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Romy Ziegler fängt neu bei der Vibrolution AG an. Sie wollte nur ein normales Leben: Arbeit und Freundschaft. Stattdessen stolpert sie über vibrierende Lifestyleprodukte, Marketing-Jargon und Intrigen. Zwischen Mobbing im Büro, einer Freundin mit zweifelhaften Loyalitäten und Menschen, die sie wie eine Nebendarstellerin in ihrem eigenen Film behandeln, kämpft Romy um ihre Würde und um die Wahrheit. Dazu kommen die egoistischen und rücksichtslosen Gestalten des Alltags, die Schuld abwälzen, Vorteile sammeln und andere bedenkenlos ins Chaos stoßen. Doch trotz all dem begegnet Romy Menschen, die ihr Hoffnung und Halt geben. Sie lernt Freundschaften kennen, die tragen und beweisen, dass selbst im größten Durcheinander echte Nähe möglich ist. "Danke, Arschlöcher" ist ein brühwarmes Protokoll des modernen Überlebens. Bissig, ironisch und kompromisslos ehrlich. Es erzählt von Schuldzuweisungen, Vorteilsjägern und Persönlichkeitsdefiziten, und von einer Frau, die sich weigert, die Rolle zu spielen, die andere ihr zugedacht haben.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Alle Figuren und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden oder dienen ausschließlich der künstlerischen Verarbeitung. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig.
Prolog
Kapitel 1: Bewerbungsgespräch mit dem Karma
Kapitel 2: Willkommen im Irrenhaus
Kapitel 3: Die große Einführung in die Unübersichtlichkeit
Kapitel 4: Rouge, Rivalitäten und rätselhafte Beziehungen
Kapitel 5: Rechnung mit Rouge
Kapitel 6: Tarnen und Täuschen
Kapitel 7: Mensch, Ratte, Hybrid
Kapitel 8: Swipe mich aus meinem Elend
Kapitel 9: Ibiza, ich komme!
Kapitel 10: Sonntag mit Dehnungsschmerz und Dinkelmarmelade
Kapitel 11: Zitronenkuchen und kollektive Tiefenbohrung
Kapitel 12: Countdown zur geistigen Abwesenheit
Kapitel 13: Balkonblick und Badehosenmut
Kapitel 14: Zwischen Cocktail und Kontrollverlust
Kapitel 15: Das erwachte Chaos
Kapitel 16: Stille Schatten
Kapitel 17: Salz in der Luft, Schatten in den Seiten
Kapitel 18: Kühle Worte in warmem Licht
Kapitel 19: Das Echo einer Begegnung
Kapitel 20: Einatmen, Ausatmen
Kapitel 21: Eingetauscht, Hirn gegen Trieb
Kapitel 22: Fantasiekuchen
Kapitel 23: Für die einen das Fettnäpfchen, für die anderen die Fritteuse.
Kapitel 24: Pre-Montag
Kapitel 25: Montag 07:44 Uhr, Murphys Gesetz
Kapitel 26: AntiCorday
Kapitel 27: Der Kakikrieg und andere Katastrophen
Kapitel 28: Früher Vogel, frostige Stimmung
Kapitel 29: Lasagne-Freitag
Kapitel 30: Warum angenehm, wenn es auch beschämend sein kann
Kapitel 31: Falsche Schlange
Kapitel 32: Unsichtbares Netz
Kapitel 33: Elchruf
Kapitel 34: Katerfrühstück
Kapitel 35: Zwischen Kino und Klinik
Kapitel 36: Sonntagabend
Kapitel 37: Besprechung im fünften Stock. Manege frei.
Kapitel 38: Empfangsdame wider Willen
Kapitel 39: Die Verwechslung
Kapitel 40: Zwischen Glanz und Schatten
Kapitel 41: Gesprächsbedarf
Kapitel 42: Mittag mit Dr. Halm
Kapitel 43: Foie Gras
Kapitel 44: Der Anruf
Kapitel 45: Das Vorstellungsgespräch
Epilog
Es beginnt, wie es immer beginnt. Sie hatten gute Absichten. Und dann kam das Leben in Form von Menschen, die nicht einmal den Rückweg aus einem Satz finden. Sie beginnen mit einer Aussage, biegen dreimal falsch ab und schwups, am Ende weiß man nicht mehr, worum es eigentlich ging. Oder schlimmer, sie selbst auch nicht.
Manche jedoch bauen Mist, wischen schnell drüber und wenn es stinkt, zeigt man auf Sie. Dabei reiten diese einen mitten hinein, stehen daneben mit Unschuldsmiene und tun so, als hätten sie gerade erst vom Chaos erfahren.
Es gibt auch Leute, die laufen durchs Leben wie Hauptrollen in einem Film, den nur der Akteur sieht. Sie werden von Anfang an als Nebendarsteller besetzt, mit einem Drehbuch, das man Ihnen heimlich und ungefragt untergeschoben hat. Szene für Szene schiebt man Sie dorthin, wo Sie nützlich sind. Wehe Ihnen, Sie beschließen eines Tages, nicht mehr Teil dieses grandiosen Films zu sein.
Und dann gibt es Menschen, deren Freundlichkeit endet, sobald keine Vorteile mehr abfallen.
Vielleicht glaubten Sie, Sie seien das Problem. Dabei sind Sie nur das Buffet für Menschen mit Persönlichkeitsdefiziten. Willkommen in der Welt der Arschlöcher.
Ich hatte mich hübsch gemacht. Nicht nur für den Job, sondern auch für die Nachwelt, falls mich nach diesem Gespräch niemand mehr lebendig sehen sollte. Meine Oma pflegte zu sagen, man wisse nie, wer einen zum letzten Mal lebendig sieht. Heute hatte ich das Gefühl, Cordula Wenk könnte genau dieser Mensch sein.
Cordula trug ein Kleid, das vermutlich „figurbetont“ auf dem Etikett stehen hatte, aber in Wahrheit „bitte nicht atmen“ meinte. Die Farbe nannte sich wahrscheinlich Lavendel, sah jedoch aus wie beleidigte Leberwurst.
Ihre Brüste ruhten auf dem Tischrand wie zwei Teilnehmerinnen, die bereits beschlossen hatten, früher zu gehen.
„Romy.“, sagte sie, ohne Fragezeichen, nur mit Erwartung. Cordula duzte mich ungefragt, als wären wir gemeinsam auf Klassenfahrt gewesen. Ich blieb beim „Sie“. Aus Prinzip. Und zum Selbstschutz.
Sie überflog meinen Lebenslauf mit der Begeisterung eines Finanzbeamten bei einem Poetry Slam. „Du kennst ja Konstantin Lautenberg recht gut.“ Da war er, der eigentliche Grund für meine Einladung. Meine Qualifikationen waren nebensächlich, solange ich mit einem nützlichen Mann in Verbindung stand.
Ich lächelte. „Oh ja, ich kenne seine Lieblingssnacks, all seine Präsentationen und seine Durchhalteparolen.
Eine ganz besondere Bindung.“ Cordula nickte und bemerkte meinen sarkastischen Unterton nicht. „Wir schätzen Netzwerkpflege hier sehr. Persönliche Verbindungen. Loyalität.“ Klar, dachte ich. Ich bringe mein Adressbuch mit zur Arbeit. Handschriftlich. Mit Kaffeeflecken für den Authentizitätsfaktor. Cordula sah mich an, als hätte sie gerade das Wort „Teamgeist“ erfunden und wollte dafür Patent anmelden. Ich lächelte höflich, wie man eben lächelt, wenn ein Zahnarzt erklärt, das Bohren „vibriert nur leicht“. „Also, wir stellen dich ein. Zum Ersten. Und zwar kommenden Montag, um 9:44 Uhr.“ Nicht neun. Nicht halb zehn.
Nein, 9:44 Uhr. Ich schloss messerscharf, dass Cordula vermutlich Zeitmanagement mit Tarotkarten betrieb.
„Ist das eine Glückszahl?“, fragte ich. „Nein, das ist Feng-Shui. Punktlandungen sind zu aggressiv.“
Ich nickte langsam. Ich hätte ebenso genickt, wenn sie verlangt hätte, dass ich mich am ersten Arbeitstag mit einer Gongschale ankündige. Die Stelle war auf vierzig Stunden angesetzt, doch man betonte die Flexibilität. Im Sinne von, deine Arbeit hört auf, meine Erwartungen laufen weiter. Ich notierte innerlich ‘Arbeitszeiten sind hier wie Horoskope. Dehnbar, mystisch und latent bedrohlich’.
Das Gehalt lag bei 2850 brutto, ergänzt durch einen Vibrationsbonus, der je nach Frequenz meiner Gesamtenergie variierte. Mein inneres Sparkonto wechselte in den Dispomodus, doch ich lächelte. Zwangsoptimismus ist die neue Währung auf dem Arbeitsmarkt. Wie ich über Cordula Wenk denken sollte, wusste ich noch nicht. Sie wirkte quirlig und sehr bestimmend. Sie wusste, was sie wollte und vermutlich ging sie dafür auch über Leichen. Trotzdem hatte sie etwas Lustiges an sich. Sie schien ausgeflippt zu sein und scheute es nicht, einfach etwas auszuprobieren. Was mir auffiel und zugleich einschüchternd wirkte, war ihre Schlagfertigkeit. Cordula Wenk besaß ein Vokabular, das meines bei Weitem sprengte.
Auf mich wirkte sie nicht wie eine vorbildliche Vorgesetzte. Vielleicht war es das ungefragte Duzen, das mich irritierte. Ich konnte mich nicht an den neuen Du-Trend gewöhnen. Wo blieb Distanz und der Respekt?
Mir war das Sie wichtig. Besonders zwischen mir und einem Vorgesetzten und zu Beginn einer Kennlernphase.
Ich hatte meinen vorherigen Job geliebt. Das Team war wie ein eingespieltes Orchester. Jeder kannte seinen Einsatz, niemand spielte sich in den Vordergrund. Wir trugen uns gegenseitig, kritisierten und lachten, immer mit einem gemeinsamen Ziel. Die Tätigkeit war vielfältig, kein Tag glich dem anderen. Ich durfte gestalten, mitdenken, Verantwortung übernehmen und manchmal einfach nur funktionieren. Aber nie sinnlos.
Und dann war da Herr Lautenberg. Der beste Chef, den man sich vorstellen konnte. Klar, fair, humorvoll und vor allem menschlich. Er führte nicht nur, er verstand.
Wenn etwas schiefging, suchte er nicht nach Schuld, sondern nach Lösungen. Ich hätte ewig bleiben können.
Doch der Vertrag war befristet. Zwei Jahre, von Anfang an. Ich wusste es und trotzdem tat es weh, als die Zeit ablief. Nicht weil ich gehen musste, sondern weil ich etwas verlor, das sich richtig anfühlte.
Ich hatte mich zu spät beworben. Natürlich. Wer rechtzeitig handelte, war ja auch nur ein Mensch ohne Drama. Ein paar Gespräche gab es trotzdem, aber ich fand an jedem etwas auszusetzen. Unter anderem sprach einer so langsam, dass ich innerlich schon die Steuererklärung für 2030 vorbereitete. Und nun saß ich hier, bei Vibrolution AG und war mir nicht sicher, ob ich jemals hinter dieser Firma stehen könnte. Aber die Zeit war mein Gegner. Sie rannte und ich stolperte. Ich brauchte sofort Arbeit, egal ob ich dabei vibrierte, revolutionierte oder einfach nur die Kaffeemaschine bedienen würde. Natürlich könnte ich mich jetzt heldenhaft inszenieren. Die Frau, die sich nicht kaufen ließ, die lieber hungerte, als ihre Werte zu verraten. Aber ehrlich gesagt, meine Werte haben Hunger. Und meine Miete auch. Also nickte ich brav, stellte kritische Fragen mit einem Lächeln und tat so, als würde ich mich nicht wundern, warum die Büropflanzen hier aussahen, als hätten sie schon drei Burnouts hinter sich.
"Willkommen bei Vibrolution, Romy!" Cordula reichte mir ihre Hand, deren Fingernägel aussahen wie Bonbons, die man ablehnt, weil sie nach Hustensaft schmeckten. Ich schüttelte sie, während meine Selbstachtung bereits in der Warteschleife hing, irgendwo zwischen Kündigungsrecht und spiritueller Resignation. Ich hatte ein komisches Gefühl. Das habe ich immer, wenn etwas neu für mich war. Veränderungen mochte ich nicht. Zumindest nicht, wenn es um meine Standbeine ging. Umzüge waren mir zuwider und Jobwechsel erst recht.
Am Empfang klebte ein Schild mit dem Firmenmotto „Vibrolution AG – Wir vibrieren für die Zukunft“.
Darunter befand sich ein QR-Code, der bei Scan ein Video abspielte, in dem Cordula Wenk in einem Nebel aus Räucherstäbchen auf einem Gymnastikball balancierte. Angeblich repräsentierte das die Markenidentität.
Ich sah es mir an und verstand trotzdem nichts. Wahrscheinlich war mein inneres WLAN zu schwach.
Vibrolution AG stellte laut Firmenbroschüre innovativen Lifestylebedarf her. Was das genau bedeutete, blieb unklar. Die Produktpalette reichte von vibrierenden Sitzkissen zur Förderung der inneren Bewegung über Achtsamkeitsduftdiffusoren mit KI-gesteuerter Auraerkennung bis hin zu Bürodeko, die sich je nach Teamenergiefarbe selbst umstellte. Angeblich war schon einmal ein vibrierender Thermobecher Prototyp des Monats gewesen. Er vibrierte, wenn die perfekte Trinktemperatur erreicht war.
Ich wurde nicht eingewiesen, sondern eher so behandelt, als würde ich mich bereits auskennen. Die Empfangsdame hieß Nora und trug ein Headset, das aussah wie ein veredelter Drahtbügel. Sie musterte mich eingehend.
Ich entsprach wohl optisch nicht ganz dem Slogan. Ausgefallen, auffällig, außergewöhnlich. Kurz, ich schien für sie keine Konkurrenz zu sein. Im Gegensatz zu Noras platinblond gefärbtem Haaren war meins naturblond. Nora hatte entweder künstliche Wimpern oder einen deutlich besseren Mascara als ich. Sie trug Lippenstift mit pudrigem Finish. Pudrig war auch ihr Gesicht. Man konnte es übertreiben. Bis auf meine Wimpern schminkte ich nichts weiter. Ich fragte mich, ob Nora sich jedes Mal nachpuderte, wenn sie aus Versehen gelächelt hatte.
Sie erklärte mir, dass jeder Mitarbeitende hier multidimensional einsetzbar sei. „Du bist offiziell Sachbearbeiterin, aber wir leben hier flachhierarchisch und synergetisch. Das bedeutet, du machst alles.“ Als neue optische Fußnote des Unternehmens folgte ich Nora in mein Büro, wo drei weitere Kollegen saßen. Ich stellte mich kurz und freundlich vor: „Hi, ich bin Romy.“, mit einem Lächeln, das weder zu viel versprach noch zu wenig.
Die Blicke der Belegschaft wanderten zu mir, begleitet von einem Gemisch aus Nicken, Begrüßungssätzen und einem schnellen Abgleich zwischen meinem Gesicht und dem, was sie wohl erwartet hatten. Nora stand neben mir wie ein Pflichtkontakt mit Übergabeprotokoll. Sie deutete knapp auf die Reihe von Menschen vor ihren Bildschirmen. „Das sind Karim, Lea und Jonas.“
Kein Zusatz, kein Kontext, kein Hinweis, dass ich mit ihnen viel zu tun haben würde. Einfach Namen im Vorbeigehen. Karim fragte, ob ich gut hergefunden hätte, Lea lächelte und meinte, dass es montags meist stressig sei, und Jonas kommentierte seinen Kaffee mit einem halben Grinsen. „Wenn du was Besseres willst, musst du selber ran.“
Es war kein Empfang mit Feierlichkeit. Aber immerhin, ein paar Worte und ein bisschen Menschlichkeit. Ich merkte, wie ich versuchte, in Sekunden die Tonlage dieses Raums zu verstehen. Vielleicht war das hier nicht der Ort für große Gesten. Aber kleine Signale zählten auch. Nora ließ mich schnell allein mit dem Kommentar: „Einen Rechner einschalten bekommst du sicherlich hin, oder? Cordula hat dir E-Mails geschrieben, die würde ich als erstes lesen.“
Die neuen Kollegen wandten sich wieder ihrer Arbeit zu, und mein erster positiver Eindruck wich einem Gefühl der Einsamkeit. Auf meinem Platz lag ein Schlüsselanhänger mit dem Logo der Firma. Ein pinkes V, das vibriert. Nach kurzem Hochfahren meines Rechners starrte mich ein jungfräulicher Desktop an. Kein Programm, kein Zugang, nichts. Neben der Tastatur lag ein zerknitterter Zettel mit puppenhafter Handschrift.
IT-Kontakte und Durchwahlen drängten sich darauf wie Gäste auf einer schlecht organisierten Party. Ich wählte die Nummer, die am wenigsten kryptisch wirkte. Nach einigen Minuten war dank der IT alles eingerichtet.
Erstaunlich reibungslos, als hätten sie das schon tausendmal für Menschen gemacht, die in leere Systeme blicken und auf Rettung warteten. Ich bedankte mich höflich.
Die Tastaturen meiner Bürogenossen klapperten und ließen keinen Zweifel daran, dass Konzentration hier nicht lautlos, sondern im Takt der Aufgaben stattfand.
Ich gewann den Eindruck, dass das Fragen nach Hilfe eher als Schwäche denn als Teil des Einarbeitens gewertet wurde. Es war dieser Moment, in dem man merkt, dass man zwar angekommen ist, aber offenbar nicht erwartet wurde.
Ich wandte mich meinen E-Mails zu. Mein erster Auftrag von Cordula: den Bürofluss optimieren. Im Anhang war ein PowerPoint mit dem Titel Flow is Glow für die neue Duftlinie Raumgefühl Lavendel Karma Rush und eine Excel-Tabelle mit Lieferanten, die ich aktualisieren sollte. Die Datei hieß Lieferanten_alt2_final_final_NEU.xlsx. Ich hätte mir lieber eine Tetanusspritze gewünscht.
Gegen 14 Uhr war ich mir sicher, dass ich nicht angestellt worden, sondern für ein soziales Experiment rekrutiert war. Nachdem ich mich bis zur Kaffeemaschine durchgefragt hatte, sie war übrigens leer und im Retreat, wie Jonas sagte, fand ich Cordula in einem Konferenzraum, der aussah wie ein Meditationsstudio mit akuter PowerPoint- Allergie. „Romy, du kümmerst dich jetzt um das positive Raumklima im Lagerbereich.
Die Kartons sind zu dominant. Das beeinflusst unser Energiefeld.“ Ich nickte. Mehr aus Reflex als aus Zustimmung. Ich wollte nicht schon am ersten Tag gegen die Einrichtungslehre kämpfen.
Kurz darauf wurde ich zur Assistant Head of Synergy Rotation ernannt. Ein Titel, den Cordula aus einem Glückskeks gezogen haben musste. Zwischendurch sollte ich an einem energetischen Daily Stand Up teilnehmen. Cordula sprach über Visionen, während sich Jonas mit einer Klangschale selbst hypnotisierte. Um 16 Uhr wurde ich in eine sogenannte Feedback-Trommel eingeladen. Ein Kreis aus Yogamatten, auf denen wir uns gegenseitig nonverbal für den Tag bedankten. Ich nickte freundlich und tat so, als ob. Mein Nackenkissen nickte mit.
Fazit des Tages, ich war nicht nur angestellt. Ich war eingewickelt in Räucherstäbchenphilosophie, Wortsalat und einem vibrierenden, pinken V mit Personalakte. Ich verließ das Gebäude mit einem Ausdruck, den man wohl als neutral bezeichnen würde. Innen war ich leer.
Wie eine Verpackung, die man vergessen hatte wegzuwerfen.
Zu Hause angekommen schloss ich die Wohnungstür und meine Schuhe flogen in den Flur. Die Broschüre der Vibrolution AG hing schlaff in meiner Hand, als wäre sie eine nervlich überforderte Serviette. Im Spiegel begrüßte mich mein Spiegelbild mit dem Gesichtsausdruck, der versehentlich alle offenen Tabs übernommen und abgearbeitet hatte. „Na, Assistant Head of Synergy Rotation.“, sagte mein Spiegelbild mit hochgezogener Braue. „Oder wie war das noch mal? Assistant Head of Rotation ohne Richtung?“
Ich seufzte, griff zur Broschüre und setzte mich vor meinen Kaktus. Meinen einzigen stacheligen Mitbewohner, der wenigstens ehrlich piekst und nicht passivaggressiv vibriert. „Also Klaus.“, begann ich, denn natürlich hieß mein Kaktus Klaus und hockte wie immer am Wohnzimmerfenster, wo er stumm das Tageslicht und meine Lebensentscheidungen beobachtete. „Laut diesem glanzlaminierten Albtraum hier stellt Vibrolution AG innovativen Lifestylebedarf her.“
Klaus regte sich nicht. Vermutlich traumatisiert vom Kauderwelsch, das ich ihm gerade präsentierte. „Da haben wir also die vibrierenden Sitzkissen. Für mehr innere Bewegung. Was vermutlich heißt, dass du mit Durchfall auf dem Bürostuhl schwingst wie ein Feng-Shui-Pendel.“ Ich blätterte weiter, während mein Spiegelbild mich streng musterte. „Und dann Achtsamkeitsduftdiffusoren mit KI-gesteuerter Auraerkennung. Was für ein technischer Fortschritt. Bei mir hat die Aura heute wahrscheinlich Feierabend geschrien und sich bei IKEA versteckt.“
Im Hintergrund schimmerte Cordula Wenk auf dem Cover, in Nebel gehüllt, balancierend auf einem Gymnastikball wie eine esoterische Meerjungfrau im Sabbatical. „Schau,“, sagte ich zu Klaus, „hier steht Bürodeko, die sich je nach Teamenergiefarbe selbst umstellt.
Gestern war die Deko lila. Heute hat sie sich in Scham zurückgezogen.“
Mein Spiegelbild nickte mir zustimmend aus dem Flur zu. Ironisch natürlich. Wie immer. Ich legte die Broschüre zur Seite, stand auf und stapfte Richtung Kühlschrank. Leer.
Ich war offiziell Teil einer Firma, die scheinbar alles im Sortiment hatte, was entweder vibrieren, leuchten oder in irgendeiner Form Lifestyle schreien konnte, doch ich hatte nicht einmal Senf.
„Klaus,“, sagte ich abschließend, „wenn du irgendwann vibrieren solltest, kündige ich. Dir. Und mir.“
Ich saß an einem Bürotisch, der gleichzeitig als Ablagefläche für Broschüren über High-Frequency-Achtsamkeit diente. Eigentlich sollte ich Rechnungen prüfen, doch Cordula Wenk, die ungekrönte Königin der Leopardenblazer mit Glitzerakzenten, stürmte ins Büro.
„Romy, Schatz, du bist jetzt auch Mood-Ambassadorin!
Die Raumenergie in Meetingraum Charlottentempel ist… wie soll ich sagen… zu statisch.“ Noch bevor ich fragen konnte, ob Raumenergie steuerlich absetzbar ist, drückte Cordula mir ein Duftspray mit dem Label Zen-Pepper Boost in die Hand.
Zwei Stunden später strich ich Rosenposter gerade, während ich gleichzeitig die Monatsabrechnung korrigierte. Als die Tür sich öffnete, nicht langsam, nicht höflich, sondern wie ein Bühnenvorhang für ein Ego mit Aktentasche. Jasper von Groll trat ein. Cordulas Lieblingskollege und laut Intranet Chief of Operational Mindfulness irgendwas. Auf Deutsch Ausrichtungsbeauftragter mit Zen-Faktor. Sein Lächeln hatte die emotionale Tiefe eines Feedbackbogens mit nur Ja/ Nein-Fragen. „Na, da sitzt ja unsere neue Synergie-Perle!“, dröhnte seine Stimme, die klang, als hätte sie sich selbst per Motivations-Podcast synchronisiert.
„Cordula meinte, du hast spannende Raumvibes. Und ich dachte, das will ich sehen!“
Ich wollte gerade antworten, doch Jasper hatte bereits mein Moodboard neu sortiert und eine Excel-Tabelle geöffnet, die offenbar seine Aura analysierte. Neben mir vibrierte mein Firmenanhänger. Ich vibrierte mit, aus innerer Unruhe. Der zweite Tag fühlte sich genauso chaotisch an wie der erste, vielleicht sogar noch konfuser, weil ich nun wusste, dass das Durcheinander kein Versehen war. Aufgaben kamen sprunghaft und ohne Zusammenhang. Ich war überrollt und nicht eingearbeitet. Dennoch fragte ich mich, ob das am Anfang einfach dazugehörte. Ob es irgendwann geordneter zuging. Oder ob Flow is Glow hier auch für die Personalstruktur galt.
„Wir sind hier wie Yin und Young Professionals.“, grinste Jasper und winkte mit einem Kugelschreiber, der gleichzeitig ein Aromadiffusor war. Er redete in Buzzwords, dachte in To-do-Listen und strahlte die Ruhe eines Open-Office-Druckers aus. Laut, heiß und ständig überfordert. Gerade als ich mich fragte, ob ich aus dem Fenster fliehen oder über den Notausgang meditieren sollte, rief Cordula uns beide in den Innovation Loop, einen Raum mit Neonbeleuchtung, Klangmatte und Flipcharts. „Romy, Jasper, wir haben ein Problem!“, begann Cordula dramatisch, als würde sie gleich ein Horoskop verlesen. „Die neue Duftlinie Karma Rush wurde heute Morgen auf Social Media als esoterischer Reizgasunfall bezeichnet.“
Jasper schnappte nach Luft. „Das ist ein Branding-Notfall!“, rief er. „Wir brauchen sofort ein Reaktionskonzept mit Multichannel-Kontemplation!“ Während Cordula und Jasper wilde Pläne schmiedeten, flüchtete ich geistig zur Kaffeemaschine. Ich war überfordert. Von der Situation und von der Sprache. Es war, als hätte jemand ein Wörterbuch für esoterisches Marketing mit einem Business-Bullshit-Generator gekreuzt.
So verging Tag für Tag und Katastrophe für Katastrophe. Duftlinie Karma Rush explodierte auf Social Media, die Teamenergie schwankte zwischen Lavendel und Lagerkoller, und mein Firmenanhänger vibrierte mittlerweile im Takt meiner Migräne. Doch jenseits der vibrierenden Thermobecher-Broschüren wartete mein echtes Leben. Ein wilder Mix aus Gelassenheit, Chaos, einer allgemein verständlichen Sprache und Menschen, die mich an das erinnerten, was tatsächlich Energie gab.
Da war Marlene, meine älteste Freundin seit dem Kindergarten. Anfang dreißig, verheiratet mit Stefan, der Spülmaschinen poetischer begegnete als so mancher Lyriker seinem Versmaß. Marlene hatte zwei Kinder, Linus und Lotta, und ein Talent dafür, mit Einhornpflastern und warmen Worten selbst emotionalen Totalschaden zu reparieren.
Und dann gab es Caro, Mitte dreißig, offiziell beziehungsoptimistisch, inoffiziell Herz-DJ in Dauerschleife.
Sie lebte wie ein Reiseblog zwischen Ibiza, Mallorca und Tinder-Wars, immer auf der Suche. Zwischen ihr und Marlene gab es Spannungen. In der Vergangenheit kam es zu mehreren Missverständnissen, die nie ganz geklärt wurden. Marlene empfand Caro als anstrengend, weil sie ständig Bestätigung suchte und sich oft in den Mittelpunkt stellte. Sie fand, dass Caro wenig Raum ließ für andere und Gespräche selten wirklich teilte. Caro wiederum hielt Marlene für überkritisch und distanziert.
Beide redeten höflich miteinander, aber es fehlte Vertrauen.
Caro lernte ich vor anderthalb Jahren bei der Arbeit kennen. Es war der Tag der offenen Tür, sie kam als Besucherin. Schon beim ersten Gespräch fiel mir ihre selbstbewusste Art auf. Sie war witzig, direkt und schien echtes Interesse an mir zu haben. Ich fühlte mich geschmeichelt, nicht überrumpelt, aber doch überrascht von ihrer Aufmerksamkeit. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, und als sie mich nach meiner Nummer fragte, gab ich sie ihr. Noch am selben Abend meldete sie sich.
Marlene und Caro hatten sich letztes Jahr auf meinem Geburtstag zum ersten Mal getroffen und mochten sich auf Anhieb nicht. Marlene fand, dass Caro viel redete, aber wenig sagte. Ihrer Meinung nach ging es Caro vor allem darum, Aufmerksamkeit zu bekommen. Marlene war wichtig, dass ich an diesem Abend im Mittelpunkt stand, schließlich war es mein Geburtstag. Aber Caro übernahm schnell die Bühne. Sie sprach laut, lachte viel und erzählte Geschichten, die wenig Raum für andere ließen.
Mich störte das ehrlich gesagt nicht. Ich war nicht gern die Hauptfigur, schon gar nicht in größeren Runden.
Caro hingegen meinte, Marlene würde mich ausbremsen in meinem Leben und in meinen Entscheidungen. Ich sah das anders. Die Zeit mit Marlene und ihrer Familie tat mir gut. Bei ihnen fühlte ich mich nicht gebremst, sondern angekommen. Es war ruhig, ehrlich und oft genau das, was ich brauchte. Sie gaben mir ein Gefühl von zu Hause.
Nach einem Tag voller Duftsprays, vibrierender Firmenphilosophie und energetisch aufgeladener PowerPoints freute ich mich auf etwas wirklich Sinnvolles. Marlene hatte zum Abendessen eingeladen, und bei ihr roch es garantiert nach gebackener Wärme statt nach Moon-Karma-Mint. Als ich bei Marlene klingelte, fühlte ich mich wie ein Akku, der dringend von einer menschlichen Ladebuchse aufgeladen werden musste.
Hinter der Tür sprangen mir die zwei Mini-Raketen Linus und Lotta entgegen. Lotta trug ein selbstgemaltes Shirt mit Team Mama in Glitzerschrift. Linus hielt mir ein Kuscheltier entgegen. „Das ist Günther. Der beschützt Gäste.“ „Schön, dass du da bist.“, sagte Marlene. Ich trat ein und wurde von einem Duft aus Tomatensoße, Lavendel-Weichspüler und Geborgenheit empfangen. Stefan stand in der Küche, zerlegte professionell eine Zucchini und stellte mir einen Weißwein hin. „Wir haben ’nen Grauburgunder mit Anti-Firmen-Aura.“, sagte er und zwinkerte.
Am Esstisch saßen wir zwischen Buntstiften, Besteck und Linus’ philosophischer Erklärung, warum Legosteine im Mund nicht schmeckten. Die Stimmung war wie die Playlist von Marlenes Hochzeit. Warm, vertraut und mit gelegentlichen Abba-Momenten. „Und? Wie läuft’s bei… Vibro-Dings?“, fragte Marlene, während Lotta sich einen Keks unter die Nase klemmte, um eine Schnurrbartfrau zu sein.
Ich atmete tief durch. „Ich bin jetzt Mood-Ambassadorin.“, begann ich, „Verantworte Raumenergien, Duftdynamiken und habe einen Firmenanhänger, der häufiger vibriert als mein Privatleben.“ Stefan lachte leise.
„Klingt nach Büro-Yoga mit Nebenwirkungen.“ Marlene legte mir die Hand auf den Arm. „Das ist verrückt.
Aber du bist da, du machst das. Und falls du irgendwann aufwachst und deine Chefin auf deinem Balkon meditieren sollte, hier gibt’s immer ein Gästezimmer.“
Linus kletterte mir auf den Schoß und flüsterte: „Wenn du traurig bist, darfst du Günther mal behalten.“ Das war süß. Liebevoll umarmte ich den kleinen Linus und sagte: „Das ist das netteste Angebot was ich diese Woche bekam. Vielleicht komme ich darauf zurück.“
Ich nahm mir noch ein Stück Auflauf und dachte, dass es trotz des Chaos im Job und einer Sprache, die mir fremd blieb, die Momente, die sich nach echtem Leben anfühlten, noch gab. In Form von Kindern mit Dino-Pyjama, Glitzershirt und Freunden mit Grauburgunder.
Während Lotta versuchte, ihren Brokkoli in ein Haustier zu verwandeln und Linus mir erklärte, dass Günther heute auch einen Bürotag hatte, wandte sich Stefan mir zu. „Sag mal, Romy, warum bleibst du eigentlich in diesem vibrierenden Wahnsinn? Du klingst nicht gerade, als ob du dort glücklich wärst.“ Ich legte mein Besteck beiseite und seufzte. „Weil ich es schnell gebraucht habe, ehrlich gesagt. Mein letzter Job war befristet, und ich habe gehofft, dass dieser vielleicht entfristet wird.
Dann kam die Absage und ich hatte mir mit allem etwas zu viel Zeit gelassen.“ Ich trank einen Schluck Wein und grinste leicht. „Dann kam Vibrolution. Mit Tofu, Duftwolken und Räucherstäbchenschwingungen. Ich dachte, besser als auf der Straße zu stehen.“ Stefan nickte verständnisvoll. „Also ein klassischer Not-Job.“
„Genau. Ich versuche jetzt durchzuhalten, bis sich etwas Besseres ergibt. Arbeitslos sein käme für mich nicht in Frage.“ Marlene reichte mir ein Stück Schokoladentorte, während Lotta wissen wollte, ob mein Büro auch Hausaufgaben machen müsse. Ich lachte. „Manchmal fühlt es sich genauso an.“
Später am Abend, mit der Wärme von Marlenes Küche noch in den Haarspitzen und einem beruhigten Gefühl, trat ich durch meine Wohnungstür. Klaus stand stoisch auf der Fensterbank und sah aus, als fragte er, ob die Welt draußen wieder ein blinkender Jahrmarkt gewesen sei. Ich warf meine Tasche aufs Sofa, schlüpfte aus meinen Schuhen und streckte mich, als müsste ich meine Gedanken einmal lüften. Später fiel ich ins Bett und schlief schnell ein. Klaus vibrierte nicht.
Sie betrat das Büro wie eine Werbeanzeige für hochpigmentierte Lidschattenpaletten. Trixi, zweites Lehrjahr Büroazubi. Sie hatte bereits eine Ausbildung zur Kosmetikerin abgeschlossen, wollte sich aber beruflich neu orientieren. Trixis schwarze Extensions machten Rapunzel Konkurrenz.
„Morgen, Romy-Maus.“, sprach sie mit gekünstelter, tiefer Stimme, vermutlich um damenhafter zu klingen.
„Du siehst heute ganz fresh aus!“
Sie trug ein Kleid in Firmenfarbe vibropink und einen Blazer mit Schulterpolstern, die wie zwei entschlossene Egoerweiterungen wirkten. Ihre Lippen glänzten in Peach Aura Gloss Nr. 8, das laut Cordula nur bei ‘Mitarbeitenden mit visionärer Sympathie‘ gut aussah.
Geschmackssache.
Trixi war offiziell in Ausbildung zur Sachbearbeiterin, inoffiziell jedoch Cordulas persönliche Kosmetikbeauftragte. „Ich mach heute Cordulas Vormittagsroutine.“, erklärte sie stolz, während sie einen goldenen Kugelschreiber in der Luft kreisen ließ. „Heute ist Lifting Wednesday. Ich hab die neuen Detox-Pads aus dem Internat… äh… Internet bestellt!“
Ich nippte an meinem Pfefferminztee und versuchte, Trixis Haarspray-Wolke mental aus dem Fenster zu schieben. „Und Cordula meinte, ich hab ein Händchen für zwischenmenschliche Frequenzen. Voll krass, oder?
Ich darf demnächst beim Mood-Shift-Coaching assistieren.“
Ich nickte, inzwischen rein aus Gewohnheit. Mein inneres WLAN war im Sparmodus.
Später am Tag beobachtete ich, wie Trixi Cordulas Stirn mit einem Gesichtsroller massierte. Ihre Mimik war perfekt auf jede Hierarchie abgestimmt. Ein Lächeln für Cordula, ein schiefes Grinsen für die Buchhaltung und ein „Oooh, wie cool!“ für jede Excel-Tabelle, die sich spontan öffnete. Ich versichere, die Frau würde sogar dem vibrierenden Thermobecher ein Kompliment machen, wenn es ihr eine Beförderung einbringe.
Am späten Nachmittag starrte ich auf die Zahlen. Die Abrechnung, die ich routinemäßig für das Projekt Bürofluss-Optimierung prüfen sollte, hatte einen Zahlendreher. Erst dachte ich, dass das mal passieren konnte.
Dann sah ich, dass sich der Zahlendreher wie eine schlechte Aura durch die letzten drei Quartale zog.
Ein finanzielles Loch von mehreren Tausend Euro, diskret im Dateiordner Finanzen_final_endgültig_vibroneu_alt_03.zip versteckt.
„Huch, was machst du da so intensiv?“, kam es glitzernd von rechts. Trixi schwebte wie eine Wetterfee zu meinem Schreibtisch. Ich zeigte auf den Bildschirm.
„Da. Schau mal. Die Verrechnung von Kundeneingang und Lagerausgang passt gar nicht zusammen. Schon seit Monaten. Das hier ist ein Delta von über 7200 Euro.“
Trixi blinzelte und war sehr interessiert. „Krass! Seit wann genau ist das so?“ „Seit November letzten Jahres“, antwortete ich.
Trixi ließ sich von mir ganz genau zeigen, wie ich den Fehler herausgefunden hatte. „Entweder war das einfach nur unterlassene Sorgfaltspflicht oder ein peinliches, gut verstecktes Betriebsgeheimnis“, murmelte ich abschließend.
Am nächsten Morgen versammelte sich das Team im sogenannten Wertschätzungsraum. Für Kundenbesuche hieß der Raum jedoch offiziell Zen-dau, mit Bezug auf Spandau. Dort standen Yogamatten, Duftkerzen und ein Whiteboard mit der Aufschrift ‘Heute ist dein energetisches Gestern von morgen‘.
Cordula trat vor das Team. Sie trug eine goldene Brosche und sprach mit einem Ton, der weniger freundlich war. „Es gibt Kolleginnen,“, begann sie, „die noch nicht lange Teil unseres Frequenz-Kollektivs sind. Aber deren Engagement geht über das Messbare hinaus. Während andere“, ihr Blick streifte die Buchhaltung, „jahrelang Teil des Systems sind, jedoch den Vibe nicht spüren.“
Ein kollektives Stirnrunzeln wanderte durch den Raum.
Cordula wedelte mit einem Blatt. Es war die defekte Abrechnung. „Gestern wurde ein gravierender Fehler entdeckt. Ein Verlust im vierstelligen Bereich. Nicht gut für unser Karma. Und schon gar nicht gut für unser Geschäft.“
Ich runzelte die Stirn. Wie um Himmels willen wusste Cordula so schnell Bescheid?
Dann sagte sie etwas, was mich aus allen Wolken fallen ließ. „Doch zum Glück hat Trixi ein Adlerauge bewiesen. Sie hat mit analytischem Feingefühl den Fehler entdeckt und mir gestern Abend davon berichtet.“
Stille. Mit dieser Überraschung war anscheinend nicht nur ich überfordert.
Ich schaute zu Trixi. Diese strahlte wie eine frisch aufgelegte Gesichtsmaske. Mir wurde ganz komisch.
‘War ich im falschen Film?’ Der Applaus setzte ein. Ich war sprachlos. Wie konnte jemand nur so falsch sein?
Später wollte ich Trixi darauf ansprechen, doch sie ging mir gekonnt aus dem Weg. Ich wusste nicht, was mich wütender machte. Die Tatsache, dass sich jemand mit fremden Federn schmückte oder dass es auch noch Trixi war. Ich war zwar noch neu in dieser Firma, aber sollte Trixi zu den helleren Kerzen auf der Torte gehören, wusste sie es verdammt gut zu verstecken.
Am Abend, nach einem langen Arbeitstag, ließ ich mich endlich auf mein Sofa fallen. Meine Gedanken kreisten um das falsche Getue von Trixi. Kurz darauf rief ich Marlene an. Sie ging gleich ran. Im Hintergrund hörte ich Kinderstimmen und Geschirrklappern.
„Na, wie war dein Tag?“, fragte sie. „Seltsam.
Ärgerlich. Ich habe gestern einen alten Abrechnungsfehler gefunden. Mehrere Tausend Euro fehlen. Den Fehler gab es schon lange, ich bin nur zufällig drauf gestoßen.“ „Oha. Und was hast du gemacht?“ „Ich habe es Trixi gezeigt. Sie war gerade neben mir, als ich die Zahlen geprüft habe. Ich dachte, sie sei einfach neugierig.“ „Und deine Chefin? Weiß sie schon Bescheid?“ „Ja. Heute Morgen hielt sie eine Ansprache. Meinte, eine Kollegin, die erst seit Kurzem da ist, zeige mehr Einsatz als andere. Ich dachte kurz, sie redet von mir.“ „Wie, du hast gedacht sie redet von dir?“ „Cordula hat gesagt, Trixi hätte den Fehler entdeckt. Und alle haben applaudiert.“ „Was? Wie kommt sie denn darauf?“ „Trixi muss es ihr so erzählt haben. Ich saß da und wusste nicht, ob ich gleich lache oder den Raum verlasse. Es war wirklich absurd.“
Marlene war kurz still. Dann hörte ich sie seufzen.
„Hast du dir diese Trixi geschnappt?“ „Nein, sie ging mir heute den ganzen Tag aus dem Weg. Ich werde sie mir aber noch schnappen.“
Marlene erklärte mir, dass manche Menschen sich ihre Bühne eben überall bauen. „Es gibt diese Typen,“, sagte sie ruhig, „die brauchen Applaus wie andere ihren ersten Kaffee am Morgen. Die wollen nicht einfach dabei sein, sie wollen glänzen. Und wenn es dafür nötig ist, sich mit fremden Lorbeeren zu schmücken, dann tun sie das ohne mit der Wimper zu zucken.“
Ich schwieg. „Du solltest ihr einfach nichts mehr erzählen.“, sagte Marlene. „Du bist neu, du willst dich beweisen. Ich versteh das. Aber du musst nicht jedem alles geben. Schon gar nicht denen, die es weitertragen, als wäre es ihrs.“
Ich nickte. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich fragte, ob ich zu offen war. Zu schnell vertraute. „Und Streit“, fuhr Marlene fort, „brauchst du jetzt nicht. Du bist noch nicht lange da, du willst nicht als schwierig gelten. Beobachte. Zieh deine Schlüsse. Und wenn du sie dir schnappst, dann sachlich. Kein Drama. Kein Theater.“
Ich lächelte. Marlene war nicht laut, aber klar. In Momenten wie diesen war sie genau das, was ich brauchte. Eine Stimme, die nicht aufgeregt war, sondern aufgeräumt.
Am nächsten Tag war es ungewöhnlich laut im Büro, als ich zur Tür der Firma hereintrat. Die Stimmen, oder besser gesagt eine Stimme, dröhnte lautstark aus Trixis Büro am Ende des Ganges. Ich lief zu meinem Platz und fragte Jonas, was da los sei.
„Die Beckmann knöpft sich wohl Trixi vor.“, begann er.
„Sie findet es eine Unverschämtheit, dass sie so vor Cordula hintergangen wurde.“
Die Stimme von Frau Beckmann wurde im Hintergrund lauter. „Was hat denn Trixi getan?“, fragte ich Jonas, mit dem Blick Richtung Gang. „Du warst doch gestern dabei.“, antwortete Jonas nur knapp und schaute lieber auf sein Handy, als sich dem Thema weiter anzunehmen. Jonas war ständig auf der Suche nach einer passenden neuen Flamme. Diese suchte er auf Facebook. Tinder und Co seien ihm zu auffällig.
Ich schaute aus meiner Bürotür und schlich den Gang hinunter zu der lauten Stimme. Frau Beckmann aus der Buchhaltung stand Trixi gefährlich nah. Diese wurde immer kleiner in ihrem Stuhl.
„Also wirklich, junge Dame.“, mahnte sie aufgebracht.
Ihre Stimme hallte durch den Raum. „Wenn du schon glaubst, einen Fehler entdeckt zu haben, dann komm bitte zu der Person, die dafür verantwortlich ist. Ich war das nämlich. Und jede einzelne Buchung ist nachvollziehbar!“
Trixi wollte etwas sagen, doch Frau Beckmann ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Stattdessen rennst du gleich zur Chefin? Weißt du überhaupt, was das gestern für eine Aufregung verursacht hat?“
Trixi öffnete den Mund, doch Frau Beckmann war schneller. „Nein, nein, jetzt hörst du mir zu. Bevor du dich mit Lob überschütten lässt, könntest du vielleicht erstmal die Grundlagen lernen. Ein bisschen Verstand hinter dem Rouge würde nicht schaden.“
Ich beobachtete weiter und genoss jedes Wort. Innerlich jubelte ich. Ganz ehrlich? Es tat gut. Nicht nett von mir, vielleicht. Aber gut. Trixi stand da wie ein Make-up-Tutorial, das gerade schlechte Bewertungen bekam. Und ich gönnte es ihr. Sehr schön, Frau Beckmann. Sehr schön.
„Und noch was.“, fuhr Frau Beckmann fort, „Ich kann das alles mit wenigen Klicks wieder ausbessern. Du hättest nur zu mir kommen müssen, du falsche Schlange.“
Plötzlich riss mich Trixis direkter Blick aus meiner Triumphpause. Sie starrte mich nicht einfach nur an, sie taxierte mich. Ausdruckslos, aber mit genug Hass in ihren Augen, um mir zu zeigen, dass sie wütend war.
Und zwar auf mich.
Ich überlegte hastig, ob ich gegrinst hatte oder ob meine Gesichtszüge neutral geblieben waren. Ein unwohles Gefühl kroch in mir hoch. Ich hatte niemanden angeschwärzt und trotzdemwar ich offenbar schuld daran, dass ihr kleines Märchen gerade einen Riss bekam.
In diesem Moment begriff ich, dass Trixi sich nie die Blöße geben würde, einfach zuzugeben, dass sie sich mit fremden Federn geschmückt hatte. Stattdessen verriet ihr Blick, dass ich die Schuld an dem Ärger trug, den sie bekam. Wir würden keine Freundinnen werden.
Nicht jetzt. Nicht später. Nicht einmal bei einer Betriebsfeier mit Gratiscocktails.
Ich kehrte an meinen Platz zurück und fixierte den Bildschirm, doch die Zahlen darauf verschwammen wie Nebel. Mein Kopf war voller Fragen, doch keine einzige hatte eine Antwort. Statt Stolz über einen entdeckten Fehler blieb mir ein schales Gefühl zurück.
Ich war traurig. Verletzt auf eine Weise, die sehr tief saß. Wie war ich überhaupt in diese Situation geraten?
Ich hatte nichts Falsches getan. Ich hatte etwas entdeckt, was wichtig war. Ich war offen damit umgegangen und hatte Trixi alles gezeigt, weil ich dachte, wir wären ein Team. Oder wenigstens Kolleginnen.
Aber jetzt? Jetzt war sie gefeiert worden. Ich wurde ignoriert. Und schlimmer noch, ich war schuld daran, dass sie Ärger bekam. Dabei war es ihre Entscheidung gewesen, sich in den Mittelpunkt zu stellen und vor Cordula zu lügen.
Warum musste sie das tun? War ihr Anerkennung wirklich so wichtig, dass sie dafür Ehrlichkeit über Bord warf? Und warum war ich jetzt die, die schief angeschaut wurde?
Ich wollte einfach nur meine Arbeit ordentlich erledigen. Und jetzt war ich plötzlich Teil eines kleinen, absurden Bürodramas.
Stopp! Da war es wieder. Mein Gedankenkarussell. Ich machte das ständig. Interpretierte Blicke, zog Schlüsse, wo noch gar nichts gesagt war. Trixi hatte schließlich noch kein Wort mit mir gewechselt.
Ich lehnte mich zurück. Wenn ich mir hier schon keinen Ruhm erarbeiten konnte, dann wenigstens einen klaren Kopf. Mit diesen Gedanken vertiefte ich mich in meine Arbeit. Aber nicht ohne ‘Blöde Kuh‘ zu denken.
Am nächsten Tag staunte ich nicht schlecht, als eine gut gelaunte Trixi mein Büro betrat und fröhlich „Guten Morgen.“ trällerte. „Was ich noch sagen wollte“, setzte sie geheimnisvoll an und steuerte direkt auf mich zu: „Keine Sorge, ich verrate keinem etwas.“
Sie sprach zwar leise, aber nur so leise, dass die anderen im Raum es trotzdem hören konnten. „Was meinst du?“, wollte ich wissen. „Na das kleine Missverständnis.“, flötete sie ein bisschen zu fröhlich für meinen Geschmack.
Wie nebenbei ließ sie ihren Blick über meine Kollegen schweifen, die nun ebenfalls aufmerksam zuhörten.
„Cordula hatte da etwas falsch verstanden. Ich war selbst überrascht, als sie meinen Namen nannte. Das habt ihr ja alle gesehen.“
Ich hatte nichts gesehen. Sie wirkte wie eine Beauty-Queen bei der Krönung während der Besprechung.
„Ich wollte es ja richtigstellen und sagen, dass du den Fehler gefunden hattest, aber der Applaus war zu laut.
Und jetzt kannst du froh sein, dass ich nicht dazu kam.
Sonst hättest du den Ärger mit Frau Beckmann und vermutlich die Probezeit nicht bestanden. Denn Frau Beckmann ist sehr gut mit Cordula befreundet.“
Hätte ich in diesem Moment etwas gegessen, ich wäre daran erstickt. Ohne auf eine Reaktion von mir zu warten, rauschte Trixi mit einem gönnerhaften „Naja, bis später“ hinaus.
„Da hast du ja nochmal Glück gehabt.“, kam es von Jonas. „Ja, da hättest du bei der Beckmann gleich verschissen.“, ergänzte Lea.
‘Unglaublich. Das passiert hier gerade nicht wirklich, oder?’, dachte ich, während ich immer noch zur Tür starrte, durch die Trixi verschwunden war. So eine blöde Kuh.
Ich ärgerte mich innerlich noch eine ganze Weile über das gönnerhafte Verhalten dieses Tuschkastentornados.
Auch nach Feierabend beruhigte ich mich nicht. Ich besorgte mir eine Flasche Weißwein und rief meine Freundin Caro an. Caro war eine Partymaus und wenig diplomatisch. Genau die Richtige, wenn man sich gemeinsam aufregen wollte.
„Und dann hat die dumme Nuss ehrlich behauptet, ich solle ihr dankbar sein, dass sie es nicht richtig stellte.“, beschwerte ich mich leicht angesäuselt ins Handy.
Ich trinke nicht oft. Vielleicht zu Feierlichkeiten oder zu sehr gutem Essen. Und selbst dort meist nur ein Glas.
Doch heute war der richtige Anlass, um der Flasche zu zeigen, dass sie nicht nur Deko war, sondern Therapie in flüssiger Form.
„Warum hast du sie nicht gleich zurück in die Realität geholt?“, fragte die Stimme aus dem Handy.
Caro hatte sich ebenfalls eine Flasche Wein geöffnet, denn sie war der festen Überzeugung, dass man nicht allein trinken sollte. Auch nicht am Telefon. Für mich klang das wie eine Ausrede. Ich wusste, dass Caro jedes Wochenende feierte, und dabei floss der Alkohol wie Landregen durch eine Dachrinne.
„Ich bin die Neue, mir glaubt das doch keiner.“ „Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“ „Doch, du hättest sehen müssen, wie die anderen reagierten. Als wäre der Papst höchstpersönlich zu mir gekommen und hätte mich von all meinen Sünden befreit. Bestimmt wusste Trixi gar nicht, dass man nachvollziehen kann, wer welche Buchungen tätigt. Sonst hätte sie vielleicht einfach mit Frau Beckmann gesprochen und es wäre nicht so eskaliert.“
Ich redete mich in Rage. Jetzt war ich auch wütend auf die anderen.
„Du übertreibst. Lass uns doch mal nach Ibiza.“, unterbrach Caro meine Gedanken und wechselte erfolgreich das Thema. „Dort könnten wir uns vom Hotelpersonal verwöhnen lassen, am Strand entspannen, die Leute beobachten und abends den Alltag hinter uns lassen“, fuhr sie fort.
Kurz gesagt, Caro fragte, ob wir nach Ibiza wollten und die Sau rauslassen. Der Gedanke an Strand, Sonne und Entspannung gefiel mir.
Beim Einstellungsgespräch hatte Cordula erwähnt, dass sie im August sowie über Weihnachten und Neujahr für die Büros jeweils eine Woche Betriebsferien eingeführt hatte und ich dementsprechend meinen Urlaub so legen sollte. Ihrer Aussage nach hatten die meisten Kunden zu dieser Zeit kaum Bedarf oder waren geschlossen. Neukundenakquise lohnte sich ebenfalls aus denselben Gründen nicht.
Caro versicherte mir, dass ich mich um nichts kümmern müsse und ihr nur meinen Anteil überweisen sollte. Das klang alles so verlockend, dass ich sofort zustimmte.
‘We’re Going to Ibiza!‘, trällerte der Hit von den Vengaboys in meinem Kopf. Ich war noch nie auf Ibiza. Dank Caro würde es in wenigen Wochen so weit sein.
Wir beendeten unser Gespräch gackernd mit „Leg auf!“
„Nein, leg du auf!“ und irgendjemand legte dann tatsächlich auf.
Inzwischen war ich mittendrin im Vibrolution-Wahnsinn. Ich hatte bereits das Büro-Zoogehege überstanden, den Daily Stand-up überlebt und wusste, dass der Kaffee aus der dritten Etage nach Tackerklammern schmeckte. Auch wenn der neue Job meinem alten nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen konnte, fühlte ich mich halbwegs angekommen. Ich kannte mich weitestgehend aus und pflegte zu dem einen oder anderen Kollegen eine positive Bindung.
Cordula erschien mit der Eleganz einer Businessclassflugbegleiterin vor unser Team, nachdem sie uns spontan zu einem Meeting eingeladen hatte. Ihre Augen funkelten und ihre Lippen formten ein Powerlächeln. Das war die Art von Ankündigung, bei der man entweder eine Beförderung oder eine Apokalypse erwarten konnte.
„Ich habe einfach zu viele strategische Baustellen.“, erklärte sie, während sie bedeutungsvoll in den Raum blickte. „Deshalb möchte ich euch heute unseren neuen Ansprechpartner vorstellen. Herr Siegfried Flößler.“
Ansprechpartner. Das klang harmlos. Wie ein netter Mann, der im Wartezimmer Kaffeepads auffüllte.
„Bei Fragen, Anregungen oder wenn euch mal etwas auf dem Herzen liegt, könnt ihr euch direkt an ihn wenden.“, sagte Cordula. Ihre Stimme war samtweich, doch der Subtext schrie mit Megafon: ‘Ich habe keine Zeit für euren Quatsch, jetzt nervt ihn stattdessen’.
Dann trat Siegfried Flößler vor. Optisch wirkte er wie das uneheliche Kind einer Ratte und eines kaputten Laserdruckers. Ein graues, zu enges Hemd, graue Haut und eine graue Aura ließen den Mann unsympathisch wirken. Nur seine Zähne blitzten. Nicht vor Freundlichkeit, sondern als Warnsignal. Er sprach auch, als hätte man ihm im Rhetorikseminar die Fähigkeit zu Menschlichkeit chirurgisch entfernt. „Ich bin hier, um Prozesse zu harmonisieren.“
Niemand wusste, was das bedeutete, aber alle nickten, als hätte er gerade das Wetter vorhergesagt. Besonders eifrig nickte Trixi. Die Schleimerin tippte irgendetwas auf ihrem rosa Tablet und warf Siegfried zwischendurch Blicke zu, die irgendwo zwischen Neugier und einem inneren Bewerbungsgespräch lagen. Cordula saß neben ihm und strahlte.
Ich hingegen beobachtete, wie Siegfried jedem Einzelnen beim Vorstellungskreis fünf Sekunden zu lange in die Augen starrte, als wolle er unsere Schwächen katalogisieren, um sie später bei schlechter Laune gegen uns zu verwenden. Bei Jonas blieb er hängen. Jonas lächelte. Siegfried lächelte zurück. Es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln eines Mannes, der schon einmal eine Steuerprüfung aus purer Langeweile angestoßen hatte.
Siegfried Flößler sprach weiter: „Ich bin hier, um Brücken zu bauen. Zwischen Führung und euch.“
Er betonte ‘euch‘, als würde er lieber „die da unten“ sagen.
„Mein Büro ist im zweiten Stock.“, fuhr er fort. „Wenn etwas ist, wisst ihr ja wo ihr mich findet.“
