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Wenn der innere Dämon, den man tagtäglich zu unterdrücken versucht, sich unkontrolliert Bahn bricht. Wenn der Besuch bei der Schwiegermutter als wortwörtlicher Horrortrip endet und ein spätes Treffen mit einem Jugendfreund nachhaltig verstört … Zwanzig Geschichten begleiten Protagonisten, die alltägliche, außergewöhnliche und unmögliche Ereignisse an den Rand des Erträglichen bringen, für die Horror zum Alltag wird, ihr Denken gefangen nimmt, deren größter Feind – sie selbst sind. Es braucht keine furchterregenden Gestalten, die Dämonen wohnen in uns. Autoren: Thomas Strohmeyer, Thomas Bilicki, Monika Grasl, Detlev Jänicke, Bernd Wicik, Yvonne Quasdorf, Christian Tobias Krug, Diana Kricheldorf, Rudolf Arlanov, Benedikt Tremp, Olaf Lahayne, Rainer Wüst, Nadine Muriel, Silke Katharina Weiler, Johanna T. Hellmich, Veith Kanoder-Brunnel, K. Bauer, Jo Lenz, Tomas Schauermann, Kevin Keller, Katrin Biasi
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Veröffentlichungsjahr: 2021
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
10/2021
Dämonenritt
& 19 weitere Kurzgeschichten
© by Hybrid Verlag, Westring 1, 66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design
Lektorat: Matthias Schlicke, Sabrina Stillenmunkes,
Eva Jung, Paul Lung
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Paul Lung
Coverbild ›Wonders Macht‹
© 2018 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Puppenmoor‹
© 2021 by Creativ Work Design, Homburg
Stock-Fotografie-ID: 869402154, Bildnachweis: PatriciaDz
Stock-Fotografie-ID: 91740398, Bildnachweis: toxawww
Coverbild ›Der Pakt der Seherin‹
© 2019 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Künstlerpech‹
© 2016 by Creativ Work Design, Homburg
ISBN 978-3-96741-129-4
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Diana Kricheldorf
Dämonenritt & 19 weitere Kurzgeschichten
Horror
Inhaltsverzeichnis
Dämonenritt
Die Puppenmacherin
Das sonderbare Glück des Edgar Raabe
Der Mann, der sich einschloss
Der Götze
Am Abgrund stehend
Fantasie ohne Gesicht
Nachts, wenn das Dunkel erwacht
Ich, Gideon Trachmann,Pyroaktivator
Der Vortrag
Spuk in Küssnacht
Der Sandmann
Backspace
Perfektion ist nicht genug
Die Stille der Sternenwölfe
Dreh dich nicht um!
Die Lichtung
Drynwen
Oneirotaxia
Letztes Örtchen
Vorwort des Herausgebers
Warum Psycho-Horror?
Es ist ein Nischengenre, das viele Horror- und Thriller-Werke streifen, aber kaum jemand bewusst wahrnimmt. Doch wo wird Horror real? Nicht bei Handlungen, nicht beim Lesen, nicht beim Sehen, sondern – wie Altmeister Hitchcock sagte: Der Thrill entsteht im Kopf des Zuschauers. Erst dort formt sich mit den Sinnen Aufgenommenes zu dem, was uns mit aufgerissenen Augen und Gänsehaut weiterlesen lässt, gefärbt von eigenen Vorstellungen, Phobien und Erinnerungen.
Doch was, wenn der Horror von uns Besitz ergreift? Wenn Erinnerungen, Überlegungen, Zwänge, Bedürfnisse oder sogar übersinnliche Kräfte den eigenen Geist zermürben, umdrehen und Menschen zu unvorstellbaren Handlungen treiben? Ist denn das nicht die reinste Form von Horror, quasi der Ursprung von Furcht und Grusel?
In 20 ausgewählten Geschichten könnt ihr genau das herausfinden und die Vielfalt dieses Genres entdecken.
Wir wünschen atemberaubende und haarsträubende Lesemomente.
Dämonenritt
Diana Kricheldorf
Hast du auch schon deinen ganz persönlichen Dämon kennengelernt? Nein? Vielleicht hast du ihn bis heute nicht bemerkt oder einfach ignoriert. Ich helfe dir mal auf die Sprünge. Am ehesten kontaktiert er dich in außergewöhnlichen Stress-Situationen. Schleichend frisst sich das hinterlistige Biest in deine Gedanken. Heimtückisch benutzt es dich zu seinem eigenen Vergnügen, es sei denn, du arrangierst dich mit ihm oder behältst im irren Messen der Willensstärke die Oberhand.
So ein Dämonenritt ist eine wahre Kunst, die ich schon seit Jahren praktiziere. Täglich, ohne Ausnahme, trete ich todbringenden Fantasien entgegen. Im günstigsten Fall bleiben sie in meinem Hausfrauenhirn unter Verschluss. Bis heute habe ich jeden einzelnen Kampf zugunsten meiner Mitmenschen gewonnen. Wehe, wenn der in mir die Oberhand gewinnt. Das bekommt euch schlecht.
Mein lieber Ehemann ist seit mehr als einem Jahr mit der Diagnose Colitis Ulzerosa gestraft. Das heißt für alle Nichtmediziner: Chronisch entzündliche Darmerkrankung. Natürlich richte ich mich als seine fürsorgliche Ehefrau genauestens nach dem vorgegebenen Ernährungsplan der Diätassistentin. Wie es sich für eine ehemalige Krankenschwester gehört, führe ich akkurat die Anweisungen aus. Die Gesundheit meiner Lieben liegt mir sehr am Herzen. Selbstverständlich übernehme ich die Lebensmittelumstellung auch für mich. Es schadet bestimmt nicht, weniger Zucker, besser überhaupt keinen zu benutzen. Die schrumpfenden Wohlstandsspeckrollen bestätigen das. Auch weniger Fett bzw. nur noch Oliven-, Raps- und Leinöl verfeinern das Essen geschmacklich ungemein. Zusätzlich salzarm zu kochen ist ebenso gesundheitsfördernd wie Dinkel- anstatt Weizenmehl. Auf Obst wird wegen des Diabetes komplett verzichtet sowie Süsskram und Snacks aus den Schränken verbannt.
Passende Rezepte findet man zuhauf im Internet, juhuuu. Also ran an die Bouletten, oder doch eher Veggieburger. Unser Töchterlein, mit starken 17 Lebensjahren, findet es gut, wie ich den Papa unterstütze. Für sie kommt allerdings so eine Mega-Öko-Ernährung nicht in Frage. Laut ihrer eigenen Aussagen ist sie zwar bereit, sich in ihrem Zucker- und Fastfoodkonsum etwas einzuschränken, doch Krankenhausfraß brauche ich ihr nicht vorzusetzen. Da tritt sie in Streik. Was bleibt mir also anderes übrig? Ein ausgeklügelter Speiseplan, am besten für eine Kalenderwoche geltend, wird sowohl für meinen Gatten als auch für das Kind ausgearbeitet. Wollen doch mal sehen, ob ich das stemmen kann.
Die Einkäufe dauern ab sofort doppelt so lange wie zuvor. Jede einzelne Lebensmittelpackung wird akribisch auf die Inhaltsstoffe geprüft. Zucker ist böse. Fett ist gefährlich. Glutamat und Laktose fördern nicht sonderlich die stabile Darmtätigkeit. Ach ja, bloß nicht das normale Essen für unseren Nachwuchs vergessen: Apfelschorle, Schokoriegel, Pudding, Pizza und so weiter. An der Kasse erhalte ich im wahrsten Sinne des Wortes die Quittung dafür. Der Wocheneinkauf kostet nun locker 20 Euro mehr, aber was tut man nicht alles aus Liebe.
Endlich Zuhause werden die guten Sachen nach Rezeptangabe verarbeitet. Die Tiefkühlpizza landet einfach im Backofen. Meiner Meinung nach duftet alles lecker. Jetzt noch liebevoll den Tisch decken, heute sogar mit Servietten kunstvoll in Fächer gefaltet … perfekt. Ich begebe mich freudig beschwingt ins Wohnzimmer, wo die beiden wichtigsten Menschen meines Lebens auf der Couch lümmeln.
»Schatz, das Essen ist fertig«, flöte ich gut gelaunt.
»Hmm, komme gleich«, lautet die desinteressierte Antwort, ohne den Blick von der Mattscheibe abzuwenden.
»Tini, deine Pizza hat jetzt genau die richtige Bräunung, die du so gerne magst. Kommst du bitte?«
Keine Reaktion, wie auch, wenn ewig Kopfhörer auf den Ohren sitzen?! Das Augenpaar klebt regelrecht am Tablet. Die Daumen hämmern unabhängig davon auf dem Handy rum. So kann natürlich kein Teenager auf der Welt Notiz von seiner Mutter nehmen. Ergeben greife ich ihren linken Großzeh und wackele daran herum. Ein zorniger Blick durchbohrt mich. Die imaginären Giftpfeile treffen ihr Ziel in Perfektion. Das schmerzt. Etwas lauter verkünde ich bestimmt, dass meine kulinarischen Werke bereit zum Verzehr sind. Abwinkend werde ich mit einem »Ja, gleich«, vertröstet.
Meine Pulsfrequenz steigt stetig. Wieso eigentlich erwarte ich täglich eine positive Reaktion? Jeden Tag spielt sich bei uns die gleiche Szene ab. Verletzt in meinem Hausfrauenstolz dampfe ich ab zur Küche. Meine aufsteigende Wut schmeckt bitter beim Hinunterschlucken. Es ist mir zuwider, weiter die geduldige Gattin und Mutter mit Verständnis für sämtliche Belange meiner Lieben zu spielen. Trotz größter Bemühungen der familiären Ignoranz ausgeliefert zu sein gefällt mir überhaupt nicht.
Ein Flüstern steigt tief aus meinen Eingeweiden empor. Schleichend erklimmt es den vor Wut übersäuerten Magen, um anschließend den Kloß im Hals als Ausgangspunkt für den Absprung zum Innenohr und dem eigentlichen Ziel, den außer Kontrolle geratenen Gehirnwindungen, zu nutzen. Keine Gegenwehr duldend zwingt mir die krächzende innere Stimme ihren Willen auf. »Das lässt du dir gefallen? Du, die sich um alles kümmert, seien es Einkäufe, Haushalt, Fahrdienste für die undankbare Nachkommenschaft, Gartenarbeit, Terminvereinbarungen usw. Dafür strafen dich die Deinen mit schändlicher Verachtung. Hast du so etwas nötig? Das undankbare Pack fügt dir doch nur seelische Schmerzen zu. Willst du diese wirklich noch länger ertragen? Keinen Finger rühren die beiden jemals für dich. Auf dir herumhacken tun sie. Du bist ein selbstverständliches Stück Dreck, jederzeit austauschbar. Fühle die Pein, wie sie sich in deinen Organen ausbreitet. Spürst du nicht, wie die faulige Made namens Einerlei sich durch deine Innereien frisst?«
Langsam, unendlich langsam reißt das elende Vieh ein Stück Gutherzigkeit nach dem anderen aus mir heraus. Genüsslich schluckt der Killerwurm Brocken für Brocken meines Gewissens hinunter, nur um alles an seinem anderen Ende wieder auszuscheißen. Der Teufelskot wie auch die Worte des Dämons vergiften stetig meine Seele. Okay, mein Gegner hat heute gute Karten. Ich höre ihm ausnahmsweise zu. In Sekundenschnelle werfe ich, außer mir vor Wut, das Wasserglas in meiner Hand gegen den Küchenschrank. Es zerspringt wie gewünscht in kleine Scherben, allerdings noch nicht klein genug für meinen Geschmack. Eilig befördere ich sie mit dem Handfeger auf’s Kehrblech und dann in eine Plastikschüssel. Mit dem Kartoffelstampfer verarbeite ich die Dinger zu einer Art Mehl. Nach getaner Arbeit ergreift ein irres Wohlgefühl von mir Besitz. Ich liebkose zärtlich den Holzstampfer, meinen Verbündeten. Lodernde Flammen brennen vor meinem geistigen Auge. Die in mir aufwallende Hitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Die schulterlangen, braunen Haare kleben am Kopf. Gut, dass sich kein Spiegel in der Nähe befindet, sonst würde ich vor der wahnsinnig grinsenden Fratze, die mein Gesicht gerade entstellt, davonlaufen. Jetzt geben meine geübten Hände die spezielle Zutat in die Speisekreation, fertig. Ich zittere freudig erregt.
Mein böser Praxisanleiter meldet sich erneut zu Wort: »Sieh genau hin! Ich zeige dir, wie erfolgreich du deine lästigen Anhängsel los wirst. Qualvoll werden sie an ihrer letzten Mahlzeit zugrundegehen. Ergötze dich an ihrem Leid.« Und tatsächlich kann ich es kaum erwarten.
Wie im Film reiht sich hinter meiner Stirn ein Horrorbild an das andere. Mein Göttergatte sitzt am Tisch und genießt sichtlich die Suppe. Er schluckt etwas beschwerlich, als sei die Brühe ordentlich scharf. Dann bemerkt er solidarisch, dass das Essen heute außergewöhnlich aromatisch schmecke, was nichts anderes bedeutet als: der Mist ist ungenießbar. Der Gourmet für arme Leute räuspert sich geräuschvoll, bevor das große Würgen beginnt. Seine Augen treten stark hervor. Die Hände greifen nach der innerlich zerfetzten Kehle. Sich in Krämpfen windend kippt er auf den Boden.
Elegant schreite ich zu ihm hin. Direkt neben meinem Gemahl bleibe ich stehen und positioniere den rechten Fuß auf seiner Flanke. Das vor mir kauernde Schmerzbündel stöhnt auf. Aus purer Lust bohre ich meinen Absatz fest in den Wohlstandsbody hinein, bis das rot-weiß karierte Hemd Löcher aufweist. Das feuchte Rot, welches aus den tiefen Fleischwunden pulsiert, lässt mein Herz höher schlagen. Nach lautem Aufheulen bleibt sein Leib regungslos liegen.
Ein schadenfrohes Lachen bemächtigt sich meiner. Eigentlich gehört es nicht mir, aber es fühlt sich so gut an. Ich gebe mich dem gerne hin. Tina kommt keinen Deut besser davon. Noch mit Kopfhörern bestückt, kniet sie auf der Eckbank und schaufelt großzügig eine Ladung des besonderen Reibekäses auf die Pizza. In ihre eigene Welt versunken, entgeht ihr das Bild des Grauens, welches sich am Kopfende des Tisches, besser gesagt darunter, abspielt. Meine veränderte Mimik, inklusive widernatürlichem Verhalten, nimmt sie überhaupt nicht wahr.
Abartige Freude auf das unheilbringende Ereignis ergreift von mir Besitz. »Na Schätzchen, schmeckt es dir?«, kommen die heimtückischen Worte über meine Lippen. Schon sickert das erste blutige Rinnsal aus den Mundwinkeln meiner Tochter. Der Anblick versetzt mich in grausamste Verzückung. Panisch schaut sie mich an. Ihr verständnisloser Blick lässt mich vor Erregung erschauern.
Mit zitternden Fingern setzt sie die Kopfhörer ab, als ob ihr diese Geste Erleichterung verschaffen könnte. Auch sie umfasst, wie zuvor schon ihr Vater, hilflos den schlanken Hals. Tja, Pech gehabt. Deine Speiseröhre ist nicht mehr zu retten. Ihr verstörtes Entsetzen kennt keine Grenzen beim Anblick meines schadenfrohen Tanzes durch die Küche.
Mein Dämon lobt mich über alle Maßen. Ich habe meine Sache gut gemacht. Dieses glückselige Gefühl kann mir keiner nehmen. Endlich bin ich frei. Ihr letzter Atemzug steht bereits vor der Tür.
Ich hole tief Luft. Kniend sammle ich die Glasscherben auf. Handfeger und Kehrblech sorgen für einen sauberen Fußboden. In Hochstimmung setze ich mich alleine an den Tisch und beginne zu essen. Kaum habe ich damit begonnen, trudelt der Rest der Familie ein. »Hm, riecht das lecker. Entschuldige bitte die Verzögerung.« Liebevoll nimmt mich mein Mann in die Arme und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Händereibend nimmt er am Kopfende Platz. Unsere Tochter folgt ihm. »Sorry Mama, aber das Level war gerade voll wichtig. Bei einer Unterbrechung hätte ich sonst komplett neu starten müssen, du verstehst.« Auch sie zeigt mir ihre Zuneigung durch einen Schmatz auf die Wange. Mein Dämonenritt ist erst einmal beendet. Wenn die wüssten …
Nach der Mahlzeit helfen mir die beiden sogar beim Tisch ab- und Spülmaschine einräumen. Es sind ja doch zwei gute. »Mama, fährst du mich nachher zu Klaudi? Wir wollen noch ein bisschen zusammen abhängen.« Da haben wir es schon! Ich hätte mir gleich denken können, dass die Hilfsbereitschaft meines Kindes einen selbstsüchtigen Hintergedanken trägt. Aber in Ordnung, chauffiere ich sie halt auch noch dahin. Als ob mein Tag nicht voll genug wäre.
Die Mädchen kennen sich bereits seit der Grundschule. Sie sind beste Freundinnen. Die Klaudia ist ja auch ganz manierlich. Ihre Mutter finde ich einfach nur zum Kotzen. Eine stets perfekt gestylte Superfrau mit der Figur eines Topmodels, die sie mit ihren teuren Marken-Fummeln optimal betont. Alles, was die dumme Kuh anfasst, wird zu Gold, ehrlich.
Der Bungalow war bestimmt noch nie unordentlich. Die Designermöbel stehen, wie vom Innenausstatter vorgeschlagen, genial arrangiert. Die teuren italienischen Bodenfliesen über der Fußbodenheizung glänzen mir protzig entgegen. Ich traue mich kaum, einen Fuß daraufzusetzen. Und dann die permanent zur Schau getragene gespielte Freundlichkeit, einfach abartig. »Hallo Helene, schön, dich zu sehen. Gut schaust du aus. Wir müssen uns unbedingt öfter treffen. Was unsere Töchter können, schaffen wir doch schon lange. Komm bitte herein, ich mach uns einen köstlichen Kaffee.«
Genau das habe ich befürchtet. Ergeben lasse ich mich auf einem großzügig gepolsterten Barhocker am Küchentresen nieder. Verdammt noch mal, ist der bequem. Mein ständiger, hinterhältiger Begleiter tanzt Samba auf meiner Gallenblase. Es stößt mir sauer auf. Hier befinden wir uns an dem einzigen Ort auf der Welt, an dem er absolut leichtes Spiel mit mir hat. Auf der Stelle legt er los. Besonderen Spaß findet er daran, meinen aufkeimenden Neid aufs Äußerste anschwellen zu lassen. Will der mich etwa verarschen?
Jetzt summt das elende Mistvieh in mich hinein: »Ihre Schönheit ist nicht deine. Weißt doch genau, was ich meine. Alles Gute hat sie inne. Du gehörst glatt in die Rinne.« Wie bitte soll ich mich bei dem blöden Gesabbel auf das Geschwafel von Ines konzentrieren? Ob sie meine geistige Abwesenheit bemerkt? Bestimmt nicht! Das selbstverliebte Ding ist viel zu sehr mit sich beschäftigt. Zuckersüß lächelnd setzt die atemberaubende Blondine mir die Tasse Cappuccino vor die Nase, natürlich mit extra aufgeschäumter Milch. Nur das Beste aus dem Kaffeeautomaten kommt in die original dafür vorgesehene handbemalte Tasse.
Meine Gastgeberin bemerkt unbedarft, sie verstehe nicht, wie man sich mit einer simplen Pad-Maschine begnügen kann. Pulverkaffee ginge schon gar nicht. Ich spüre das Unbehagen unaufhaltsam wachsen. Ist das ihre Absicht? Mich in der Art zu reizen ist gefährlich. Meine Ohren verweigern ihren Dienst. Der durchgeknallte Dämon stärkt sich an jedem einzelnen Wort, welches ich persönlich nehme, und das ist ohne Zweifel jedes, das sie von sich gibt.
Die melodische Flüsterstimme dringt zu mir durch: »Sie hat alles, du hast nichts. Schlag ihr endlich ins Gesicht! Tritt sie mit den Füßen! Für ihr Glück soll sie nun büßen.« Was für eine gequirlte Scheiße ist das denn? Ist mein innerer Sauköter total stoned? Der reimt heute zum ersten Mal. Trotz der Zweifel meinerseits übernimmt er langsam aber sicher das Kommando. Einmal mehr steigt eine sengende Hitze in mir hoch. Schweißpfützen sammeln sich unter den schlecht rasierten Achseln, um anschließend penetrant an meinen Flanken entlang zu kriechen. Der Halsbund meines Schlabber-T-Shirts schnürt mir die Luftzufuhr ab. Es kann nicht mehr lange dauern, bis mich der Erstickungstod ereilt. Davon bin ich überzeugt. Harsch greife ich mit dem rechten Zeigefinger in den Ausschnitt und ziehe ihn erlösend vom Kehlkopf weg, soweit das möglich ist.
»Ach je, du Arme, bist wohl schon in den Wechseljahren? Ja, ja, die einen rutschen früher rein als die anderen. Ich bemerke noch keine Symptome in der Richtung, obwohl wir doch vom gleichen Jahrgang sind, nicht wahr?«, flötet das Miststück. Wieder ein schmerzhafter Seitenhieb ihrerseits auf mein Ego. »Warte kurz, ich stelle die Klimaanlage an. Dann geht es dir bestimmt gleich besser.« Mein Maß an Selbstbeherrschung läuft buchstäblich über. Wie kann das Weibsstück sich für etwas Besseres halten und meine Gefühle so offensichtlich mit Füßen treten? In mir löst sich eine Lawine aus sinnbildlich glühenden Nägeln, die sämtliches Muskelgewebe zu zerfetzen scheinen. Intensiv spüre ich das reißende Ziehen. Mein nicht sichtbarer Peiniger surft anscheinend auf einem abgerissenen Gewebsfetzen die perfekte Blutwelle. Während ich mich stöhnend zusammenkrümme, steht Ines nach zwei sportlichen Sätzen stützend neben mir, wie nett. Das ist die Gelegenheit. »Jetzt«, schreit es in mir. Ohne Vorwarnung stürzt mein Körper schwerfällig vom Barhocker. Die Wucht reicht aus, die blonde Giftspritze mit meinem gebärfreudig geformten Becken niederzustrecken. Krachend lande ich auf ihren Knien und Unterschenkeln.
»Autsch, geh von mir runter! Helene, du tust mir weh!«, schreit sie laut. Nur gut, dass unser Nachwuchs zur Ohrstöpsel-Generation gehört. Die Mädchen bleiben total unbehelligt. Jeder Atemzug macht mich bewusst schwerer. Meine Unterlegene schiebt und zerrt an mir herum, ohne Erfolg. Endlich befindet sie sich dort, wo ich sie haben will. Kräftig strampelnd schlägt sie in ihrem Zorn auf mich ein. Genau in dem Moment, in dem sie sich befreien kann und mich unsanft gegen den Tresen bugsiert, kommt der Herr des Hauses zur Tür herein.
Holger, der Adonis unseres kleinen Städtchens, erfasst die Lage zu meinen Gunsten. Der Schwarm meiner unerfüllten Liebesfantasien aus Jugendzeiten, sieht nur, wie seine Angetraute wild auf mich einprügelt und nach mir tritt. Kleine Blutstropfen in meinen Mundwinkeln vertiefen die Dramatik der sich ihm bietenden Szenerie. Beherzt stürmt er heldenhaft herbei, greift seine tobende Frau am Oberarm und reißt sie nicht gerade zimperlich von ihrem wehrlosen Opfer, nämlich mir, weg. Mein Traummann kniet sich ritterlich hin, um mich schützend in die muskulösen Arme zu nehmen. »Oh Gott, Helene, was hat sie dir nur angetan? Ich weiß ja, dass Ines zum Jähzorn neigt, aber ich dachte doch, die Therapie helfe ihr mittlerweile.«
Ich empfinde seine Berührung als äußerst belebend. Eine Gänsehaut läuft mir prickelnd den Rücken hinunter und macht auch nicht vor den Innenseiten meiner Oberschenkel halt. Sanft streichen seine schlanken Finger mir die struppigen Haare aus dem blassen Gesicht hinter’s Ohr. Dabei streift seine Haut zufällig meine Wange. Huch, die feinen Nackenhärchen springen wie elektrisiert auf; was für ein sinnlicher Augenblick zwischen uns.
»Holger, bist du durchgeknallt? Ich habe ihr kein Haar gekrümmt. Die blöde Gans ist auf mich drauf gefallen. Sieh sie dir einmal richtig an. Wie soll meine schlanke Figur unter dem Fass anders wieder rauskommen? Ich kann nichts dafür, wenn die Weiber in ihrem Alter sich so gehen lassen.« Wütend verschränkt sie die Arme unter dem prächtig geformten Busen. Bestimmt steckt eine nicht unbeachtliche Menge Silikon dahinter. Ich nutze die Gunst der Stunde. Die Bitch hat diesen Mann absolut nicht verdient. Sie weiß nicht in der geringsten Weise zu schätzen, was sie an ihm hat. Anstatt eines Flüsterns, nehme ich nun ein Zischen wahr: »Willst du dem Miststück wirklich diese Sahneschnitte überlassen? Du hast bei weitem mehr verdient als Ignoranz und Gleichgültigkeit. Überlass mir die Kontrolle! Ich verschaffe dir alles, was du verdienst.«
Eine Sekunde der Nachgiebigkeit verändert die Zukunft unumstößlich. Erahnend, welche Wirkung meine entglittenen Gesichtszüge auf den Mann meiner Begierde haben, läuft mir eine einzelne Träne die Wange hinab. Plötzlich ändert sich der Ausdruck seiner Augen. Angewidert blicken sie die schöne Frau am Tresen an. Ein gehässiges Grinsen bevollmächtigt sich seiner sexy Lippen, die ich, koste es was es wolle, unbedingt küssen will. Ja, er soll mir gehören, mir allein!
Die Gedanken sind kaum zu Ende gedacht, da springt er auch schon auf. Blitzschnell packt mein Beschützer die eingeschnappte Blondine an der Gurgel und drückt fest zu. Inzwischen bin ich wieder auf den Beinen. Besitzergreifend umschließe ich von hinten seinen Brustkorb. Das spornt meine zukünftige Siegestrophäe zur Höchstleistung an. Einverständnissuchend blickt Holger kurz über seine Schulter zu mir. Ich nicke ermutigend. Seine zweite Hand unterstützt sofort das Zerquetschen des oberen Atmungsorgans.
Ines röchelt und versucht vergeblich, den eisernen Griff zu lockern. Ich weide mich an ihrer Angst. Das Gefühl unendlicher Macht fließt durch meine Adern. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich der grotesken Darbietung außerhalb meines Körpers beiwohne. Ist das möglich? Bin ich ernsthaft soweit gesunken, meinen Körper und meine Seele einem Teufel zu überlassen? Die Antwort lautet ganz klar, nein! Ich reite den Dämon seit mehr als drei Jahrzehnten, da werde ich ihm auf keinen Fall aus einer Laune heraus die Führung überlassen.
Mit Anlauf hechtet der freie Geist an seinen für ihn bestimmten Platz. Überrascht zuckt mein ständiger Untermieter zusammen und tritt die Flucht in den hintersten Winkel seiner begrenzten Heimat an. Umgehend distanziere ich mich vom Gewaltakt. Die Handlung verändert sich wie erwartet.
Ruckartig nimmt Holger seine Hände zu sich. Verstört setzt er einen Schritt zurück. Seine Tat ist ihm sichtlich unbegreiflich. Das Objekt seines Zornes sinkt kraftlos zu Boden. Dabei erinnert ihre Fassade stark an die Fratze eines ausgedienten Zirkusclowns. Tja Madame, große Sprüche klopfen, aber nicht einmal wasserfestes MakeUp tragen. Unter ihrem Tränenfluss verläuft die Schminke.
In mir entstehen weder Reue noch Mitgefühl. Augenscheinlich trifft mich die Erleuchtung. Ich bin die Herrin des Dämons und nicht umgekehrt. Seine Stimme bestärkt mich einfach nur in meinen bereits vorhandenen Wünschen. Ob ich sie wahr werden lasse oder nicht, bleibt mir überlassen.
Holger steht da wie ein Häufchen Elend. Unbeholfen schaut der arme Kerl von seiner Frau zu mir. Ein wenig Mitleid empfinde ich doch, allerdings ausschließlich für ihn. Seine brüchige Stimme rührt mein Herz. »Helene, du musst die Polizei rufen! Ich hätte Ines töten können.«
Ist dieser Mann nicht ein absoluter Schatz? Ab sofort ist er mein Schatz! Ich kontrolliere auch ihn. Tatsächlich sorgt er sich mehr über meine Meinung von ihm, als um das Wohlergehen seiner Ehefrau. Das spricht Bände. Ich drücke ihn tröstend an mich. Er wehrt sich nicht. Eher erleichtert legt er seinen Kopf an meine Schulter. Günstigerweise stehen wir nah genug an seiner leblos wirkenden Gattin, so dass ich ihr gekonnt einen heftigen Stoß mit der Schuhspitze versetzen kann. Das verlängert ihre Auszeit um ein Vielfaches. »Komm«, hauche ich dem Schönling an meiner Seite verführerisch ins Ohr. »Ich werde mich ausgiebig um dich kümmern.«
Engumschlungen steuern wir gemeinsam das Schlafzimmer an. Wohin das führen wird, ist uns beiden in vollem Umfang bewusst. Ich mache keinen Rückzieher. Meine Zeit ist gekommen. Und nach dem Spaß besuchen wir meinen Ehemann. Da kann es ruhig so weitergehen, oder?
Diana Kricheldorf, Jahrgang 1972, hat Krankenschwester in Saarlouis gelernt. Heute lebt sie in Hüttersdorf und ist Hausfrau. Dadurch kann sie sich ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben widmen.
Die Puppenmacherin
Yvonne Quasdorf
Gabriel klappte die Sonnenblende am Fahrersitz herunter, um seine Augen vor dem einfallenden Licht zu schützen. Die dichten Baumkronen erzeugten einen flackernden Wechsel von Hell und Dunkel, der ihn an den alten Filmprojektor im Keller seiner Eltern erinnerte. Es war schon eine Weile her, dass ihm auf dem schmalen Schotterweg ein Auto entgegen gekommen war. Trotzdem nahm er den Fuß vom Gas. Schließlich konnte jederzeit ein Reh aus dem Dickicht geschossen kommen. Oder ein Troll. Wenn es welche gab, dann sicher in diesen Wäldern.
»Das Haus deiner Mutter liegt ja ganz schön weit ab vom Schuss«, stellte er das Offensichtliche fest, in der Hoffnung,Elise würde auf den fragenden Tonfall in seiner Stimme eingehen. Doch seine Freundin, die die ganze Fahrt über auf dem Beifahrersitz vor sich hin döste, gab nur ein zustimmendes Brummen von sich. Dann löste sie die Schläfe von der Scheibe, aber nur, um den Blick nach draußen auf das vorüberziehende Grün zu richten. Bestimmt verband sie mit der Landschaft die eine oder andere Kindheitserinnerung.
»Weißt du«, fing sie irgendwann an, als er schon längst nicht mehr mit einer Reaktion rechnete. »Meine Mutter liebt die Abgeschiedenheit des Waldes. Sie tut sich oft schwer mit … sozialen Kontakten und kann auf manche Menschen etwas … sonderbar wirken.«
Die Pausen in Elises Sätzen gefielen ihm gar nicht. Bisher hatte seine Freundin immer nur davon gesprochen, wie nah sie und ihre Mutter sich standen und wie schwer es für die beiden gewesen war, nachdem der Vater kurz nach Elises sechstem Geburtstag das Weite gesucht hatte. Von sonderbar war nie die Rede gewesen. Was sollte das überhaupt bedeuten? Gabriel witterte das Streitpotenzial in der Frage und unterließ es, nachzuhaken. Stattdessen sagte er nur: »Ich wette, wir werden uns blendend verstehen.« Eine hohle Phrase, aber Elise schien sie zufriedenzustellen.
Das Zellophan, das den Blumenstrauß aus gelben und roten Gerbera umhüllte, knisterte unter seinen verkrampften Fingern. Er hatte die letzte halbe Stunde der Autofahrt damit zugebracht, sich auszumalen, welche Eigenschaften von Elises Mutter die Beschreibung sonderbar rechtfertigen würden. Seine Top 3-Theorien lauteten:
Sie hatte einen Altar im Haus, wo sie den heiligen Wesen des Waldes huldigte.
Sie bestand darauf, dass Besucher sich nur in einer Geheimsprache unterhielten, aus Angst, abgehört zu werden.
Sie war ein Hippie und lief mit Vorliebe nackt herum.
Die Eingangstür öffnete sich mit einem Knarren und Gabriel schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich seine letzte Theorie nicht bewahrheiten würde. Ein Lichtstreifen fiel in das dunkle Innere des Hauses und beleuchtete die Gestalt einer kleinen rundlichen Frau. Das ergraute Haar trug sie zu einem Dutt hochgesteckt. Rasch nahm Gabriel ihr restliches Erscheinungsbild in sich auf: ausgelatschte Puschen, eine braune Stoffhose und eine Bluse mit Karomuster. Auf den ersten Blick wirkte sie wie ein ganz normales Hausmütterchen.
Gabriel räusperte die Enge in seinem Hals weg und streckte die Blumen vor sich wie einen Schutzschild.
»Hallo, Frau Reikowski. Ich bin Gabriel. Freut mich, Sie kennenzulernen«, ratterte er seinen Text herunter.
Die Frau auf der Schwelle verzog die Lippen zu einem breiten Lächeln, das die tiefen Falten um ihre Mundwinkel hervortreten ließ.
»Ich bitte dich. Nenn mich Ingrid.«
Sie nahm ihm den Strauß ab und tätschelte dabei flüchtig seinen Unterarm. Dann zog sie Elise in eine feste Umarmung.
»Kommt rein, Kinder. Ihr müsst ja von der langen Fahrt ganz erschöpft sein.«
Immer noch leicht angespannt folgte Gabriel ihr ins Haus. Schon nach den ersten Schritten in die Diele beschlich ihn eine Ahnung, worauf seine Freundin angespielt haben könnte.
»Wow, Sie sammeln wohl Puppen!«
Und sein Name lautete Captain Obvious. Die schiere Masse an altmodischen Porzellanfiguren im Haus war überwältigend. Auf jeder halbwegs ebenen Fläche im Eingangsbereich und im angrenzenden Wohnzimmer thronte mindestens ein Miniaturmensch. Das Gefühl, aus allen Winkeln des Hauses angestarrt zu werden, kroch Gabriel unter die Haut.
Mit einem Lächeln, das hoffentlich mehr interessiert als verstört wirkte, ging er zu einer mit Schnitzereien verzierten Holzkommode und betrachtete die dekorativ aufgereihten Puppen, deren Beine von der Kante baumelten. Aus den Augenwinkeln registrierte er, wie Ingrid an seine Seite trat.
»Ich sammle sie nicht nur. Ich stelle sie auch her.«
»Echt? Das find’ ich ja stark!«
Der bewundernde Tonfall war nur zum Teil gespielt. Denn auch wenn er sich so ein Ding niemals ins eigene Wohnzimmer gestellt hätte, offenbarten die akribisch geformten Gesichtchen ein nicht zu verachtendes handwerkliches Talent.
Er nahm ein Mädchen mit grüner Schürze in die Hand und strich fasziniert durch die langen blonden Strähnen, welche einzeln an die Perückenbasis geknüpft waren. Auf einen oberflächlichen Betrachter musste das Haar täuschend echt wirken. Für ihn als Friseur waren der künstliche Glanz und die unnatürliche Glätte wiederum offensichtlich.
»Dir gefallen wohl blonde Frauen.«
Elises Mutter hatte den Satz ganz leise ausgesprochen. Doch der beißende Tonfall in ihrer Stimme brachte die Alarmglocken in seinem Kopf zum Schrillen. Hastig setzte er die Puppe wieder an ihren Platz zurück und räusperte sich verlegen. Was sollte die Anspielung? Elise hatte braunes Haar.
Eben diese meldete sich nun von der anderen Raumseite her. »Oh Mama, was machen denn diese Fotos noch hier?«
Dankbar für die Ablenkung wandte er sich mit Ingrid zusammen der Sofaecke zu, wo Elise stirnrunzelnd vor einigen Rahmen stand. Gabriel betrachtete die Bilder, auf denen seine Freundin in den unterschiedlichen Stadien ihrer Teenager- und Erwachsenenjahre abgebildet war. Zunächst dachte er, sie würde sich frauentypisch über die Erinnerung an modische Fehltritte aufregen. Doch dann bemerkte er, dass sie auf keinem der Fotos alleine war. Wer waren diese ganzen Männer? Etwa Elises Exfreunde?
Ja, den Glatzkopf auf dem letzten Bild kannte er. Das war Jens — sein Vorgänger. Bis vor zwei Jahren hatten sie noch im selben Fußballverein trainiert, wo dieser Prolet immer wieder durch sein Gehabe aufgefallen war. Eine Klassefrau wie Elise hatte er definitiv nicht verdient und so war Gabriel froh gewesen, als Jens plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Nach Mexiko ausgewandert. Einfach so. Und das, obwohl der Idiot keinen geraden Satz auf Englisch herausbrachte, geschweige denn auf Spanisch.
»Du hast wirklich einen furchtbaren Männergeschmack«, kommentierte Ingrid und knüpfte damit unbewusst an seinen letzten Gedankengang an. Doch die Tatsache, dass sie einer Meinung waren, freute ihn nicht. Ihm war nämlich nicht entgangen, dass sie in der Gegenwartsform gesprochen hatte.
»Der da war der Schlimmste«, fuhr sie fort und deutete mit dem Zeigefinger auf eine der älteren Aufnahmen, die einen Jungen um die 18 zeigte. Er hatte braune Wuschellocken und ein Gesicht voller Sommersprossen. Noch harmloser hätte nur ein Rehkitz aussehen können. Was war bloß los mit dieser Frau? Hasste sie alle Männer, die größer als 50 Zentimeter waren?
Doch zu seiner Überraschung pflichtete Elise ihr bei.
»Ja, er war ein echtes Arschloch. Und genau deshalb möchte ich nicht jedes Mal, wenn ich hierherkomme, an ihn und die anderen Loser erinnert werden.«
»Ich finde aber, man sollte sich seine Fehler regelmäßig vor Augen führen, damit man sie nicht wiederholt.« Ingrid warf ihm einen Seitenblick zu. »Gabriel, du verstehst, was ich meine, oder?«
Schon wieder dieser seltsame Unterton. Er zuckte mit den Schultern. »Ich schätze schon.«
Ingrid schenkte ihm ein schmales Lächeln. Dann straffte sie die Schultern und klatschte in die Hände.
»Also gut, dann lasst uns mit den Vorbereitungen fürs Abendessen anfangen. Der Wildbraten müsste mittlerweile aufgetaut sein.«
Gabriel öffnete den Mund, doch Elise kam ihm zuvor. »Mama, ich hab’ dir doch gesagt, dass er Vegetarier ist.«
»Ach!«, machte Ingrid und zog dabei ein übertrieben zerknirschtes Gesicht. »Das muss ich wohl vergessen haben.« Hexe. Die Alte drehte sich zu ihm um, und er beeilte sich, seinen Groll mit einem Lächeln zu kaschieren. »Wenn du aus ethischen Gründen verzichtest, musst du dir aber keine Sorgen machen. Das Fleisch stammt von einem regionalen Wildtier. Und es ist nicht bei einer Hetzjagd gestorben. Der Jäger hat ihm aufgelauert.« Sie machte eine Pause. »Es war tot, bevor es überhaupt wusste, was los ist.«
Gabriel suchte den Blick seiner Freundin, um herauszufinden, ob ihr Ingrids Verhalten genauso seltsam vorkam wie ihm. So redete doch kein normaler Mensch! Aber Elise war immer noch in die Fotos vertieft und schien dem Gespräch nur mit halbem Ohr zu lauschen.
»Nun, in dem Fall kann ich wohl mal eine Ausnahme machen«, gab er schließlich nach.
»Wunderbar! Komm, ich zeig dir, wo du euer Gepäck abstellen kannst. Elise, fängst du schon mal mit Zwiebelschneiden an?«
Nein, nein, nein! Lass mich bitte nicht allein mit ihr, versuchte Gabriel seine Freundin auf telepathischem Wege zurückzuhalten. Doch entweder hatte Elise ihre Antennen ausgeschaltet, oder sie ignorierte sein stummes Flehen absichtlich.
Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als sich die Koffer zu schnappen und Ingrid die knarzenden Holzstufen hoch in den ersten Stock zu folgen. Die Treppe führte in einen Flur mit dickem grünem Teppichboden, der das Geräusch ihrer Schritte fast vollständig absorbierte. An den Wänden hingen weitere Rahmen mit Fotos von Elise — Erinnerungen an Geburtstagspartys oder Ausflüge in die Natur. Auf manchen war auch Ingrid zu sehen. Keine Spur dagegen von Elises Vater.
Vor einer Tür am Ende des Ganges blieb Ingrid stehen.
»Da wären wir.«
Gabriel trat hinter ihr ins Schlafzimmer. Ein rustikales Bett mit Holzrahmen dominierte den Raum. Auf der Tagesdecke saßen drei Puppen in Schuluniformen und hießen die Neuankömmlinge mit leerem Blick willkommen. Na klasse. Wie sollte er heute Nacht zur Ruhe kommen, wenn er die ganze Zeit aus diesen Glasmurmeln angeglotzt wurde?
»Du kannst die Koffer in den Schrank stellen«, sagte Ingrid und riss ihn damit aus seiner Betrachtung.
Gabriel schleppte seine Fracht zu dem massiven Bauernschrank in der Ecke, der schwer genug schien, um einen Menschen unter sich zu begraben. Er zog die Türen auf und erstarrte.
An der Kleiderstange hing an einem einzelnen Bügel ein langes weißes T-Shirt. Unwillkürlich musste Gabriel an die Geister denken, an deren Existenz er als Kind fest geglaubt hatte. Doch das war es nicht, was seinen Puls schneller schlagen ließ. Verstört glitten seine Augen über den Stoff, während sich in seinem Kopf ein Puzzleteil nach dem anderen zusammensetzte:
Das T-Shirt war eigentlich ein Trikot.
Es trug die Nummer 23.
Die 23 war Jens’ Nummer gewesen.
Es war über und über mit roten Flecken bedeckt.
Gabriel fuhr zu Ingrid herum. Die Haare auf seinen Unterarmen richteten sich auf, als sich ihre Lippen zu einem hämischen Grinsen verzogen.
»Was hast du denn?«
»Ist … ist das da Blut auf Jens’ Trikot?«, stammelte er.
Die alte Frau betrachtete das Kleidungsstück mit schief gelegtem Kopf. »Schwer zu sagen.«
Dann streckte sie zu seinem Entsetzen den Zeigefinger aus und kratzte mit dem Nagel über einen der angetrockneten Kleckse. Anschließend führte sie die Fingerspitze zum Mund und leckte darüber.
Gabriel wartete nicht ab, zu welchem Schluss sie kommen würde. Er drehte sich auf dem Absatz um und rannte die Treppe hinunter.
Elise zuckte zusammen, als er durch die offene Küchentür stürmte. »Bist du bescheuert? Ich hab’ ein Messer in der Hand!«
Gabriel packte sie wortlos am Arm und zog sie mit sich ins Schlafzimmer, wo sie sich schließlich aus seinem Griff befreite.
»Was zur Hölle ist denn in dich gefahren?«
»Da, im Schrank!«, stieß er atemlos hervor und ignorierte Ingrids boshaftes Kichern.
Seine Freundin verdrehte die Augen und trat nach vorne. »Ach!«
Gabriel straffte die Schultern. Nun würden sie die alte Hexe zur Rede stellen und danach hoffentlich auf direktem Wege aus der Puppenhölle verschwinden.
Vor ihm legte Elise den Kopf schief, wobei sie — vermutlich unwillkürlich — die Haltung ihrer Mutter imitierte.
»Das gehörte Jens. Er muss es wohl bei seinem letzten Besuch hier vergessen haben. Wieso machst du deswegen so einen Aufriss?«
»Was? Nein, ich meine doch …«
Gabriel stockte, als er die Kleiderstange erblickte. Jens’ Trikot hing noch daran. Nur war es jetzt so blendend rein wie frisch gefallener Schnee. Er trat dichter an den Schrank und befühlte den Stoff. »Ich dachte echt …«
Das war doch nicht zu fassen! Sah er jetzt wirklich schon Gespenster?
»Hast du solche Wahnvorstellungen denn öfter?«
Gabriel hielt den Blick starr auf seinen Teller gerichtet und tat so, als hätte er Ingrids Frage nicht gehört.
Der Esstisch war viel zu breit für drei Personen. Elise saß mit ihrer Mutter auf der einen Seite, er auf der anderen. Fast kam es ihm so vor, als würden die dampfenden Schüsseln und Platten zusammen mit dem massiven Kerzenständer eine Barrikade zwischen ihm und den beiden Frauen bilden.
»Und? Wie schmeckt dir das Essen?«, stellte Ingrid die nächste Frage.
»Gut«, knurrte er.
Vielleicht lag es an der jahrelangen Abstinenz, aber der Geschmack des Wildfleisches erschien ihm viel süßer und intensiver als in seiner Erinnerung. Er goss mit einem Schöpflöffel Soße über den Braten und wartete, bis sich die Flüssigkeit am Tellerboden gesammelt hatte. Dann senkte er die Gabel in das Essen. Kurz bevor die Metallspitzen das Fleisch berührten, hielt er inne und betrachtete ein Stück Kruste mit dunkler Maserung: vier herzförmige Flecken, die mit der Spitze zueinander einen Kreis bildeten und direkt darunter ein Strich. Das Muster war auffallend symmetrisch. Ein Gedanke geisterte durch seinen Kopf, ließ sich jedoch nicht fassen.
»Versuchst du, das Fleisch zu essen, oder es zu hypnotisieren? Oder hast du wieder eine Vision?«
Elise musterte ihn missbilligend. Sie schien ihm den Fehlalarm noch immer übel zu nehmen.
Gabriel versuchte sich an einem versöhnlichen Lächeln.
»Der Braten ist wirklich lecker, Ingrid.«
Zum Beweis schnitt er ein großes Stück Fleisch ab und biss hinein.
In der Nacht hatte er wie erwartet Probleme, einzuschlafen. Es war weniger die Anwesenheit der Puppen — die er vorsorglich vom Bett aufs Fensterbrett verbannt hatte — sondern vielmehr die Erinnerung an das blutbefleckte T-Shirt, welche ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Dabei wusste er nicht, welches Szenario ihm mehr Angst machte: Das, in dem er Dinge sah, die gar nicht existierten, oder das, in dem er Angst davor haben musste, von einer wahnsinnigen Hexe attackiert zu werden. Ob das T-Shirt als Mahnmal gedacht war, ähnlich wie die Fotos?
Irgendwann musste er doch eingenickt sein, denn als er das nächste Mal die Augen aufschlug, stand der Vollmond hoch am Himmel und tauchte das Schlafzimmer in silbrig-fahles Licht. Gabriel runzelte die Stirn. Er hätte schwören können, dass er die Vorhänge vor dem Schlafengehen zugezogen hatte.
Seufzend rollte er sich aus dem Bett und schlurfte zum Fenster. Die vier Puppen saßen nebeneinander aufgereiht auf dem schmalen Brett, wie von ihm zurückgelassen. Gabriel griff an ihnen vorbei zur Zugschnur für den Vorhang. Mitten in der Bewegung durchzuckte es ihn so heftig, dass er um ein Haar die Kordel abgerissen hätte. Seine Augen schnellten zu den Puppen. Vier?
Tatsächlich. Neben den drei Kindern in ihren maßgeschneiderten Schuluniformen saß nun eine vierte Gestalt als das personifizierte Kontrastprogramm — gemein, glatzköpfig und grobschlächtig wie ein Höhlentroll — Jens. Er trug wieder das Fußballtrikot mit der Nummer 23, das Gabriel so langsam nicht mehr sehen konnte. Wie das Exemplar im Schrank war auch die Miniaturversion rotgesprenkelt und dieses Mal war die Ursache dafür unverkennbar. Im Oberkörper der Puppe steckten drei Pfeile. Einer ragte auf Höhe seines Herzens aus der Brust, die anderen zwei aus dem Bauch. Gabriel schloss die Augen, zählte im Kopf bis drei und öffnete sie wieder.
Die Puppe saß noch da. Triumphierend schaute er in Richtung Bett. Elise lag auf der Seite, das Gesicht von ihm abgewandt, und schnarchte leise vor sich hin. Aber mit der friedlichen Nachtruhe würde es gleich vorbei sein. Dieses Mal würde er sich nicht so einfach abspeisen lassen.
Vorsichtig hob er die Puppe hoch und hielt sie ins Mondlicht. Wie die anderen Figuren war auch diese äußerst detailgenau gearbeitet. Ingrid hatte sogar die Narbe auf Jens’ Knie kopiert, das Ergebnis einer besoffenen Kollision mit einem Maschendrahtzaun, wie er wusste. Und auf dem Bizeps prangte das Kleeblatt-Tattoo, über dessen Kitschfaktor sich die Teamkollegen gerne lustig gemacht hatten, wenn Jens außer Hörweite gewesen war. Der kleine Glücksbringer zog Gabriels Blick wie magisch an. Vier herzförmige Flecken, symmetrisch angeordnet zu einem Kreis und am Ende ein Strich. Wo hab’ ich das schon mal …
Oh Gott! Zeitgleich mit der Erinnerung kamen ihm auch Ingrids Worte wieder in den Sinn: »Der Jäger hat ihm aufgelauert.«Die Puppe fiel zu Boden, als er Hals über Kopf aus dem Schlafzimmer stürmte. Er rannte die Treppe hinunter in die Küche, wo er sich gerade noch rechtzeitig über das Spülbecken beugen konnte, bevor ein saurer Schwall seinen Hals hochgeschossen kam. Nach zwei weiteren Schüben ließ der Brechreiz endlich nach und er konnte sich auf der Arbeitsplatte abstützen. Doch auch mit leerem Magen rumorte es in seinen Eingeweiden weiter, als würde sich dort ein Wust Regenwürmer tummeln. Von Ekel geschüttelt drehte er sich um.
Und stieß einen Schrei aus, als er Ingrids Blick begegnete. Sie stand im Zwielicht vor der offenen Kellertür. Was hatte sie um diese Uhrzeit da unten zu suchen? Die Alte musterte ihn aus dunklen Augen, in denen es boshaft glitzerte.
»Oh je, ist dir das Essen nicht bekommen?«
»Nein …«, keuchte Gabriel. »Ich meine, ja! Das muss es wohl gewesen sein. Mein Magen ist offensichtlich kein …« — er unterdrückte ein erneutes Würgen — »… kein Fleisch mehr gewohnt.«
Behutsam schob er sich näher an die Treppe heran, die ins Obergeschoss führte. Doch Ingrid durchschaute seinen Plan und blockierte ihm den Weg.
»Weißt du, Gabriel, jetzt, wo wir zwei unter uns sind, würde ich dir gerne etwas zeigen.«
Deine Sammlung tödlicher Jagdmesser? Nein danke! Er stand kurz davor, im Schlafanzug in die Nacht hinauszurennen, als Ingrid zu seiner Überraschung einen Briefumschlag hervorholte.
Zögernd nahm er das Kuvert entgegen und warf einen Blick hinein. Es war gefüllt mit Fotos. Waren das Beweise für ihre Gräueltaten? Aber warum sollte sie ihm die so einfach aushändigen? Dachte Ingrid vielleicht, es würde keinen Unterschied mehr machen, weil sie eh vorhatte, ihn kaltzumachen? Unschlüssig hob er den Blick.
»Jetzt schau schon richtig rein«, trieb Ingrid ihn an. »Glaub mir, du wirst es bereuen, wenn du es nicht tust.«
Gabriel hegte den Verdacht, dass er so ziemlich jede Entscheidung, die er jetzt traf, später bereuen würde. Mit spitzen Fingern hob er das oberste Bild an und schielte darauf. Er runzelte die Stirn, dann sog er scharf die Luft ein. Mit angehaltenem Atem blätterte er durch die restlichen Aufnahmen.
»Fuck!«, stieß er schließlich aus.
»Du sagst es.«
Ohne zu zögern packte Gabriel die Fotos und zerriss sie in kleine Fetzen. Die Schnipsel, die zu Boden segelten, zeigten nur noch Fragmente der hübschen Blondine, die sich eng an einen Mann schmiegte, der leider unverkennbar er selbst war.
Ingrid hatte seinen Anfall von Zerstörungswut unbeeindruckt mitverfolgt. »Du glaubst doch nicht, dass das die einzigen Kopien waren?«
»Fuck!«, fluchte Gabriel erneut. »Aber wie …«
Er presste sich den rechten Handballen gegen die Stirn. In seinem Kopf drehte sich alles. »Warte! Hast du das Mädchen etwa auf mich angesetzt?« Natürlich! Wenn er die Begegnung im Nachhinein Revue passieren ließ, war der Köder nur allzu offensichtlich. Wie oft kam es schließlich vor, dass sich ein Superweib in Hotpants an einen Durchschnittstypen wie ihn ranmachte?
Ingrid lächelte freudlos. »Ich hoffe ja jedes Mal, dass der nächste Freund, den Elise mir vorstellt, sich nicht als Schwein entpuppen wird. Aber am Ende sind doch alle Männer gleich: primitive Tiere, die keine Kontrolle über ihre Triebe haben.«
Verzweifelt suchte Gabriel nach einer Ausrede. Als ihm keine einfiel, versuchte er es mit einer Notlüge.
»Ich werde Elise alles beichten. Bitte gib mir nur die Chance, zuerst mit ihr zu sprechen.«
»Gar nichts wirst du!«, entgegnete Ingrid scharf. »Eine Beichte würde sie nur verletzen.«
»Was willst du dann, dass ich tue?«
»Ich will, dass du aus dem Leben meiner Tochter verschwindest. Und zwar endgültig!«
Gabriel schnaufte. »Auf keinen Fall! Ich liebe Elise!«
»Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du mit dem blonden Flittchen in die Kiste gesprungen bist.«
»Das war nur ein einmaliger Ausrutscher! Elise wird ihn mir verzeihen«, behauptete Gabriel, obwohl er sich da gar nicht so sicher war. Dann schob er sich an Ingrid vorbei und lief die Treppe hoch. Er konnte förmlich spüren, wie sich ein hasserfülltes Augenpaar in seinen Rücken bohrte.
Wieder im Zimmer blieb er vor dem Bett stehen und sah auf seine schlafende Freundin hinunter. Ich bin so ein Idiot. Erging in die Hocke und streckte die Hand aus, stoppte aber kurz vor ihrer Wange.
Seufzend wandte er sich ab und kroch unter die Bettdecke. Besser, er nutzte die Zeit bis zum Morgengrauen, um sich einen Plan zurechtzulegen. Heute Nacht würde er jedenfalls kein Auge mehr zu tun.
Gabriel hob die Lider, nur, um sie gleich darauf wieder zu schließen. Sonnenstrahlen fielen durch die offenen Vorhänge direkt in sein Gesicht. Verdammt! Das kann doch nicht wahr sein! Wie hatte er nach dem ganzen Drama einschlafen können?
Gegen die Helligkeit anblinzelnd schaute er zur Fensterbank hinüber. Die Schulkinder saßen nach wie vor auf ihrem Platz. Von der gruseligen Jens-Puppe war keine Spur mehr zu sehen. Und selbst die Erinnerung an die Replika haftete nur noch blass in seinem Gedächtnis. Ein Streich seiner Fantasie im Halbschlaf?
Bei Licht betrachtet erschien ihm auch die Verbindung zwischen Jens’ Kleeblatt-Tattoo und der Färbung des Fleisches viel zu weit hergeholt. Was für ein hysterischer Blödsinn! Hinter Ingrids Fassade mochte ja mehr stecken als ein harmloses Hausmütterchen, aber das machte sie noch lange nicht zur weiblichen Hannibal Lecter. Was blieb, war das Problem mit dem eingefädelten Seitensprung.
Gabriel drehte den Kopf zur anderen Bettseite, wo ihn der Anblick eines leeren Lakens empfing. Konnte Elise nicht wenigstens mal am Wochenende ausschlafen? Hoffentlich hatte Ingrid noch nicht mit ihr gesprochen. Die Vorstellung seiner Freundin, wie sie weinend über den Fotos am Küchentisch saß, trieb ihn aus dem Schlafzimmer.
»Guten Morgen!«, kündigte er sein Kommen beim Abstieg ins Erdgeschoss an. Doch nur das Ticken der großen Pendeluhr am Fuße der Treppe antwortete ihm. Gabriel ging weiter ins Wohnzimmer, wo er abgesehen von den Puppen niemanden vorfand. Er spähte nach draußen. Der SUV, neben dem er gestern sein Auto geparkt hatte, stand nicht mehr vor dem Haus. Die Frauen waren wohl zum Einkaufen gefahren. Komisch, dass sie ihm keinen Zettel dagelassen hatten.
Ratlos ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen und blieb bei der Galerie der Exfreunde hängen. Jens’ Foto starrte vorwurfsvoll auf ihn hinab.
»Gabriel«, hörte er es in seinem Kopf flüstern. »Gabriel, Mann. Du schuldest mir was. Dafür, dass du gestern an meinem Kadaver genagt hast.«
Wild schüttelte er den Kopf. »Verschwinde!«
»Gutes Stichwort«, spottete die Halluzination. »War es nicht seltsam, wie ich damals einfach so verschwunden bin? Nach Mexiko ausgewandert? Dass ich nicht lache! Ich war ein rassistisches Arschloch, schon vergessen?«
»Genug!« Erschrocken über die Lautstärke seiner eigenen Stimme stolperte er ein paar Schritte zurück. Ein dunkler Streifen in seinen Augenwinkeln ließ ihn jäh innehalten. Die Kellertür — sie stand einen Spaltbreit offen.
Neugier und Angst rangen in seinem Inneren miteinander, durchmischt von Jens’ drängendem Geisterraunen.»Gabriel …«
»Schon gut, ich mach’s ja! Aber danach lässt du mich in Frieden! Ist das klar?«
In dem Bewusstsein, dass er kurz davor war, den Verstand zu verlieren, steuerte Gabriel die Holztür an. Durch die kleine Öffnung konnte er nichts als Finsternis ausmachen.
»Hallo?«, rief er vorsichtshalber nach unten. Sein Ruf hallte leicht von den Kellerwänden wider, blieb aber ansonsten unbeantwortet. Also schön. Er holte noch einmal tief Luft und stieß die Tür ganz auf. Muffige Luft schlug ihm entgegen. Er tastete nach dem Schalter. Eine einzelne nackte Glühbirne flackerte auf, die die steilen Betonstufen nur schwach beleuchtete.
Gabriel machte sich langsam an den Abstieg und hielt sich dabei an dem Seil fest, das mit mehreren Haken an der Wand befestigt war. Unten gelangte er in einen großen, mit allerlei Gerümpel vollgestellten Raum. Was jedoch herausstach, war der Werkstattbereich mit dem großen Arbeitstisch und dem massiven Ofen, der höchstwahrscheinlich zum Brennen des Porzellans diente. Und dann war da noch das Regal voller Puppen. Mit einem schalen Beigeschmack im Mund trat Gabriel näher an die Ablagefläche heran, bis er direkt vor Jens’ pfeilgespickter Nachbildung stand. Hatte er sich die also doch nicht eingebildet. Wäre ja auch zu schön gewesen. Er holte sein Handy hervor und schoss ein paar Beweisfotos, bevor er die nächste Figur in Augenschein nahm. Es war die Einzige, die einen Mann im fortgeschrittenen Alter zeigte. Ohne ihm jemals begegnet zu sein, wusste er sofort, dass es sich um eine Kopie von Elises Vater handelte. Er hatte die gleiche hohe Stirn und das gleiche Grübchen am Kinn wie seine Tochter. Ein weniger erfreuliches Detail war das Käsebeil, das aus seinem Hinterkopf ragte.
Schaudernd ließ Gabriel den Blick weiterwandern. Anhand des braunen Lockenkopfs schloss er auf den Jungen vom Foto im Wohnzimmer. Das Gesicht mit den Sommersprossen war eine einzige unkenntliche Masse — als wäre die Haut wie Wachs zerlaufen und danach wieder erstarrt. Säure, schoss es ihm durch den Kopf. Gabriel hob die Puppe hoch und fuhr mit Daumen und Zeigefinger eine Locke von der Spitze bis zum Ansatz nach. Ein Schauder überlief ihn, als er einen rauen Widerstand spürte. Echthaar.
Ein Rumpeln in der Nähe ließ ihn aufhorchen.
»Elise?«, rief er in Richtung Treppe. Doch die Antwort kam nicht vom Ausgang, sondern aus dem Schatten jenseits des Puppenregals.
»Nein.«
***
Elise schloss die Haustür auf und schleppte die Einkaufstaschen zum Esstisch, wo sie sie mit einem Ächzen absetzte.
»Mama! Gabriel! Ich bin wieder zu Hause!«
Schritte näherten sich, dann erschien ihre Mutter im Türrahmen. »Hallo, Schatz. Hast du alles bekommen?«
»Ja.« Elises Blick glitt zu den Tüten, aus denen Stoffe, Garn und andere Bastelmaterialien quollen. »Das Zeug ist für eine neue Puppe, nehm ich an? Was wird es denn dieses Mal für eine?«
»Spezialanfertigung.«
Elise lächelte. »Verstehe. Und wo steckt Gabriel?«
Als Antwort erhielt sie nur ein Schulterzucken. »Er ist überstürzt aufgebrochen. Ein Notfall in der Familie, oder so.«
»Wirklich?« Elise zog ihr Handy aus der Hosentasche und wählte Gabriels Nummer — Mailbox. Damit war die Sache wohl klar.
»Weißt du was, Mama? Ich glaube, das mit dem Notfall war nur eine Ausrede. Gabriel war gestern den ganzen Tag schon so komisch. Ich schätze, das ist seine Art, mit mir Schluss zu machen.«
Ihre Mutter nickte bedächtig. »Ja, da könntest du recht haben. Wie schade. Ich hätte ihn so gerne in der Familie willkommen geheißen.«
»Was soll ich sagen? Ich habe einfach kein Glück mit den Männern.«
Elise drehte ihrer Mutter den Rücken zu und schleppte sich mit hängenden Schultern die Stufen hoch. Als sie den ersten Treppenabsatz passiert hatte, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Den Loser bin ich los.
Jetzt war die Bahn frei für den heißen Barista aus dem Innenstadtcafé. Oder sollte sie doch lieber dem Kollegen aus der Buchhaltung eine Chance geben, der sie immer so herrlich schüchtern anlächelte? Nun, letztendlich spielte die Reihenfolge wohl keine Rolle. Früher oder später würden sie beide Teil der Sammlung sein.
Yvonne Quasdorf wurde 1990 in Uelzen geboren. Während ihres Studiums im Bereich Sprach- und Übersetzungswissenschaften veröffentlichte sie mehrere Filmbeschreibungen für Sehgeschädigte. Heute lebt sie in Lüneburg, wo sie als Technische Redakteurin und Übersetzerin für Englisch und Französisch tätig ist.
Das sonderbare Glück des Edgar Raabe
Detlev Jänicke
1.
Im Frühsommer des Jahres 18.. reiste ich nach dem kleinen Marktflecken B., um dortselbst einen alten Freund aus längst vergangenen Studententagen zu besuchen, der mit Frau und Tochter in einer ehemaligen Poststation lebte.
An einem sonnigen Morgen bestieg ich leichten Herzens den Waggon einer zischenden und pfeifenden schwarzglänzenden Dampflokomotive, richtete mich in meinem Abteil ein und las noch einmal den Brief, den mir Edgar Raabe, so hieß mein Freund, als Antwort auf meinen Weihnachtsgruß des letzten Jahres geschrieben hatte.
Lieber Johannes,
Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich
über Deine Segenswünsche zum Fest und zum neuen Jahr gefreut habe. Wie ist es Dir gelungen, mich ausfindig zu machen, hatten wir uns doch, wie ich vermeinte, für alle Zeiten aus den Augen verloren? Wie dem auch sei, Du musst mich, das heißt uns, meine geliebte Frau und unser Töchterlein, unbedingt besuchen. Ich kann es kaum erwarten, Dich wiederzusehen. Komm’ recht bald.
Dein alter Freund Edgar.
Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn in das Kuvert zurück. Den Umschlag in der Hand blickte ich gedankenverloren aus dem Abteilfenster, vor dem langsam eine ebene Landschaft vorüberzog, leuchtend im frischen Grün der freundlichen Jahreszeit. Behaglich lehnte ich mich zurück, schloss die Augen, und es dauerte nicht lange, da tauchten Bilder aus der Vergangenheit auf, und ich befand mich wieder auf dem Wall der altehrwürdigen Universitätsstadt. Dort, als ich an einem lauen Frühlingsabend spazieren ging, hatte ich Edgar das erste Mal gesehen, zuerst befremdet von dieser seltsamen Erscheinung, die da an einen Baum gelehnt mit sich selbst Zwiesprache hielt.
Ich verstand kein Wort von dem, was dieser Mensch dort an seinem Baume von sich gab, aber er schien mit sich in Streit zu liegen, das Für und Wider eines für ihn enorm wichtigen Gegenstandes abzuhandeln. Er brummte etwas vor sich hin, horchte dann anscheinend in sich hinein, darauf bekam seine Stimme einen fragenden Tonfall und er schien wieder in tiefes Nachdenken zu versinken.
Ich muss wohl auffallend lange an meinem Platze gestanden und ihn betrachtet haben, denn er hob plötzlich seinen Kopf und sah zu mir herüber.
So ertappt bewahrte ich dennoch eine gewisse Geistesgegenwart und grüßte den mir unbekannten Studenten, denn für einen solchen sah ich ihn an. Er grüßte zurück und fragte: »Bist du ein Theologe?«
Diese Frage kam für mich überraschend, vielmehr der Tonfall war es, der mich überraschte, denn es klang, als erwarte er, dass ich ihm in einer Frage, die diese Richtung betraf, einen entscheidenden Hinweis geben könne.
»Nein, nein«, antwortete ich schnell, »mein Fachbereich ist die Pharmazie.«
»Pharmazie«, sagte er nachdenklich. »Interessant, interessant … Der menschliche Körper … Interessant.«
Wieder fiel mir auf, dass das, was er sagte, eine merkwürdige Färbung dadurch bekam, wie er es sagte. Es klang geheimnisvoll und, wie ich später noch erfahren sollte, man verstand oft nicht, worüber er gerade nachdachte oder worauf er hinauswollte.
»Und dein Thema ist die menschliche Seele, falls du Theologie studierst«, sagte ich.
»Mit heißem Bemüh’n.«
Wir lachten beide, und das war also der Beginn unserer Bekanntschaft, der Auftakt unserer späteren Freundschaft, die all die Universitätsjahre hindurch anhielt.
Edgar galt bei vielen als ein Sonderling wegen seines grüblerischen Wesens, seiner Gedankenschwere, immer in schwierigen theologischen oder philosophischen Fragen befangen, immer in Gesprächen mit sich selbst versunken, so wie ich ihn bei unserer ersten Begegnung gefunden hatte. Am Sonntage aufgeschlossen und heiteren, oberflächlichen Vergnügungen durchaus zugetan, umgab ihn alltags eine dunkle Aura, die viele Menschen unangenehm berührte.
Geriet jemand mit ihm in eine gelehrte Disputation, so entwickelte er in seinen Gedankengängen eine glasklare und unwiderlegbare Logik, der seine Gegner nichts entgegenzusetzen hatten. Allerdings, und vielleicht bemerkte das nur ich als sein engster Freund, disputierte Edgar nicht, um seine überlegene Brillanz zu demonstrieren oder um über seinen Widersacher zu triumphieren; vielmehr, so schien es mir, glitt nach etlichen Streitgesprächen ein enttäuschter Ausdruck über sein Gesicht, den auch ich anfangs nicht zu deuten wusste. Doch je länger ich ihn kannte, umso offensichtlicher wurde es für mich, dass Edgar Raabe ein großer Zweifler war — ein Zweifler an seinen eigenen Überzeugungen.
Das Thema, das ihn am nachdrücklichsten berührte und beschäftigte, die Einheit beziehungsweise der Dualismus von Körper und Seele, hörte ich ihn am häufigsten diskutieren. Er vertrat in diesem Falle erstere Anschauung, und das mit einer Verbissenheit, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Seine Enttäuschung nach jeder für ihn erfolgreich verlaufenen Disputation in dieser Frage schien über die Jahre immer mehr zuzunehmen. Sie war für ihn aber kein nur theologisches, philosophisches oder abstraktes Problem. Vielmehr berührte sie ihn in seinem innersten Selbst; das sollte ich jedoch erst sehr viel später erkennen.
Eines schönen Vormittages betrat ich leichten Schrittes und in ausgelassener Stimmung das Zimmer meines Freundes. Die Sonne lachte freundlich durchs Fenster hinein, vor dem ein bunter Blumenkasten stand. Aus Bäumen und Sträuchern erklang fröhliches Vogelgezwitscher und sonntäglicher Bratenduft zog von draußen durch Edgars kleine, aber behagliche Stube.
»Ach, heute ist ein herrlicher Tag, es ist eine Lust, zu leben!«, rief ich aus, warf mich nachlässig auf einen Stuhl und schaute kurz auf die verschiedenen Bücher und Aufzeichnungen, die auf Edgars Arbeitstisch verstreut waren, Unterlagen für seine Promotion über Die Aufhebung der Vergänglichkeit durch das Ewige Leben.
Edgar, der angekleidet auf seinem Bett lag und die Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte, lächelte. »Profecto, lieber Freund, profecto.«
Dann schaute er nachdenklich aus dem Fenster, das von meiner Position aus gesehen fast vollkommen von dem blauesten Himmel ausgefüllt war.
»Ich sehe deine Stirn umwölkt, von des Gedankens Blässe angekränkelt«, sagte ich lachend. »Und das an einem Tage, der schöner nicht sein könnte.«
Den leichten Vorwurf annehmend versetzte Edgar in launigem Ton: »Wem verdankst du dein Wohlbehagen, deinen Genuss an einem solchen Tage? Hast du darüber schon einmal nachgedacht?«
Ich sah ihn zögerlich an. Schließlich antwortete ich: »Gott. Denn ohne Gott …«
Da lachte er kurz auf. »Natürlich, mein lieber Johannes, natürlich.« Er warf mir einen Apfel zu.
