Dance. Feel The Beat - Maya Prudent - E-Book

Dance. Feel The Beat E-Book

Maya Prudent

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  • Herausgeber: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

**Breakdance, Beats und gebrochene Herzen**  Nie mehr auf der Bühne stehen? In Serenas Leben war das undenkbar. Doch nach einer folgenschweren Verletzung hat sie sich damit abgefunden, an der Academy of Dance and Music zu unterrichten, statt selbst zu tanzen – bis überraschend ihr Ex Steve vor ihr steht und Serenas mühevoll aufgebaute Fassade zum Einstürzen bringt. Während die beiden für ein Tanzprojekt zusammenarbeiten müssen, kommen sie sich erneut viel näher, als sie eigentlich wollen. Und nicht nur die alten Gefühle werden wieder wach. Auch Serenas verschüttete Träume, wieder auf der großen Bühne im Schein der Lichter zu tanzen, drängen unaufhaltsam an die Oberfläche. Doch beides hat sie schon einmal tief fallen lassen ...  Harte Beats und schnelle Moves treffen auf tiefe Emotionen. Gibt es eine zweite Chance – für die Liebe und für die große Leidenschaft?  //»Dance. Feel the Beat« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Maya Prudent

Dance. Feel The Beat

**Breakdance, Beats und gebrochene Herzen**Nie mehr auf der Bühne stehen? In Serenas Leben war das undenkbar. Doch nach einer folgenschweren Verletzung hat sie sich damit abgefunden, an der Academy of Dance and Music zu unterrichten, statt selbst zu tanzen – bis überraschend ihr Ex Steve vor ihr steht und Serenas mühevoll aufgebaute Fassade zum Einstürzen bringt. Während die beiden für ein Tanzprojekt zusammenarbeiten müssen, kommen sie sich erneut viel näher, als sie eigentlich wollen. Und nicht nur die alten Gefühle werden wieder wach. Auch Serenas verschüttete Träume, wieder auf der großen Bühne im Schein der Lichter zu tanzen, drängen unaufhaltsam an die Oberfläche. Doch beides hat sie schon einmal tief fallen lassen …

Wohin soll es gehen?

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Vita

Danksagung

© privat

Maya Prudent liebt an Büchern die Freiheit, sich in andere Welten zu träumen. Bereits als Kind begann sie mit dem Schreiben eigener Texte, bis zu ihrem ersten Roman sollte es aber bis ins Erwachsenenalter dauern. Seither schreibt sie und entschwebt in ihre eigenen Geschichten, leidet und liebt mit ihren Protagonisten. Ihr eigenes Happy End hat sie bereits gefunden und lebt mittlerweile mit ihrem Mann, ihren Kindern und eigenen Haustieren in Mittelhessen.

Für alle, die an zweite Chancen glauben

1.

Ein lautes Klopfen an der Tür mischte sich unter die Klavierklänge, mit denen mich Beethovens Mondscheinsonate für ein paar Minuten in eine andere Welt entführt hatte, und riss mich zurück ins Hier und Jetzt.

»Herein!« Die Blätter in meiner Hand ließ ich ungesehen auf den Schreibtisch sinken, als der schwarze Haarschopf von Juan im Türspalt erschien.

»Was bitte ist das für eine Musik?« Mit einem Hauch von Missachtung im Blick fixierte mein bester Freund die Musikanlage, als könnte er allein durch seine Gedanken und das penetrante Starren die Töne zum Verstummen bringen. Als das nicht gelang, ging er einmal quer durch den Raum und stellte die Anlage aus.

»Banause«, zog ich ihn mit einem Grinsen auf. »Klassik ist zum Entspannen durchaus geeignet.«

»Zum Einschlafen vielleicht. Aber du sollst gleich hellwach im großen Saal sein. Dad schickt mich, um dir Bescheid zu geben, dass es losgeht.« Sein Blick fiel auf die Bewerbungsmappen, die vor mir auf dem Schreibtisch verteilt lagen. »Du gehst die Unterlagen noch einmal durch?«

Auch jetzt konnte ich nicht wirklich etwas auf den Papieren erkennen, die schwarzen Buchstaben zogen wie Vögel schemenhaft an meinen Augen vorbei. Trotzdem versuchte ich, wenigstens vor mir zu rechtfertigen, dass ich die Akten überhaupt herausgesucht hatte. »Hineinschauen kann nicht schaden, oder?«

Die Arme vor der Brust verschränkt, baute sich Juan vor mir auf, den Blick starr auf die Mappen gerichtet. Seinen Mund verzog er genau so, wie es unser Lehrer Gregory Simmons immer getan hatte, bevor er mich für mein Verhalten gerügt hatte. »Ihren Chef wird es freuen, aber seit wann interessiert sich die großartige Serena de Fuego für ein paar nichtssagende Blätter?«

Dass Juan auch die Imitation von Gregorys Stimme perfekt beherrschte, brachte mich zum Lachen. »Mittlerweile nennt er mich nur noch Serena.«

Natürlich hatte mich mein bester Freund vor allem ein bisschen aufziehen wollen, doch seine Frage hatte einen wahren Kern. Schon in unserer Studienzeit war ich mit Gregory, den ich inzwischen zu meinen Kollegen zählte, mehrfach aneinandergeraten, weil für mich beim Tanzen andere Aspekte wichtig waren als Perfektion und Technik. Keine verschriftlichte Choreografie und auch kein Lebenslauf sagten etwas darüber aus, wie der Tänzer mit seinem Körper das Stück zum Leben erwecken konnte, um die Zuschauer zu verzaubern, in andere Welten zu entführen. Daher zählten für mich allein die Videos, die die Bewerber erstellten, und schließlich auch die Aufnahmeprüfungen. Ich musste ein Gefühl für den Tänzer bekommen, brauchte, was ich mit meinen eigenen Augen auf der Bühne sah.

Dass Juan meine Ansicht teilte, hatte nicht geholfen, seinen Vater, meinen Chef und Dekan der Academy of Dance and Music, umzustimmen. Stattdessen hatte Adrian darauf bestanden, die Bewerbungsworte auch weiterhin nicht nur im Video zu hören, sondern sie als geschriebenen Text von den Bewerbern vorgelegt zu bekommen. Und diese heftete er immer in eine Akte mit ihrem Foto und sämtlichen zusätzlichen Unterlagen.

»Eigentlich interessieren sie mich nicht. Aber bevor ich mit deinem Vater unten im Saal auf die Prüfungen warte und Gefahr laufe, dass er mich da über die Bewerbungen ausfragt und sie mit mir durchgehen will, tue ich in meinem Büro wenigstens so, als würde ich sie mir anschauen und zögere meinen Auftritt bis auf die letzte Minute hinaus, damit es direkt losgehen muss.«

Juans Lachen erfüllte mein Büro mit einem angenehmen Klang und ließ auf meinem Gesicht ein breites Grinsen erscheinen. »Guter Schachzug. Aber ich glaube kaum, dass er dich heute mit Fragen zu den Bewerbern gelöchert hätte. Er ist viel zu sehr mit dem neuen Dozenten beschäftigt.«

Gerade wollte ich mich nach meinem Notizbuch strecken, hielt nun aber in der Bewegung inne. »Wir haben einen neuen Dozenten?«

»Einstellung in letzter Minute. Zeitgenössischer Tanz.«

Noch immer verwundert starrte ich zu Juan hinüber, der jedoch mit keinen weiteren Informationen herausrückte. Vielleicht hätte ich mich darüber wundern sollen, da Juan mich im Normalfall mit allem fütterte, was er über neue Kollegen schon wusste. Aber wenn das Ganze eine Spontanaktion war, kannte er vermutlich tatsächlich keine Details, außerdem war mein Gehirn zu sehr mit der Frage beschäftigt, warum Adrian überhaupt jemanden in diesem Fachgebiet eingestellt hatte.

»Ich wusste gar nicht, dass wir dort unterbesetzt sind.« Nicht, dass sein Vater mich bei irgendwelchen Entscheidungen um Erlaubnis fragen musste, schließlich hatte er den guten Ruf der Academy hart erarbeitet, schon lange bevor ich hier angefangen hatte zu studieren. Aber seit Adrian mich vor fünf Jahren nicht nur als Dozentin eingestellt hatte, sondern auch als Hauptverantwortliche für die Aufnahmeprüfungen, war ich ein fester Bestandteil des Kollegiums und bekam im Normalfall mit, wenn wir in einem der Bereiche dringend Zuwachs brauchten. Dennoch wusste ich aus den Erfahrungen der letzten Jahre, dass man zuschlagen musste, sobald es möglich war, einen guten Lehrer in die Finger zu bekommen. Denn nicht jeder Tänzer war dazu geeignet zu unterrichten, und die meisten wollten es auch nicht wirklich.

Die Neugier brannte mir dennoch unter den Nägeln. »Kommt er jetzt noch zum Semester? Wie lange wird er bleiben? Ein Semester? Zwei?«

Juan hob abwehrend seine Hände in die Höhe, sah jedoch nicht mich an, sondern auf die Uhr hinter mir. »Da kann ich dir leider nicht helfen, so genau habe ich nicht nachgefragt. Die AoDM ist euer Ding. Damit will ich nichts zu tun haben. Eigentlich sollte ich dich auch nur daran erinnern, dass du einen Termin hast, weil ich sowieso bei dir vorbei wollte, um mich zu verabschieden.«

»Du kommst nicht mit zu den Prüfungen?« Meine Hände suchten automatisch nach seinen und ich verschränkte unsere Finger miteinander. »Sonst lässt du sie dir doch auch nicht entgehen, wenn du hier bist.«

»Bei den nächsten bin ich vielleicht wieder dabei.«

»Aber du bist doch erst seit ein paar Tagen wieder da«, versuchte ich erneut, ihn zum Bleiben zu überreden. Auch wenn ich verstand, dass er nicht immer hier sein konnte, genoss ich jede Audition, bei der er an meiner Seite war. Vielleicht einfach nur, weil es sich dann nicht so sehr wie ein neues Leben anfühlte, sondern wie ein neuer Abschnitt, den ich genauso mit Juan gehen konnte, wie alles, was wir vor meiner Karriere an der AoDM zusammen erlebt hatten.

»Ich weiß, dass ich dir versprochen hatte, länger zu bleiben, aber neue Projekte erfordern meine Aufmerksamkeit«, erwiderte er mehr als kryptisch und ich verdrehte die Augen.

»Du weißt schon, dass ich deine beste Freundin bin und du mir durchaus verraten könntest, wohin du nun schon wieder für die nächsten Monate verschwindest, wenn du mich früher als geplant allein lässt?«

»Dieses Mal sind es nur zwei Wochen. Und ich bin gar nicht weit weg. Wenn du willst, kannst du mich jederzeit besuchen. Sie brauchen für ein neues Musikvideo einen Choreografen in San Diego.«

»Also kommst du wieder ans Meer.« Kurz seufzte ich auf, doch Juan begann nur zu lachen.

»Ich glaube nicht, dass ich auch nur einen Fuß im Januar dort hineinsetzen werde.«

»Aber du siehst es. « Ich löste meine Hände von seinen und griff nun doch nach dem Notizbuch. »Auch wenn ich zu gerne einen Abstecher zu dir machen würde, du weißt, was hier die nächsten zwei Wochen los ist. Also lass mir die Mädels in Ruhe. Nicht dass dich doch noch eine vom Leben am Meer überzeugen kann, und du es dir anders überlegst, als schnell wieder zurück nach Palm Springs zu kommen.«

»Palm Springs könnte mir gestohlen bleiben, aber nichts auf der Welt wird mich jemals von dir fernhalten.«

»Charmeur.« Juans Lippen fanden, wie immer zum Abschied, ihren Weg auf meine Wange und ich genoss das Gefühl der Vertrautheit, das sich damit einstellte. Dann sah ich ihm wieder in die Augen. »Ich wünsche dir wirklich viel Spaß. Und trotzdem werde ich dich vermissen.«

»Ich bin bald wieder da«, wiederholte er sein Versprechen ernst und ich war dankbar, dass ich dieses Mal nicht so lange auf ihn verzichten musste. Denn auch wenn die Abschiede mittlerweile zu unserem Alltag gehörten und ich es durchaus verstehen konnte, vermisste ich ihn, sobald er nicht bei mir war. Die vier Jahre Studium und zwei gemeinsame Jahre auf Tour hatten uns beide unwiderruflich zusammengeschweißt. Und auch nach der Zeit, die seit meinem Ausstieg vergangen war, hatte ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Juan durch die Welt ziehen konnte, während ich in der Hitze gefangen war. Momente wie diese waren es, die in meinem Herzen einen kleinen Tropfen Wehmut hervorquellen ließen, der sich jedoch schnell in ein aufgeregtes Herzklopfen verwandelte, als meine Augen an der schwarzen Uhr an meiner Wand hängen blieben. Ich zog scharf die Luft ein. »Mist. Ich sollte rasch nach unten kommen, wenn ich nicht riskieren will, von deinem Vater abgemahnt zu werden.«

»Auch wenn ich nicht glaube, dass er das jemals tun würde, wollen wir das beide nicht riskieren.«

»Besser nicht«, rief ich ihm nach und sah dabei zu, wie er mal wieder für ein paar Wochen aus meinem Leben verschwand. Als auch ich rasch nach draußen verschwinden wollte, stieß ich gegen das Regal direkt neben der Tür und das klirrende Geräusch direkt im Anschluss ließ mich zusammenzucken.

»Shit«, stieß ich aus und bückte mich nach dem Bild, das gerade eben heruntergefallen sein musste. Um die Scherben auf dem Boden würde ich mich später kümmern müssen, doch wenigstens das Foto von Juan und mir auf unserer Abschlussfeier wollte ich wieder an seinen Stammplatz stellen. Kurz gönnte ich es mir, uns zu betrachten, die beiden jungen Menschen, die um die Wette strahlten, weil sie noch glaubten, dass die ganze Welt ihnen offenstehen würde. Seine schwarzen Haare, die er auf dem Foto kürzer trug als jetzt, hatte er ebenso wie seinen Teint von seiner mexikanischen Mutter geerbt, die ihr Erbe sonst nur in seinem Vornamen hinterlassen hatte. Schließlich hatte Juan nicht nur den Nachnamen seines Vaters, sondern war auch hier in Amerika geboren und aufgewachsen. Ich hingegen hatte zwar den spanischen Nachnamen meiner Eltern, doch die blonden Haare ließen mich neben ihm und unseren Eltern wie eine Außenseiterin wirken und verrieten, dass ich mit keinem von ihnen blutsverwandt war.

Mit einem Kopfschütteln riss ich mich von dem Bild los und eilte durch die Gänge. Und wie jedes Mal, wenn ich mich auf eine neue Prüfung vorbereitete, erinnerte ich mich an meine schönsten Momente an dieser Academy. Die Aufführungen unserer Studierenden, die Augenblicke, in denen ihnen klar wurde, dass sie den Sprung in die großen Ensembles geschafft hatten, die Erfolge, an denen ich auch mir einen Anteil zuschrieb. All diese Erinnerungen motivierten mich jeden Tag aufs Neue, im Unterricht mein Bestes zu geben. Und so gerne ich allen, die heute bei den Aufnahmeprüfungen auf der großen Bühne stehen würden, diese Chance gönnen mochte, hier irgendwann selbst innezuhalten und an ihr Studium zurückzudenken, so wusste ich dennoch, dass ich nicht alle aufnehmen konnte. Aber vielleicht bot dieser neue Kollege ja die Chance, wenigstens ein paar mehr Studenten in unseren Reihen willkommen zu heißen. Zumindest wenn er länger als das eine Semester bleiben sollte, das vor zwei Tagen begonnen hatte. Eine wichtige Info, die ich mir unbedingt von Adrian holen musste, bevor ich mir meine ersten Notizen zu den Bewerbern machte.

Ich ging durch die doppelte Eichentür, die normalerweise den Zugang zu unserem größten Saal blockierte, heute aber für alle, die zuschauen wollten, offen stand. Auf der ersten Stufe blieb ich stehen, um für einen Moment die Atmosphäre zwischen Spannung, Freude und Angst auf mich wirken zu lassen. Auf den grauen Sitzreihen tummelten sich in der Dunkelheit des Saales schon vereinzelt Studentengruppen, die neugierig auf die Auditions waren, die wenige Minuten später losgehen sollten. Zumindest, wenn ich mich dazu bewegen konnte, endlich die Stufen hinunterzugehen, bis zu dem vorderen Bereich, in dem Adrian und ich normalerweise Platz nahmen. Mit ausreichend Abstand, jedoch trotzdem nah genug, um alles auf den dunklen Brettern der Bühne überblicken zu können. Ob er schon da war, konnte ich nur erahnen, da eine Traube aus Studenten sich direkt hinter unsere Reihe gesetzt hatte, doch ich meinte, seinen grauen Haarschopf zwischen ihnen aufblitzen zu sehen.

Der schwarze Vorhang im hinteren Bereich war heute komplett zugezogen und versteckte die weiße Leinwand, mit der wir bei unseren Aufführungen gerne die Bühnengestaltung übernahmen, um genügend Platz für die Tänzer auf den Brettern zu haben. Doch gerade heute beruhigte mich der dunkle Hintergrund, weil er es mir erlaubte, den Fokus einzig und allein auf die Bewerber zu richten, die dort um meine Aufmerksamkeit kämpfen würden. Um ihnen gerecht zu werden, sollte mich nichts ablenken können. Ich atmete noch einmal durch und stieg dann die Stufen hinab. Mit jedem Schritt wurde das Lächeln auf meinem Gesicht breiter und meine Schultern entspannten sich. Denn auch wenn die Verantwortung groß war, gefiel mir diese Aufgabe mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Und eigentlich musste ich vor allem vor mir selbst zugeben, dass ich mich nach fünf Jahren nicht nur in mein neues Leben gefügt, sondern es irgendwie auch lieben gelernt hatte.

Als ich näher kam, bemerkte ich, dass Adrian tatsächlich schon in unserer Reihe saß. Neben ihm hatte eine weitere Person Platz genommen, mit der er sich gerade angeregt unterhielt. Ungewöhnlich, doch ich vermutete, dass er den neuen Kollegen mit unseren Gepflogenheiten vertraut machen wollte und die Chance nutzte, ihm alle Prozesse zu zeigen. Neugierig auf den neuen Dozenten versuchte ich in der Dunkelheit etwas zu erspähen. Doch das schwache Licht machte es mir nicht möglich viel mehr zu erkennen, als dass er wenigstens im Sitzen ungefähr so groß war wie Adrian auch, der mich locker um einen Kopf überragte. Seine Haare hoben sich dunkel gegen den grauen Haarschopf meines Chefs ab, was darauf schließen ließ, dass er noch nicht so alt sein konnte. Zumindest nicht so alt wie der Großteil unserer Dozenten, die schon seit Jahren an der Academy unterrichteten und von denen die Hälfte auch mich als Studentin unterrichtet hatte. Meine Hoffnung, dass Adrian tatsächlich mal einen jüngeren Kollegen eingestellt haben könnte, wuchs von Sekunde zu Sekunde. Was genau er trug, konnte ich nicht sagen, vermutlich aber ein schwarzes oder ein dunkelblaues Jackett, denn der feine Stoff, der über der Sitzlehne herausragte, sah nicht nach einem T-Shirt oder Pullover aus. Vielleicht war es auch nur ein Hemd. Ein bisschen hoffte ich es, als mein Blick an meiner Kleidung nach unten wanderte. Warum war ich nicht auf die Idee gekommen, mich etwas schicker zu machen, als Juan mir von dem neuen Kollegen erzählt hatte? Stattdessen stand ich hier in meiner schwarzen Stoffhose und dem weißen Tanktop, was ich bei den meisten Aufnahmeprüfungen trug. In meinem ersten Jahr hatte ich mich noch in Schale geworfen, dann aber schnell festgestellt, dass ein Kostüm nicht nur unbequem war, wenn man hier mehrere Stunden saß und Tänzer beurteilen sollte. Vor allem hatte es sich als unpraktisch erwiesen, sollte ich doch einmal auf die Bühne gehen wollen, um ein paar Bewerbern eine eigene kurze Choreografie vorzutanzen, die sie anschließend nachahmten, damit ich eine genauere Entscheidung treffen konnte. Aber alles Zweifeln nützte jetzt nichts. Die Zeit, doch noch einmal in mein Büro zurückzugehen, mich umzuziehen, um einen guten ersten Eindruck zu machen, hatte ich nicht. Schon in weniger als zwei Minuten sollte nach Plan der erste Bewerber auf die Bühne gerufen werden. Also straffte ich meine Schultern und ging die letzte Stufe hinunter, die mich noch von meinem Sitzplatz neben Adrian trennte.

»Ich hoffe, ich bin nicht zu spät.«

Sobald meine Worte erklangen, drehte sich Adrian zu mir um und schenkte mir sein übliches warmes Lächeln, das mich immer wieder an den Moment erinnerte, als ich es das erste Mal gesehen hatte. Schon damals hatte es mein Inneres mit Ruhe geflutet, weil es mir einen sicheren Hafen versprach.

»Alles in Ordnung.« Adrian lehnte sich im Stuhl zurück und gab damit die Sicht auf seinen Gast frei. »Darf ich dir …«

Selbst wenn Adrian seinen Satz beendete, nahm ich kein weiteres Wort mehr auf, sondern starrte in Augen, von denen ich wusste, dass sie dunkelbraun waren, auch wenn das Licht hier zu schwach war, um die Farbe tatsächlich erkennen zu können. Ich schluckte hart, konnte aber nicht anders, als meinen Blick langsam von seinen schwarzen Haaren, die ihm wie wild durcheinander vom Kopf abstanden, über seine dunklen Brauen bis zu seinen vollen Lippen gleiten zu lassen, die mittlerweile von einem Dreitagebart umrahmt wurden. Sein rechter Mundwinkel hob sich und ich riss mich davon los, das Kribbeln ignorierend, das diese kleine Geste augenblicklich in mir auslöste, und sah wieder nach oben in seine Augen, die mich unverwandt anstarrten. Ob ich es mir einbildete oder nicht, doch in diesem Moment entdeckte ich wieder die Tiefe darin, die mir schon früher zum Verhängnis geworden war. Ein Blick von ihm genügte, um mich ganz abtauchen zu lassen, die Welt für eine Weile zu ignorieren und nur noch zu fühlen, was da zwischen uns war. Nein. Gewesen war!

Langsam, als wollte er mich nicht verschrecken, erhob er sich von seinem Sitz und zwang mich damit, meinen Kopf zu heben, um gar nicht erst auf die Idee zu kommen, auch noch den Rest von ihm in Augenschein zu nehmen. Nein, das konnte ich mir auf keinen Fall erlauben. Ein kurzes Blitzen an seinem rechten Ohr zog meine Aufmerksamkeit dorthin und sorgte dafür, dass sich ein weiteres Bild über das schob, das ich gerade vor mir sah. Er, wie er mit zerzausten Haaren in meinem Bett lag und mit leuchtenden Augen das Geschenk in seinen Fingern betrachtete. Zwei silberne Blitze, gegen die er nach einem langen Kuss sofort seine Ohrringe getauscht hatte. Die ich jedoch nicht länger als eine Woche an ihm gesehen hatte. Statt der silbernen Ringe, die ich deshalb dort erwartet hatte, trug er heute wieder in beiden Ohren mein Geschenk. Ich fühlte mich augenblicklich, als wäre ich in die Vergangenheit katapultiert worden, nur dass hier nicht mehr der Kerl von früher stand, sondern ein Mann, der in den letzten fünf Jahren erwachsen geworden war. Mein Hals war so trocken, dass ich mich räuspern musste, um selbst das eine Wort auszusprechen, das nun aus mir heraus wollte.

»Steve?«

2.

Alles um uns verschwamm und meine Welt schaltete um auf Slowmotion. Weder Adrian noch die Studenten, die im Saal verteilt saßen, spielten jetzt eine Rolle. Das Einzige, was ich wahrnahm, war der Mann vor mir, der langsam auf mich zukam, als wollte er mir die Chance geben, mich zurückzuziehen. Was ich getan hätte, wenn ich die Kraft dazu hätte aufbringen können. Doch der Schock, ihn hier vor mir zu sehen, hatte sämtliche Muskeln vereist und so stand ich inmitten unseres großen Saales, starrte ihn an und wartete darauf, ob seine Berührung, die unweigerlich kommen würde, mich heilte oder verbrannte.

»Serena, schön dich zu sehen.« Sein Gesicht kam meinem immer näher und dann spürte ich seine Lippen warm auf meiner Wange. Warm und vertraut. Einem inneren Impuls folgend wollte ich zurückzucken, doch der Geruch seines Aftershaves schwappte über die imaginäre Mauer, die ich zwischen uns errichtet hatte, und spülte alte Erinnerungen vom Grunde meines Herzens an die Oberfläche, die meinen Körper dazu brachten, den Kopf anzuheben und die Geste zu erwidern. Ich konnte meine Hände gerade noch davon abhalten, sich auf seine Brust zu legen und daran nach oben zu fahren. Doch bevor ich die Chance bekam, mich vollkommen lächerlich zu machen, trat Steve einen Schritt zurück.

Auch wenn ich besonders in diesem Saal vor all meinen Studenten eloquent hätte auftreten sollen, konnte ich gerade in meinem Kopf keinen vernünftigen Gedanken formen. Natürlich war mir klar, dass Steve theoretisch wieder in der Stadt sein konnte. Die Tour, die ihn im letzten Jahr durch ganz Amerika hatte reisen lassen, war seit einem halben Jahr zu Ende. Aber da er mir bisher in Palm Springs nicht begegnet war, hatte ich angenommen, dass er nach der Tour die Chance genutzt hatte, eine ganz neue Karriere zu starten. Aufritte in Musikvideos, mit seiner Crew in einem Club, keine Ahnung. Auf jeden Fall weit weg von hier. Doch selbst wenn ich ihn wieder in der Stadt vermutet hätte, die Academy war mein Refugium und bisher hatte Steve niemals wieder einen Fuß in diese Hallen gesetzt. Warum also gerade jetzt? Und was machte er hier bei den Aufnahmeprüfungen? Wollte er etwa endlich …? Ich verwarf den Gedanken so schnell wieder, wie er gekommen war. Wenn Steve sich an der Academy für ein Studium beworben haben sollte, dann hätte ich ein Video gefunden. Außerdem würde er in diesem Fall nicht hier im Saal sitzen, sondern würde sich in einem der Räume aufhalten, die wir zum Aufwärmen und Umkleiden vorbereitet hatten. Wie alle anderen Bewerber auch, bis wir sie auf die Bühne holten.

Es half alles nichts. Wenn ich in meinem Kopf wieder etwas Ordnung herstellen wollte, musste ich fragen.

»Was machst du hier?«

Seine Augenbrauen wanderten nach oben, also blickte ich verwundert zu Adrian, der mich ebenso irritiert anstarrte und für Steve das Antworten übernahm: »Wie ich eben schon erwähnte, wird Steve ab heute hier eine Stelle übernehmen. Ich habe ihn eingeladen, sich mit uns gemeinsam die Aufnahmeprüfungen anzusehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wer im nächsten Semester alles in seinem Kurs landen könnte.«

Die Worte kamen in meinem Kopf an, doch sie ergaben keinen Sinn, daher sah ich immer wieder von einem zum anderen Mann, ohne etwas zu erwidern. Was ohnehin unnötig gewesen wäre, denn Adrian fuhr ungerührt fort.

»Ihr kennt euch also?«

Steves Blick durchbohrte noch immer mich, statt sich nun Adrian zuzuwenden, als er auf seine Frage antwortete: »Kann man so sagen.«

»Flüchtig«, fühlte ich mich genötigt, ihn in seine Schranken zu weisen und bei Adrian kein falsches Bild aufkommen zu lassen, auch wenn dieses eine Wort mehr Lügen enthielt, als ich an einer Hand aufzählen konnte. »Steve war doch mit Michael auf Tour.«

Michael, in der Szene auch als FlyHigh bekannt, war nicht nur einer der großartigsten Breakdancer, sondern seit Jahren schon sehr erfolgreich mit dem, was er tat. Alle großen Wettbewerbe hatte er gewonnen. Und letztes Jahr hatte er gemeinsam mit Juan und unserem Freund Bash die YouTube-Show »The Final Battle« ins Leben gerufen, an der sowohl Steve als auch Kayla, eine meiner neuen Studentinnen, teilgenommen hatten. Die Amerikatour, die die beiden vor einem halben Jahr beendet hatten, war der große Hauptgewinn gewesen. Eine Chance, die nicht jedem offen stand.

Vor allem war Michael aber Adrians Sohn aus erster Ehe und damit auch Juans Halbbruder. Daher dürfte es klar sein, dass ich durchaus informiert war, wer es durch die Show bis zum endgültigen Hauptgewinn geschafft hatte, auch wenn ich selbst nicht in die Show eingebunden war. Schließlich hatte ich mit der Academy definitiv genug zu tun gehabt.

Auch wenn ich zu gerne in Steves Augen gesehen hätte, um zu schauen, ob meine Worte ihn getroffen hatten, richtete ich meinen Blick stur auf Adrian.

»Kann ich dich für einen Moment sprechen?« Abwartend sah ich zu ihm, doch da er keine Anstalten machte, sich von seinem Sitz zu erheben, fügte ich noch schnell hinzu: »Allein!«

Ein kurzer Blick auf sein Handgelenk, dann erhob sich Adrian von seinem Platz. »Aber nur fünf Minuten. Wir sind jetzt schon spät dran. Zu lange sollten wir die Bewerber nicht warten lassen.«

»Natürlich.« Ich drehte mich auf der Stelle um und nahm die Treppenstufen nach oben, die ich eben noch heruntergekommen war. Ein paar interessierte Blicke unserer Studenten folgten Adrian und mir, als wir durch die Türen nach draußen gingen. Vor dem Saal blieb ich stehen, verschloss jedoch die großen Eichentüren hinter uns, um wenigstens ein bisschen Distanz zwischen Steve und mich zu bringen.

»Also?«, wandte sich Adrian an mich, nachdem er sich im leeren Flur umgesehen und sich versichert hatte, dass wir tatsächlich allein waren.

»Du hast Steve angestellt?«

Seine Stirn legte sich in Falten. »Das habe ich eben schon zweimal gesagt. Um diese Frage zu stellen, hast du mich nach draußen gebeten?«

»Natürlich nicht.« Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken, die darin wie wild durcheinander kreisten, zu sortieren. »Aber wieso? Er hat nicht einmal ein Studium absolviert. Er ist vor fünf Jahren durch unsere Aufnahmeprüfungen durchgefallen und hat es, soweit ich es gehört habe, auch an keiner anderen Academy probiert. Wie soll er unseren Studenten die Inhalte beibringen, die er selbst niemals erlernt hat?«

»Diese Worte aus deinem Mund?« Seine Irritation konnte ich in jedem Wort vernehmen. »Bist du es nicht, die mir seit Jahren predigt, dass ich die Akten in den Schränken lassen soll und nur das zählt, was jemand beim Tanzen zeigt?«

»Für die Aufnahmeprüfungen«, schränkte ich sofort ein, auch wenn ich bei jeder anderen Person Adrians Satz, ohne zu zögern, unterschrieben hätte. Das mulmige Gefühl, das allein bei dem Gedanken in mir aufstieg, dass ich gerade zweierlei Maß anlegte, versuchte ich zu unterdrücken und zwang mich, auch die nächsten Worte auszusprechen. »Aber von unseren Dozenten erwarten wir doch ein gewisses Maß an Theorieverständnis.«

»Was er durchaus mitbringt«, warf Adrian nun schneidend ein. »Keine Ahnung, was du glaubst, wie ich die Einstellungsgespräche hier führe. Aber nachdem Michael mir von Steve vorgeschwärmt hat, habe ich mich im letzten halben Jahr mehrmals mit ihm getroffen und ihm schließlich mein Angebot unterbreitet. Er hat nicht nur das nötige Wissen, das er als Dozent braucht, er bringt der Academy durch die beendete Tour und seinen Bekanntheitsstatus auch eine Aufmerksamkeit, die wir nicht unterschätzen dürfen.«

»Aber wir haben doch auch so schon genug Bewerber. Es gab kein Jahr, in dem wir alle Studenten aufnehmen konnten. Wofür brauchst du noch mehr Bekanntheit?«

»Es gibt nicht nur Studenten, Serena, die unsere Arbeit hier finanzieren. Unsere Academy lebt zu einem großen Teil ebenso von Förderern. Und ihnen gefällt es, wenn nicht nur unsere Abgänger anschließend in großen Ensembles aufgenommen werden, sondern wir auch über gute und bekannte Dozenten Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Sie wollten dich damals nicht nur wegen deines Könnens, sondern aus demselben Grund auf deinem Posten sehen.«

»Aber …«, setzte ich erneut an, ohne wirklich zu wissen, was ich darauf noch erwidern sollte, denn ein großer Teil in mir war sich durchaus bewusst, dass Adrian mit seinen Ausführungen recht hatte. Und dennoch wollte ich die Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. So sehr ich Steve jeden Job der Welt gönnte, ihn für ein Semester oder länger hier an der Academy zu haben, so hatte ich mir die nächste Zeit nicht vorgestellt. Selbst wenn ich noch anführen wollen würde, dass Steve vom Alter her eher einer unserer Studenten sein könnte als einer der Dozenten, spielte auch das keine Rolle, da Adrian mich gar nicht erst weiter sprechen ließ.

»Die Bewerber warten. Und ich werde mit dir nicht meine Personalpolitik diskutieren. Ich schätze dich sehr, Serena. Und bei den Aufnahmeprüfungen hast du weiterhin freie Hand. Aber überschreite nicht deine Kompetenzen. Du wirst dich auch mit einem Kollegen arrangieren können, der nicht die gleiche Ausbildung genossen hat wie du und Juan. Er ist dadurch keineswegs ein schlechterer Tänzer oder ein schlechterer Dozent.«

Wenn das doch nur mein Problem wäre, aber da ich Adrian nicht die Wahrheit gestehen konnte, nickte ich nur.

»Natürlich. Entschuldige, dass ich nachgefragt habe. Sollen wir wieder?« Ich zeigte auf das braune Holz vor uns und Adrian murmelte ein paar Worte, die ich als Zustimmung deutete, sodass ich die Türen mit Schwung öffnete und vor ihm die Stufen nach unten stieg. Kurz bevor ich bei unserer Reihe angekommen war, blieb ich stehen und wollte Adrian den Vortritt lassen, damit er wieder neben Steve Platz nehmen konnte. Doch er legte nur seine Hand auf meinen Rücken und schob mich vor sich her, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als auf den freien Stuhl zu sinken, auf dem vor unserem Gespräch noch Adrian gesessen hatte. Den Blick starr nach vorne gerichtet, versuchte ich die Wärme zu ignorieren, die von Steve ausging, auch wenn mir dies schwerer fiel, als ich zugeben wollte.

»So sieht man sich wieder«, raunte er mir ins Ohr und lehnte sich noch eine Spur näher zu mir.

Ein leises, raues Lachen entschlüpfte mir. »Um mich wiederzusehen, hättest du nicht anfangen müssen, hier zu arbeiten. Seit fünf Jahren bin ich hier. Ich habe mich nie vom Fleck bewegt.«

»Ich weiß. Aber für manche Begegnungen muss erst die richtige Zeit kommen.«

Mein Kopf flog zu ihm herum und erst, als sich unsere Nasenspitzen fast berührten, realisierte ich, wie nah wir uns eigentlich waren und mein Herz stolperte. »Und diese Zeit ist jetzt?«

Seine Schultern zuckten. »Zumindest war sie bisher noch nicht da.« Damit drehte er sich wieder nach vorne und ließ mich mit meinen Gedanken allein.

Selbst Adrians Worte, die durch den Saal hallten und mit denen er vermutlichen den ersten Bewerber auf die Bühne bat, kamen nur durch einen Nebel bei mir an, während ich mein Smartphone aus der Tasche kramte und Juans Kontakt aufrief. Ich wollte die Pausetaste drücken oder besser noch zurückspulen zu dem Zeitpunkt, als ich mit Juan im Büro gestanden hatte, nicht ahnte, wem ich hier begegnen würde.

Hast du wenigstens für eine Sekunde überlegt, mir zu sagen, wer im großen Saal auf mich warten wird?

Meine Finger tippten die Frage, die mir auf der Seele brannte, seit ich Steve gegenübergestanden hatte. Sofort erschienen die blauen Haken und drei Punkte, die anzeigten, dass mein bester Freund schrieb. Wie gebannt verfolgte ich das Blinken auf dem hellen Display und starrte ungläubig auf die Worte, die mit einem Mal dort auftauchten:

Hätte es etwas geändert?

Hätte es? Ich wusste es nicht. Aber da in diesem Moment ein Bewerber auf die Bühne trat, steckte ich das Smartphone schnell zurück an seinen Stammplatz und schob die Frage ganz weit nach hinten in meinem Kopf. Denn jetzt gab es nur eine Sache, auf die ich mich konzentrieren durfte: die Aufnahmeprüfungen.

3.

Warme Luft schlug mir schon aus meinem Lieblingsclub, dem Darklight, entgegen, als ich durch die gläsernen Türen trat, die ich seit über einem Jahr kaum noch passiert hatte, obwohl ich früher jedes Wochenende hier gewesen war. Die Bässe durchdrangen meinen Körper und setzten mich unter Strom. Und dennoch war es mir noch immer schleierhaft, warum ich mich gerade heute von meiner Kollegin Camille hatte überreden lassen, mich hier mit ihr zu treffen.

Wann glaubst du mir endlich, dass du vor allem wegen ihm hierhergekommen bist?, flüsterte mir eine verschwörerische Stimme in meinem Inneren zu, die ich nur zu gerne zum Schweigen gebracht hätte. Auch nach fünf Jahren stellte sie die Frage, die ich mit aller Macht verdrängen wollte, die ich nicht nur vor anderen, sondern vor mir selbst versteckte. Damals hatte ich geglaubt, dass Steve mir mein schon zuvor gebrochenes Herz endgültig zerstört hatte. Aber die Wahrheit war, dass dieser Kerl es nicht in Scherben zurückgelassen hatte, denn das würde bedeuten, dass mein Herz immer noch bei mir wäre. Nein, stattdessen hatte ich zugelassen, dass Steve es an sich genommen, es einfach behalten hatte. Weder vor Juan noch vor anderen Freunden hatte ich es jemals zugegeben, dass ich mich selbst Monate nach unserer Trennung nach Steve sehnte, dass ich es auch anschließend nicht schaffte, über ihn hinwegzukommen, schließlich war es mehr als albern. Er war ein Junge gewesen, fünf Jahre jünger als ich. Kein Mann, dem man nachweinen sollte. Eigentlich noch ein Kind. Nein, ich konnte es vor niemandem zugeben, ich hatte es mir ja nicht einmal selbst wirklich eingestanden. Bis Steve heute direkt vor mir gestanden hatte. Bis ein einziger Blick in seine Augen mich wieder zurückkatapultiert hatte in eine Zeit, in der all meine Hoffnung auf ihm geruht hatte, darauf, dass er tatsächlich die Kraft besaß, die Schatten, die mein Herz zerfraßen, zu vertreiben. Obwohl er damals erst achtzehn Jahre alt gewesen war, hatte etwas in mir gehofft, von ihm gerettet zu werden, gehofft, dass er mein Anker sein könnte. Und doch war er wieder aus meinem Leben verschwunden, hatte mein Herz mit sich genommen und mich endgültig in einer kalten Dunkelheit zurückgelassen, aus der ich mich, wie ich heute realisieren musste, noch immer nicht endgültig befreit hatte.

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte in den kurzen Momenten, in denen das bunte Licht den Club erhellte, Camille zu entdecken. Die Menschen auf der riesigen Tanzfläche in der Mitte betrachtete ich nicht genauer, denn so wie ich meine Kollegin und Freundin kannte, würde sie mit dem Tanzen warten, bis auch ich da war. Daher scannte ich die silbern-glänzenden Geländer ab, die die Tanzenden in ihrem Inneren hielten, doch ich konnte Camille nirgendwo sehen. Erst als mein Blick an der breiten, in ein dunkelblaues Licht getauchten Bar am anderen Ende des Raumes hängen blieben, entdeckte ich meine Freundin. Meine Finger suchten den Riemen meiner Handtasche, die ich locker über meine Schulter geworfen hatte, während ich mich durch die tanzende Menge auf die Bar zubewegte. Natürlich wäre es einfacher gewesen, den Weg um die Tanzfläche herum zu wählen, aber ich liebte die Kraft, liebte die Energie, die sich hier in der Mitte des Raumes sammelte und nur darauf wartete, andere Menschen anzuziehen, bis sie irgendwann im Tanz explodieren würde. In Momenten wie diesem fühlte ich mich wieder lebendig, spürte ich, wie ich wieder ein Teil von allem wurde und aus der Rolle des Zuschauers heraustrat. Zumindest für ein paar Minuten, für ein paar wenige Augenblicke.

»Hey«, schrie ich gegen die Musik an, als ich endlich bei Camille an der Bar angekommen war und mich auf den Hocker neben ihr fallen ließ.

»Ich dachte schon, du drückst dich wieder.« Sie grinste und zog dann an ihrem Strohhalm, der in einem großen Cocktailglas steckte. Die orange-rote Flüssigkeit senkte sich ein Stück, während Camille mich musterte. »Nettes Kleid. Heute noch was vor?«

Mein Blick wanderte nach unten zu dem dunkelroten Stoff, der meine Schultern frei ließ, den restlichen Körper jedoch umschmiegte wie eine zweite Haut, erst knapp unter dem Knie endete das Kleid. Ein Kleid, um aufzufallen. Auch wenn es mir nicht gefiel, dass Camille mich so leicht durchschaute, aber ich wollte, dass mich heute Abend jemand ansprach, ich wollte mich ablenken von den Gefühlen, die in mir hochgekocht waren. Adrian hatte mir deutlich gemacht, dass ich mit Steve würde auskommen müssen. Und das konnte ich nur schaffen, wenn ich dieses lästige Kribbeln endlich loswurde. Denn dass ich ihm nachgab, war ausgeschlossen. Wohin es mich das letzte Mal geführt hatte, wusste ich. Noch einmal würde ich es nicht überstehen, wenn Steve mich erneut verlassen würde. Und wenn ich eins in den letzten Jahren gelernt hatte, dann, dass Ablenkung in Bezug auf Steve am besten half. Schließlich war das, wenn auch unbewusst, mein Heilmittel. Jedes Mal, wenn ich ihn – bis er zur Tour aufgebrochen war – hier oder draußen mit einer anderen Frau gesehen hatte, war ein anderer Mann die einzige Medizin, die ich brauchte, um nicht endgültig unterzugehen und in tiefster Dunkelheit liegen zu bleiben.

»Mal sehen, was sich so anbietet«, deutete ich deshalb nur vage an. Mit Blick zum Barkeeper hob ich die Hand, um mir auch ein Getränk zu bestellen.

»Eigentlich müssen wir gar nicht mehr hier fischen, wenn wir uns einen Hottie angeln wollen.«

Meine Augen flogen zurück zu Camille, die nur genüsslich einen weiteren Zug ihres Cocktails zu sich nahm.

»Ich meine«, fuhr sie unbeirrt fort, »Steve Johnson an unserer Academy und das mindestens ein ganzes Semester lang. Hast du ihn dir mal angesehen?«

»Er wird mindestens zwei Semester bleiben«, gab ich Adrians Neuigkeiten weiter, die er mir bei den heutigen Aufnahmeprüfungen eröffnet hatte, zusammen mit der Bitte, dafür zu sorgen, dass es für Steve ein angenehmes Einleben werden würde. Als ob ich dafür die richtige Person wäre.

»Wow!« Camilles Blick zeigte Neugier, gepaart mit diesem Jagdblick, den ich gut von ihr kannte, sobald ein Mann sie interessierte.

»Du weißt schon, dass er gerade mal 23 Jahre alt ist, oder?«, wies ich sie auf den Altersunterschied von zehn Jahren hin, den sie zu ihm hatte. Nicht, dass er mich stören sollte und dürfte. Dennoch konnte ich den Kommentar nicht zurückhalten.

»Ach, ein bisschen Abwechslung tut gut. Und ich will ihn ja nicht gleich heiraten. Aber wenn du ihn lieber für dich willst …«

Ein eiskalter Schauer lief über meinen Rücken und das Verlangen, ihr zu sagen, dass sie ihre Finger von ihm lassen sollte, wurde immer größer. Doch mein Herz begann zu ziehen, als ich realisierte, dass ich keinerlei Recht dazu hatte. Schon lange nicht mehr.

»Tu dir keinen Zwang an.« Ich presste die Worte über meine Lippen und wandte mich dankbar an den Barkeeper, der in diesem Moment herüberkam, um meine Bestellung aufzunehmen.

»Und du hast wirklich kein Interesse? Eigentlich dachte ich, dass er absolut dein Typ sein müsste.«

Um sie nicht ansehen zu müssen, tat ich so, als ob es mich brennend interessieren würde, wie der Barkeeper meinen Drink zusammenmixte, während ich nur wie beiläufig antwortete: »Er sieht nicht schlecht aus, aber mein Typ … ich weiß nicht.«

Ich konnte nur hoffen, dass sie die Lüge aus meinen Worten bei der Lautstärke, die hier herrschte, nicht heraushören konnte. Der Barkeeper reichte mir meinen Drink und ich lächelte ihm dankbar zu.

»Oh Mann, wenn man vom Teufel spricht«, raunte mir da Camille plötzlich ins Ohr und ich donnerte das Glas meines Cocktails vor Schreck auf die Theke. Zum Glück nicht fest genug, dass es in tausend Teile zerspringen konnte, doch der süße Inhalt schwappte über den Rand und lief über meine Finger nach unten auf die schwarz glänzende Oberfläche vor uns.

»Wo?« Ich drehte mich in Camilles Richtung um und scannte den Raum ab, auf der Suche nach Steve. Früher hatte ich immer ein gutes Radar gehabt und ihn innerhalb von Sekunden in der Menge ausmachen können. Doch heute wollte es mir einfach nicht gelingen. Wo war er nur? Noch bevor ich jedoch weiter nach ihm Ausschau halten konnte, spürte ich eine warme Hand auf meiner Schulter.

»Auch hier?« Steves tiefe Stimme sendete ein Kribbeln über meine Wirbelsäule, während ich mich augenblicklich unter seiner Berührung versteifte. Camille musterte mich interessiert und sah zwischen uns hin und her.

»Ausflug mit einer Freundin«, gab ich knapp zurück, doch als Camille ihre Augenbraue fordernd nach oben zog, sackten meine Schultern ein Stück nach unten und ich deutete mit der Hand auf sie. »Camille Martinez, meine Freundin und ebenfalls Dozentin an der AoDM, Steve Johnson, unser neuer Kollege.«

»Und ein flüchtiger Bekannter«, fügte er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen hinzu, während er Camille die Hand reichte. »Schön, heute schon weitere Kollegen kennenzulernen.« Dann wandte er sich wieder an mich. »Du hättest mir nach den Prüfungen ruhig sagen können, dass ihr heute Abend hierherkommen wollt, dann wäre ich schon früher da gewesen. Ich hätte dich auch abholen können.«

»Erstens bin ich gerade erst gekommen und zweitens bin ich groß. Ich brauche bestimmt keinen Mann, der mich zu Hause abholt, wenn ich einen Club besuchen will.«

»Vielleicht aber einen, der sie heimbringt«, murmelte Camille in ihr Glas und ich warf ihr einen bösen Blick zu, den meine Freundin jedoch gekonnt ignorierte und sich ganz ihrem Getränk widmete.

Mit seiner freien Hand zog Steve einen Hocker hinter mir auf den Gang zwischen Camille und mich, bevor er eher pro forma nachfragte: »Darf ich mich zu euch setzen?«

»Natürlich«, erwiderte Camille, ehe ich auch nur einen Ton herausbringen konnte.