Dark Journals - Alina Pütz - E-Book
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Dark Journals E-Book

Alina Pütz

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Beschreibung

Stell dir einen Jahrmarkt vor, der ganzjährig seine Türen öffnet. Ein Spaß für Kinder, Erwachsene und … tote Seelen? Hörst du fröhliches Kinderlachen oder doch gequälte Schreie? Oder sogar beides …? Komm mit mir. Der Eintritt kostet nur deine Seele. Willkommen auf dem Dark Carnival.

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DARK JOURNALS

JAHRMARKT DES GRAUENS

BAND 1

HRSG. PATRICK KALTWASSER

© 2022 Dark-Empire-Verlag

Auflage 1

Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns, jaqueline-kropmanns.de unter Verwendung von Fotos von Depositphotos

Illustration Karte: Najla Kay, www.coroflot.com/najlakay

Lektorat & Korrektorat: Mona Dertinger, Pia Euteneuer, Lillith Korn

Innendesign unter Verwendung von Bildern von shutterstock.com

Satz: Stephanie Bösel, www.herzblut-lektorat.de

ISBN: 978-3-949952-66-1

ISBN Taschenbuch: 978-3-949952-99-9

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dark-Empire-Verlag

Grünauer Str. 66

12557 Berlin

INHALT

Vorwort

1. Willkommen auf dem Dark Carnival – Alina Pütz

2. Die verlorene Zukunft – Ela Bloom

3. Lebensfragmente – Pia Bardenhagen

4. Two Steps Behind – Jamie L. Farley

5. Zeitrad – Dani Aquitaine

6. The Dark Curse – Nadine Nightingale

7. Spiegelmann – Jace Moran

8. Selfie im Teufelstor – Cora Most

9. Der Mann im Mond – Christian Heß

10. Gondelfluch – Stefanie Bender

11. Wellensang – Mona Dertinger

12. Seelenretter – Felix Forberg

13. Nachtflug – Marissa Barks

14. Seelenspiegel – Alexander Eisenmann

15. Alfie – Saskia Hehl

16. Die Schatulle des Zoltan Aramenus – R. W. Steinbach

17. Dein Traum, der Albtraum – Pêcheuse

18. Die Manege der verlorenen Kinder – Julia Heuer

19. Ein alter Mann am Jahrmarkt – Raphael Grascher

20. Verborgen ist, was tiefer liegt – A. M. Harries

21. Tunnelblick – Lex Wesley

22. Hinab – Sebastian Steffens

23. Schwarzblut – Patrick Kaltwasser

Nachwort

Über den Verlag

VORWORT

Die Nacht hat viele Gesichter. Wenn der Tag stirbt, entfaltet sie ihre unendliche Schönheit und das kalte Mondlicht fällt hinab auf eine gerade entschlafene Welt.

Doch auch die Angst sucht sich ihre Wege in den gequälten Geist.

Rote Augen starren durch den Türspalt und die Ratten in meinem Kopf errichten eine Festung der Angst.

Schlafen kann ich seit Wochen nicht mehr. Die Monster unter meinem Bett sind zu laut für meine albtraumbehaftete Seele.

Das ist die Geschichte des Dark Carnival.

In einer mystischen Nacht, in der ich wieder einmal nicht schlafen kann, sitze ich in meinem Wohnzimmer. Ich starre in die flackernde Flamme einer Kerze.

Die Flamme zeichnet eigenartige Gestalten an die Wände und Schatten huschen an mir vorbei. Aus den Boxen wummern die Bässe von Horrorcore-Klassikern aus den USA. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf zerbricht bei den gerappten Lyrics.

Horrorcore. Juggalos. Böse Clowns. Schwarz-weiß geschminkte Gesichter und Dunkelheit.

Plötzlich höre ich den Namen »Dark Carnival«, eine Art Wanderzirkus mit Fahrgeschäften, und in meinem Kopf wächst eine Welt heran.

Nimm meine knochige Hand und ich entführe dich in ebenjene Welt des Horrors.

Ein Fluch hat diesen Ort ergriffen und hält ihn in seinen Armen. Ein Jahrmarkt des Grauens. Was mag sich hinter dem Tor befinden?

Fledermäuse ziehen Kreise um bunte Lichter. Lieblich kreischt die Musik aus den Boxen.

Ein Riesenrad dreht sich am Abgrund zur Hölle.

Skelette und Geister ziehen vorüber.

Schreie aus der Geisterbahn. Nichts Ungewöhnliches.

Oder?

Wie wäre es mit einer Achterbahnfahrt in einem Sarg? Hast du Lust auf eine blutrote Zuckerwatte?

Komm mit mir. Der Eintritt kostet nur deine Seele.

Oder hast du Angst?

Natürlich nicht.

Willkommen, tritt ein.

Ein dunkler Schatten kommt auf uns zu, begrüßt dich. Ich lasse dich nun allein auf dem Jahrmarkt des Grauens, denn ich habe noch etwas zu erledigen, während der Mond teuflisch auf die unheiligen Attraktionen hinabgrinst.

Viel Spaß auf dem Dark Carnival.

Patrick Kaltwasser, Herausgeber

WILLKOMMEN AUF DEM DARK CARNIVAL – ALINA PÜTZ

Es gibt weniges, das schöner ist als das Lachen eines Kindes. Man möchte unter ihre Haut kriechen und sich dort einnisten. Eigentlich schade, dass sie immer aufhören zu lachen, wenn ich es versuche.

Jetzt sind keine Kinder hier. Die Wege zwischen bunt angemalten Fahrgeschäften, Zelten und Ständen sind leer, beinahe. Aber das wird sich bald ändern – das tut es immer. Die Familien, die alleine losziehenden Cliquen, die schon zu alt sind, um von den Eltern begleitet zu werden, die Schulklassen. Der Jahrmarkt ist berühmt. Die Menschen brauchen eben ihren Spaß, ihre Lebensfreude, bei all den Dingen, die dort draußen in der Welt geschehen. Kein Kind würde je zugeben, dass es auf dem Ponykarussell den dampfenden Atem des Reittiers hinter sich im Nacken gespürt hat, oder dass seine Reflektion im Spiegelkabinett ganz kurz so aussah wie etwas anderes, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und niemand würde je auf die Idee kommen, den verzweifelten Familienvater, den geisteswirren Amokläufer oder das arme Kind, das mit dem Messerblock gespielt hat, mit uns in Verbindung zu bringen.

Die Schulklassen mag ich am meisten. Sie sind so leicht in die Irre zu führen. Immerhin zählt niemand mehr nach, ob noch alle Kinder beisammen sind, sobald sie den Jahrmarkt verlassen haben. Niemand verfällt in Panik, wenn ein Kind mehr gezählt wird.

Am anderen Ende des Marktes kann ich das Riesenrad erkennen, das vor einem blutergussblauen Himmel steht. Noch bewegt es sich nicht; nur die rosa, gelb und grün lackierten Gondeln schaukeln in einer Brise, die gar nicht da ist. Ihre Scharniere quietschen, wenn die von hier aus winzigen Kabinen zu hoch schwingen. Es klingt ein bisschen so wie ein Lachen. Auch sie freut sich. Auch sie wartet.

Die Reitfiguren des Karussells, das nicht weit vom Riesenrad entfernt steht, nutzen die Ungestörtheit, um ihre wahre Gestalt auszustrecken, die verdrehten Gliedmaßen zu dehnen und das blutverschmierte Maul mit langen Fingern abzuwischen. Ich glaube, es würde viele Kinder zum Lachen bringen, wenn sie wüssten, dass die Kreaturen ganz menschenähnliche Hände haben. An stillen Tagen kann man hören, wie ihre Fingernägel am hölzernen Boden der Drehscheibe zersplittern.

Etwa fünfzig Meter weiter schlendert ein Clown gemeinsam mit einer Wahrsagerin in Richtung einer Hütte, deren Dach aussieht wie ein gewaltiges Cupcake-Frosting. An diesem Stand sehen die fröhlichen Pastellfarben bereits besonders verwittert aus: Es liegt an der Nähe zum Schacht, der den Mittelpunkt des Jahrmarktes bildet und unter Besuchern als der Wunschbrunnen bekannt ist. Sie werfen stetig neue Münzen hinein, in der Hoffnung, dass ihre Träume dadurch wahr werden. Es ist ein Wunder, dass sie nach all den Jahren immer noch daran glauben, und noch rätselhafter ist es, wo sie diese Idee überhaupt herhaben. Wenn irgendjemand so tief unten ihren Wunsch hört, wie kommt man darauf, dass das etwas Gutes wäre? Aber je mehr Münzen in der Tiefe landen, viele hundert Meter unter der Erde, desto besser. Desto stärker die Energie, die von unserem Mittelpunkt ausgeht. Desto größer die Anziehung, die wir auf die Welt ausüben. Desto schneller der Verfall, der die bunten Lackfarben splittern und das Holz darunter verwesen lässt; nichts, das so unnatürlich ist wie wir – und so mächtig –, bleibt in dieser Welt lange davon verschont. Wer weiß? Vielleicht sind wir in ein paar Jahren nicht mehr der Bright’s Carnival, benannt nach dem Mann, der vor nahezu zwei Jahrzehnten alles für mehr Besucher und mehr Einnahmen getan hätte, sondern tragen unsere wahre Natur irgendwann endlich sichtbar nach außen. Sind dann kein Jahrmarkt mehr voller Licht und Pastell, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein Dark Carnival.

Der Clown und die Wahrsagerin jedoch lassen sich von der Verwesung nichts anmerken, nicht äußerlich jedenfalls. Kinder mögen keine Verwesung, deshalb ist es besser, eitrige Nasenstümpfe hinter roten Schaumstoffbällen und leere Augenhöhlen hinter bunten, orientalischen Schleiern zu verbergen. Beide Gestalten zählen zu den beliebtesten Attraktionen hier. Kinder lieben die harmlos-gruselige Atmosphäre im Zelt der Wahrsagerin, das direkt neben mir aufgestellt ist. Sie kommen hinter dem halb durchsichtigen Vorhang hervor wie aus einer anderen Welt, kichern mit ihren Freunden gemeinsam über Voraussagungen, die so absurd sind, dass sie einfach falsch sein müssen. Dabei ist das Wahrsagezelt der beste Ort, um eine Seele auszutauschen – zwischen Kerzenwachs und entweihtem Rauch und getrockneten Kräutern, von denen manche sagen, sie hielten das Böse fern. Sie könnten nicht falscher liegen mit dieser Annahme. Nichts zieht dunkle Kreaturen so sehr an wie ein verdorrter Zweig Rosmarin oder ein vom Alter geschwärztes Blatt Salbei. Verwesung zieht immer auch die Verwesenden an.

Der Clown hingegen ist derjenige von uns, der am lautesten mit den Kindern mitlacht. Wenn der Wind richtig steht, hört man den schrillen, verzerrten Ton über den ganzen Jahrmarkt hinweg. Es klingt fast so wie das Geräusch, das entsteht, wenn ich die Kinder durch die Luft fliegen lasse, wenn sie kurz glauben, ich ließe sie fallen. Das würde ich natürlich niemals tun. Wäre es angenehm, sich in zerschmetterten Körpern einzunisten, könnten wir schlichtweg in unseren eigenen bleiben.

Aber noch sind keine Kinder da, und Wahrsagerin und Clown gehen gemeinsam zum Cupcake-Stand, wo ein spindeldürres Wesen sie begrüßt. Noch sieht sie so aus wie der Geisterbahn entlaufen, doch es gibt vieles, worüber ein pastellfarbenes Retro-Kostüm hinwegtäuschen kann. Sobald wir Besucher haben, sieht ihr Brustkorb gar nicht mehr so leer aus.

Sie reicht zwei Cupcakes über die Theke, die mich bedauern lassen, keinen Körper zu haben, der in den Genuss solcher Speisen kommen kann: ein perfektes, fleischfarbenes Törtchen mit rosa Frosting und roter Soße. Unzählige Male haben Kinder ihre Eltern angebettelt, ›so etwas‹ auch mal zu Hause zu machen, unzählige Male haben Eltern sich verschwörerisch über den Tresen gebeugt und nach dem Geheimrezept gefragt. Die Antwort ist ihre eigene Furcht und ihr eigenes Blut, denn eventuell habe ich nicht die ganze Wahrheit gesagt: Manchmal behalten wir eben doch ein Kind da. Oder zwei. Was uns schmeckt, schmeckt den Menschen in den meisten Fällen auch. Leider zeigen viele sich zögerlich, sobald wir ihnen die sagenumwobene Geheimzutat verraten.

Irgendwann beginnt die Glocke über dem Brunnen zu läuten. Der Clown rennt eilig zu seinem Zelt zurück, mit rot verschmiertem Mund und Beinen, deren staksende, schleifende Bewegungen einfach nicht richtig aussehen. Die Wahrsagerin löst sich in Rauch auf, um sich in ihrem Zelt hinter dem Schleier wieder zu materialisieren, und die Cupcake-Verkäuferin verschwindet im Inneren ihrer Bude, um sich auf die große Show vorzubereiten.

Endlich ist es so weit. Die rostigen Ketten quietschen, als ich mich vorfreudig dehne und strecke. Die ersten Kinder haben mit ihren Eltern den Parkplatz erreicht.

Kurz beobachte ich, wie sich die Körperlichen von uns fast überschlagen, um auch ja rechtzeitig fertig zu werden, dann verlasse ich meine Behausung. Es ist bei Weitem nicht unüblich, noch wundert sich jemand bloß über einen plötzlichen kalten Windhauch, der ebenso schnell vorbeizieht, wie er aufgekommen ist. In den meisten Fällen wird es als kurzweilige Wolke vor der Sonne oder als Täuschung aufgefasst, wenn unsere Besucher durch ein körperloses Wesen hindurchlaufen und für den Bruchteil einer Sekunde die gleiche Kälte empfinden wie wir. Eine Kälte, die nur zu wärmen ist, indem wir tun, was wir hier tun.

Im Vorbeigleiten sehe ich, wie die Härchen am Arm einer Mutter sich aufstellen und wie ein Vater sich kurz schüttelt. Dann lasse ich mich auf der Schulter des Wesens zwischen ihnen nieder: ein Mädchen, etwas älter als der Durchschnitt, ein Teenager  – so werden sie glaube ich genannt. Ein Stückchen weiter vorne geht ein kleiner Junge, höchstens sieben, der offensichtlich zu ihnen gehört und mich kurz an meiner Wahl zweifeln lässt. Aber es ist immer etwas Besonderes, die Stilleren unter ihnen zum Lachen zu bringen.

Also bleibe ich, wo ich bin, und folge meinem heutigen Ziel auf das Jahrmarktsgelände. Laute, fröhliche Musik empfängt uns sofort, als hätten wir eine unsichtbare Barriere überschritten. Niemand wundert sich darüber – vielleicht hat sie ja wirklich gerade erst eingesetzt?

Der kleine Junge kreischt auf, als er die Berg-und-Tal-Bahn entdeckt. Sie steht direkt am Eingang und ist ein beliebter erster Halt.

Kurz darauf befinde ich mich in einem der Wagons und rausche über die Gleise, immer auf meinem Sitzplatz zwischen Schulter und Nacken, wie ein ungefragter Parasit, gerade so, dass das Kind mich auch ja nicht sehen könnte, selbst wenn ich einen Körper besitzen würde. Die kleinen Wesen sind überaus empfänglich für Übernatürliches. Irgendetwas nehmen sie immer wahr – sei es ein Kribbeln im Nacken, eine plötzliche innere Unruhe, das eindringliche Gefühl, beobachtet zu werden. Als könnten sie irgendetwas dagegen tun, solange sie hier verweilen – haben wir erst einmal angefangen, ein Opfer zu beobachten, lassen wir es ungern wieder gehen. Zumindest nicht alleine oder in einem Stück.

Sowohl der Junge als auch das Mädchen lachen, als der Wagon sie nach vorne und hinten und zur Seite wirft. Zwei hohe, laute Schreie, die in die kühle Nachmittagsluft hinausgetragen werden und allen Bewohnern des Jahrmarktes unmissverständlich klarmachen: Die Jagd ist eröffnet. Das Mädchen zuckt als Erste zusammen, als sich etwas anderes unter ihr Lachen mischt. Ein noch höherer, in die Länge gezogener Laut, beinahe wie das Pfeifen des Windes, aber körperlicher.

Achterbahn-Entgleisungen sind in den meisten Fällen zu offensichtlich, aber ein, zwei Unfälle hier und da sind gerade noch entschuldbar. Immerhin sieht jeder vor dem Einstieg das Piktogramm, das auf die Notwendigkeit des Sicherheitsgestells hinweist. Manche Kinder wollen sich nun mal einfach nicht an die Regeln halten.

Ihre Schreie aus längst vergangenen Tagen sind es, die sich nun im Wind dazumischen, und ich kann fühlen, wie Furcht sich unter die Haut der beiden Kinder schlängelt. Ich kann sie riechen.

Aber natürlich hatten sie gar keine Angst, erzählen sie sich später, als sie aus dem Wagon hinausstolpern und sich gegenseitig schubsen. Du hattest Angst? Loser. Aber es hat sich kurz so angehört … Ach, verrückt, was die eigene Fantasie alles zusammenspinnen kann. Was die anderen Buden wohl noch alles bereithalten?

Ich folge dem Mädchen weiter, und mit jedem Fahrgeschäft wachsen ihre Freude und ihre Angst proportional zueinander. Das liebe ich daran, die Kinder zum Lachen zu bringen. Sie freuen sich so sehr, dass sie nur ganz unterbewusst wahrnehmen, wie sich die Verwesung langsam, aber sicher in ihnen festzukrallen beginnt.

Über das Karussell freut sie sich besonders, obwohl sie es nicht zugeben will. Sie ist eigentlich zu alt dafür, aber wenn ihr Bruder unbedingt möchte, kommt sie natürlich mit. Ich aber schmecke ihre Euphorie und dabei weiß sie nicht einmal, wie die Holzpferdchen und Einhörner und Esel in Wirklichkeit aussehen. Sie würde sich totlachen.

Die Illusionen sind hier am stärksten. Obwohl die Figuren an Ort und Stelle bleiben müssen, scheint das Reittier hinter ihr immer näher zu kommen. Sie könnte schwören, dass sie es ganz nah an ihrem Ohr hört, heißen, feuchten Atem in ihrem Nacken spürt. Und kommt sie sich nicht schon seit einer Weile seltsam beobachtet vor?

Wir verlassen das Karussell, und während ihr kleiner Bruder unbedingt ins Spiegellabyrinth möchte, wählt sie das Spiegelkabinett. Eine gute Wahl. Auch ohne Körper kann ich dafür sorgen, dass die Luft an der Stelle, an der ich mich einniste, anders aussieht – ein Flimmern, eine Bewegung, die sie nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen kann und die verschwindet, sobald sie aufmerksam hinsieht. Sie wird sich so freuen.

Die Furcht vor Spiegeln hat durchaus ihren begründeten Ursprung. Manche sagen, dass in ihnen der Schleier zwischen den Welten am dünnsten ist, besonders nach Einbruch der Dunkelheit, wenn Spiegelbilder anfangen, sich zu verzerren, und groteske Masken anstelle des eigentlichen Bildes zeigen. Aber sie liegen falsch: Der Schleier ist überall gleich dünn. Spiegel lassen den Betrachter bloß mehr von dem sehen, was da ist.

Die Wirkung setzt sofort ein, als sie das Kabinett betritt. Andere Kinder und auch einige Eltern zeichnen sich in Form von Schatten und verschwommenen Silhouetten in den Spiegeln ab, tausendfach reflektiert, bis ihre Abbilder so unbegreiflich sind, dass man sich fragt, ob sie wirklich da sind. Das ist nur zum Teil Illusion. Manche der Seelen, die durch die Spiegel irren, sind tatsächlich verloren – eingesperrt auf ewig in den Spiegeln, Ekstase und Furcht so elementar in ihnen verwoben, dass sie gar nicht anders können als zu lachen. Manchmal, wenn man ganz still ist, kann man ihre Schreie hören.

Die Gefahr, sich zu verlaufen, ist relativ gering. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, auf einer kurzen Strecke von etwa zehn Metern zwischen Spiegelung und Weg zu unterscheiden. Das Mädchen ist ein besonders hoffnungsloser Fall. Nicht bloß ich, sondern auch der Jahrmarkt selbst hat mittlerweile den Weg unter ihre Haut gefunden, ihr den Kopf verdreht: Sie weiß nicht, wo oben ist und wo unten – und es geht tief, tief nach unten. Sie hat Spaß, weil ihr Kopf noch immer versucht, das Schreien im Wind und die Schatten, die sie aus dem Augenwinkel rasch wieder verschwinden sieht, zu rationalisieren. Gleichzeitig bohren sich ebendiese Beinahe-Wahrnehmungen immer tiefer in ihr Herz, graben tiefer, gieriger nach Blut. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie in den Vordergrund rücken und sich nicht länger als irreal abtun lassen.

Als sie zum fünften Mal gegen einen Spiegel prallt, wird ihre Atmung hektischer. Ich sauge das Gefühl in mich auf wie ein Schwamm. Ihr Herz schlägt so laut, so warm. Sie begegnet ihrem eigenen Blick, die Augen weit aufgerissen, beide Hände gegen die Scheibe gepresst. Kurz sieht sie, was wirklich passiert. Kurz sieht sie die mickrige Gestalt eines Jungen, mit wächsern weißer Haut und dunklen Augen, zusammengekauert im Spiegel. Wörter, die keinen Sinn ergeben, verlassen fortwährend seine Lippen, während die Verwesung sich immer tiefer durch sein Gehirn schlängelt. Kurz sieht sie mich, einen flimmernden Schatten auf ihrer Schulter, bereit zum Schlag. Kurz sieht sie, wie sich die Finger ihres Spiegelbilds um ihre eigenen Hände schließen und ziehen.

Sie lacht, sie schreit. Ich falle kichernd mit ein, und sie schreit lauter.

Ich könnte es hier und jetzt beenden, aber ich halte mich zurück. Es ist immer lustiger, wenn sie den Jahrmarkt verlassen und sich in Sicherheit wiegen. Wenn die Rationalität wieder die Zügel übernimmt und die Ereignisse des Tages sich neu in ihren Köpfen formieren, ähnlich dem Gefühl nach einem guten Horrorfilm: Wie lustig, was der eigene Kopf für Streiche spielen kann. Was für ein außergewöhnlicher Jahrmarkt. Es hat seinen Grund, warum die Menschen immer und immer wiederkommen und unser Ruf uns über die Landesgrenzen hinweg vorauseilt.

Genau wie Mr. Bright es gewollt hat.

Wenige Minuten später ist das Mädchen wieder mit ihren Eltern und ihrem Bruder vereint. Und schon beginnt sie, zu rationalisieren: ängstlich, aber sicher, dass alles Einbildung war. Das ist, möglicherweise, der fatalste Fehler von allen. Wenn sie jetzt sofort gehen würde, bevor mein Griff um ihre Seele tief genug reicht, wäre der heutige Tag wirklich nur das: ein verrückter, leicht gruseliger, aber definitiv spaßiger Besuch auf dem Jahrmarkt.

Sie bekommt einen Cupcake und einen Slushie, und was wäre ein besserer Abschluss für den Tag als ein Besuch des Kettenkarussells? Ich heule mit dem Wind. Ein Sieg. Mein großer Moment ist gekommen.

Als wir ankommen, lasse ich sie für den Moment los und werde wieder eins mit den Stahlträgern, dem bunten Lack, den Kettengliedern und den Sitzen. Das hier ist meine Attraktion. Das hier ist das letzte Spiel.

Der Wind wird stärker, während die Kinder Platz nehmen und angeschnallt werden. Alles an diesem Körper ächzt und quietscht, um sich in Bewegung zu setzen. Eine Fahrt, und dann wird meine Aufgabe für heute erfüllt sein. Dann wird der Geist meines Opfers zerrissen genug sein, damit ich mich dort einnisten kann. Wir werden nach Hause gehen und niemandem wird auffallen, dass wir eigentlich einer mehr sind. Vielleicht werden wir schlafen gehen, vielleicht auch zur Schule, je nachdem, wie lange ich meine Gier zügeln kann. Und irgendwann wird das Gequengel unseres kleinen Bruders zu laut sein, die Anordnungen unserer Eltern zu streng, das geschliffene Messer auf der Küchenanrichte zu verführerisch, zu vertrauenswürdig mit seinem Versprechen, endlich Stille im Haus einkehren zu lassen. Keiner von ihnen wird mehr an den Jahrmarkt denken, wenn es so weit ist. Außer ihr – natürlich. Und dann nehme ich ihre Seele mit mir, tief hinab zum Grund des Brunnens. Eine weitere Seele für Mr. Bright. Eine weitere Illusion, ein Schatten, den du nur aus dem Augenwinkel wahrnimmst, dessen Existenz nur das Kribbeln in deinem Nacken verrät. Eine weitere Seele für den berühmtesten Jahrmarkt der Welt.

Das Kettenkarussell nimmt an Fahrt auf, dreht sich um sich selbst, erst langsam, dann immer schneller. Ich sehe, wie die Rationalität in ihren Augen ein letztes Mal verschwindet, wie all der Horror des heutigen Tages sie mit einem Mal einholt. Im Wind, der an ihren Ohren vorbeirauscht, hört sie Lachen und Schreie und etwas Drittes, irgendwo zwischen den beiden und so unmenschlich, dass der eisige Luftzug sich in ihre Adern verirrt. Ihre Umgebung verschwimmt zu einem Strudel aus Farben; und dennoch: Wenn sie sich ganz genau auf die Säule neben dem Autoscooter konzentriert, ist da kurz noch etwas anderes, das da nicht hinzugehören scheint. Wenn sie versucht, die Stofftier-Gewinne der Schießbude zu erkennen, schiebt sich pulsierend die Welt hinter dem Schleier in den Vordergrund: verdrehte Gliedmaßen, tote Augen, wächserne, faulende Haut. Nur für Sekunden, nie länger – nie auffälliger. Aber es kommt immer näher.

Ihr Schreien geht nahtlos in mein Lachen über. Ich bin das Karussell. Ich bin ein Jäger, ich bin ein Parasit. Ich bin der Schatten, der verschwindet, sobald du dich umdrehst. Ich bin die Grimasse im Spiegel, die zu deinem eigenen Gesicht zurückschmilzt, sobald du blinzelst. Ich bin das Ding, das in deinem Wohnzimmer wartet, wenn du dir sicher bist, die Türen abgeschlossen zu haben.

Mr. Bright hätte es so gewollt, da bin ich mir sicher. Er hatte einen exzellenten Sinn für Spaß.

DIE VERLORENE ZUKUNFT – ELA BLOOM

Zeit ihres Lebens hatte Mutter ihm eingeschärft, die Strecke nur mit einem vollen Tank zurückzulegen. Ebenso lange hatte Camden den Ratschlag abgetan. Nun war er irgendwo zwischen Meridian und Hattiesburg gestrandet. Anderthalb Stunden Fahrt blieben ihm bis Baton Rouge, eine weitere nach Lafayette. Die Strecke von Birmingham kannte er auswendig, die Tankstopps gleichermaßen. Dennoch hatte er sich verkalkuliert.

»In sieben Stunden sind wir da«, bellte ein Mann vom Abschleppdienst am anderen Ende der Leitung, bevor er auflegte.

Die Sonne brannte auf das Auto herab. Camden packte die Wasserflasche und stieg aus. Die Krawatte legte er sorgfältig auf die Rückbank, ehe er die obersten Knöpfe des weißen Hemdes öffnete. Auf dem Weg in den Schatten der nahestehenden Bäume krempelte er die Ärmel hoch.

Kaum hatte er den Waldrand erreicht, überkamen ihn vergessen geglaubte Erinnerungen. Hand in Hand war er mit seiner Schwester Camille durch den Wald gelaufen. Sie waren über umgefallene Baumstämme gesprungen, in Blätterhaufen eingetaucht und hatten Laubengel gezaubert. Das Baumhaus in der Nähe einer Lichtung bildete an den freien Tagen ihren Rückzugsort. Während Camille ein Buch nach dem anderen verschlungen hatte, war er mit Fröschen, Schlangen und Vögeln sowie deren Innenleben beschäftigt gewesen. Camille eröffnete nach dem Studium eine Buchhandlung in Lafayette, Camden wurde Arzt.

Bevor er wusste, was er tat, trat er mehrere Schritte in den Wald. Mit den Fingerspitzen glitt er über Baumstämme, streifte über tiefgrünes Farn, befühlte die Umgebung. Binnen weniger Minuten klebte der leichte Stoff seines Hemdes an ihm. Die schwüle, stickige Luft trieb ihm den Schweiß in das Gesicht. Und die Stechmücken. Bald juckten die Unterarme an mehreren Stellen.

Er wollte im Auto eine Salbe suchen, als ihn kindliches Kichern, schrille Schreie und muntere Musik innehalten ließen. Zwischen den Bäumen machte er etwas Rotes aus. Ein Kontrast zu dem Grün, das ihn umgab. Künstlich wie Schrauben in einem Knochen.

Schon immer hegte er eine Leidenschaft dafür, Dinge zu untersuchen. Camille hatte ihn neugierig geschimpft, er selbst nannte es wissensdurstig. Darum durchquerte er das Waldstück und trat auf eine Lichtung hinaus. Ihr Ende erkannte er nicht, vor ihm versperrte ein hoher Holzzaun die Sicht. Über den weißgestrichenen Brettern erhoben sich drei gelb-rot-gestreifte Spitzen. Darauf thronten rote Fahnen. Sie bewegten sich munter in der sanften Brise, die die schwere Luft des Waldes wegwirbelte. Camden atmete befreit ein. Eine Wolke aus gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und Popcorn zog in seine Nase.

Früher hatte er mit seiner Familie regelmäßig Jahrmärkte besucht. Achterbahnen, Riesenräder und Leckereien hatten seine Kindheit geprägt. So schön die Erinnerung daran war, eine Schwermut überkam ihn, als er dem Zaun folgte.

Vor sieben Jahren hatte er einem runden Bauch davon erzählt, welche Wunder auf Jahrmärkten zu finden waren. Karusselle, Spiegelkabinette, Zukunftssehende. Dazwischen das lebhafte Treiben der Gäste, Kinderlachen, Luftballons und Süßigkeiten. Es war für ihn selbstverständlich gewesen, einem ungeborenen Geschöpf wispernd seine Erfahrungen mitzuteilen. Über gemeinsame Fahrten im Autoscooter oder dem Kribbeln auf dem höchsten Punkt einer Schiffsschaukel.

Bald hatte er den Eingang gefunden. Da er im Augenblick auf den Pannendienst wartete, blieb ihm die Wahl zwischen sechs Stunden Wartezeit und einem Besuch des Jahrmarkts. Camden folgte der Melancholie anstatt der Langeweile. Einen Moment später stand er einer bunt blinkenden Berg-und-Tal-Bahn gegenüber. Mit Camille hatte er Stunden in diesem Gefährt verbracht. Umso größer wurde der Wunsch, ein Ticket zu lösen. Doch Camden war erwachsen, ein Arzt, kein kleiner Junge mehr. Er war zu alt dafür.

Mit einem Seufzen wandte er sich nach links. Noch bevor er die Buden sah, blies ihm ein kühlender Windstoß den Geruch von Frittieröl in die Nase. Churros, Corndogs, Crêpes – die Auswahl an cholesterinhaltigen Leckereien brachten Camdens Magen zum Knurren. Früher hatte er seine Eltern angebettelt, um eine Nascherei zu erhalten. An diesem Tag musste er seinen Kopf davon überzeugen, sich dem Genuss hinzugeben. Das tat er schließlich. Eine Papiertüte mit frischen Churros später setzte er seinen Weg kauend fort.

Er passierte Schießstände, an denen Hauptpreise in Form von großen Plüschtieren in ausgefallenen Farben winkten. Camden wusste gut genug, dass die Gewehre verbogen waren. Direkt ins Schwarze zu treffen war nahezu unmöglich. Dennoch beobachtete er im Gehen eine Gruppe von Jungen in College-Jacken und Mädchen in Schuluniformen dabei, wie sie ihr Glück versuchten.

Das Bild erinnerte ihn an seine Schulzeit. Er hatte Ellen Sue auf ein Date gebeten. Sein ganzes Taschengeld hatte er verballert, um einen überdimensionalen Plüschhai zu erhalten. Am Ende des Tages hatte er keinen Cent mehr in der Tasche und Ellen Sue war lieber mit Eugene Riesenrad gefahren.

Schnaubend spazierte Camden weiter. Hinter einem reich verzierten Kettenkarussell entdeckte er einen Autoscooter. In luftiger Höhe hatten Camille und er einander an den Händen gehalten und gelacht. Auf der Fahrbahn hatten sie sich anschließend wilde Duelle geliefert. Wer weniger Zusammenstöße verursacht hatte, musste die kostspielige Fahrt auf der Achterbahn bezahlen.

Camden warf ihr bloß einen schiefen Blick zu. An diesem Tag lösten die Kurven und Steigungen lediglich Übelkeit in ihm aus. Nachdenklich betrachtete er die Churros. Das Fett bekam ihm wohl nicht.

Er schlenderte zwischen mehreren Kinderkarussellen hindurch. Überteuerte Ticketpreise ließen ihn den Kopf schütteln. Dennoch wäre er selbst hier gestanden und hätte einem kleinen Menschen mit Freuden den Traum von einer Fahrt in einem Feuerwehrwagen ermöglicht. Oder sie wären zusammen die Riesenrutsche laut juchzend hinab gesaust, um am Ende mit »Noch mal«-Rufen erneut hinaufzuklettern.

Seine Augen brannten, während er seine Schritte beschleunigte.

»Du hast die Zukunft verloren«, sagte eine Stimme neben ihm so unerwartet, dass er die Tüte fallen ließ.

Staub und Steinchen machten die Churros ungenießbar. Ein genervtes Knurren verließ Camdens Kehle. Er bückte sich, um das kaum angerührte Gebäck in einen Mistkübel zu werfen.

»Es tut mir leid«, erklang die Stimme. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

Eine Frau mit Augenklappe starrte ihn an. Sie erinnerte Camden an Tante Mel, die durch die Diabetes auf einem Auge erblindet war. Kurz darauf war sie verstorben.

Zusammengekauert hockte die einäugige Frau auf ihrem Schemel vor einem Zelt. Die ausgebleichten Stoffe waren an vielen Stellen zerfetzt und flatterten im Wind. Auch ihre Kleidung bot ein heruntergekommenes Bild.

Da schob sich eine Wolke vor die Sonne, rückte das Zelt und die Frau in den Schatten und erstickte die ohnehin blassen Farben. Camden überkam eine Gänsehaut.

»Was ist dir zugestoßen?« Die Frau hielt eine knöchrige Hand in seine Richtung auf. »Darf ich?«

Wie in Trance tat er zwei Schritte auf sie zu. Es war nicht er, der seinem Arm befahl, sich zu ihr zu strecken. Gleich darauf fühlte er kalte Finger an seinen.

»Weil du die Zukunft verloren hast«, sprach sie sachte weiter, »steckst du in der Vergangenheit fest.«

Camden räusperte sich, fand allerdings keine Worte.

»Du wirst finden, wonach du suchst«, fuhr sie fort. »Doch alles hat seinen Preis.«

Immerhin konnte Camden die Augenbrauen zusammenziehen, wenn er schon seine Stimme nicht wiederfand.

»Das macht zwanzig Dollar.« Die Frau ließ ihn los, hielt ihre jedoch weiterhin fordernd zu ihm erhoben.

»Alles hat seinen Preis«, formte er tonlos mit den Lippen, während er das Portemonnaie hervorholte.

»Vielen Dank, Sir!« Die Handleserin faltete die beiden Scheine und schob sie über den Kragen unter das Kleid. Tante Mel hatte dort stets gebrauchte Taschentücher versteckt. »Komm zurück, falls du wieder etwas verlierst.«

Irritiert steuerte Camden auf eine Gabelung zu. Ein Wegweiser nach links fiel ihm auf. »Wunschbrunnen« war in schnörkeligen Buchstaben darauf gepinselt. Darunter verwies ein Pfeil geradeaus in das »Reich der Spiegel«.

Camden entschied sich für den Wunschbrunnen. Dieser tat sich auf einem kleinen Platz vor ihm auf. Im Hintergrund flatterten die drei roten Fahnen. Sie zierten ein ausladendes Zirkuszelt.

Mutter hatte diese beharrlich gemieden. Ihre Angst vor Clowns war Camden immer befremdlich gewesen. Auch in diesem Moment lächelte er in sich hinein, während er ein älteres Paar in seinem Rücken darüber sprechen hörte.

»Da kannst du allein rein, Schatz«, sagte sie. »Wenn dort Clowns auftreten, brauche ich einen neuen Schrittmacher.«

»Liebes, das weiß ich doch«, erwiderte ihr Begleiter.

Einen Blick über die Schulter später schmunzelte Camden. Die beiden glichen seinen Eltern, waren jedoch um einige Jahre älter. Zumindest nahm er es an. Durch das einfallende Sonnenlicht sah Camden die Gesichter nur schemenhaft.

Mehrere Schritte vor dem Brunnen stoppte er. Das Paar überholte ihn und schlenderte eingehakt in Richtung der Geisterbahn davon. Ein warmes Gefühl breitete sich in Camden aus.

Im nächsten Moment drang ein Schluchzen an seine Ohren. Auf der steinernen Umrandung des Brunnens saß ein Kind. Den Kopf hatte es auf die verschränkten Arme gestützt, die auf seinen Knien ruhten. Braunes Haar fiel über seine Schultern, die das Weinen bebend begleiteten. Niemand schien sich um das traurige Wesen zu kümmern.

»Was ist denn passiert?« Camden trat zögernd näher und ging vor dem Kind in die Hocke. »Suchst du deine Eltern?«

Blitzblaue, tränenüberschwemmte Augen suchten seine. Camden schluckte. Farbe und Form ähnelten jenen, die er seit dem Unfall nur noch ein einziges Mal gesehen hatte, bevor sie für immer geschlossen worden waren.

Das durchaus lebendige Augenpaar vor ihm wurde größer. Gleichermaßen ebbte das Schluchzen ab. Vereinzeltes Schniefen blieb schließlich übrig.

»Wer bist du?«, fragte das Kind verwirrt.

»Camden«, stellte er sich vor. »Wie heißt du denn?«

»April!«

Er schnappte nach Luft, strauchelte und sank auf den Boden.

April.

Diesen Namen hatten sie sich ausgesucht. Oder May, je nachdem, wann sie auf die Welt gekommen wäre. Camden hatte die Stillgeburt allerdings nicht benannt. Allein hatte er es nicht über das Herz gebracht.

Helles Kichern holte ihn in die Realität zurück.

»Hast du etwa einen Geist gesehen?« April schien über ihre eigenen Worte herrlich amüsiert.

»Du erinnerst mich an jemanden«, murmelte Camden.

»Aha«, machte April und stand auf. »Du erinnerst mich an meinen Papa.«

»Aha«, erwiderte Camden im gleichen schnippischen Tonfall. »Fragst du mich jetzt um Geld für den Wunschbrunnen?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Dort hab ich schon was reingeworfen. Ich wünsche mir, dass mein Papa mit mir Achterbahn fährt.«

Camdens Blick glitt zu dem Holzgerüst, das sich links hinter den Kinderattraktionen erhob.

»Wie alt bist du denn?«, wollte Camden wissen.

»Sieben Jahre«, antwortete April.

Mit zusammengepressten Lippen musterte Camden das Mädchen. Die braunen Haare, die blauen Augen, das Alter. Es hätte seine April sein können. Dann besann er sich: April musste Eltern haben. Keine Siebenjährige war allein auf einem Rummel unterwegs. Niemals wäre er von der Seite seines eigenen Kindes gewichen. Doch er war kein Vater. Er hatte seine Familie nicht beschützen können. Umso mehr drängte es ihn, April zu helfen.

»Wir suchen jetzt deine Eltern«, bestimmte er.

»Die müssen arbeiten.« Sie zog eine Schnute. »Im Spiegellabyrinth.«

Entweder hatte sie eine ausgeprägte Fantasie oder sie sagte die Wahrheit. Camden nahm das Zweite an.

»Okay.« Er stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. »Du bist allein, ich bin allein. Wir fahren einmal zusammen in der Achterbahn.«

Quietschender Jubel brach aus. Einen Herzschlag später schlang sie ihre Arme um ihn. Er tätschelte hilflos ihren Kopf. In seiner Brust entflammte ein längst verdrängtes Brennen. Aufwühlend und warm zugleich. Zum letzten Mal hatte er es empfunden, nachdem ihm Barbara den positiven Schwangerschaftstest gezeigt hatte.

»Danke!«

April führte ihn in die Realität zurück. Sie packte seine Finger, zog ihn mit sich und er hinderte sie nicht daran. Jedoch nicht zu der riesigen Holzachterbahn, sondern zu einer Hochschaubahn in unmittelbarer Nähe. Camden lächelte, als er das kindliche Fahrgeschäft ausmachte. Tierfiguren zierten den Eingang und die wie ein Wald gestaltete Strecke.

»Noch mal!«, bat April eine rasante Fahrt später. »Bitte!«

Camden hatte Mühe, der bettelnden Aufforderung auszuweichen. Zu groß war die Verlockung, April erneut eine Freude zu bereiten. Darum stiegen sie ein zweites Mal in den Wagen. Sogar zu einer dritten Runde ließ sich Camden überreden.

Anschließend spendierte er seiner quirligen Begleiterin eine Portion Zuckerwatte. Er ließ es sich nicht nehmen, selbst davon zu naschen.

»Warum bist du eigentlich zu uns gekommen?«, fragte April, während sie zwischen den Fahrgeschäften spazierten.

»Ich war auf dem Weg in meine Heimatstadt Lafayette«, erzählte Camden ihr. »Meine Schwester hat morgen Geburtstag und wir feiern jedes Jahr zusammen.«

Bewusst verschwieg er dem Mädchen, dass Camilles Feiertag zugleich der Todestag von Mutter war. Nur wenige Tage danach war ihr Vater gefolgt. Acht Monate darauf war Camdens Welt erneut erschüttert worden.

»Wollen wir Pirat spielen?« Aprils vorfreudiges Grinsen riss ihn aus den trüben Gedanken.

Auf seiner Zunge brannte bereits ein überzeugtes »Nein«. Dann holten ihn die Worte der Einäugigen ein: »Du wirst finden, wonach du suchst.«

Hatte sie April gemeint? Waren diese Minuten mit ihr eine Vision dessen, wie Camdens Leben hätte aussehen können? Jene verlorene Zukunft, um die er sieben Jahre lang getrauert hatte?

»Bitte spiel mit mir Pirat!« Aprils Unterlippe schob sich vor. »Bitte!«

Resigniert seufzte Camden, bevor er nickte. Sogleich quietschte April voller Begeisterung und langte erneut nach seiner Hand. Sie führte ihn zu einem Kiosk. Süßigkeiten und Stofftiere, Karten und Kostüme, Andenken und Absonderlichkeiten gab es hier zu erstehen. April griff zu einem mit einem Totenkopf verzierten Hut.

»Der ist für dich!«, bestimmte sie. »Ich will einen Papagei.«

Camden widersprach nicht, sondern bezahlte die von April gewählten Utensilien. Anschließend steuerten sie auf die Schiffsschaukel zu. Das Bauchkribbeln holte Camden ein, ehe sie überhaupt Platz genommen hatten. Ganz außen, um möglichst viel Schwung abzubekommen. Auf dem höchsten Punkt, kurz bevor das Gefährt in atemberaubender Geschwindigkeit zur anderen Seite schwang, ergriff der Fahrtwind Camdens Hut. Salto schlagend wirbelte er auf und davon.

»Das macht nichts«, meinte April leichthin, während sie die Schiffsschaukel verließen. »Ich hab noch einen. Wir holen den für dich!«

Und so hielten sie auf das Spiegellabyrinth zu. Die Kasse war geschlossen. Während April hinter der Attraktion verschwand, sah sich Camden um. Trotz des Schilds »Außer Betrieb« zog Kunstnebel durch die Gänge im Inneren des Labyrinths. Camden trat verwundert näher, legte die Hände an die Außenscheibe und lugte hinein. Ein Schatten huschte im Hintergrund vorbei. Erschrocken sprang Camden sogleich zurück.

Das war April, beruhigte er sich selbst. Erneut erregte eine Bewegung seine Aufmerksamkeit. Ein Schemen, der sich aus dem Nebel erhob.

»Hier!«

Camden erschauderte. Neben ihm stand April mit einem weiteren Piratenhut und grinste zufrieden. Sofort zuckten Camdens weit aufgerissene Augen zurück zu den Spiegeln.

Dort war sie. Kein Schemen, sondern Barbaras Ebenbild. In diesem leichten Kleid, das sie anstelle des traditionellen weißen angezogen hatte. Um es auch nach der Hochzeit zu tragen.

Noch einmal legte er die Finger an die Scheibe. Voller Hoffnung, sie festzuhalten. Doch es handelte sich um eine Erinnerung, ein Hirngespinst. Die Reflexion seines eigenen Körpers in den Spiegeln zwischen Nebel und Schatten. Barbara würde nie wieder vor ihm erscheinen. Keinen liebevollen Blick würde sie ihm mehr zuwerfen. Sein Gesicht nicht umfassen oder ihm durch das Haar streichen. Ihre Stimme war verklungen, ihr Körper verbrannt. Und bald würde das Trugbild verblassen.

Seine Hand fiel von der Scheibe und er schloss die Augen. Etwas kitzelte ihn an der Wange. Er wischte sich darüber. Eine Träne, der eine weitere folgte.

»Weil du die Zukunft verloren hast, steckst du in der Vergangenheit fest.«

Viel zu fest, bemerkte Camden und holte tief Luft. Eine Halluzination. Bestimmt hatte ihm die Sonne zugesetzt. Schließlich war er seit dem Eintreffen auf dem Jahrmarkt mit Erinnerungen erfüllt gewesen. Kein Wunder, dass er schlussendlich bei Barbara gelandet war. Das musste ein Ende nehmen. Er durfte nicht länger in der Vergangenheit leben und sich eine Zukunft ausmalen, die er niemals erfahren würde. Auch diesen Ort sollte er verlassen. Mit ihm die Sehnsucht, um sich die positiven Erinnerungen zu behalten und in eine aussichtsreiche Zukunft zu starten.

»Wo gehst du hin?«, fragte April.

»Heim«, sagte Camden mit bebender Stimme.

»Bleib doch bei uns.«

Stumm ging er in die Hocke und betrachtete das entzückende Gesicht vor sich. April hatte Barbaras Augen, das Leuchten darin. Die Lebhaftigkeit, ihre bestimmende Art. War das Mädchen eine weitere Einbildung? Ein Traum?

»Das darf ich nicht«, sagte er leise. »Die Vergangenheit hat mich zu lange begleitet. Jetzt muss ich in die Zukunft schauen.«

Nachdenklich schob April ihm den Hut auf den Kopf. »Die du verloren hast?«

Camden nickte und richtete sich auf. Er durfte hier nicht länger verweilen. Er musste fort. Schluckend warf er einen letzten Blick auf das Spiegellabyrinth und das Mädchen.

»Bitte, verlass mich nicht!«, rief ihm April hinterher, während er mit schnellen Schritten auf den Ausgang zuhielt. »Papa, bleib bei uns!«

Eine Gänsehaut jagte bei den Worten über seinen Rücken. Für einen Herzschlag überlegte er, umzukehren. Obwohl er ganz genau wusste, dass er sich April und Barbara einbildete. Dass nichts davon real war.

Dann besann er sich. Er eilte an dem Zaun entlang und zurück in den Wald. Kaum tauchte er zwischen den Bäumen ein, verstummten die Klänge des Rummels. Kein Kichern, keine Schreie, keine Musik erreichten ihn mehr. Als er sich umsah, erkannte er auch das rot-gelbe Zelt nicht länger.

Bald stolperte er auf die Straße hinaus. Im Schatten seines Autos sank er zu Boden, stemmte die Arme auf die angewinkelten Knie und stützte den Kopf darauf. Dort saß er, bis die Dämmerung heraufzog. Sie brachte den Abschleppwagen mit sich.

Ein älterer Herr in einem Blaumann nahm sich dem Wagen an.

»Sind Sie ein Spinner?«, wollte er von Camden wissen und deutete sich an den Kopf.

»Nein«, antwortete Camden und schüttelte den seinen.

Etwas fiel dabei neben ihm zu Boden. Überrascht bückte er sich. Er hielt den Piratenhut in Händen.

»Veranstalten Sie Kindergeburtstage?«, fragte der Mechaniker weiter, während er sich am Auto zu schaffen machte.

»Nein«, wiederholte Camden irritiert. »Den Hut habe ich auf dem Jahrmarkt da hinten geschenkt bekommen.«

»Doch ein Spinner«, murmelte der Mann. »Den Platz haben die vor Jahren geschlossen.«

LEBENSFRAGMENTE – PIA BARDENHAGEN

Lass mich dir von meinem ersten Tod erzählen:

Auf den rostigen Schienen der Geisterbahn hauche ich das Leben aus. So lange habe ich mich diesem Ort ferngehalten, habe die Gefahr gespürt, die wie zähflüssiger Nebel aus dem Gebäude sickert. Nun bin ich ihm doch zum Opfer gefallen. Nein, habe mich selbst geopfert.

Von außen wirkt das Fahrgeschäft harmlos. Zwei Türme mit zahnbewehrten Mäulern, die wackeln, wenn sie einen Wagen quietschend ausspucken. Die Geistergesänge und das Wehklagen vom Tonband klingen zu künstlich verstärkt, als dass sie wahres Grauen auslösen. Wer auch immer diese Bahn erbaut hat, hat zu wenig vom Horror des echten Lebens verstanden. Die Zombies, Gespenster und Monster aus Pappmaché bewegen sich zu ruckartig an ihren mechanischen Vorrichtungen vorwärts. Sie entlocken nur den kleinsten Menschen einen unverfälschten Schreckensschrei.

Die Erwachsenen hingegen lachen spöttisch, wenn sie am Ende der Fahrt angelangt sind. Oder ziehen lange Gesichter und schimpfen über den billigen Grusel.

Weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um die Gefahr wahrzunehmen.

Ich jedoch habe lange genug auf dieser Welt geweilt, um meinen Instinkten zu vertrauen. Sobald ich mich der Geisterbahn nähere, zuckt mein rechtes Bein warnend. Mein Körper schreit Gefahr. Also bin ich ihr bisher ferngeblieben.

Bis der Überlebenstrieb von einem weitaus stärkeren Instinkt vertrieben wird.

Mutterliebe.

Denn das Fiepen und Klagen, das aus der Geisterbahn dringt, ist ein Geräusch, dem ich selbst an die Schwelle des Todes und darüber hinaus folgen werde. Der Schrei meines eigenen Kindes.

Fine.

Es ist nicht ihre Schuld. Sie ist jung und unschuldig und die Gerüche in den schwarzen Stoffbahnen zu verlockend, um sie nicht zu erkunden. In einem der ruckelnden Wagen sitzend mag man die Ausdünstungen für ranzigen Kleber und Papier halten, doch auf dem Boden wabert die Wahrheit. Aus Pappmaché und Kleber wird Verwesung. Dunkelheit, die in besonders feinen Nasen kitzelt. In einer Nase wie der meiner Fine.

Die Geisterbahn ist harmlos. Bloß an manchen, an den dunklen Tagen verschluckt sie eine Seele. Dann kommt ein Menschlein heraus, das sich leer geschrien hat. Das den Rest des Tages die Hand des Elternteils umklammert und bei jedem Schatten zu zittern beginnt. Auf den Armen der Erwachsenen muss es nach Hause getragen werden, wächst irgendwann selbst zu einem der Großen heran. Einem Großen mit toten Augen und Eis in der Stimme. Seine Seele hingegen verwest zwischen den Schienen. Denn eine Geisterbahn braucht Geister. Nicht viele. Nur genug, um die Mechanik am Leben zu erhalten; die Wagen am Rattern; die Zombies am Stöhnen und die Gespenster am Wehklagen.

Nun ist es Fine, die wehklagt. Die schreit. Tief in der hintersten Ecke, in der unter grellblauem Neonlicht ein Friedhof mit blutverschmierten Kreuzen aufleuchtet.

Und ich bin ihren Schreien gefolgt. Habe mich zwischen den Wartenden hindurchgeschlängelt, das Ächzen der Schienen hinter mir gelassen und bin in die Schatten getaucht.

Die Schatten, die mir ein Leben lang »Bleib fern von uns« zugewispert haben.

In der Kurve vor dem Friedhof halten die rissigen Schienen und künstliche Spinnweben meine Fine gefangen. Sie zappelt hilflos und verfängt sich weiter in dem Metall. Ganze Haarbüschel kleben daran. Sie kreischt ihr Gefängnis an.

Hinter uns kreischt etwas anderes. Der nächste Wagen. Eine vierköpfige Familie sitzt darin, gluckst und kichert, als Frankensteins Monster von Blitzen erhellt wird. Die Tochter quietscht beim Anblick des Schleimwesens, das aus seinem Sumpf kriecht. Eine Talfahrt später und zwei ruckelige Abbiegungen – und sie werden den Friedhof erreicht haben.

Eine Mutter darf keine Lieblinge unter ihren Kindern haben. Aber du musst mir verzeihen – jetzt, im Augenblick meines Todes –, wenn ich gestehe, dass ich Fine besonders verhätschelt habe. Sie ist die Kleinste. Die mit der hellsten Farbe. Mit einer Stimme, bei deren leisen Tönen sich mein Herz verkrampft.

Mama, Mama, Mama, Mama … Ein Hilfeschrei. Eine Hoffnung. Eine Liebkosung. Ein Befehl.

Ich gehorche ihm, ohne eine Sekunde zu zögern.

Der Wagen ist zu nah, Fine zu sehr verheddert in der Kurve und mein Körper groß genug, um Räder zu stoppen.

Nicht sie. Nicht Fine, fauche ich die Schatten an. Nimm mich.

Aus dem fröhlichen Quietschen der Tochter wird ein Brüllen.

Und dann Schmerzen, die mich überrollen. Sie brechen meine Knochen, schieben mich meterweit auf den Schienen vorwärts, näher an mein Kind heran, das aufgehört hat zu jammern. Ich stemme mich gegen den Schmerz.

Nicht sie. Mich.

Der ausgelassene Grusel der Familie klingt ab. Alle schreien durcheinander. Ich verstehe nicht, was sie rufen. Es interessiert mich nicht. Der Wagen bremst.

Mein Körper bremst ihn ab. Kämpft gegen den Vorwärtsschwung und siegt. Fine starrt mich aus weit aufgerissenen Augen an.

Mama. Mama!

Langsam blinzele ich sie an. Alles ist gut, mein Kind. Sogar meine Augenlider schmerzen. Die Schatten drücken sie mit all ihrer Kraft zu und ich gebe ihnen nach. Ein letzter Atemzug füllt meine Lunge, vermischt mit dem kupfernen Geschmack von Blut. In Zukunft wird sich Fine von diesem Ort fernhalten. Vielleicht wird ihre Nase unheilvoll zucken, wann immer sie sich ihm nähert. So wie mein rechtes Bein, das jetzt zu keiner Bewegung mehr fähig ist.

Der Schmerz vergeht. Er verlässt mich mit einem Seufzen und dem Wissen, dass mein Kind in Sicherheit ist. Trotz der Qual ist mein erster Tod ein friedlicher gewesen.

Ganz im Gegensatz zu meinem zweiten.

Das zweite Leben beginnt friedlich wie der Tod. Meine Kinder haben mich vergessen. Sie sind groß geworden, haben die Freiheit gesucht und gefunden und den Ort meines Sterbens verlassen. Nur Fine ist geblieben, streunt um die Fressstände herum und hat sich dank ihrer Kulleraugen und der leisen Stimme ein rundes, dickes Bäuchlein angefuttert. In die Nähe der Geisterbahn traut sie sich nicht mehr.

Gut. Eine Lektion ist alles, was dir dieses Leben schenkt. Du weißt das vermutlich besser als alle anderen.

Ich habe meine ebenfalls gelernt, mir ein Revier bei der Achterbahn gewählt und bin zu einer der vielen Seelen geworden, die Tag für Tag über den Jahrmarkt huschen. Seit ich in der Geisterbahn gestorben bin, ziehe ich das rechte Bein nach. Es schmerzt unablässig, die Knochen sind schief zusammengewachsen und rauben meinen Bewegungen die Mühelosigkeit der Jugend.

Das ist in Ordnung. Ich bin älter geworden. Meine Kinder brauchen mich nicht mehr und ich kann mir die fehlende Schnelligkeit erlauben.

Heute ist ein kraftzehrender Tag. Der Jahrmarkt ist unruhig und seine Unruhe treibt mich aus den gewohnten Verstecken. Der Lärm ist zu laut, die Gerüche zu intensiv. Mein Magen knurrt. Aber das zuckrige Gebäck, die klebrigen Fäden, die aussehen wie Spinnweben, und die knusprigen Baumfrüchte befriedigen ihn nicht. Ich will etwas Frisches. Etwas Lebendiges.

Meine Beute bewegt sich zu schnell. Ich hetze ihr hinterher, ein Sprung nach dem anderen bringt mich dem Ziel näher. Nie nah genug. Es ist zu heiß. Der Rummel zu gut besucht. Schon verschwindet meine Mahlzeit mitten zwischen den Fahrgeschäften und Süßigkeitenständen. Beim letzten, nur halbherzigen Sprung bohrt sich eine Scherbe in mein ohnehin lädiertes Fleisch.

Abgeschlafft und hungriger als zuvor schleppe ich mich in den Schatten zwischen dem Schießstand und der Losbude und lecke gekränkt meine Wunden. Meinen verletzten Stolz.

Der zweite Tod nähert sich mir in der Form eines grölenden Trupps Heranwachsender. Sie sind zu fünft, haben sich zu einem untrennbaren Grüppchen zusammengerottet und prahlen lautstark über ihre Heldentaten. Wie sie den Jüngeren mit ihrer rüpelhaften Art Angst auf der Berg-und-Tal-Bahn eingejagt haben. Wie die Grundschulklasse gequietscht hat, als sie diese von hinten überfallen haben. Wie kindisch die Gruselattraktionen sind und wie sehr sie sich deshalb langweilen.

Mädchen sind auch unter ihnen. Zwei. Ich habe die weiblichen Menschen bisher als ruhiger und unaufdringlicher wahrgenommen. Diese hier nicht. Sie reißen die lautesten Zoten und ihre Stimmen hallen über das Gelände. Eine hat besitzergreifend den Arm um den Größten – den Anführer? – gelegt und fällt den anderen immer ins Wort.

Auf Stofftiere zu schießen sei langweilig, behauptet sie, als alle fünf vor der heruntergekommenen Bude ankommen.

Mit einem gespielten Gähnen nickt ihr Freund. Sie sind ja keine kleinen Kinder mehr.

Die Besitzerin des Schießbudenstandes knibbelt Dreck unter ihren Fingernägeln hervor. Sie grinst. Ein Grinsen, das keine Freude im Gegenüber weckt. Nur einen eiskalten Schauder. Worauf die Gruppe denn sonst schießen möchte? Auf echte Tiere?

Ihre Frage löst einen Tumult an Kichern und Grölen aus. Als hätte die Frau einen Scherz gemacht. Dabei ist ihr Tonfall nicht im Geringsten humorvoll.

Die Teenager brauchen länger als ich, um die Anspannung wahrzunehmen. Dann erlischt ihre Freude jäh.

Der Anführer raunzt eine Ablehnung, gestikuliert groß umher. Schießen wollen sie nicht, lieber sich selbst abschießen. Mit Zigaretten und Alkohol.

Die Frau mit ihren Gewehren macht anstandslos Platz. Sie grinst noch immer. Sie weiß, dass ihre Worte wie ein Schuss sind, der direkt ins Schwarze getroffen hat. Ich weiß es ebenso. Und du – du hast es bereits zu Beginn dieses Tages gewusst, nicht wahr?

Trotzdem stemme ich mich hoch, jaule zwischen zusammengebissenen Zähnen, weil der Schmerz so sehr glüht, dass er mir den Atem raubt, und schaffe einen einzigen taumelnden Schritt. Dann kippe ich um.

Schon sind sie bei mir, umzingeln mich, ohne mich zu bemerken. Bierflaschen kreisen in der Runde. Ein Feuerzeug flammt auf, gleich darauf stinkt die Luft nach Asche, Teer und dem durchdringenden Geruch, von dem mir jedes Mal schlecht wird. Ich würge. Kann den kläglichen Laut nicht in mir halten.

Sofort bin ich das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.

Einer mit feuerorangem Haar mustert mich von oben bis unten. Da hat die Alte wohl eins von ihren Stoffdingern im Dreck vergessen.

Er tritt aus. Trifft mich. Ich krümme mich zusammen, zische vor Schmerz, weil er sich nicht unterdrücken lässt.

Dass das Stoffding sogar Geräusche macht, amüsiert sie sehr.

Eines nach dem anderen treten die Kinder zu. Kinder … Es sind noch Kinder, auch wenn bei einem zwischen Pickeln am Kinn erste Bartstoppeln sprießen und die mit der lauten Stimme ihre Brüste in einem engen Shirt betont. Es sind Kinder, weitaus weniger erwachsen als meine eigenen, und sie sehen, was Alkohol und Rauch sie sehen lassen. Und die Illusionen, welche die Worte einer bewaffneten Frau geschaffen haben. Es sind nur Kinder …

Irgendwie komme ich in die Höhe, wanke aus ihrem tödlichen Dunstkreis heraus, renne, laufe, stolpere und knicke ein weiteres Mal um. Ein letztes Mal. Noch einmal werde ich nicht aufstehen.

Die Gruppe frohlockt bei meinen Bewegungen, ist völlig in ihrem Rausch gefangen. Was wir sehen, ist oft, was wir sehen wollen. Sie stacheln sich gegenseitig weiter an, bis Steine in meine Richtung fliegen. Steine. Hätten die Kugeln aus den Gewehren wohl weniger geschmerzt?

Spitz und kantig explodiert etwas in meinem Auge. Direkt danach explodiert die Qual, während sich mein Sichtfeld schlagartig trübt. Nach und nach zieht die Dunkelheit herauf. Sie wird mich mitnehmen. Tu es schnell.

Um mich herum regen sich die Schatten des Jahrmarktes. Mit ihnen wachen auch die Heranwachsenden auf. Der Schleier der Illusionen lüftet sich. Grell schreit jemand von ihnen auf. Dann ein Schluchzen. Keuchendes Atmen und würgende Geräusche, als sich der Großspurigste von ihnen übergibt. Der Schock seiner Freundin bricht in wortlosem Geschrei aus ihr heraus.

Der Orangehaarige hat noch Silben. Aber er stößt sie aus, als wären es Scherben, die seine Zunge zerschneiden. Unablässig brabbelt er vor sich hin, schüttelt den Kopf und Tränen befeuchten seine Stimme. Es sind nur Kinder. Sie haben es nicht besser gewusst.

Mein Leben tropft aus mir heraus. Die Qual erstickt jedes Mitleid. Erstickt alles. Blut rinnt aus dem zertrümmerten Auge zwischen meine Zähne. Auch daran ersticke ich.

Leise Schritte nähern sich. Warme Arme schließen mich in eine letzte Umarmung, heben mich hoch und mein rotgetränkter Blick erkennt die Besitzerin der Schießbude. Ihr Name ist Maarika, sie hat ihn mir verraten, als wir uns einen Fisch am Grill geteilt haben. Nun fällt er mir wieder ein. Maarika, meine Henkerin. Kein Grinsen ist mehr auf den Lippen zu erkennen. Nur ein Lächeln. Eines, das Trauer bedeutet.

Verzeih, kleine Freundin, sagt es stumm. Ihre Umarmung verspricht, dass die fünf die Erinnerung an mich für immer in sich tragen und in Zukunft besser mit dem Leben anderer umgehen werden.

Und dafür habe ich mit meinem Leben bezahlt? Mit meinem Schmerz?

Maarika streichelt über meinen blutigen Kopf. Wir müssen alle bezahlen, ob ich das denn nicht wisse. Sie selbst wird die Nächste sein.

Ich weiß, dass wir alle zahlen müssen. Die Sicherheit auf unserem Jahrmarkt – sie hat ihren Preis. Manchmal zahlen ihn die Menschen, die uns besuchen; manchmal sind es diejenigen, die für unsere Gemeinschaft arbeiten.

Früher bin ich so naiv gewesen, dass ich geglaubt habe, ein Tod würde ausreichen. Ein Opfer und danach ewiger Frieden.

Diese Naivität habe ich verloren. So wie mein linkes Auge, das die Welt mit einem weißen Schimmer überzieht. An manchen Tagen lässt sie sich dadurch besser ertragen. Besonders an dem Tag, an dem Maarika ihre Waffe mit echter Munition lädt und ein letztes Mal grinst. Als der scharfe Gestank nach Schießpulver verflogen ist, hat sie keinen Mund mehr, mit dem sie grinsen kann.

Lange Zeit trauern die Schaustellerinnen und Budenbesitzer um ihren Fortgang. Ich trauere auch. Doch sie hat ihren Preis gezahlt.

Und ich habe ein drittes Leben, das ich nicht verschwenden möchte. Es ist ein gutes Leben. Manchmal begegne ich meinen Urenkelkindern, dann lasse ich mich mit etwas Fleischbrühe und -Brocken besänftigen und genieße die Vorherrschaft auf dem Markt. Ich habe sie redlich verdient, trage die Kampfnarben mit Stolz und sonne mich in dem Respekt, den sie mir entgegenbringen. Ab und an tanzt eines der Kleineren aus der Reihe, sie wollen sich behaupten, zeigen, wie viel sie wert sind. Ein paar gezielte Hiebe und im Ernstfall ein Biss – schon ist die Rebellion vorbei.

Seid nicht ungeduldig, junge Strolche. Eure Zeit kommt früh genug.

So wie meine zu Ende geht.

Es ist meine eigene Schuld. Zu sehr gefalle ich mir in der selbstgewählten Rolle einer Heldin, als dass ich die Frau mit der blumenbedruckten Bluse und dem Seidenhaar allein in die Gondel des Riesenrades steigen lasse. Sie ist nicht wirklich allein. Ein Mann begleitet sie, ein Mann mit strahlend weißen Zähnen unter einem dichten Bart und einer Hand an ihrem Rücken. Sie ist nicht allein in der Gondel, aber ohne mich wäre sie allein mit ihm.

Nicht auf meinem Jahrmarkt. Nicht, solange ich lebe.

Flink dränge ich mich an der Schlange der Wartenden vorbei, quetsche mich im letzten Moment durch die Tür und hüpfe auf die Bank gegenüber von dem Pärchen.

Nein. Raus! Der Typ wedelt genervt mit den Händen.

Aber seine Freundin schmunzelt. Schmeichelt ihm, damit er mich nicht vertreibt. Eine mehr oder weniger, das macht keinen Unterschied.

Es macht einen Unterschied. Heute schon.

Er wird ungehalten. Schnauzt mich an, schnauzt sie an.

Cahya nennt er sie und Schätzchen. Sie bleibt bei ihrer Meinung, lehnt sich an seine Schulter, lächelt ihn an. Dass ich so gern mitfahren möchte, sieht man doch, warum es mir verwehren?

Auffordernd wendet der Mann sich an den Mitarbeiter, der mit den Schultern zuckt. Er kennt mich. Auf dem Rummel kennen mich alle und sie wissen, dass es einfacher ist, mir meinen Willen zu lassen. Die Tür schließt sich. Ruckelnd setzt sich das Riesenrad in Bewegung.

Die Höhe und ich, wir sind keine Freundinnen. Ich kauere mich auf der Bank zusammen, schließe das gesunde Auge und Weiß verschleiert meine Sicht. Die beiden mir gegenüber kümmern sich nicht mehr um mich. Sie sind mit sich selbst beschäftigt. Nicht mit der Aussicht. Dabei hätten sie bei der zweiten Runde, als unsere Gondel direkt an der Spitze hält, die beste Aussicht über das gesamte Festgelände.

Würden die Welt von oben sehen wie nie zuvor.

Mir reicht ein winziger Blick. Ich gehöre auf den Boden. Nicht in die Luft. Hätte ich in dieser Höhe etwas zu suchen, hätte ich Flügel.

Aber ich habe eine Aufgabe.

Mund berührt Mund, Zunge schlingt sich um Zunge. Seine Hände sind in ihrem Seidenhaar, ihre liegen auf seiner Brust. Sie drücken. Erst kurz, gleich darauf fester. Er grunzt, stemmt sich gegen ihren Druck.

Cahyas Protest versandet in seinen Lippen, die nicht von ihren weichen wollen. Sie gibt auf, alle Spannung verlässt ihren Körper. Ihren Körper, allerdings nicht die Augen. Die sind weit aufgerissen. Er hat seine geschlossen, brummt genüsslich und seine Hände wandern. Eigentlich dürfen sie das nicht, aber er fragt nicht.

Ein zweiter Protest. Dieses Mal lauter.

Ich richte mich auf. Bin nicht sicher, ob er Widerstand oder Hilferuf bedeutet. Beides? Die Nuancen in den Stimmlagen sind mir oft zu fremd, um sie sofort zu verstehen.

Jetzt packt sie nach seinen grabschenden Fingern und zerrt sie von sich. Sie hat ihren eigenen Mut gefunden. Mut gegen Gewalt – ein unfairer Kampf.

Geifernd beschimpft er sie, schubst sie nach hinten und seine Muskeln türmen sich wie Berge an den Oberarmen auf. Er ballt die Faust. Den ganzen Tag hat er alles gezahlt, nun steht ihm wohl eine Belohnung zu.

Cahya öffnet den Mund. Die Faust des Mannes kracht dagegen.

Noch während sie aufschreit, springe ich, lande in seinem Gesicht, halte mich an seinem Bart fest und zerkratze jedes Fitzelchen Haut, das ich erwische.

Mit einem Brüllen schießt er hoch, reißt an mir, doch ich lasse nicht los. Gemeinsam torkeln wir durch die Gondel. Sie torkelt mit uns. Schwingt hin und her. Immer mehr. Das Riesenrad knarzt. Cahya schluchzt. Er brüllt erneut, Schock und Wut dröhnen aus seiner Kehle.

Wir krachen gegen die Tür. Wie ein Parasit hocke ich auf seinem Kopf, versperre ihm die Sicht und kralle mich mit letzter Kraft fest. Seine Hände sind so viel größer, sie zerren an mir. Ich spüre, wie mein Halt nachgibt.

Dann, wie unser Halt nachgibt. Das winzige Schloss an der Tür ist nicht für das Gewicht eines ausgewachsenen Mannes gedacht, nicht dafür ausgelegt, diesem in Schieflage standzuhalten. Mit einem Ächzen löst es sich.

Die Tür klappt auf. Entlässt uns in die Freiheit.

Ich fliege. Nein. Ich habe keine Flügel. Ich falle.

Aber ich nehme ihn mit.

In das vierte Leben nehme ich nichts mit. Ich bin müde.

Meine Beine wollen sich kaum bewegen, die Nase erschnuppert keine Gerüche mehr und sogar Tage ohne etwas zu essen interessieren meinen Magen nicht. Die Einsamkeit dieser Jahre drückt mich nieder. Ich habe keine Familie mehr. Bin ich gestern noch gefeiert und verehrt worden, interessiert sich heute niemand mehr für mich. Für heldenhafte Taten fehlt die Energie. Die Gesichter der Menschen an den Fahrgeschäften sind fremd geworden. Im tiefen Labyrinth der Spiegel sehe ich ausschließlich mich selbst. Hundertfach vervielfältigt und doch nur eins. Ich bin müde.

Ich warte. Auf dich? Nein. Du wirst nicht kommen. Es ist nicht deine Zeit.

Stattdessen biegt ein Junge um die Ecke, die Schritte tapsend und testend, die Nägel klackern über das Glas und das Geräusch weckt seine Begeisterung. Sie zeigt sich in einem immer breiteren Lächeln voller Unschuld auf den Lippen. Er ist in seiner eigenen Welt. Und ich bin dieser Welt überdrüssig geworden.

Eigentlich sollte er keine Gefahr für mich sein. Doch trägt er zwar eine menschliche Haut, das Wesen darunter aber ist ein Jäger. Wie ich. Ich blicke durch die Maske, wundere mich, dass die Menschen um ihn herum nicht zurückzucken, wenn er an ihnen vorbeigeht. Sie lassen sich zu gern täuschen. Verfallen lieber dem glänzenden Bild im Spiegel, anstatt sich dem wahren Ich zu stellen. Und sein Spiegelbild ist harmlos: klein und neugierig und wie ein Wirbelwind auf zwei Beinen.

Äußerlich ein Menschenkind. Innerlich ein Monster. Sie gesellen sich an manchen Tagen unter die Menschen, gehen in deren Masse unter und jagen. Hier auf dem Jahrmarkt finden sie immer ein Opfer und die Schatten lassen sie gewähren, schließlich bekommen sie ihren Anteil an der Ausbeute.

Er entdeckt mich, bleckt hungrig die Zähne, doch ich bin keine geeignete Beute für ihn. Zu winzig. Zu mager.

Der Hunger in seinen Augen erlischt nicht, als die Hände sich zu mir ausstrecken. Nicht gierig. Fragend.

Ich fürchte mich nicht vor ihm. Monster oder Mensch, für mich macht das keinen Unterschied – es gibt Gute und Böse auf beiden Seiten und zu oft habe ich die Untaten des Guten miterlebt. Auch in ihm steckt ein Kind, das sich nach Liebe sehnt. Das Liebe geben möchte.

Seine Krallen streichen behutsam über meinen Körper, viel sanfter, als es ein Mensch jemals zustande brächte, und ich schmiege mich an ihn, lasse meinen Kopf kraulen und schließe die Augen.