Dark Love - Lia Habel - E-Book
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Beschreibung

Flackernde Gaslampen, dampfbetriebene Kutschen und Digitagebücher – das ist die Welt von Nora Dearly im Jahr 2195. Die 17-Jährige lebt im Internat, bis sie eines Tages entführt wird: Denn ein Virus greift um sich, das Menschen in lebende Tote verwandelt – und Nora trägt als Einzige die Antikörper in ihrem Blut. Bald muss sie feststellen, dass es auch wandelnde Untote gibt, die sich ihre Menschlichkeit dank eines Antiserums erhalten können. Und Bram, ihr Entführer, ist einer von ihnen. Nora verliebt sich in den jungen Mann, doch die Endlichkeit seiner Existenz bedroht ihre Liebe. Nur Noras Vater, ein hochrangiger Wissenschaftler, könnte ein Gegenmittel entwickeln, doch er ist selbst infiziert und droht zu sterben. Ist Noras Welt endgültig dem Untergang geweiht?

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Für meine Mutter, die mir schon früh beibrachte, dass echte Ladys befehlen und echte Gentlemen gehorchen können und dass echte Zombies keine Gehirne fressen.

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Diana Bürgel

ISBN 978-3-492-98256-6

August 2015 © für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München / Berlin 2015 © Lia Habel 2011 Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Dearly, Departed«, Del Rey, New York 2011 Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2011 Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: © RODINA OLENA/Shutterstock.com Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

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»Es wird gesagt, dass Buddha, der sich aufmachte, das Leben zu erkunden, große Angst vor dem Tode hatte. ›Sie fressen sich alle gegenseitig!‹, schrie er und nannte es böse.

Ich überdachte dies, änderte das Verb, sagte: ›Sie nähren sich alle gegenseitig‹ und nannte es gut.«

Charlotte Perkins Gilman,

The Living of Charlotte Perkins Gilman

»Nicht viele junge Mädchen erinnern sich gerne an die Vergangenheit, dabei ist die Vergangenheit sehr schön.

Sehr schön.«

Barnabas Collins in Dark Shadows Episode 250,

Dan Curtis, 1967

Ich war lebendig begraben.

Das wurde mir in dem Moment klar, als der Fahrstuhl irgendwo in dem steinernen Schacht ächzend zum Stehen kam. Ich war gefangen, über tausend Meter unter der Erdoberfläche und gute hundertfünfzig Meter über dem Grund des Schachtes, in einem drei mal drei Meter messenden Käfig über den Tiefen der Mine, in der ich Arbeit gefunden hatte. Ich war damals so verdammt erleichtert gewesen.

Ich zog mich auf die Füße, schob meinen besten Freund Jack zur Seite und schlug auf den Knopf, der den Fahrstuhl regelte. Wieder und wieder hämmerte ich mit der Faust darauf. Nichts. Die verglaste Laterne, die von der Decke baumelte, flackerte auf, während das Kerosin darin zur Neige ging, als wollte die ersterbende Flamme dadurch den Tod fernhalten.

Todesangst verdichtete sich auch in mir zu einem greifbaren, brennenden Etwas, das mein Fleisch nach seinem Willen formte, mein Herz schneller schlagen ließ und meine Haut mit glitschigem Schweiß überzog. Plötzlich musste ich mich übergeben. Mein Körper krampfte sich zusammen und ich erbrach mich durch den Gitterboden. Jack saß still neben mir. Die blutigen Augenhöhlen und das Loch in seiner Kehle schienen mich zu verhöhnen, mich und meinen lächerlichen Versuch, ihn zu retten. Sein Gesicht war zum schrecklichen Zerrbild eines Clowns geworden.

Der Damm brach und ich begann zu schreien. Ich schrie Jack an. Dann Gott. Dann alles und jeden. Ich konnte nichts anderes mehr tun, nur das Schreien war mir geblieben. Ich hatte nicht geschrien, als die Monster sich auf uns gestürzt hatten. Ich hatte nicht geschrien, als ich vor ihnen fliehen und gegen sie kämpfen musste, und auch nicht, als ich Jack zum Fahrstuhl geschleift hatte, während das Blut aus dem Loch in seinem Hals sprudelte. Es war alles so schnell gegangen. Keine Zeit für Schreie.

Die Monster. Wahnsinnig, animalisch, blutleer, gebrochen und zerschlagen von wilden Angriffen auf ihre Beute. Sie hatten sich uns entgegengeworfen wie Ertrinkende, die sich gegen das Eis warfen, das sie unter Wasser gefangen hielt, verzweifelt in ihrer Gier nach Luft … nur Zähne und Hunger …

Ich ließ mich an der Wand des Fahrstuhles hinabgleiten und barg das Gesicht in den Händen. Vom Kupfergeruch des Blutes wurde mir wieder schlecht. Ich legte den Kopf in den Nacken, doch es half nicht. Der Fahrstuhl war voller Blut, Jacks Blut. Auch ich war damit überzogen. Meine zerschlissene Weste hatte mehr Blut aufgesogen, als noch in seinen Venen ruhte. Still wie ein abgestandener Teich. Es verkrustete meine billige alte Taschenuhr und gerann auf der Digitalkamera, die Jacks Hand noch immer fest umschlossen hielt. Nutzloser, neuviktorianischer Schrott. Ich hatte mich über seine Vorliebe für dieses Zeug immer lustig gemacht. Ohne einen Computer konnte er sich die Fotos schließlich nicht einmal anschauen – und hier draußen besaß niemand einen Computer. Wenn der Sheriff jemals Wind davon bekommen hätte, dass sich in Jacks Haus Schmuggelware befand, hätte er alles verloren, wozu also der ganze Aufwand?

Aber er war so stolz auf die Schnappschüsse gewesen, die er damit eingefangen hatte. Und ich hatte pflichtbewusst in die Kamera gelächelt, wann immer er es verlangte.

Langsam und zitternd löste ich sie aus seiner steifen Umklammerung.

Das Licht der Laterne wurde schwächer. Ich kämpfte die Panik nieder und versuchte herauszufinden, wie man die Kamera einschaltete. Dabei klammerte ich mich an die nutzlose Hoffnung, dass all die Verschwörungstheorien vielleicht doch wahr waren. Dass die Neuviktorianer jedes ihrer technischen Geräte orten konnten, jeden digitalen Buchstaben, praktisch jeden Gedanken. Pflanzten sie ihren Leuten nicht Chips unter die Haut, um sie wie Vieh zu markieren? Es konnte vielleicht klappen, wenn der Schmuggler, der die Kamera über die Grenze gebracht hatte, nicht auch dafür gesorgt hatte, dass man sie nicht mehr orten konnte. Vielleicht.

Wenigstens konnte ich eine Nachricht darauf hinterlassen. Wenigstens das.

Als ich endlich herausgefunden hatte, wie man einen Film aufnahm, erstarb die Laterne und stürzte mich in vollkommene, fast greifbare Dunkelheit. Ich unterdrückte ein Schluchzen und sprach mit rauer Kehle. Meine Stimme klang wie die eines Geistes in der Gruft.

»Falls dieses Ding hier funktioniert … mein Name ist Bram Griswold. Ich bin sechzehn Jahre alt. Heute ist der … vierte Juli 2193. Ich wohne auf der Griswold Farm, Long Road, Westgould, Plata Ombre, im brasilianischen Hoheitsgebiet der Punks. Ich habe hier gearbeitet, um meine Mutter und meine Schwestern zu unterstützen … hier in der Celestino-Mine. Und diese Kreaturen, diese, diese Menschen … haben Jack … sie haben ihn zerfleischt …«

Das war zu viel. Ich begann zu weinen. Ich grub die Fingernägel in die Wunden, die an meinen Armen klafften, wo die Monster mich gebissen hatten, und versuchte verzweifelt, mich durch den Schmerz in der Wirklichkeit zu verankern und meinen Verstand vom Abgrund zurückzudrängen.

Es funktionierte nicht.

Ich sprach es aus.

»Ich bin mir sicher, dass ich hier … sterben werde. Emily, Addy … es tut mir leid.« Tränen rannen mir in den Mund, milderten den Geschmack nach Erbrochenem. »Es tut mir leid.«

Meine weiße Hand glitt zwischen die schweren Samtvorhänge.

»Und?«

»Noch nicht«, murmelte ich.

Das Mädchen, das mir über die Schulter spähte, stieß hörbar die Luft aus und zupfte ungeduldig an ihren Ärmelaufschlägen herum. »Hast du’s gut mit deiner eigenen Kutsche. Die Linienkutsche geht mir wirklich auf die Nerven. Wenn sie zu spät dran ist, bekommt man Angst, dass man sie verpasst hat und wenn sie zu früh kommt, dann hat man sie tatsächlich verpasst …«

»Worüber regst du dich dann so auf? Du musst ja gar nicht die Linienkutsche nehmen. Du fährst doch mit mir nach Hause.«

»Weil wir jetzt schon seit fast einer Stunde hier sind … und du kennst mich doch, ich werde immer nervös, wenn ich warten muss, ganz egal, worauf. Weißt du noch, diese Computerpanne, wegen der wir unsere Abschlussnoten einen Tag zu spät bekommen haben? Ich dachte, das überlebe ich nicht.«

Ich hörte Pamelas hektischem Geplapper nur mit halbem Ohr zu, während mein Blick wieder draußen über den Hof wanderte. Das schmiedeeiserne Tor des Mädcheninternats St.Cyprian stand weit offen und ließ einen stetigen Strom elektrischer Kutschen hindurch. Sie waren glänzender und geschwungener als die Vehikel der ersten Viktorianer und sie waren so gebaut worden, dass der Fahrer im Wageninneren sitzen konnte. Die Kutschen der vornehmsten Familien waren aus elegant geformten Metalllegierungen gearbeitet und glänzten in dunklem Purpur oder Mahagonibraun. Einige der reichsten Mädchen besaßen sogar eigene Kutschen. Diese waren dann perlweiß, um die – meist imaginäre – Unschuld und Reinheit ihrer Besitzerinnen zu unterstreichen.

Die Kutsche, die mich abholen sollte, war nicht weiß, was mich zu einer Richtigstellung veranlasste. »Und sie gehört nicht mir, Pamma, sondern meiner Tante.«

»Ich weiß.«

Pamela Roe, meine beste Freundin aus Kindertagen, setzte sich vor mich auf ihren Schiffskoffer. Sie war von indianischer Herkunft und unauffälligem Aussehen, mit ihren dunklen, treuen Augen und dem langen, schokoladenbraunen Haar.

»Wir könnten die Koffer schon mal runter in den Hof tragen«, schlug ich vor.

Heute war der letzte Tag des Schulhalbjahres, und in den Gängen ging es lauter zu als gewöhnlich. Alle fuhren über die Ferien nach Hause. Ein Meer aus Koffern und wirbelnden Röcken wogte direkt vor dem Alkoven, in den Pam und ich uns mitsamt unserer Sachen gezwängt hatten. Das Fenster bot einen guten Ausblick über den überfüllten Schulhof.

»Da werden wir ja zerquetscht.« Pamelas Blick schätzte den Gang ab. »Zerquetscht werden ist nicht gerade sehr damenhaft. Da warte ich lieber auf einen Träger.«

»Das kann dann ja noch Jahre dauern. Find dich lieber damit ab.« Sämtliche Träger, die ich an diesem Tag hatte ausfindig machen können, waren damit beschäftigt, nach der Pfeife der Mädchen aus der Oberschicht zu tanzen. St.Cyprian war eine der renommiertesten Privatschulen der Territorien, ein gewaltiger Bau inmitten einiger Morgen sorgsam gepflegter Ländereien. Das Gebäude war im hochviktorianischen Stil gehalten, alles aus echtem Stein und Holz. Mit den Statuen und Wasserspeiern hier hätte man eine ganze Stadt bevölkern können. Kein Plastik, keine Holografie-Projektoren. In all den Jahren dort hatte ich mich oft gefühlt, als wäre ich zu ewigem Stillstand verdammt – regungslos und allein, inmitten des täglichen Tanzes der Schule … und heute war dieses Gefühl noch intensiver. Pamela und ich hockten in unseren eher schlichten Mänteln auf den Koffern, während überall um uns herum fröhliche junge Mädchen und Bedienstete umhereilten. Ihre Besitztümer waren so viel wichtiger und ihre Reiseziele so viel glamouröser als unsere.

Pam lehnte still an den dunklen Holzpaneelen des Ganges. Ich beschäftigte mich, indem ich einen perlmuttfarbenen Eingabestift über den Bildschirm des digitalen Notizbuches auf meinem Schoß zog. Ich arbeitete an meinem Abschlussaufsatz in Geschichte. Beim Schreiben zog ich die Schultern hoch, eine Angewohnheit, die mir meine Mutter nie hatte austreiben können.

Nora Dearly, notierte ich oben auf die Seite. 17.Dezember 2195. Hausarbeit Nummer 14. Frühneuviktorianische Geschichte.

»Wie fühlt es sich an, wieder Farbe zu tragen?«, fragte Pamela.

Die unerwartete Frage hallte in meinem Kopf wider wie ein Pistolenschuss. Ich ließ die Schultern fallen und der Stift stand still. Ich sah an dem hochgeschlossenen Kleid aus rotem Taft hinunter, das ich auf Pamelas Drängen vor ein paar Stunden hin angezogen hatte. Sie hatte es für mich ausgesucht – tatsächlich hatte sie auch meinen Koffer mit all meinen schwarzen Trauerkleidern gepackt, meine weißen Taschentücher ausgelüftet und die schwarzgeränderten versteckt. Sie hatte getan, was sie konnte, um mir den Übergang zu erleichtern. Wenn es darum ging, Dinge zu organisieren und sich um andere zu kümmern, war Pamela die geborene Mutter – sie war unglaublich effektiv und dabei völlig unauffällig. Heute war seit dem Tod meines Vaters ein Jahr und ein Tag vergangen und meine Trauerzeit war vorüber.

Zumindest äußerlich.

Ich konnte nun wieder bunte Sachen tragen. Ich konnte wieder tanzen gehen, in der Kirche wieder in der ersten Reihe sitzen, Freunde besuchen und all das mit der Billigung jener, die angeblich weiser waren als ich. Doch das änderte auch nichts an der Tatsache, dass ich das alles gar nicht wollte.

»Gut.« Es klang nicht überzeugend. »Ich meine … ich freue mich natürlich, dass ich wieder Farben tragen darf.«

Pamela glaubte mir nicht. Sie durchschaute jede meiner Lügen – das konnte sie schon immer. Dafür hasste, achtete und liebte ich sie. Ihr Blick fiel auf mein Notizbuch. »Du hast mal wieder die Arbeit liegen lassen, stimmt’s? Musst du den nicht in zwei Stunden abgeben?«

Das hatte ich alles schon mal gehört und ich war nicht scharf darauf, es noch einmal zu hören. »Pamma, du hast deinen eigenen Lernstoff, um den du dich kümmern musst. Mach dir keine Gedanken um mich. Ich erledige das schon.«

»Ich … tue es aber trotzdem«, seufzte sie. »Ich habe meine Matheaufgaben noch mal abgeschrieben und sie für dich eingereicht. Jeden Tag siehst du dir die Hologramme deines Vaters an … du starrst sie nur an und vergisst dabei alles um dich herum. Das macht mir einfach Sorgen. Es ging dir doch so lange gut, aber seit ein paar Wochen muss ich wieder Ausreden für dich erfinden …«

Ich streckte die Hand aus und legte sie auf ihren Arm. Sie trug ein verwaschenes, blaues Leinenkleid. »Es ist alles in Ordnung, Pam. Wirklich.«

Pam biss sich von innen auf die Wange. »Ich meine nur, du solltest deine Gefühle nicht unterdrücken. Das ist nicht gesund. Ich weiß, dass deine Trauerzeit vorbei ist und dass jetzt niemand mehr Ausnahmen für dich machen wird, aber du darfst deshalb auch nicht … kalt werden.«

Und das aus dem Mund des Mädchens, das seit dem Tod meines Vaters unzählige Male als mein menschliches Taschentuch herhalten musste? Pah. Ich beschloss, es ihr durchgehen zu lassen, da wir schließlich beide unter Stress standen. Eins musste ich allerdings noch loswerden. »Ich unterdrücke sie nicht, Pam. Ich spare sie mir für Tante Gene auf.«

Sie witterte noch eine Lüge und warf mir einen vernichtenden Blick zu. Aber sie ritt nicht weiter darauf herum. Stattdessen meinte sie nach einer Pause: »Wenn du sie dir vorknöpfst, dann nimm es besser auf, auf Video, nicht nur auf Tonband, sonst glaube ich es dir nämlich nicht.«

Ich wusste, sie hatte mir verziehen. »Wenn es so weit ist, bist du die erste, die es erfährt. Ihren Brief habe ich dir ja gezeigt, oder?« Na ja, eigentlich hatte ich eher wütend vor ihr damit herumgefuchtelt, während ich über die Unverfrorenheit meiner Tante gewettert hatte, die an genau dem Tag, an dem unsere Trauerzeit offiziell endete, auf einen Ball gehen wollte. Aber egal.

Pam nickte. Dann huschte ihr Blick zum Fenster und sie sprang auf die Füße, die in hochgeknöpften Stiefeln steckten. »Da kommt sie ja!«

Großartig. Mit einem Seufzer schloss ich mein ledergebundenes Notizbuch.

Ein rascher Blick durch den Gang zeigte, dass es noch immer keine freien Träger gab. Ich half Pamela dabei, ihren Koffer den Gang entlang, die geschwungene Vordertreppe hinab und durch die mit Schnitzereien verzierten Holztüren zu tragen. Tante Genes Kutsche war ein unauffälliges V-Modell, das im Vergleich zu den anderen Fahrzeugen auf der ringförmigen Auffahrt eher schlicht wirkte. Als wir Pams Koffer schließlich abgesetzt und unsere vom Wind verrutschten Hauben wieder zurechtgerückt hatten, war Tante Genes Teilzeitchauffeur Jorge Alencar bereits auf einen Parkplatz gefahren und kam über den Rasen auf uns zu.

»Miss Dearly, die letzten Monate ohne Sie waren lang«, sagte er warm. Er war ein großer Mann in den Fünfzigern mit sonnengegerbter Haut und schütterem grauem Haar. »Miss Roe, es ist mir ebenfalls eine Freude, Sie zu sehen. Ich werde die Koffer zum Wagen bringen, wenn die jungen Damen es sich dort schon einmal bequem machen möchten.«

»Danke. Sie stehen in dem Alkoven mit dem schmalen Fenster dort drüben.« Nachdem sie diese Anweisungen erteilt hatte, hakte sich Pamela bei mir unter und zog mich in Richtung der Kutsche. Ihre Familie besaß überhaupt kein Fahrzeug und deshalb freute sie sich immer auf eine Kutschfahrt. Ich verstand nur nicht ganz, warum, da sie gewöhnlich doch schon beim Anrollen einschlief.

»Also, versuchen wir mal, uns auf die Ferien einzustellen«, begann sie.

»Da gibt es nicht viel, worauf man sich einstellen müsste«, behauptete ich. »Jeden Tag die gleiche …«

Pam sah mich streng an und fuhr fort, als hätte ich sie nicht unterbrochen. »Ich finde, wir sollten uns etwas Lustiges vornehmen, eine Party vielleicht. Wir könnten Cracker machen, Spiele spielen, eine Münze in einem Pudding verstecken und so. Wir könnten meine Cousinen dazu einladen …«

»Ah, Miss Dearly, Sie scheuen wirklich keine Mühen, um Menschen in Not zu helfen«, kommentierte eine wohlbekannte Stimme hinter uns.

Pam vergaß den Rest ihres Satzes. »Nora«, zischte sie mit warnendem Unterton, als ich abrupt anhielt.

Meine Finger schlossen sich fester um ihr Handgelenk, ich musste mich nicht erst umdrehen, um zu wissen, wer da sprach.

»Miss Mink.«

»Ganz genau. Wie scharfsinnig von Ihnen.«

Mir war nicht nach ihren Spielchen zumute, aber ich drehte mich trotzdem um. Dort stand die blond gelockte Vespertine Mink, eine der beliebtesten und mächtigsten Schülerinnen des Internats, und betrachtete uns wie interessante Insekten. »Was gibt’s?«

Sie warf mir ihr kleines, beißendes Lächeln zu und neigte in schwacher Nachahmung einer höflichen Geste den Kopf. »Ich wollte Ihnen nur mitteilen, wie wunderbar es ist, zu sehen, wie eine unserer besten und begabtesten Schülerinnen den vom Schicksal weniger Begünstigten buchstäblich die Hand reicht.« Sie richtete ihre Augen auf Pam und öffnete leicht den Mund wie vor Erstaunen. »Oh, vergeben Sie mir, Miss Roe. Ich habe Sie gar nicht erkannt.«

Pamela hielt den Kopf trotz dieser Beleidigung hoch erhoben. »Miss Mink.«

»War’s das, Mink?«, fragte ich. Vespertines Augen trafen meine. Ich wollte ihren Blick auf mich konzentrieren. Pamelas Platz an dieser Schule wurde von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert, sie war eine Stipendiatin. Ich tat, was ich konnte, um sie vor jedweder Form von Gemeinheit abzuschirmen. Die Fähigkeit zum geschickten Taktieren, die den meisten der vornehmen Mädchen in St.Cyprian in die Wiege gelegt zu sein schien, ging uns beiden völlig ab. Allerdings musste Pamela, im Gegensatz zu mir, darauf achten, was die Leute von ihr hielten.

»Noch nicht ganz, Dearly.« Sie kam noch einen Schritt näher. Auch sie hatte ihre wollene, türkis-grau gestreifte Monstrosität von einer Schuluniform abgelegt und trug nun ein Turnürenkleid aus smaragdgrüner matter Seide. Der modisch geraffte Saum strich flüsternd über das Gras. »Ich möchte Ihnen außerdem noch eine gute Nachricht überbringen.«

»Ach? Dann aber schnell, wir haben es eilig … und es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Sie heute offenbar nicht ganz in Hochform sind.«

»Miss Mink?«, fragte Pamela leise.

Vespertine lächelte wieder. »Wussten Sie schon, dass meine Mutter im nächsten Monat der Schulkommission beitritt?«

Mit offenen Drohungen konnte ich umgehen. Ich hob das Kinn. »Tatsächlich? Wie interessant. Und ist Lady Mink genauso boshaft, wie Sie es im Allgemeinen sind? Ich bin gerne vorbereitet, wenn ich Menschen zum ersten Mal treffe – besonders Menschen, die vorgeben, wichtig zu sein.«

»Miss Mink?« Pam versuchte es ein zweites Mal, ihre Stimme klang verzagt und als käme sie aus weiter Ferne. Vespertine beachtete sie nicht, sie stand nur da und betrachtete mich mit einer Mischung aus Hass und Abscheu. Zehn Punkte für mich.

»Miss Roe möchte Ihnen etwas sagen.«

»Wen interessiert das?«, schnappte sie.

»Miss Mink?« Pamela rückte näher an mich heran.

Vespertines Kopf fuhr hoch, die Locken umtanzten ihren Hals. »Was?«

Einen Moment lang schien Pamela von Vespertines funkelndem Blick wie gebannt zu sein und ich befürchtete schon, sie hätte ihren genialen Einfall oder ihre geistreiche Retourkutsche oder was auch immer es war vergessen. Beißende Bemerkungen waren noch nie Pams Stärke gewesen. Dann aber lächelte sie und fragte: »Gibt es einen speziellen Grund, warum Ihre Familie des Jahres 2178 gedenkt? Eine besondere Errungenschaft vielleicht?«

Vespertines Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ach, halten Sie den Mund.«

Pamela riss in großartig gespielter Überraschung die Augen auf. »Habe ich Sie etwa beleidigt? Ich war lediglich neugierig, da seitdem doch nun schon beinahe zwanzig Jahre vergangen sind.« Ihr Blick wanderte die Einfahrt hinab bis zu der unmodernen mattbraunen Kutsche der Minks – auf deren Türen die Jahreszahl 2178 eingraviert war.

»Ihre Familie besitzt, wie viele? … vierzehn pferdelose Kutschen? Donnerwetter, das sind schon einige.«

Innerlich jubelte ich. Gott allein wusste, warum die Minks immer diese uralte Kutsche schickten, um Vespertine abzuholen – es sei denn, sie wollten sie auf diese verdrehte Art Bescheidenheit lehren. In diesem Fall würde ich mir das Datum glatt auf die Stirn tätowieren lassen, zum Zeichen meiner vollsten Unterstützung.

Vespertine warf die Haare zurück. »Schön, treibt nur eure dummen, kleinen Spielchen. Ich bin mit euch fertig. Dearly, du bist erledigt. Endgültig erledigt. Roe, ich würde mich an deiner Stelle lieber vorsehen, oder du landest wieder in dem Ghetto, aus dem du gekommen bist.« Sie funkelte mich noch einen Moment lang an, dann stolzierte sie über den Hof zurück zu ihrer Clique herausgeputzter Mädchen, die uns beobachteten.

»Ich freue mich schon drauf!«, rief ich ihr nach. Pamela langte nach dem Griff und öffnete die Kutschentür. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du das gesagt hast!«, platzte ich heraus und konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken.

»Und ich kann nicht glauben, dass du überhaupt so mit ihr sprichst«, antwortete Pam und ihre Miene wurde ernst. Ich schob mich in die Kutsche und sie stieg hinter mir ein. »Das war dumm, sehr dumm, aber sie hat es ja nicht anders gewollt.«

»Es ist mir völlig egal, was Mink von mir hält. Sie ist ein gemeines kleines Scheusal. Aber du …«

»Ich weiß. Ich bin auf sie angewiesen. Ich brauche jegliches Wohlwollen, das ich bekommen kann.« Pam sah aus dem Fenster. Mit Verwunderung stellte ich wieder einmal fest, dass sie bereits leichte Falten unter den Augen hatte. Meine gute Laune, die immerhin volle zwei Minuten angedauert hatte, verflog.

Ich wollte etwas sagen, um sie zu beruhigen. »Lass mich das mit ihr ausmachen, Pam. Sie ist meine Feindin, nicht deine. Sie wird das hier einfach vergessen, wenn ich dafür sorge, dass sie mit mir beschäftigt ist, also mach dir keine Sorgen. Ich mache das jetzt schon seit Jahren so … seitdem sie versucht hat, mich dazu zu bringen, ihr die Bücher hinterherzutragen. Das ist nur ein altes Spielchen.«

Pamela nickte stumm, doch ich fühlte, dass sie noch immer aufgewühlt war.

Der Flachbildschirm, der in die Rückwand der Fahrerkabine vor uns eingelassen war, registrierte die Anwesenheit von Passagieren und erwachte leuchtend zum Leben. Zuerst erschien schimmernd in goldenen Lettern das Datum auf dem Schirm, dann kamen die Nachrichten. Der Bildschirm nahm das Aussehen von Papier an und in brauner Tinte geschriebene Schlagzeilen erschienen auf der Seite. Nichts als affektiertes Getue. Abgesehen von antiken Büchern und sehr wichtiger Korrespondenz war heute alles digital.

»Na also«, meinte ich und machte es mir in den quietschenden Sitzen aus Lederimitat bequem. »Die Nachrichten. Der Beweis, dass es dort draußen noch eine Welt gibt.« St.Cyprian hatte es sich zur Aufgabe gemacht, junge Damen hervorzubringen, die schwebten, anstatt zu laufen, die ein bisschen Klavier spielen konnten und sich ansonsten charmant und bescheiden gaben. Zu diesem Zweck war die Schule ein sehr behüteter Ort. Fernsehen war verboten und der Zugang zum AetherNet war streng reguliert.

Pamela nahm ihre Haube ab, löste den Bildschirm aus seiner Halterung und zog ihn sich auf den Schoß. »Oh, klasse!« Damit war sie beschäftigt.

»Viel Spaß«, murmelte ich, griff erneut nach meinem Digibuch und lieh mir den Federkiel, der zum Inventar der Kutsche gehörte. Ich nahm an, dass ich für meinen Aufsatz noch etwa eine Stunde brauchen würde und ich wollte den Faden nicht verlieren. Die Kutsche schaukelte leicht, als Alencar einen der Koffer einlud.

»Nora …«

»Es geht gleich los.« Die Kutsche kam wieder zur Ruhe. »Das war schon der zweite.«

»Nein, Nora – schau mal.« Pams Hand fand den Ärmel meines Mantels. Ich sah zu ihr herüber und bemerkte, dass sie auf den Bildschirm starrte. Ich sah nun ebenfalls hin. Noch immer waren dort die Schlagzeilen zu lesen.

Ausbau der Elysischen Gefilde aufgrund massiver Probleme mit der Wasserhauptleitung unterbrochen.

Experten stellen die Sicherheit der staatlichen Identitätsdatenbanken infrage.

Und dann noch etwas, das mich wirklich interessierte.

Punks konzentrieren ihre Truppen nach Terroranschlag an der Südgrenze.

Ich nahm nur am Rande wahr, dass Alencar auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte und dass sich die verzierte Trennscheibe zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil der Kutsche langsam hob. Als der Motor angestellt wurde, überlief ein elektrisches Feld die Fenster und ersetzte den Blick auf die Außenwelt durch mein Abbild, das nun von der verspiegelten, blickdichten Oberfläche zurückgeworfen wurde. Verwirrt von dem Wandel schaute ich in meine eigenen Augen und las Sorge darin.

Während meines Aufenthaltes an der Schule war ganz offensichtlich die Welt zum Teufel gegangen.

Ich wollte unbedingt mehr über die letzten Schachzüge der Punks erfahren, aber Pam interessierte sich mehr für Panik und Klempnerarbeiten. Ich ließ sie entscheiden.

Nach einer Stunde hatten wir bereits fast alles gesehen, was der neuviktorianische Mobilsender, der NVMS, bereithielt. Dieser Sender bot eine begrenzte Auswahl an Berichten über die aktuellen Ereignisse der letzten Stunde und zudem noch einige Sendungen vom Vorabend.

Das Hauptaugenmerk lag auf dem vermeintlichen Sicherheitsleck. Es gab keinen Beweis für einen Identitätsraub, was aber keinen der TV-Sprecher davon abhielt, sich ausgiebig darüber auszulassen. Die Bevölkerung wusste eine ordentliche Massenhysterie durchaus zu schätzen.

Der Premierminister, Aloysius Ayles, hatte zu diesem Thema noch keinen Kommentar abgegeben. Ich hatte ihn im Vergleich zu seinem Vater und Vorgänger, Lord Harvey Ayles, schon immer für ziemlich unfähig gehalten. Daher maß ich seinem Schweigen nicht allzu viel Bedeutung bei.

Was die Explosion in der Wasserhauptleitung anging, gab es auch nicht viel Neues, außer dass Hunderte der städtischen Arbeiter Überstunden schieben mussten. Aber Pam musste sich natürlich schrecklich aufregen, das tat sie immer.

»Ich glaube, du solltest vielleicht lieber nicht nach Hause gehen, Nora«, sagte sie, wobei sie den Blick nicht vom Bildschirm nahm und rhythmisch mit einem Fingernagel gegen die Kuppe ihres Daumens tippte.

Ich wohnte in den Elysischen Gefilden. Vor Generationen hatte die neuviktorianische Regierung die Tradition eingeführt, jene, die sich durch große Leistungen für die Nation ausgezeichnet hatten, mit einem Stück Land zu beschenken. Aber auch nach der Entwicklung der Terraforming-Technologien war Land noch immer eine sehr begrenzte Ressource. Etwa zur gleichen Zeit, als mein Vater seine Parzelle erhielt, begann die Regierung mit den unterirdischen Bauten, wobei sie zunächst die bereits existierenden Schutzbunker aus Kriegsjahren erweiterte. Die Elysischen Gefilde gehörten zu den größten unterirdischen Bauprojekten und beherbergten etwa fünfhundert Familien. In Kürze sollte die zweite Ebene eröffnet werden.

»Das ist doch Blödsinn«, erwiderte ich. »Du weißt doch, wie diese Sensationsjournalisten sind. Sie stürzen sich auf jedes Fitzelchen und bauschen es dann für die Einschaltquoten auf. Je mehr sie in einem einzigen Satz zusammenwerfen können, umso besser.«

»Mir ist das trotzdem nicht geheuer.« Pam sah hinab auf ihr Handgelenk, wo ihr, wie jedem anderen auch, bei der Geburt ein ID-Chip injiziert worden war. »Und das mit dem Identitätsraub macht mir Angst. Ich meine, man kann ohne seinen Chip schließlich nicht einfach so weiterleben wie bisher, oder? Ich bekomme Gänsehaut bei der Vorstellung, was jemand mit diesen Infos so alles anstellen könnte. Mein Vater sagt, dass sogar die Daten der Lesegeräte, an denen man vorbeikommt, gespeichert werden, damit sie immer wissen, wo du gerade bist.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich glaube das alles erst, wenn einer der Ayles öffentlich erklärt, dass es wahr ist. Bis dahin muss ich mir um andere Dinge Gedanken machen.« Ich schlug die Beine übereinander und beugte mich über mein Notizbuch.

Pamela nickte und sah sich wieder das Programm an. Nach ein paar Sekunden fragte sie: »Sprichst du noch manchmal mit Lord Ayles?«

Ich blickte weiter auf das Buch. »Nein. Zuletzt auf der Beerdigung.«

Pam beließ es dabei. Ich zog mich in meine Gedanken zurück und zwang mich zum Schreiben. Als ich wieder aufblickte, hatte das Geräusch der sich drehenden Kutschräder Pam bereits eingelullt und sie schlief.

Ich nutzte die Stille und kritzelte meinen Abschlussaufsatz in der Kurzschrift hin, die Salvez mir beigebracht hatte. Dafür, dass ich mich so lange davor gedrückt hatte, war die Sache eigentlich recht schnell erledigt – wie eine Spritze beim Arzt. Ich lieferte meiner Geschichtslehrerin das, was ich bisher jedem Lehrer abgeliefert hatte, der mir im Laufe meiner Schulzeit dieses Thema zugeteilt hatte. Um ehrlich zu sein, waren bisher auch nur ein oder zwei Lehrer wirklich interessiert daran, was ich zu sagen hatte. Die meisten kümmerten sich mehr um meine Schönschrift.

»Wir sind die Kinder eines neuen goldenen Zeitalters«, begann ich. »Feuer und Eis haben die Welt verheert, doch uns gibt es immer noch. Unser Volk hat sich entschlossen zu überleben.«

Vor zweihundert Jahren war die Welt ein schrecklicher Ort.

Eine Serie furchtbarer Ereignisse brach damals über die Menschheit herein. Die Pole der Erde verschwanden ein weiteres Mal unter einem dicken, tödlichen Panzer aus Eis, und die Winter wurden für immer mehr Nationen hart und lang.

Der schiere Überlebenstrieb zwang gewaltige Menschenmassen dazu, in die neu entstandenen gemäßigten Zonen entlang des Äquators zu ziehen. Vernichtende Stürme wischten ganze Länder vom Angesicht der Erde. Kuba, Indonesien, England, Indien. Verschwunden.

Die ganze Welt litt, doch mir kommt es so vor, als ob der amerikanische Kontinent mehr als nur seinen gerechten Teil der Katastrophe abbekommen hätte. Flüchtlinge aus Kanada brachten einen neuen Erregerstamm von Influenzaviren mit sich, der ein Viertel aller Infizierten tötete. Darauf folgten zuerst eine Hungersnot, dann der Ausbruch des zweiten amerikanischen Bürgerkriegs und schließlich die nukleare Zerstörung.

Niemand gewann diesen Krieg. Die Vereinigten Staaten existierten nicht mehr. Die Überlebenden lebten, wo immer sie konnten, und schlossen sich zu neuen Stämmen zusammen, unabhängig von Rasse und sozialer oder geografischer Herkunft.

Doch das Schlimmste sollte erst noch kommen.

Der Ausbruch des Supervulkans unter dem Yellowstone war es, der die Vereinigten Staaten schließlich vollends entvölkerte. In einem letzten verzweifelten Versuch zu überleben, verbündeten sich einige der stärksten Stämme und beschlossen, nach Süden vorzustoßen. Das waren meine Vorfahren.

Die Ahnen meines Volkes waren eine wild zusammengewürfelte Gruppe. Zu ihnen gehörten die letzten Überlebenden des amerikanischen und kanadischen Militärs. Dazu mischten sich Angehörige einiger streng religiöser Volksgruppen, deren Frauen lange Röcke trugen und deren Kinder ihr Wissen aus längst vergessenen Büchern schöpften. Auch Mitglieder der mexikanischen Miliz schlossen sich ihnen an. Überlebenskünstler, zähe Frauen und Männer, die noch immer die Fahnen ihrer längst untergegangenen Heimatländer schwangen. Im Grunde all jene, die es geschafft hatten zu leben.

Meine Ahnen brachen von dort auf, wo einmal die USA und Mexiko gewesen waren, und wie einst das Heer des Dschingis Khan fielen sie in Zentralamerika ein. Ich kann das nicht verurteilen – sonst gäbe es mich schließlich heute nicht. Dschingis Kahn wird im Allgemeinen als böse abgestempelt, aber er war zweifellos auch der größte Anführer, den die Welt je gesehen hat. Er einte die halbe bekannte Welt, indem er seinen besiegten Feinden erlaubte, seinem Heer beizutreten und am Beutezug teilzuhaben. Meine Vorfahren taten in etwa dasselbe und gaben jenen Menschen, die sie unterworfen hatten, die Gelegenheit, sich ihnen anzuschließen, während sie weiter gen Süden vordrangen. Sie gaben allen ein gemeinsames Ziel – Expansion.

Eine Weile lang ging das gut. Während des nachfolgenden Besiedlungskrieges gegen die lateinamerikanischen Stämme, die ihrerseits von Bolivien und Brasilien gen Norden vorstießen, gelang es meinen Vorfahren, ein beträchtliches Gebiet einzunehmen; es erstreckte sich von Mexiko bis zu den nördlichen Höhenzügen Südamerikas. Nach einigen Jahrzehnten hatte die Landnahme ihren Höhepunkt erreicht, eine weitere Ausdehnung war nicht mehr möglich. Als der Vertrag von 2055 unterzeichnet wurde, waren beide Armeen am Ende ihrer Kräfte, und Überleben war wichtiger als Vorherrschaft.

Uns wurden die Gebiete zugesprochen, die wir heute als Territorien kennen, und die Volksstämme des Südens teilten den Rest unter sich auf. Meine Ahnen wurden Zeugen der darauf folgenden internen Machtkämpfe im Süden, sie beobachteten die Ausbrüche vieler kleinerer Kriege und zogen eine Lehre daraus: Sie mussten zusammenarbeiten.

Und so fanden die Territorien endlich Frieden. Meine Vorfahren ließen sich nieder und begannen mit dem Wiederaufbau – was ihnen ausgezeichnet gelang. Im Laufe der Jahre gewannen sie längst verloren geglaubte Technologien zurück wie die Erzeugung von Biotreibstoff oder die Solarenergie. Sie bahnten neue Handelsrouten und entsandten Forschungsreisende auf der Suche nach Ressourcen und Altertümern in den Norden. Trotzdem lebten sie nach wie vor in einer primitiven Gesellschaftsform und in einem noch nicht vollständig geeinten Land. Es bestand aus einer Ansammlung von Dörfern und Kleinstädten, die von Bauern und Handwerkern bewohnt und vom Militär regiert und beschützt wurden. Die erste Generation hatte Wurzeln geschlagen, die Anführer der nächsten sprachen schließlich von der Notwendigkeit, eine ordentliche Regierung und eine rechtmäßige Nation zu gründen.

Und während sie noch diskutierten, entwickelte sich das Leben in den Dörfern weiter.

Es geschah nicht über Nacht, es war mehr als eine spontane Laune – mein Volk, das im Allgemeinen konservativ war, hatte seine Vergangenheit nie vergessen. Nach und nach schienen die Menschen sogar immer mehr davon wiederzuentdecken und sich immer deutlicher daran zu erinnern. Während die Völker des Südens strahlend utopische Zukunftsvisionen entwarfen oder in Chaos und Elend stürzten, wurden meine Vorfahren immer altmodischer. Die Frauen trugen nur noch lange Kleider. Etikette wurde zum nationalen Zeitvertreib. Man verabscheute Gewalt und schlechtes Benehmen. Es wurde erwartet, dass man höher gestellten Personen Respekt entgegenbrachte und wusste, welchen Platz man in der Gesellschaft einnahm.

Innerhalb weniger Generationen hatte sich mein Volk offiziell auf die viktorianische Gesellschaftsform festgelegt. Sie stand für Zivilisiertheit, Ordnung und Wohlstand, und als es schließlich an der Zeit war, unsere Verfassung zu ratifizieren und unserer Nation einen Namen zu geben, stimmte eine überwältigende Mehrheit für »Neuviktoria«.

Warum? Darüber streiten sich die Wissenschaftler seit Jahren. Die Theorie, die mir selbst am ehesten einleuchtet, lautet, dass … nun ja, dass das viktorianische Zeitalter bereits so weit zurück lag, dass für keinen unserer Vorfahren eine echte emotionale Bindung zu dieser Epoche bestand. Wie sollte das nach diesen von Seuchen, Stürmen, Kriegen und Hunger geprägten Jahrhunderten auch möglich sein? Und doch hatten die meisten Menschen eine Vorstellung davon. Sie konnten sich ein Bild jener Zeit machen oder sie hatten schon einmal von einer historischen Person oder von einem Familienmitglied aus der viktorianischen Zeit gehört. Oder aber sie kannten eine ihrer Geschichten wie Dracula oder Moulin Rouge. Viele der Gebäude, Bücher und Filme, die irgendwie die Zeiten überdauert hatten, wiesen viktorianische Elemente auf. Außerdem muss man bedenken, dass, wenn auch die Weiler zu Dörfern und die Dörfer zu Städten wurden, der Großteil der Bevölkerung noch immer auf dem Land lebte. Die ausgefallene Sprache der Viktorianer erschien ihnen als Sinnbild von Geist und Schönheit, ihre Kleidung wie königliche Gewänder, ihre Manieren und ihre Sittlichkeit schienen perfekt, beinahe engelsgleich.

Die Menschen wussten also gerade genug, um sich ein goldenes Zeitalter auszumalen. Sie übersahen seine hässlichen Seiten und sie wollten … sie brauchten es. Ein neues goldenes Zeitalter. Eine Geschichte ohne Schattenseiten. Sogar der erste amerikanische Bürgerkrieg schien ihnen im Vergleich zum zweiten ritterlich und kultiviert.

Nachdem die Herzen meiner Ahnen so lange so hart und heiß geschlagen hatten, sehnten sie sich nun nach Ruhe. Sie wollten wissen, was Gelassenheit und Stabilität ist. Sie wollten Schönheit kennenlernen.

Also entschloss sich mein Volk dazu, sie zu erschaffen.

Es folgte eine Zeit des Friedens. Der Handel florierte, die Technologie entwickelte sich und war finanziell erschwinglich. Schnell entfaltete sich eine Form von Kultur und Tradition, die noch bis heute fortbesteht.

Und dann kamen die Punks.

Zuerst hatten sie viele Stimmen, aber keinen Namen. Tatsächlich lehnten sie es ab, sich auf eine Bezeichnung festzulegen und zwangen so ihre Feinde dazu, sie zu benennen. Ich persönlich finde ja »Punks« nicht gerade originell, aber meine Vorfahren hielten diesen Ausdruck wohl für passend.

Die Punk-Bewegung lehnte die neue Adelsform ab, die sich langsam aus unserer strikten sozialen Ordnung erhob. Für sie konnte kein Titel einen Menschen über einen anderen erheben. Während die Städte wuchsen, verlangten die Punks, dass die politische Macht weiterhin in den ländlichen Kleinstädten und Dörfern ausgeübt werden sollte, was für sie gleichbedeutend damit war, sie in den Händen »des Volkes« zu belassen. Sie wetterten gegen den sich immer weiter ausbreitenden Gebrauch von Computern in unserer Gesellschaft und begründeten ihre Ablehnung damit, dass jede Form der Abhängigkeit von »denkenden Maschinen« unsere Nation intellektuell verweichliche. Sie spuckten auf die Güter, die unsere Fabriken in Massenproduktion herstellten, und priesen die individuelle Handwerkskunst, deren Erzeugnisse durch ehrliche Handarbeit geschaffen wurden.

Was das Fass für sie aber schließlich endgültig zum Überlaufen brachte, war die Wiedergeburt der Holografietechnologie. Jeremiah Reed, der Mann, der später ihr Anführer werden sollte, nannte sie »die schöne Lüge, die Barden und den Steinmetzen gleichermaßen das echte Brot aus dem Mund stehlen wird«.

In ihren Augen wiederholte unsere Gesellschaft all jene Fehler, die frühere Gesellschaften begangen hatten, indem sie eine über- und eine untergeordnete Klasse schuf, den Minderprivilegierten weniger Rechte einräumte und seichter Bequemlichkeit und Verschwendungssucht hinterherjagte.

Die Bewegung wuchs. Die Punks steckten Fabriken an, brannten Häuser von Politikern nieder und gingen auf die Straße. All dies gipfelte schließlich im sogenannten »Reed-Massaker«. Damals stürmten etwa einhundert Aufständische eine Hemdenfabrik und zerstörten die computergesteuerten Maschinen. Das neuviktorianische Militär nahm sie unter Beschuss und die folgenden drei Tage wurden von gewaltvollen zivilen Aufständen beherrscht, während derer man unsere Gebiete von Punks säuberte. Sie wurden nach Süden getrieben, um dort zu sterben oder aber ihre eigene armselige Zivilisation zu gründen – je nachdem, was zuerst kommen würde.

Widerstandslos gingen die Punks jedoch nicht. Bis heute wird entlang der Grenzen gekämpft. Der einzige Grund dafür, dass wir sie nicht vollständig ausgerottet haben, ist der, dass sie irgendwo noch immer unsere Brüder sind. Unser eigen Fleisch und Blut. »Dies und die Tatsache« – wie Salvez mir stets erklärte –, »dass wir ihnen zehn zu eins überlegen sind und es einfach billiger ist, sie nur nach und nach zu töten. Außerdem lässt uns das vor den anderen Stämmen besser dastehen.«

Ende.

Ich schrieb meinen Aufsatz ins Reine und schickte ihn via Funknetz an meine Lehrerin. Als ich auf den »Senden«-Knopf drückte, sprangen die Zeiger der kleinen Taschenuhr, die in einer Ecke des Bildschirms leuchtete, auf Punkt zwölf. Ich hatte die Abgabefrist auf die Minute genau eingehalten. Zufrieden schob ich die Hand in die Tasche meines schwarzen Wollmantels, fischte einen Keks aus seiner Wachspapierverpackung und steckte ihn mir in den Mund. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Zeitlose Werte.

Dann griff ich nach dem Kabinenschirm der Kutsche, löste ihn aus seiner Halterung und nahm ihn auf den Schoß. Ich stellte den Ton ab, bevor ich mich durch die Beiträge scrollte. Ich hatte mich beherrscht, solange Pamela noch wach war. Ich wusste, dass ihr das eventuell dazugehörige Filmmaterial nicht gefallen würde. Ihr wurde übel, wenn sie Blut sah. Einige der anderen Sender zeigten spezielle Nachrichtenprogramme für Damen, die von sämtlichem »taktlosen« Bildmaterial befreit worden waren, aber NVMS gehörte nicht dazu.

Woher ich das wusste?

Weil ich einem dunklen, sehr undamenhaften Laster frönte: Ich liebte es, mir ungeschnittene Nachrichtenbeiträge und Dokumentarhologramme über Kriege anzusehen.

Das hatte ich mit meinem Vater gemein.

»Wie das Militär heute Morgen mitteilte, formieren sich die Streitkräfte der Punks nach Augenzeugenberichten an den Grenzen zu Brasilien und Bolivien. Trotz eines energischen Offensivschlages seitens unserer Truppen scheint sich ihre Anzahl noch zu erhöhen, was von Experten mit Sorge betrachtet wird. Dies alles folgt auf den terroristischen Bombenanschlag auf die Kleinstadt Shaftesbury am 15.Dezember.«

Meine Schultern hoben sich, während ich verwirrt weiter zusah. Shaftesbury war ein ländlicher viktorianischer Weiler in Ecuador. Meines Wissens nach lebten dort insgesamt nicht mehr als zweihundert Menschen. Warum sollten sie ausgerechnet dort angreifen, wenn es ihnen bereits gelungen war, so weit in unser Hoheitsgebiet vorzudringen? Warum hatten sie sich kein bedeutenderes Ziel ausgesucht?

Der Bildschirm vor meinen Augen leuchtete und zeigte eine Übersichtskarte des Gefechts sowie verwackelte und merkwürdig verlangsamte Amateuraufnahmen der Straßenschlacht zwischen den Punks und der Miliz der Stadtbevölkerung. Trotz ihrer politischen Einstellung und all des Blutes, das Tag für Tag an der Grenze vergossen wurde, konnte ich nicht anders, als den Kampfgeist der Punks zu bewundern. Sie trugen wahllos geflickte und verlotterte Kleidung, ihre Maschinerie war ungesichert und primitiv – doch diese Lumpensammler aus der Wüste warfen sich mit wildem Gebrüll in den Kampf und gehorchten keinen Regeln. Sie versteckten sich im Wasser, in den Bäumen. Sie schienen Kriegsgerät aus dem Nichts erschaffen zu können – Panzer, die sich auf gigantischen Metallbeinen aus verrosteten Zugteilen fortbewegten, Bomben hergestellt aus Schrott, den man um alles gewickelt hatte, was explodieren konnte.

Es war faszinierend. Es war seltsam aufregend. Es war definitiv nichts, was ein Mädchen interessieren sollte.

Es war meine Lieblingsdroge.

Dieses Mal jedoch schienen die Punks keinem Angriffsplan zu folgen. Sie griffen einfach alles an, was sich bewegte. Sie agierten nicht wie Männer im Einsatz.

Sie waren vollkommen außer sich.

Entsetzt sah ich zu, wie sie die viktorianischen Dorfbewohner in den Nahkampf verwickelten. Tatsächlich schien es, als ob nur wenige von ihnen überhaupt bewaffnet waren. Sie stürzten sich einfach hinein, um sich schlagend und hemmungslos. Ein Mann versuchte sogar, einen anderen zu beißen. Sämtliche Dorfbewohner eröffneten das Feuer, doch nur wenige der Punks fielen. Die anderen rannten einfach weiter direkt auf die Miliz zu.

Die Übertragung wechselte zu Bildern, die die Situation an der Grenze zeigten. Die Angriffe der Punks folgten auch hier demselben Prinzip, sie warfen sich und alles, was sie hatten, gegen unsere Streitkräfte. Noch nie hatte ich derart viele Punksoldaten in einer Schlacht gesehen. Ich sah, wie selbstgebaute Bomben in unmittelbarer Nähe ihrer eigenen Reihen hochgingen und in weitem Bogen brennende Granatsplitter spuckten – das war, noch untertrieben gesagt, einfach dumm. Und ich hatte sie früher schon für wild gehalten. Noch nie hatte ich sie so verbissen kämpfen sehen.

»Was macht euch so wütend?«, murmelte ich leise.

Die übrigen Nachrichtenbeiträge gaben nicht viel mehr her. Die allgemeine Meinung besagte, wir müssten ihnen nur mal wieder eine ordentliche Tracht Prügel erteilen und sie dann zurück in ihr Territorium schicken, wo sie darüber nachdenken konnten, was sie getan hatten. Es gab keine Diskussion darüber, warum die Punks plötzlich ihre Angriffe verstärkten oder was sie damit erreichen wollten.

Ich lehnte mich zurück und legte mir die Hand in den Nacken. Das war merkwürdig. Sehr merkwürdig. Der Bildschirm wurde schwarz, da er nicht mehr benutzt wurde, und im matten Schein der Kabinenlampe starrte ich hinab auf mein eigenes Spiegelbild.

Ich verachte mein Gesicht und ich glaube nicht, dass sich daran jemals etwas ändern wird. Meine Züge sind so niedlich, so kindlich, dass ich manchmal fürchte, nie wie eine erwachsene Frau auszusehen, obwohl ich schon beinahe siebzehn bin. Ich habe blasse Haut, braune Augen und schwarze Haare, die mir auf die hochgezogenen Schultern fallen und sich immer wieder zu dicken Locken zusammenrollen, obwohl ich beharrlich versuche, ihnen das abzugewöhnen.

Was mich am meisten stört, ist die Tatsache, dass mein Gesicht nicht zu einem Mädchen passt, das Klassenbeste im Zielschießen ist und das Kriegskunst und Geschichte studiert statt Rocksaumlängen. Dieses Gesicht passt nicht zu einem Mädchen, das sich durchsetzen kann, das beinahe alle ihre Beschützer verloren hat und sich keine neuen wünscht – das einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte, um, so gut es eben geht, mit den Dingen fertigzuwerden.

Aber ein anderes habe ich nun mal nicht.

Tante Gene liebte Spiegel und sie mochte diesen speziellen Teil der Ausstattung des V-Modells. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie nicht ganz richtig im Kopf war.

Um mich nicht weiter mit ihr beschäftigen zu müssen, ließ ich meinen Kopf auf Pamelas Schulter sinken und versuchte nach Kräften, ebenfalls einzuschlafen.

Ich träumte von ihm.

Wann immer ich von meinem Vater träume, sehe ich jenen schrecklichen, lauten Tag vor mir, an dem sein Leben endete – jenen Tag, an dem nur noch ein paar Hundert qualvoller Atemzüge zwischen ihm und dem Tod lagen. Damals überzogen unnatürlich scharf hervortretende Venen sein Gesicht wie ein Spinnennetz und seine Lippen waren blau. Wann immer ich ihm nahe kam, wich er vor mir zurück.

Also blieb ich ihm nahe. Ich lag neben ihm, wenn er schlief, ich hielt hartnäckig seine Hand, wenn er sprach. Ich hätte ihn so fest ich nur konnte an mich gedrückt, doch es waren stets auch einige seiner Berufskollegen oder Ärzte im Raum und Tante Gene bestand auf einem Mindestmaß an Schicklichkeit. Der einzige Mensch, dessen Anwesenheit ich ertrug, war Horatio Salvez, der Forschungsassistent meines Vaters und mein inoffizieller Tutor.

Als ich neun Jahre alt war, verloren mein Vater und ich meine Mutter. Damals hatte er mir beigestanden und mich durch diesen ersten Kontakt mit echter Trauer geführt. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft. Er hatte mich weinen und toben lassen. Sogar meine kindlichen Blasphemien hatte er toleriert und geschwiegen, während ich Gott verfluchte und in dem Versuch, alles um mich herum dazu zu zwingen, meinen Schmerz zu teilen, meine Porzellanpuppen zerschmetterte.

Jetzt musste ich ihm beistehen. Wäre damals der Tod in jenem Raum erschienen, um mich wählen zu lassen, ich wäre diesen Weg für ihn gegangen.

Es war stets still im Krankenraum, der eigentlich sein Arbeitszimmer war. Man hatte ihm ein Bett hier hereingestellt, als er die Stufen zu seinem Schlafzimmer nicht mehr bewältigen konnte. Der Raum war dunkel und maskulin, die Wände bestanden aus gebeiztem Holz und waren über und über mit Schnitzereien und Vergoldungen versehen. Menschen streiften hindurch, sie bewegten sich leise wie Mönche auf ihrem stillen Klostergelände.

An jenem Tag war ich unaufgefordert auf Zehenspitzen hinausgeschlichen, um mir frische Kleider anzuziehen. Auf dem Rückweg traf ich auf Horatio, der mir sagte, dass mein Vater im Sterben liege. Natürlich fand er andere Worte dafür. Horatio war ein magerer Mann, er trug einen Bart, hatte sanfte Gesichtszüge und eine brüchige Stimme – und heute war sie brüchiger denn je.

»Ich glaube, er wird uns sehr bald verlassen, Miss Dearly.«

Ich rannte zurück zu seinem Krankenzimmer, das Klappern meiner Schritte auf dem Holzboden hallte im Korridor wider. Seine Mitarbeiter öffneten mir die Tür, sobald ich sie erreichte. Ich eilte zum seidenbezogenen Bett meines Vaters und suchte in den Schatten nach seinem Gesicht. Es war so tiefviolett wie ein dunkler Bluterguss. Bei diesem Anblick kämpfte meine Liebe für ihn mit gewöhnlicher, menschlicher Abscheu.

»Papa?«

Als er seine von Gelbsucht gezeichneten Augen öffnete, traten Tränen in die meinen. Ich beugte mich hinab, um seine Wange zu küssen. Matt versuchte er, mich zurückzustoßen.

»Bitte nicht«, flüsterte ich und konnte das Weinen nicht länger zurückhalten. Ich hatte meine ganze Willenskraft aufgebracht, um ihn nicht mit meinen Tränen zu belasten. Ich hatte mich so angestrengt, stark zu sein, seit er mit einer seltenen Krankheit von seiner letzten Reise gen Süden heimgekehrt war – doch nun hatte ich nicht mehr die Kraft zu kämpfen. »Hör auf. Hör auf, mich wegzustoßen. Du hast selbst gesagt, dass es nicht ansteckend ist – und wenn doch, dann wäre es mir egal. Ich liebe dich … ich liebe dich.«

Ich küsste ihn, wieder und wieder und er ließ es zu. Dann nahm er mich in seine mit Schläuchen gespickten Arme, obgleich ich fühlte, wie schwach er war.

»Ich liebe dich auch, Nörchen«, sagte er mit heiserer Stimme.

Ich musste unwillkürlich lachen und es klang verzerrt durch meine Tränen. Nur er nannte mich Nörchen. »Nö« war mein erstes Wort gewesen. Meine Mutter hatte geglaubt, ich versuchte, meinen eigenen Namen auszusprechen, doch meinem Vater war klar gewesen, dass dies der Beginn einer langen Karriere in Sachen Widerspenstigkeit war.

Wir schwiegen einige Zeit. Seine Hand lag schwer auf meinem Rücken und die Knöpfe seines Nachthemdes drückten sich schmerzhaft in meine Wange – es war ein willkommener Schmerz, denn er zeigte mir, dass mein Vater noch immer da war, hier bei mir.

»Nora«, begann er. »Ich habe dir etwas zu sagen.«

»Ich habe dir tausend Dinge zu sagen.«

Er schob mich ein Stück von sich weg und ich setzte mich auf und sah ihn an. »Nein, mein Kind, du musst das verstehen … du bist besonders, unfassbar besonders.« Er vergrub seine zitternde Hand in meinen Haaren. »Mein Körper …«

Bevor er seinen Satz beenden konnte, begann es. Und ich sah es geschehen.

Er starb unter Qualen. Sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, als versuche er, den Ketten des Todes zu entkommen, die sich um ihn schlossen. Er riss den Mund weit auf, schnappte nach Luft und versuchte, seine letzten Worte hinauszupressen. Doch über seine Lippen kamen nur noch sinnlose Laute und ich begriff, dass es zwecklos war, sie verstehen zu wollen. Ich weinte um ihn, wie ich noch niemals geweint hatte, ich weinte, bis ich dachte, meine Lungen müssten ebenso blutunterlaufen sein wie seine Haut.

Sie erlaubten mir nur einen Moment mit dem toten Körper, der schon nicht mehr mein Vater war, bevor sie mich aus dem Raum führen wollten. Als ich begriff, dass sie mich wegbringen wollten, wurde ich zur Raubkatze. Ich kämpfte. Ich krümmte und wand mich in ihren Armen, ich schrie, ich rang um eine weitere Minute mit ihm, um eine weitere Sekunde, doch sie gewährten sie mir nicht. Sosehr ich mich auch wehrte, ein noch stärkeres Gefühl der Dringlichkeit schien sie anzutreiben. Schließlich wurde ich von zweien seiner Ärzte buchstäblich aus dem Raum getragen.

Noch in dieser Nacht brachten sie seine Leiche zum Bestatter, wo sie bis zum Begräbnis bleiben sollte. Als ich versuchte, ihnen durch die Haustür zu folgen, schlang Salvez seine dünnen Arme von hinten um mich und hielt mich zurück. Mich hatte die Trauer schon so weit geschwächt, dass mir zum Kämpfen jede Kraft fehlte.

Tante Gene, schroff wie eh und je, betrauerte den Tod meines Vaters, indem sie sich erst mit dem Floristen und dem Priester und schließlich mit dem Steinmetz besprach, der das Todesdatum auf den Grabstein meißeln sollte. Nicht ein einziges Mal sah ich sie weinen. Ich verstand, dass dies ihre Art war, mit dem Tod ihres Bruders fertigzuwerden, doch es erschien mir so kalt. Ich habe ihr das noch immer nicht verziehen.

Ich zog mich in mein Kinderzimmer zurück. Es war ein großer, fröhlicher Raum, eingerichtet für ein kleines Mädchen. Puttenreliefs schmückten die rosa Decke und geschnitzte Engelsflügelchen den Parkettboden. Ich verkroch mich in meinem riesigen Puppenhaus, dem Altar meiner Kindheit, und rollte mich zwischen meinen Stofftieren und anderem Spielzeug zusammen. Wie lange ich dort gelegen habe, weiß ich nicht. Ich erinnere mich daran, dass durch die Schlitze der Fensterläden manchmal die Strahlen der Sonne drangen und dann wieder der Schein des Mondes. Ich blieb so lange dort, bis es mir gelang, eine andere Erinnerung an meinen Vater wachzurufen als die an das entsetzliche Schauspiel seines Todes. Es musste mir einfach gelingen.

Schließlich waren es die Erinnerungen an seine Geschichten, die mir halfen.

Mein Vater war ein begnadeter Geschichtenerzähler gewesen. Die Gedichte der alten Meister waren wunderschön und voller Lebendigkeit von seinen Lippen erklungen, genau wie die düsteren Erzählungen der Altviktorianer oder die Epen über die uralten Götter. Am liebsten hatte ich Geschichten über Kriege und Heldentaten gehört – jede freie Minute war erfüllt von diesen Geschichten und ich wollte sie eines Tages selbst erleben.

Während der folgenden Tage lebte ich mit diesen Erinnerungen, sie leisteten mir beim Essen und beim Anziehen Gesellschaft und sie begleiteten mich zur Beerdigung. Ich dachte an die vielen Male, als mein Vater mich in meiner kindlichen Phantasie hatte schwelgen lassen und mich für einen Tag zur Fee, zur Meerjungfrau oder zum Soldaten gemacht hatte. Ich hatte mich über die Jahre selbst davon überzeugt, dass ich einen großartigen Soldaten abgeben würde – mutig und treu und aufopferungsvoll. Natürlich waren Frauen beim Militär verboten, doch mein Vater hatte mir Geschichten von Mädchen erzählt, die sich die Haare geschoren und den Busen flachgebunden hatten und dann als ein John oder James der Armee beigetreten waren. Wenn ich mal wieder mit meinen Teddys Krieg spielte, hatte er gescherzt, dass er mich schon hineinschmuggeln würde. Er machte im Garten hinter unserem damaligen Haus Drillübungen mit mir und erteilte mir meinen ersten Schießunterricht. Und das mir, die ich so zierlich und unsoldatenhaft war, wie ein Mädchen nur sein konnte.

Doch das alles spielte nun keine Rolle mehr.

Das Begräbnis von Dr.Victor Dearly war eine Staatsangelegenheit. Mein Vater hatte seine Karriere bei der Armee als Militärarzt schon lange vor meiner Geburt begonnen und als ich noch ein kleines Mädchen war, hatte er sich bereits als Held ausgezeichnet. Der damalige Premierminister, Lord Harvey Ayles, war eines Tages erschienen, um die Militäreinheit, der mein Vater angehörte, zu inspizieren und die Moral der Soldaten zu stärken. Die Punks hatten ebenjenen Zeitpunkt gewählt, um einen Angriff zu starten. Mein Vater war ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben durch den Kugelhagel gerannt, um den Premierminister mit seinem Körper abzuschirmen. Fünf Schüsse hatten ihn getroffen.

Beide überlebten den feindlichen Angriff. Mein Vater wurde geehrt und erhielt hohe Auszeichnungen. Ihm wurde sowohl ein Posten im Ministerkabinett als auch das Amt des obersten Militärarztes angeboten. Er lehnte beides ab und entschied sich dafür, das Ministerium für Militärgesundheit zu leiten. Meine Mutter hatte er damit schier in den Wahnsinn getrieben. Ihm war ein Platz unter den Ranghöchsten des Landes angeboten worden und er hatte ihn abgelehnt. Was sollte sie nur mit ihm anfangen?

Weil auch meine Mutter nicht mehr lebte, fiel es mir zu, die erste Handvoll Erde in sein Grab zu werfen. Lord Harvey Ayles selbst reichte sie mir. Einst war er ein schöner Mann voller Tatendrang gewesen, doch Alter und Krankheit hatten ihn zu einem hoch angesehenen Einsiedler gemacht. Die Tatsache, dass er darauf bestanden hatte, dem Begräbnis meines Vaters persönlich beizuwohnen, zeigte mir und auch allen anderen, dass er noch immer großen Respekt für ihn empfand. Er saß in einem Rollstuhl, umringt von Leibwächtern. Er war in einen Umhang gehüllt, sein Gesicht wurde von einem Schlapphut und einer großen, dunkel getönten Brille verborgen.

Lord Ayles nannte mich »Miss Nora« und erklärte mir, dass mein Vater einer der Besten gewesen sei.

Der Steinmetz hatte das Datum seines Todes noch nicht in den Grabstein gemeißelt. Aus irgendeinem Grund empfand ich das als tröstlich, selbst dann noch, als die Erde seinen Sarg traf.

»Miss Dearly?«

Ich schrak hoch, als Alencars Stimme aus der Gegensprechanlage drang und mich weckte. Er klopfte gegen seine Seite der Trennscheibe, bevor er sie herunterfuhr. Ich richtete mich auf. Pamela regte sich neben mir.

»Es gibt da ein Problem, Miss Dearly.«

Ich sah aus dem Seitenfenster, das nun wieder zu durchsichtigem Glas wurde. Wir standen in einer Reihe von Kutschen, die sich durch die unbewohnte, hügelige Landschaft zwischen dem Villenviertel und den westlichen Ausläufern der Stadt New London zog. Vor uns lag in einiger Entfernung der Eingang zu den Elysischen Gefilden, ein marmornes Pförtnerhaus, das in einen flachen Hügel eingelassen war. Die Straße, die dorthin führte, war mit Fahrzeugen verstopft.

»Was ist da los?«, fragte ich.

»Das hat bestimmt etwas damit zu tun, was sie in den Nachrichten gebracht haben«, murmelte Pam verschlafen.

»Sie lassen keine Fahrzeuge hinein«, sagte Alencar, während er eilig auf seinem schlichten, schwarzen Mobiltelefon herumtippte. »Nur Fußgänger. Sie versuchen, so viel wie möglich von der Ausrüstung aus der unteren Ebene zu bergen. Anscheinend ist die zweite Ebene inzwischen unser neues unterirdisches Schwimmbad.«

Ich tätschelte Pams Schulter. »Siehst du? Kein Grund zur Aufregung.« Ich lehnte mich nach vorne und schob meinen Kopf in Alencars Hälfte der Kutsche. »Lassen Sie mich hier aussteigen und bringen Sie Miss Roe nach Hause. Ich brauche nur ein paar Minuten, und bis Sie zurück sind, bin ich schon zu Hause.«

»Nora! Ohne Begleitung?«, entrüstete sich Pam.

Ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, die Augen zu verdrehen, doch dann pflichtete auch Alencar ihr bei.

»Nein, Miss Dearly, ich kann Sie unmöglich alleine gehen lassen!«

»Mr.Alencar, meine liebe Pam, ich gehe einfach nur nach Hause. In einem unterirdischen Wohnkomplex voller städtischer Arbeiter. Wie gefährlich kann das schon sein? Außerdem erwartet Tante Gene mich und ich bin sowieso schon spät dran.« Auf jeden Fall zu spät für ein klassisches Duell im Abendrot.

Pam öffnete langsam den Mund. Ich sah es im Rückspiegel und zog rasch meinen Kopf zurück. Während ich mit der einen Hand auf den Knopf drückte, der die Trennscheibe wieder hochfuhr, gestikulierte ich mit dem Zeigefinger der anderen Hand in Richtung Alencar. »Einen kleinen Moment, ja?«

»Nora, ich will mir keine Sorgen um dich machen müssen. Wir können das doch einfach andersherum machen. Wir fahren jetzt zu meiner Familie und in ein paar Stunden kannst du dich wieder auf den Rückweg machen …«

Als die Trennscheibe sich vollständig gehoben hatte, atmete ich tief durch. »Pamela, du musst damit aufhören, dir ständig Sorgen um mich zu machen. Du bist nicht meine Mutter. Ich habe keine Mutter mehr und ich will auch keine.«

Sie legte ihre Hand über meine. »Nora, gerade du musst doch wissen, dass ich mir nur noch mehr Sorgen mache, wenn mir jemand sagt, dass ich mir keine machen soll.«

Ich drehte mich zu ihr und legte ihr die Arme um den Hals. Sofort umarmte sie mich auch. »Ich kann auf mich selbst aufpassen, Pam. Ich will es so. Ich will dich nicht noch länger belasten, verstehst du das nicht? Mir geht es gut, wirklich. Es ist jetzt ein Jahr und einen Tag her.«

»Nora«, wandte sie ein.

»Fahr nach Hause zu deiner Familie. Grüß deinen Vater von mir. Und wir sehen uns morgen, okay?« Sanft löste ich mich von ihr und zwang mich dazu, ihr in die Augen zu sehen.

»Okay?«

Sie zögerte noch einen Moment, doch ich wusste, dass alles in Ordnung war, als sie mich gerade lange genug losließ, um eine meiner Locken einzufangen und sanft daran zu ziehen, eine alte Angewohnheit von ihr. »Okay.«

Ich klopfte gegen die Trennscheibe und teilte Alencar mit, dass ich hier aussteigen wolle. Seine Tür öffnete sich unmittelbar nach der meinen. Die Luft war erfüllt von Rufen, schrillen Hupentönen und Piepsgeräuschen. »Und Sie sind sich sicher, dass das ein gute Idee ist, Miss?«

Ich zog meine Handschuhe an. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die grellen Lichter zu gewöhnen. »Natürlich. Ich wollte mir ohnehin ein bisschen die Beine vertreten.« Ich drehte mich um und winkte mit beiden Händen, während Pamela mir nachdenklich durch die offene Tür hinterhersah. »Bis morgen, Pamma!«

»Bis morgen«, antwortete sie leise.

Bevor Alencar mich aufhalten konnte, drehte ich mich wieder um und ging los. Schnell überquerte ich die schmale Brücke, die zum Tunneleingang führte. Am Tor fuhr mir ein Polizist mit seinem Scanner über das Handgelenk. Er nickte, als der Computer meinen Bewohnerstatus bestätigte, und ich zog mir den Handschuh wieder über.

»Willkommen zu Hause, Miss Dearly.«

Das Tor öffnete sich und ich begab mich in die Elysischen Gefilde. Einige hundert Meter folgte ich einem Betontunnel, in dem sich zahllose Fahrzeuge drängten, bis ich von dort aus direkt die Hauptstraße der ersten Ebene betrat. Als der riesige LCD-Schirm in Sicht kam, der mir die künstliche Version ebenjenes dunklen Abendhimmels lieferte, den ich gerade hinter mir gelassen hatte, brauchte ich einen Moment, um mich wieder zurechtzufinden. Jede der EG-Ebenen sollte mit dem gleichen Luxus ausgestattet werden. Die Planung sah vor, dass wir uns so tief wie möglich unter die Oberfläche gruben und immer neue Ebenen eröffneten, um in der Stadt nicht nur mehr Lebensraum, sondern auch Schutzbunker für den Notfall zu errichten.

Ich lebte im Viertel Violet Hill, im westlichen Teil der Gefilde. Ich entschied mich dafür, lieber den Seitenstraßen als der Hauptstraße zu folgen, um die vielen Bauarbeiter und ihre Maschinen zu umgehen. Sie scharten sich um das neue Tor, das noch tiefer hinab in die Erde führte, und waren damit beschäftigt, eine Grabmaschine mit Bohrspitze mithilfe schwerer Ketten die Rampe emporzuziehen.

Tante Genes Traum war es, wieder in einem Haus an der Oberfläche zu wohnen, aber mir gefiel es hier unten. Die beiden Hauptstraßen kreuzten sich im Zentrum der Ebene; auf ihnen waren die Läden und Gewerbegebäude errichtet worden. Die Nebenstraßen verliefen von dort aus spiralförmig nach außen. Die Häuser entlang dieser Straßen waren neu und nach dem Vorbild neugotischer Architektur mit Säulen und ausladenden Bogenfenstern errichtet. Jeweils vier Häuser teilten sich einen Garten im Innenhof, in dessen Mitte ein kleiner Springbrunnen stand. Nur die Eckhäuser waren so gebaut, dass sie etwas mehr Privatsphäre gewährten. Und eines dieser Häuser war unseres. Vor und hinter ihm erstreckten sich Rasenflächen, von denen die hintere allerdings an der Wand endete. Virtuell war natürlich alles so gestaltet worden, dass es aussah, als dehnte sich die Grasdecke bis zum Horizont. Man konnte dort sogar Hologramm-Bäume erkennen, die sich sanft in einer nicht existierenden Brise wiegten.

Nachdem ich die Bauarbeiter hinter mir gelassen hatte, fand ich die Straßen größtenteils verlassen vor. Ich begegnete einigen Bediensteten, die die winzigen Modehündchen ihrer Herrinnen ausführten, und nickte jedem von ihnen zu. Einmal traf ich auf zwei Polizisten, die sich grüßend an die Mützen tippten, ohne mich genauer anzusehen. Doch niemand versuchte, sich mir zu nähern oder mich anzusprechen. Ich empfand es als eine willkommene Abwechslung. Es fühlte sich an, als hätte ich mehr Raum zum Atmen, auch wenn ich infolge meines Traums noch immer eher morbiden Gedanken nachhing.

Ansonsten begegnete mir nach den Polizisten niemand mehr, bis ich auf den schwarz gekleideten Mann stieß.

Ganz in meine Gedanken vertieft, hatte ich noch nicht einmal wahrgenommen, dass es sich bei der Gestalt, der ich mich näherte, tatsächlich um einen Menschen handelte. Alles, was ich sah, war ein Schatten, der an der letzten Ecke vor unserem Haus unter einer flackernden Gaslaterne kauerte. Als ich mich ihr näherte, bemerkte ich, wie groß die Gestalt war. Offensichtlich handelte es sich um einen Mann in einem pechschwarzen Umhang. Die Kapuze hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, sodass man es im trüben Licht nur schwer erkennen konnte.

Ich straffte die Schultern und ging weiter. Unsere Nachbarschaft war sehr sicher und nur der Nachhall der beständigen Ermahnungen meiner Mutter, ja vorsichtig zu sein, ließ mich zögern. Tatsächlich war ich in meinem ganzen Leben noch kein einziges Mal belästigt worden.

Die verhüllte Gestalt wandte sich mir zu. »Miss Dearly?«

Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Höflichkeit und Vorsicht rangen in meinem Kopf um die Oberhand, doch die in langen Schuljahren anerzogene Höflichkeit trug den Sieg davon. »Ja?«

Der Mann näherte sich mir mit hinkendem Gang. Wenn er vorhatte, sich auf mich zu stürzen, stünden seine Chancen wohl nicht so gut.

»Bitte verzeihen Sie mir meine Unverfrorenheit, doch wenn Sie mir einen Augenblick Ihrer Zeit gewähren wollen, verspreche ich, sie nicht zu vergeuden.« Er sprach langsam und seine Stimme war rau, aber zugleich überraschend schön. Beruhigend. Wie Herbstwind, der durch die Blätter fährt.

Ich presste die Lippen aufeinander, doch dann schüttelte ich den Kopf. »Ich glaube, es wäre das Beste, Sie kämen zum Haus meiner Tante und bäten um ein Gespräch mit mir. Jede andere Form einer Begegnung wäre unschicklich.« Ich lief weiter, schneller jetzt.

»Ich bitte Sie«, erwiderte der Mann und blieb stehen. Er machte keinerlei Anstalten, mich zu verfolgen. »Es geht um Ihren Vater.«

Abrupt hielt ich inne und drehte mich um. »Mein Vater? Wer sind Sie?«, verlangte ich zu wissen und meine Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Mit einem unangenehmen Gefühl in der Brust versuchte ich, den Geist meines Traumes abzuschütteln.

Der Mann gestikulierte mit seiner behandschuhten Hand. »Wir … waren gemeinsam in der Armee. Er hat mir das Leben gerettet.«

Ich musterte ihn einen Moment lang, bevor ich beschloss, seiner Bitte nachzugeben. Ich lächelte schwach. »Das freut mich. Er war ein edler Mensch.«

Der Mann nickte ehrfürchtig, als wäre von einem Heiligen die Rede.

»Er … war … ein edler Mensch. Ein Mann voller Güte.« Er ging einen Schritt auf mich zu. »Und ich weiß, er wäre sehr glücklich, Sie in Sicherheit zu wissen.«

Und dann war er über mir.

Er bewegte sich blitzschnell und packte geschickt und fest mein Handgelenk. Ich drehte meinen Arm, wie mein Vater es mir gezeigt hatte, und versuchte, die Stelle zu durchbrechen, an der sich seine Fingerkuppen trafen, doch es gelang mir nicht. Ich trat nach seinem Schienenbein und zielte auf die Stelle, an der sich die Haut direkt über dem Knochen spannte, doch er wich mir aus.

»Lassen Sie mich los!«, schrie ich und schlug mit meiner freien Hand nach ihm, bis er auch diesen Arm festhielt.

»Miss Dearly, bitte begreifen Sie! Sie sind in Gefahr und ich bin hier, um Ihnen zu helfen … Ihr Vater würde wollen, dass ich Ihnen helfe!«

Dies war eine so lächerliche Aussage, dass ich unwillkürlich aufhörte, mich zu wehren, wenn auch nur für eine Sekunde. »Mein Vater ist tot! Und Sie müssten schon aus dem Jenseits kommen, um zu wissen, was er will!«

Der Mann stellte das Gerangel nun ebenfalls ein und in seiner Stimme klang grimmige Belustigung, als er sagte: »Tja, was das angeht …«

»Stehen bleiben!«

Das waren die beiden Polizisten, denen ich gerade begegnet war. Ihre Schritte hämmerten auf dem Asphalt und sie zogen bereits ihre Elektroschlagstöcke aus den Hüftgurten. Einer von ihnen blies in eine silberne Pfeife. So rief er gleichzeitig seine Kameraden herbei und sandte ein Signal an die nächstgelegene Polizeistation, um seine Position durchzugeben.

Der Mann im Umhang ließ mich los. »Sie denken vielleicht, das hier sei ein kranker Scherz oder ich sei verrückt, aber es ist die Wahrheit!«, raunte er. »Sie sind in Gefahr, Sie müssen mit mir kommen!«

Ich starrte in seine Kapuze, dorthin, wo sein Gesicht sein musste – und als die Flammen in den Straßenlaternen aufflackerten, erhaschte ich einen kurzen Blick in seine Augen.

Sie schimmerten wie neblig weiße Opale. Die Augen eines Blinden.

Ich kam zu dem Schluss, er müsse verrückt sein, und floh zu den Polizisten. Mein Herz hämmerte. Als ihm klar wurde, dass er alleine gehen musste, rannte der Vermummte in die entgegengesetzte Richtung davon. Einer der Polizisten blieb bei mir, eine Hand auf meinem Unterarm, während der zweite die Verfolgung aufnahm. In der Ferne vernahm ich Sirenengeheul.

»Kennen Sie diesen Mann, Miss?«

»Nein.« Ich atmete tief durch. »Er muss ein Kriegsveteran sein, er sagte, er kenne meinen Vater, Dr.