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Die Natur schlägt zurück – und niemand entkommt Das ganze Land wird von extremen Unwettern heimgesucht. Noch ahnt niemand, dass das erst der Anfang einer viel größeren Katastrophe ist ... Ein unerbittlicher Wettlauf gegen die Zeit - Ein herausragender, packender und faktenreicher Klimathriller am Puls unserer Zeit - Ein Muss für Fans von Marc Elsberg und Wolf Harlander Innerhalb weniger Wochen kommt es in ganz Europa zu Extremwetterereignissen – Starkregen, Erdrutsche und Sturmfluten bedrohen das Land. Wasser quillt aus den Abflüssen, Strommasten stürzen um, Kohle- und Atomkraftwerke werden überflutet. Die enormen Regenmassen reißen immer mehr Menschen in den Tod und zerstören die Infrastruktur des Landes, während die Politik nur tatenlos zusieht. Die Wolkenkundlerin Fjella Lange, der IT-Spezialist Arian Fischer und der Schadensgutachter Philipp Graf forschen an den desaströsen Wetterereignissen und stellen sich einem atemlosen Wettlauf gegen die Zeit. Sie sind die Einzigen, die ahnen, dass dies erst der Anfang einer viel größeren Katastrophe ist – getrieben von der Gier nach Geld und Macht. Erschreckend realistisch: Thilo Falk gelingt ein Klimathriller, der Fakten und Fiktion aufs Brillanteste kombiniert und verdeutlicht, dass Extremwetterereignisse längst keine Dystopie mehr sind. Atemlos spannend: Eine ungeheuerliche Entdeckung stellt alles infrage und ein unerbittlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2022
Thilo Falk
Dark Clouds
Der Regen ist dein Untergang
Thriller
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
(Goethe, ›Der Zauberlehrling‹)
»Es blieben nur noch 16 Tage bis zum Untergang Europas, wie wir es kannten, doch das wussten wir damals nicht.
Liebe zukünftige Kolleginnen und Kollegen, ich möchte Ihnen berichten von einem der größten, gefährlichsten und riskantesten Einsätze aller Zeiten.
Keiner der Beteiligten ist ohne schwere Blessuren daraus hervorgegangen. Niemand hatte sich einen Angriff dieser Größenordnung auf die freiheitliche Grundordnung vorstellen können. Wir werden unsere demokratischen und politischen Prozesse ebenso auf den Prüfstand stellen müssen wie die oft mangelhafte Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden.
Zudem sollten wir in Zukunft die Machtfülle und Dreistigkeit privater Akteure umfassender berücksichtigen.
Niemand hätte ahnen können, welche dunkle Zeit Deutschland und Europa unmittelbar bevorstand.
Vor allem aber sollten wir nie vergessen, wie fragil unser System ist: politisch, menschlich und klimatisch.«
Philip Graf schaute auf. Vor dem Fenster rauschte es. Graf brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er sah. Ein grauer Schleier hatte sich zwischen ihn und die Welt geschoben. Dichter Regen fiel in Schwaden. Daher das Rauschen. Blätter taumelten umher. Offenbar stürmte es auch. Zwischen den Wasserfäden blitzten da und dort weiße Flecken auf. Ein lautes Klacken mischte sich in das Rauschen, oder zumindest wurde Graf jetzt erst darauf aufmerksam.
Er wandte den Blick zurück auf den Bildschirm, dann wieder zum Fenster. Mehrere seiner Kollegen waren bereits aufgestanden und an die Scheiben getreten. Aus Sicherheits- und Klimaschutzgründen ließen sich die Fenster nicht öffnen.
Verrückt. Heute Morgen hatte die Wetter-App noch strahlenden Sonnenschein vorher-…
Graf sprang auf und sprintete in Richtung Treppenhaus. Einige Kollegen sahen ihm erstaunt hinterher. Er warf sich mit der Schulter gegen die rechte Seite der Doppeltür, schlitterte auf die Fahrstühle zu, entschied sich dann aber doch für die Treppe. Schließlich waren sie nur im dritten Stock. Graf hatte Mühe, in seiner Eile nicht auszurutschen. Er klammerte sich auf den Treppenabsätzen ans Geländer, bremste seinen Schwung. Wirbelte um die nächste Biegung, noch eine, noch eine, er kam fast aus dem Gleichgewicht, fing sich mit den Händen an der Wand ab, kühle Fliesen unter der Haut. Dann hatte er das Erdgeschoss erreicht, er brach durch die Türe ins Foyer, lief ohne anzuhalten zwischen Gaffern und Gästen hindurch in einer geraden Linie Richtung Parkplatz.
Er schoss durch die nächste Doppeltür hinaus ins Freie. Unter dem Vordach hatten sich einige Kolleginnen und Kollegen versammelt. Manche rauchten, andere bestaunten das Unwetter. Die weißen Flecken flogen nicht nur durch die Luft, sie lagen auch auf dem Boden. Es handelte sich um beinahe tischtennisballgroße Hagelkörner.
Die Luft war seit dem Morgen merklich abgekühlt. Die Feuchtigkeit traf Graf, als hätte ihm jemand einen kalten Waschlappen ins Gesicht geschleudert. Er drängelte sich zwischen den anderen hindurch, ohne merklich zu verlangsamen. Diejenigen an den äußeren Rändern der Gruppe, die dadurch hinaus in den Regen geschubst wurden, schimpften empört.
Graf rannte weiter, das Wasser fast wie eine Wand, der Regen kalt in seinem Nacken, die massiven Hagelbomben schmerzhaft, als bewürfe das Universum ihn mit Kastanien. Auf dem Parkplatz stand bereits das Wasser, und seine Ledersohlen fanden keinen Halt mehr. Er musste verlangsamen, um nicht zu stürzen.
Auf einmal nahm er den Lärm um sich herum wahr, den er bisher offenbar ausgeblendet hatte. Autoalarmanlagen jaulten, fette Tropfen platschten auf den Boden, in der Luft lag das massive Rauschen des Regens, die großen Hagelkörner knallten krachend auf den Boden, die Autodächer und die Heck- und Windschutzscheiben. Die Bäume bogen sich im Wind, ihre Blätter ein einziges Zappeln und Fauchen.
Endlich erreichte Graf seinen Wagen, die dunkelblaue Alfetta. Entsetzt bemerkte er mehrere tiefe Dellen im Dach, an einer Stelle war sogar bereits der Lack aufgeplatzt. Auch die Heckscheibe hatte es erwischt, durch die linke Seite zog sich ein langer Riss. Und das Unwetter schien an Kraft immer weiter zuzunehmen.
Graf kam schlitternd zum Stehen, prallte seitlich gegen seinen Wagen, schob mühsam die rechte Hand in die vollkommen durchnässte Hosentasche, um den Autoschlüssel hervorzuziehen. Er musste die Augen zusammenkneifen, um das Türschloss zu treffen. Regen lief ihm über das Gesicht. Er riss die Tür auf, ließ sich auf den Sitz fallen, zog die Tür wieder schnell hinter sich zu. Im Innern das Wagens war der Lärm noch viel schlimmer, das Prasseln der Tropfen, der Aufprall der Eiskugeln, die aus Tausenden Metern Höhe auf ihn und seinen Schatz herabstürzten. Ein Windstoß ließ den Wagen hin und her schaukeln.
Halb blind tastete Graf nach dem Zündschloss, schob den Schlüssel hinein, drehte ihn, trat auf Kupplung und Gas, hörte aber nur ein feuchtes Rattern. Die Zündung, ohnehin eine bekannte Schwachstelle des filigranen Italieners, spielte nicht mit. Graf schlug frustriert auf das Lenkrad. Die Einschläge der Hagelkörner klangen im kleinen Innenraum des Sportwagens wie Pistolenschüsse. Durch die Windschutzscheibe konnte er praktisch nichts erkennen, so stark regnete es. Zwischen den Schlieren hindurch war jedoch zu erahnen, dass auch die Motorhaube bereits einige deutliche Dellen aufwies.
Erneut drehte Graf den Schlüssel, er drehte und hielt, drehte und hielt, und auf einmal kam doch noch Leben in das Fahrzeug, der Motor hustete, sprang an, beinahe erlosch der Zündfunke gleich wieder, aber Graf kannte diese Macke schon, zügig trat er bei weiterhin durchgedrückter Kupplung aufs Gas. Er schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe und beugte sich vor, um wenigstens irgendetwas zu sehen. Langsam ließ er die Kupplung kommen, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Vorsichtig, um keine Schäden an den übrigen geparkten Autos zu verursachen, lenkte Graf die Alfetta in Richtung Parkplatzrand. Fast schon hatte er die schützenden Bäume dort erreicht, da zerbarst mit einem lauten Krach die Windschutzscheibe. Von der Mitte aus breiteten sich Bruchlinien aus, einige Splitter krümelten auf den Beifahrersitz. Unwillkürlich stiegen Graf Tränen in die Augen. Wie viele Stunden hatte er in die Restaurierung dieses Wagens gesteckt, und jetzt war alles umsonst gewesen.
Natürlich war der Oldtimer versichert, aber von der Zahlung wurde er auch nicht wieder heil. Durch die Risse in der Scheibe sickerte Wasser und tropfte auf das Armaturenbrett. Wahrscheinlich würde er am Ende auch noch die Elektrik austauschen müssen. Graf schaltete den Motor aus und ließ die Stirn auf das Lenkrad sinken.
Er bemerkte nicht, wie das Unwetter innerhalb weniger Minuten abflaute. Einige letzte Hagelkörper tanzten über das Metall und den Asphalt, der Sturzregen wandelte sich in Landregen, dann endete er so abrupt, wie er begonnen hatte.
Als Graf schließlich aufschaute, zitterte er am ganzen Leib, weil seine Kleidung vollständig vom kalten Regen durchnässt worden war. Und wie zum Hohn strahlte ihm die Frühsommersonne durch die zerstörte Windschutzscheibe direkt ins Gesicht.
Graf schleppte sich zurück ins Büro. Für Notfälle hatte er einen Anzug in seinem Schrank hängen. Er zog sich auf der Toilette um.
Misstrauisch schaute er zum Fenster hinaus, als er zurückkehrte. Immer noch Sonne.
Wieczorek, der Kollege ihm gegenüber, fragte: »Was war das denn für eine Nummer? Hast du dich bei Fast and Furious beworben?«
Graf verdrehte die Augen. »Das ist eine Alfetta«, erklärte er. »Ein ›kleiner Alfa‹. Dem klassischen Rennwagen der Anfangsfünfziger nachempfunden. Wurde nur von 1972 bis 1984 gebaut. Ist technisch unzuverlässig und total rostanfällig. Aber ein Traum zu fahren.«
»Hast du sie neu?«
Graf schüttelte den Kopf. »Die stand in der Scheune meiner Großeltern. Eine echte Überraschung. Hatte schon mehr als 175 000 km auf dem Tacho, war aber sehr gepflegt. Das ist acht Jahre her, und seitdem habe ich sicher 10 000 Stunden Arbeit und doppelt so viel Euro in die Karre gesteckt.«
Wieczorek nickte in einer Mischung aus Ehrfurcht und Unglaube.
Graf konnte sich den Oldtimer leisten. Sein Gehalt war mehr als ausreichend, und seiner Frau gefiel es, dass er einem eigenen Hobby nachging.
Wenn er nicht im Homeoffice arbeitete, kam und ging er gewöhnlich früher als die Kollegen. Graf begann seinen Arbeitstag meist bereits um sechs, sodass er kurz vor 15 Uhr Feierabend machen konnte. Er war weder unfreundlich noch ungesellig, kam aber gut alleine klar.
Wenn er, so wie heute, im Büro arbeitete, trug er Hemd und Sakko. Eine Krawatte hatte er seit Jahren nicht mehr umgebunden. Er hätte nicht sagen können, ob er überhaupt noch eine besaß.
Graf war kein sportlicher Typ, hatte Übergewicht und bereits seit Mitte 40 einen Herzschrittmacher. Vom beinahe kreisrunden Kopf standen strubbelige dunkelblonde Haare in alle Himmelsrichtungen ab. Ein Dreitagebart zierte die untere Gesichtshälfte. Dazu trug Graf eine Brille, die zwar von einem aktuellen Designer stammte, aber auch schon vor dreißig Jahren im Angebot hätte sein können.
Bei den Kollegen war er beliebt wegen seiner witzigen Art, die Vorgesetzten schätzten ihn für seine Gründlichkeit.
Deswegen war er heute ins Büro gekommen – und hatte seinen Garagenschatz ruiniert. Um sich von dem Schreck abzulenken, widmete er sich wieder seinem Bildschirm. Er war mit einer eigenartigen Situation konfrontiert. Eine Reihe mittelständischer Unternehmen hatte in dichter Folge ähnliche Wetterschäden gemeldet. Es bestanden, zumindest soweit Graf bekannt war, keine persönlichen oder geschäftlichen Verbindungen zwischen den Geschädigten. Die Meldungen selbst waren teilweise direkt, teilweise über unterschiedliche Agenturen erfolgt. Sie wiesen keine identischen Textabschnitte auf – ein typisches Merkmal ungeschickt gefälschter Schadensanzeigen. Auch die Orte, an denen sich die Schäden ereignet hatten, sowie die Firmensitze ergaben kein offensichtliches Muster. Trotzdem hatte das System die Schäden als ungewöhnlich markiert und eine manuelle Prüfung empfohlen. Sie waren deutlich höher als in den Vergleichszeiträumen und lagen enger beieinander. Vor allem aber wiesen sie inhaltliche Ähnlichkeiten auf, die tatsächlich gegen eine zufällige Häufung sprachen.
Zwar deckten sich die genannten Zeitpunkte mit dokumentierten Starkwetterereignissen – Sturm, Regen, Gewitter. Es waren also wohl keine Erfindungen. Natürlich meldete immer irgendwer nach einem dicken Sturm auch ein paar runtergefallene Dachziegel, die dort schon seit Wochen lagen. Aber üblicherweise ergab sich bei den großen Versicherern aus der Dauer des Ereignisses und der betroffenen Fläche eine durchschnittliche Schadenssumme. Anders gesagt: Wenn man wusste, wie lange ein Unwetter dauerte und wie viele Bauten betroffen waren, ließ sich die Auszahlungssumme grob schätzen.
Das war auch nötig, denn nur wenn diese Risikoeinschätzungen stimmten, verdiente der Konzern Geld. Eine Versicherung machte Gewinn, wenn die Gesamteinnahmen unter den Gesamtauszahlungen blieben. Verrechnete man sich beim Risiko, wurden die Prämien zu niedrig angesetzt. Das verführte Kunden zum Wechseln, sodass die besonders schlecht kalkulierten Policen auch noch besonders beliebt waren. Der Verlust vervielfachte sich auf diese Weise. Kalkulierte man hingegen zu risikoavers, wurden die Policen zu teuer, und man verlor Kunden.
Graf war üblicherweise mit der Berechnung und Begutachtung von Großschäden beschäftigt. Aber Kleinvieh wie dieses machte eben in der Summe auch verdammt viel Mist. Und den Kollegen war es nicht gelungen, das Problem ausfindig zu machen. Falls eines bestand. Natürlich gab es auch immer die Möglichkeit eines sogenannten »Schwarzen Schwans«. So nannten Mathematiker ein sehr seltenes Ereignis, das daher für unmöglich gehalten wurde.
Wer nur weiße Schwäne kennt, könnte denken, dass alle Schwäne weiß sind. Aber der Anblick eines einzigen schwarzen Schwans beweist, dass das nicht stimmt.
So konnte es eine Versicherung in die Krise oder sogar in den Ruin treiben, wenn die Versicherungsmathematiker unwahrscheinliche – aber eben nicht unmögliche – Risiken nicht angemessen einpreisten.
Grafs Aufgabe bestand darin, herauszufinden, ob dies hier der Fall war. Ob jemand etwas übersehen hatte. Dann mussten die Tarife neu kalkuliert werden. Oder ob es sich schlicht um eine zufällige Häufung handelte, die ärgerlich war, aber kein Eingreifen erforderte.
»… noch einmal darauf hin, dass für den Nachmittag eine Flutwarnung ausgegeben wurde. Kraftfahrzeughalter, die ihre Fahrzeuge auf dem Fischmarkt geparkt haben, werden dringend gebeten, diese zu entfernen.«
Fjella Lange riss die Verpackung eines Proteinriegels auf, während sie an der Pförtnerloge der TU Harburg vorbeiging, aus der die Radionachrichten erklangen. Sie war gerade mit dem Rad aus der HafenCity gekommen, es war angenehm warm und sonnig. Was für eine Pest, dass alle immer versuchten, Verantwortung abzuschieben. Ständig kamen Unwetterwarnungen, Sturmwarnungen, Flutwarnungen im Radio und sogar als Push-Nachrichten auf das Handy. Aber dann zogen doch nur ein paar harmlose Wölkchen auf, mehr nicht.
Schade eigentlich. Fjella war nicht nur Doktorandin in Wolkenkunde – Nephologie –, sondern auch eine echte Storm Chaserin. Wenn sie Gelegenheit hatte, fuhr sie Sturmfronten hinterher, um jedes Mal wieder staunend die gewaltvolle Entladung der meteorologischen Kräfte zu beobachten.
Sie kaute ihren Riegel. Spürte geradezu, wie ihre Muskeln die Nährstoffe aufsogen. Fjella blieb stehen, griff in ihren Rucksack, zog die Trinkflasche heraus. Nahm einen Schluck des Wassers, in das sie gleich zwei Tütchen Isopulver hineingegeben hatte.
Fjella war supersportlich, hatte den biegsamen Körper einer Turnerin. Das blonde Haar trug sie praktisch kurz. Strich sie es glatt, lag es wie eine Filzkappe auf ihrem Schädel, verwendete sie ein wenig Gel, konnte sie es gerade eben zu smarten Stacheln zupfen.
Für die 45-minütige Fahrt ins Institut hatte sie ihr Fahrradtrikot angezogen. Sie musste einige Dinge im Büro erledigen und in zwei Büchern in der Bibliothek etwas nachschlagen. Einerseits war es absurd, heutzutage noch irgendwo hinfahren zu müssen, um etwas zu erledigen. Andererseits war es manchmal auch ganz schön, dass sich nicht alles per Computer von zu Hause aus erledigen ließ.
Ihre Fahrradschuhe klickten auf dem Fliesenboden. In der Spiegelwand des Foyers nahm Fjella sich aus dem Augenwinkel wahr – geschmeidig wie ein schwarzer Panther huschte sie mit langen Schritten durch den Raum. Zwei schmale weiße Streifen führten seitlich an ihrer Sportkleidung von den Waden über die Hüften bis zu den Schultern. Ihr Gesicht war schmal geschnitten, Kinn und Nase spitz, die Augen schmal. Ihr Blick stets kritisch-zweifelnd. Sie galt als diejenige, die stets 200 Prozent gab und die unbequemen Fragen stellte. Nach wissenschaftlichen Zusammenhängen oder auch nach der Zweifelhaftigkeit der Finanzierung wichtiger Studien durch die Industrie.
»Hey«, grüßte im Vorbeigehen eine Studentin, die im Wintersemester eines ihrer Seminare besucht hatte. Fjella konnte sich nicht an den Namen erinnern, das Mädchen war auch nicht besonders aufmerksam gewesen. Vielleicht eine Susanne oder Lara. Sie nickte und grüßte unverbindlich zurück. »Hej«, sagte sie im dänischen Tonfall. Ihre Mutter war Hamburgerin, ihr Vater stammte aus Kopenhagen.
Die Treppe in den zweiten Stock nutzte Fjella als kleines High-Intensity-Training, um den Puls noch mal kurz in die Höhe zu treiben. Zum Abschluss ein paar Dehnübungen, dann die Mails, ein Konferenzcall mit Nephologie-Doktorand*innen in Argentinien, Japan und Kanada, mit denen sie eine gemeinsame Studie durchführte. Alle vier hatten vor, auf der Grundlage dieses Projekts ihre Dissertationen zu verfassen. Die Erhebungen der Wetterdaten lagen etwas hinter Plan. Erste, überschlägige Auswertungen zeigten zudem ein Übermaß an Ausreißern. Fjella hatte mit ihren Tabellen ein ähnliches Problem und war einerseits erleichtert, dass es den Kolleg*innen auch so ging, andererseits genervt über die Verzögerung.
Nach dem Call fuhr sie ihren Rechner herunter, griff ihren Rucksack und joggte in einem leichten Trott über den Campus in die Bib. Sie benötigte Angaben aus einem Jahresband der TROPOS, des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung, auf den aus Lizenzgründen kein Digitalzugriff möglich war. Außerdem war in der aktuellen Ausgabe von Nature ein Artikel von Bjorn Stevens erschienen, den sie mit dem Handy scannte, um ihn später zu lesen.
Um 16:07 Uhr schwang sich Fjella erneut auf ihr Rennrad und startete die Aufzeichnung der Trainingsdaten an ihrer Uhr. Es war zwei Grad kühler als vorhin, aber immer noch sonnig.
Sie querte die Süderelbe, fuhr am Wilhelmsburger Inselpark vorbei, diesem Pseudo-Sozialprojekt für eine sozial vernachlässigte Halbinsel. Die Georg-Wilhelm-Straße schnurgerade Richtung Spreehafen, vorbei an Lidl, Polizeiwache 44, Penny. Als sie in die Harburger Chaussee bog, konnte sie die Tankstelle bereits sehen … und dass sie unter Wasser stand. Ebenso wie die Hafenkante und die linke Straßenseite.
Was? Fjella verlangsamte, hielt jedoch nicht. War etwa doch etwas dran gewesen an der Flutwarnung?
Richtung S-Bahn-Station sah es schon wieder besser aus. Sie beschleunigte, querte die Veddel. Fuhr hinter dem nächsten Penny auf die Freihafenbrücke, unter sich die Nordelbe. Weit links von ihr wurde an der Spitze der HafenCity die Elbphilharmonie sichtbar, rechts lag die Elbbrücke und dahinter Entenwerder. Fjella musste noch an der MS Stubnitz vorbei über den Baakenhafen, um das Überseequartier zu erreichen. Dort, zwischen als Großraumbüros genutzten alten Fabriketagen, der HafenCity-Universität und allerhand schicken Hotelneubauten hatte sie ihr WG-Zimmer im Campustower in unmittelbarer Nähe zum Lohsepark.
Als der Bau in Sichtweite kam, griff Fjella so hart in die Bremsen, dass es sie fast vom Rad schleuderte. Das Wasser unter der Baakenhafenbrücke stand hoch wie nie, die Wellen nippten an den Betonlippen des Versmannkais rechts und des Buenos-Aires-Kais links. Der Park Baakenhöft, auf den sie direkt zusteuerte, stand zu zwei Dritteln unter Wasser. Der Boden unter ihr war jedoch trocken. Es hatte also nicht geregnet, sondern tatsächlich ein Hochwasser gegeben. Aber warum?
Langsam radelte sie über die Baakenhafenbrücke. Schaute sich verwundert um. Wie anders die Stadt gleich aussah, wenn das Wasser nur eineinhalb Meter höher stand als sonst. Wie verwundbar. Wie … Fjella erschrak. Trat in die Pedale. Der Keller. Sie hatte gar nicht an die Kiste im Keller gedacht.
Sie sprang vom Rad, schloss die Tür auf. Der Boden um den Campustower war trocken, ebenso der Eingangsbereich. Sie nahm ihr Rad auf die Schulter, trug es, wie immer, hinunter in den Fahrradkeller. Sicherte es nervös mit dem Zahlenschloss. Als sie es eilig losließ, knallte der Schließzylinder gegen den Lack und verursachte eine hässliche Scharte. Das war ihr noch nie passiert!
Roch es hier unten feuchter und muffiger als sonst? Oder bildete sie sich das nur ein?
Unter der Metalltür, welche die restlichen Kellerräume vom Gemeinschaftsbereich abtrennte, leckten dunkle Wasserfinger hindurch. Fjella packte den Griff, wollte die Tür aufreißen, doch sie war abgeschlossen. Verdammt, natürlich!
Sie hastete die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung im vierten Stock, riss die Kellerschlüssel vom Haken, rannte die Treppe wieder hinunter. Musste verdammt aufpassen, sich mit den glatten Fahrradschuhen nicht hinzupacken. Langsam, vorsichtig … Fjella öffnete die hellgraue Eisentür. Dahinter glänzte der Boden nass. Das Kellerlicht sprang an. Sofort konnte sie sehen, dass über die Rückwand des Kellers – die Seite zum Baakenhafen hin – Wasser lief. Irgendwo oberhalb von Normalnull musste es eine undichte Stelle geben, durch die das Hochwasser eindringen konnte. Es sickerte in dichten Schlieren die Betonwand herunter und breitete sich flächig aus.
»Oh nein, neinneinnein«, murmelte Fjella und hob die Hände an den Mund. »Bitte, nicht …« Sie patschte durch den Flur in Richtung des schmalen Kellerabteils, das zu ihrer Wohngemeinschaft gehörte. Es befand sich in der hintersten Ecke des Kellers, sie hatte dort nicht viel gelagert, aber … Schon als Fjella hineinschaute, wusste sie, was geschehen war. Sie schniefte einmal laut, riss sich dann zusammen und fummelte den kleinen Schlüssel in das Vorhängeschloss. Tür auf, Matratze zur Seite, die war von unten ebenfalls klatschnass, das würde eine schöne Schimmelscheiße geben, aber nicht ihr Problem. Dahinter ihre drei Kisten. Die unterste war die wichtigste, deswegen hatte sie die zuerst hierhergetragen. Und jetzt … Sie riss die oberste herunter, spürte schon die Instabilität des Turms, aber wo sollte sie den Umzugskarton nun hinstellen? Ein Regal gab es nicht, am Boden stand drei Zentimeter hoch das Wasser.
Fjella drückte die Matratze weiter zur Seite, bog sie ein wenig, zog dann am oberen Ende und faltete sie. Wuchtete ihren Karton darauf. Den zweiten daneben. Als sie den untersten anheben wollte, hatte sie nur die Pappwände in den Händen – der vollkommen durchnässte Inhalt war mitsamt dem Boden einfach abgerissen. Sie warf die nutzlose Pappe zur Seite und betrachtete das Häufchen klatschnasses Papier vor sich auf dem Boden.
Die Fotoalben ihrer Familie. Für immer verloren.
Fjella schniefte erneut. Ihr Hals zog sich zu. Die Trauer traf sie wie ein Schlag in die Magengrube, bahnte sich als lang anhaltender Schrei den Weg ins Freie. »Aaaaahhhhhh!«, hallte es durch den Keller. »For søren! Verdammtes Kackscheißdreckswasser!«
Dann hörte sie die Rückwand des Kellers knacken.
Arian Fischer war keiner dieser Diplom-Ingenieure, die Wert darauf legten, Jahrgangsbeste zu werden. Im Gegenteil, er hatte für sein Studium zwei Semester länger als die Regelstudienzeit benötigt und dennoch nur einen befriedigenden Abschluss erhalten.
Er war ein Mann der Praxis, nicht der Theorie. Die Arbeit an konkreten Projekten hatte ihm stets mehr Freude bereitet als das Durcharbeiten von Lehrbüchern. Früher hatte er sich gern in Projekte hineingekniet und Nächte durchgearbeitet. Inzwischen war er happy damit, seinen Job ordentlich zu machen und pünktlich Feierabend zu haben.
Fischer war groß und schlank. Gäbe es mehr Frauen in der Baubranche, wäre er sicher der Hahn im Korb gewesen. So aber blieb es bei einem freundlichen Lächeln für die wenigen Kolleginnen, eine Affäre würde das Leben zu sehr verkomplizieren. Der Analyst hatte von Natur aus lockige Haare und trug lieber Jeans und Hoodie als Anzug.
Heute war Arian nicht im Homeoffice in Dreieich geblieben, sondern in die City gefahren, weil er einige Einkäufe für sich und seine Nachbarin zu erledigen hatte. Die nette alte Dame, die ihm gegenüber wohnte, war schon über 80. Sie hatte sein Angebot dankend angenommen, ihr einen Teil der Besorgungen abzunehmen. Im Gegenzug versorgte sie ihn im Winterhalbjahr mit wirklich ausgezeichneten selbst gekochten Marmeladen. Manchmal, wenn Arian ein neues Glas öffnete und ihm der intensive Duft entgegendrang, überlegte er, mit Frau Ott zusammen einen kleinen Marmeladenshop im Internet aufzusetzen. Einfach nur zum Spaß und um anderen Menschen eine Freude zu machen. Doch sie kam mit ihrer Rente aus, und er saß sowieso genug vor dem Rechner.
Als Datenanalytiker bei TM Beton, Deutschlands größtem Bauunternehmen, bestand seine Aufgabe darin, die ständig zunehmenden Ströme an möglicherweise relevanten Informationen im Blick zu behalten. Er sollte Alarm schlagen, wenn etwas die Geschäftsabläufe beeinträchtigen könnte. Dafür berücksichtigte er einerseits die gesamten eigenen Daten der Firma: Angebote, Bestellungen, Lieferungen, Termine, Engpässe, Krankentage, Mitarbeiterfluktuation. Darüber hinaus liefen auf seinem Rechner Informationen über die unterschiedlichen benötigten commodities ein: die Preisentwicklung von Sand, Kies, Zement, Stahl. Die aktuelle Lohnentwicklung in allen europäischen Staaten, die aktuelle Inflation, die Kurse von Euro, Dollar, britischem Pfund, Schweizer Franken, russischem Rubel, chinesischem Yuan und japanischem Yen. Die Prognosen der Wirtschaftsweisen, der Bundesregierung, der EU; die innerdeutsche, europäische, amerikanische und globale Zinsentwicklung. Weitere Einflussfaktoren auf das Baugewerbe waren der globale Konjunkturverlauf, die Jahreszeiten, das Wetter. Ebenso konnten politische Probleme Auswirkungen haben, weil Handelswege unterbrochen oder Sanktionen verhängt wurden. Daher monitorte Arian über die von TM Beton selbst generierten Informationen hinaus zahlreiche Kennzahlen, Datenbanken und Aggregatoren. Eine seiner Aufgaben bestand darin, monatliche Langzeit- und wöchentliche Kurzzeitprognosen zu erstellen, die als Gesprächsgrundlage für Verhandlungen sowie informelle Treffen mit Politikern genutzt wurden.
All das hatte er so weit wie möglich automatisiert. Selbst programmierte Algorithmen bewerteten die eingehenden Kennzahlen und verständigten Arian nur, wenn etwas Unerwartetes geschah. Einen Großteil der Zeit konnte er daher mit Daytrading oder Computerspielen verbringen – oder er verschaukelte Verschwörungstheoretiker in ihren geheimen Chatgruppen. Das war auch immer lustig.
»Komm, Konrad, Schluss für heute«, sagte Arian und versetzte gleichzeitig seinen Computer in den Ruhezustand. Seinen zotteligen Puli hatte er nach Konrad Zuse benannt, der 1941 den ersten funktionsfähigen Computer der Welt baute. Der Hund, der es sich in seinem Korb unter dem Schreibtisch gemütlich gemacht hatte, schaute auf. »Ja, Konrad, wir gehen jetzt los«, sagte Arian. Manchmal fragte er sich, ob er mit seinen 32 Jahren etwas zu fixiert auf das Tier war. An Homeoffice-Tagen war Konrad manchmal der Einzige, mit dem er sprach. Dann konnte es schon mal vorkommen, dass er dem Puli beim Abendessen die neuesten News aus der Betonbaubranche erzählte.
Vielleicht sollte er sich doch endlich mal bei einer dieser Datingplattformen anmelden. Bisher hatte er sich nicht dazu überwinden können. Arian Fischer mochte ein IT-Nerd und ein Einzelgänger sein, aber tief im Herzen war er zugleich ein schrecklicher Romantiker. Er zog ein schönes Liebesdrama jedem Actionthriller vor. Obwohl man da natürlich genauso wusste, wie es ausgehen würde. Und auf keinen Fall hätte er diese Leidenschaft irgendjemand außer Konrad gegenüber zugegeben.
Pulis waren keine besonders praktischen Hunde. Ihr Fell hing in langen Schnüren bis auf den Boden, sodass sie aussahen wie Rastas. Einst wurden die Tiere von ungarischen Schafhirten als Hütehunde eingesetzt. Sie waren selbstständig, willensstark, wachsam, mutig, intelligent, loyal – und wetterfest. Arian und Konrad gingen bei jedem Wetter gern raus. War der Puli einmal durchnässt, dauerte es zwar lange, ihn zu trocknen. Aber egal, Arian hatte sich im Tierheim ganz einfach in diesen Hund verliebt, den irgendein Schwein an einer Autobahnraststätte angebunden hatte.
Arian ging zur Tür, klopfte auf seinen Oberschenkel. »Komm, los geht’s!«
Der Puli kam angetrabt. Arian nahm seinen Rucksack und die Jutetaschen mit den Einkäufen für Frau Ott und schloss die Tür hinter sich. Mit einem Klicken rastete das automatische Schloss ein. Niemand in der Firma hatte Zugriff auf mehr sensible Daten als Arian, deshalb war nicht nur sein Rechner verschlüsselt und mittels 2-Faktor-Authentifizierung besonders gesichert, sondern auch sein Büro selbst konnten nur er und Thomas Müller, der CEO von TM Beton, per Fingerabdruck öffnen. Einem Angriff mit den üblichen Werkzeugen – Kuhfuß, Flex, Säbelsäge – würde das Schloss mindestens 30 Minuten standhalten. Zugleich würde ein derartiger Angriff die Alarmanlage auslösen, und nach spätestens zehn Minuten wäre der Objektschutz vor Ort.
Das Büro von TM Beton lag günstig. In fünf Minuten erreichte Arian die S-Bahn-Station Hauptwache. Tagsüber hatte es zwar mehrfach Regenschauer gegeben, aber immer wieder war es aufgeklart. Nun zog der Himmel erneut zu. Arian überlegte kurz, ob er in einem der zahlreichen Lokale einkehren sollte, statt sich zu Hause wieder mal Nudeln zu kochen. Aber nachher würde es vielleicht wieder regnen. Daher beschloss er, gleich zu fahren.
S3 und S4 benötigten eine gute Viertelstunde bis nach Dreieich-Buchschlag, von dort waren es noch einmal acht Minuten zu Fuß. Unter 30 Minuten Weg, und dafür wurde Arian Fischer am Wochenende von Vogelgezwitscher geweckt statt vom Rauschen der Autos. Aus dem Homeoffice machte er mit Konrad gern eine Mittagsrunde von 45 Minuten um eine in der Nähe gelegene Pferdekoppel. Am Wochenende joggten sie im Wald oder waren mit dem Mountainbike unterwegs.
Arian und Konrad bestiegen einen Waggon und suchten sich eine freie Sitzbank. Die Einkaufstaschen stellte er zwischen seine Füße. Der Zug fuhr an. Arian zog sein Handy heraus und öffnete Telegram. Sie erreichten die Konstablerwache, dann die Ostendstraße, gleich würden sie den Main unterqueren.
Konrad wimmerte leise, als die Türen der Bahn sich schlossen. »Ist ja gut. Wir sind ja bald da«, murmelte Arian abwesend.
Auf einmal verlangsamte der Zug, blieb dann ganz stehen. Arian sah auf. Erst jetzt bemerkte er, dass einige Passagiere, die neu eingestiegen waren, Schirme bei sich trugen oder nass geregnet waren. Das Licht flackerte kurz. Die Lautsprecher knacksten, dann war ein Rauschen zu hören. Das Licht flackerte erneut. Konrad wimmerte wieder. »Ist ja gut, ist ja gut«, sagte Arian. Er steckte sein Handy weg und streichelte den Puli beruhigend. Der Hund zitterte ein wenig.
»Was soll das denn jetzt wieder?«, murmelte ein Geschäftsmann im Anzug auf der gegenüberliegenden Gangseite. Ungeduldig schaute er auf seine Armbanduhr.
Eine ältere Dame zwei Sitzbänke weiter erhob sich und öffnete das Kippfenster oberhalb ihres Platzes. Die Luft, die hereinquoll, war kühl und feucht.
Wieder flackerte das Licht, dann setzte sich die Bahn in Bewegung. Sie fuhren zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
»Aufgrund einer betrieblichen Störung wird dieser Zug ausgesetzt. Bitte bewahren Sie Ruhe. Wir wechseln die Fahrtrichtung und kehren zurück zur Ostendstraße.« Der Zug ruckelte. Er fuhr langsamer als üblich. Arian fragte sich, warum das der Fall war. Der Fahrer saß in der ursprünglichen Fahrtrichtung vorn, konnte also jetzt nicht mehr sehen, wo es hinging. Aber beim Schienenverkehr musste man ja nicht lenken, sondern nur beschleunigen und abbremsen. Egal, besser zu langsam als zu schnell.
Die Bahnhofsbeleuchtung zeichnete sich vor den Fenstern ab. Doch als sie den Bahnsteig erreichten, ergoss sich augenblicklich ein Wasserschwall über den Waggon. Unwillkürlich zuckte Arian zurück. Was war das?
Der Zug kam zum Stehen. Mit einem leisen Zischen öffneten sich die Türen automatisch. »Bitte verlassen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit die Waggons«, forderte die Lautsprecherstimme. »Aufgrund einer Unwetterlage kommt es zu Überflutungen. Bitte verlassen Sie daher zu Ihrer eigenen Sicherheit zügig die Station. Es besteht keine Gefahr.«
»Haha«, murmelte Arian. »Die wissen auch nicht, was sie wollen. Es besteht keine Gefahr, aber zur Sicherheit sollen wir hier raus. Na komm, mein Junge.« Er setzte seinen Rucksack auf, nahm die Tasche mit den Einkäufen in die eine, Konrads Leine in die andere Hand.
Doch die Mitfahrer stauten sich vor den Türen. Als Arian ihnen über die Schultern spähte, erkannte er auch, warum: Von der Decke der Bahnstation lief das Wasser herunter. Es klatschte auf das Dach der S-Bahn und lief über Fenster und Türen. »Raus, nichts wie raus hier!«, hörte er auf einmal eine kräftige Männerstimme. Ein junger Kerl drängelte sich zwischen den anderen Fahrgästen hindurch, sprang zur Tür hinaus und rannte über den Bahnsteig Richtung Aufgang.
»Bitte verlassen Sie sofort die Waggons!«, hallte es aus den Lautsprechern. Einer nach dem anderen folgte der Aufforderung. Arians Schuhe waren sofort durchnässt, als er auf den Bahnsteig trat. Seine Einkaufstasche machte ihn etwas unbeweglich, daher hatte er den Waggon als Letzter verlassen. Hinter ihm schloss sich die Türe wieder – halb. Dann öffnete sie sich erneut. Das wiederholte sich in einer endlosen, von scharfen Zischtönen begleiteten Schleife. »Bitte verlassen Sie zügig den Bahnsteig! Es besteht keine Gefahr! Bitte benutzen Sie nicht die Notausgänge. Bitte bewahren Sie Ruhe! Bitte verlassen Sie zügig den Bahnsteig! Es besteht keine Gefahr …«, verkündeten die Lautsprecher im Bahnhof.
Arian sah sich nach dem nächstgelegenen Ausgang um. Auf einmal traf ihn ein Wasserschwall, als hätte jemand einen Eimer über ihm entleert. Augenblicklich war er vom Hoodie bis zur Unterhose vollständig durchnässt. Reflexhaft sprang er zur Seite. Konrad begann zu bellen. »Ist ja gut, ist ja gut«, murmelte Arian. Er hätte nicht sagen können, ob er damit Konrad oder sich selbst beruhigen wollte.
Vier Aufgänge führten vom Bahnsteig zu den Ausgängen. Auf einmal stoben ein paar Fahrgäste, die gerade versuchten, durch den hintersten Aufgang ins Freie zu gelangen, kreischend auseinander. Eine massive Welle, die aus dem Treppenschacht schoss, brachte eine junge Frau zu Fall. Jemand streckte ihr eine Hand entgegen, die sie im letzten Moment, bevor sie auf die Gleise gespült wurde, noch zu fassen bekam.
In der Mitte des Bahnsteigs hatte sich ein Grüppchen Jugendlicher auf eine Bank gerettet und filmte mit ihren Handys. Die Lichter im Zug erloschen. Die Türen blieben halb offen stehen, rührten sich aber nicht mehr. Aus dem Tunnel auf Arians Seite des Bahnhofs drang eine dünne, stinkige Rauchfahne. Offenbar hatte es irgendwo einen Kurzschluss gegeben. Er sah auf den Boden. Wasser lief über den Bahnsteig ins Gleisbett, wo sich die Stromabnehmer befanden. Vielleicht sollte er es den Teenagern nachmachen, bevor Konrad und er einen Schlag bekamen.
Da begriff er: Das Licht und die Türen der Bahn waren tot, weil die Leitstelle aus Sicherheitsgründen den Saft abgedreht hatte.
Die Durchsage auf dem Bahnsteig endete mitten im Satz. Eine unheimliche Stille breitete sich aus, einen Moment lang war nur das Rauchen und Tropfen des Wassers zu hören. Dann folgte eine neue Durchsage: »Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Es besteht keine Gefahr. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Die Rettungskräfte wurden verständigt. Sie werden evakuiert. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Es besteht keine Gefahr. Die Rettungskräfte wurden verständigt und werden in Kürze bei Ihnen sein. Bitte leisten Sie den Anweisungen des Rettungspersonals Folge. Es besteht keine Gefahr. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind …«
Konrad presste sich eng an Arians nasses Hosenbein. Er konnte das Zittern des verunsicherten Tiers deutlich spüren. Immer mehr Wasser strömte aus den Aufgängen und aus den Lüftungsschlitzen auf den Bahnsteig. Arian trat einen Schritt näher an die Wand, um der Strömung auszuweichen. Er hielt in jeder Hand eine mittlerweile ebenfalls vollkommen durchnässte Stofftasche mit Einkäufen.
Auf einmal tauchten Feuerwehrmänner in voller Montur auf und scheuchten die Fahrgäste vor sich her. »Kommen Sie, da lang, da lang, los, gehen Sie, schneller, schneller!« Die Gestalten in den massiven Stiefeln, dem Sicherheitsanzug, mit Beil und Helm wirkten wie aus einem Film. Arian hätte nie gedacht, wie dankbar er sein würde, dass ihm jemand in einem derartigen Notfall klare Anweisungen gab. »Hier, kommen Sie, hier entlang, nehmen Sie den Hund mit, kommen Sie, kommen Sie, hier ist es sicher!«
Er hastete hinter dem Feuerwehrmann her durch einen Gang, eine stillstehende Rolltreppe hinauf, zwei andere Fahrgäste noch hinter sich. »Komm, Konrad, kommt mit!«, rief er über den Lärm der Durchsage und des Wassers hinweg.
Sie erreichten das Erdgeschoss und sammelten sich in der Vorhalle. Auch hier lief Wasser die Wände herunter, aber draußen vor den Türen war es noch schlimmer. Der Regen kam vom Himmel wie beim Jüngsten Gericht. Die Kanalisation versagte, aus den Gullis sprudelte braune Kloake. Wenigstens wurde sie sofort vom Regen weggespült.
Der Betreiber des Bahnhofskiosks händigte kostenlos heißen Kaffee aus. Arian nahm einen Becher. »Danke.«
So plötzlich, wie es begonnen haben musste, war das Unwetter wieder vorbei. Im einen Moment dröhnte es noch auf dem Bahnhofsdach, trommelte draußen auf den Gehsteig und rauschte die Wände herunter und über den Boden. Und auf einmal war alles vorbei. Es wurde heller und leiser. Die ersten Menschen traten vor die Türen, dann mehr und mehr, bis auch Arian ihnen folgte.
»Der Zugverkehr wird aus Sicherheitsgründen vorerst ausgesetzt. Der Zugverkehr wird aus Sicherheitsgründen vorerst ausgesetzt. Der Zugverkehr …«
Arian sah sich um. Er war nass bis auf die Unterhose, und ihn fröstelte. Sollte er zurück ins Büro gehen? Und dann?
Auf einmal hielt ein Taxi vor ihm. Arian reagierte zuerst nicht. Der Geschäftsmann, der ihm in der Bahn gegenübergesessen hatte, schubste ihn beiseite und riss die Beifahrertür auf. Er ließ sich auf den Sitz fallen.
Ohne darüber nachzudenken, machte Arian es ihm nach. Er öffnete die hintere Tür, scheuchte Konrad in den Wagen, sprang mit seinen Einkaufstaschen dann selbst hinein. »Wir können das Taxi teilen«, sagte der Geschäftsmann von vorn, ohne sich umzudrehen, »wenn wir zuerst zum Flughafen fahren.«
Der hatte Nerven. Nach so einem Schock wollte er fliegen. Da konnte man ihm nur wünschen, dass das Wetter hielt.
»Kein Problem. Ich muss nach Dreieich«, sagte Arian. Das war ohnehin nicht weit vom Flughafen. Besser, als in dem Chaos, das jetzt in der Stadt herrschte, ein neues Taxi finden zu müssen.
Der Wagen fuhr an. »Frankfurter Innenstadt teilweise überflutet«, las der Geschäftsmann von seinem Handy ab. »S-Bahn-Verkehr eingestellt. Feuerwehr im Dauereinsatz. Drei Züge mussten evakuiert werden.«
Arian stellte sich vor, wie es gewesen wäre, wenn die Bahn nur eine oder zwei Minuten später gestoppt hätte. Dann wäre eine Umkehr kaum möglich gewesen.
»Acht Zentimeter Regen in nur 20 Minuten. Die Bahnstationen wurden überflutet, ebenso einige Kellerräume von Bürobauten. Der Pegel des Mains ist um 20 Zentimeter gestiegen. Teile des Gutleut-Viertels ohne Strom …«
So ging es weiter bis zum Flughafen. Der Mann schaute kurz nach hinten zu Arian, dann drückte er dem Taxifahrer einen Hunderter in die Hand. »Ich brauche eine Quittung. Fahren Sie ihn nach Dreieich. Der Rest ist für Sie.«
»Das ist doch nicht …«, setzte Arian an.
»Ist doch nicht mein Geld«, sagte der Geschäftsmann.
»Okay, danke.«
Erstaunlich. Oder vielleicht hatte Arian auch einfach seinen Vorurteilen beim Anblick des dunklen Anzugs freien Lauf gelassen.
Zu Hause schaltete er die Heizfunktion in Konrads Hundebett ein – der Puli würde dann zwar morgen muffig riechen, bekam aber wenigstens keine Erkältung. Er selbst duschte lange und heiß, schlüpfte danach in seinen Jogginganzug. Er trocknete Frau Otts Einkäufe ab und brachte sie ihr. Kurz überlegte er danach, sich eine Pizza zu bestellen, stellte aber fest, dass er gar nicht hungrig war.
Stattdessen schaltete er den Fernseher ein und begann, parallel auf dem Laptop durch regionale News-Seiten zu scrollen.
Viele der Videos stammten von Usern aus sozialen Medien. Zig Autofahrer, die langsam durch das immer tiefer werdende Wasser fuhren, bis ihre Karren wortwörtlich absoffen und sie die Wagen stehen lassen mussten. Fotos und Videos aus mehreren S-Bahn-Stationen: Wasser regnete von der Decke, lief über die Bahnsteige, setzte die Gleise unter Wasser. Die Treppen waren Wasserfälle, die Rolltreppen standen. Ein Zug steckte über 30 Minuten lang in einem Tunnel fest. Die Stimmung unter den Passagieren schwankte zwischen ängstlich und aggressiv. Aus einer Wohnung im zweiten oder dritten Stock hatte jemand gefilmt, wie auf der Straße unten ein Feuerwehrwagen nach dem anderen vorbeibrauste, dicht gefolgt von zahlreichen Krankenwagen.
Die Insassen eines Busses, der einfach mitten auf dem Willy-Brandt-Platz angehalten hatte, filmten durch die Fenster nach draußen. Es sah aus, als stünden sie in der Waschanlage. Der Flughafen meldete, dass nach einer Unterbrechung des Flugverkehrs aus Sicherheitsgründen Starts und Landungen nun wieder planmäßig erfolgen konnten.
Ein Replay des Regenradars zeigte, wie rasant sich das intensive Unwetter gebildet hatte – und wie schnell es wieder vorüber gewesen war.
Am Frankfurter Römer war es zu leichten Unwetterschäden im Dachbereich gekommen, die provisorisch gesichert wurden. Der Eiserne Steg, die bei Liebespaaren beliebte Brücke über den Main, war vorläufig gesperrt. Jemand hatte von der Alten Brücke aus ein Foto der Maininsel gemacht – sie stand nahezu vollständig unter Wasser. Die Europäische Zentralbank und die Deutsche Bundesbank meldeten einen störungsfreien Betrieb des Finanzsystems.
In einer Live-Schalte diskutierten zwei Wissenschaftler über das Thema »Ist das noch das Wetter oder schon das Klima?«.
»Und, wie war’s?«, fragte Nele. Die 17-Jährige babysittete regelmäßig Jan Baumanns Tochter Mia, wenn er sich außerhalb der Schulzeit um Arbeiten in seinem B&B kümmern oder dringende Büroarbeiten erledigen musste. Heute war der Grund ein anderer gewesen: Baumanns erstes Date seit dem Tod von Mias Mutter vor über zwei Jahren.
Baumann hatte sich in Schale geworfen: weißes Hemd, schwarzes Sakko, nur der oberste Knopf offen. Vorgestern war er beim Friseur gewesen. Sein Haar wuchs noch dicht, und den ersten Hauch Grau hatte er wegfärben lassen. So eitel war er dann doch. Auf dem etwas länglichen Gesicht zeigte sich schon wieder ein Bartschatten. Zwanzig Jahre jünger, und Baumann wäre der perfekte Schwiegersohn gewesen – brav und zuverlässig, aber mit einem frechen Glitzern in den Augen.
Das war lange her und längst vorbei. Heute war er als alleinerziehender Vater mit gebrochenem Herzen, noch dazu selbstständig mit einem kleinen Bed & Breakfast, schwer vermittelbar. Und wusste zudem nicht einmal selbst, ob er überhaupt schon wieder bereit war, vermittelt zu werden.
Nele schaltete den Fernseher stumm, nahm die Füße vom Couchtisch und hielt Baumann eine noch halb volle Schüssel mit Popcorn hin. Der schüttelte den Kopf. »Danke. Es war … wahrscheinlich völlig in Ordnung. Ich bin aus der Übung. Sie hat erzählt, auf wie vielen Dates sie schon war. Mehr als 30. Das macht mir nicht unbedingt Mut.« Er seufzte. »Der Film war okay, danach hat sie sich von mir mit einem Küsschen verabschiedet.« Er fing sich. »Aber das wolltest du vermutlich alles gar nicht so genau wissen. Wie lief es mit Mia?«
Nele winkte ab. »Alles bestens. Sie ist ein Schatz. Hier« – sie griff nach einem Blatt, das umgedreht neben ihr auf dem Sofa lag – »sie hat etwas für dich gemalt.« Baumann trat einen Schritt vor und nahm das Bild.
Drei Strichmännchen, zwei groß, eines klein, Hand in Hand. Eine der größeren Figuren hatte Engelsflügel. Daneben ein kleiner brauner Kater. Um die Figuren herum schwebten ganz viele Herzen und über ihnen eine leuchtend gelbe Sonne. Und als wäre das noch nicht eindeutig genug, stand unter den Figuren: Mama, Papa, Mia, Johnny.
Baumann seufzte. »Tja«, sagte er nur leise.
Nele zuckte mit den Achseln und schaltete den Fernseher aus. »Ich geh dann mal«, sagte sie.
Baumann zog sein Portemonnaie aus der Tasche und zählte 40 Euro ab.
Nele steckte das Geld ein und verabschiedete sich.
»Danke noch mal«, sagte Baumann. Er brachte sie zur Tür. Trat danach in die Küche. Überlegte, ob er sich ein Bier aufmachen oder einen Espresso kochen sollte. Entschied sich dann gegen beides.
Ging stattdessen ins Bad und putzte sich die Zähne. Er fühlte sich erschöpft und schmutzig.
Natürlich war es ganz normal, dass er eine Dating-App nutzte. Er war schließlich ein Mann in den besten Jahren und hatte auch seine Bedürfnisse. Aber wenn er ehrlich mit sich war, dann bestand sein einziger ernst zu nehmender Wunsch darin, dass Yvonne wieder bei ihm wäre.
Leise öffnete er die Tür zu Mias Zimmer. Im Dunkeln trat er an ihr Bett. In Mias Armbeuge lag ihr Stoffkater Johnny. Die zarten Atemzüge seiner Tochter waren kaum hörbar.
»Ich vermisse sie auch so sehr«, flüsterte Baumann und strich seiner Tochter sanft über das Haar. »Jeden Tag.«
Nachts, am Bett seiner Tochter, waren die einzigen Momente, in denen er weinen konnte. Sonst hatte er sich stets unter Kontrolle. Yvonne war jetzt zwei Jahre tot, das Leben ging weiter. Musste weitergehen, schon Mia zuliebe.
Mehrfach hatte er sich bei seinem Date dabei erwischt, wie er sein Gegenüber mit Yvonne verglich. Obwohl ihm klar war, dass das nichts brachte. Und es tat ihm leid für die fremde Frau, die ja auch nichts dafür konnte, dass er ein emotionaler Krüppel war.
Baumann fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, dann beugte er sich vor und gab seiner schlafenden Tochter einen Kuss auf die Wange. Die reagierte darauf, indem sie die Stirn runzelte, etwas Unverständliches murmelte, sich auf den Bauch drehte und ihr Gesicht im Kissen vergrub.
Mit einem Lächeln verließ Jan Baumann das Kinderzimmer. Er hätte nicht gewusst, was er täte, wenn es Mia nicht gäbe. Sie war es, die ihn am Leben hielt. Sie allein.
Ausgewählte Nachrichten vom 12. Juni
Hamburg. Das angekündigte Hochwasser, vor dem der Deutsche Wetterdienst in einer Ad-hoc-Mitteilung nachdrücklich gewarnt hatte, fiel erheblich niedriger aus als vorhergesagt. Entgegen der Vorhersage waren nur unmittelbare Elbanlieger betroffen. Viele Bürger beklagten sich über die, so wörtlich, »Panikmache«. Abgeordnete aller Parteien wiederholten ihre Forderung nach einer Überprüfung der Etats für den Wetterdienst mit der Begründung, so Fachbereichssprecher Lars Thomsen, »wer keine Leistung bringt, sollte auch nicht bezahlt werden«. Es handelte sich bereits um die dritte Warnung dieser Art im Verlauf des Jahres.
Berlin. Die Bundesinnenministerin hat die neue Kampagne »Fühl dich sicher« vorgestellt. Sie soll der Terrorangst in der Bevölkerung, die durch die zahlreichen Anschläge in den letzten Monaten deutlich zugenommen hat, etwas entgegensetzen. »Es ist immer noch sicherer, ein Konzert zu besuchen, als mit dem Auto dorthin zu fahren«, betonte die Ministerin. Zuletzt waren mehrfach öffentliche Einrichtungen Ziel von Terrorgruppen geworden.
Amsterdam. Die überparteiliche Naturschutzorganisation Greenpeace hat ihren Jahresbericht vorgestellt. Darin wird insbesondere vor massiven Folgen einer weiteren ungebremsten Klimaveränderung gewarnt. Ein Sprecher sagte, es sei wissenschaftlich kaum absehbar, welche Konsequenzen die Erderwärmung haben werde. »Sicher ist nur, dass es schlimmer wird, als wir es uns vorstellen können, deswegen müssen wir alles tun, was uns noch möglich ist«, hieß es. Die Brüsseler Industrieverbände haben in einer Eilmeldung darauf hingewiesen, dass die von Greenpeace empfohlenen Klimaschutzmaßnahmen »Millionen Europäerinnen und Europäer ihren Arbeitsplatz und ihren Wohlstand kosten« würden.
Frankfurt. Die Oppositionsparteien im Stadtrat beklagten die hohe Ungenauigkeit der Wettervorhersage. »Hier wird Schindluder mit Steuergeldern betrieben. Wie ist es möglich, dass es zu einem Unwetter mit Starkregen kommt, das hohe Schäden verursacht und zeitweise den öffentlichen Nahverkehr lahmlegt, ohne dass der Deutsche Wetterdienst warnt? Was tun die Beamten dort den ganzen Tag? Wir versichern den Bürgern, dass wir keine Ruhe geben werden, bis das geklärt ist.« Bei einem in dieser Heftigkeit unerwarteten Unwetter kam es am Abend zu Überflutungen. Die Höhe der Schäden an städtischen Bauten und der Infrastruktur ist noch unbekannt.
Corriere della Sera, Interview mit Eowyn Sandel, CFO, und Timothy »Flack« Ruinam, CEO des Thinktanks »Fronte della Tempesta«
Vor 100 Tagen haben Sie in einem ehemaligen Augustinerkloster in Norditalien den Thinktank »Fronte della Tempesta« eröffnet. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich zurzeit?
Ruinam: Wir setzen alles daran, einen Linksruck bei den bevorstehenden Wahlen zum EU-Parlament zu verhindern. Zu diesem Zweck schmieden wir eine eiserne Allianz der gemäßigten Mitte sowohl auf der Nord-Süd- wie auch auf der West-Ost-Achse Europas.
Sandel: Wenn die Trends stabil bleiben, werden wir ein Ergebnis sehen, das wir bereits vor Wochen prognostiziert haben. Die Dynamik ist auf unserer Seite.
Welche Faktoren werden Ihrer Ansicht nach den größten Einfluss auf das Wahlergebnis haben?
Sandel: Die Lebensbedingungen der Menschen. Die Bürger haben es satt, Eliten zu finanzieren. Sie wollen selbst am Wohlstand teilhaben!
Ruinam: Nach der Wahl wird Krieg im EU-Parlament herrschen! Wir werden alle jagen, die sich dem Wechsel verweigern, der kommen muss. Durch die Vernetzung werden wir eine Macht erlangen, von der die nationalkonservativen Kräfte bislang noch nicht einmal geträumt haben.
Das beantwortet noch nicht die Frage. Welche Faktoren werden die Wahl am meisten beeinflussen?
Ruinam: Das Klima verändert sich. Die Stimmung schlägt um. Wir sind eine NGO, eine Nichtregierungsorganisation. Wir sind informelle Beobachter und Berater. Wir haben unser Ohr am Puls der Zeit. Und ich sage Ihnen: Die Menschen sind unzufrieden! Es ist zu heiß, es ist zu kalt, es ist zu trocken, es ist zu feucht. Das Wetter spielt verrückt. Und niemand unternimmt etwas. Die Bürger werden allein gelassen mit entfesselten Naturgewalten!
Sandel: Aufgrund umfangreicher Projektionen sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass noch innerhalb der nächsten Wochen die ersten wetterbedingten Störungen in überregionalen Lieferketten auftreten werden. Wir sind zu abhängig von der Großindustrie, von einer weltumspannenden Zusammenarbeit. Die Globalisierung ist eine Schimäre!
Ruinam: Wir müssen den Bezug erneuern zur unmittelbaren Umgebung. Die Nationen werden erstarken. Der Nationalismus wird wie ein Gewitter über die Länder fegen und sie im Sturm einnehmen.
Sandel: Schon bald werden die Menschen um den Bezug der nötigsten Lebensmittel kämpfen. Wasser, Hygieneartikel, Mehl, alles wird knapp sein! Dann werden sie erkennen, dass nur auf das eigene Volk Verlass ist!
Gestern fast Weltuntergang, heute ganz friedlich halb Sonne, halb Wolken. Verrückt. Aber es zeigte eben auch, dass diese Klimaaktivisten mit ihrem Pessimismus massiv übertrieben. Arian Fischer joggte gemütlich eine kleine Runde und ließ die Gedanken schweifen. In der Luft lag noch ein letzter Rest Nachtkühle, sodass Konrad gut mithalten konnte.
Seit Jahren berichteten die Medien über Klimaveränderungen. Er verfolgte das Thema peripher, weil es Bauunternehmen zunehmend berührte. Erstens mussten Gebäude, wenn nötig, an neue Gegebenheiten angepasst werden. Das war vor allem eine Frage für die Architekten und Ingenieure. Zweitens behinderten Wettereinflüsse den Bau selbst. Und das in dreifacher Hinsicht. Längere Regenperioden erschwerten ganz schlicht die Arbeit. Und weltweite Wetterprobleme störten die Lieferketten für Rohstoffe. Außerdem bauten immer mehr Menschen weltweit massiv – im Gegensatz zu den kostengünstigen Leichtbaukonstruktionen, die den Menschen vielerorts bisher gereicht hatten. Das führte zu steigenden Preisen für Sand, Quarz, Kies und Zement.
Einer der Bauern tuckerte mit seinem Traktor über das Feld. Arian winkte zum Gruß, der junge Mann winkte zurück. Sie begegneten einander manchmal um diese Zeit.
Die Preissteigerungen waren ein zunehmendes kalkulatorisches Risiko für die Baubranche. Andererseits ließen sie sich, entsprechende Verträge vorausgesetzt, leicht an die Auftraggeber durchreichen. Und bisher waren die angeordneten Baustopps durch Starkwetterereignisse zu verkraften gewesen. Er nahm sich vor, das Thema trotzdem gleich heute genauer unter die Lupe zu nehmen. Obwohl die Welt jetzt wieder ganz friedlich aussah und obwohl er eine grundpositive Persönlichkeit sein Eigen nannte, steckte ihm der Schreck von gestern noch ganz schön in den Knochen.
Arian duschte, packte seine Tasche, nahm Konrad an die Leine und ging zur Bahn. Sämtliche Störungen waren behoben, alle Züge fuhren wieder nach Plan.
Als die S-Bahn den Tunnel unter dem Main erreichte, spürte er kurz eine gewisse Nervosität in sich aufsteigen. Aber die Frankfurter Verkehrsbetriebe hätten den Tunnel nach dem gestrigen Zwischenfall nicht freigegeben, wenn nicht alles in Ordnung wäre, sagte er sich.
Kurz vor acht betrat Arian sein Büro. Konrad machte es sich in seinem Körbchen unter dem Schreibtisch gemütlich. Arian loggte sich ein, holte sich einen Becher Kaffee, las E-Mails, überflog ein paar Branchennews sowie die Systemmeldungen der unterschiedlichen aktiven Baustellen der Firma. Alles okay so weit.
Dann machte er sich an die Arbeit. Zuerst musste er herausfinden, welche Klima- und Wetterdaten überhaupt erhoben und wo diese aggregiert wurden. Dann galt es zu bewerten, welche dieser Angaben relevant für Arians Branche waren.
Er war erstaunt, wie viele der Messwerte wirklich gut aufbereitet und damit sofort nutzbar vorlagen. Das war offensichtlich auf die seit Jahren andauernde Diskussion über die Ursachen und Folgen der Klimaveränderung zurückzuführen. Dennoch erfreulich – Daten aus anderen Bereichen musste Arian oft erst mühsam zusammenführen und bereinigen. Diese hier konnte er praktisch unverändert auf unterschiedlichste Weise nutzen. Easy.
Die Fotoalben und -bücher hatte Fjella in ihrer Wohnung zum Trocknen aufgestellt. Heute Morgen strahlte der Himmel blau, und die Wettervorhersage war sensationell. Die Bücher für ihre Doktorarbeit stapelten sich zwar nicht nur in ihrem Büro an der TU, sondern auch auf dem Schreibtisch im Campustower. Aber bei diesem Wetter blieb ihr gar nichts anderes übrig, als eine Ausnahme zu machen. Sie öffnete eine App für Segler und Surfer, die stundengenaue Vorhersagen über Windstärken und Tideverlauf machte. Ihre Vermutung bewahrheitete sich: das perfekte Wetter zum Kitesurfen. PhD hin, PhD her, solche Tage durfte man nicht ungenutzt verstreichen lassen. Das Leben war zu kurz, um nur zu lernen. Sie war schließlich keine, wie die Dänen so schön sagten, Sofakartoffel.
Sie reservierte per App eines der Elektro-Autos in der Nähe, trug Sonnenschutz auf, zog sich an, holte ihre Kite-Tasche aus dem Schrank, und los.
Nach Fehmarn waren es fast zwei Stunden Fahrtzeit. Fjella öffnete die Fenster und startete eine Sommer-Playlist. Wahnsinn. Der Wind brauste um sie herum. Fantastisch, perfekt. Um acht war sie mit schlechter Laune aufgewacht, jetzt hatte sich der ganze Tag gedreht. Rapsfelder, Kartoffeln, Mais. Norddeutschland von seiner schönsten Seite. Sie nahm die A1 Richtung Lübeck, wechselte in Ratekau auf die Landstraße über Pandsdorf und Süsel, um den Dauerstau in der Dauerbaustelle zu umfahren. Bei Neustadt musste sie entscheiden, ob sie zurück auf die A1 fuhr oder die B 501 entlang der Küste nahm. Laut Navi wäre sie auf der Bundesstraße einige Minuten länger unterwegs – aber dafür konnte sie zu ihrer Rechten das Meer sehen. Die Entscheidung fiel ihr leicht.
Als die Ostsee in ihrem Blickfeld auftauchte, spannte sich jedoch nicht der erwartete blitzblaue Himmel über dem etwas dunkleren Wasser. Stattdessen baute sich eine dunkelgraue Wand in Richtung Dahme und Großenbrode auf. Fasziniert verlangsamte Fjella. Als Wolkenkundlerin kannte sie sich fachlich mit Wolken aus, als leidenschaftliche Kitesurferin hatte sie auch einen persönlichen und sehr engen Bezug zu Winden und Wetter. Draußen auf dem Wasser musste man sich auf Erfahrung und Intuition verlassen können, sonst geriet man schnell in gefährliche Situationen.
Die Cumulonimben ballten sich zu einem hohen, dichten Turm. Links blieb der Himmel sprichwörtlich himmelblau, und auch ganz rechts wurde schon wieder ein Silberstreif sichtbar. Fjella zuckte zusammen, als der Fahrer hinter ihr ungeduldig hupte. Ihr Blick zuckte in Richtung Armaturenbrett. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie langsam sie geworden war, fuhr aber nur noch 35 km/h. Und wegen des unregelmäßigen Gegenverkehrs und der vielen Kurven konnte der Wagen hinter ihr nicht überholen. Sie blinkte und hielt rechts in der nächsten Einfahrt zu einem Rapsfeld.
Die eigenartige Wolkenformation berührte etwas tief in ihr. Ihr Körper schien eine Spannung wahrzunehmen, die sie nicht rational erklären konnte.
Die Cumulonimben ballten sich immer dichter und höher zu flächigen Nimbostratuswolken über dem Wasser zusammen, verdunkelten sich dabei und nahmen eine unscharfe V-Form an. Fjella stieg aus. Sie kniff die Augen zusammen. Schwache Querstreifen begannen sich auf dem V abzuzeichnen, und am unteren Ende schäumte das Wasser weiß.
Sie traute ihren Augen kaum. Dort draußen bildete sich – an einem Tag, für den nichts als Sonnenschein und leichter Wind vorhergesagt war – eine Wasserhose. Auf einmal zuckte ein erster Blitz aus den oberen Wolkenlagen herunter, Sekunden später war der Donner zu hören. Wasserhosen waren kleine Tornados, die trichterförmig aus Gewitterwolken herausragten und sich bis zur Wasseroberfläche schlängelten. Solche Wirbel entstanden, wenn besonders kalte Luft in großer Höhe über ungewöhnlich warme Luft oder warmes Wasser strömte. Vom Wasser aufgewärmte Luft stieg auf und saugte dabei aus der Umgebung noch mehr warme Luftmassen heran. Die Feuchtigkeit der warmen Luft lieferte zusätzliche Energie für die Unwetterlage. Strömten die Winde über dem Wasser aus unterschiedlichen Richtungen, konnten sich Luftwirbel bilden, die einen schnellen Aufwärtssog erzeugten.
Eine derartige Formation benötigte große Mengen Energie und entstand daher normalerweise nur im Rahmen großflächiger Unwetterlagen. Fjella zog ihr Handy heraus und ließ sich die aktuellen Wetterdaten ihres Standortes anzeigen: Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Taupunkt, Feuchtkugeltemperatur. Sie fertigte einen Screenshot an, dann wechselte sie auf die Rückkamera und begann, die Windhose zu filmen. Ohne Beweis würde ihr an der Uni kein Mensch glauben, was sie beobachtet hatte.
Innerhalb kürzester Zeit zogen sich die dunklen Wolken nach oben zurück, nur der sich immer schneller drehende Trichter bildete eine bizarre Verbindung zwischen Himmel und Erde. Und nicht nur das, er kam auch immer näher. Mittlerweile hatten weitere Autos am Straßenrand gehalten. Die Fahrer stiegen aus und starrten wie Fjella in Richtung Meer.
Es war schwer zu schätzen, wie weit die Windhose entfernt sein mochte. Vielleicht zwei bis drei Kilometer. Und dann veränderte sich auf einmal spürbar die Luft um sie herum. Die Gaffer zuckten kollektiv zusammen, manche stiegen zurück in ihre Autos, wo sie sich sicherer fühlten.
Fjella wusste, was geschah. Sie waren in Reichweite der Sogwirkung der Windhose gelangt – der Luftstrom nahm zu, die Temperatur sank. Und auf einmal ging alles ganz schnell. Der Wirbelsturm bewegte sich auf das Ufer zu, erreichte das Land, riss Sand, Erde, Kies in die Höhe. Er ließ einige Strandliegen und Campingstühle durch die Luft fliegen, schleuderte sie beiseite wie mit wütender Zauberkraft. Fjella trat instinktiv einige Schritte zurück, duckte sich dann hinter ihren Wagen. Das Handy hielt sie in die Höhe gereckt, um zu filmen, was sie kaum glauben konnte. Ebenso gemächlich wie unaufhaltsam fraß sich die Windhose quer durch die Felder, die zwischen Fjella und dem Meer lagen. Ihr Durchmesser war gering, sicher weniger als ein halbes Fußballfeld. Windhosen, das wusste Fjella, waren sensible Gebilde, sie existierten meist nur zehn bis 30 Minuten. Auch diese ließ bereits erkennen, dass ihre Kraft abnahm.
Fjella sah zu, wie der Minitornado Richtung Grömitz an ihr vorbeizog, langsam verblasste und sich schließlich in fade Nebelschwaden auflöste. Jetzt erst bemerkte sie, dass sich ein leichter Nieselfilm auf ihre Haut gelegt hatte. Sie wischte die Feuchtigkeit ab, dann atmete sie tief durch.
Die letzten Beobachter des Spektakels fuhren weiter. Fjella schaute auf die Uhr. Dann siegte aber doch ihre Neugier. Sie folgte zu Fuß der Treckerspur, an deren Beginn sie geparkt hatte. Nach wenigen Minuten hatte sie die Bahn der Windhose erreicht. Es war eine Schneise wie von einem riesigen Mähdrescher gezogen. Raps und Maispflanzen waren aus dem Boden gerissen und zur Seite geschleudert worden. Zu sehen war Hunderte von Metern weit in beide Richtungen nur nackter Ackerboden. Fjella hob ihr Handy und schoss einige Fotos.
Von dem unerwarteten Unwetter war mittlerweile keine Spur mehr zu sehen, die Wolken hatten sich ohne Weiteres in Nichts aufgelöst. Fjella überprüfte den Wetterbericht und ihre Surf-App. Die Vorhersage war weiterhin ausgezeichnet. Sie entschloss sich, trotz allem an den Strand zu fahren. Sie würde vorsichtig sein und die Augen offen halten.
Tatsächlich verlief der Rest des Tages ohne weitere Zwischenfälle. Die Temperatur war optimal, der Wind perfekt. Aber es gelang Fjella nicht wirklich abzuschalten – zu tief hatte ihre Beobachtung sie verunsichert. Was war da nur los mit dem Wetter?
Im Studium hatte er Nächte mit dem Schreiben von illegalen Patches für Games und manchmal zum Spaß auch dem Hacken offizieller Zugänge verbracht. Das motorisierte Einhorn bei GTA4, das Graffiti auf der Homepage der Goethe-Universität, das war er gewesen. Schon damals hatte er sich manchmal auf Streifzügen im Kaninchenbau der Codezeilen und Schnittstellen verloren. So ging es ihm an diesem Tag wieder – erst am frühen Nachmittag, als Konrad ihn mehrfach anstupste, weil er dringend mal vor die Tür musste, schaute Arian auf die Uhr. »Oh Mann, später als ich dachte«, murmelte er und reckte sich. Er fuhr mit Konrad nach unten, holte sich bei der Bäckerei um die Ecke einen Wrap und einen Matcha-Tee und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Was sich bei seiner Recherche andeutete, machte ihm Sorgen. Gern hätte er festgestellt, dass er auf der falschen Spur war oder sich irrte.
Während in der Bankenmetropole Millionen Euro hin- und hergeschoben wurden und Tausende von Menschen in der Innenstadt ihre tägliche Arbeit verrichteten, versank Arian Fischer immer tiefer in die Spalten und Zeilen zahlloser Tabellen, die Niederschlagsmengen, Wolkendichte, Sonnenscheinstunden, Temperaturveränderungen, Luftfeuchtigkeit, Luftqualität und viele andere Werte über Tage, Wochen, Monate, Jahre und teilweise sogar Jahrzehnte oder Jahrhunderte dokumentierten und somit auch vergleichbar machten. Vor allem erhielt Arian durch diesen Datenschatz die Möglichkeit, unerwartete oder sogar für das menschliche Auge unsichtbare Querverbindungen sichtbar zu machen. Bei solchen sogenannten »Big-Data«-Auswertungen ging es darum, faktische Zusammenhänge aufzufinden. So funktionierten auch die Empfehlungssysteme aller großen Internetanbieter: Wer dies kauft, kauft auch das; bastelst du gern, könnten dich auch diese Cupcake-Rezepte interessieren. Computerprogramme waren exzellent darin, derartige Korrelationen zu bemerken – und nahezu unfähig, festzustellen, ob es sich um echte Zusammenhänge oder zufällige Ähnlichkeiten handelte. Wenn eine Wolke am Himmel aussah wie ein Hase, dann stand das eben nicht in irgendeinem Zusammenhang mit Hasen oder dem Tierreich generell. Es war schlicht Zufall.
Wenn also die Auswertung ergab, dass sämtliche Baustopps aller Großfirmen – nicht nur die von TM Beton, sondern auch die bei den relevanten Wettbewerbern – in zeitlichem Zusammenhang mit bestimmten Wetter- oder Klimadaten standen … dann konnte das entweder eine sensationelle Entdeckung sein. Oder Unsinn. Bestand ein kausaler Zusammenhang zwischen signifikanten Temperaturumschwüngen, Luftdruckveränderungen und so weiter und der Sicherheit am Bau? Und falls ja, ließ dieser sich fortschreiben? Oder war das Wetter eben mal besser und mal schlechter, und manchmal war es so schlecht, dass man kurzzeitig kaum nach draußen konnte?
Dafür musste Arian dreierlei klären: Ließen sich ähnliche Muster auch zu Zeitpunkten finden, zu denen Normalbetrieb herrschte? Dann gab es vermutlich keinen Zusammenhang. Falls die zeitliche Koinzidenz sich als belastbar erwies, würde er herausfinden müssen, ob die Wetterveränderungen tatsächlich der Auslöser der Probleme auf den Baustellen sein konnten. Wenn ein Flugzeug im Gewitter abstürzte, konnte das an der Technik liegen – aber auch an menschlichem Versagen. Und schließlich – selbst wenn seine ersten beiden Annahmen sich bewahrheiteten – wäre noch zu klären, ob und in welchem Umfang sich die Daten in die Zukunft projizieren ließen. Soweit Arian in den letzten Jahren die Klimadebatte verfolgt hatte, war immer noch strittig, wie sicher die Vorhersagen waren. Der nächste Schritt bestünde darin, Varianz und Standardabweichung seiner Schätzungen zu bestimmen, doch dafür fehlten ihm etliche Wetter-Variablen. Das konnte er immer noch später nachholen, wenn nötig.
Er überprüfte noch einmal die Formeln, mit deren Hilfe er die finanziellen Auswirkungen unterschiedlicher Szenarien auf die Baubranche prognostizierte. Für deren Erstellung hatte er auf einige vorprogrammierte KI-Bausteine aus Programmierbibliotheken zurückgegriffen. Auf diese Weise konnte die Künstliche Intelligenz eigenständig Muster erkennen und neue Vorgehensweisen entwickeln.
Der Rest seines Tees war kalt geworden. Er trank trotzdem einen Schluck und schnitt eine Grimasse.
Selbst wenn er keinerlei Verschlechterung der Situation annahm, sondern die Daten nur fortschrieb, ergaben sich kaum tragbare Schadenssummen, weil die Bauplanung immer präziser wurde und weniger Raum für Unwägbarkeiten ließ. Preiste er noch eine gewisse Steigerung des Auftragsvolumens sowie eine sinkende Marge ein, landeten die Ergebnisse bereits in wenigen Jahren im roten Bereich. Nahm er an, dass sich die Wetterdaten auch nur in der Geschwindigkeit der letzten zwanzig Jahre veränderten – noch war keine Rede vom offenbar zu erwartenden exponentiellen Wachstum der Problematik –, dann würde die Firma bereits in zwei Jahren massive Verluste einfahren und wäre in knapp vier Jahren bankrott.
Arian war geschockt. Er hatte maximal damit gerechnet, dass die Klimaprobleme vielleicht zu kurzen Störungen der Lieferketten führten. Und wie angenommen stellte die Zunahme der Hitzetage insofern ein Problem für den Bau dar, als der Beton schneller härtete und daher die Verarbeitungszeit abnahm. Aber er hatte nicht wirklich ernsthaft damit gerechnet, dass Wetterereignisse konkret und in der nahen Zukunft Probleme verursachen könnten. Sein heutiges Ziel hatte vielmehr darin bestanden, genau diese Fehlannahme aufzudecken und zu dokumentieren.
War es denkbar, dass ihm ein derart wichtiger Faktor für das finanzielle Überleben des Unternehmens und vielleicht sogar der Branche entgangen war? Oder erlag nun auch er der allgemeinen Hysterie? Machte er einen Denkfehler – hatten die Störungen und Einschränkungen in der Vergangenheit, die er extrapolierte, andere Gründe? Das internationale Baugewerbe war hart; Korruption, Missmanagement, Sabotage, Industriespionage und neuerdings auch Hacking stellten für alle Firmen ernst zu nehmende Risiken dar.
Er rief einige Kollegen an, ohne ihnen im Detail zu erläutern, woran er arbeitete. Sie waren es gewöhnt, dass er
