Dark Kiss - Michelle Rowen - E-Book

Dark Kiss E-Book

Michelle Rowen

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7,99 €

Beschreibung

Gefährliches? Oh nein, nicht mein Ding. Übervorsichtig, unauffällig - das bin ich, Samantha. Zumindest war ich das. Bis ich durch einen leidenschaftlichen Kuss eine "Gray" wurde. Seitdem hat sich etwas geändert. In mir tobt ein Hunger, der nichts mit Essen zu tun hat. Und nur wenn ich anderen ihre Seele raube, kann ich ihn stillen. All dies weiß ich von Bishop. Zuerst hielt ich ihn für einen verwirrten Straßenjungen, aber er ist ein Engel, in einer gefährlichen Mission zur Erde gesandt. Denn das Böse, das mich zur "Gray" gemacht hat, muss bekämpft werden. Ich kann nur hoffen, dass Bishop mich und meine Seele retten kann. Dafür werde ich alles tun.

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Seitenzahl: 463

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Michelle Rowen

Dark Kiss

Roman

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Hinrichsen

darkiss®

darkiss® BÜCHER erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg im Vertrieb von MIRA® Taschenbuch Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2013 für die deutsche Erstausgabe bei darkiss ® in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe: Dark Kiss Copyright © 2012 by Michelle Rouillard erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln Redaktion: Mareike Müller Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz Satz: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-86278-778-4

www.mira-taschenbuch.de

Für Eve Silver …

Die Reise geht weiter!

PROLOG

Das wird höllisch wehtun.

Der Gesichtsausdruck des Torwächters bestätigte diese düstere Vorahnung, aber Bishop wollte kein Mitleid. Schließlich hatte er sich freiwillig gemeldet.

„Bist du bereit?“, fragte der Wächter.

„Ja, das bin ich.“

„Du kennst deine Mission?“ „Natürlich.“

Bishop schaute über seine Schulter hinweg auf das unendliche Weiß hinter ihm. Ein Schritt noch, und er hätte den Himmel endgültig verlassen. Er war bereits oft fort gewesen, allerdings war es diesmal anders. Schnell schob er seine Ängste beiseite. Bald schon würde er wieder zurückkehren – dies war nicht das Ende, sondern der Anfang.

Der Torwächter betrachtete Bishop, als suchte er in seiner Miene ein Anzeichen von Schwäche. „Man hat dich auf die Schmerzen vorbereitet?“

„Ja.“

„Und auch auf die Orientierungslosigkeit?“

„Ja.“

In die Welt der Menschen zu reisen stellte normalerweise keine große Tortur dar. Doch an diesem Auftrag war absolut nichts normal.

Ein unsichtbarer Schutzschild schirmte Bishops Ziel ab und hinderte jedes übernatürliche Wesen daran, die Stadt zu betreten oder zu verlassen. Bishop war davon unterrichtet worden, dass der Wächter ihm helfen würde, diese Barriere zu durchbrechen. Angenehm allerdings sollte das nicht gerade werden. Der Geist und Verstand der anderen wurde geschützt, er selbst jedoch durfte sein Erinnerungsvermögen nicht verlieren, damit er seine Mission nicht vergaß.

Bishop war stark genug, mit jeder Herausforderung fertigzuwerden. Daran zweifelte er nicht. Mit diesem Auftrag konnte er sich beweisen.

Eine fantastische Gelegenheit!

„Zuerst musst du die anderen finden“, wies ihn der Torwächter an. „Wenn dir das nicht innerhalb von sieben Tagen gelingt, sind sie für immer verloren.“

„Das weiß ich bereits.“ Bishop versuchte nicht einmal, freundlich zu bleiben. Geduld hatte noch nie zu seinen Stärken gezählt.

Der Wächter kräuselte die Lippen, und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Hast du ihn?“

„Ja.“ Ein goldener Dolch steckte in dem Futteral, das zwischen seinen Schulterblättern befestigt war. Mehr brauchte er nicht für seine Mission.

Der Torwächter nickte. „Komm näher.“

Bishop machte einen Schritt auf ihn zu, und der Wächter presste eine blasse feingliedrige Hand gegen seine Brust.

Entschlossen biss Bishop die Zähne zusammen. Er würde sich nicht anmerken lassen, wie schmerzhaft das war, was auch immer der Torwächter ihm da einbrannte, um ihn auf seiner Reise zu unterstützen.

Schließlich trat der Wächter zurück. Er lächelte nicht. Wahrscheinlich tat er das nie.

Die alten Engel waren meistens auch die unangenehmsten. „Und?“, fragte Bishop. „Sind wir hier fertig?“

„Das sind wir. Möge deine Reise …“

Bevor der Wächter den Satz beendet hatte, verlor Bishop den Boden unter den Füßen, taumelte und befand sich im freien Fall.

Er hatte gedacht, der Schmerz würde eine reinigende Wirkung haben, die ihn auf seine alles entscheidende Aufgabe vorbereitete.

Stattdessen war er eine Qual, die mit nichts zu vergleichen war, was er jemals erlebt hatte. Er kämpfte dagegen an, aber es war einfach zu schrecklich, und zum ersten Mal zweifelte er am Erfolg seiner Mission.

Doch für Selbstzweifel war es zu spät. Zu spät für Ängste und Befürchtungen. Es gab kein Zurück mehr.

Der Sturz schien eine Ewigkeit zu dauern. Bishop fiel und fiel, und der Schmerz schien seinen Verstand zu benebeln.

In dem Augenblick, als er die Barriere zur Stadt der Menschen durchschlug, hörte er sich zum ersten Mal selbst schreien.

Was ist von der Seele geblieben, fragte ich mich, als der Kuss enden musste?

– ROBERT BROWNING

1. KAPITEL

Das wird eine unglaubliche Nacht, Sam!“, schrie Carly über die Musik hinweg, die um uns herumdröhnte.

„Denkst du?“, brüllte ich zurück.

„Die beste Nacht aller Zeiten!“

Klar. Mein Hals tat jetzt schon weh, und wir waren nicht mal seit einer halben Stunde da. Bisher war es eine Freitagnacht wie jede andere im Crave, zusammengepfercht mit anderen verschwitzten Leuten auf der Tanzfläche. Versteht mich nicht falsch, für einen der wenigen Clubs ohne Altersbeschränkung hier in Trinity war das ein ziemlich cooler Ort zum Abhängen – es deutete nur nichts darauf hin, dass das hier irgendwie mein Leben verändern würde.

Jeder, der uns beide ansah, würde meinen, dass wir das genaue Gegenteil voneinander wären – sowohl was unser Aussehen als auch unsere Ansichten betraf. Carly Kessler war eine kurvige, flippige Blondine mit sonnigem Gemüt, während ich eine dünne, nicht so sonnige, langhaarige Brünette bin. Trotzdem waren wir schon immer beste Freundinnen und würden es immer sein.

Ein paar Minuten später griff Carly meinen Arm, und ihr Gesicht rötete sich vor Aufregung.

„Achtung. Stephen Keyes sieht zu dir rüber.“ Ich blickte über meine Schulter und entdeckte ihn am Rand der Tanzfläche. Er schaute tatsächlich zu mir her. Jedenfalls schien es so.

Ich drehte mich wieder um, und mein Herz schlug wie wild.

Jede hat diesen einen Schwarm, den Typen, an den sie ständig denken muss, obwohl es total hoffnungslos ist.

Meiner war Stephen Keyes. Er war neunzehn – zwei Jahre älter als ich – und unglaublich umwerfend, mit pechschwarzem Haar und karamellfarbenen Augen.

Wir waren im selben Viertel aufgewachsen – zwei Häuser voneinander entfernt. Im Sommer mähte er den Rasen, und ich beobachtete ihn von meinem Fenster aus.

Das war echt ein Klischee. Das seltsame, unbeliebte Mädchen, welches sich unsterblich in die sexy Sportskanone verknallt.

Ich hatte gedacht, Stephen sei eigentlich zweitausend Meilen entfernt auf der Universität in Kalifornien. Ich hatte sogar zugesehen, wie ihm seine Eltern dabei halfen, seinen Wagen zu beladen, als er Ende August die Stadt verließ, und fragte mich, warum er jetzt nach ein paar Monaten wieder da war.

Plötzlich stand er nicht mehr entfernt und gut aussehend an der Tanzfläche, sondern direkt neben mir. Carly schaute mich an, und ihre Augen weiteten sich, während Stephen sich weit genug zu mir herunterbeugte, damit ich ihn trotz der lärmenden Musik hören konnte.

„Kann ich mit dir reden?“, fragte er. „Mit mir?“

Er nickte und lächelte. Und ich, die Romantik in jeder Form – Filme, Bücher, wahres Leben – mied und ins Lächerliche zog, wurde schwach wegen eines Typen, in den ich verliebt war. Wann immer ich in der Vergangenheit jemanden gemocht hatte – was, Stephen nicht mit eingerechnet, nur zweimal passiert war –, kam nicht die große Liebe dabei raus. Die zwei anderen Jungs, in die ich verknallt gewesen war, mochten mich nicht, und ich endete beide Male unbeachtet, mit gebrochenem Herzen und erniedrigt. Das hatte mich jedoch nicht davon abgehalten, Stephen zu mögen.

Sehr.

Stephen wartete nicht auf meine Antwort. Stattdessen schlängelte er sich durch das Labyrinth der schwitzenden Tänzer hindurch.

Etwas Böses nähert sich hier.

Die Zeile aus Macbeth, unserer derzeitigen Englischlektüre in der Schule, ging mir durch den Sinn. Das Zitat passte perfekt zu Stephen. Er mochte der Junge von nebenan sein, doch für mich hatte er immer etwas Verruchtes.

Und etwas Gefährliches.

Ich tat nichts Gefährliches. Nicht mehr. Auch kleine Gefahren neigten dazu, große Probleme zu machen. Vor sechs Monaten war ich beim Ladendiebstahl erwischt worden. Das war meine bescheuerte Art, mit der Scheidung meiner Eltern klarzukommen. Aber zum Glück wurde ich deswegen nicht verhaftet. Ich hatte im großen Stil gelernt, dass man die Hände von gefährlichen Dingen lassen sollte, weil sie sonst abgeschlagen werden.

„Geh“, drängte Carly. „Das ist so genial!“ Sie war keine große Hilfe. Carly würde sich kopfüber in die Gefahr stürzen, wenn sie sich davon Spaß versprach. Als Kind hatte sie ihren Kopf einmal in einen Bienenstock gesteckt, da sie den Honig probieren wollte. Auch wenn das kein gutes Ende genommen hatte, bewunderte ich sie dafür … Na ja, es sich wenigstens getraut zu haben – trotz aller Warnzeichen. Sie stellte sich selbst nicht infrage. Außerdem bereute sie nichts, das sie versuchte – auch die verrückten Sachen.

Mit einem letzten Blick auf Carly folgte ich Stephen von der Tanzfläche runter. Ich war wahnsinnig neugierig, worüber er mit mir sprechen wollte. Ich meine, obwohl wir fast nebeneinander wohnten, kannte er mich kaum.

Er ging eine Wendeltreppe zu einer Lounge im zweiten Stock hinauf, die von einer klaren Glaswand mit gefrosteten kleinen Spiralmustern umgeben war. Hier oben, weg von der Masse, den DJs und den Lautsprechern, konnte ich auch wieder etwas hören. In der Lounge gab es einige Pooltische, rote Sofas und Stühle. Stephen lehnte sich gegen eins der Sofas und musterte mich.

Er trug ein einfaches schwarzes Shirt und schwarze Jeans.

Sein Haar war aus seinem schönen Gesicht gestrichen. Mein Bauch kribbelte.

„Also …“, begann ich, als er schwieg. „Kommst du öfters her?“

Oh Gott. Ich war eigentlich stolz auf meine Schlagfertigkeit und meine witzigen Sprüche, und das kam aus meinem Mund?

Ich wollte im Boden versinken.

Stephen grinste und zeigte dabei seine blendend weißen Zähne. „Ich bin neuerdings jeden Abend hier. Auch unter der Woche.“

„Jeden Abend? Wirklich?“ Ich spielte mit meinen Haaren. „Cool.“

Cool? Wirklich? Ich hatte das nicht gut im Griff. Mein Gehirn und meine Stimme arbeiteten nicht zusammen.

„Ähm, was tust du in Trinity?“, wollte ich wissen. „Ich dachte, du bist jetzt auf der Uni.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich nehme mir eine Pause, um herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen will. Darum bin ich für ’ne Weile zurück.“

Ich nickte nur und versuchte sehr angestrengt, nicht wieder mit „cool“ zu antworten.

„Du bist jeden Freitag hier, Samantha, oder?“ Mir lief ein Schauer über den Rücken. Es war völlig okay, wenn mich meine Freunde Sam nannten, doch es gefiel mir, wie er meinen vollen Namen sagte.

„Eigentlich schon.“

„Gefällt es dir hier?“

Ich schaute mich um. Heute waren nicht viele Leute in der Lounge. Ich war zum ersten Mal hier oben. Ein Pärchen auf dem Sofa beobachtete uns, als würden sie sich fragen, warum Stephen Keyes mit mir sprach. Die meisten waren unten auf der Tanzfläche und im Barbereich, die man beide durch die Scheiben sehen konnte. Von meinem Platz aus konnte ich sogar Carlys blonden Lockenkopf erspähen.

„Ja, das ist okay hier.“

„Nur okay?“

Ich zuckte die Achseln und presste meine trockenen Lippen aufeinander, während ich mich zu ihm wandte. Mein Lipgloss war schon lange verschwunden. „Einige Abende sind besser als andere.“

Stephen streckte mir seine Hand entgegen. „Komm her.“ Wenn es bei ihm nicht wie eine charmante Einladung geklungen hätte, wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, ihm zu widerstehen. Aber ich ging näher an ihn heran, bis ich nur noch wenige Schritte entfernt vor ihm stand. Da war etwas Seltsames in seinem Blick, als er mich eindringlich anschaute. Ich konnte es nicht genau benennen, dennoch durchlief mich ein eisiger Schauer.

Ich räusperte mich. „Du hast gemeint, du willst mit mir über etwas reden?“

„Du bist also die eine Besondere, oder nicht?“

Das waren die letzten Worte, die ich von ihm erwartet hatte. „Besondere?“

„Das ist es, was sie gesagt hat. Darum will sie, dass ich das tue. Normalerweise würde ich es lassen, weil du noch so jung bist.“

Sie? Wer war sie? Ich betrachtete ihn missbilligend. „Ich bin siebzehn.“

„Genau. Das ist jung“, erwiderte er. „Nein, ist es nicht.“

„Vertrau mir, Samantha. Das ist es.“

Er legte seinen Arm um meine Taille, sodass seine Hand auf meinem Rücken lag, und zog mich zu sich heran. Seine Berührung durchdrang mich und fühlte sich auf meiner heißen Haut kühl an. „Wer hat erzählt, ich sei etwas Besonderes?“

Er antwortete nicht. Sowie ich ihn ansah, bemerkte ich, dass er sich näher zu mir hinbeugte, näher und näher, bis seine Lippen meine berührten. Ich keuchte, und er wich etwas zurück.

„Ist das in Ordnung?“, fragte er. „Darf ich dich küssen?“

Meine Wangen färbten sich rot. „Ich … ähm …“

Er sprach sanft in mein Ohr. „Ich sollte dich warnen. Es ist ein sehr gefährlicher Kuss. Er wird dein Leben für immer verändern, also musst du ihn auch wollen.“

Wenn ich nicht so durcheinander gewesen wäre, hätte ich ihn für arrogant gehalten. Ich meine, bitte! Ein Kuss, der mein Leben für immer verändern könnte?

Allerdings glaubte ich ihm irgendwie. Und nach Monaten, in denen ich mich bemüht hatte, nach der Ladendiebstahl-Episode ein perfekter Engel zu sein, wollte ich meine mir selbst auferlegten Grenzen ein bisschen erweitern.

Außerdem war das hier etwas Besonderes – ein Junge, den ich mochte und der mich auch mochte. Ich konnte nicht einfach fortgehen.

Diesmal küsste ich ihn, schob meine Finger in sein schwarzes Haar und dirigierte seinen Mund zu meinem, als könnte ich Stephen nicht widerstehen.

Ich hatte noch nicht viele Jungs geküsst, also hoffte ich es richtig zu machen. Es fühlte sich richtig an. Genau genommen fühlte es sich sehr richtig an. Meine Lippen teilten sich, sobald der Kuss sich vertiefte. Seine Finger gruben sich in meine Taille. Das hier kam mir vor wie in einem Film – einer von diesen romantischen, die ich mir nie anschaute, weil sie mir Unbehagen bereiteten. Ich wollte mich nicht mit all diesen Gefühlen auseinandersetzen, diesen Liebesschwüren und ewiger Hingabe. Ich meine – verschont mich mit dem Drama.

„Du bist köstlich“, flüsterte Stephen, bevor er seinen Mund wieder auf meinen presste, und mein Herz fühlte sich an, als würde es gleich aus der Brust springen.

Und dann wurde es seltsam.

Das kühle Gefühl seiner Berührung wurde eisig und ergriff von dem Kuss Besitz. Ich zitterte. Die Kälte glitt meine Kehle hinunter zu meinem Magen und breitete sich in meinen Armen und Beinen aus. Mein ganzer Körper wurde kalt. Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut. Schwindel überkam mich. Das war schräg, dennoch fühlte es sich nicht schlecht an. Es war aufregend, ein Rausch, als säße man mitten im Winter in einer Achterbahn.

Ich verlor jedes Zeitgefühl. Für mich existierte nichts als Stephen. Seine Lippen lösten sich nicht von meinen – und ich wollte nicht, dass dieser Kuss endete.

Minuten, Stunden – ich wusste nicht, wie lange er mich geküsst hatte. Ich wusste nur, dass ich nicht aufhören konnte, ihn zu küssen, auch wenn ich es gewollt hätte.

Doch schließlich unterbrach er den Kuss. Er hielt mein Gesicht zwischen seinen Händen und starrte mich einen bedeutsamen Moment lang an. Seine Augen sahen in den Schatten hier oben sehr dunkel aus. „Tut mir leid, Kleines. Wirklich.“

Dann ließ er mich los und drehte sich um.

Kleines?

Die Zeit verging in Zeitlupe, während er die Treppe hinunterstieg und verschwand. Die Musik wurde zu einem hohlen Echo in meinen Ohren. Mein Gesicht brannte, auch wenn sich mein Brustkorb jetzt wie ein Eisklotz anfühlte.

Der Geruch von Schweiß und Parfum holte mich langsam aus meiner Benommenheit zurück. Links konnte ich die mehrfarbigen Lichter über der Tanzfläche erkennen. Sogar hier oben wurde der Boden vom Trampeln der Menge da unten erschüttert.

Carly tauchte am Absatz der Treppe auf und kam näher, unterdessen schaute sie unentwegt in die Richtung, in die Stephen abgehauen war. „Sam! Was ist passiert?“

Ich versuchte, meine Stimme wiederzufinden. „Stephen Keyes hat mich geküsst.“

Ihre Augen weiteten sich. „Oh mein Gott! Du hast so ein Glück!“

Er hatte mich geküsst. Und dann hatte er mich „Kleines“ genannt und war gegangen.

„Glück“, wiederholte ich. Dann drehte sich alles um mich herum, meine Knie gaben nach, und alles wurde schwarz.

2. KAPITEL

In meinem Traum bewegte sich unter mir etwas und schlängelte sich um meine Fußgelenke wie lange, kalte Finger. Ich wusste nicht, was es war, aber der Gedanke, hinunter in das schwarze, bodenlose Loch gezogen zu werden, erschreckte mich.

Bevor es mich komplett verschlingen konnte, ergriff jemand meine Hand.

Verzweifelt schaute ich hoch und entdeckte einen Jungen. Ich konnte ihn nicht sehr gut sehen, da es so dunkel war, doch es war definitiv nicht Stephen.

„Festhalten!“ Seine Augen waren blau – so blau, dass sie zu leuchten schienen. Er war der Einzige, der verhinderte, dass ich hinuntergerissen wurde.

Ich versuchte mich auf sein Gesicht zu konzentrieren, dennoch konnte ich ihn nicht deutlich sehen – nur seine Augen, deren seltsames Licht sich förmlich in mich hineinbrannte.

„Sie hatten unrecht, Samantha.“ Seine Stimme brach, als er meinen Namen sagte. „Ich hätte es niemals sein sollen. Das ist der Beweis.“

„Was?“

„Ich bin nicht stark genug hierfür.“ Sein Griff lockerte sich.

„Ich habe dich im Stich gelassen. Ich habe alle im Stich gelassen. Es … ist alles vorbei.“

„Nein, nicht loslassen! Nicht …“

Im nächsten Moment rutschte ich aus seiner Umklammerung und stürzte schreiend in die bodenlose Dunkelheit.

„Sam! Wach auf!“ Carlys Stimme war Millionen Meilen entfernt.

Meine Augenlider flatterten, und es dauerte einen Moment, bis ich etwas klar erkennen konnte. Ich lag auf einem der roten Sofas und starrte hinauf zu meiner besten Freundin.

Sie schlug gegen meine Schulter.

„Mach das nicht!“ Ihre dünnen Augenbrauen zogen sich zusammen. „Du hast mir einen höllischen Schrecken eingejagt! Hast du heute etwas gegessen? Ich habe ein Snickers in der Handtasche, wenn du magst.“

„Nein, ich … ich bin okay.“ Ich setzte mich auf und fuhr mit einer Hand durch mein Haar, das verknotet war. „Was ist passiert?“

„Stephen hat dich geküsst, und dann bist du für eine Minute total ohnmächtig geworden – kein Vorwurf! Das muss ein unglaublicher Kuss gewesen sein. Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“

Wie peinlich. Nachdem ich mit dem schärfsten Typen in Trinity rumgeknutscht habe, kippe ich vor den Augen aller anderen hier oben um.

Einige der Leute kamen näher, um mich anzusehen.

„Ich war nur eine Minute bewusstlos?“

„Ja. Noch länger, und ich hätte Hilfe gerufen.“

Sie hatte ihr Handy in der Hand, und das Display leuchtete. Es schien, als hätte sie gerade den Notarzt rufen wollen. Sie warf einen Blick auf die Umstehenden und sagte: „Es geht ihr wieder gut. Geht zurück und lasst ihr etwas Platz zum Atmen.“

Das taten sie. Ihre Neugierde über das ohnmächtige Mädchen verflüchtigte sich offenbar genauso schnell, wie sie entstanden war.

Ich beobachtete, wie sich die Leute zurück zu ihren Tischen verzogen und sich unterhielten. Dann schaute ich mich in der Lounge um, mit wachsendem Unbehagen darüber, dass ich in Ohnmacht gefallen war. Ich wurde niemals ohnmächtig.

„Hat Stephen mitbekommen, was passiert ist?“

Sie blickte über ihre Schulter. „Ich glaube nicht. Er ist gegangen. Worüber habt ihr beiden gesprochen?“

Nur undeutlich war mir unser kurzes Gespräch in Erinnerung . „Eigentlich über nichts. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, warum er mit mir reden wollte. Er hat mich nach oben gebracht, meinte, ich sei etwas Besonderes oder so, und dann hat er mich geküsst.“

Ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich von besorgt in freudig erregt. „Das ist unglaublich.“

Ich erschauerte. „Das ist keine große Sache.“

„Stephen Keyes küsst dich, du wirst ohnmächtig wie irgendein Mädchen in einem alten Film, und du willst mir erzählen, es sei keine große Sache?“

„Wenn es so eine große Sache gewesen wäre, dann wäre er nicht einfach gegangen.“ Ich hatte nicht vor, allzu enttäuscht davon zu sein, trotzdem hatte ich einen Kloß im Hals, und meine Augen brannten. Er hatte sich sogar entschuldigt. Vielleicht tat es ihm leid, dass er mich nicht besonders interessant oder attraktiv fand oder dass ich so schlecht küsste. Er hatte gesagt, dass ich zu jung sei.

Und dieser Fall-Traum, den ich hatte, und der Typ mit diesen unglaublich blauen Augen – das war sehr verstörend gewesen.

„Können wir gehen?“, fragte ich. „Sorry, aber ich fühle mich nicht gerade unwiderstehlich oder wie das heißeste Mädchen im Club.“ Genau genommen war mir eiskalt.

Sie öffnete den Mund, als wollte sie protestieren, schloss ihn dann allerdings wieder, und ein besorgter Ausdruck trat auf ihr Gesicht.

„Du siehst nicht so gut aus. Klar, wir können auf jeden Fall von hier verschwinden.“

„Danke“, sagte ich. Dann rutschte mir noch heraus: „Dieser dämliche Stephen Keyes. Wer braucht den schon?“

Denn ehrlich gesagt wollte ich diese ganze Erfahrung am liebsten aus meiner Erinnerung streichen. Dem düsteren, sexy Typen zu folgen und geküsst zu werden war kein Abenteuer gewesen. Es hatte nur zu den sehr vertrauten Gefühlen von Enttäuschung und Scham geführt. Stephen war der dritte Junge, den ich mochte und der dafür sorgte, dass ich mich furchtbar in meiner Haut fühlte. Drei Treffer. Ich war am Boden. Wenn ich die Sache objektiv betrachtete, war das hier vielleicht eine gute Lektion. Ich brauchte nicht noch mehr Schwierigkeiten in meinem Leben.

Ich verließ den ganzen Samstag und Sonntag den Großteil des Tages nicht das Haus und schlief bis in den Nachmittag hinein. Es war ungewöhnlich für mich, so lange im Bett zu bleiben. Ich nahm an, dass ich mir eine Erkältung eingefangen hatte. Das würde auch meine Ohnmacht und das Frieren erklären.

Am späten Sonntagnachmittag zwang ich mich jedoch, mit Carly ins Kino zu gehen. Obwohl es erst Mitte Oktober war und die Temperatur draußen bei über zwanzig Grad lag, kam es mir so war, als hätte es Frost gegeben. Carly holte mich mit ihrem roten VW ab, dem Geburtstagsgeschenk ihrer Eltern im letzten Monat.

Was Geschenke und mein wöchentliches Taschengeld betraf, zeigte mein Dad sich sehr großzügig, besonders seit meine Eltern sich vor zwei Jahren getrennt hatten und er von seiner Kanzlei nach England versetzt worden war. Allerdings waren ein paar Geschenke und etwas Bargeld nicht annähernd dasselbe wie ein Auto.

Carly und ich zahlten einen Haufen Geld, um uns Zombie Queen IV anzusehen, der sich als der wohl schlechteste Film in der Geschichte der Menschheit herausstellte.

Für eine selbst ernannte Horrorfilmliebhaberin wie mich mit einer Vorliebe für George A. Romero – brauchte es schon einiges, um mich zu beeindrucken.

„Ich habe so einen Hunger“, sagte ich beim Verlassen des Kinosaals, während auf der Leinwand vor dem Hintergrund des blutigen abgetrennten Kopfes des Helden der Abspann lief.

Auch nachdem ich eine große Portion Popcorn mit Butter verdrückt hatte, blieb der Riesenhunger. Es war merkwürdig. Ich hatte mich schon das ganze Wochenende vollgestopft. Normalerweise überkam mich nicht so ein Heißhunger.

„Vielleicht bist du schwanger“, scherzte Carly.

Ich warf ihr einen Seitenblick zu. „Sehr unwahrscheinlich.“

„Ich denke, du hast recht. Um schwanger zu werden, müsstest du es ja schon mit jemandem treiben.“

„Mit jemandem treiben?“, wiederholte ich. „Was für eine nette Umschreibung. Und außerdem, ich habe Hunger! Schwangere übergeben sich eher, oder?“

„Ich würde mich übergeben. Genau genommen wird mir schlecht, wenn ich nur daran denke.“

Carly erwähnte mit keinem Wort, was im Club passiert war – oder eher nicht passiert war. Dafür war ich ihr ausgesprochen dankbar. Wenn es eine Pille gegeben hätte, die alles nach dem Kuss aus meinem Gedächtnis löschen könnte, hätte ich sie sofort geschluckt. Meine Schwärmerei für Stephen war offiziell erledigt.

„Hey, Samantha!“

Ich drehte mich um und entdeckte einen Jungen aus meinem Jahrgang, der mir zuwinkte.

Noah hieß er. Er stand in der Warteschlange für die nächste Vorstellung von Zombie Queen IV.

„Der Film ist grauenhaft schlecht“, warnte ich ihn, als wir auf dem Weg in die Lobby an ihm vorbeigingen.

„Werd ich ja gleich rausfinden“, erwiderte er grinsend. „Du siehst heiß aus heute.“

„Oh … hm, danke!“

Seltsam, dass er das sagte. Wir hatten uns vorher nie wirklich unterhalten. Aber vielleicht war er nur besonders gut drauf gerade.

Carly kommentierte den Spruch nicht, bis wir außer Hörweite waren. „Warum machen dich heute alle an? Das ist schon das zweite Mal, seit wir hier sind. Bin ich plötzlich unsichtbar?“

Der Erste war ein Typ namens Mike gewesen – noch jemand, mit dem ich in der Schule kaum ein Wort wechselte. Er hatte im Kino neben uns gesessen und mir etwas von seinem Popcorn angeboten, nachdem meines alle gewesen war. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, doch Carly hatte es bemerkt.

„Wer war das? Ich könnte schwören, ich hätte gerade eine Stimme gehört, allerdings weiß ich nicht, woher die kam.“

„Du bist ja so witzig“, entgegnete sie lächelnd.

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was los ist. Außerdem hat er nur Hallo gesagt. Das hat nicht wirklich was mit Anmachen zu tun.“

„Gut, aber falls deine Glückssträhne weiter anhält, vergiss nicht, deiner besten Freundin was abzugeben.“

Ich nickte feierlich. „Verstanden. Ich schwöre, mit dir die Massen männlicher Bewunderer zu teilen, die sich zu meinen unwiderstehlichen Füßen niederwerfen.“

Unwiderstehlich. Nee, ist klar. Ich hatte inzwischen auch schon so eine Ahnung, warum Stephen mich geküsst hatte. Bestimmt steckte so eine Art Pflicht-oder-Wahrheit-Spiel mit seinen Freunden dahinter. Stephen ist dran und muss die komische Kleine mit der Vorliebe für Zombiefilme küssen.

Mein Magen knurrte.

Korrektur: Die komische Kleine mit einer Vorliebe für Zombiefilme, die sich jetzt durch die ganze Stadt hätte fressen können. Was aber nicht weiter schlimm war, bei meiner unterentwickelten Figur. Meine Schulnoten mochten großartig sein, meine BH-Größe hingegen war demütigend.

Tägliche achttausend Kalorien würden dieses im wahrsten Sinne des Wortes kleine Problem definitiv lösen. Okay, kleiner Scherz.

Irgendetwas duftete köstlich, und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich schloss die Augen und atmete genießerisch ein.

Carly stöhnte. „Oh Gott, den brauche ich jetzt gar nicht. Ich warte hier drüben, okay?“

„Was?“ Ich öffnete meine Augen wieder und sah nur noch, wie sie in Richtung eines Getränkestandes verschwand.

In ihrer Aufregung stieß sie gegen einen Aufsteller mit Servietten und Strohhalmen.

„Ich hoffe, sie ist nicht meinetwegen weggerannt“, hörte ich eine mir wohlbekannte Stimme.

Ups.

„Wie hast du das erraten?“ Ich musterte Colin Richards, Carlys Exfreund, mit hochgezogenen Augenbrauen.

Colin saß in Englisch hinter mir, und seit Beginn des neuen Schuljahrs im letzten Monat waren wir befreundet. Keine ganz einfache Situation, weil Carly ihn abgrundtief hasste. Er hatte sie diesen Sommer auf einer Poolparty betrogen, was sie verständlicherweise völlig fertiggemacht hatte. Wenn Colin betrunken war, baute er allen möglichen Mist. Darunter fiel auch Julie Travis, die schon in der Grundschule ein Auge auf Colin mit seinen kurzen blonden Haaren, seinen breiten Schultern und seinem schwarzen Humor geworfen hatte.

Kaum dass er wieder nüchtern gewesen war, wollte er die Sache mit Carly wieder geradebiegen und war damit phänomenal gescheitert. Carly verkraftete es nicht so leicht, wenn man sie ernsthaft verletzte. Darin waren wir uns sehr ähnlich. Äußerlich tat sie cool. Doch ich wusste, wie mies sie sich fühlte.

„Neuer Haarschnitt?“

„Eigentlich nicht.“

„Sieht gut aus.“ Als er lächelte, fiel mein Blick auf Colins Mund. Mir war nie aufgefallen, was für schöne Lippen er hatte. Carly hatte oft geschwärmt, dass er unglaublich gut küssen konnte. Mehr als Knutschen war zwischen den beiden allerdings nicht gelaufen und ja – ich hätte es sonst auf jeden Fall gewusst.

„Benutzt du ein neues Aftershave?“ Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

Er zuckte die Achseln. „Nee, ist nur Seife.“

Ich schaute über die Schulter zu Carly hinüber, die mich missbilligend beobachtete. Ich räusperte mich. „Ich muss los. Ähm, dann bis morgen im Unterricht, okay?“

Er nickte. „In alter Frische.“

Ich drehte mich um und ging zu Carly. Man merkte an ihren roten Wangen, dass sie sich ärgerte, aber sie versuchte, es nicht zu zeigen.

„Tut mir leid“, sagte ich.

„Muss dir nicht leidtun.“ Sie warf einen verächtlichen Blick zu Colin hinüber, der sich gerade wieder zu seinen Kumpels auf der anderen Seite des Foyers gesellte.

„Dass der Kerl noch unter den Lebenden weilt, ist ja nicht deine Schuld.“

„Er hofft ehrlich, dass du ihm verzeihst.“ „Hat er das gesagt?“

„Na ja, nicht direkt, aber doch so ungefähr.“

Ihre Lippen wurden schmal. „Wenn er den Löffel abgibt, lege ich Blumen auf sein Grab. Okay?“

„Wäre ein Anfang.“

Ich war mir nicht sicher, ob Carly wütend war, weil sie Colin wirklich liebte, oder ob dahinter etwas anderes steckte.

Ich persönlich glaube, dass ihr die Sache mit Colin so wehtat, weil er ihr erster richtiger Freund gewesen war. Sie hatte sich oft sehr im Hintergrund gehalten, weil sie sich dick fühlte – was absolut nicht der Realität entsprach –, und angenommen, sie wäre für die scharfen Typen nicht gut genug. Aber ich wusste von mindestens zwei anderen Typen, die liebend gern was mit ihr angefangen hätten, wenn sie ihnen nur eine Chance gegeben hätte. Doch stattdessen badete sie sich in Selbstmitleid. Was okay war, denn ich tat das auch ganz gern.

Plötzlich verzog Carly das Gesicht und fixierte etwas hinter mir. „Bereite dich auf das Schlimmste vor. Jordan ist im Anmarsch, und sie scheint richtig sauer zu sein.“

Meine Anspannung stieg.

Jordan Fitzpatrick und ich waren in der Theaterklasse in der Neunten ganze drei Wochen lang befreundet gewesen, bis wir uns in denselben Jungen verliebt hatten. Tragischerweise hatte er nichts für mich übriggehabt und mich noch dazu ausgelacht, sowie er von meinen Gefühlen erfuhr. Allerdings hatte er Jordan genauso wenig gewollt, woran sie mir die Schuld gab. Und deshalb hatte sie beschlossen, mich von da an zu hassen. Klar, total logisch.

Sie hatte gerade mit einigen ihrer bescheuerten Freunde das Theater, welches neben dem Kino lag, verlassen und kam auf uns zu.

Mit ihrer Größe von einem Meter achtzig, den flammend roten Haaren und ein paar Sommersprossen auf der Nase war sie mit Abstand das hübscheste Mädchen der Schule und beabsichtigte, Model zu werden. Ein Topmodel natürlich, genau wie ihre Mutter.

Die lebte in Los Angeles und war der Star einer Seifenoper in Los Angeles, während Jordan bei ihrem Vater hier in Trinity geblieben war, um die Schule zu beenden.

In jeder freien Minute bastelte Jordan an ihrer Modelkarriere und war bisher dennoch kläglich gescheitert. Nur weil man groß und wunderschön war, bedeutete das noch lange nicht, auch fotogen und talentiert zu sein.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass sie mich hasst?

„Ich weiß, was du Freitagnacht im Crave getrieben hast, du Schlampe“, legte sie los.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Jordan“, erwiderte ich.

„Julie hat gesagt, dass du dich ihm an den Hals geworfen hast.“

Mir drehte sich der Magen um, trotzdem bemühte ich mich, die Ahnungslose zu spielen. „Und wem, bitte?“

Sie kniff die grünen Augen zusammen. „Meinem Freund.“

„Stephen Keyes ist nicht dein Freund“, warf Carly ein. „Nicht mehr.“

Jordan klappte die Kinnlade runter. „Bitte?“

Oh verdammt. Ich hatte komplett vergessen, dass Jordan und Stephen im Sommer gerüchteweise ein Paar gewesen sein sollten.

Wegen ihres mangelnden Selbstbewusstseins ließ Carly sich eine Menge gefallen, aber wenn es um mich ging, verwandelte sie sich in einen blonden Pitbull. „Nach meinen Informationen hat er dich letzte Woche abserviert, Jordan. Offenbar ist er jetzt an jemand anderem interessiert. Und zu deiner Info, Sam hat sich nicht an ihn rangeschmissen, sondern er sich an sie. Also, wenn du irgendjemandem die Schuld daran geben möchtest, dass das Objekt deiner Begierde seine Lippen woanders einsetzt, dann bitte Stephen selbst.“

Jordan ignorierte Carly, als sei sie ein lästiges Insekt, und konzentrierte sich lieber auf mich. „Ich kann einfach nicht verstehen, warum Stephen mit einem Niemand wie dir überhaupt was zu tun haben will.“

Ihre Worte trafen mich.

In der darauf folgenden Stille knurrte mein Magen wieder. Sehr laut.

Jordans Gesichtsausdruck wurde noch angewiderter. „Du bist ekelhaft.“

„Und du bist …“

„Fahr zur Hölle, Klepto.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und dampfte ab.

Den Klepto-Spruch kannte ich schon von ihr, trotzdem zuckte ich zusammen, als hätte sie mir eine Ohrfeige verpasst. Jordan war am Tag, an dem ich erwischt wurde, im Einkaufzentrum gewesen und hatte meine Demütigung live und in Farbe miterlebt.

„Was für ein Miststück!“, rief Carly. „Beachte sie einfach nicht.“

„Ich werd’s probieren.“

„Meinetwegen kann sie Stephen behalten. Allerdings scheint er nichts mehr für rothaarige Giraffen übrigzuhaben“, erwiderte ich schnaubend.

„Hältst du das etwa für eine angemessene Beschimpfung?“

„Gib mir eine Minute. Mir fällt bestimmt noch eine bessere Beleidigung ein.“ Jordan war es gelungen, mir meine halbwegs gute Laune komplett zu vermiesen. „Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Du musst mich nicht fahren. Ich brauche ein bisschen frische Luft.“

„Bist du sicher?“

„Absolut. Außerdem muss ich mir dringend ein Sandwich besorgen. Vielleicht auch zehn, ich bin nämlich kurz vorm Verhungern.“

„Wenn du nicht zunimmst, dreh ich durch. Ich hasse meinen miserablen Stoffwechsel.“ Sie stemmte die Hände in ihre kurvigen Hüften. „Na schön, dann stopf du dich zu Hause voll. Wir sehen uns morgen. Und, Sam?“

„Ja?“

„Vergiss, was Jordan gesagt hat. Sie versucht nur, dich zu provozieren, um sich aufzuspielen. Und vergiss Stephen auch gleich. Ernsthaft. Es spielt keine Rolle, wie scharf er ist. Wenn er nicht kapiert, wie toll du bist, braucht den Versager eh niemand.“

Ich schüttelte den Kopf, brachte allerdings ein Lächeln zustande. „Was würde ich nur ohne dich machen?“

Sie grinste zurück. „Eine exzellente Frage.“ Sogar wenn sie mit ihrem eigenen Liebeskummer beschäftigt war, versuchte Carly noch alles Menschenmögliche, damit es mir mit dem meinen besser ging. Und das half mir auf jeden Fall.

Mein Magen knurrte schon wieder, und ich hetzte nach Hause. Warum ich so ausgehungert war, begriff ich nicht. Ich ahnte jedoch, dass auch zwanzig Sandwiches wahrscheinlich nicht viel daran ändern würden.

3. KAPITEL

Die McCarthy Highschool lag eine Meile östlich vom Kino entfernt, und ich wohnte ein paar Straßen nördlich der Schule. Obwohl es in meiner Nachbarschaft noch viele Geschäfte und Firmen gab, hatte die Gegend nicht den grauen Zementlook der Innenstadt. Hier standen riesige Eichen, deren Blätter im Herbst in den schönsten Farben leuchteten, und die Vorgärten zierten grüne gepflegte Rasen.

Ich habe schon immer in Trinity, New York, gewohnt. Nach der Trennung meiner Eltern blieben meine Mutter und ich in meinem Elternhaus. Während der Ehe hatte sie nicht gearbeitet, nach der Scheidung jedoch war sie ins Immobiliengeschäft eingestiegen. Und schon ziemlich bald hatte der Job begonnen, ihr Leben zu diktieren. Sie liebte ihren Beruf. Zumindest hoffte ich das für sie, angesichts der ganzen Zeit, die sie damit verbrachte. Ich hingegen fühlte mich wie eine Waise.

Ein entferntes Donnergrollen erinnerte mich daran, dass für heute Abend Gewitter angesagt waren. Ich wollte unbedingt zu Hause sein, bevor es losging, also beeilte ich mich. Dann aber erregte etwas meine Aufmerksamkeit, und ich blieb stehen.

Ein Junge saß mit dem Rücken an die geschlossene Tür gelehnt vor einem Schreibwarenladen. Direkt über seinem Kopf hing das Geschlossen-Schild im Schaufenster. Seine über den Bürgersteig ausgestreckten Beine versperrten mir den Weg. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ich blickte mich nach den vorbeigehenden Passanten um, doch sie würdigten ihn keines Blicks. Typisch. Jeder in dieser Nachbarschaft dachte nur an sich selbst. Vor allem wenn es um jemanden ging, der wie ein Straßenkind aussah. Der Junge trug zerrissene Jeans, abgewetzte Stiefel und ein einfaches blaues T-Shirt.

Keine Jacke. Ich wickelte meinen schwarzen Mantel enger um mich, um die Kälte abzuwehren.

Kurz nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und mein Vater fortgezogen war, hatte ich nach einem Streit mit meiner Mutter beschlossen, abzuhauen. Ich hatte es satt, von ihr ignoriert zu werden. Auch wenn mir klar war, dass sich die Welt nicht um mich drehte, wollte ich, dass ihre Welt es tat. Wenigstens ein bisschen.

Ich lebte für drei Tage mitten in der Innenstadt auf der Straße, nur einige Meilen von hier entfernt. Am Morgen des zweiten Tages hatten mich einige Straßenkinder auf dem Bürgersteig entdeckt, wo ich hockte und mir die Augen ausheulte, weil ich mich verloren fühlte und in Selbstmitleid versank. Sie nahmen mich unter ihre Fittiche und brachten mich zu einer Mission, wo ich eine warme Mahlzeit bekam. In der Nacht ließen sie mich im Keller eines verlassenen Hauses schlafen, das sie auf der Westside gefunden hatten.

Dann rieten sie mir, wieder nach Hause zu gehen, weil eine Mutter wie meine um Lichtjahre besser wäre als ihre eigenen Eltern. Außerdem war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Polizei mich aufgreifen würde, nachdem meine verzweifelte Mom eine Vermisstenmeldung aufgegeben hatte. Dennoch war ich lange genug auf der Straße gewesen, dass mir schlimme Dinge hätten passieren können. Ich habe meine Beschützer von damals nie mehr gesehen, aber dennoch nie vergessen, was sie für mich getan hatten. Wenn ich mich dafür revanchieren konnte, indem ich zum Beispiel dem Jungen hier half, würde ich mein Bestes geben.

„Hey“, sagte ich zu dem Jungen auf dem Gehweg. „Alles okay?“

Als ich keine Antwort bekam, beugte ich mich zu ihm hinunter und stieß ihn an. Ich fürchtete schon, er wäre schwer verletzt.

„Kannst du mich hören?“

Eine nahe Straßenlaterne ging genau in diesem Moment flackernd an, und der Junge nahm schließlich die Hände vom Gesicht und blinzelte mit seinen langen mahagonifarbenen Wimpern, die etwas dunkler waren als sein Haar.

Die unglaublichsten Augen blickten mich an – ein Kobaltblau, das so intensiv war, als könnte es mich durchdringen. Ich hielt den Atem an. Er war der ungewöhnlichste Junge, den ich je in meinem Leben getroffen hatte, und irgendwie kam er mir bekannt vor. Warum, wusste ich allerdings nicht.

Er war älter, als ich zunächst gedacht hatte, ungefähr in meinem Alter, vielleicht ein Jahr älter. „Wer bist du?“, fragte er und runzelte die Stirn.

„Ich bin Samantha. Samantha Day. Brauchst du Hilfe? Bist du verletzt?“

Er schaute mir wie hypnotisiert in die Augen. Ich starrte zurück, unfähig, meinen Blick von ihm abzuwenden. „Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Mein Kopf. Ich kann nicht mehr richtig denken, seit ich gefallen bin. Meine Gedanken sind vollkommen durcheinander.“ Er verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen.

Ich begann, mir Sorgen zu machen. „Du bist gefallen? Hast du dir den Kopf angeschlagen?“

„Meinen Kopf?“

Ich kramte in meiner schwarzen Ledertasche nach meinem Handy. „Wenn ich jemanden anrufen soll, ist das kein Problem. Tu ich sofort.“

„Ich kann sie nicht finden.“ Es klang gequält, und ich war mir nicht sicher, ob der Grund dafür körperlicher oder seelischer Natur war. In jedem Fall berührte es mich. „Ich habe Tag und Nacht gesucht. Das ist alles meine Schuld. Alles meine Schuld. Ich werde versagen, und dann ist alles verloren. Alles und alle. Für die Ewigkeit.“

Angeblich war er gestürzt, jedoch zweifelte ich allmählich daran. Ich vermutete vielmehr, dass da so ein Psycho- oder Drogen-Ding ablief. Darauf hätte ich gewettet.

Ich musterte ihn genauer. Vielleicht hatte ich ja sein Bild in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen, weil seine Eltern auf der Suche nach ihm waren, und er kam mir deshalb so bekannt vor.

„Wie heißt du?“, fragte ich. „Bishop.“

„Okay. Ist das dein Vor- oder dein Nachname?“ „Einfach Bishop.“

„Du hast nur einen Namen?“ Wenn er nicht gerade ein Rockstar war, bedeutete das wohl, dass er gerade wirklich nicht klar denken konnte.

„Ja, Bishop.“ In seinem hübschen Gesicht war nichts als Verwirrung zu erkennen. „Sie haben gesagt, wenn ich mich freiwillig melde, werde ich ein großer Anführer. Und dass es Schwierigkeiten geben würde, ich es aber auf jeden Fall schaffe. Ich dachte, alles wäre wieder normal, wenn ich erst hier angekommen bin. Doch es ist nicht normal.“ Er wirkte wütend und rieb sich die Schläfen. „Wer bist du?“

Ich wollte ihm unbedingt helfen. „Habe ich dir doch schon erzählt, ich bin Samantha. Suchst du jemanden? Jemanden aus deiner Familie – deine Mom oder deinen Dad? Soll ich irgendwo anrufen, damit man dich abholt?“

Etwas mühsam stand Bishop vom Gehweg auf. Er war locker dreißig Zentimeter größer als ich, wobei ich mit einem Meter sechzig zugegebenermaßen auch sehr klein war und noch dazu flache Schuhe trug. Seine physische Präsenz überwältigte mich für einen Moment, und ich trat unsicher einen Schritt von ihm zurück. Bishops T-Shirt lag eng am Körper, so als wäre es einige Nummern zu klein. So konnte man erkennen, dass er kein Gramm Fett am Körper hatte. Auf einmal fühlte ich mich unbehaglich, jetzt, wo er mich so überragte, statt zusammengekauert auf dem Bürgersteig zu hocken. Dennoch wandte ich mich nicht ab. Diese Augen – ihr Blick schien mich festzuhalten. Außerdem roch Bishop so unglaublich gut – würzig und süß –, ich konnte es nicht einmal annähernd beschreiben.

„Samantha“, wiederholte er.

Ein seltsam angenehmer Schauer lief mir über meinen Rücken.

Bishop legte den Kopf schief und musterte mich. Er strahlte eine merkwürdige Kälte aus.

Dann kam er auf mich zu, und ich wich noch weiter zurück. „Was schaust du so?“

Er starrte zurück. „Du bist … wunderschön.“

„Oh, ähm … danke …“ Ich errötete und räusperte mich. „Hör mal, vielleicht sollte ich dich einfach in Ruhe lassen. Dir scheint es ja wieder gut zu gehen.“

In mir tobten die verwirrendsten Gefühle.

Er mochte sich in einer Notlage befinden, allerdings wollte ich mich nicht selbst in Gefahr bringen. „Du solltest dich wirklich bei deinen Eltern melden und ihnen sagen, dass alles okay ist. Die machen sich wahrscheinlich schon Sorgen. Auf der Peterson Avenue gibt es eine Mission. Die können dir helfen.“

Mit der einbrechenden Dunkelheit schien es noch kühler geworden zu sein. Dringend Zeit, abzuhauen. Außerdem wurde mein seltsamer Hunger von Minute zu Minute heftiger. Ich musste etwas essen, und zwar möglichst sofort. Auch wenn ich überhaupt nicht mehr satt zu werden schien, linderte es den nagenden Hunger doch vorübergehend. Also setzte ich mich in Bewegung und ging an Bishop vorbei.

„Samantha, warte.“

Ich erstarrte und drehte mich zu dem Jungen um, der mich gerade als wunderschön bezeichnet hatte. Das hörte ich nicht jeden Tag, so viel stand fest. Vielleicht haute es mich deshalb so um, vor allem nach Stephen, dessen Interesse an mir doch eher schnell wieder verflogen war.

Ich blieb tapfer stehen, als Bishop sich mir wieder näherte. Er roch sauber und gepflegt. Wahrscheinlich war er noch nicht lange auf der Straße. Er roch gut, richtig gut …

Plötzlich verdunkelten sich seine Gesichtszüge wieder, und er rieb sich die Schläfen. „Mir rasen tausend Bilder durch den Kopf, und in deiner Nähe ist es noch schlimmer. Ich weiß nur, dass mir die Zeit davonläuft. Es bleiben noch ganze vier Tage, um die anderen zu finden, danach sind sie für mich verloren. Doch … hier ist niemand. Nirgendwo. Vielleicht bin ich alleine. Vielleicht sind sie gar nicht hier. Aber sie müssen einfach hier sein. Warum kann ich sie nur nicht finden …“

Mein Herz schlug wie verrückt. Letzte Nacht mit Stephen war das ähnlich gewesen. Jetzt allerdings fühlte es sich anders an. Das lag nicht nur daran, dass Bishop ein sehr süßer, wenn auch verstörter Typ war. Er hatte etwas an sich, etwas, das ich nicht benennen konnte. Etwas Vertrautes. Etwas Unwiderstehliches. Bishop war seltsam und redete konfuses Zeug, trotzdem zog er mich auf eine Art an, die ich nie zuvor erlebt hatte. Nein, nein, nein. Er war ein Typ mit Problemen, den ich gerade auf dem Gehweg aufgelesen hatte. Und es war gar nicht schlau, für so jemanden irgendwelche Gefühle zu entwickeln.

Ich musste weg. Sofort. Doch ich blieb.

„Bist du high?“, sprach ich eine Vermutung aus, mit der ich wahrscheinlich ziemlich dicht an der Wahrheit lag.

Ich brauchte eine Begründung für sein eigenartiges Benehmen, damit es für mich irgendeinen Sinn ergab.

Er schaute hinauf in den dunklen Himmel. „High, richtig.

Ich muss hoch über die Stadt. Das könnte mir helfen, sie aufzuspüren.“

Ich sah ebenfalls hinauf. Heute standen keine Sterne am Himmel, und die schweren Wolken kündigten Regen an. Ein heller Lichtstrahl erschien über den Gebäuden, ungefähr auf Höhe des Kinos.

„Hoch über die Stadt?“, fragte ich und folgte seinem Blick.

Er schüttelte den Kopf. „Ich kann hier nicht fliegen. Niemand von uns kann das. Und es tut so weh – ich kann dir das alles nicht richtig erklären, weil ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich bin ziemlich mitgenommen.“ Er fuhr sich mit der Hand durch das dunkle, unordentliche Haar. „Warum geht es mir nur so? Ich hasse diesen Zustand, aber ich werde ihn einfach nicht los. Mir fehlt die Kontrolle über meine Gedanken. Es muss einen anderen Weg geben.“

Bishop lehnte sich an ein Schaufenster und schwankte dabei, als fiele es ihm schwer, sich aufrecht zu halten.

Ich machte mir wirklich Sorgen. Eigentlich wollte ich mich nicht für ihn verantwortlich fühlen, aber ich tat es trotzdem. Immer noch besser, als so kaltherzig zu sein wie die anderen Leute hier. Nein, das kam gar nicht infrage. Ich konnte einen anderen Menschen nicht einfach im Stich lassen, nur weil er in Schwierigkeiten steckte und verrücktes Zeug redete.

Ich holte tief Luft. „Es wird alles gut, Bishop. Ich helfe dir.“

Er schaute mich überrascht an. „Wirklich?“

In dem Augenblick, als ich ihn berührte, wanderte ein heftiges elektrisches Knistern meinen Arm hinauf. Ich schnappte nach Luft. Und dann überfiel mich eine Vision, die sich anfühlte, als würde ich von einem Lastwagen überrollt.

Eine Stadt in der Dunkelheit. Sie schmilzt und fließt davon wie Wasser – stürzt in ein schwarzes Loch im Zentrum aller Dinge. Menschen – Tausende von ihnen – versuchen fortzulaufen und werden gnadenlos in den Strudel hineingezogen. Es gibt kein Entrinnen.

Bishop ist hier, um zu helfen, um alle zu retten. Auch mich.

Ich greife nach seiner Hand, als er meinen Namen ruft, doch wir werden auseinandergetrieben, bevor ich ihn berühren kann.

Dann ist alles vorbei.

Wo einmal eine Stadt war, gibt es nichts mehr als tiefe Nacht.

Bishop blickte erschrocken auf meine Hand in seiner, dann wich ich vor ihm zurück. Am Himmel über uns grollte der Donner.

„Nein, warte.“ Er fasste wieder nach meiner Hand.

„Hast du es auch gesehen?“, fragte ich, und meine Stimme bebte.

„Was denn?“ Er schauderte. „Ich habe gar nichts gesehen. Doch sowie du mich berührt hast, konnte ich zum ersten Mal seit Tagen klar denken.“

Ich starrte ihn an und rang nach Atem. Die seltsame Vision existierte die nur in meiner Fantasie? Ich zitterte so sehr, dass ich kaum sprechen konnte. „Du bist verrückt.“

Er wirkte überrascht. „Nein, jetzt nicht mehr.“ „Das ergibt alles überhaupt keinen Sinn.“

„Und dennoch ist es wahr.“ Sein Blick schien jetzt sehr viel klarer. „Ich weiß nicht, wie du das anstellst, aber – spürst du das auch?“

„Was?“

„Wir haben eine Verbindung. Schon als ich dich sah … Ich habe keine Ahnung, was es ist. Vielleicht wurdest du gesandt, um mich zu unterstützen. Vielleicht wussten sie, dass du mich finden wirst. So muss es sein.“

Der Schock meiner düsteren Vision verebbte, und plötzlich schien sie nur noch ein verblasster Traum zu sein. Plötzlich fühlte es sich richtig gut an, Bishops Hand zu halten. Doch wie konnte meine Berührung ihn auf einmal von seinem verwirrten Geisteszustand geheilt haben? Das war doch alles völliger Irrsinn! Aber auch meine innere Kälte war blitzartig verschwunden. Wärme kroch meinen Arm hinauf und breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Dennoch ließ mich der Hautkontakt zwischen uns erzittern. Ich schaute hinunter zu meiner Hand, die mit seiner verschränkt war, diesmal allerdings zog ich sie nicht weg.

„Vielleicht kann ich jetzt die anderen aufspüren“, meinte Bishop.

„Welche anderen?“ Meine Stimme klang heiser. „Deine Familie?“

„Nein. Die anderen. Sie sollen mir helfen.“ „Du hältst noch immer meine Hand.“

Er schaute mich mit seinen blauen Augen an und lächelte zum ersten Mal – ein wirklich unglaubliches Lächeln, bei dem mir beinahe das Herz stehen blieb. „Du ahnst nicht, wie gut sich das anfühlt.“

Doch. Tat ich. Ich empfand das nämlich genauso. Es fühlte sich gefährlich gut an.

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was du bist oder woher du kommst, aber ich danke dir“, sagte Bishop.

„Was ich bin?“, fragte ich benommen.

Er nickte. „Wenn ich so empfinde, musst du etwas sehr Besonderes sein … und dir ist das noch nicht einmal bewusst, oder?“

Ich musste beinahe lachen, was ich dann allerdings von mir gab, klang eher wie ein nervöser Schluckauf. „Vertrau mir, ich bin nichts Besonderes. Na ja, dir scheint es jedenfalls besser zu gehen. Ich bin jedoch nicht sicher, ob das wirklich mein Verdienst ist.“

„Du hast keine Ahnung, was ich durchgemacht habe, seit ich hier bin. Mir passieren sonst keine Fehler, aber im Moment unterläuft mir einer nach dem anderen. Bleibt nur zu hoffen, dass es ab jetzt bergauf geht.“

„Wen suchst du denn?“, wollte ich wissen.

Sein gequälter Gesichtsausdruck kehrte zurück, und er schaute zum Himmel hinauf. „Ich soll nach Lichtsäulen Ausschau halten – Suchscheinwerfer –, die mir den Weg weisen, doch ich kann keine entdecken. Ohne die bin ich verloren.“

Ich drehte mich um und blickte Richtung Kino. „Ähm, du meinst nicht vielleicht diese Lichtsäule da vorne, oder?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ich seh nichts.“

Stirnrunzelnd deutete ich auf die Lichtsäule. „Du kannst den hellen Lichtstrahl da vorne nicht sehen?“

„Nein. Aber …“ Er zögerte und musterte mich skeptisch. „Du schon oder wie?“

„Wie kann man den denn bitte übersehen? Ich dachte, der käme vom Kino.“

„Samantha …“ Und wieder erschauerte ich, als er meinen Namen sagte. „Wenn du das Licht wirklich sehen kannst, dann musst du mir zeigen, wo es hinführt.“

Ich musste an die Geschichte mit Carly und dem Bienenstock denken. Sie war zehnmal gestochen worden. Der Arzt meinte danach, was für ein Glück sie gehabt hätte, dass es nicht schlimmer ausgegangen war. An ihrer Stelle hätte ich danach nie wieder Honig gegessen. Nicht so Carly. Sie liebte Honig unverändert. Carly war eben schon immer ein bisschen verrückt gewesen.

Und dann dachte ich daran, wie Stephen mich Freitagabend im Crave hatte sitzen lassen. Das war mein erster Bienenstich nach langer Zeit gewesen, und er tat immer noch weh.

Seufzend schüttelte ich den Kopf. „Okay, mir nach.“ Wir machten uns auf den Weg. Bishop ließ meine Hand los, und sofort wurde mir wieder kalt.

„Es wird wieder heftiger“, erklärte Bishop angespannt. „Was? Das Licht?“

„Nein, mein Verstand. Also beeilen wir uns lieber.“ „Aber du fühlst dich gut, solange du mich berührst?“ Er wirkte verunsichert. „Ja.“

„Okay. Hier.“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen. Als er seine Finger mit meinen verschlang, erfüllte mich erneut diese wohlige Wärme – diesmal zum Glück ohne störende Visionen.

Bishop lächelte mich an. „Viel besser.“

Mein Gesicht wurde auf einmal genauso warm wie der Rest meines Körpers.

Das Licht ging nicht vom Kino aus, sondern führte uns stattdessen zu einer schmalen Gasse hinter einem Burgerladen. Kaum bogen wir um die Ecke, verschwand es, als hätte jemand den Aus-Schalter gedrückt.

Sehr merkwürdig.

Am Ende der Gasse wühlte ein großer Junge mit dunkelblondem Haar lautstark in einer vollgestopften Mülltonne herum. Er war etwa in Bishops Alter. Ich verzog das Gesicht, weil er sich irgendwelchen Abfall in den Mund steckte und zu kauen begann. Es sah aus wie ein halb aufgegessener Hamburger.

Widerlich.

Bishop war stehen geblieben und starrte den Jungen mit undefinierbarem Ausdruck an. Verwirrung, Zweifel und noch etwas sprachen aus seinem Blick – etwas Düsteres.

„Alles okay?“, wollte ich wissen.

Seine Schultern strafften sich, und er blickte mich an. „Das wird es sein.“

„Alles klar. Ich nehme an, du kennst den Jungen?“

„Mach dir seinetwegen keine Gedanken.“ Er beugte sich zu mir und schaute mir tief in die Augen. Dann nahm er auch meine andere Hand. Mir stockte der Atem.

„Okay, ich bleib cool“, versprach ich. „Ich verstehe das wirklich nicht.“ „Tja, da sind wir schon zwei.“

„Du hast den Lichtstrahl gesehen, obwohl ich es nicht konnte.“ Er runzelte die Stirn. „Du wurdest geschickt, um mir zu helfen, als ich die Hoffnung beinahe aufgegeben hatte. Ich danke dir.“

Ich konnte mir ein Grinsen wegen seines dramatischen Tonfalls nicht verkneifen.

„Gern geschehen.“

Seine Miene wurde hart, und er ließ mich plötzlich los.

„Sonderbar. Für einen Moment dachte ich, du …“ Seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen, bis er schließlich den Kopf schüttelte.

„Was hast du gedacht?“

„Etwas Übles. Aber es ist alles okay.“ Er blickte hinüber zu dem Jungen vor der Mülltonne, bevor er mich wieder ansah.

„Du musst gehen, Samantha.“

Ich hielt die Luft an. „Was?“

Widerstrebend trat Bishop einen Schritt zurück, als würde er sich zwingen, auf Abstand zu mir zu gehen. „Ich muss allein mit ihm sprechen.“

„Aber …“

„Verschwinde einfach. Und vergiss, dass du mich je getroffen hast.“

Ich fühlte mich wie nach einem Schlag in den Magen und brauchte einen Augenblick, um wieder Luft zu bekommen. Ein kalter Regentropfen traf mein Gesicht. Bishop wollte, dass ich ihn vergaß, dabei hatte ich angenommen, wir hätten …

Wir hätten was? Eine Verbindung zueinander, weil der gut aussehende, aber verrückte Typ mich wunderschön fand? Weil er gesagt hatte, dass ich etwas Besonderes sei? Mein zweiter Bienenstich in dieser Woche schmerzte höllisch.

„Na toll.“ Mein Brustkorb tat weh. „Dann halt mal deinen Freund auf, ehe er noch eine tote Ratte findet, an der er knabbern kann.“

In Bishops Augen lag ein Funken Bedauern – aber vielleicht war das auch nur Wunschdenken. Er hatte von mir bekommen, was er brauchte, und jetzt erteilte er mir eine Abfuhr. „Bye, Samantha.“

„Schön.“ Ich schluckte schwer, dann wandte ich mich um und ging. Mich nicht noch einmal nach ihm umzudrehen war nicht ganz leicht.

Kaum hatte ich die Gasse verlassen, verlangsamte sich mein Schritt.

Ob er einer der vermissten Jugendlichen von den Suchmeldungen auf Milchtüten war? Brauchte er professionelle Hilfe wegen seines geistigen Zustands? Und wer war der Junge in der Gasse, zu dem der Lichtstrahl Bishop geführt hatte? Ich konnte jetzt nicht einfach abhauen und das alles vergessen, ohne dass er mir auch nur eine dieser Fragen beantwortet hatte. Selbst wenn er mich nicht bei sich haben wollte, musste ich herauskriegen, was los war.

Ohne den eiskalten Regen zu beachten, lief ich zurück zur Gasse und lugte um die Ecke. Die beiden Jungs standen nah genug, dass ich sie verstehen konnte.

Der Müll-Junge hatte Bishop gerade bemerkt und hörte auf, an dem halben Burger herumzukauen. Die Reste ließ er auf den Boden fallen. „Wer bist du?“

Bishop antwortete nicht sofort, sondern räusperte sich zunächst. „Du kennst mich nicht?“

„Sollte ich das?“

„Mein Name ist Bishop“, sagte er ruhig. „Ich bin hier, um dir zu helfen.“

Der Junge sah Bishop misstrauisch an. „Wie willst du mir helfen?“

„Kannst du dich erinnern, wer du bist? Erinnerst du dich überhaupt an irgendwas?“

Der Junge fuhr sich durch sein regenfeuchtes dunkelblondes Haar und wirkte verunsichert. „Ich bin vor drei Tagen nördlich von hier in einem Park aufgewacht und habe keine Ahnung, wie ich dahin gelangt bin.“

„Ich schon.“

Erleichterung spiegelte sich im Gesicht des Jungen. „Ja? Und du kannst mir helfen?“

Kurzes Zögern. „Das ist mein Job. Komm näher.“ Bishops Stimme klang jetzt fester. Kein wirres Zeug oder unzusammenhängende Gedankenfetzen mehr. Er hatte breite Schultern und stand aufrecht mit dem Rücken zu mir.

Der Junge trat vom Müllcontainer weg und stellte sich vor Bishop. Sie waren etwa gleich groß und von ähnlicher Statur.

„Zeig mir deinen Rücken“, befahl Bishop.

„Meinen Rücken?“

„Bitte, es dauert nur einen Moment. Ich darf keinen Fehler machen, auch wenn ich mir ganz sicher bin, wer du bist.“ Der blonde Junge schien verwirrt, drehte sich jedoch um und schob sein Shirt hoch. Es war jetzt vollkommen dunkel. Das einzige Licht spendete eine einzelne Sicherheitslampe an der grauen Steinmauer, dennoch konnte ich genug sehen, auch trotz des Regens. An beiden Seiten der Wirbelsäule des Jungen befanden sich tätowierte Flügel, die bis zu seinem Hosenbund hinunterreichten. Ich kniff die Augen angestrengt zusammen und konnte erkennen, dass die Flügel schwarz umrandet und schattiert waren.

Bei etlichen waren solche Flügeltattoos total angesagt – vor allem beim Footballteam der McCarthy High, den Ravens. Aber die trugen es normalerweise auf dem Arm.

Mein gesunder Menschenverstand redete mir ein, dass diese Flügel nur eine übergroße Version des Ravens-Tattoos war. Allerdings waren sie nicht fedrig wie bei einem Vogel. Sie sahen eher aus wie Schwimmhäute oder … wie die einer Fledermaus.

Wieder überlief mich ein Schaudern, und meine Zähne klapperten. Kein Wunder, mein Haar war inzwischen klitschnass vom eiskalten Regen.

„Ich habe genug gesehen“, erklärte Bishop nun.

Der Junge zog sein Shirt runter. Genau wie Bishop trug er trotz der kalten Luft und des Regens keine Jacke.

„Und was jetzt?“, fragte der Junge.

„Jetzt musst du tapfer sein.“

Der Junge musterte das Messer mit der goldenen Klinge, das Bishop aus dem Futteral zwischen seinen Schulterblättern hervorholte. Es war mir vorher nicht aufgefallen.