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Der preisgekrönte Thriller von Norman Partridge – neu verfilmt und jetzt in Prime Video. Die Jagd hat begonnen! Sie nennen ihn den October Boy. Jedes Jahr zu Halloween erwacht er in einem Feld vor der amerikanischen Kleinstadt zum Leben und setzt damit das immer wiederkehrende, gnadenlose Ritual in Gang: Die jungen Männer des Ortes lauern darauf, die blutrünstige Kreatur zu jagen und zur Strecke zu bringen, bevor sie selbst getötet werden. Auch Pete McCormick macht mit bei der Jagd. Dem Sieger und dessen Familie winkt genug Geld für einen Neuanfang fern der öden Heimat. Dafür ist Pete bereit, alles zu riskieren, sogar sein Leben. Doch bevor die Nacht zu Ende geht, muss er der grauenhaften Wahrheit hinter dem Ritual ins Gesicht sehen … Ausgezeichnet mit dem Bram Stoker Award. «Ein herausragendes Talent.» (Stephen King) «Das ist feinste zeitgenössische Schreibkunst.» (Publishers Weekly) Die Neuverfilmung von Regisseur David Slade erscheint unter dem Titel «Dark Harvest» im Oktober 2023.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2023
Norman Partridge
Die dunkle Saat
Roman
Die Jagd hat begonnen
Sie nennen ihn den October Boy. Jedes Jahr zu Halloween erwacht er in einem Feld vor der Stadt zum Leben und setzt damit das immer wiederkehrende, gnadenlose Ritual in Gang: Die jungen Männer des Ortes lauern darauf, die blutrünstige Kreatur zu jagen und zur Strecke zu bringen, bevor sie selbst getötet werden.
Auch Pete McCormick macht mit bei der Jagd. Dem Sieger und dessen Familie winkt genug Geld für einen Neuanfang fern der öden Heimat. Dafür ist Pete bereit, alles zu riskieren, sogar sein Leben. Doch bevor die Nacht zu Ende geht, muss er der grauenhaften Wahrheit hinter dem Ritual ins Gesicht sehen …
«Ein herausragendes Talent.» (Stephen King)
«Das ist feinste zeitgenössische Schreibkunst.» (Publishers Weekly)
Verfilmung unter dem Titel „Dark Harvest“ im September 2022 in den US-Kinos
Norman Partridge, geboren 1958, liebte schon als Kind Gruselgeschichten und Sendungen wie «Twilight Zone». Zu seinen Vorbildern gehören Autoren wie Ray Bradbury und Elmore Leonard. Er hat in den USA bereits mehrere Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Unter anderem schrieb er die Vorlage zum vierten «The Crow»-Film («Wicked Prayers»). Für «Die dunkle Saat» wurde Norman Partridge mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet.
Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel «Dark Harvest» bei St. Martin´s Press, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2023
Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg «Dark Harvest» Copyright © 2006 by Norman Partridge
Redaktion Jan Valk
Covergestaltung Cordula Schmidt Design, Hamburg, The Tie-In Work will include some type of «call to action» message or credit for the
Motion Picture to be displayed on any and all digital displays using the above Artwork;
an example of such credit is as follows:
Watch «Dark Harvest» the motion picture – Now on Prime Video.
Coverabbildung MOTION PICTURE ARTWORK © 2023 METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC. ALL RIGHTS RESERVED.
ISBN 978-3-644-01394-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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FÜR ED GORMAN
Eine kleine Stadt im Mittleren Westen. Du kennst ihren Namen. Du bist dort geboren.
Es ist Halloween 1963 … und es wird allmählich dunkel. Alles ist so, wie es immer war: die Hauptstraße, die alte Backsteinkirche am Marktplatz, das Kino, wo dieses Jahr zwei Filme mit Vincent Price auf dem Programm stehen. Jenseits davon ist die Straße, die aus dem Ort hinausführt. Schwarz wie eine Lakritzschnur liegt sie unter dem Oktoberhimmel, schwarz wie die Nacht, die kommt, und wie die langen Winternächte, die folgen werden, schwarz wie der kleine Ort, den sie hinter sich lässt.
Am Stadtrand wird die Straße enger. Sie krümmt sich nicht. Wie ein geplanter Fluchtweg durchschneidet sie ein Meer aus quadratischen Feldern, die dicht mit Sommermais bepflanzt sind.
Aber es ist kein Sommer mehr. Wie schon gesagt, heute ist Halloween.
Der ganze Mais ist geerntet, geschält, gegessen worden.
All die Stängel sind tot, ausgetrocknet, verdorrt.
Anderswo wären diese Stängel schon längst untergepflügt worden. So läuft es hier jedoch nicht. Du erinnerst dich: In dieser Gegend wird der Mais von Hand geerntet. Damit verbringen die Jungs aus dem Ort den Sommer, unter der lodernden Sonne, die kaum je untergeht. Sobald die Jungen von Kopf bis Fuß gebräunt sind und die Ernte eingebracht ist, sterben die im Boden wurzelnden Maisstängel einfach ab. Vor dem ersten November werden sie nicht untergepflügt. Bis dahin beherbergen die stummen Reihen Wesen, denen es nichts ausmacht, unter den Toten zu leben. Ratten, Schlangen, Frösche … Kreaturen, die vor dem ersten Licht des kommenden Morgens flüchten oder unter einer kreisförmigen Klinge sterben werden, die sich in Erde und Fleisch frisst, ohne einen Unterschied zu machen.
Genau. So läuft es hier. Auf diesen Feldern leben Dinge, die von Rechts wegen morgen tot sein werden. Eins davon hängt an einem splitterigen Holzpfahl, seine Wurzeln wühlen sich tief in fettes, schwarzes Erdreich. Durch zerlumpte Kleider, die an den Pfahl und dessen Querbalken genagelt sind, klettern grüne Ranken empor. Wie Sehnen schlingen sie sich durch die Beine abgetragener Jeans, winden sich als verkrüppelte Wirbelsäule durch eine zerfetzte Denimjacke. Runde Blätter ziehen Kraft aus diesen Ranken wie von Blutgefäßen genährte Organe, und aus den Herzen dieser Blätter sprießen feine grüne Triebe. All diese Blätter, Ranken und Triebe füllen die Jacke und deren Ärmel.
Eine dickere Ranke kriecht durch den Kragen der Jacke. Wie ein Rückgrat folgt sie den letzten paar Zentimetern des splitterigen Pfahls, dann verbreitert sie sich zu einem rauen Stamm. Der wurzelt in dem Ding, das auf dem flachen Ende des Pfahls ruht.
Dieses Ding ist schwer, orange und reif.
Dieses Ding ist ein Kürbis.
Die Nachmittagssonne verweilt auf dem Kürbisgesicht, und dann ist die Nachmittagssonne verschwunden. Stille hängt im Maisfeld. Keine Brise bringt die toten Stängel zum Rascheln, kein Windhauch bewegt die zerlumpten Kleider des am Pfahl hängenden Dings. Die Lakritzschnurstraße ist leer, schweigend, still. Kein Auto fährt in die Stadt, kein Auto verlässt sie.
So bleibt es lange Zeit. Dann bricht die Dunkelheit herein.
Ein Auto kommt. Eine Tür schlägt zu. Schritte im Maisfeld, das Geräusch eines Mannes, der sich durch brüchige Stängel drängt. Das Schlachtermesser in seiner Hand glänzt im Licht des aufgehenden Mondes, dann wird die Schneide schwarz, weil der Mann sich bückt.
Am unteren Ende des Pfahls wurzeln verschlungene Ranken und junge Triebe. Die scharfe Klinge des Mannes durchtrennt sie alle. Anschließend macht er sich mit einem Klauenhammer ans Werk. Rostige Nägel gleiten ächzend aus altem Holz. Ein zerlumptes Bein löst sich vom Pfahl … dann das zweite … und dann ein zerlumpter Arm …
Das Ding, das man den October Boy nennt, fällt zu Boden.
Aber du weißt schon von ihm. Schließlich bist du hier aufgewachsen. Es gibt für dich keine Geheimnisse mehr. Du kennst die Geschichte genauso gut wie ich.
Auch Pete McCormick kennt die Geschichte … teilweise jedenfalls. Pete ist gerade sechzehn geworden. Obwohl er seit seiner Geburt hier lebt, ist es ihm nie gelungen, sich einzufügen. Das letzte Jahr war besonders hart. Im Winter ist seine Mutter an Krebs gestorben, und im Frühjahr hat sein Vater seine Stelle im Getreidespeicher versoffen. In diesem kurzen Satz steckt so viel mieses Pech, dass davon jeder das große Heulen kriegen könnte.
Es ist also nicht so, dass Pete bisher nie durch die Mangel gedreht worden wäre, aber in letzter Zeit hat er den Eindruck, als würden die Walzen ihn platt drücken wie eine Druckerpresse. Er macht ein paarmal Blödsinn und wird von der Polizei aufgegriffen, genauer gesagt von dem guten, alten Officer Ricks in seinem glänzenden schwarz-weißen Dodge. Beim ersten Mal gibt es eine Standpauke, beim zweiten Mal einen Schlagstock in die Nieren. Pete kommt mit üblen blauen Flecken heim und pisst ein paar Tage lang Blut. Er wartet darauf, dass sein Alter ihm wieder Vernunft einbläut, wie er es getan hätte, bevor die ganze Welt ins Schlingern geraten ist, und dass er außerdem vielleicht auch diesem Arschloch Ricks mal zeigt, wo die Grenze ist. Aber sein Vater sagt nicht einmal ein Wort, weshalb Pete sich denkt: Tja, sieht ganz so aus, als wärst du endlich auf dich allein gestellt, Kleiner, und was wirst du damit anfangen?
Für Pete ist das der endgültige Weckruf. Ein für alle Mal kommt er zu dem Schluss, dass ihm sein Heimatkaff nicht viel bedeutet. Er mag den ganzen Mais nicht. Die ganze Ruhe mag er auch nicht. Und Officer Ricks, den mag er schon gar nicht.
Von seinem Vater ist er auch nicht gerade begeistert. Als der Sommer kommt, hängt der Alte ziemlich regelmäßig an der Flasche. Schon möglich, dass er die Veränderungen an seinem Sohn wahrnimmt, denn er beginnt, Geschichten zu erzählen – ganz plötzlich ist er ungeheuer einfallsreich. Wir kommen bald wieder auf die Beine, Pete. Die werden mich im Getreidespeicher wieder brauchen, weil Kirby, dieser Trottel, nichts zustande bringt. Das wird einer von Petes Lieblingssprüchen, gleich nach: Ich höre auf zu trinken, Junge. Dir und deiner Schwester zuliebe. Ich höre bald auf, versprochen.
Es ist, als hätte der Alte einen Fisch an der Leine und würde versuchen, ihn mit Worten einzuholen. Aber Pete hat es allmählich satt zuzuhören. Er ist schlau genug, um zu wissen, dass Worte nichts zählen, wenn sie nicht den steinigen Weg beschreiten, der zur Wahrheit führt. Klar, er kann nachvollziehen, was los ist. Klar, im Vergleich zu dem Schlagstock, den das Leben seinem Alten übergebraten hat, ist der massive Eichenknüppel, mit dem Officer Ricks Pete malträtiert hat, bloß ein Zahnstocher. Das alles zu verstehen, macht es Pete allerdings nicht leichter, sich die Hirngespinste seines Alten anzuhören.
Denn nichts anderes sind dessen Worte, wie sich bald herausstellt. Der Chef vom Getreidespeicher ruft nie an, der Alte hört nicht auf zu saufen, und die Lage verbessert sich kein bisschen. Sie wird einfach immer schlimmer. Als der Sommer zu Ende geht, ertappt Pete sich oft dabei, wie er an die Lakritzschnurstraße denkt, die aus der Stadt herausführt. Er fragt sich, wie es wohl so wäre, irgendwo anders … weit weg von hier … ganz auf sich allein gestellt. Ziemlich bald taucht diese Straße in einer anderen Geschichte auf, von der die Rede ist, denn – genau! – inzwischen ist es September, also an der Zeit, dass die Leute mit dem verrückten Zeug anfangen, das man sich hier in dieser Jahreszeit erzählt.
Pete schnappt da und dort Bruchstücke auf. Zuerst von ein paar Footballspielern, die beim Friseur darauf warten, dass ihr Bürstenhaarschnitt gestutzt wird, später von einem Haufen Typen, die an einem heißen Samstagabend vor der Kinokasse Schlange stehen. Bald kommt die Geschichte auch an der Highschool in Umlauf. Wieder hört Pete nur Bruchstücke – auf dem Klo draußen hinter der Autowerkstatt, wo man hingeht, um heimlich zu rauchen, oder in dem Raum, wo man nachsitzen muss. Klar, es ist ziemlich abgefahrenes Zeug, aber am abgedrehtesten daran ist, dass diese Gesprächsfetzen alle dasselbe Bild ergeben. Schon diese simple Tatsache lässt vermuten, dass es sich um die seltene Sorte von Geschichte handelt, die womöglich den Weg vom Lagerfeuer aufs kalte, harte Straßenpflaster finden könnte.
«Hab mir ’nen Baseballschläger besorgt. Nagelneu. Qualitätsware.»
«Damit kannst du nichts anfangen. Es ist zu schwer, ’nen Schläger zu schwingen, wenn man am Rennen ist, ganz zu schweigen davon, dass du sowieso zu langsam bist. Sieh dir bloß mal deine Wampe an. So würdest du nicht mal meine Oma einholen, wenn didee im Rollstuhl mit zwei platten Reifen ihren Arsch den Hang hochrollt.»
«Deine Oma muss ich auch gar nicht einholen, du Schwachkopf. Ich muss überhaupt niemand einholen. Muss mich bloß an der richtigen Stelle postieren. Den Rest überlasse ich meinen Cousins, diesen Trotteln. Die werden den Typ wie ’nen Hasen vor sich her treiben, bis er in ’ner Sackgasse landet. Und da stehe ich und warte drauf, mit meinem Schläger zur Sache zu kommen.»
«Denkste! Wenn du in der Nacht vom Lauf in irgend ’ner dämlichen Gasse rumhängst, kannst du da gleich das ganze Jahr lang Wurzeln schlagen.»
«Mach dich nur lustig. Wer noch ein Jahr in diesem Drecksloch steckt, seid ihr, nicht ich. Ich kette mir den Kadaver von ’nem wandelnden Albtraum an die Stoßstange, und wenn ihr am Morgen pinkeln geht, bin ich längst über die Grenze, und zwar für immer.»
Über dieses Gespräch denkt Pete seit ein paar Tagen ständig nach und setzt es in Beziehung zu den ganzen anderen Geschichten, die er gehört hat. Kaum ist er zu einem Schluss gekommen, versucht er es aus einem anderen Blickwinkel, um festzustellen, ob womöglich etwas anderes herauskommt als der verrückte Spuk, nach dem es aussieht.
Schließlich hat Pete gerade mehr als genug Zeit, über dieses ganze Zeug nachzudenken. Es ist jetzt nämlich Ende Oktober, und sein Vater hat ihn seit fünf Tagen in seinem Zimmer eingesperrt. Zu essen gibt es nichts da drin. Zu trinken gibt’s nur Wasser und – wenn der Alte eine Anwandlung von Großzügigkeit hat – eventuell ein Glas Orangensaft, der alles andere als frisch gepresst ist. Wenn man ausreichend Gelegenheit haben will, um so ziemlich alles zu glauben, ist das die beste Voraussetzung. Da muss man bloß versuchen, einen fünftägigen Hunger mit ein paar Schlucken Saft zu stillen, der wie Gefrierbrand schmeckt, und nichts zu beißen haben als einen Haufen Worte, die einem einfach nicht aus dem Kopf gehen wollen.
Doch obwohl so viel an ihm nagt, fällt es Pete schwer, die Geschichten, die er gehört hat, wirklich für voll zu nehmen. Klar, dass die Jungs an Halloween mit ihren Baseballschlägern und Heugabeln losziehen, um irgendwelchen Mist zu bauen, das klingt plausibel. Nach seinem Zusammenstoß mit Officer Ricks zweifelt er nicht daran, dass sein Heimatkaff so einen üblen kleinen Tanz ausbrüten kann. Aber mit den anderen Sachen, durch die das Ganze zu einer Spukgeschichte wird, mit denen hat er seine Probleme.
Das kann man ihm eigentlich nicht verdenken, oder? Denk mal darüber nach! Erinnerst du dich daran, wie du als kleiner Junge zum ersten Mal beobachtet hast, dass dein älterer Bruder in der letzten Oktoberwoche volle fünf Tage und Nächte lang in seinem Zimmer eingesperrt wurde? Erinnerst du dich daran, wie du zum ersten Mal von einer Vogelscheuche mit Kürbiskopf gehört hast, die in der Halloweennacht durch die Gegend rennt? Das war nicht gerade leicht zu glauben, egal, wie sehr es dir Angst gemacht hat, oder?
Natürlich nur, solange du es nicht selbst erlebt hast. Bis du der Typ warst, der in seinem Zimmer eingesperrt wurde.
Bis du gesehen hast, was ablief, als du an Halloween durch die Straßen liefst.
Pete jedoch hat nichts davon gesehen. Noch nicht. Wie schon gesagt, er ist gerade sechzehn geworden. Heute Nacht hat er die erste Chance, beim Lauf dabei zu sein. Deshalb ist es eigentlich nicht weiter erstaunlich, dass sein Unglaube sich noch nicht vollständig in Luft aufgelöst hat. Aber dazu kommt es allmählich. Und je mehr Pete darüber nachdenkt, desto weniger wichtig kommt ihm die Sache mit dem Spuk vor. Was er glaubt oder nicht glaubt, spielt aus seiner Sicht keine große Rolle mehr, wenn man sich mit dem großen Ganzen beschäftigt.
Tut man das, so gewinnen andere Dinge an Bedeutung.
Jawohl. Zum Beispiel, dass sein Alter ihn seit fünf Tagen einsperrt. Zum Beispiel, dass er nichts zu essen bekommen hat. Zum Beispiel, dass es allen Kerlen in der Stadt, die sechzehn bis achtzehn Jahre alt sind, mit absoluter Sicherheit genauso geht. Die Highschool ist geschlossen, und zwar schon seit fünf Tagen. Die Straßen sind leer. Und überall in der Stadt gehen die jungen Burschen am frühen Morgen in ihren kleinen Kammern auf und ab und machen sich bereit für Halloween wie Bullen, die man vor dem Rodeo in eine brutal enge Box gesteckt hat.
Pete hockt auf seinem Bett und denkt darüber nach. Inzwischen kommt ihm das Ganze ziemlich plausibel vor. Deshalb lässt er es zu, dass seine Gedanken ungehindert auf Fischzug gehen, und freundet sich mit dem an, was sie mitbringen.
Er denkt an Baseballschläger und Heugabeln, an Schlachtermesser und mit Nägeln gespickte Latten und an ein paar hundert junge Kerle, die bei Anbruch der Dunkelheit auf die Straße strömen.
Er denkt daran, dass eine Vogelscheuche mit einem Kürbis als Kopf durch die Gegend läuft.
Er denkt darüber nach, was es für jemanden wie ihn bedeuten könnte, diese Vogelscheuche zur Strecke zu bringen.
Dann, als der alte Wecker auf seinem Nachttisch die erlöschende Glut des Halloweenabends abzählt, hört er auf, über dieses ganze Zeug nachzudenken.
Danach denkt er nur noch an ein paar wenige Dinge, die wirklich wichtig sind.
Er denkt daran, wie die Tür zu seinem Zimmer aufgeht.
Er denkt daran, was er tun wird, wenn er aus dem Haus tritt.
Wenn der October Boy Knie hätte, dann würde es nicht nur so aussehen, als kniete er am Schrein des Herbstmondes.
Vielleicht ist es auch der Schrein des Mannes mit dem Messer. Schließlich ragt der über dem October Boy auf wie eine Statue aus Onyx. Seine Silhouette steht zwischen dem Boy und der mächtigen Kuppel des Mondes, die halb in den indigoblauen Himmel gestiegen ist.
Einen Augenblick ist die Kreatur im Schatten des Mannes verloren. Sie wendet ihr blindes, leeres Gesicht nach oben. Dann kniet der Mann sich hin, und die beiden Gestalten sind von Mondlicht übergossen. Das Schlachtermesser fängt das Licht ein wie ein Spiegel, als der Mann es hebt. Seine andere Hand schließt sich um den Stängel oben am Kürbis. Er hält den Kopf fest und macht sich an die Arbeit.
Präzise Messerschnitte geben dem October Boy ein Gesicht. Zuerst kommen die Augen, zwei enggeschlitzte Dreiecke. Dann die Nase, die natürlich breiter ist – ein gezacktes Loch, das einer Pfeilspitze ähnelt und beim Betrachter die Illusion geblähter Nüstern wecken wird, wenn es fertig ist.
Das Messer ist ständig in Bewegung, während die Nase Form annimmt. Der Kürbisstängel ist dick, das Fleisch darunter noch dicker. Die herausgeschnittenen Brocken schnippt der Schnitzer auf die Erde. Sein Handgelenk beginnt zu schmerzen, doch die Hand hält nicht inne, bis ein Atemhauch aus den schartigen Nasenlöchern dringt und die kalten Finger des Mannes wärmt.
Das Schlachtermesser erstarrt mitten in der Luft. Urplötzlich ist der Atem des Mannes in der Brust gefangen. Er umklammert den Stängel, während er auf das halbe Gesicht vor sich starrt, im Bewusstsein, dass er es zu dem gemacht hat, was es ist, und dass er es zu dem machen wird, was es sein wird. Die schmalen Augen des October Boys werden noch schmaler, als könnte der seine Gedanken lesen. Ein flacher Atemzug tritt in die schartige Nase ein, und hinter den leeren, dreieckigen Augenhöhlen flackert ein schwaches Licht auf.
Das verstört den Mann, denn in dem hohlen Kopf steckt keine Kerze. Dennoch ist das Licht dort ebenso vorhanden wie das feuchte Knistern von Flammen, die an gelben Fasersträngen lecken. Diese Erscheinungen nimmt der Mann deutlich wahr, ohne sie erklären zu können.
Am besten ist es, nicht darüber nachzudenken, sagt sich der Mann.
Sinnlos, darüber nachzudenken, weil man es doch nicht erklären kann.
Heute Nacht ist alles einfach so, wie es ist.
Heute Nacht ist alles in Stein gemeißelt.
Genau. Anders kann der Mann mit dem Messer diese Nacht unmöglich sehen. Einen langen Moment starrt er in die beiden flackernden Löcher dort, wo sich die Augen der Kreatur befinden sollten. Der Mann blinzelt nicht, der October Boy kann nicht blinzeln. Doch er tut einen weiteren forschenden Atemzug. In der ausströmenden Luft liegt der schwere Duft von verbranntem Zimt, Schießpulver und schmelzendem Wachs. Irgendwie beruhigt diese Mischung den Mann, der erneut das Messer hebt und sich daranmacht, das Werk zu vollenden, das er begonnen hat.
Unter dem schartigen Nasenloch erscheint eine Doppelreihe gezackter Zähne. Gelbes Licht flackert über die Hand des Mannes, als das Wesen durch seinen stachligen Mund einatmet. Seine Atemzüge sind noch flach und schwach, doch das Licht aus den Augen malt scharfe Dreiecke auf das Gesicht des schnitzenden Mannes, der nun schneller arbeitet, während er in die Mundwinkel ein boshaftes Grinsen schneidet, das die Wangen spaltet und fast bis zu den Augen des October Boys reicht.
Die Hand mit dem Messer sinkt herab, die andere lässt den oben am Kürbis angewachsenen Stängel los. Der Kopf kippt nach vorn; eigentlich sollte er von den Schultern fallen, denn da ist kein Hals, der ihn stützen könnte. Doch das ändert sich rasch, als grüne Triebe an der gewundenen Ranke hochkriechen, die zum Stängel führt. Während die Triebe sich auf die Unterseite des Kürbisses zubewegen, schlingen sie sich umeinander und werden dicker und dunkler. Wenig später erhebt der Kopf sich auf einem starken, geflochtenen Hals, dessen stachlige Ranken bis in den Kürbis vordringen.
Dort, wo der grüne Hals im schweren Kugelkopf wurzelt, nimmt er eine braune Färbung an. Die frischen Triebe überziehen sich mit dunkler, rauer Rinde. Ranken und Blätter rascheln in der Jacke, als der October Boy den ersten tiefen Atemzug tut. Er hebt den Kopf, als die kühle Abendluft ihn anfüllt. Einen langen Augenblick hält er den Atem an, dann entweicht ihm die nun gewürzte Luft.
Ihr folgt eine schwache Flammenzunge … und etwas, das fast sicher ein Wort ist.
Doch der Mann mit dem Messer will von dem Ding, das da vor ihm steht, kein Wort hören. Er ist nicht gekommen, um Worten zu lauschen. Nein. Er ist gekommen, um eine Aufgabe zu erledigen, die erledigt werden muss, und das wird er auch tun. Nicht mehr, nicht weniger. Daher wendet er sich ab, das Messer immer noch in der Hand, und geht auf die Straße zu. Die scharrenden Schritte des October Boys folgen den gleichmäßigen Schritten des Mannes, als dieser durch das Maisfeld geht. Doch der Mann dreht sich nicht um, und erst als er den Rhythmus seiner Stiefelabsätze auf hartem Pflaster hört, kehren seine Gedanken zu der nächsten Aufgabe zurück, die diese Nacht erfordert.
Das Auto des Mannes ist kaum ein Jahr alt. Es ist schwarz und schnittig – ganz im Gegensatz zu den anderen Autos, die man hier in der Gegend sieht. Er legt das Schlachtermesser auf die Kühlerhaube und öffnet die Tür. Auf dem teuren Polster des Vordersitzes liegt eine Einkaufstüte aus Papier. Sie ist voller Süßigkeiten. Der Mann greift eine Handvoll Nougatriegel heraus und stopft sie der Kreatur in eine ihrer Jackentaschen. Erneut greift er tief in die Einkaufstüte und füllt die andere Tasche mit Erdnussriegeln. Anschließend löst er den Knopf der Jacke und steckt weitere Süßigkeiten durch die Rankenstränge: Karamellriegel, Schokolade, Toffees.
Mehrere Handvoll Zuckermais schmiegen sich wie in grüne Umschläge gehüllte Geheimnisse zwischen die Blätter. Rote Fruchtgummischlangen und Honigbonbons füllen die Lücken. Der October Boy schwankt ein wenig, denn die Hand des Mannes ist so kalt wie die anbrechende Nacht, und die Ladung ist schwerer, als man meinen könnte.
Daher schwankt er, sinkt jedoch nicht um. So ist er nicht gebaut. Seine aus abgetrennten Wurzeln bestehenden Füße scharren über den Asphalt, als er auf der schwarzen Straße einige Schritte zurückweicht und sich an den Wagen lehnt, um Halt zu finden. Der Mann geht auf ihn zu und schiebt eine letzte Handvoll Süßigkeiten bis an die knorrige Ranke des Rückgrats. Das Sägezahnlächeln des October Boys wird zur Grimasse. Vielleicht wartet ein anderes Wort in seinem Mund, bereit, diesen auf einer neuen Flammenzunge zu verlassen. Doch bevor Wort und Flamme herauskommen können, füllt der Mann, der ihm ein Gesicht gegeben hat, das geschlitzte Grinsen mit einer Ladung fetter runder Zimtbonbons, mit einer zweiten, einer dritten.
Das Licht im Mund des October Boys wird schwächer.
Das Licht hinter seinen Augen wird heller.
Bald ist die Einkaufstüte leer. Der Mann zerknüllt sie und wirft sie ins Feld. Nun ist nur noch eines zu tun. Er nimmt das Messer von der Kühlerhaube. Das dauert bloß eine Sekunde, doch in dieser Sekunde blickt der Mann auf das tote Feld und die indigoblaue Decke des Himmels, der nun sehr dunkel geworden ist. Er sieht über sich die kalten Sterne schimmern, er sieht die helle Kuppel des aufgehenden Mondes, und als er sich umdreht, wandert sein Blick von den Dingen, die am Himmel hängen, zu dem Asphaltband, das zu seinen Füßen wartet – zu der schwarzen Straße, die einen mitternächtlichen Pfad zu dem kalten, weißen Leuchten über der Stadt bahnt.
