner Worte war eindeutig zu entnehmen, dass er davon ausging, Ordo würde ihm den Vortritt lassen.

»Klar, wenn du die Laterne hältst«, erwiderte Ordo trotzig, wenngleich er zuvor einen Kloß im Hals hinunterschlucken musste. Varjan war für einen Moment überrascht, nahm dann aber die Laterne entgegen.

Ordo packte das Seil und zog selbst noch einmal prüfend daran, ehe er dem Schacht den Rücken zuwandte. Kurz zögerte er, doch nun konnte er nicht mehr zurück, wenn er sein Gesicht wahren wollte. Also ging er in die Hocke und streckte sein rechtes Bein vorsichtig in den Schacht, umschlang das Seil mit dem Bein und schaffte sich so einen provisorischen Halt, ehe er sich tiefer hinabrutschen ließ. Das Seil mit Händen und Füßen umklammernd, kletterte er langsam tiefer. Kälte und ein feuchter, erdiger Geruch schlugen ihm von unten entgegen. Über ihm ging Varjan in die Hocke und hielt die Laterne in den Schacht, an dessen Wänden einige Insekten und Spinnen rasch das Weite suchten.

Obwohl er kein geübter Kletterer war, gelangte Ordo ohne große Probleme nach unten. Das Wasser plätscherte laut, als er mit den Füßen hineintrat. Das Geräusch wurde zurückgeworfen und hallte einige Augenblicke nach. Beklommen sah Ordo sich um. Das Licht von oben reichte kaum einen Schritt weit. An zwei Seiten konnte er Mauerwerk erkennen, doch die beiden anderen waren offen und dort lauerte die Finsternis.

»Ich schicke dir die Laterne am Seil runter«, rief Varjan von oben. Ordo sah dem Seil bang hinterher, während Varjan es einholte. Für einen Moment überkam ihn ein Anflug von Panik, aber Varjan beeilte sich, die Laterne am Seil zu befestigen und zu Ordo herabzulassen.

Das Metall des Lampengehäuses war schon heiß und Ordo verbrannte sich die Fingerspitzen, als er sie entgegennahm. Er achtete kaum darauf, viel zu groß war sein Bedürfnis, die bedrückende Finsternis zu vertreiben, die ihn umgab. Mit zittrigen Fingern löste er die Laterne vom Seil, hielt sie hoch und blickte sich um.

Es schien, als habe er mit seiner Vermutung recht behalten. Er stand wohl wirklich in einem Kamin, denn an einigen Stellen waren die Wände noch rußgeschwärzt. Die Feuerstelle, an der Ordo nun stand, lag in der Ecke eines großen Raumes, der zum Teil eingestürzt war. Er war so groß, dass das Licht der Laterne nicht bis zur gegenüberliegenden Wand reichte. Aus der Decke ragten überall Wurzeln, kleinere bildeten dort ein Geflecht und wucherten auch an den gemauerten Wänden. Der Boden war weitgehend mit Wasser bedeckt, nur hier und da bildeten Schutthaufen kleine Inseln.

Zögernd trat Ordo einen Schritt in den Raum hinein, um Varjan Platz zu machen. Erneut hallte das Plätschern wider und Ordo fragte sich besorgt, welche Bewohner dieser so lange verschütteten Ruinen er mit seinen Schritten gerade aufweckte. »Na, was sagst du?«, fragte Varjan, kaum, dass er neben Ordo gelandet war.

»Beeindruckend«, stieß Ordo nach kurzem Zögern hervor.

»Gib mal her.« Varjan griff sich die Laterne und ging forsch einige Schritte in den Raum hinein. Dort drehte er sich einmal um die eigene Achse.

Ordo beeilte sich ihm zu folgen, um nicht allein im Dunkeln zurückzubleiben. Er fröstelte, nicht nur der Kälte wegen.

»Sieh dir das an«, schwärmte Varjan. »Seit Jahrhunderten ist hier niemand gewesen. Wir sind die ersten die das sehen, seit der Berg den Tempel unter sich begraben hat.« Mit weit aufgerissenen Augen und einem verzückten Lächeln auf den Lippen drang er weiter vor und umrundete einen der Schuttberge.

Ordo stolperte hinter ihm her. »Warte.« Er flüsterte unwillkürlich.

Varjan hörte nicht auf ihn, ging weiter, hielt die Lampe mal in diese, mal in jene Richtung. Noch immer kam keine Wand in Sicht, sie befanden sich wohl in einer Art Saal. Die Laterne enthüllte nur mehr Wasser, Wurzeln, Schutt und Mauerreste, etwas anderes gab es nicht zu entdecken.

Ordo warf einen Blick über die Schulter und sein Mund wurde trocken, als er nur Dunkelheit sah. Er packte Varjan am Arm.

»Bleib stehen«, zischte er.

»Was ist denn?«

Ordo deutete in die Finsternis. »Wir verlieren den Schacht aus den Augen. Was, wenn wir uns verirren?«

Varjan blickte in die Richtung, aus der sie gekommen waren und das Lächeln auf seinen Lippen erlosch. »Du hast recht. Lass uns zurückgehen und dann einer der Wände folgen.«

Schon nach wenigen Schritten konnten sie das Rechteck fahlen Lichts wieder sehen, das durch den Schacht fiel. Ordo war sehr erleichtert und wäre am liebsten sofort wieder nach oben geklettert.

Varjans Neugier war hingegen noch nicht gestillt. Wie angekündigt tastete er sich an einer der Wände entlang. Ordo folgte ihm widerwillig.

Das Wasser wurde seichter und schließlich liefen sie über trockenen Boden. Ordo war froh, dass ihre Schritte endlich nicht mehr so viel Lärm verursachten.

»Da sind Stufen«, rief Varjan aus und beschleunigte seine Schritte, bis er am Absatz einer Treppe angelangt war. Er leuchtete nach unten und verharrte. Das Mauerwerk des Treppenhauses war zwar besser erhalten als das im Saal, doch nur die obersten zwei Stufen der in die Tiefe führenden Treppe waren intakt, von den nächsten war nur die Hälfte oder sogar noch weniger übrig.

Ordo blickte nach oben. Die Decke über der Treppe war von dichtem Wurzelwerk bedeckt. Wahrscheinlich war hier etwas Großes in den Treppenschacht gestürzt und hatte die Stufen beschädigt.

Varjan trat zögernd auf die erste Stufe und prüfte ihre Stabilität mit seinem Gewicht.

»Willst du etwa da runter?«, fragte Ordo entgeistert.

Varjan schnaubte. »Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du dich nichts traust?« Er schüttelte verächtlich den Kopf und ging eine Stufe weiter. »Siehst du, sie halten.«

Um die zwei intakten Stufen hatte Ordo sich auch keine Sorgen gemacht, aber er verkniff sich eine Erwiderung.

Dicht an die Wand gedrängt setzte Varjan vorsichtig einen Fuß auf die erste der beschädigten Stufen. Es war deutlich zu hören, dass unter ihnen etwas ins Dunkle rieselte, aber sie schien Varjans Gewicht zu halten. Sich mit der rechten Hand an der Wand abstützend und mit der linken die Laterne über das gähnende Loch haltend, wagte er sich weiter vor, bis er den schmalen Rest des nächsten Treppenabsatzes erreichte. Er grinste triumphierend. »Siehst du. Jetzt komm, oder willst du da oben im Dunkeln warten?«

Ordo presste die Lippen zusammen. Er wollte sich keine weitere Blöße geben, also wagte er sich vorsichtig auf die lädierten Stufen. Wieder hörte er Sand in die Tiefe rieseln, aber davon abgesehen fühlten sich die Stufen tatsächlich sicher an und er erreichte ohne große Probleme den Absatz.

»War doch gar nicht gefährlich.« Varjan grinste breit. Er ging in die Hocke und hielt die Laterne vor sich. Die weiteren Stufen waren kaum beschädigt und am nächsten Treppenabsatz gab es einen Durchgang in einen Raum, in den das Licht nicht reichte. Das Treppenhaus führte noch weiter in die Tiefe, wie viele Stockwerke es gab, konnten sie nur erahnen.

Varjan tänzelte über den schmalen Absatz und stieg die Stufen hinab. Ordo folgte ihm zum nächsten Raum, der auch so groß war, dass sie die gegenüberliegenden Wände nicht erkennen konnten. Im Gegensatz zu dem oberen Saal hatten sich hier keine Wurzeln durch die Decke gebohrt, es war auch nichts eingestürzt und auch kein Wasser eingedrungen. Dafür lagen Reste von Mobiliar herum und alles war von einer fingerdicken Staubschicht bedeckt.

»Unglaublich«, murmelte Varjan und betrat den Raum. »Nach all den Jahrhunderten.« Er hielt die Lampe über einige halbvermoderte Holzreste, bückte sich und hob etwas hoch. Ein kleines Tongefäß, das innen dunkel verfärbt war. »Was ist das?«

An einer der Wände entdeckte Ordo ein ganz ähnliches Gefäß, das dieselbe Verfärbung aufwies. »Sieht aus wie ein Tintenfass«, mutmaßte er.

Varjan nickte. »Könnte sein. Vielleicht war das hier eine Schreibstube oder so etwas.« Er sah Ordo an und grinste. »Hier haben die Kultisten sicher ihre dämonischen Riten niedergeschrieben«, fügte er mit theatralischer Grabesstimme hinzu.

»Lass das«, fuhr Ordo ihn an.

Varjan tätschelte ihm die Schulter. »Ich mache doch nur Spaß.«

Er wandte sich um und trat weiter in den Raum. Bei jedem Schritt wirbelte er eine kleine Staubwolke auf.

Tatsächlich gab es in regelmäßigen Abständen weitere Häufchen von halb verrottetem Holz, die von Spinnweben und Staub bedeckt waren. Dieser Ort erschien Ordo wie ein Grab und er fühlte sich zunehmend unwohl, doch Varjan hatte die Laterne und er wollte nicht als Feigling dastehen. Also folgte er seinem Freund tiefer in den Saal.

»Bücher!«, rief Varjan aus und eilte auf die gegenüberliegende Wand zu, die endlich vom Schein der Lampe enthüllt worden war. Sie war über viele Meter von einem Regal verdeckt, das in Teilen noch stand und in dem sich Buchrücken an Buchrücken reihte. Viele weitere Bücher lagen auf dem Boden herum.

Varjan hielt die Laterne dicht an das Regal und starrte die Schrift auf den Ledereinbänden mit schief gelegtem Kopf an. »Kannst du das lesen?«

Ordo trat neben ihn und kniff die Augen zusammen. Seltsame Schriftzeichen bedeckten die rissigen, staubigen Einbände. Bei einem wischte er den Staub beiseite, doch auch das änderte nichts daran, dass er den Titel nicht entziffern konnte.

Varjan reichte Ordo die Laterne und zog wahllos einen der Folianten aus dem Regal. Vorsichtig, beinahe andächtig, wischte er über den Buchdeckel und klappte ihn dann auf. Das Leder knirschte, brach aber nicht. Das Papier im Inneren war unversehrt, die Schriftzeichen auf der ersten Seite waren jedoch nahezu verblasst und ebenso unleserlich, wie die auf dem Buchrücken. Behutsam blätterte Varjan um. Das Papier war rissig und an einigen Stellen beinahe durchscheinend, aber es hielt. »Was meinst du, was ist so ein Buch wert?«, fragte Varjan.

»Ein Buch das keiner lesen kann? Vermutlich gar nichts.«

»Nur weil wir es nicht lesen können, ist ja nicht gesagt, dass es keiner kann. Dalet kann es bestimmt.«

»Du willst dem Prior das Buch zeigen? Bist du verrückt? Der würde es unbesehen als Dämonenwerk verbrennen – und uns beide vielleicht gleich mit, wenn er wüsste, dass wir hier waren.«

Varjan verzog den Mund. »Wahrscheinlich hast du recht.« Er legte das Buch beiseite. »Bei all den Büchern muss es doch auch eins in unserer Schrift geben.« Er schritt langsam am Regal entlang und ließ dabei einen Finger an den Buchrücken entlanggleiten.

Ordo leuchtete ihm, wandte dabei aber immer wieder den Kopf, um den Rest des Saals im Auge zu behalten. Nach wenigen Schritten kam etwas in Sicht, das ihn erstarren ließ. Das Frösteln verstärkte sich noch. Ordo klappte den Mund auf, um etwas zu sagen, brachte aber keinen Laut heraus.

»He!«, rief Varjan aus. Er war am Rand des Lichtkreises angelangt und bemerkte erst jetzt, dass Ordo stehengeblieben war. »Was ist denn …?«

Ganz allmählich gewann Ordo seine Fassung zurück. Der Anblick, den ihm die Laterne so unvermittelt geboten hatte, verlor seinen Schrecken.

An einem Pult, auf dem mehrere dicke Bücher lagen, saß ein Skelett zurückgelehnt auf einem Stuhl und schien sie aus seinen leeren Augenhöhlen anzustarren. Seine Hände ruhten, von Spinnweben bedeckt, auf dem Tisch, die Beinknochen lagen auf einem Haufen unter dem Pult. Der Brustkorb war mit Resten von Kleidung bedeckt, die Knochen schimmerten hier und da durch.

»Bei Lako-Ma«, stieß Varjan hervor, der seine Sprache zuerst wiederfand. »Habe ich mich erschreckt.«

Ordo konnte den Blick nicht von dem Gerippe wenden und fürchtete immer noch, dass es sich jeden Moment erheben und sie angreifen würde, beseelt von einem der verfluchten Geister, die hier hausen sollten. Wie um seine Angst zu bestärken, hörten sie in der Ferne ein Heulen, das Ordo einen Schauder über den Rücken jagte. »Wir sollten hier verschwinden«, flüsterte er.

»Das war nur der Wind«, versuchte Varjan ihn und vielleicht auch sich selbst zu beruhigen. Im Licht der Laterne wirkte er jedoch recht blass.

»Trotzdem«, beharrte Ordo. »Draußen wird es längst dunkel sein. Bald wird man nach uns suchen.«

Varjan blickte sich unsicher um und nickte langsam. »Ja, vielleicht sollten wir gehen. Aus welcher Richtung sind wir gekommen?«

Ordo war sich selbst nicht mehr sicher und aufkommende Panik klumpte ihm die Eingeweide zusammen. Dann fiel sein Blick jedoch auf ihre Fußspuren im Staub. »Dort entlang.«

Ordo lief los. Er glaubte nicht, dass dieses Heulen vom Wind hervorgerufen worden war. Wenn sich hier auch nur ein Lüftchen geregt hätte, würde viel mehr Staub im Licht der Laterne tanzen, doch dem war nicht so.

»Warte mal«, sagte Varjan hinter ihm.

»Was denn noch?«, zischte Ordo ungehalten. Er wollte endlich fort von hier.

»Leuchte noch mal her.« Varjan hockte neben dem Stuhl mit dem Skelett. Er schien keine Berührungsängste zu haben.

»Lass das. Du störst die Totenruhe, wenn du es anfasst.«

»Ach was. Jetzt leuchte mir endlich.«

Widerwillig hielt Ordo die Lampe in seine Richtung, blieb aber demonstrativ stehen. »Willst du etwa einen Knochen mitnehmen?«

Varjan stand auf und grinste. »Etwas viel Besseres.« Er hielt eine alte Münze zwischen Daumen und Zeigefinger, die im Licht der Lampe golden glitzerte. »Was sagst du jetzt?«, fragte er triumphierend.

Das Heulen klang wieder von fern an ihr Ohr. Es kam nicht aus der Richtung, in der der Schacht lag, sondern aus der Tiefe – also konnte der Wind nicht die Ursache sein. »Komm einfach«, erwiderte Ordo nur und stapfte voran.

»So eine alte Münze ist sicher ein Vermögen wert«, überlegte Varjan laut, während sie durch den Saal liefen. »Wer weiß, vielleicht sind noch viel mehr davon hier unten. Wahrscheinlich gibt es wirklich diesen Schatz, von dem die Abenteurer immer gesprochen haben.«

Wieder erklang das Heulen, näher, klagender, furchteinflößender. Ordo beschleunigte seine Schritte. Endlich entdeckte er den Durchgang zum Treppenhaus und hielt darauf zu. Diesmal war er weniger vorsichtig als beim Abstieg und kletterte rasch bis zu dem Absatz empor.

»Verdammt, warte auf mich«, beschwerte sich Varjan. »Ich sehe ja fast nichts mehr.«

Das Heulen schwoll an, wurde laut und durchdringend. Ordos Herz begann zu hämmern und er stolperte über die lädierten Stufen. Oben angekommen, musste er seinen ganzen Mut zusammennehmen, um stehenzubleiben und seinem Freund zu leuchten. Kaum hatte der die oberste Stufe erreicht, eilte Ordo so schnell weiter, wie es im matten Licht der Laterne nur möglich war. Gemeinsam wateten sie laut platschend durch das Wasser, immer an der Wand entlang. Bald musste der Schacht kommen.