Dancing Jax - Die komplette Trilogie - Robin Jarvis - E-Book

Dancing Jax - Die komplette Trilogie E-Book

Robin Jarvis

4,6
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Stephen-King-like kombiniert Robin Jarvis intelligente Schockelemente mit Fantasy und schafft so eine vor Spannung überbordende Trilogie. Die Saat des Bösen geht auf und es scheint kein Entrinnen für die gleichgeschaltete Menschheit zu geben … Einige Bücher sind schädlich, sogar gefährlich. Sie verdrehen einem den Kopf und geben den dunkelsten Seiten der menschlichen Seele Nahrung. Sie sollten verbannt oder vernichtet werden. Diese Geschichte handelt von solch einem Buch. Ich hoffe, es gibt noch genug von euch da draußen, die das hier lesen und mir glauben und sich zur Wehr setzen können - bevor es zu spät ist. Ein altertümlich wirkendes und zunächst harmlos erscheinendes Buch taucht in einer englischen Kleinstadt auf und ergreift Besitz von seinen Lesern. Immer mehr Menschen werden von dem Buch befallen und zu willenlosen Charakteren der Geschichte. Der diabolische Plan des Autors scheint aufzugehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 2325

Bewertungen
4,6 (16 Bewertungen)
12
2
2
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Sammlungen



Für meine Mutter,

Stöcke und Steine können Knochen und Beine brechen … doch Worte können so viel mehr anrichten. Ich habe Wörter immer als Selbstverständlichkeit hingenommen. Tatsächlich wohnt ihnen eine gewaltige Macht inne. Richtig kombiniert können sie dir vor Lachen die Tränen in die Augen treiben oder dir den Schmerz eines Fremden verständlich machen. Und dann wieder genügt ein einziges Wort, um einen anderen Menschen zu verletzen. In manchen Ländern sind bestimmte Wörter sogar gesetzlich verboten, und das ist auch gut so. Denn diese Wörter sind aufgeladen mit Hass und müssen weggesperrt werden, bis sie und ihre Macht in Vergessenheit geraten.

Dasselbe gilt für Bücher, nur umso mehr!

Einige Bücher sind schädlich, sogar gefährlich. Sie verdrehen einem den Kopf und geben den dunkelsten Seiten der menschlichen Seele Nahrung. Sie sollten verbannt oder vernichtet werden. Diese Geschichte handelt von solch einem Buch, das von einem der bösesten und verschlagensten Männer geschrieben wurde, die die Welt je gesehen hat. Ich hoffe, es gibt noch genug von euch da draußen, die das hier lesen und mir glauben und sich zur Wehr setzen können – bevor es zu spät ist.

Martin Baxter, gestern

Willkommen, ehrwürdiger Fremder! Tretet ein, mit entschlossenem Schritt und überhäuft mit Segenswünschen, ins magische Königreich der Dancing Jacks, dieser lustigen Gesellen. Euer Platz am Hofe ist Euch gewiss und schon lange harrt man Eurer Ankunft. Inmitten dieser überschwänglichen Seiten erwarten Euch neue Freundschaften. Ihr seid aufs Herzlichste eingeladen, unsere Traditionen und Geschichten kennenzulernen. Flaniert und spielt mit uns, verweilt und erquickt Euch an unseren Feuern und teilt mit uns unsere Träume und labsamen Freuden. Hierin werdet Ihr das Verständnis, die Achtung und die Brüderlichkeit finden, die Ihr Euch schon so lange erträumt. Schließt Euch uns an, geschätzter Leser, und entkommt der Mühsal dieser irdischen Gepflogenheiten, die tagein, tagaus Euren demütigen Geist plagen. Kommt zu uns – wir mögen Euch hätscheln, Euch Sicherheit und Freundschaft bieten!

So möge es sein.

Austerly Fellows, Imbolc 1936

1

Jenseits der Silbernen See, umgeben von dreizehn grünen Bergen, liegt das wundersame Königreich des Prinzen der Dämmerung. Und doch steht der Thron im Weißen Schloss verlassen. Seit vielen langen Jahren schon ist der Prinz im Exil verschollen und so regiert der Ismus, der Heilige Magus, an seiner statt – bis zu dem Tage, da der Prinz glorreich wiederkehren und seine Herrlichkeit auf Ewigkeit erstrahlen wird.

Die Tür erzitterte. Nach einem weiteren gewaltigen Tritt fiel das Schloss aus dem maroden Rahmen.

Unter der brutalen Wucht zerbarst er. Splitter und abgeblätterte Farbreste wurden in die gigantische, verlassene Eingangshalle gespuckt und eine trockene Wolke aus jahrzehntealtem Staub wallte auf. Zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit fiel grelles Tageslicht ins Innere und zahllose Insekten flüchteten geräuschvoll über die blanken und ausgetretenen Dielen.

Ein Paar habgierige Augen ließ den Blick durch das leere Haus wandern, während ihr Besitzer über die Türschwelle lugte. »Ein Prachtstück!«

Während Jezza sich mit dem Rücken einer schmutzigen Hand über den Mund fuhr, trat er ins Haus, wo ihn der glitzernde Staub einhüllte. »Schimmel und Rattenpisse.«

Er meinte damit den feuchten Geruch in dem Gebäude, aber die Beschreibung hätte ebenso gut auf ihn selbst zutreffen können.

Jezza war eine drahtige Bohnenstange von einem Mann, gekleidet in abgewetzte Lederjeans und eine zerschlissene Motorradjacke, die vor ihm schon drei andere Besitzer im Laufe von beinahe ebenso viel Jahrzehnten gekannt hatte, bevor sie sich zu ihm gesellte. Ihm gefiel es, dass sie eine Geschichte hatte, und er behauptete oft genug, dass die Jacke viel mehr ihn besaß als andersherum.

In seinem Gesicht lag ein Ausdruck von ständiger Wachsamkeit, als wäre er ununterbrochen auf der Hut – animalisch, verdreckt und feindselig war diese Miene. Die Haut darüber war weiß, käsig und schlecht genährt – solange andere Dinge greifbar waren, war Essen für Jezza eher Nebensache.

Selbst jetzt zuckten und zitterten seine Nikotinfinger, dabei war es erst halb elf Uhr morgens. Bisher hatte er nur eine Flasche von diesem Jamaikabier, Red Stripe, getrunken, was daran lag, dass er die letzte der gestohlenen Wodkaflaschen vergangene Nacht geleert hatte.

Hinter ihm meldete sich eine weibliche Stimme zu Wort: »Hat es sich also gelohnt, dass wir unser letztes Benzin geopfert haben?«

Wie eine diebische Elster begutachtete Jezza die schäbige gemusterte Tapete, die die Treppe entlang bis hinauf zum ersten Absatz verlief. Hier und da prangte hässlicher schwarzer Schimmel darauf. Das Haus war riesig und musste in seiner Glanzzeit, so im 19.Jahrhundert, einmal äußerst beeindruckend gewesen sein. Aber jetzt, nach all den Jahren, in denen es vernachlässigt worden war, war es düster und heruntergekommen. Trotzdem war dem Mann klar, dass es hier einiges zu holen gab.

Jezza war wild entschlossen, das Haus auszuweiden und sich ein paar Pfund zu verdienen. In Southwold gab es einen Typ, der für den ganzen alten Plunder bar auf die Hand zahlen würde, ohne Fragen zu stellen. Echte alte Kamine waren verdammt viel Geld wert. Und falls die sich schon jemand unter den Nagel gerissen hatte, gab es sicher noch Kupferrohre, Wasserhähne und Türen. Die meisten Fenster hatte man vernagelt und die übrigen waren eingeschmissen, was das anging, gab es also nichts mehr abzugreifen. Jezzas widerlicher Blick glitt über das Geländer – ja, sogar das wäre was.

Hinter ihm drängte sich Shiela ins Haus. Sie war nicht älter als zwanzig, aber der Umgang mit Jezza und den anderen hatte die Blüte ihrer Jugend aufgezehrt, was man ihr deutlich ansah. Das Wasserstoffblond war schon lange aus ihrem dunklen Haar herausgewachsen, nur an den Spitzen war ein dumpfes Gelb zurückgeblieben. An ihrer linken Schläfe wucherte eine blaue Haarsträhne – ihre letzte Bemühung um eine Art Frisur –, aber auch die war ausgebleicht.

»Hab dir ja gesagt, dass es ein riesiger alter Kasten ist«, sagte sie. »Das Ding wird uns monatelang über Wasser halten, ganz sicher!«

Jezza zuckte mit den schmalen Schultern. »Kommt ganz drauf an, was noch übrig ist«, gab er zurück und stolzierte durch die immens große Eingangshalle auf eine aufgequollene Tür zu. Einen Augenblick blieb er stehen, um gierig mit einem schmutzigen Finger über den angelaufenen Messingknauf zu fahren, während ihm der säuerliche Gedanke durch den Kopf ging, dass dieser Griff exakt dieselbe Farbe hatte wie die Haarspitzen der Kleinen – nur dass er im Gegensatz zu ihr noch etwas Glanz an sich hatte. Mit einem Ruck drehte Jezza ihn um.

»Schiebt gefälligst eure Ärsche hier rüber«, grummelte Shiela hinter ihm. »Hab’s euch ja gesagt!«

Hinter der jungen Frau schoben sich zwei Gestalten durch die Eingangstür. Die erste war knapp zwei Meter groß, die zweite war wesentlich kleiner und schmächtiger. Der Stämmige der beiden trug eine aus der Form geratene Armeejacke, ein langer dünner Pferdeschwanz fiel ihm auf den Rücken, während sein Gesicht zur Hälfte von einem ungepflegten Bart verdeckt wurde.

»Hallo, zu Hause ich bin, Schatzi!«, verkündete er und breitete die Arme weit aus.

Der andere stieß ihn röchelnd ein Stück weiter in die Eingangshalle. »Hast du schon wieder einen fahren lassen?«

»I’m a Furz-starter, a twisted Furz-starter!«, sang der Riese lachend.

»Dein Hintern lässt meine Augen bluten, Alter!«

»Mmmm … Maggi! Würzig und lecker, Tommo!«

Der Mann namens Tommo schlug einen Haken und flüchtete an seinem Kumpel vorbei in die Empfangshalle. Er trug schmuddelige Jeans, sein braunes Haar fiel ihm in leichten Locken in die Stirn. »Mann, Miller, in deinen Eingeweiden verrottet doch ein Alien!«, prustete er. »Diese Fürze sind absolut nicht von dieser Welt!«

»Herrgott noch mal, werdet endlich erwachsen!«, schimpfte Shiela genervt. »Wir hätten besser Howie und Dave mitnehmen sollen.«

»Howie und Dave haben nicht so mächtige Werkzeuge«, entgegnete Tommo, hob eine Hand und bediente eine unsichtbare Bohrmaschine, während er mit Zunge und Zähnen das Bohrgeräusch imitierte.

Miller trampelte weiter ins Haus hinein, spannte die Armmuskeln an und zog gleichzeitig den Bauch ein. »Und wir sind wahre Kraftpakete«, erklärte er. »Jezza braucht echte Männer, um den Schuppen hier in seine Einzelteile zu zerlegen.«

»Bei der Macht von Grayskull!«, schrie Tommo und hielt ein unsichtbares Schwert in die Höhe.

»Witzbolde«, bemerkte Shiela genervt.

Noch bevor die junge Frau sie aufhalten konnte, packten Tommo und Miller sie an den Händen und zerrten sie zwischen sich hin und her.

»Zu mir, zu dir, zu mir, zu dir!«, grölten sie vereint.

»Verpisst euch!«, kreischte sie, was die beiden allerdings nur noch mehr anspornte.

»Hey!«, schnauzte Jezza sie an. »Hier rein, alle – und zwar ein bisschen plötzlich!«

Auf der Stelle hörten die Männer mit der Blödelei auf, während Shiela ihnen böse Blicke zuwarf.

»Erbärmliche Loser!«, giftete sie die beiden an. Trotzdem lag ein Schmunzeln auf ihren Lippen, als sie ihnen den Rücken zukehrte und Jezza ins nächste Zimmer folgte.

»Sie hat dich gemeint«, witzelte Miller und grinste Tommo schief an.

Tommo drückte ihm die Zeigefinger gegen die Schläfen und machte wieder das Bohrgeräusch.

Aus grauen Augen betrachtete die junge Frau den großen Empfangssalon. Erst konnte sie Jezza nirgends sehen. Die dünnen Lichtstrahlen, die durch die schlampig vernagelten Fenster fielen, zeichneten sich nur schwach gegen die tiefe Düsternis ab, die alles einhüllte. Abgesehen von einem Kartentisch und einem roten Ledersessel, der von schwarzem Mehltau überzogen war, schien der Raum vollkommen leer. Doch dann, als sich Shielas Augen den Lichtverhältnissen anpassten, entdeckte sie ihn. Er stand vor einem immensen Kamin und lehnte sich gegen das Sims, als wäre er der Herr des Hauses. In seinem Gesicht saß ein spöttisches Grinsen.

»Hier kommt nie jemand her, Jezza«, äffte er ihre Worte von vergangener Nacht nach und nickte zur gegenüberliegenden Wand.

Shiela drehte sich um und sah sich die verrottende Holzvertäfelung an. Sie war über und über vollgekritzelt und besprüht.

»Müssen irgendwelche Kids gewesen sein«, sagte sie schulterzuckend.

»Kleine Kinder, große Sorgen«, blaffte er sie an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Kamin zuwandte und fast zärtlich darüberstrich.

»Marmor«, erklärte er und ließ den Finger durch den klebrigen Staub auf der Oberfläche wandern. »Die Dinger muss man echt vorsichtig ausbauen. Das sollte uns ein stolzes Sümmchen einbringen – und wenn’s davon noch mehr gibt, sind wir fein raus.«

Die junge Frau berührte die Graffiti an der Wand und las leise die abblätternden Wörter vor. »Suzi Quatro, The Sweet, Remember you’re a Womble, Mungo Jerry … Muss ganz schön lange her sein, dass irgendwelche Kids das gesprüht haben«, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. »Die Kleinen müssen inzwischen so alt wie meine Mum sein.«

»Young wombles to your partners!«, sang Miller die alte Wombles-Hymne, während er und Tommo im Walzerschritt ins Zimmer getanzt kamen. »If you Minuetto Allegretto, you will live to be old!«

»Ihr zwei werdet sicher nicht alt werden, wenn ihr nicht sofort mit dem Schwachsinn aufhört!«, warnte Jezza sie.

Die Männer stellten das Tanzen ein und Tommo deutete auf den schimmligen Sessel. »Genau so sehen deine stinkenden Innereien aus«, murmelte er Miller zu.

»Du bist total besessen von meinem Darm«, entgegnete der amüsiert und schüttelte den Kopf.

»Ja, weil ich ihm einfach nicht entkommen kann! Du sorgst schließlich dafür, dass ich seine Ausdünstungen ständig einatmen muss!«

»Gib’s zu, du stehst drauf!«

Ein finsterer Blick von Jezza setzte dem Geplänkel ein jähes Ende. Dann sah Jezza zu Shiela, die auf dem Boden kniete und in einem Heft blätterte.

»Was hast du da?«, wollte er wissen.

»Ein Teeniemagazin«, antwortete sie, ohne aufzublicken. »Ist schon völlig vergilbt und zerknittert – schau dir nur diese Schlaghosen und die komischen Frisuren an! Hier drüben liegen außerdem ein paar alte Dosen und Süßkramverpackungen rum. Raider, Esspapier und alte Ahoi-Brause. Der letzte Einbruch hier ist eindeutig ’ne ganze Weile her.«

»Sind in dem Heft ein paar geile Miezen?«

»Hallo, es ist für Kinder!«, schnaubte Shiela. »Sieht aus, als ginge es hier nur um Fernsehserien, außerdem … hast du schon genug Schundheftchen, Tommo.«

»Er könnte ’ne ganze Bücherei aufmachen!«, bestätigte Miller.

Shiela betrachtete das ausgebleichte Heftcover. In fetten Buchstaben stand da der Titel, Look-in, doch in einer der Ecken war mit einem Kugelschreiber auch der Name des früheren Besitzers geschrieben: Runecliffe.

Sie ließ das Heftchen zu Boden fallen.

Jezza sah sich mit nervös zuckender Miene im Raum um. »Ich kapier das nicht«, sagte er. »Warum kommt hier keiner her? Wieso hat man den Schuppen nicht schon längst abgerissen oder an einen reichen Schnösel mit drei Autos, einer nervigen Frau und einer illegal eingewanderten Nanny für seine verzogenen Gören verkauft? Ein Prachtstück ist das hier – und es schreit förmlich danach, dass man es wieder aufbaut.«

»Aber die Lage, die Lage, die Lage ist Mist«, sang Miller. »Wir sind hier mitten im Nirgendwo und wir haben eine Ewigkeit für diese schlaglochverseuchte Straße gebraucht. Wenn wir nicht von dem Haus gewusst und danach gesucht hätten, hätten wir’s nie im Leben gefunden.«

»So große, dreckige Anwesen wie das hier verschwinden nicht einfach von den Landkarten oder aus den Grundbüchern«, konterte Jezza. »Es ergibt keinen Sinn. Irgendjemand muss schließlich der Besitzer sein.«

»Na wenn, dann schert der sich jedenfalls nicht drum«, meinte Tommo. »Schau dir an, in welchem Zustand das Teil ist. Wo ist das Schöner-Wohnen-Team, wenn man es mal braucht?«

»Wir könnten hier unser Quartier aufschlagen«, schlug Miller vor. »Holen wir alle her und reparieren das Ganze ein bisschen. Man könnte einen wahren Palast draus machen!«

»Nein!«, widersprach Shiela heftig und schlang sich fröstelnd die Arme um den Körper. »Das hier ist ein trauriger Ort. Traurig und bedrückend – und ich mag ihn nicht.«

»Ein Grund mehr, es auseinanderzunehmen«, beschloss Jezza. »Zerlegen wir alles in hübsche, leicht verkäufliche und handliche Einzelteile – wer soll sich schon beschweren? Das ist der perfekte Job für uns, könnte gar nicht besser kommen!«

»Ich lad schon mal unseren Kram aus dem Bus«, sagte Tommo. »Komm mit, Blähdarm!«

»Fängst du schon wieder damit an!«, schrie Miller. »Du bist doch total besessen!«

»Wartet!«, brüllte Jezza sie plötzlich an. »Lasst das Werkzeug erst mal draußen.«

Er sah Shiela an. Sie war aufgestanden und blickte starr ins Leere, aus ihrem Gesicht war jede Regung gewichen.

»Shee«, sagte er. »Shee!«

Sie zuckte erschrocken zusammen.

»Woher hast du von dem Haus gewusst?«, wollte er wissen.

Die Frage passte ihr gar nicht und schnell ging sie in Richtung Ausgang. »Hab eben davon gehört«, versuchte sie auszuweichen. »Ich brauch ’ne Zigarette und mein Feuerzeug liegt draußen im Wagen.«

Eilig lief sie aus dem Zimmer, durch die Eingangshalle und raus ins helle Sonnenlicht. Hinter ihr ragte das riesige, abschreckende Gemäuer auf und ein eisiger Schauder lief ihr über den Rücken, während sie sich zu dem heruntergekommenen VW-Bus flüchtete, der in der zugewucherten Einfahrt parkte. Es war ein scheußliches Haus. Sie hasste es und konnte es nicht erwarten, von hier fortzukommen.

Die vertrauten Farben des Campingwagens, Orange und Cremeweiß, beruhigten sie ein wenig und erleichtert atmete sie aus, als sie sich gegen die verbeulte Beifahrertür sinken ließ.

»Dumme Ziege«, tadelte sie sich selbst, während sie eine Zigarette aus der Tasche fischte und sich lose zwischen die Lippen klemmte. Dann hob sie den Kopf und sah das stattliche Gebäude erneut an.

Es war ein düsteres und hässliches Bauwerk aus langweiligen grauen Steinen, ganz im schweren neugotischen Stil gehalten – sogar einen Turm und eindeutig zu viele Giebel gab es. Die Fenster im Erdgeschoss waren allesamt mit Brettern verbarrikadiert, doch weiter oben waren die meisten offen – sie sahen ein bisschen aus wie Kirchenfenster.

Shiela zischte das Haus durch die Zähne an. »Glotz nicht so!«, flüsterte sie.

Rings um das Gebäude wuchsen hohe, missgestaltete Bäume. Einer davon stand mitten in der Einfahrt, weshalb sie ihr Wohnmobil auch so weit weg hatten abstellen müssen.

Irgendwo über ihr krächzte eine Krähe oder ein Rabe, und der einsame, unschöne Laut ließ sie erschaudern.

»Wie auf einem Friedhof«, murmelte sie. »Ein Friedhof für tote Häuser. An diesem Ort gibt es keinen Funken Leben mehr, kein Leben und auch kein bisschen Liebe.«

In diesem Moment riss ein lautes Klimpern sie aus ihren Gedanken und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Vordertreppe des Hauses, wo Jezza stand und mit den Wagenschlüsseln klapperte.

»Warum bist du da drinnen denn so ausgetickt?«, fragte er, als er zu ihr herüberschlenderte.

»Ich bin nicht ausgetickt, die Luft war nur schlecht. Abgestanden und schal.«

»Mit Miller auf dem Rücksitz hast du schon Schlimmeres mitgemacht.«

»Na schön. Ich mag diesen Ort einfach nicht. Gib mir die Schlüssel, ich halt’s kaum mehr aus.«

Er riss seine Hand zurück und hielt ihr die Schlüssel dann vor die Nase, gerade so weit weg, dass sie sie nicht erreichen konnte.

»Damit hast du jetzt schon zwei Fragen nicht beantwortet.« Allmählich wurde er wütend. »Soll ich die Antworten aus dir rausquetschen?«

»Nein, Jezza!«, sagte sie. »Lass mich einfach nur an mein Feuerzeug, okay!«

Er warf ihr den Schlüsselbund zu und eine Minute später hing Shiela förmlich an ihrer Zigarette. Ihre Finger zitterten.

»Ich hab zufällig von dem Haus erfahren«, erklärte sie und stieß eine Wolke aus blassblauem Rauch aus. »So was gibt’s in jeder Stadt – ein verlassenes altes Haus. Ein Ort, an den die Kinder kommen, um irgendwelche Mutproben abzulegen: Klopf an die Tür, brich ein und verbring eine ganze Nacht dort, wenn du dich traust.«

»Was wird das jetzt?« Jezza klang, als würde ihm gleich der Geduldsfaden reißen. »Eine scheiß Scooby-Doo-Geschichte? Lass mich bloß mit dem Quatsch zufrieden.«

»Es ist aber wahr!« Shiela fluchte. »Wenn du aus der Gegend wärst, dann wüsstest du das auch – dann hättest du auf jeden Fall schon davon gehört. Nur sind es in diesem Fall keine dummen, erfundenen Geschichten. Das hier ist … ach, keine Ahnung. Es ist irgendwie ein kranker Ort. Nicht mal die Kids trauen sich mehr her.«

»Weil sie heutzutage nur noch vor ihrer Xbox kleben oder sich im Netz festzocken und keine Zeit mehr haben, was Echtes zu machen«, meinte Jezza.

»Clever von ihnen«, murmelte Shiela.

»Das Web ist was für Loser«, betonte er. »Für all die Außenseiter, die sich in ihren Zimmern verkriechen, um mit anderen Leuten zu chatten, die sie im wahren Leben eh nie treffen werden. All die kaputten Typen, die getürkte Bilder benutzen und so tun, als wären sie jemand anders. Keiner weiß mehr, wer er ist, und die, die es wissen, können sich selbst nicht leiden. Im Netz kann man sich doch nie sicher sein, mit wem man sich gerade wirklich unterhält.«

Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihm zu streiten. Jezza scherte die Dinge gern über einen Kamm, spielte den Prediger und hörte grundsätzlich niemandem zu, der nicht seiner Meinung war. Ihr zumindest hatte er schon lange nicht mehr zugehört. Und was die Außenseiter anging – traf das nicht auf sie selbst am besten zu?

»Es ist ganz praktisch, wenn man mal was nachschlagen will«, erwiderte sie halbherzig.

Jezza schenkte ihr ein sarkastisches Lächeln. »Sicher«, entgegnete er. »Diese ganzen Informationen, die überall aus dem Boden schießen. Es ist der Baum der Erkenntnis, Shee – und wie ironisch ist es, dass die Leute über ihren Apple darauf zugreifen? Ha, ha – die Schöpfungsgeschichte passiert schon wieder und auch diesmal setzen wir alles in den Sand!«

»Ich würde diesen Ort hier nicht unbedingt den Garten Eden nennen«, meinte Shiela.

»Und du bist sicher nicht Eva«, sagte Jezza geradeheraus, bevor er erneut das alte Haus betrachtete. »Und wie eine von den Ghostbusters siehst du auch nicht aus. In dem Ding spukt’s also, ja?«

Sie zuckte mit den Schultern und schnippte etwas Asche auf den Boden.

»So was gibt es nicht«, erklärte er entschieden. »In diesem Leben sind nur echte Sachen von Bedeutung. Es gibt genug fiese reale Dinge, um die man sich Sorgen machen sollte und die einem Angst einjagen, man muss also bestimmt nicht noch mehr verrückten Kram erfinden! Die Dinge, vor denen man sich im Leben fürchten sollte, lauern hinter jeder Ecke und verstecken sich in deinem Frühstück. Denn dort gedeiht das wahre Böse am besten – direkt vor deiner Nase, wo es jeder sehen kann. Wenn zum Beispiel die verängstigte Frau von nebenan mal wieder von ihrem Mann windelweich geprügelt wird und die Nachbarn den Fernseher lauter stellen, um den Lärm zu übertönen. Wenn die Schwester im Pflegeheim sich selbst verabscheut und es an den Patienten auslässt. Wenn Kinder zu große Angst haben, um den Mund aufzumachen. Wenn ein Mann seinen Hund tritt, weil der doch nicht zurückbeißt … Es ist überall. Das Böse floriert in der Keimzelle unserer Gesellschaft, nicht in leer stehenden Häusern wie dieser Schönheit vor uns.«

Shiela sah ihn an und betrachtete die kantigen Gesichtszüge, die sie einmal attraktiv gefunden hatte: seine eng stehenden Augen, deren Schwung so verschlagen und listig wirkte, und die ungesunde Blässe, die ihn einst zu jemand Besonderem und Interessantem gemacht hatten. Dann, völlig unerwartet, schenkte er ihr sein schiefes Lächeln und sie stellte verblüfft fest, dass sie ihn noch immer mochte. Das überraschte sie jedes Mal aufs Neue. Jezza besaß einen bezaubernden Charme, eine Art, die sie sein rüpelhaftes Ego und seinen rücksichtslosen Eigennutz übersehen ließ. Auch bei den anderen in der Gruppe spielte er diesen Trumpf aus. Er war, und das ohne jeden Zweifel, ihrer aller Anführer, der wie ein Prophet die Kinder der Straße um sich scharte. Und auf ihre eigene unfähige, naive Weise, waren sie alle seine Anhänger.

Er nahm ihr die Zigarette ab, lehnte sich neben sie an den Wagen und starrte wie gebannt auf das mächtige, abstoßende Haus. »Dieser Müllhaufen könnte uns ein ganzes Jahr lang ernähren. Da drin muss es alles Mögliche geben. Vielleicht liegt sogar noch was Interessantes auf dem Dachboden – oder im Keller. Bestimmt auch noch das eine oder andere Möbelstück. Hast du gut gemacht, Shee.«

»Ich wünschte, ich hätte nie davon angefangen«, entgegnete sie leise.

»Vielleicht behalte ich dich noch ’ne Weile«, witzelte er und blinzelte ihr zu, aber ihr war klar, dass er die versteckte Drohung vermutlich ernst meinte.

Plötzlich erklang im Haus ein Schrei.

Wie eine Katze sprang Jezza auf und rannte zurück zum Eingang. Shiela zündete sich eine zweite Zigarette an und wartete am Auto.

2

An den Ismus gebunden, wenngleich bei Weitem nicht seine einzige Liebelei, ist die schöne Labella, die Hohepriesterin. Sie übertrifft alle übrigen Edelfräulein bei Hofe, fürwahr – selbst die stolzen Königinnen der vier Unterkönige. Und sieh nur, wie neidvoll deren Augen aufblitzen, wenn sie vorüberschreitet. So alt wie Labella sind nur die Harlekin-Priester – dieses stumme Paar, so farbenfroh gekleidet und doch mit so ernster Miene und grimmigem Ausdruck. O hüte dich, auf dass sie nicht auf die dunkle Farbe ihres Narrenkleides deuten – tanze vorüber und tanze geschwind, mein heiteres Herzblatt.

Schweißnass hockte Richard Miller auf der Treppe in der Eingangshalle. Er sah mitgenommen aus und versteckte sich in seiner abgerissenen Tarnjacke, wie eine Schildkröte in ihrem Panzer. Vor ihm stand Tommo, der reichlich amüsiert wirkte und sich fragte, ob er ein Lachen riskieren könnte, ohne dafür einen Schlag oder Tritt zu kassieren.

»Was ist los?«, wollte Jezza wissen, der zu ihnen gehastet kam.

Tommo legte sich eine Hand aufs Herz. »Ich bin völlig unschuldig!«, erklärte er eilig. »Unser Angsthase hier hat einen Herzkasper gekriegt, als er die Treppe raufwollte.«

»Hat sich angehört, als seist du durch sie durchgekracht!«, meinte Jezza.

Miller hob den Kopf und blickte nervös über seine Schulter. »Da oben war was«, flüsterte er heiser.

»Und was?«, fuhr Jezza ihn an.

»Weiß nicht … irgendwas halt.«

»Wie sah’s denn aus?«

»Jedenfalls nicht wie irgendwas, das mir schon mal untergekommen ist«, antwortete der große Mann langsam.

»Wo denn?«

Diesmal konnte Tommo Auskunft geben. »Gleich da oben, auf dem kleinen Treppenabsatz«, sagte er und kicherte verhalten. »Ist einfach stocksteif stehen geblieben, unser Miller, und dann ging’s los – hat sich die Seele aus dem Leib gebrüllt und ist rumgehüpft, wie von der Tarantel gestochen!«

Jezza blickte die Treppe hoch, die ein Stück weiter oben im rechten Winkel abknickte, bevor sie in den ersten Stock hinaufführte. Im Halbdunkel war nicht das Geringste zu erkennen, abgesehen von einem großen, vernagelten Fenster und einem auffallend riesigen schwarzen Schimmelfleck, der sich aus den Schatten zu ergießen schien.

»Jetzt sag schon«, bohrte er ungeduldig nach. »Was gab’s da zu sehen? Ein schwebendes Gesicht, einen Monsteraffen oder so was?«

»Quatsch!«, witzelte Tommo. »Monsteraffen wohnen nur in Schränken.«

»Mir reicht’s mit dem Geistergefasel, Mann!«, fauchte Jezza. »Erst Shee, und jetzt fängst du auch noch damit an.«

Doch Miller hörte gar nicht zu. Er war damit beschäftigt, zaghaft an seinem Handrücken zu schnuppern. Dann krempelte er den Ärmel bis zum Ellbogen hoch und untersuchte seinen über und über tätowierten Unterarm.

»Hey, was machst’n du da?«, grölte Tommo. »Du Spinner!«

Abrupt sah Miller die beiden Männer an. »Da oben hat es furchtbar gestunken.«

»Da, wo du bist, stinkt’s immer«, stimmte Tommo zu.

Miller schüttelte den Kopf. »Es hat feucht gerochen«, erklärte er. »Grässlich faulig – wie nach verrottenden Blättern – oder noch schlimmer. Irgendwie nach Verwesung, Mief und Gammelfleisch und Tod, nach kaltem Tod.«

»Nur stinknormale Feuchtigkeit und Schimmel«, belehrte Jezza ihn. »Was erwartest du denn in so einer ranzigen Kloake – Chanel No 5?«

Miller wischte sich die Hand an seinen Klamotten ab. »Nein«, hauchte er. »Nein, das war alles andre als normal. Da war noch was anderes. Als ich das Zeug angefasst …« Ohne Vorwarnung sprang er auf und warf Tommo dabei fast um. Wie gebannt starrte er zur Treppe.

»Die Wand da!«, schrie er. »Als ich mich abgestützt habe, hat sich das verfluchte Zeug bewegt! Ist mir über die Scheiß-Hand gekrabbelt und dann den Arm hoch! Ich hab es richtig abschütteln müssen!«

»Was für Zeug?«, fragte Jezza eindringlich.

Miller wandte ihm das Gesicht zu, aufgelöst und voller Angst. »Der Schimmel!«, sagte er. »Der verdammte schwarze Schimmel! Ich hab’s auf der Haut gespürt – das Zeug lebt!« Noch einmal blickte er zur Treppe, dann stürzte er zur Eingangstür, wo er um ein Haar in Shiela gerannt wäre.

»Jezza«, rief sie. »Lass uns von hier abhauen. Ich will weg – sofort!«

Er blickte sie an und legte lässig eine Hand aufs Geländer. »Nur weil Miller mit seiner Pranke in ein Spinnennetz grapscht und sich vor Angst in die Hosen macht? Stell dich doch nicht dämlicher an als sonst, Shee.«

»Das war keine Spinne!«, schrie Miller.

»Dann eben ’ne Kakerlake oder ein Holzwurm«, entgegnete Jezza, der auf die Einwände der beiden absolut nichts gab. »Kommt mal wieder auf den Teppich! Auf keinen Fall lass ich mir diese Goldmine hier durch die Lappen gehen! Sie gehört ab sofort mir. Ich werde das ganze Haus bis zum letzten Balken ausweiden und sogar noch die Ziegel verticken, wenn sie was wert sind!«

»Hör auf Miller!«, bettelte Shiela.

Doch Jezza ignorierte sie und hüpfte leichtfüßig die erste Stufe hinauf.

»Jezza!«, drängte Shiela, als er weiter die Treppe hochstieg. »Lass das! Dieses Haus hier ist böse!«

»Geh nicht da rauf!«, bat jetzt auch Miller.

»Hallo, Herr Geist …«, flötete Jezza, während er langsam eine Stufe nach der anderen nahm. »Ich werd dir so was von in deinen durchsichtigen Arsch treten und dich von meinem Grundstück jagen! Das alles gehört jetzt mir, hörst du? Und falls du nicht zufällig Miete zahlen kannst – und zwar nicht in Geisterknete –, dann hast du dich gefälligst zu verpissen!«

»Ha!«, lachte Tommo. »Jetzt hast du’s ihm aber gegeben. – Wen rufen wir dann an? Da-da-daaa … Jezza – er hat keine Angst vor Gespenstern!«, schmetterte er den alten Ghostbuster-Slogan.

»Der Glaube ans Übernatürliche hat dieselbe verkorkste psychologische Ursache wie das Bedürfnis nach Religion«, begann Jezza zu predigen. »Nichts, als eine von Menschen erschaffene Obsession. Und gleichzeitig eine weitere Methode der großen Fische an der Spitze, um das leichtgläubige Proletariat zu kontrollieren – sie wollen uns nur Angst einjagen, damit das Volk immer schön brav den Kopf einzieht und ja keineFragen stellt! Stattdessen sorgen sie dafür, dass wir auf den Knien rutschen und um Schutz beten gegen die Schreckgespenster der Nacht, die sie erfunden haben. Immer geht es nur um Kontrolle. Die Dunkelheit an sich entbehrt jeder bösartigen Substanz – sie ist nichts anderes als die Abwesenheit von Licht.

Ich kann mich nur wiederholen: Fürchten sollte man sich vor der Realität. Wenn man um Mitternacht eine verlassene Straße entlangschlendert, wird es kein Vampir sein, der einen kriegt, sondern der paranoide Schizophrene, der sich statt seiner Medikamente lieber irgendeinen Dreck reinzieht und glaubt, dass sein Frühstücksmüsli ihm befohlen hat, er solle menschliche Lebern in einem blauen Eimer sammeln. Vor solchen armen Spinnern sollte man Angst haben – und vor der staatlichen Krankenversicherung, die diese Psychos auf die Öffentlichkeit loslässt und erwartet, dass sie auch ohne ordentliche Versorgung funktionieren, weil das nun mal billiger ist und man so genug Geld übrig hat, um beim nächsten großen Empfang irgendeines Großkotzes, der vorbeikommt, um sich händeschüttelnd für die örtlichen Schmierblätter ablichten zu lassen, mit Lachs zu protzen!«

»Herrgott noch mal! Jetzt hör gefälligst mal zu!«, schrie Shiela. »Ich weiß, wer der Junge war, dem die Zeitschrift gehört hat. Ich weiß, was mit ihm passiert ist. Jezza – bleib stehen! Komm wieder her!«

Der Mann erreichte den kleinen Treppenabsatz und drehte sich halb um, um die anderen anzugrinsen. Es war das übliche kleine, verschlagene Grinsen, das er immer aufsetzte, wenn er etwas nur aus Stolz und Dickköpfigkeit tat. Dann drehte er sich um, trat in den Schatten, streckte beide Hände aus und legte sie mitten in den Schimmelfleck an der Wand.

»Bescheuert hoch drei«, grummelte Shiela voller Ekel.

Sein Gefolge stand da und wartete ab. Sie starrten hinauf auf den Rücken dieses Mannes, den sie nur als Jezza kannten, und beobachteten alles wie gebannt. Er rührte sich nicht. Er gab keinen Laut von sich. Minutenlang stand er einfach nur da, die Hände gegen die Wand gepresst, während die Zeit verging. Shiela grub die Nägel in ihre Arme. Die Spannung war unerträglich.

»Das reicht!«, sagte sie, als sie es nicht länger aushielt. »Das ist nicht komisch!«

»Ja«, rief Miller. »Der Witz ist umzingelt!«

Doch Jezza blieb, wo er war.

Tommo lächelte die anderen an. »Nur die Ruhe.«

»Rich«, sagte Shiela zu Miller. »Geh da rauf und hol ihn runter!«

Doch der Bär von einem Mann zögerte.

»Jetzt mach schon!«, wiederholte Shiela mit Nachdruck und verpasste ihm einen Schubs.

Miller ging langsam auf die Treppe zu. Er stakste an dem verdutzt dreinblickenden Tommo vorbei und stieg widerwillig die Stufen hinauf.

»Na komm«, rief er nach oben. »Was genug ist, ist genug. Du jagst Shiela Angst ein.«

»Ihr zwei macht echt aus ’ner Mücke einen Elefanten!«, erklärte Tommo. »Jezza verarscht euch doch nur.«

Inzwischen hatte Miller fast den Treppenabsatz erreicht. Als er an den Schrecken dachte, der ihn vorhin überwältigt hatte, trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Er atmete tief durch und fing an zu husten, als ihm wieder derselbe faulige Gestank von Verwesung in Hals und Nase drang.

Er machte einen Schritt auf Jezza zu. Der Kopf des Mannes lag in der Dunkelheit verborgen und als Miller sich vorbeugte, um in sein Gesicht zu sehen, konnte er nur ein völlig schwarzes Antlitz entdecken.

»Jezza, Kumpel«, sagte er. »Jetzt hör schon auf.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie etwas über die Wand huschte. Er machte einen Satz rückwärts und stolperte die Treppe hinunter. »Himmel!«

Und da, endlich, bewegte sich Jezza. Er riss den Kopf zurück und drehte sich langsam um. Seine schmalen Augen musterten seine Crew, als würde er sie zum ersten Mal wirklich wahrnehmen, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Seht euch an!« Er lachte leise. »Meine Schäfchen, ihr seid wirklich leicht in Panik zu versetzen, was? Wahrscheinlich wart ihr drauf und dran, loszuschreien – und das alles aus Angst vor rein gar nichts. Sehr aufschlussreich.«

»Du bist echt der letzte Trottel!«, fuhr Shiela ihn an.

»Und du bist absolut berechenbar«, antwortete Jezza kalt. Er ignorierte ihren rebellischen, verletzten Ausdruck und fixierte stattdessen Miller, der vor ihm aufragte.

Der große Mann blickte an ihm vorbei, auf die Wand. Doch dort in den Schatten gab es nichts zu sehen, außer dem Schimmelfleck.

»Du stehst mir im Weg«, bemerkte Jezza trocken.

Miller schüttelte sich. Was er auch zu sehen geglaubt hatte, es war fort. Lautstark trampelte er die Treppe hinunter und war froh, als seine Beine endlich aufhörten zu zittern. Mit wesentlich leichteren Schritten folgte ihm Jezza beinahe tänzelnd.

»Ich hatte keine Angst«, meldete sich Tommo zu Wort. »Keinen Schimmer, was mit den anderen beiden heute los ist.«

»Halt die Klappe, du langweiliger Klotz!«, befahl Jezza, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Shiela verzog das Gesicht. Manchmal fand sie ihn einfach abstoßend. Er schaffte es, Menschen wie Dreck zu behandeln, selbst die, die ihm am nächsten standen. Sie sah, wie Tommo zusammenzuckte, als hätte man ihn geschlagen, und wünschte, sie wäre weit, weit weg von diesem Leben, das sie selbst gewählt hatte. Warum nur ließen sie sich all das von Jezza gefallen? Warum kehrten sie immer wieder zu ihm zurück und bemühten sich um die Anerkennung dieser Kreatur? Was hatten sie davon?

»Ich warte im Wagen«, verkündete sie und lief zurück ins Sonnenlicht, das durch die Tür fiel.

Doch noch bevor sie die Veranda vor dem Haus erreicht hatte, hatte Jezza sie eingeholt. Er packte sie am Handgelenk und riss sie herum. Dann vergrub er die Hand in ihren Haaren, zog ihr Gesicht an seines und küsste sie ungestüm.

Shiela wehrte sich und trat ihm gegen das Schienbein. »Verpiss dich!«, keifte sie ihn an.

»Geh noch nicht«, sagte er und ließ sie los. »Komm mit – es gibt noch viel mehr zu sehen. Lass uns zu zweit auf Entdeckungstour gehen. Komm schon, Kleines.«

Verdattert blinzelte sie. So hatte er sie schon lange nicht mehr geküsst.

»Tommo, Miller!«, befahl er. »Ihr zwei durchforstet die restlichen Zimmer hier unten!«

Die beiden Männer sahen sich unsicher an. Keiner von ihnen wollte noch länger an diesem Ort bleiben.

Jezza schenkte ihnen einen unerbittlichen Blick. »Und zwar nur im Erdgeschoss, klar! Keiner, und das heißt: Keiner, geht nach oben. Habt ihr kapiert?«

»Würde ich nicht mal gegen Bezahlung«, murrte Miller.

»Na dann, auf ans Werk, meine Häschen!«, sagte Jezza mit einem Nicken auf die übrigen Türen.

Tommo und Miller warfen Shiela einen letzten prüfenden Blick zu, um sicherzugehen, dass es ihr gut ging, dann widmeten sie sich einem der anderen Zimmer, die vom Gang abgingen. Hätten sie einen zweiten Blick in den ersten Raum getan, wäre ihnen aufgefallen, dass der rote Ledersessel nicht länger von Schimmel bedeckt war.

»Nur du und ich, Liebes.« Jezza lächelte Shiela an.

Sie wischte sich den Mund an ihrem Ärmel ab. »Was hast du gegessen?«, fragte sie und spuckte aus. »Schmeckt wie … Erde oder so. Nimm dir ’nen Kaugummi!«

»Ja, ich bin eben ein erdiger Junge«, witzelte er und in seinen Augen blitzte es schelmisch. Dann überraschte er sie zum zweiten Mal, als er ihre Hand nahm, und zwar zärtlich, viel zärtlicher und behutsamer, als er es je getan hatte. »Hier entlang.« Damit führte er sie den Gang hinunter.

»Mir gefällt es hier drin nicht«, protestierte sie. »Ich will raus in den Bus. Ich kann dort warten!«

Aber er bestand darauf und seine Stimme war so verführerisch und überzeugend, dass sie, noch bevor sie wusste, wie ihr geschah, vor einer Tür in der Holzverschalung unterhalb der Treppe stand. Schwungvoll zog Jezza sie auf.

Im Raum dahinter war es pechschwarz und ein kalter, abgestandener Luftzug wehte Shiela ins Gesicht.

»Was ist da drin?« Sie wich einen Schritt zurück.

»Der Keller«, antwortete er.

»Bevor ich da runtergehe, friert die Hölle zu! Selbst wenn wir Taschenlampen dabeihätten, würde ich’s nicht machen!«

Jezza griff in die Dunkelheit und tastete nach dem altmodischen Plastikknauf, der an einer Kordel von der gewölbten Decke hing. Einen Augenblick später erleuchtete eine schwache Glühbirne eine Treppe, die nach unten führte.

»Woher wusstest du von dem Lichtschalter?«, fragte sie. »Und warum ist der Strom nicht abgestellt?«

Jezza stieg bereits die Treppe hinab. In ihm wühlte eine merkwürdige, kaum zu bändigende Vorfreude. Es war, als wüsste er, was dort in der Tiefe lag, als wüsste er ganz genau, was sie erwartete.

»Da unten wimmelt es bestimmt von Ratten!«, jammerte sie. »Ich komm nicht mit.«

Er warf ihr einen Blick zu – im Schein der Lampe glitzerten seine Augen wie die einer Eule.

»Dort unten gibt es keine Ratten«, versicherte er ihr voller Überzeugung. »Sie sind nicht geduldet.«

Shiela sah zu, wie seine Gestalt immer weiter die Treppe hinunterhüpfte. »Komm zurück!«, rief sie. »Jezza!«

Er verschwand hinter einer Biegung und sie wünschte, sie hätte vorhin härter zugetreten.

»Jezza …?«

Sie war allein.

»Tommo, Miller …«, hauchte sie, doch ihre Stimme versagte, und wo die anderen auch sein mochten, sie konnten sie nicht hören.

Shiela warf der offen stehenden Eingangstür einen besorgten Blick zu. Das Sonnenlicht war schwächer geworden und die Welt da draußen wirkte bereits grau. Eine starke Brise brachte die Bäume zum Schwanken.

»Steh mir bei, steh mir bei«, flüsterte sie panisch. Alles schien auf einmal bedrohlich. Shiela musste an die Zeitschrift denken und daran, was dem kleinen Jungen zugestoßen war, von dem sie vor vielen Jahren gehört hatte. Ein plötzlicher Windstoß knallte die Vordertür gegen die Wand. Sie prallte ab und fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss. Mit einem Mal wurde die Eingangshalle von der Dunkelheit verschluckt.

Mit einem entsetzten Schrei hastete Shiela die Treppe hinunter. »Jezza!«, brüllte sie. »Jezza!«

Sie nahm immer zwei Stufen auf einmal und wirbelte schließlich außer Atem herum. Der Keller war ein Gewölbe aus grauem Stein, in dem kleine, zellenartige Räume lagen, ein jeder von einer einzelnen Glühbirne erleuchtet, die von der Mitte der gewölbten Decke hing.

Das erste Zimmer war leer, doch ein Luftzug versetzte die Lampe in Schwingung, sodass Shiela von grauenhaften tanzenden Schatten umgeben war.

»Jezza!«, rief sie erneut. »Verflucht – was zum Teufel mach ich hier eigentlich? Du solltest dringend mal zum Psychiater gehen, du durchgeknallte, kleine …« Doch ihr fiel kein Wort ein, das die Größe ihrer eigenen Dummheit zur Genüge beschrieb. Sie fröstelte und doch bemerkte sie, dass dies hier unten, trotz der Kälte, der einzige Ort im ganzen Haus war, der nicht von Feuchtigkeit regiert wurde.

»Jezza!«

Keine Antwort.

Vorsichtig bewegte sie sich durch den Raum bis zum nächsten Torbogen. Auch das Gewölbe dahinter war leer, abgesehen von einigen seltsamen Kreidezeichnungen an den Wänden, die jedoch in keiner Weise dem kindlichen Gekritzel von oben glichen. Diese hier ergaben ein kompliziertes geometrisches Muster – ineinander verschränkte Kreise und Vierecke, die von lateinischen Wörtern aus reich verzierten Buchstaben umgeben waren. Shiela starrte sie an und fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut. Sie hatte zugesehen, wie Howie – ein weiterer von Jezzas Anhängern – ganz ähnliche magische Symbole auf die Rücken zahlreicher Heavy-Metal-Fans und sich in Selbstmitleid suhlenden Emofreaks tätowiert hatte.

»Wundervoll, nicht wahr?«, flüsterte Jezza ihr ins Ohr.

Shiela zuckte zusammen und haute ihm eine runter. »Bring mich auf der Stelle zum Bus!«

»Warte, bis du das siehst«, entgegnete er und führte sie ins nächste Gewölbe.

»Ich hab genug gesehen!« Sie wollte sich losreißen.

»Nein, erst noch das hier«, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. »Komm schon, Kleines.«

Sie gingen in die dritte Kammer, die größer war als die beiden vorhergehenden. Jemand hatte drei breite konzentrische Kreise auf den Steinboden gemalt, in deren Zentrum sechs große Holzkisten standen.

»Was ist das denn?«, fragte Shiela.

»Der Jackpot, Mädchen. Der verfluchte Jackpot!«

»Aber was ist da drin?«

Mit einem triumphierenden Lachen sprang Jezza in die Kreise. Auf einer der Kisten lag ein rostiges Brecheisen, das er nun mit beiden Händen packte.

»Lass sie uns öffnen und es herausfinden!«, johlte er.

»Nein«, widersprach Shiela. »Lass das. Da drin könnte alles Mögliche sein, Jezza. Lass es bleiben!«

Der Mann nahm keinerlei Notiz von ihr und war schon dabei, einen der Deckel aufzustemmen. Die alten Nägel kreischten, als das Holz splitterte. Shiela blickte sich um und verfluchte sich selbst dafür, dass sie je den Vorschlag gemacht hatte, hierherzukommen.

»Bobby Runecliffe!«, platzte sie heraus und wich zurück. »So hieß der Junge. Er war berühmt, kam ständig in den Nachrichten, damals. Meine Mum hat ihn gekannt. Sie gingen in eine Klasse. Mit dreizehn verschwand Bobby, mitten in der Nacht. Drei Tage lang hat man nach ihm gesucht – schließlich haben sie ihn gefunden, wie er die Autobahn entlangspazierte. Aber er war nicht mehr derselbe – hatte eine Schraube locker. Er konnte nicht mehr sprechen. Nachdem sie ihn heimgebracht hatten, hat er alle seine Haustiere umgebracht, hat sie erwürgt. Danach hat er dasselbe mit seiner kleinen Schwester versucht. Seitdem sitzt er, sie haben ihn weggesperrt. Keiner weiß, wohin er verschwunden war, aber er muss hier gewesen sein. Oh Gott, er war hier und es hat ihn verrückt gemacht. Jezza – mach das nicht auf! Bitte!«

Doch er lachte nur, während er den letzten Nagel fortsprengte und den Deckel von der Kiste drückte.

Shiela zitterte. Ihre Adern waren vollgepumpt mit Adrenalin. Sie war bereit, bei der kleinsten Kleinigkeit sofort die Flucht zu ergreifen. »Wenn da irgendwas rausgeflogen kommt …«

Im Haus über ihnen hörten sie Miller losplärren. »He, Leute! Das glaubt ihr nie! He, ihr! Das ist echt total abartig, Mann!«

Shiela fuhr herum. »Was? Was hat er gesagt?«

In diesem Moment ließ Jezza das Brecheisen auf den Steinboden fallen und das entsetzlich laute Scheppern brachte sie zum Kreischen.

»Tu das nicht!«, brüllte sie.

»Beruhig dich, Baby«, murmelte er, während er voller Bewunderung in die offene Kiste stierte. »Ganz ruhig.«

»Hast du Miller nicht gehört? Vielleicht braucht er unsere Hilfe.«

Jezza kicherte. »Ich glaube, unser aufgeblähter Freund hat lediglich mein Gewächshaus entdeckt. Kein Grund zur Beunruhigung.«

Shiela starrte ihn an. »Woher weißt du …?«

Grinsend winkte er sie mit seinen Nikotinfingern zu sich. »Komm und wirf einen Blick darauf. Schau, was wir gefunden haben.«

»Ich will’s nicht sehen«, erwiderte sie. »Ich hau jetzt ab!«

Jezza griff ins Innere der Kiste. »Hab keine Angst, meine Süße, mein Augenstern.«

Obwohl sie es besser wusste, verharrte Shiela. Jezza war schon immer nicht ganz normal gewesen und hatte sich nie so verhalten, wie es die Gesellschaft von ihm erwartete. Das war nur einer der Gründe, weshalb sie ihn so attraktiv fand. Aber das hier war etwas anderes. Diese Seite an ihm war Shiela völlig fremd.

Jetzt stand er vor ihr und bestaunte etwas in seinen Händen. Er riss die Augen auf und hielt den Atem an.

»Sieh dir das an«, flüsterte er ehrfurchtsvoll. »Und in der Kiste ist noch so viel mehr davon! Jede einzelne ist bis oben hin voll damit.«

Shiela richtete den Blick auf das Ding in seinen Händen und hätte vor Überraschung und Erleichterung beinahe laut losgelacht.

»Aber das ist ja nur ein Buch!«, rief sie aus. »Nur ein … ein Märchenbuch für Kinder!«

Das Grinsen in Jezzas Gesicht wurde breiter, während er es ihr reichte. Im grellen Licht der nackten Glühbirne konnte sie sehen, dass das Buch alt, doch noch nicht gelesen worden war. Der Schutzumschlag war in tadellosem Zustand, abgesehen von ein paar wenigen Stockflecken. Die Illustration darauf war völlig aus der Mode, doch sie hatte einen gewissen altmodischen Charme. Shiela las den Titel laut vor.

»Dancing Jacks.«

Jezza schmiegte sein Gesicht an ihres. »Ganz genau«, flüsterte er und hauchte ihr Fäulnis und Nässe entgegen, während er sie anlächelte. »Es ist nur ein Buch, meine schöne Shiela…bella.«

3

Und dann: diese ungehobelten Gesellen, die den ganzen Hof mit ihren Flausen in Atem halten. Welch Betragen sie zur Schau stellen, ist wahrlich zu berichten wert! Die Herzdame, eine nimmersatte Verführerin – verdreht den Burschen wie den Mädeln gleichermaßen die Köpfe. Nur der Karobube giert nach glänzenderen Späßen – Gold und Edelsteine bevorzugt er als seine Schätze. Die Pikdame ist kalt und verschlagen – schmiedet heimtückische Pläne und stößt dich mir nichts, dir nichts ins Verderben. Und dann noch der Kreuzbube, geliebt von allen Tieren – erhebt euch alle, lauter Gesang erschalle: Vier Dancing Jacks sind eingetreten!

»Setzt euch und kommt zur Ruhe«, sagte Martin Baxter laut genug, um trotz des Geräuschpegels, den dreißig ins Klassenzimmer strömende Kinder verursachten, gehört zu werden und doch war es kein Schreien und kostete ihn nur wenig Anstrengung. »Zieht die Jacken aus. Und trödelt nicht so. Glen, rück dir die Krawatte zurecht. Keeley, weg mit den Kopfhörern. Wenn ich dich noch mal damit sehe, wandert dein MP3-Player bis zum Ende des Schuljahrs in meine Schublade. Glaub mir, ich mein’s ernst – da kann er dann den ganzen Handys Gesellschaft leisten.«

Missmutige junge Gesichter stierten ihn an und er strahlte freundlich zurück. Das nervte sie dann immer umso mehr. Er hasste diese zehnte Klasse. Das war nicht übertrieben, er hasste sie wirklich. Als sie noch in die Neunte gingen, waren sie keinen Deut besser gewesen. Obwohl, nein, das traf nicht auf alle zu – einige der Kids waren ganz in Ordnung. Es gab sogar ein paar wirklich Nette und Clevere unter ihnen. Aber die meisten, und das mussten sogar die besonders Naiven und die Idealisten des neuen Kollegiums zugeben, waren harte Brocken, und ein oder zwei hatte Martin schon seit geraumer Zeit unter absoluter Abschaum eingeordnet. Leider saß ebendieser Abschaum gerade jetzt in seinem Unterricht.

In der hinteren linken Ecke ließ sich Keeley auf ihren Platz vor ihren beiden Freundinnen, Emma und Ashleigh, sacken. Sofort stimmten die drei einen Song von Lady Gaga an und hörten erst wieder auf, als ihnen auffiel, dass MrBaxter sie anstarrte.

»Was glaubt ihr eigentlich, wo ihr seid?«

»In einer langweiligen Mathestunde«, konterte die abgebrühte Emma.

»Wir werden an der nächsten X-Factor-Staffel teilnehmen, Sir«, erklärte Ashleigh.

»Braucht man dafür nicht wenigstens einen winzigen Hauch von Talent?«, fragte er scheinheilig.

»Klar, deshalb müssen wir ja üben«, schlussfolgerte Keeley.

»Wir werden die Jury umhauen!«, meinte Ashleigh. »Wir werden berühmt und in den ganzen Zeitschriften auftauchen!«

Ihr Lehrer sah sie überrascht an. »Dann gibt es also viele Magazine, die sich auf vorlaute Schwachköpfe spezialisieren?«, fragte er. »Andererseits … Wenn ich’s mir recht überlege, sind das vermutlich sogar alle«, sagte er mehr zu sich selbst.

»Sie sind fies und voll sarkastisch, Sir«, murrte Emma.

»Habe ich etwa unrecht?« Er schenkte ihnen ein starres Lächeln. »Ihr drei habt ungefähr so viele Chancen auf eine Karriere als Sängerinnen wie drei Katzen, die sich zum Jammern in der Mülltonne treffen.«

Schmollend begannen die Mädchen untereinander zu tuscheln.

»Wann treffen wir drei uns das nächste Mal«, murmelte MrBaxter, auch wenn ihm wohl bewusst war, dass er Macbeths Hexen damit verunglimpfte. Innerhalb der letzten paar Jahre war ihm klar geworden, dass diese drei Mädchen rein gar nichts auf dem Kasten hatten; es wurde immer schlimmer mit ihnen. Sie interessierten sich für wirklich niemanden außer sich selbst und brachten ständig ihr Missfallen darüber zum Ausdruck, dass sie zur Schule gehen mussten, statt zu Hause bleiben zu dürfen und billige Talkshows zu gucken.

»Und für wen hältst du dich bitte schön?« MrBaxter wandte sich an einen Jungen, der sich eben mit einer knapp unterhalb der Hüfte hängenden Hose, die seine Unterwäsche zur Schau stellte, ins Zimmer schlich. »Zieh sie hoch!«

»Ey, Sie dürfen misch nich diskriminieren, Sir«, kam die rebellische Antwort. »Das is nämlich Ausdruck meiner Identität. So zeig ich meinen Bros Respekt, yo! Isch werd meine Baggys also nich hochziehen.«

Martin hob eine Augenbraue. »Dein Bruder arbeitet bei Pit Stop«, entgegnete er mit einem überdrüssigen Seufzer. »Und bisher war mir auch nicht klar, dass rosa Unterhosen mit Lukas dem Lokomotivführer darauf besonders Hip-Hop sind.«

»Na ja, ich … Meine besten sind eben in der Wäsche und in diese voll uncoole Schule würd isch sie eh nich anziehn.«

»Wie dem auch sei«, sagte Martin über das Gekichere der Klasse hinweg. »Tatsache ist, dass man von dir erwartet, deine Schuluniform auf anständige Art zu tragen. Also ziehst du jetzt die Hose hoch oder ich lasse dich diese Woche jeden Abend nachsitzen – und auch jeden weiteren Abend, so lange, bis du lernst, wo sie zu sitzen hat.«

»Sir, das ist unfaires Dissen, voll unkorrekt!«

»Owen«, sagte Martin entnervt. »Warum bestehst du darauf, so zu sprechen?«

»So bin isch halt mal.«

»Nein, so bist du nicht. Du hast rote Haare und bist Waliser.«

»Isch bin Getto, Mann!«

»In dir steckt so viel Getto wie in Angela Landsbury, nur leider bist du nicht mal halb so cool wie sie. Außerdem stinkt sie mit Sicherheit nicht nach Clearasil und Fußpilzpuder. Also spar dir dein Getto-Gehabe bis nach dem Unterricht, außerhalb des Schulgeländes kannst du deine Hosen von mir aus unter den Kniekehlen tragen, wenn’s dir Spaß macht.«

Owen rückte sich die Hosen zurecht und setzte sich lautstark auf seinen Platz, indem er seinen Rucksack vor sich auf den Tisch knallen ließ.

Martin Baxter stöhnte innerlich auf. Ihm war egal, welchen Kulturströmungen sich die Kids zugehörig fühlten, immerhin war es normal und gesund, nach der eigenen Identität zu suchen. Doch in den letzten Jahren war ihm aufgefallen, wie gleichförmig und austauschbar diese Identität geworden war. Allerdings war das kaum ein Wunder, nachdem so ziemlich jede zweite Fernsehsendung von Moderatoren präsentiert wurde, die einen aufgesetzten Möchtegern-Cockney-Dialekt an den Tag legten, als sei das London der Arbeiterklasse der Mittelpunkt des einzig wirklich coolen Universums dieser Welt. Martin Baxter verzog jedes Mal gequält das Gesicht, wenn die Kids hier in Felixstowe versuchten, diese Pseudosprache des Londoner Ostens nachzuahmen, die man in der beliebten Fernsehserie EastEnders zu hören bekam. Was bitte war denn aus der guten alten Selbstverwirklichung auf die spleenige Art geworden? Traurig kam er zu dem Schluss, dass sie ebenso wie die Küste hier in Suffolk dem Verfall ausgesetzt war.

Der Mathematiklehrer hatte es im Gefühl, dass heute wieder einmal einer dieser Tage werden würde. Gott sei Dank war wenigstens Freitag. Allerdings hatte er keine Ahnung, wie schlimm dieser Tag tatsächlich noch werden würde. Keiner wusste das.

Als die Unruhe und das Herumgerutsche von Stühlen endlich nachgelassen hatten, setzte er sich an seinen Schreibtisch und zog ein Blatt Papier aus seiner ramponierten Aktenledertasche.

»Bevor wir loslegen«, sagte er, »wollen wir einen Blick auf die Testergebnisse von letzter Woche werfen.«

Eins der drei Mädchen, die noch immer die Köpfe zusammengesteckt hatten, blickte alarmiert auf. »Sie werden die Noten doch nicht etwa laut vorlesen, Sir?«, fragte sie mit übertriebener Empörung.

Wieder setzte Martin sein strahlendes Lächeln auf. »Oh, darauf kannst du wetten!«, entgegnete er gut gelaunt. »Machen wir uns einen Spaß daraus und sehen mal nach, wer die Hohlköpfe unter uns sind – als ob wir das je vergessen könnten.«

»Das ist so was von unfair!«, sagte sie und vergrub das Gesicht in ihren Händen.

»Soll ich dann gleich mit dir anfangen, Emma, damit wir es hinter uns haben? Lass mal sehen – ah, ja: dreiundzwanzig Prozent. Damit hast du einen neuen Rekord aufgestellt. Anscheinend warst du in der Stunde davor zur Abwechslung mal tatsächlich geistig anwesend. Dann also zu Ashleigh und Keeley: neunzehn beziehungsweise einundzwanzig Prozent.«

»Oh Mann!«, grölte einer der Jungs und klopfte auf den Tisch. »Das ist so was von peinlich!«

Lächelnd wandte sich Martin ihm zu. »Kevin Stipe, grandiose siebzehn Prozent! Wer hätte gedacht, dass Schwätzen und Rumalbern mit deinen Kumpels, gepaart mit absoluter Missachtung meines Unterrichts, solch lahme Ergebnisse erzielen würden? Sicherlich kann da kein Zusammenhang bestehen, oder? Zufall? Hm …«

Kevin Stipe versank im Erdboden, während Emma und Konsorten ihm johlend zuwinkten.

»Ruhe!«, rief Martin. Nachdem er einige weitere traurige Ergebnisse verlesen hatte, blickte er zum anderen Ende der Klasse, wo sich ein hübsches Mädchen mit schmalem Gesicht hinter ihren Haaren versteckte.

»Sandra Dixon«, sagte er, diesmal mit einem ehrlich gemeinten Lächeln. »Vierundneunzig Prozent. Sehr schön, Sandra. Wie kommt es nur, dass Aufmerksamkeit und Mitarbeit im Unterricht solche Noten erzeugen? Wisst ihr was, ich habe den leisen Verdacht, dass hier so etwas wie Ursache und Wirkung vorliegen könnte – der Rest von euch sollte es sich hinter die Ohren schreiben.«

Emma und ihre Kumpane schnitten hinter Sandras Rücken wilde Grimassen, Ashleigh knüllte sogar ein Blatt Papier zusammen, um es Sandra an den Kopf zu werfen.

»Wag das ja nicht!«, knurrte Martin sie an. »Sonst findest du dich so schnell im Büro des Direktors wieder, dass deine Schuhe Bremsspuren im Flur hinterlassen!«

»Bremsspuren!« Kevin lachte schallend los.

In diesem Moment ging die Tür auf und ein großer Typ mit hellem Haar und einer Sporttasche über der Schulter schlenderte herein. Er warf Martin Baxter lediglich einen knappen Blick zu und steuerte auf seinen leeren Platz zu. Keeley und Ashleigh pfiffen ihm nach – erst vor Kurzem hatten sie entschieden, dass er den knackigsten Hintern der ganzen Schule hatte.

»Conor!«, sagte Martin. »Wo warst du? Warum kommst du so spät?«

Der Junge sah ihn frech an. »Ich musste noch MrHitchin helfen, Sir.«

»Dann hast du dafür ja sicher auch eine Bestätigung von ihm bekommen.«

»Nein, Sir.«

»Na schön, damit hast du dir soeben ein bisschen Extraaufenthalt für heute Nachmittag verdient.«

»Das geht nicht, ich muss zum Fußball.«

»Conor, du bist schon lange genug an dieser Schule, um zu wissen, wie der Hase läuft. Wenn du ohne triftigen Grund zu spät in meinen Unterricht kommst, heißt das automatisch Nachsitzen.«

»Aber wir haben ein Spiel!«

»Wenn dir das wirklich so wichtig wäre, hättest du darauf geachtet, pünktlich hier aufzuschlagen und nicht nachsitzen zu müssen.«

»Das ist unfair!«

»Verzeihung, kennen wir uns? Jetzt setz dich.«

Conor ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen und zeigte MrBaxter den Stinkefinger, nachdem der sich umgedreht hatte. Dann blickte er sich um, um zu sehen, ob einer seiner Klassenkameraden ihn dabei beobachtet hatte. Sandra Dixon sah ihn angewidert an und er warf ihr einen Kussmund zu, woraufhin sie sich schnell abwandte.

Gerade rechtzeitig blickte Martin Baxter hoch, um die kleine Szene mitzubekommen. Schüler wie Sandra taten ihm aufrichtig leid – solche, die Freude am Unterricht hatten und sich wirklich Mühe gaben. Selbst solche, die weniger begabt waren, aber dennoch ihr Möglichstes versuchten, waren eine Freude für Lehrer. Doch leider stieg die Anzahl an Nichtsnutzen und Jugendlichen, die sich absichtlich dumm stellten und vorsätzlich den Unterricht störten, Jahr für Jahr, sodass sie das Niveau der ganzen Klasse nach unten zogen. Inzwischen war es ihnen als Lehrern untersagt worden, das Wort Versagen zu benutzen, stattdessen musste nun die Umschreibung verzögerter Erfolg gebraucht werden. Martin hatte sich darüber lustig gemacht – einige dieser Kids würden für den Rest ihres Lebens ein verzögerter Erfolg sein.

Sein Beruf hatte sich verändert, seit er damals, vor über zwanzig Jahren, angefangen hatte. Heutzutage erwartete man von ihm, außerdem Polizist und Sozialarbeiter zu sein, allerdings weigerte er sich, auch noch ein Entertainer im Clownskostüm wie gewisse andere Kollegen zu werden. Diese anderen hatten den Respekt der Schüler längst verloren und mussten nun jede Stunde eine Show hinlegen, um nicht deren Aufmerksamkeit zu verlieren. Als Folge davon fand nur noch wenig richtiger Unterricht statt. Doch soweit es Martin betraf, waren die Kids hier, um etwas zu lernen, was – zumindest seiner Ansicht nach – bedeutete, es ihnen auf die altmodische Art einzutrichtern. Ihm war egal, ob ihnen die Wiederholungen zum Hals raushingen – diese Methode funktionierte immerhin. Zumindest bei denen, die zuhörten und sich am Geschehen beteiligten.

»Okay, schlagt eure Bücher auf! Heute beschäftigen wir uns mit den Geheimnissen des Dreiecks – ihr kleinen Glückspilze!«

Das zu erwartende Aufstöhnen aus den Reihen der üblichen Verdächtigen ignorierte er geflissentlich.

»Sir, ich hab keinen Stift dabei«, nuschelte Keeley.

»Ich habe dich gehört«, antwortete er mit seinem bisher breitesten Lächeln, »und ich lege es ab unter der Kategorie: nicht mein Problem.«

Der Rest des Tages ging ohne besondere Vorkommnisse vorüber. Zwei Unterrichtseinheiten mit den achten und siebten Klassen liefen wie geschmiert. Das waren meistens die besten Jahrgänge – gelangweilter Zynismus und rückgratlose Gleichgültigkeit hatten noch nicht um sich gegriffen – und trotzdem: Kinder waren einfach nicht mehr das, was sie mal waren. Man bläute den Lehrern immer wieder ein, auf Syndrome von Konzentrationsstörungen zu achten – eine Krankheit, die Martin gerne Faul-bis-zum-Gehtnichtmehr nannte. Diese Schüler, die sich angeblich nur begrenzt konzentrieren konnten, hatten absolut keine Probleme damit, sich stundenlang mit ihrer Playstation zu beschäftigen. Vor dreißig Jahren wären sie mit dieser fadenscheinigen Entschuldigung in der Schule nicht durchgekommen, doch inzwischen waren sie auf diese »Konzentrationsstörungen« aufmerksam geworden und nutzten das schamlos zu ihren Gunsten aus – allerdings nicht in Martins Klassen.

Nach dem Nachsitzen ging Martin Baxter den gebohnerten Flur hinunter zum Lehrerzimmer, um sich vor dem Heimweg noch einen dringend benötigten Kaffee zu machen. Zum x-ten Mal an diesem Tag wünschte er sich, den Beruf wechseln und etwas völlig anderes tun zu können, doch mit dreiundvierzig war das keine realistische Alternative mehr.

Als er den verlassenen Raum betrat, legte er seine Tasche auf dem nächstbesten Stuhl ab und spülte sich im Waschbecken eine Tasse aus. Durchs Fenster konnte er den Lehrerparkplatz und das Schultor sehen, wo sich noch immer einige der älteren Kids herumtrieben. Er erkannte Emma und die anderen beiden Mitglieder ihres Hexenzirkels, die an den Geländern lehnten und es aufgegeben hatten, ihr falsches Singen zu üben. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass sie die Sache nicht durchziehen würden. Wie so viele andere Menschen heutzutage erwarteten auch sie, Reichtum und Berühmtheit zu erlangen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Schließlich wurden ihnen leuchtende Beispiele an Celebrities präsentiert, die weder erkennbares Talent hatten noch hart arbeiten mussten, um berühmt zu sein. Warum also sollten sie es nötig haben? Die Vorbilder der Gegenwart wurden für ihre Dummheit gefeiert, ja vergöttert. Wie konnte es da verwundern, dass es in solch einen Kampf ausartete, manchen Jugendlichen verständlich zu machen, warum Bildung wichtig war.

»Kann ich dich kurz sprechen, Martin?«

Ein kräftig gebauter Mann mit breiten Schultern, einer kleinen Wampe und einem roten Gesicht hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt. Martin Baxter fand, dass der Direktor wie ein Schauspieler aussah, der prädestiniert war für die Rolle des keifenden Detective Superintendent im Fernsehen. Vielleicht gab er deswegen einen so patenten Schulleiter ab. Die meisten Schüler hatten einen gewaltigen Respekt vor ihm. Die Guten, weil sie ihn achteten, und der Rest erkannte instinktiv, dass er eine geborene Autoritätsperson war. Barry Milligan duldete keinerlei Blödsinn, von niemandem, und sogar einige Lehrer hatten vor ihm Schiss.

Was allerdings nicht auf Martin zutraf. Dafür waren sie beide schon viel zu lange an dieser Schule – am längsten von allen, die hier arbeiteten. Schon oft hatte Martin darüber gegrübelt, dass sie in der Zwischenzeit sogar eine Haftstrafe für kaltblütigen Mord hätten absitzen können – und längst wieder auf freiem Fuß wären.

»Wie kann ich dir helfen?«, fragte der Mathematiklehrer. »Ich hätte einen äußerst schrecklichen Kaffee im Angebot, allerdings hat leider jemand alle Plätzchen gemopst.«

Barry kam zu ihm herüber. Er erweckte den andauernden Eindruck, als würde er einen jeden Moment festnehmen und einem ins Gesicht brüllen: »Du bist verhaftet, du Stück Scheiße!« Martin verkniff sich ein Grinsen.

»Ich musste mich mit Douggy Wynn rumschlagen, der sich wegen irgend so einem jungen Kerl beschwert hat, den du hast nachsitzen lassen, statt ihn zum Fußball zu schicken«, erklärte der Direktor.

»Meinst du Conor Westlake?«

»Genau, das war der Lausbub! Unser MrWynn ist völlig aufgelöst, weil sein bester Stürmer erst zur Halbzeit zum Spiel erschienen ist.«

»Schimpfst du jetzt mit mir?«

Barry klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. »Douggy schaut nie über den eigenen Tellerrand«, sagte er. »Für den geht es doch immer nur um sein eigenes Fach und darum, Trophäen zu gewinnen.«

»Nun ja, in den letzten zwei Jahren, die er hier unterrichtet hat, hat er jedenfalls nichts gewonnen«, gab Martin zu bedenken. »Wenn dieser Hampelmann ein Problem damit hat, dass ich den vorlauten Conors dieser Schule ein bisschen Disziplin beibringe, dann kann er kommen und es mir ins Gesicht sagen, anstatt bei dir zu petzen.«

Barry hob abwehrend die Hände. »Ich lasse es dich nur wissen. Aber wenn wir hier an der Schule Rugby anstelle von Fußball spielen würden …«

»Nie im Leben würde ich es wagen, dir dein Lieblingsspiel zu verderben!« Martin lachte.

»Spiel?« Barry schnappte übertrieben nach Luft und setzte eine erschütterte Miene auf. »Wie kannst du so was sagen? Das ist ja Blasphemie, immerhin sprichst du hier von meiner Religion! Übrigens werde ich morgen erneut zum Götzendienst im heiligen Tempel meiner geliebten Saxons antreten.«