Dante Walker - Seelensammler - Victoria Scott - E-Book

Dante Walker - Seelensammler E-Book

Victoria Scott

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8,99 €

Beschreibung

Dante Walker ist brillant in seinem Job als Seelensammler. Bis er vor einer echten Herausforderung steht – nämlich vor Charlie Cooper, einem total abgedrehten Mädel, dessen Seele er seinem Boss binnen zehn Tagen in die Hölle liefern soll. Eigentlich ein Klacks für jemanden mit Dantes Qualitäten. Doch die werden auf eine harte Probe gestellt, als Nerd Charlie Dantes Gefühlswelt teuflisch durcheinander bringt …

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Seitenzahl: 533

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Foto: © Victoria Scott

DIE AUTORIN

Victoria Scott ist die Autorin der erfolgreichen Serie »Feuer & Flut« und der »Dante Walker«-Serie. Sie lebt mit ihrem Mann in Dallas, Texas und arbeitet an einem neuen, geheimen Projekt. »Dante Walker – Seelensammler« ist der Beginn einer wunderbar romantischen Serie um den attraktiven Dante und seinen Job als Seelensammler für den Teufel.

Victoria Scott

Dante Walker – Seelensammler

Aus dem Englischen von Michaela Link

Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House

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1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Dezember 2015

© 2013 by Victoria Scott

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Collector« bei Entangled Teen, LLC, New York

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag, 

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Lars Schiele

Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen uner Verwednung des Originalmotivs von © Ryan Royce

MG · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-15427-1V003

www.cbt-buecher.de

Für Ryan,

der darauf beharrt, mich mehr zu lieben als Pommes.

Du bist der Richtige.

»Mein ganzes Leben lang hat sich mein Herz nach etwas gesehnt, was ich nicht benennen kann.«

André Breton

Leute, was läuft? Ich bin Dante.

Letzten Sommer habe ich diese Alte in Chicago kennengelernt. Sie sagte, sie steht auf meine roten Chucks, und ich stehe auf ihren guten Geschmack. Wir haben geredet, und als die Sonne unterging und die Nacht über uns aufzog, habe ich ihr irgendwie… alles erzählt. Ich weiß nicht, warum es herauskam. Es kam eben. Die Alte, eine Schriftstellerin, wie es schien, fragte mich, ob sie mit meiner Geschichte rüberkommen darf. Und warum auch immer, ich habe zugestimmt. Fertig aus. Manchmal riskiere ich gern ein bisschen. So bin ich eben.

Das ist es also – mein Leben, von ihr erzählt. Ich schätze, diese Geschichte musste früher oder später einfach durchsickern. Von mir bekommt ihr sie wenigstens ehrlich.

Das heißt, wenn ihr einem Dämon vertraut.

Dante Walker

HERAUSFORDERUNGEN

»Stolz ist die Hauptsünde des Teufels, und der Teufel ist der Vater der Lügen.«

1

Der Briefumschlag

Ich hab die Krise, bin außer Form, leiste mir Fehlwürfe, treffe nicht mal mehr ein Scheunentor.

Ich habe ein schlechtes Jahr.

Mein Boss ist nicht erfreut, und er ist nicht der Typ, den man verärgern will. Er ist der ultimative Arsch, der keine Ausreden hören will, nicht mal die erstklassigen, die ich auf Lager habe. Aber hey, es ist nur ein Job. Und im Großen und Ganzen mache ich ihn verdammt gut.

Ich bin der Sammler.

Es ist nicht so schlimm, wie es klingt. Ich bin so was wie der Weihnachtsmann. Wir sind beide fröhliche Jungs mit einer Vorliebe für Zuckerplätzchen, die Farbe Rot … und das Sortieren von Seelen. Mein Job ist einfach: die Menschheit durchjäten und allen ein großes rotes »Gut« oder »Böse« auf die Hintern stempeln. Der Heilige mit der Zipfelmütze kriegt die Guten, und ich kriege die, die Spaß machen.

Vor zwei Jahren war ich ein ganz normaler, durchschnittlicher Siebzehnjähriger. Na gut, das war gelogen. Ich war nie Durchschnitt. Ich sehe aus wie ein Filmstar und bewege mich wie ein Athlet. Daran hat sich nichts geändert, als ich den Löffel abgegeben habe. Es ist okay, auch so sein zu wollen und mich zu beneiden. Verbotenes Begehren ist eine köstliche Sünde – schmeckt wie Hühnerfleisch. Aber neidet mir nicht meinen Erfolg als Sammler. Den habe ich mir verdient. Wie Michael Jordan habe ich so oft geworfen, bis jeder Wurf ein Treffer war. Ich kann jede einzelne böse Seele wittern und zur Strecke bringen. »Affe tot? Stempel drauf, Klappe zu!«

Der große Boss schmeißt die Unterwelt, und ich bin seine Nummer eins hier oben. Ich bin tatsächlich so gut, dass ich den anderen fünf Sammlern beibringe, wie sie noch besser werden können. Man braucht kein Genie zu sein, um das Spiel zu verstehen: Man sammelt die Seelen, die gesiegelt sind.

»Siegel sind unsere Freunde«. Ich sage es schön langsam, es macht mir einfach Spaß, den Checker raushängen zu lassen.

Es ist kinderleicht. So leicht, dass es mich in letzter Zeit langweilt. Vielleicht ist das der Grund, warum meine Zahlen in den Keller gegangen sind. Aber keine Sorge. Ich bin schon dran. Schwierigkeiten sind Herausforderungen, und ich mag Herausforderungen.

Gerade kommt eine Herde von Männern in Businessanzügen auf mich zugestolpert, die zu alt sind, um so hinüber zu sein. Was tun sie überhaupt auf der Bourbon Street in New Orleans? Peinlich glotzen, das tun sie. Einer mit Elefantenohren löst sich von der Herde und geht auf ein Mädchen zu, das halb so alt ist wie er. Seine Arme schwingen in riesengroßen Kreisen, bis etwas Gelbes aus seiner riesigen Trinkstange läuft.

Echt in Bestform.

Das Mädchen wendet sich ihrer Freundin zu – offensichtlich, um Blickkontakt mit dem betrunkenen Trampel zu vermeiden. Das kümmert ihn nicht. Er wirbelt sie herum, zeigt ihr seine bunte Perlenkette und versucht, ihr die Bluse hochzuziehen. Das ist der Deal, richtig? Perlen für Brüste? Aber diesmal nicht. Das Mädel bleibt cool, haut ihm eine runter und stürmt davon. Ihre Absätze klackern übers Straßenpflaster.

Trampel glotzt ihr nach, und seine Freunde johlen vor Lachen. Seine rot geränderten Augen weiten sich für eine Sekunde, dann beginnt er ebenfalls zu lachen. Er ist alles in allem ziemlich billig davongekommen. Aber wir sind noch nicht fertig miteinander. Oder besser gesagt, ich bin noch nicht fertig mit ihm.

Ich betrachte den Mann so, wie nur ich es kann. Ein warmes, gelbes Licht kriecht ihm über die Haut und flackert. Fast so, als stehe er in Flammen. Dieses Licht ist seine Seele, und ich sehe die daumennagelgroßen Rechtecke, die Siegel, die es teilweise verdunkeln. Siegel kriegt man, wenn man etwas Böses tut, oder wie ich es sehe, etwas Aufregendes. Etwas, das ich nur zu gern tun würde, wenn ich von den Toten zurückkommen könnte. Mein Licht würde mit einem lauten Knall verlöschen. Aber ich kann nicht. Also drücke ich die Stechuhr und mache, was ich am besten kann.

Die Siegel haben unterschiedliche Farben, je nach unserer emotionalen DNA oder irgend so einem Quatsch. Zwischen den schwarzen Minisiegeln des Typen kleben andere Siegel. Unsere Siegel. Sammlersiegel sind größer als die, die man automatisch bekommt, wenn man sündigt, und richten daher viel mehr Schaden an.

Damit der große Boss weiß, wer was getan hat, haben unsere Siegel verschiedene Farben, und dieser Typ sieht bereits aus wie Regina Regenbogen. Jetzt kriegt er noch ein weiteres Siegel dazu. Ich schnippe mit den Fingern, und zischend legt sich ein rotes Siegel, so groß wie eine Briefmarke, auf sein Licht. Er hat nichts gespürt, aber er hat es ganz sicher verdient. Seine Seele leuchtet noch etwas weniger als zuvor. Sobald ihr Licht vollkommen verdeckt ist, ist es vorbei. The End! Wir sammeln seine Seele ein und bringen sie nach unten. Ich forme meine Hand zu einer Waffe und feuere weitere Siegel auf ihn ab. »Peng! Getroffen!«

Wieder beißt einer ins Gras.

Heute spiele ich meine Rolle als Schwergewicht im Team Hölle. Das Spiel funktioniert wie eine Benzinanzeige. Auf der einen Seite ist die Hölle, auf der anderen der Himmel. Der kleine, orangefarbene Zeiger neigt sich zwischen den beiden hin und her, je nachdem, wer die meisten Seelen hat. Wir Sammler sind die Absicherung für den großen Boss, damit der Oberguru (alias Herr des Himmels) nicht gewinnt. Aber er kann ganz entspannt sein. Niemand behält jemals die Oberhand. Sonst würden sich die Tore des Himmels – oder der Hölle – öffnen und alles, was da so dahintersteckt, würde sich auf die Erde ergießen.

Oder irgend so ein anderer Märchenscheiß.

Nachdem der Trampel mit der Vorliebe für Brüste weg ist, stehe ich in der Tür der Cat’s Meow Bar und beobachte, wie Leute das tun, was mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin. Diese Stadt ist eines unserer Hauptsammelgebiete. Da es Milliarden Menschen, aber nur sechs Sammler gibt, müssen wir uns auf ergiebige Jagdgründe konzentrieren, wenn wir etwas erreichen wollen. Die meisten Menschen kommen zum Tag des Jüngsten Gerichts. Das kann eine Ewigkeit in der Hölle bedeuten oder auch nicht. Deshalb holt der große Boss sie gern herein, bevor es so weit ist – wenn er kann. Und New Orleans ist einer der Orte, wo man am leichtesten Quote macht.

Siegel schießen mühelos aus meinen Fingerspitzen. Ich brauche nicht allzu genau darüber nachzudenken, und dafür bin ich dankbar. Ich mag diesen Teil meines Jobs, die namenlosen Gesichter. Seelen sammeln ist nichts Persönliches. Ich gewähre absolute Chancengleichheit, wenn ich meine Siegel verteile. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt anders könnte.

Aber ich schätze, ich werde es lernen müssen. Ich stecke die Hand in die Tasche und reibe über den schlafenden weißen Briefumschlag. Ich kann beinahe spüren, wie er sich gegen meinen Oberschenkel presst, als wäre er lebendig. Als hätte er eine Zunge und Zähne.

»Dante. Oh Dante! Deine Siegel haben mein Schicksal besiegelt.« Ich wirbele herum und sehe Max in einem grauen Armani-Hemd auf mich zukommen. Er packt meine Hüften und stößt mit seinen rhythmisch dagegen. »Oh Dante! Du bist so heiß, wenn du Seelen siegelst.«

Ich schubse den Vollidioten, der mein bester Freund ist, weg und lache. Max tanzt auf einem Bein im Kreis, und alle weichen vor ihm zurück, als wäre er geistesgestört. Er und ich sind die einzigen Sammler, die meistens für die Lebenden sichtbar bleiben. Die anderen vier arbeiten inkognito. Max beendet seinen Tanz und klopft sich die Schultern ab.

»Was zum Teufel war das?«, frage ich.

»Ein neuer Move«, antwortet er sachlich. »Ich nenne es indischer Tanz«.

»Kindischer Tanz, meinst du wohl.«

Max grinst so breit, als ob ich ihm ein Kompliment gemacht hätte. Mein Mitsammler ist sechs Jahre älter als ich, aber er benimmt sich, als wäre er dreizehn. Wir haben uns ein paar Jahre, nachdem er ins Gras gebissen hat und an Bord gekommen ist, kennengelernt. Er redet so schnell, dass ich manchmal Mühe habe, ihn zu verstehen. Ich stelle mir gern vor, dass er der beste Autoverkäufer der Welt war, bevor er draufgegangen ist.

Max breitet die Arme aus und deutet auf seinen Anzug. »Hey, was hältst du von meinem neuen Zwirn?« Nur eines liebt Max mehr als Geld: das, was man mit Geld kaufen kann.

»Nicht übel.«

»Nicht übel?« Er tut gekränkt und presst sich eine Hand aufs Herz. »Scheiße. Dieses Kunstwerk ist auf dem Cover von GQ. Und weißt du was? George Clooney hat genau diesen Anzug letztes Wochenende auf einer Party getragen.«

»Nein, hat er nicht.«

Max streicht sich mit einer Hand über sein glatt rasiertes Kinn. »Nein. Nein, ich schätze, das hat er wirklich nicht. Denkst du, irgendjemand sonst würde mir das abkaufen? Ich könnte es heute Abend bei einer der Süßen versuchen. Apropos, sieh dir diesen Mist an.« Er zieht sein Hosenbein hoch. Die goldene Fußkette um seinen Knöchel ist mit Schlumpf-Stickern verziert. »Das hat einer der anderen Sammler gemacht, nachdem ich gestern Nacht ins Koma gefallen bin. Und ob du es glaubst oder nicht, ich kriege die verdammten Dinger nicht ab.«

Ich wackle mit dem Fuß und spüre meine eigene Fußkette, die mir in den Knöchel kneift. Die schwere Fessel macht es uns Sammlern möglich, auf Erden zu wandeln. Zu essen, zu atmen und eine normale Existenz unter den Lebenden zu führen. Außerdem macht sie es möglich, dass der große Boss und die anderen Sammler wissen, wo man gerade ist, wenn sie sich in der Nähe befinden. Eine Portion »Big Brother«, wenn ihr mich fragt, aber wir haben auch die Möglichkeit, sie zu entfernen. Wenn man es als Möglichkeit sieht, seine Fußfessel aufzubrechen und endgültig zu sterben.

Max stößt mich mit dem Ellbogen an. »Von wem träumst du?«

»Von niemandem. Ich denke an diese verdammten Fußfesseln. Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, ohne sie hier zu bleiben.« Max ahnt nicht, dass ich genau weiß, woher diese Ketten kommen. Und ich darf es ihm nicht sagen. Denn ich weiß es nur, weil der große Boss es mir bei meiner Ausbildung für meine bevorstehende Beförderung erklärt hat. Vielleicht sollte ich nicht stolz darauf sein, dass der Teufel mir seine Geheimnisse verrät. Aber ich bin es.

»Nun, es gibt keine. Also kannst du das ruhig vergessen, schönes Kind.« Max reibt sich den Nacken und blinzelt in die Sonne. »Zumindest kommen wir von Zeit zu Zeit aus der Hölle heraus. Warum hältst du dich überhaupt damit auf? Jeder weiß doch, dass du zum Seelendirektor befördert wirst. Das heißt dann Daueraufenthalt auf Erden, Hombre. Dann hast du den Jackpot der Unterwelt geknackt. Apropos Jackpot, ich habe Lust zu spielen. Es juckt mich.«

»Ich weiß auch, wo es dich juckt«, erwidere ich.

»Du bist gemein, weißt du das? Einfach widerwärtig.« Max weicht vor mir zurück, geht rückwärts und rempelt die Passanten an. »Du bist gemein, du bist gemein. Deine Mama sagt, du bist gemein!« Und dann ist er verschwunden. Hat sich in Luft aufgelöst.

Ich schüttele angesichts seines dramatischen Abgangs den Kopf. Ich fühle mich mies, weil ich den Umschlag nicht erwähnt habe. Aber Max würde nur eine große Sache daraus machen. Ich ziehe ihn heraus und starre ihn an. In dem Umschlag steht auf einem Zettel der Name meiner Zielperson: Charlie Cooper. Der große Boss will ihre Seele. Sagt, er wird meine gegenwärtige Schwäche vergessen, wenn ich liefere. Das ist ungewöhnlich. Er pickt sich normalerweise niemand Besonderen heraus, und ich hasse es, dass diese Sache persönlich wird. Aber ich bin nicht hier, um Fragen zu stellen, sondern nur, um mein Ding durchzuziehen.

Ich hab ja keine große Wahl.

»Ich bin am Ball«, habe ich zu ihm gesagt, als er mir den Umschlag reichte. »Ich bin hinter ihr her wie der Teufel hinter der armen Seele.«

Das Letzte habe ich nicht gesagt. Er versteht keinen Spaß.

2

An der Flasche

Ich stehe vor einem zweistöckigen Haus im Kolonialstil in einer Gegend, die so nett und ordentlich ist, dass es mir fast hochkommt. Cooper steht auf dem gemauerten Briefkasten. Ich bin richtig. Wie sollte es auch anders sein.

Die Tür ist in einem kräftigen, leuchtenden Rot gestrichen. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln. Habe ich meine Affäre mit Rot erwähnt? Es ist eine wunderschöne, vertrauensvolle Beziehung. Nichts, was mit einer so wunderbaren Farbe bedeckt ist, kann jemals schlecht sein. Ich gehe zur Tür, streiche mit der Hand über das rote Holz und seufze. Dann sehe ich etwas, das diesen großartigen Augenblick zerstört.

Hinter mir stolziert arrogant eine Katze herum. Man sollte meinen, sie hätte gerade den Nobelpreis gewonnen. Hat sie aber nicht. Wisst ihr auch, warum? Weil sie eine verfilzte Katze ist. Für den Fall, dass es euch entgangen sein sollte: Ich. Hasse. Katzen. Ich verabscheue sie. Sie haben unheimliche kleine Zähne und Klingen an den Fingern. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann auf diese Freakshow gut verzichten.

Die Katze sieht mich und verdreht die Augen. Das tut sie wirklich. Ich schwöre es. Ich male mir aus, wie ich sie über die Straße schmeiße wie ein Torwart den Ball bei einem Abschlag. Ich werfe die Arme hoch und schreie: »Ist ja gut!«

Hinter mir höre ich ein Klick. Ich drehe mich um und sehe eine alte Frau, die sich offensichtlich für eine junge Frau hält, durch die rote Tür gleiten. Sie trägt einen Seidenkimono, der viel zu viel Altweiberbein zeigt. Das blond gefärbte Haar hängt ihr ins Gesicht, und sie trägt mehr Make-up als Lady Gaga. Ohne mich zu bemerken, bückt die Frau sich und greift nach der Morgenzeitung.

»Danke für die Einladung. Natürlich werde ich hereinkommen«, denke ich bei mir.

Ich rausche an ihr vorbei ins Haus. Bestimmt hat sie etwas gespürt, aber ihre Augen überzeugen sie vom Gegenteil. So ist es, wenn ich zum Schatten werde. Unsichtbar, wann immer es nötig ist. Das ist die einzige verschärfte Fähigkeit, die ein Sammler hat. Dank der Fußfessel.

Im Haus riecht es nach altem Mensch. Man sollte meinen, das junge Mädchen würde den Geruch nach Dinosaurier überlagern, aber so ist es nicht. Nicht einmal ansatzweise. Ich frage mich, wo die Eltern der Kleinen sind. Warum sie nicht da sind.

Jeder Zentimeter des Hauses ist mit Blumen und Spitze bedeckt und schreit vor Kitsch. Als hätten Martha Stewart und Tine Wittler sich gemeinsam ausgekotzt. Ich schüttele den Kopf. Diese Leute brauchen einen Innenarchitekten. Sofort. Bei meiner Mutter hätte es so was nicht gegeben. Sie hatte einen kultivierten Geschmack, und Dad hatte genug Asche. Der Gedanke an meinen Vater bringt mich auf die eine Nacht, und mein Magen rebelliert.

Eine gedämpfte Stimme kommt von oben. Ich bin zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagt, aber ich weiß, dass sie es ist. Auf dem Weg nach oben male ich mir aus, mit welcher Art von Mädchen ich es zu tun habe. Wenn der große Boss ihre Seele will, muss sie ziemlich verdorben sein, und ich habe schon immer auf verdorbene Mädchen gestanden.

Oben an der Treppe schüttele ich meinen Schatten ab, mache mich wieder sichtbar und gehe im Geiste kurz die Regeln durch. Ich darf so ziemlich alles tun, um dieses Mädchen einzuliefern, aber ich darf sie nicht körperlich verletzen. Alle Sammler wissen, dass die Verletzung eines Menschen einen Krieg zwischen dem großen Boss und dem Oberguru auf der Erde auslösen könnte. Doch alles andere ist erlaubt. Und ich bin mir nicht zu schade für ein paar schmutzige Tricks, um mein Ziel zu erreichen. Ich fahre mir mit einer Hand durchs Haar. Showtime. Ich drücke ihre Tür auf … und mir klappt der Unterkiefer herunter.

Ihr Schlafzimmer ist in einem Rosa gestrichen, von dem ich blind werde. Glitzernde Poster bedecken die Wände. Ein schmales Doppelbett steht in der Mitte des Zimmers, überwölbt von einem Baldachin in purem Rosa. Auf ihrem Bett liegen so viele Kissen, dass sie eigentlich nur noch auf dem Boden schlafen kann. Es gibt keine Fläche und kein Regal, wo kein Glasfigürchen steht. Massen von diesen Dingern. Es ist das Zimmer einer Siebzehnjährigen, die immer noch glaubt, sie sei eine Prinzessin.

Meine Zielperson wendet mir den Rücken zu und plappert in ein Schnurtelefon. Es ist auf alt getrimmt. Und natürlich rosa mit weißen Glitzersteinchen.

»Ich weiß. Ich weiß. Diese Abschlussprüfung wird total schwer werden. Unfassbar schwer.«

Ihre Stimme hat einen ganz schwachen Südstaatendialekt. Das fände ich vielleicht liebenswert, wenn ich nicht so unter Zeitdruck stände. Der große Boss hat sich unmissverständlich ausgedrückt. Ich habe zehn Tage für diese Aufgabe. Und ich schaffe es immer vor meiner Deadline. Es hängt zu viel davon ab, um es zu vermasseln. Wenn ich diese eine magere Seele abliefere, werde ich zum Seelendirektor befördert. Wie Max sagte, bedeutet das die Erde als dauerhaften Einsatzort. Und eines will ich euch sagen: Nie wieder zurück in die Unterwelt zu müssen, ist eine hervorragende Motivation.

Ich klopfe einmal an die offene Tür und seufze.

»Ich glaube nicht, dass ich überhaupt schlafen kann, bis die Prüfung vorbei ist. Wenn ich in diesem Kurs keine Eins bekomme, wird meine Oma mich bei lebendigem Leib häuten und es wie einen Unfall aussehen lassen.«

Komm schon, schau endlich her. Ich klopfe abermals und räuspere mich. Das Mädchen wirbelt herum. Meine Augen weiten sich bei ihrem Anblick. Das ist das Mädchen, hinter dem der große Boss her ist? Sie sieht aus wie ein Porzellanpüppchen. Auf das man mit einem Stock geschlagen hat. Mit einem schmutzigen Stock. Drei Mal.

Ich sehe jedes Detail: Brille, Zahnspange, krauses blondes Haar, Pickel und flach wie ein Brett. Das ist bei einer Siebzehnjährigen so was von gar nicht attraktiv. Vier Mal.

»Heiliger Bimbam! Wir müssen Schluss machen. Da steht ein Junge bei mir in der Tür«, sagt sie in das Telefon. Dann, leiser: »Ja, sehr. Ich muss Schluss machen. Ich erzähl’s dir später.« Das Mädchen legt auf, und ein riesiges Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wickelt sich eine Locke blonden Haares um den Finger. »Hey.«

»Hey«, sage ich. »Deine Oma hat mich reingelassen.«

»Ah ja? Bist du von der Apotheke?« Sie lächelt weiter wie eine liebeskranke Verrückte. Ich kann nicht anders und lächele auch.

»Nein, ich bin hier, um dich zu besuchen«, antworte ich. Das ist anscheinend zu viel für sie. Ihre Augen weiten sich, und sie lacht nervös. Ich schüttele den Kopf, aber das hat keine Wirkung auf sie. »Bist du Charlie?« Sie nickt, und ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Nur ein wenig, aber ich bemerke es. Sie ist überrascht, dass ich ihren Namen kenne. »Ich bin gerade erst hierhergezogen. Meine Mom kennt deine Oma. Sie sagte, ich solle mal vorbeikommen und mich vorstellen. Meinte, wir würden uns bestimmt gut verstehen. Ich bin Dante.«

Charlie mustert mich mit ihren blauen Augen durch dicke Brillengläser. »Wo kommst du her … Dante?«

»Phoenix.« Lügen ist mir immer leichtgefallen. Verurteilt mich nicht.

»Warum seid ihr nach Peachville gezogen?«

»Mom hat hier eine neue Stelle bekommen. Sie wollte schon immer nach Alabama ziehen, sagt sie. Wegen der Bäume im Herbst oder so.« Ein heißer Tipp: Wenn man Lügen mit Details ausschmückt, wirken sie glaubwürdiger.

Sie nickt, als hätte ich etwas Tiefschürfendes gesagt, dann dreht sie sich um und geht zum Fenster. Jetzt sehe ich erst, dass sie lila Jeans trägt. Mein Gott, sie könnte direkt einem Film aus den Achtzigern entsprungen sein. Das gewellte Haar fällt ihr bis in die Taille, und ich überlege, dass sie so besser aussieht. Von hinten.

»Du willst wohl nicht zum Frühstück bleiben, oder?« Sie fragt zögerlich, als erwarte sie eine Ablehnung. Ganz im Gegenteil. Ich kann nicht fassen, wie einfach das wird. Sie könnte nicht verzweifelter sein. Trotzdem lasse ich mir eine Sekunde Zeit mit der Antwort. Je gleichgültiger du rüberkommst, desto eher kriegst du ein Mädchen rum.

»Ja«, sage ich so beiläufig wie möglich. »Warum nicht.« Als sie sich umdreht, bemerke ich, dass ihre Wangen leuchtend rot sind. »Alles in Ordnung?«

»Oh ja. Nur wenn ich mich …« Charlie legt ihre Hände auf die Wangen. »Du wirst das Essen meiner Oma lieben, das ist alles.«

Den ganzen Weg die Treppe hinunter und in die Küche plappert Charlie drauflos. Ich nicke und lächele und lächele und nicke, und als sie sich wegdreht, halte ich meine Hand wie eine Pistole an meine Schläfe und drücke ab. Dieses Mädchen hungert so krass nach Aufmerksamkeit. Ich staune immer darüber, dass die Leute gar nicht merken, welche Blößen sie sich im Umgang mit anderen geben.

Was mir noch auffällt, ist ihr Hinken. Sie hat einen subtilen Gehfehler. Ich frage mich, ob er angeboren ist oder von einem Unfall kommt. Und warum niemand etwas dagegen unternommen hat. Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Weißkittel können alles heil machen.

Wir kommen in eine kleine Küche mit schwarz-weiß gekacheltem Boden, einem kleinen, runden Tisch und Schränken in der Farbe von Katzenkotze. Obwohl die Einrichtung der Küche zum Himmel stinkt, lenkt mich ein wunderbarer Duft von Charlies Geplapper ab. Speck. Er brutzelt direkt vor mir auf dem Herd. Ja, ich weiß. Ich bin tot. Aber ich kann trotzdem noch essen wie ein Sumo-Ringer. Und wenn diese Köstlichkeit nicht in einer Minute auf einem Teller vor mir liegt, esse ich sie aus der Pfanne.

Wie aufs Stichwort kommt Oma mit zwei Tellern in der Hand in den Raum gerauscht. Sie bleibt wie angewurzelt stehen.

»Hmmm … ein süßes Frühstück war schon immer mein Traum.« Oma begafft mich, ein versonnenes Lächeln auf ihrem botoxgebügelten Gesicht. Sie ist dünner, als ich meine Omas eigentlich mag, aber das freche Funkeln in ihren blaugrauen Augen erweckt meine Zuneigung.

»Oma!«, stöhnt Charlie verlegen.

»Kind«, sagt sie, ohne sich von mir abzuwenden, »warum hast du deiner Oma nicht erzählt, dass wir einen gut aussehenden Gast erwarten?«

Charlie schüttelt den Kopf und lächelt mich an, als steckten wir unter einer Decke. »Das ist Dante. Er ist gerade von Phoenix hier hergezogen. Ich glaube, du kennst seine Mom.«

Omas gefärbte Augenbrauen ziehen sich zusammen. Keine Sorge. Ich habe alles unter Kontrolle. »Meine Mom heißt Lisa Walker. Sie haben sich in der Kirche kennengelernt, denke ich?«

Sie schaut weg und beißt sich auf die Lippe. Jetzt muss ich nur noch einlochen. »Sie sagte, Sie würden sich an sie erinnern.«

»Oh, ja«, antwortet sie langsam. Sie sieht mir in die Augen, als wäre dort die Antwort zu finden. »Ich erinnere mich tatsächlich. Es hat nur eine Weile gedauert, bis ich sie einordnen konnte. Ich liebe Lisa. Wunderbare Frau.«

»Sie dachte sich schon, dass Sie so etwas sagen würden.«

Die tiefen Linien auf ihrem Gesicht glätten sich vor Erleichterung, und sie lacht leicht. »Natürlich erinnere ich mich an Lisa.« Sie deutet auf einen Stuhl am Küchentisch. »Setzt euch. Setzt euch. Ihr beide braucht was zu essen. Dann gehst du vermutlich auf die Centennial High?«

Sie spricht natürlich mit mir. Ich lege den Kopf schief und sehe Charlie an. »Wo sie hingeht, gehe ich auch hin.«

Charlie klappt der Unterkiefer herunter. Sie braucht einen Moment, um eine Antwort zu stottern. »Ich – ich bin auf der Centennial.«

»Jepp«, sage ich. »Da gehe ich auch hin.« Gram nickt wohlwollend und stellt einen Teller mit Eiern und Toast auf den Tisch. Und mit Speck. Sie nimmt uns gegenüber Platz und trinkt einen Schluck aus einer Wasserflasche.

»Oma«, fragt Charlie, »willst du nichts essen?«

Ihre Oma hebt ihre Wasserflasche. »Ich habe alles, was ich brauche.«

Charlie dreht sich zu mir um. »Oma liebt Wasser. Ich meine, sie liebt es. Sie sagt, unsere Körper bestehen daraus, und wenn wir nicht genug davon trinken …«

»… verschrumpeln wir zu Dörrfleisch«, beendet ihre Oma den Satz.

»Nun«, sage ich und denke, dass Oma nicht alle Latten am Zaun hat, »jedem das Seine.«

»Genau!«, schreit Oma und lässt das Wasser in ihrer Flasche schwappen.

Ich beuge mich über meinen Teller und nehme einen Bissen knusprigen Speck. Ich stelle mir vor, dass er auf meiner Zunge schmilzt.

Oma stützt das Kinn in die Hand und hängt Tagträumen nach. »Ich habe solche Muskeln nicht mehr gesehen, seit ich meinen Rudy kennengelernt habe, Gott sei seiner Seele gnädig.« Sie scheint mit sich selbst zu reden, aber ich kann natürlich jedes Wort hören. »Dunkles Haar, blaue Augen und Haut so braun, als habe die Sonne sich vorgebeugt, um sie zu küssen.«

Ich sehe Charlie an, die beide Hände vors Gesicht geschlagen hat. »Oma, bitte!«, fleht sie.

Ich weiß nicht, worüber sie sich beklagt. Ich fange wirklich an, Oma zu mögen. Natürlich wäre sie nicht so freigiebig mit Komplimenten, wenn sie wüsste, was ich bin. Tatsächlich würde sie wohl schon ausflippen, wenn sie nur meine Tätowierungen sähe – den Drachen, der meinen Rücken bedeckt, oder den Baum, der von meinem Ellbogen bis zur Schulter reicht.

Charlie steht auf, geht zu ihrer Oma hinüber und küsst sie auf die Stirn. Sie verweilt dort, als wolle sie ihrer Großmutter nicht von der Seite weichen. »Wir sehen uns nach der Schule«, sagt sie schließlich.

An der Haustür wirft sie sich einen hellgrünen Rucksack über beide Schultern. Ich winde mich. Jeder weiß, dass man einen Rucksack nicht über beiden Schultern trägt. Damit wirkt man wie ein Streber.

Charlie dreht sich um, sieht mich an und presst die Lippen zusammen, als treffe sie eine Entscheidung. Dann fragt sie: »Du, ähm. Kommst du mit mir zur Schule? Es ist okay, wenn du nicht willst. Du musst wahrscheinlich erst nach Hause und einige Sachen holen? Oder du fängst erst nächstes Halbjahr an?«

Jeder Satz klingt wie eine Frage. Ich ziehe einen Mundwinkel hoch. »Ich bin dabei.« Charlie grinst wie eine Irre, und ich höre auf zu lächeln, als ich beobachte, wie sich ihre Wangen vor Aufregung leuchtend rot färben. So funktioniert das also.

Ich stehe auf und gehe zu Oma hinüber. Ich streichle ihr den Rücken und danke ihr für das Frühstück. Alte Menschen lieben körperlichen Kontakt – sie vermutlich mehr als die anderen.

Sie klimpert mit den Wimpern. »Wirklich gern geschehen.«

Der Geruch von Rum trifft mich wie ein Orkan. Oma hängt also an der Flasche, was? Vielleicht würden meine Tattoos sie doch nicht umhauen. Ich beäuge sie eingehend, und ihr Gesicht wird lang, als sie begreift, dass ich es weiß. Ich zwinkere ihr zu und drücke ihr die Schulter. »Dein Geheimnis ist bei mir sicher«, sage ich, ohne zu sprechen.

Charlie geht zur Tür hinaus, ganz Lächeln und Sonnenschein, nachdem sie gesehen hat, wie freundlich ihre Großmutter und ich miteinander umgehen. Sie ist zu naiv, um zu begreifen, dass ihre Oma trinkt, und ich werde es ihr nicht sagen. Jedenfalls noch nicht.

Als Charlie aus dem Haus geht, stolpert sie irgendwie über die Türschwelle und landet beinahe mit dem Gesicht voran im Vorgarten. Ich verdrehe die Augen. Wie kann es sein, dass ich von allen Menschen auf der Welt ausgerechnet ihre Seele einsammeln soll?

3

Der Klang von Gelächter

Anscheinend hat Charlie kein Auto. »Aber keine Sorge«, sagt sie zu mir, »wir können von hier aus zu Fuß zur Schule gehen.«

Wunderbar.

So, wie sie humpelt, wird das ja nur anderthalb Ewigkeiten dauern.

Charlie hat eine braune Papiertüte in der Hand. Und alle paar Minuten gräbt sie Skittles aus ihrer Tasche und wirft sie sich ein. Ich habe keine Ahnung, wie sie die Highschool überlebt. Sie ist eine Katastrophe. Es ist irgendwie tragisch. Warum ist dieses Mädchen immer noch am Leben, während ich ein wandelnder Leichnam bin?

Ich kann den Blick nicht von ihrem Mund abwenden. Es ist der einzige Teil von ihr, der annehmbar ist. Auch wenn er natürlich niemals stillsteht.

»Meinst du nicht auch?«, fragt sie.

Ich sehe ihr in die Augen. »Was?«

Sie stupst mich mit der Schulter an, als seien wir alte Kumpel. »Da hat wohl jemand geträumt. Willst du etwas Süßes?« Sie hält mir die von Skittles fleckige Hand hin.

»Danke, nein«, antworte ich. Ich weiß nicht, wie dieses Mädel so zierlich bleibt. Sie isst wie ein Nilpferd. Tief in meiner Tasche reibe ich über meinen Glückspenny. Ich versuche herauszufinden, wie ich dieses Mädchen korrumpieren kann. Und sie stellt mir die ganze Zeit dumme Fragen.

Konzentrier dich, Dante.

Ich kneife die Augen zusammen und tue, was man mir beigebracht hat. Zuerst ist sie vollkommen unverändert: klein und mager. Wie ein Unkraut, das ausgerupft werden muss. Aber dann verändert sie sich. Das vertraute, warme, gelbe Licht kriecht ihr über die Haut und flackert.

Seelenlicht. Ich würde es trinken, wenn ich könnte. Jede Seele hat die gleiche Farbe. Es sind die Siegel, die den Unterschied machen. Ich zähle, wie viele sie hat, dann balle ich die Hände zu Fäusten. Auf ihrer Seele sind zwölf Siegel. Nur zwölf. Und sie sind noch nicht einmal groß. Na toll, ich bin gekommen, um Mutter Teresa einzusammeln.

Dass Charlie schon Siegel auf der Seele hat, bedeutet, dass der große Boss sie wahrscheinlich bereits eine Weile beobachtet. Oder er beobachtet einfach nur das Gebiet von Peachville. Und wie lange ich sie auch anstarre – ich begreife seine Gründe nicht. Aber das spielt keine Rolle. Ich muss sie sammeln, so oder so. Wenn ich es nicht tue und sie stirbt, landet sie beim Jüngsten Gericht. Und der große Boss will dieses Risiko offensichtlich nicht eingehen.

Als ich ihre Seele näher inspiziere, bemerke ich, dass einige von Charlies Siegeln von Sammlern stammen. Ich weiß es, weil ich bunte Farben sehe: Purpur und Grün und Orange und was weiß ich nicht noch alles. An der Farbe erkenne ich, wer eine Seele gesiegelt hat. Die meisten ihrer Siegel sind grün. Also Patricks Arbeit. Natürlich war ich derjenige, der ihn ausgebildet hat.

Auf ihrer Seele klebt noch keins meiner roten Siegel, aber das wird nicht lange so bleiben, denn schließlich ist die Kleine ja meine Aufgabe. »Wie weit ist es noch?«, frage ich.

»Gleich auf der anderen Seite dieses Hügels«, zirpt sie. »Wie ich gerade gesagt habe, ich bin mir nicht sicher, ob du dich so spät im Semester noch anmelden kannst. Aber zumindest kannst du dir die Schule und den ganzen Kram schon mal ansehen.«

»Ich würde mir darüber keine Sorgen machen.«

Charlie mustert mich, und ihre Augen werfen an den Winkeln Fältchen. »Ich finde dich nett, Dante.«

»Das liegt daran, dass ich nett bin.«

Sie schaut nach vorn und geht fast eine volle Minute lang schweigend weiter. Plötzlich fühlt es sich seltsam an, in ihrer Nähe zu sein und sie nicht sprechen zu hören. Die gewaltigen Bäume hängen wie ein Baldachin über der Straße und recken sich einander zu, um sich zu begrüßen, ihre Blätter tot.

Kürbislaternen mit grinsenden Zahnreihen stehen auf den Veranden und schauen zu, wie wir vorbeigehen. Eine guckt mich an, als verspotte sie mich, also zeige ich ihr den Mittelfinger. Charlie sieht mich. Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht lange und laut. Das Geräusch verblüfft mich.

Ich frage mich, wie es sich anfühlen würde, so zu lachen, vollkommenen hemmungslos.

Charlie zieht mich ins Schulbüro und preist mich als neuen Schüler an. Die Frau hinter dem Schreibtisch beäugt zuerst Charlie, dann mich. Ich weiß, was sie denkt: dass ich sie bis zum Mittagessen abserviert haben werde. Und dass wir in zwei verschiedene Kategorien fallen: der Loser und der Typ, der Leute »Loser« nennt.

Ich drehe mich zu Charlie um und lege ihr eine Hand auf den Kopf, wie bei einem Hund. »Sei ein braves Mädchen und warte im Flur auf mich?« Ihr Lächeln verschwindet, als habe sie das erwartet. Aber sie nickt und wendet sich zum Gehen. Ich beobachte, wie sie durch die Glastüren tritt, wo Schüler an ihr vorbeigehen, als wäre sie gar nicht da. Wie ein Geist. Ich schaue zu der Frau hinter dem Schreibtisch. Sie ist nicht älter als fünfunddreißig, aber sie mustert mich mit der Verbitterung einer viel älteren Person.

»Wie geht’s?«, frage ich. Sie zieht eine Augenbraue hoch. »Ich muss mich einschreiben.« Sie lacht, ohne zu lächeln. »Hören Sie, ich muss mich einschreiben. Und ich brauche den gleichen Stundenplan wie Charlie.«

»Tja, das wird nichts. Heute ist Freitag. Bei uns können sich nur montags Schüler einschreiben. Und das Semester ist halb vorbei. Du wirst bis Januar warten müssen.« Jetzt lächelt sie doch, weil es das Highlight ihres Tages ist, meine Träume zerplatzen zu lassen.

Ich mustere ihre abgenutzte Kleidung und ihre schlechte Frisur, und ich erwidere ihr Lächeln. Denn jeder ist käuflich, und wie der Zufall es will, geht das bei ihr mit Bargeld. Ich ziehe ein Bündel Scheine aus meiner Tasche und blättere einige Hunderter auf den Tisch. »Denken Sie, Sie könnten ein Wunder geschehen lassen?«

Sie starrt mich an, als wolle sie mich ohrfeigen, und für eine Sekunde denke ich, dass sie das wirklich tun wird. Aber dann kaut sie an der Innenseite ihrer Wange und schaut sich vorsichtig um. »Da ist ein Sicherheitsmitarbeiter, gute drei Meter entfernt. Ich könnte dich rauswerfen lassen.«

»Wofür? Weil ich hammergeil bin?«

Sie rümpft die Nase, als habe sie etwas Schlechtes gerochen. Dieser Gestank nennt sich Verzweiflung. Das würde ich ihr jedenfalls gerne sagen. Stattdessen warte ich, während sie das Geld in ihre Handtasche stopft und mir ein blaues Blatt Papier gibt. »Zeig das deinen Lehrern, wenn sie dich fragen, warum du hier bist. Viel Glück bei deinen Zwischenprüfungen«, fügt sie höhnisch hinzu. »Nur zu, mach ruhig Charlies Stundenplan mit. Ich bin mir sicher, ihr werdet dicke Freunde werden.«

Ich zeige mit dem Finger auf sie. »Danke, Baby.«

»Ich bin nicht dein Baby.«

»Wie Sie wollen.«

Draußen vor dem Büro lehnt Charlie an der Wand. Sie hat einen Stapel Bücher in den Armen und bettet das Kinn darauf.

»Brauchst du all diese Bücher wirklich?«, frage ich.

»Man kann nie gut genug vorbereitet sein, stimmt’s?«, sagt sie. Ein Junge rempelt sie im Vorbeigehen an, und Charlies Bücher klatschen zu Boden. Sie taucht ab, um sie aufzusammeln.

»Pass doch auf«, sage ich zu dem Typen, weil er mich beinahe ebenfalls erwischt hätte.

Er dreht sich um und zeigt mir den Stinkefinger.

Als er im Begriff ist, um die Ecke zu verschwinden, zuckt mein Handgelenk in seine Richtung. Das Gelb seiner Seele springt an, und Sekunden später heftet sich ein kleines, rotes Siegel an das Licht. Dieser Sack muss Manieren lernen. Ich forme die Hände zu Pistolen und feuere sie in seine Richtung ab. »Peng! Peng!«

»Was machst du da?«, fragt Charlie vom Boden aus.

»Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen solltest.« Ich lasse die Schultern kreisen. Mann, es fühlt sich gut an, Seelen zu siegeln. Wie eine kleine Scheibe Speck. Ich möchte mich umdrehen und die Seele der Sekretärin siegeln, die meine Bestechung angenommen hat, aber Charlies Gewühle lenkt mich zu sehr ab. »Warum steckst du nicht ein paar dieser Bücher in deinen Rucksack, Charlie?«

»Auf keinen Fall«, sagt sie, und ihre Augen weiten sich hinter ihren Brillengläsern. »Das ist nicht gut für den Rücken.« Sie wirft ihr langes Haar zurück. »Also, haben sie dich zugelassen? Kannst du zum Unterricht gehen?«

»Ja, kann ich.« Die Erkenntnis, dass ich wieder hier bin, in der Highschool, überwältigt mich. Ist nicht der eine Vorteil des Todes, dass man aus diesem Scheiß herauskommt? Zumindest war die Highschool, die ich besucht habe, netter als diese. Wir hatten die Art Schule, die man in Filmen sieht. Diese Schule dagegen ist der Discounter unter den Highschools: abgewetzte Linoleumböden, schäbige Doppelstock-Schließfächer und alles aus Plastik.

»Du bist also dabei. Schön!« Charlie strahlt.

Ich sehe ihr in die Augen und sage langsam: »Cool.«

»Cool was?«, fragt sie und verzieht verwirrt das Gesicht.

»Es ist cool, dass ich dabei bin, nicht schön.« Sie wendet den Blick ab, und ich kann erkennen, dass ich sie verletzt habe. Mist. Um einen schlechten Einfluss auf sie auszuüben, muss sie mich mögen. »Andererseits, was weiß ich schon?« Es ist ein lahmer Versuch, dafür zu sorgen, dass sie sich besser fühlt, aber sie wirkt trotzdem munterer.

»Nein, du hast recht.« Sie wedelt mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum. »Es ist cooooool.«

Ich halte ihre Hand fest und ziehe sie an ihre Seite. »Lass uns einfach zum Unterricht gehen, ja?«

Drei qualvolle Stunden später gehe ich mit Charlie zum Mittagessen. Früher habe ich gedacht, Lehrer seien Idioten. Zwei Jahre später bin ich mir sicher, dass ich recht habe.

Kids quellen aus den vier Fluren, die in die Cafeteria führen. Die Deckenbeleuchtung ist so grell, dass ich meine Augen abschirmen muss. Etwas kreischt laut, und ich mache mich bereit, irgendeine Art von Nagetier zu töten. Aber es ist Charlie. Anscheinend rechtfertigt, wer immer sich uns nähert, diese Art von hysterischer Reaktion.

»Da ist ja meine Char-Char!«, singt ein Mädchen, das auf uns zukommt. Sie ist genauso groß wie ich und doppelt so dick. Charlie umarmt die Amazone und dreht sich dann zu mir um. »Dante, das ist Annabelle.«

Nein. Auf keinen Fall. Dieser Name ist weiblichen Wesen mit Anmut und Eleganz vorbehalten. Nicht diesem Mädchen. Dieses Mädchen ist … garstig. »Annabelle«, sage ich. »Der Name passt zu dir.«

Annabelle stößt ein tiefes Lachen aus und schlingt einen Arm um Charlie. Ich erwarte, dass sie von dem Gewicht zerquetscht wird. »Ja? Ich hab nämlich immer gedacht, Godzilla passt besser.«

Ich lache so heftig, dass ich grunze. Charlie kneift die Augen zusammen und sieht mich an, als hätte ich etwas Schreckliches getan, aber ich habe beschlossen, dass ich dieses Mädel mag. Sie hat was. Und etwas sagt mir, dass ihre Seele schon ein paar Mal gesiegelt wurde.

»Nette Treter«, sagt Annabelle. Sie schaut auf meine leuchtend roten Chucks hinunter, die ich fast nie ausziehe.

Ich drehe sie zur Seite, damit sie sie besser sehen kann. Sie sind ein verfluchtes Kunstwerk. Ich nicke in Annabelles Richtung. »Danke.«

»Bist du neu hergezogen?«, fragt sie. Annabelles kinnlanges, schwarzes Haar sitzt wie ein Helm, und schwere Ponyfransen zeichnen ihr eine harte Linie quer über die Stirn. Nichts bewegt sich, als sie spricht.

»Ja, seine Mom ist mit meiner Oma befreundet«, erklärt Charlie, bevor ich den Mund aufmachen kann. »Er hat heute Morgen mit uns gefrühstückt.«

»Ist das so?« Annabelle funkelt mich mit ihren grünen Augen anklagend an. Sie glaubt nicht, dass ich mich lange mit ihnen abgeben werde, und sie will nicht, dass Charlie verletzt wird. Wie rührend. »Und jetzt sitzt du beim Mittagessen bei uns?«

»Jepp«, antworte ich. »Also, was muss ein Mann hier tun, um was zu kauen zu bekommen?«

Einige Minuten später sitze ich mit Charlie und Annabelle zusammen und starre auf pappiges Essen auf einem Styroportablett. Ich hätte gern eine Fahrkarte in Omas Küche, bitte. Ohne Rückfahrschein. Ich will das gerade vorschlagen, als ein Junge auf Charlie zukommt und sich neben sie fallen lässt.

»Hey«, sagt er mit leiser Stimme.

»Blue!« Charlie drückt seinen Oberarm. Wieso tauchen hier überall plötzlich Freunde von ihr auf? Charlie kommt mir nicht wie die Art Mädchen vor, die überhaupt Freunde hat, geschweige denn, mehr als einen.

Der Junge lehnt sich gegen sie und fällt in sich zusammen. Wieso benutzen all diese Leute sie als Krücke?

»Ich falle in Chemie durch«, sagt er wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht. Der Junge ist wie eine blasse Straßenlaterne gebaut. Ich will ihn beiseitenehmen und ihm von Solarien erzählen. Oder von Selbstbräuner. Irgendetwas.

»Niemals«, sagt Charlie. »Ich helfe dir beim Lernen.«

Blue – oder wie auch immer – sieht Charlie mit großen, braunen Augen an und grinst wie ein Irrer. Ich habe diesen Blick schon früher gesehen. Er tritt unmittelbar vor Sex und gebrochenen Herzen auf.

»Wirklich? Das wäre toll«, sagt er. »Ich weiß nicht, warum ich so mies bin. Ich schätze, ich bin nicht klug genug. Oder der Lehrer hasst mich.«

Charlie streicht ihm über den Rücken, und er lehnt sich in ihre Berührung hinein. Die langsamen, in die Länge gezogenen Worte und die defätistische Haltung des Jungen erinnern mich an I-Aah aus Pu der Bär. Mann, mein Dad hat Pu der Bär geliebt. Als ich zwölf war, habe ich versehentlich den Griff von Dads Pu-Kaffeetasse abgebrochen, und am nächsten Tag hat er sechs neue angeklebt. Er nannte es seine Versicherung. Mein Dad hat immer so lustigen Quatsch gemacht.

Blue lässt seinen blonden Lockenkopf kreisen, als entspanne er seinen Hals, aber tatsächlich wirkt er bloß betrunken. Ich wette, wenn dieser Bursche sich einen ansäuft, kriecht er in die Badewanne und heult. Annabelle zieht eine extragroße Packung zuckerbestäubter Donuts aus ihrer Tasche und wirft sie Blue hin. Sie treffen ihn an der Brust.

»Gut gefangen«, schnaubt Annabelle.

Blue hebt sie auf und isst einen nach dem anderen und irgendwo zwischen dem sechsten und siebten Donut bemerkt er mich. »Hey«, sagt er, als hätte ich nicht schon die ganze Zeit hier gesessen.

Ich nicke. »Geht, Alter.«

Blue sieht erst mich und dann Charlie an, als könne er nicht verstehen, warum zum Teufel ich neben ihr sitze. Da wären wir schon zu zweit. »Charlie, du, ähm, stellst du ihn noch vor?«, murmelt er.

»Hmmm.« Charlie hört auf, ihre neonorangefarbene Limo zu trinken. »Oh ja! Gott! Tut mir leid. Das ist Dante. Er ist gerade hierhergezogen.« Sie schenkt mir ein breites Lächeln. Ich versuche, es zu erwidern, ohne abgetörnt zu wirken. Ohne zu denken: »Du trägst Zahnspangen. Erinnerst du dich noch daran?«

»Er hat heute Morgen bei Charlie gefrühstückt«, fügt Annabelle langsam hinzu, als sie Blues Blick bemerkt.

Blue reißt den Kopf zu Charlie herum. Er kann sich also doch schnell bewegen. Noch schneller ist ein schmerzlicher Ausdruck auf seinem Gesicht erschienen.

»Entspann dich«, würde ich ihm am liebsten sagen, »das wird nie passieren.«

4

Tagtraum Charlie

Ich starre auf das, was von meiner Portion übrig ist – also der Großteil –, als Charlie vom Tisch aufsteht. Sie nimmt ihr Tablett, und ich erwarte, dass sie diesen Müll dahin bringen wird, wo er hingehört. Aber sie wickelt die Reste in Servietten und stopft sie sich in den Rucksack. Ich kann es kaum ertragen, diesen Dreck zu essen, und sie will ihn als Nachmittagssnack wiederverwerten.

Annabelle hört auf, das Basketball-Spiel der New York Knicks vom Vorabend mit Blue zu diskutieren, und schaut zu Charlie auf. »Gehst du dahin, wohin ich denke, dass du hingehst?« Charlie beißt sich auf ihre volle Unterlippe. Annabelle nickt. »Dachte ich mir.«

Ich stoße Charlie an und sie schaut erschrocken auf mich herab. »Wohin gehst du?« Charlie holt Luft, sagt jedoch nichts. »Komm schon. Spuck’s aus.«

Blue wirft mir einen warnenden Blick zu. Ich frage mich, was er mit seinen hundert Pfund Kampfgewicht wegen meines schlechten Benehmens zu tun gedenkt. Das hier mag mein Auftrag sein, aber das heißt nicht, dass ich ihn total toll finden muss. Tatsächlich ist es wohl besser, wenn ich es nicht tue.

»Ich wollte mal im Journalistikraum vorbeischauen.« Charlie sagt es so leise, dass ich den Kopf schief legen muss, um sie zu verstehen. Ich hasse Murmler. Mir reicht schon Blue mit seinem ständigen Gemurmel. Wir brauchen keine zwei Leute ohne Rückgrat an diesem Tisch.

»Heraus damit, Charlie«, ermahne ich sie. »Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es laut.« Blue stößt ein Schnauben zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. Ich sehe ihm in die Augen und ziehe die Brauen hoch. Er hält meinem bösen Blick einen Moment länger stand, als ich es erwartet habe. Dann schaut er weg. Dachte ich mir.

Charlie schiebt das Kinn vor und erklärt lauter: »Ich gehe zum Journalistikraum, um mir die Übertragung anzusehen.« Sie nickt. »Aber hallo.«

Ich lächele sie an und erhebe mich vom Tisch. »Na, dann mal los.«

»Du willst mitkommen?«, fragt sie, ihre Augen rund und verletzlich.

»Klar, warum nicht? Ich habe sonst gerade nichts zu tun.« Außer deine Seele zu siegeln und dich in die Hölle zu zerren.

»Klasse!« Charlie wirft ihren Freunden einen Oh-mein-Gott!-Er-kommt-mit!-Blick zu und schaut wieder in meine Richtung. »Das ist am anderen Ende der Schule, fast an der Turnhalle. Wir können einfach … von hier aus zu Fuß hingehen.«

Statt einen Zug zu nehmen?

Charlie und ich werden beobachtet, wie wir uns zwischen den langen, bankähnlichen Tischen hindurchschlängeln. Köpfe werden zusammengesteckt und es wird getuschelt. Ein paar Mädchen kichern, und eine Mitschülerin mit ausgezeichnetem Geschmack winkt mir enthusiastisch zu. Die hole ich mir später. Ich muss Charlies Seele einkassieren, aber das bedeutet nicht, dass ich von meinen normalen Pflichten befreit bin. Wenn ich diesen Job beende und dabei eine Tonne Seelen siegele, gehört diese Beförderung mir, aber hundertpro.

Gerade als wir die Cafeteria verlassen wollen, sehe ich einen Jungen mit einem orangefarbenen Umschlag wedeln, als hätte er gerade im Lotto gewonnen. Drei Typen in seiner Nähe spähen ihm über die Schulter, und er liest, was immer darin steht. Ich schaue mich um und bemerke mehr orangefarbene Briefumschläge in fahrigen, gierigen Händen.

Plötzlich will ich so dringend einen dieser orangefarbenen Umschläge haben, dass mir schlecht wird.

Als ich noch am Leben war, bin ich niemals von irgendetwas ausgeschlossen worden. Tatsächlich wäre ich derjenige gewesen, der diese verdammten Umschläge verteilt. Es fühlt sich komisch an, das von der anderen Seite zu erleben. Ich straffe die Schultern. Wen interessiert das schon. Wenn ich wollte, hätte ich die gesamte Schule in drei Tagen in der Tasche.

Tennisschuhe quietschen, Basketbälle donnern – wir sind an der Turnhalle. Ob Blue und Annabelle ihr Geschwätz über Basketball jemals lange genug unterbrechen, um tatsächlich zu spielen? Beim ständigen Knallen der Bälle gegen den Rand des Korbs möchte ich Charlie am liebsten stehen lassen und selbst mitspielen. Im Gegensatz zu diesen Witzbolden treffe ich immer ins Netz.

Wir erreichen das, was wohl der Fachraum für Journalistik ist. Charlie bleibt an der offenen Tür stehen und geht nicht hinein. Was immer sie tun will, will sie von hier aus tun. Links im Raum steht ein langer, grauer Tisch mit drei Hockern. Gegenüber ist eine riesige, schwarze Kamera aufgebaut, daneben stecken in einem Ständer Textkarten zum Ablesen.

Ein Mädchen stolziert zu dem mittleren Hocker hinter dem Tisch. Sie hält ein paar Blätter in der Hand und formt lautlos die Worte, die sie liest. Als sie fertig ist, wirft sie die Papiere auf den Tisch und schaut sich um. Mein Rückgrat versteift sich, als unsere Blicke sich treffen.

Sie hat riesige, braune Augen, glatte, braune Haut und langes, dunkles Haar. Sie ist wie ein Eimer Karamell, und ich will jeden Teil von ihr kosten. Und wenn sie nicht gebaut ist wie das Playgirl des Monats im Playboy, dann lasse ich mich fesseln und auspeitschen.

»Das ist Taylor«, sagt Charlie, als hätte ich gerade ihren Hund überfahren. »Sie leitet den Journalistikclub. Und so ziemlich alles andere.« Sie beobachtet mich genau und fährt fort: »Ich könnte dich mit ihr bekannt machen.«

»Mhm.« Mehr bringe ich nicht heraus, weil ich den Blick nicht von Taylor abwenden kann, die an ihrer Unterlippe knabbert und mich anlächelt. Zwei Jungs in roten Footballtrikots marschieren an Charlie und mir vorbei und setzen sich links und rechts neben die Traumfrau. Eine Sekunde später kommen noch zwei Schüler in den Raum und beziehen nahe der Kamera Position. Ein Junge, der so groß ist wie eine Getränkedose, klettert auf eine niedrige Plattform und spielt an der Kamera herum. Er nickt einem sommersprossigen Mädchen zu, das neben ihm steht und von fünf herunterzählt. Im Raum wird es still.

»Hey! Ich bin Taylor Fitch mit dem Spielplan fürs Wochenende. Mit von der Partie sind Brad Setterfield und Clint Moers von unserem Footballteam an der Centennial.« Taylor macht eine süße Yippie-Geste mit dem Arm und ich bin sofort wieder Feuer und Flamme – alles, was Spaß macht, fängt mit F an.

Ich sehe Charlie kurz an, um sicherzugehen, dass sie noch da ist, und wende mich sofort wieder Taylor zu.

Aber dann stocke ich.

Mein Blick kehrt langsam zu Charlie zurück. Ihr Gesicht ist … lebendig. Augen. Ohren. Mund. Alle weit offen und aufmerksam. Ihr Kopf ist wie in Trance geneigt. Vielleicht ist sie in eine dieser Sportskanonen verknallt? Aber nein, ihr Blick klebt auf demselben Ding wie meiner gerade eben noch – auf Taylor.

»Was starrst du da an?«, flüstere ich.

Charlie wendet den Blick keine Sekunde ab. »Das«, flüstert sie zurück. »Sie.«

»Stehst du auf Frauen?«, frage ich.

Charlie verdreht die Augen und lächelt. »Nein. Es ist … das alles. Vor einer Kamera zu stehen und so gut darin zu sein. Manchmal senden sie sogar live, und sie kriegt es trotzdem perfekt hin.«

»Sie liest bloß von den Karten ab.« Ich zeige auf den Ständer mit Textkarten, als wäre es nicht offensichtlich.

»Du sagst das, als wäre es nichts Besonderes.« Charlies macht ein langes Gesicht, und ich rufe mir ins Gedächtnis, weshalb ich hier bin.

Ich stupse sie an. »Also, warum trittst du dem Club nicht bei? Vielleicht stehst du dann irgendwann vor der Kamera.« Charlie schüttelt den Kopf, sagt aber nichts. »Warum nicht?«

»Es ist nicht so, als hätte ich ein Problem damit, mit Leuten zu reden.« Danke, das war mir auch schon aufgefallen. »Aber ich kann nicht vor der ganzen Schule vor die Kamera treten und wie sie sein.« Charlie zeigt auf Taylors glänzendes Haar und ihr noch glänzenderes Lächeln. »Sie ist so … hinreißend.«

»Oh, bitte. Sie flirtet einfach nur mit der Kamera. Du weißt doch, wie man flirtet, oder?« Natürlich weiß sie es nicht.

»Na klar«, antwortet sie. »Jeder weiß, wie man flirtet.«

Ich bezweifele, dass sie auch nur den geringsten Schimmer davon hat, wie man sich einen Typen angelt. Selbst wenn sie es wüsste, hätte sie keine Ahnung, was sie mit ihm anstellen soll. Ich sehe plötzlich ein Bild von Charlie vor mir, die versucht, einen Fisch festzuhalten, der in ihren Händen zappelt.

Das sommersprossige Mädchen verkündet, dass die Aufnahme beendet sei. Die Schönheit hinter dem Tisch steht auf und kommt auf mich zugeschlendert. Ich muss mich bremsen, Charlie nicht aus dem Weg zu schubsen.

»Hey«, schnurrt das Mädchen. »Ich bin Taylor.«

Ich versuche, desinteressiert zu erscheinen. »Dante.«

»Neu hier?«, fragt sie.

»Jepp.« Ich sehe sie kaum an. Desinteressiert. Es funktioniert immer.

»Dann wird dir das hier gefallen.« Sie reicht mir einen der berühmten orangefarbenen Umschläge. Peng! »Eine Einladung zu meiner Party Samstagabend. Da kannst du Leute kennenlernen.«

»Mal sehen«, sage ich. Taylor sagt mir mit einem wissenden Lächeln, dass ich garantiert auftauchen werde. Und sie hat recht. Denn diese Party erfüllt zwei Funktionen: mir die Chance zu geben, Charlie zu korrumpieren, und mich über Taylor herzumachen. Die Karamellschnecke geht bereits, als ich den Mund aufmache. »Hey, ›Taylor‹, hast du gesagt, heißt du?« Sie nickt. »Okay, das hier ist Charlie. Sie will deinem kleinen Club beitreten.« Ich wedele mit der Hand in Richtung des Journalistikraums hinter uns.

Taylor sieht Charlie und dann wieder mich an. »Wohl kaum.«

Charlie schlägt mir auf den Arm. »Dante, ich muss nicht in dem Club sein. Die haben wahrscheinlich schon genug Mitglieder. Alles in Ordnung.«

»Siehst du«, sagt Taylor. »Alles in Ordnung.«

Mein Blut kocht. Es macht mich wirklich sauer, wenn Leute ausgegrenzt werden. Taylor wendet sich zum Gehen, aber ich halte sie am Handgelenk fest. »Nur dass es tatsächlich nicht in Ordnung ist. Charlie will in den Club, also lass sie einfach rein, in Ordnung?« Taylor kneift die Augen zusammen. »Außerdem, wenn sie ständig hier ist, bin ich es auch.«

Sie denkt eine Sekunde lang nach und kommt zu dem Schluss, dass sie immer noch eine Chance hat, mit mir anzubändeln. Sie denkt wahrscheinlich, wie cool ich an ihrem Arm aussehen würde. Es wäre zwar andersherum, aber egal. »Na schön.« Taylor mustert Charlies Gesicht. »Aber du kommst nicht vor die Kamera. Auf keinen Fall.«

»Das ist toll! Vielen Dank.« Charlies Wangen werden rot. Obwohl sie Taylor gedankt hat, scheint sie noch ein anderes Gefühl zu hegen.

Taylor berührt mit einem rosa Fingernagel meine Brust. »Ich sehe dich auf meiner Party.«

Es gefällt mir nicht, dass Taylor Charlie behandelt, als wäre sie Dreck, aber ich brauche eine Einladung zu dieser Party. »Wir sehen uns.«

Sobald Taylor außer Hörweite ist, hellt Charlies Miene sich auf. »Oh mein Gott. Du bist Wahnsinn. Das war Wahnsinn! Du hast Taylor gerade gesagt, dass sie die Schnauze halten soll.«

Charlies Augen sind so groß und aufgeregt, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann.

»Kein Ding«, antworte ich. Dies könnte sich als wirklich nützlich erweisen. Charlie braucht an dieser Schule jemanden, der für sie eintritt, und ihre Freunde sind dafür nicht bedeutend genug. Wenn sie denkt, mir liegen ihre Interessen am Herzen, vertraut sie mir. Und dieses Vertrauen wird das perfekte Trittbrett auf dem Weg zur Korruption sein. Wie um mir selbst diese Theorie zu beweisen, schlage ich Charlie vor: »Hey, lass uns was Witziges machen.«

Charlie strahlt. »Ja? Was denn zum Beispiel?«

»Lass uns von hier verschwinden.«

Sie tritt einen kleinen Schritt zurück, als wäre ich explosiv. »Aber wir müssen in den Unterricht. Es läutet jeden Moment.«

»Komm schon, Charlie. Wir machen was Witziges. Wolltest du denn noch nie ein klein bisschen rebellisch sein?« Ich weiß, dass die Antwort »Nein« lautet. Ich muss sie dazu bringen, zu schwänzen. Ich brauche diesen kleinen Sieg über Fräulein Lammfromm, sonst kann ich diesen Auftrag gleich als hoffnungslos abschreiben. »Hör mal, das ist meine erste Woche in Peachville und mein erster Tag an der Centennial. Das ist irgendwie überwältigend. Findest du es so schlimm, dass ich einfach etwas Zeit mit dir allein verbringen will?«

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie jemanden so lächeln sehen, wie Charlie mich jetzt anlächelt. Eine Sekunde lang habe ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Aber dann öffnet sie den Mund und sagt: »Okay, lass es uns machen.«

Und die Gewissensbisse sind wie weggeblasen.

5

Hölle Einkaufszentrum

»Hier? Hier wolltest du hin?«

Peachvilles einziges Einkaufszentrum ist überfüllt, und das mitten am Tag. Haben diese Leute keine Arbeit? Kein Leben? Der Steinboden der Mall verwandelt hohe Absätze in Kopfschmerzgaranten und der Springbrunnen in der Mitte zieht nur falsches Grün und schreiende Kinder an. »Ich habe dir gesagt, dass ich mit dir fahre, wohin du willst, und du hast dir das hier ausgesucht?«

Charlie beißt in ein Zuckerplätzchen. Sie ist immer noch nervös, weil ich mir Omas Wagen geborgt habe, ohne zu fragen. Aber sie entspannt sich langsam. »Ich liebe die Mall. Du nicht auch?«

»Na ja, sie hat ihren Nutzen.« Eine Frau mit Kinderwagen rennt an mir vorbei und trennt mir fast den rechten Arm ab. Kein Wort der Entschuldigung für mich bedeutet ein kleines Siegel für sie. Dafür nehme ich mir einen Moment Zeit, dann wende ich mich wieder Charlie zu. »Aber heute ist Freitag. Willst du nicht heute Abend auf irgendeine Party gehen, statt hier herumzuhängen?«

Sie streicht sich Krümel von der Bluse. »Ich mag Partys eigentlich nicht.«

»Charlie, bist du überhaupt schon mal auf einer Party gewesen?«

»Ja. Auf so etwas Ähnlichem.« Das bedeutet nein. »Ich gehe zu Geburtstagspartys und so was.«

»Ich rede von einer richtigen Party. Wie die von Taylor. Gehst du zu solchen Partys?« Charlie zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf, als wäre es nichts Besonderes. »Hey, warum gehen wir nicht morgen Abend zusammen zu Taylors Party?«

Sie bleibt stehen und starrt mich an, den Kopf schief gelegt. »Warum? Warum willst du mich mitnehmen? Und warum bist du so nett?«

Sie versteht also, dass es nicht normal ist, wenn jemand wie ich mit jemandem wie ihr abhängt. Ich denke sorgfältig über meine Antwort nach. »Viele Leute an meiner letzten Schule waren wirklich oberflächlich. Und ich war einer davon.« Okay, so viel entspricht der Wahrheit. »Ich habe beschlossen, dass es diesmal anders wird. Ich will Freunde finden … echte Freunde.«

Charlies Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln, und mir ist beinahe danach, ihr einen Finger unters Kinn zu legen. Ich werfe einen weiteren Blick auf ihren Mund und denke mir, dass sie vielleicht wirklich ein richtig positives Merkmal hätte, wenn nur diese schiefen Zähne nicht wären.

»Also, was ist mit der Party?« Ich stupse sie an.

Und das Lächeln ist verschwunden. »Ich halte das für keine gute Idee. Ich passe eigentlich gar nicht zu diesen Leuten.«

Ich lasse das Thema für den Moment fallen, aber eines steht fest – wir werden zu dieser verdammten Party gehen. »Hey, können wir bei Bergdorf Goodman vorbeischauen? Wenn wir schon an einem Freitag hier sind, können wir wenigstens ein bisschen Spaß haben.«

Charlie gafft mich an, als hätte ich nicht alle Latten am Zaun. »Was ist Bergdorf Goodman?«

»Du verarschst mich, oder? Es gibt hier kein Bergdorf Goodman?« Sie schüttelt den Kopf. »Was ist mit Nordstrom oder vielleicht einem Versace?« Weiteres Kopfschütteln. Ich hole tief Luft und drehe mich im Kreis. Ich entdecke einen Neiman Marcus. Das muss genügen. »Lass uns da hineingehen.«

»Hübsch«, sagt sie, während wir uns auf den Weg zu dem Laden machen. »Ich kaufe meine Sachen meist einfach bei Target. Die haben süße Klamotten.«

»Oh, Charlie.« Diesmal kann ich nicht anders. Ich streiche ihr über den Rücken und lache. Sie schaut mich mit einem ehrfürchtigen Blick an. Aus irgendeinem schrägen Grund denke ich an meine Mutter. Ich hatte mir immer gewünscht, dass sie mich so ansieht.

Sobald ich den Laden betrete, erwache ich zu neuem Leben. Ich winke einen Verkäufer heran und sage ihm, dass ich seine Hilfe brauche. Der Mann hat dunkles, zurückgegeltes Haar und trägt eine schwarze Lederjacke über einem gestärkten Hemd. Er erinnert mich an einen geschniegelten James Dean. Während ich Klamotten in seine wartenden Arme stapele, weiten sich seine Pupillen und verfärben sich ins Geldliche. Provisionen machen Menschen verrückt. Ich wette, psychiatrische Kliniken haben ganze Trakte nur für die Behandlung von Leuten, die auf Provisionsbasis bezahlt werden.

Ich will gerade an die Kasse gehen, als ich Charlie ein leuchtend rotes Kleid beäugen sehe. Sie mag potthässlich sein, aber dieses Kleid würde jeden in einen Rockstar verwandeln. »Schnapp dir das Kleid«, brülle ich quer durch den Laden. »Das geht auf mich.« Charlie nimmt das Kleid vom Ständer und hält es vor sich. Mit einem Blick über die Schulter sehe ich, dass der Verkäufer, der meine Kleider hält, schnaubt. »Was ist?«, frage ich ihn.

»Nichts«, antwortet er mit einem Lachen.

Ich lache ebenfalls, aber auf eine andere Art und Weise. »Nein, wirklich. Was ist so komisch?«