Beschreibung

Der Engel Adrian Mitchell ist ein Getriebener. Als Anführer einer Eliteeinheit von Seraphim, ist es eigentlich seine Aufgabe, Vampire zu jagen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Doch einst geriet Adrian selbst in die Fänge der Versuchung: Er verliebte sich in Shadoe, die Tochter eines Vampirkönigs, und wurde dazu verdammt, sie ewig zu lieben, nur um sie wieder und wieder zu verlieren. Als er der schönen Vampirjägerin Lindsay Gibson begegnet, weiß er sofort, dass er in ihr Shadoe wiedergefunden hat, und dieses Mal ist er nicht bereit, seine große Liebe gehen zu lassen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 485


DAS BUCH

Adrian Mitchell ist düster, attraktiv und der Anführer einer Eliteeinheit von Seraphim, deren Aufgabe es ist, gefallene Engel zu jagen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Engel, die sich auf die körperliche Liebe zu einem Menschen eingelassen haben. Doch auch Adrian, der unerbittliche Rächer, verlor einst sein Herz an eine Frau: Shadoe, die Tochter seines größten Feindes. Adrian wurde daraufhin dazu verdammt, Shadoe auf ewig zu lieben, nur um sie wieder und wieder zu verlieren.

Als er eines Tages der schönen Lindsay Gibson begegnet, weiß Adrian sofort, dass er in ihr Shadoe wiedergefunden hat, und dieses Mal, ist er nicht bereit, sie gehen zu lassen. Doch Lindsay ist anders als die bisherigen Reinkarnationen Shadoes, und schon bald ist Adrian über beide Ohren verliebt – in Lindsay. Eine Liebe, sowohl Adrian als auch Lindsay in tödliche Gefahr bringt …

DIE AUTORIN

Die Nummer-1-Bestsellerautorin Sylvia Day stand mit ihrem Werk an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste sowie 28 internationaler Listen. Sie hat über 20 preisgekrönte Romane geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Weltweit werden ihre Romane millionenfach verkauft, Lionsgate plant derzeit eine TV-Verfilmung von CROSSFIRE. Sylvia Day wurde nominiert für den Goodreads Choice Award in der Kategorie bester Autor.

Besuchen Sie die Autorin unter:

www.sylviaday.com

facebook.com/authorsylviaday und twitter.com/sylday

Sylvia Day

DARK

NIGHTS

Ewiges Begehren

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

A Touch of crimson – Renegade’s Angels 1

Deutsche Übersetzung von Sabine Schilasky

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Deutsche Erstausgabe 12/2015

Redaktion: Uta Dahnke

Copyright©2011 by Sylvia Day

Copyright©2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16499-7V003

www.heyne.de

Für alle, die meine Eve-Serie gelesen haben.

Ich hoffe, es gefällt euch.

Geh, verkünde den Wächtern des Himmels, die den hohen Himmel, die heilige ewige Stätte verlassen, mit den Weibern sich verderbt, wie die Menschenkinder tun, getan, sich Weiber genommen und sich in großes Verderben auf der Erde gestürzt haben: Sie werden keinen Frieden noch Vergebung finden. Sooft sie sich über ihre Kinder freuen, werden sie die Ermordung ihrer geliebten Söhne sehen und über den Untergang ihrer Kinder seufzen; sie werden immerdar bitten, aber weder Barmherzigkeit noch Frieden erlangen.

BUCH HENOCH, 12, 5-7

1

»Phineas ist tot.«

Die Nachricht traf Adrian Mitchell wie ein Hieb. Er hielt sich am Treppengeländer fest, um sein Gleichgewicht zu wahren, umrundete die nächste Biegung und sah den Seraph an, der mit ihm die Treppe erklomm. Mit der Überbringung dieser Nachricht rückte Jason Taylor in Phineas’ vormaligen Rang als Adrians Stellvertreter auf. »Wann … und wie ist er gestorben?«

Jason hielt mühelos mit Adrians unmenschlichem Tempo mit, während sie sich dem Dach näherten. »Vor ungefähr einer Stunde. Es wurde als Vampirangriff gemeldet.«

»Und keiner hatte einen Vampir in Reichweite bemerkt? Wie kann das verdammt noch mal sein?«

»Das war auch meine Frage. Ich habe Damien hingeschickt, damit er nachforscht.«

Sie erreichten den obersten Treppenabsatz. Der Lykaner vor ihnen stieß die schwere Eisentür auf, und Adrian setzte seine Sonnenbrille auf, bevor er in die Sonne von Arizona hinaustrat. Er sah, wie der Wachmann vor der sengenden Hitze zurückschrak, dann hörte er das Knurren des zweiten Lykaners, der das Schlusslicht ihres kleinen Trupps bildete. Niedere, instinktgesteuerte Kreaturen, die sie waren, sprachen die Lykaner auf physische Reize in einer Weise an, die Seraphim und Vampiren fremd war. Adrian fühlte die Temperatur überhaupt nicht; die Nachricht von Phineas’ Tod hatte ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Ein Hubschrauber wartete auf dem Landeplatz vor ihnen. Die Rotorblätter schnitten durch die trockene, staubige Luft. Auf dem Bauch des Helikopters stand MITCHELL AERONAUTICS, flankiert von Adrians Logo, den Flügeln.

»Du hast Zweifel.« Er konzentrierte sich auf die Details, weil er es sich nicht erlauben konnte, jetzt seinem Zorn nachzugeben. Innerlich war er erschüttert vor Trauer über den Verlust des besten Freundes und vertrauenswürdigen Stellvertreters. Doch als Anführer der Hüter durfte er keine Schwäche zeigen. Phineas’ Tod würde für Unruhe in seiner Eliteeinheit von Seraphim sorgen. Und die Hüter würden sich auf der Suche nach Kraft und Orientierung an ihn wenden.

»Einer seiner Lykaner hat den Angriff überlebt.« Trotz des Dröhnens des Helikopters musste Jason seine Stimme nicht erheben, um gehört zu werden. Er schirmte auch seine engelsblauen Augen nicht ab, obwohl eine Designer-Sonnenbrille in seinem goldenen Haar steckte. »Ich finde es ein wenig … seltsam, dass Phineas das gesamte Navajo-Lake-Rudel überprüft, dann auf dem Rückweg durch einen Hinterhalt ums Leben kommt, und nur einer seiner Hunde überlebt, um das Ganze als Vampirüberfall zu melden.«

Adrian nutzte die Lykaner seit Jahrhunderten als Wachen für die Hüter wie auch als Herdenhunde, um Vampire in bestimmte Gebiete zu treiben. Doch die jüngsten Hinweise auf Unruhen unter den Lykanern verlangten nach einer Überprüfung der Situation. Die Lykaner waren eigens zu dem Zweck geschaffen worden, seiner Einheit zu dienen. Falls nötig, würde Adrian sie an den Pakt erinnern, den ihre Vorfahren geschlossen hatten. Sie hätten allesamt zur Strafe für ihre Missetaten in seelenlose blutsaugende Vampire verwandelt werden können. Doch Adrian verschonte sie im Gegenzug für ihre vertraglich zugesicherte Treue. Einige Lykaner glaubten allerdings, ihre Schuld wäre bereits von ihren Vorfahren abgegolten worden. Sie begriffen nicht, dass diese Welt für Sterbliche gemacht war und dass sie niemals unter Menschen leben könnten. Ihr einziger Platz war der, den Adrian ihnen eingeräumt hatte.

Eine seiner Wachen duckte sich in den wirbelnden Luftstrom der Rotorblätter und hielt die Tür des Helikopters auf.

Adrians Kraft machte ihn für den Luftstrom unangreifbar, sodass er sich vollkommen normal auf den Hubschrauber zubewegte. Er sah Jason an. »Ich muss den Lykaner befragen, der den Angriff überlebt hat.«

»Ich sage Damien Bescheid.« Der Wind peitschte durch Jasons blonde Locken und trug die Sonnenbrille davon.

Adrian fing sie blitzschnell auf, stieg in die Kabine und setzte sich auf einen der beiden Schalensitze entgegen der Flugrichtung.

Jason nahm den zweiten Sitz. »Aber was ich dich fragen muss: Ist ein Wachhund, der über seinen Herrn nicht richtig wacht, überhaupt etwas wert? Vielleicht solltest du ihn töten, schon um ein Exempel zu statuieren.«

»Falls er schuldig ist, wird er um den Tod betteln.« Adrian warf Jason seine Sonnenbrille zu. »Doch solange ich nichts Gegenteiliges weiß, ist er ein Opfer und mein einziger Zeuge. Ich brauche ihn, um die Täter zu finden und zu bestrafen.«

Die beiden Lykaner sanken auf die Sitze ihnen gegenüber. Der eine war ein untersetztes Kraftpaket, der andere beinahe so groß wie Adrian.

Der größere legte seinen Sitzgurt an und sagte: »Die Gefährtin dieses Lykaners ist bei dem Versuch, Phineas zu schützen, gestorben. Wäre der Lykaner in der Lage gewesen, etwas zu tun, hätte er es getan.«

Jason öffnete den Mund, doch Adrian hob eine Hand. »Du bist Elijah.«

Der Lykaner nickte. Er war dunkelhaarig und hatte die leuchtend grünen Augen einer Kreatur, in deren Adern Dämonenblut floss. Es war einer der Punkte jener Abmachung zwischen Adrian und den Lykanern, dass er ihren Engelsvorfahren Dämonenblut übertrug, nachdem sie sich verpflichtet hatten, den Hütern zu dienen. Dieser Hauch von Dämon machte sie zu einer Mischung aus Mensch und Bestie und hatte einst verhindert, dass ihre Seelen mit der Amputation ihrer Flügel starben. Außerdem machte es sie sterblich und begrenzte ihre Lebenserwartung, was viele von ihnen Adrian übel nahmen.

»Du scheinst mehr über den Vorfall zu wissen als Jason«, bemerkte Adrian und betrachtete den Lykaner prüfend. Elijah war zur Beobachtung zu Adrians Rudel geschickt worden, weil er einige inakzeptable Alpha-Allüren bewiesen hatte. Die Lykaner waren zum Gehorsam gegenüber den Hütern abgerichtet. Sollte sich jemals einer von ihnen als besondere Autorität hervortun, könnte das die Loyalität aller gefährden und Gedanken an eine Rebellion wecken. Diesem Problem steuerte man am besten entgegen, indem man es gar nicht erst aufkommen ließ.

Elijah blickte aus dem Fenster auf das Dach, das rasch kleiner wurde, als der Hubschrauber in den wolkenlosen Himmel über Phoenix aufstieg. Seine geballten Fäuste verrieten die seiner Art angeborene Furcht vor dem Fliegen. »Wir alle wissen, dass bei einem Lykanerpaar einer nicht ohne den anderen leben kann. Kein Lykaner würde je tatenlos zusehen, wie seine Gefährtin stirbt. Unter keinen Umständen.«

Adrian lehnte sich zurück und versuchte die Spannung in sich zu bändigen, die verlangte, dass er seine Flügel ausbreitete, um seiner Rage Luft zu machen. Es stimmte, was Elijah sagte, und deshalb musste Adrian die Möglichkeit, dass es sich tatsächlich um einen Vampirangriff gehandelt hatte, in Betracht ziehen. Sein Kopf sank gegen die Rücklehne. Der Wunsch nach Rache brannte wie Säure in ihm. Viel zu viel hatten ihm die Vampire bereits genommen – die Frau, die er liebte, Freunde und Hüter, die ihm nahe waren. Der Verlust seines Stellvertreters Phineas war, als hätte man Adrian den rechten Arm abgeschlagen. Demjenigen, der hierfür verantwortlich war, würde Adrian noch ganz anderes abtrennen.

Da seine Sonnenbrille seine flammende Iris nicht verbergen würde, senkte er die Lider, um die Gefühle, die in ihm tobten, nicht zu verraten …

… und hätte beinahe das plötzliche Aufblitzen von Silber im Sonnenlicht übersehen.

Instinktiv warf er sich zur Seite und wich knapp einem Dolch aus, der auf seinen Hals zuschnellte.

Er begriff sofort. Der Pilot.

Adrian packte den Arm, der sich um seine Rückenlehne schlang, und brach den Knochen. Der Schrei eines weiblichen Wesens gellte durch die Kabine. Der gebrochene Arm der Pilotin sank in einem unnatürlichen Winkel gegen das Leder, und ihr Dolch fiel geräuschvoll zu Boden. Adrian löste seinen Gurt, fuhr herum und entblößte die Krallen. Die Lykaner schossen zu beiden Seiten Adrians nach vorn.

Da niemand mehr den Steuerknüppel bediente, schlingerte und sank der Hubschrauber. Aus dem Cockpit war ein wildes Piepen zu hören.

Die Pilotin ignorierte ihren unbrauchbaren Arm und stieß mit der anderen Hand einen zweiten Silberdolch durch die Lücke zwischen den beiden Sitzen.

Gebleckte Reißzähne. Schaum vor dem Mund. Blutunterlaufene Augen.

Ein gottverdammter kranker Vampir. Abgelenkt von Phineas’ Tod, hatte Adrian nicht aufgepasst. Was ein riesiger Fehler war.

Die Lykaner verwandelten sich teils, ließen angesichts der Bedrohung die Bestien in sich frei. Ihr aggressives Brüllen hallte durch den engen Raum. Elijah stand notgedrungen geduckt, als er mit der Faust ausholte und zuschlug. Die Pilotin knallte auf den Steuerknüppel, wobei sie ihn nach vorn stieß. Der Helikopter senkte die Nase und wirbelte gen Erde.

Die heulenden Alarmtöne waren ohrenbetäubend.

Adrian sprang nach vorn, packte die Vampirin um die Taille und schleuderte sie durch das Cockpitfenster. Im freien Fall rangen sie miteinander.

»Nur eine Kostprobe, Hüter«, rief sie in einem blubbernden Singsang durch den Schaum vor ihren Lippen. Ihre Augen blickten irre, als sie versuchte, ihm ihre nadelspitzen Zähne in die Haut zu rammen.

Adrian hieb ihr gegen den Brustkorb, sodass die Haut einriss und die Knochen splitterten. Mit der Faust umfing er ihr pochendes Herz und entblößte die Zähne zu einem Lächeln.

Seine Flügel öffneten sich in einer Explosion von strahlendem Weiß mit blutroten Spitzen. Wie ein Fallschirm, der sich aufblähte, stoppten sie Adrians Sturz mit einem heftigen Ruck, bei dem das klopfende Organ der Vampirin herausgerissen wurde. Sie fiel zur Erde und löste sich in einen Schweif aus Rauch und Asche auf. Das Herz in Adrians Hand schlug noch und sprühte giftiges Blut, bevor alles Leben aus ihm wich und es in Flammen aufging. Adrian zerquetschte es zu rotem Matsch und warf es beiseite. Es fiel in einem Funkenregen nach unten und wurde als glitzernde Wolke fortgeweht.

Der Helikopter trudelte heulend auf den Wüstenboden zu.

Die Flügel dicht an sich gezogen, flog Adrian auf den Hubschrauber zu. Ein Lykaner starrte aus dem fensterlosen Cockpit; er war kreidebleich, und seine Augen glühten grün.

Jason schoss wie eine Kugel aus dem beschädigten Hubschrauber hervor. Seine dunkelgrauen und bordeauxroten Flügel waren wie ein rauschender Schatten am Himmel. »Was tun wir, Captain?«

»Wir retten die Lykaner.«

»Warum?«

Adrians grimmiger Blick war alles, was er an Antwort für nötig erachtete. Und Jason war so klug, sich nicht zu widersetzen.

Wohl wissend, dass die Bestien dazu bewegt werden mussten, ihre ausgeprägte Höhenangst zu überwinden, forderte Adrian zunächst den Lykaner im Cockpit auf: »Spring!«

Seine hallende Engelsstimme rumpelte wie Donnergrollen über die Wüste und verlangte absoluten Gehorsam. Willenlos purzelte der Lykaner in den freien Himmel. Wie ein Pfeil kam Jason auf ihn zu und fing ihn auf.

Bei Elijah brauchte es keinen Zwang. Mit bemerkenswertem Mut vollführte er einen eleganten Hechtsprung aus dem trudelnden Hubschrauber.

Adrian flog unter ihn und ächzte, als der schwere Lykaner auf seinem Rücken aufschlug. Sie waren kurz über dem Boden, so nah, dass Adrian mit jedem Flügelschlag Sandwolken aufwirbelte.

Gleich darauf traf der Helikopter auf dem Wüstenboden auf, wo er sofort in Flammen aufging, die so hoch aufschossen, dass sie über Meilen zu sehen sein würden.

2

Er sah aus wie ein wandelnder feuchter Traum am Sky Harbour International Airport von Phoenix.

Lindsay Gibson entdeckte ihn an ihrem Gate, als sie sich flüchtig umsah. Seine schier überwältigende Sinnlichkeit bewirkte, dass sie unvermittelt stehen blieb und ihr ein leiser Pfiff entfuhr. Vielleicht sollte sich ihr Geschick endlich doch wenden. Auf jeden Fall hätte sie nichts gegen einen Silberstreif am Horizont, nach dem Tag, den sie bisher gehabt hatte. Ihr Abflug in Raleigh war fast eine Stunde verspätet gewesen, sodass sie ihren geplanten Anschluss verpasst hatte. Und der Menschenmenge nach zu urteilen, die an diesem Gate wartete, hatte sie ihn nur knapp umbuchen können.

Nachdem sie sich kurz umgeschaut hatte, kehrte Lindsays Blick zurück zu dem dekadentesten Mann, den sie jemals gesehen hatte.

Er schritt am Rande der Wartezone auf und ab, und die langen Beine in der Jeans ließen seine Schritte besonders gemessen aussehen. Dichtes schwarzes, ein wenig zu langes Haar umrahmte sein strenges, maskulines Gesicht. Ein cremeweißes T-Shirt mit V-Ausschnitt spannte sich über seinen muskulösen Schultern und deutete einen Körper an, der den ersten Eindruck sehr reizvoll vervollkommnete.

Lindsay strich sich das regenfeuchte Haar aus der Stirn und musterte ihn gründlich. Dieser Typ besaß unverfälschten Sexappeal. Von der Sorte, die man weder vortäuschen noch kaufen konnte und bei der gutes Aussehen zu einem Bonus wurde.

Er bewegte sich, ohne hinzusehen, und dennoch wich er sicher einem Mann aus, der ihm in den Weg lief. Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Blackberry gefesselt, auf dem sein Daumen auf eine Weise tanzte, dass sich Stellen tief in Lindsays Bauch zusammenkrampften.

Ein Regentropfen glitt ihr über den Hals. Das kühle Rinnsal steigerte ihre körperliche Wahrnehmung des Mannes noch, den sie mit ihren Augen verschlang. Hinter ihm peitschte Regen gegen die großen Glasscheiben, durch den man nichts als düster grauen Himmel sah. Das Wetter war nicht bloß deshalb überraschend, weil in der Vorhersage mit keiner Silbe heftige Schauer erwähnt worden waren. Nein, Lindsay hatte ein sehr treffsicheres Gespür für klimatische Bedingungen, und sie hatte nichts von einem drohenden Gewitter gefühlt. Bei ihrer Landung war es sonnig gewesen, und auf einmal schüttete es wie aus Eimern.

Normalerweise mochte sie Regen, und es hätte ihr nichts ausgemacht, den Terminalbus zu ihrem Anschlussgate zu nehmen. Heute aber hatte dieses Wetter etwas Finsteres. Es hatte eine Note von Melancholie oder Trauer. Und die fühlte Lindsay.

Solange sie sich erinnern konnte, sprach der Wind zu ihr. Sei es, dass er sie in Form eines Sturms anschrie oder dass er ihr in der Stille etwas zuflüsterte – immer sagte er ihr etwas. Nicht in Worten, sondern mittels Gefühlen. Ihr Dad nannte es ihren sechsten Sinn. Und er gab sich reichlich Mühe, es als eine coole Begabung hinzustellen, nicht als etwas Irres.

Derselbe innere Radar zog sie zu dem faszinierenden Mann an ihrem Gate – nicht bloß sein Aussehen. Da war etwas Grüblerisches an ihm, das Lindsay an ein aufziehendes Gewitter erinnerte. Und genau das reizte sie sehr an ihm … neben dem fehlenden Ehering an seinem Finger.

Lindsay drehte sich um und starrte ihn direkt an. Im Geiste beschwor sie ihn, sie anzusehen.

Und tatsächlich hob er den Kopf, und sein Blick begegnete ihrem.

Lindsay hatte das Gefühl, von einer Windböe erwischt zu werden, glaubte sogar zu spüren, wie sie an ihrem Haar riss. Nur war sie überhaupt nicht kühl. Da war nichts als Hitze und verführerische Feuchtigkeit. Lindsay erwiderte seinen Blick einen endlosen Moment lang, gebannt von dem leuchtenden Blau seiner Augen und jener besonderen Unruhe in seinem Gesichtsausdruck, die so urgewaltig wirkte wie das Wetter draußen.

Dann holte sie tief Luft, drehte sich um und ging zu einem Gourmet-Stand, der Laugengebäck anbot. So hatte er die Chance, auf ihr offensichtliches Interesse einzugehen … oder auch nicht. Instinktiv wusste sie, dass er ein Mann war, der selbst die Initiative ergreifen wollte.

Sie erreichte den Stand und blickte hinauf zur Tafel. Bei dem Duft von Hefe und geschmolzener Butter lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Das Letzte, was sie brauchte, war, noch eine Stunde stramm auf ihrem Hintern zu sitzen und dazu noch eine Kohlehydratbombe wie solch eine gigantische Brezel zu vertilgen. Andererseits würde der Serotoninrausch vielleicht ihre Nerven beruhigen, denn die vielen Menschen um sie herum strapazierten sie mit einem Sinnenbombardement.

Lindsay bestellte: »Brezel-Sticks, bitte, mit Marinara-Sauce und eine Cola light.«

Der Mitarbeiter nannte ihr die Summe, und Lindsay kramte in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie.

»Erlauben Sie?«

Gott, diese Stimme! Verlockend sonor. Lindsay wusste, dass er es war.

Er streckte seinen Arm an ihr vorbei, und sie atmete seinen exotischen Duft ein. Kein Eau de Cologne, sondern eine erdige, maskuline Note. Frisch und klar wie die Luft nach einem Gewitter.

Er schob einen Zwanzigdollarschein über den Tresen. Lächelnd ließ Lindsay ihn übernehmen.

Es war zu schade, dass sie ihre älteste Jeans, ein weites T-Shirt und Army-Stiefel trug. Ein idealer Aufzug, wollte man möglichst viel Bewegungsfreiheit, aber für diesen Mann hätte Lindsay lieber scharf ausgesehen. Er spielte eindeutig in einer völlig anderen Liga, so unglaublich gut aussehend, wie er war. Und dann noch die Vacheron-Constantin-Armbanduhr.

Lindsay drehte sich zu ihm um und reichte ihm die Hand. »Vielen Dank, Mr. …«

»Adrian Mitchell.« Er schüttelte ihr die Hand und strich dabei mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel.

Lindsay wurde ganz flau von seiner Berührung. Ihr stockte der Atem, und ihr Herz schlug schneller. Aus nächster Nähe war er umwerfend, sehr maskulin und geradezu beängstigend schön. Makellos. »Hi, Adrian Mitchell.«

Er griff mit langen, eleganten Fingern nach ihrem Kofferanhänger. »Freut mich sehr, Lindsay Gibson … aus Raleigh? Oder auf dem Rückweg dorthin?«

»Ich reise in Ihre Richtung. Wir sitzen im selben Flieger.«

Seine Augen waren von einem sehr ungewöhnlichen Blau. Ähnlich dem intensiven Blau im Herzen einer Flamme. Und sein olivfarbener Teint sowie die dichten schwarzen Wimpern machten sie erst recht faszinierend.

Zudem waren sie auf Lindsay fixiert, als könnte er gar nicht genug davon bekommen, sie anzusehen.

Er musterte sie von oben bis unten, sodass Lindsay sich wie entblößt fühlte, ausgezogen von seinem Blick. Ihr Körper reagierte prompt auf die Provokation; ihre Brustwarzen wurden hart, alles andere weich.

Was bei ihm auch offensichtlich jede Frau werden musste, denn an ihm schien nichts auch nur entfernt nachgiebig. Angefangen bei den muskulösen Schultern und Armen bis hin zu den gemeißelten Gesichtszügen war alles klar konturiert und kantig.

Er streckte den Arm wieder an ihr vorbei, um sein Wechselgeld zu nehmen. Seine Bewegungen waren geschmeidig und von einer ursprünglichen Anmut.

Ich wette, der bumst wie ein Tier.

Bei dem Gedanken wurde Lindsay noch heißer, und sie packte den Ausziehgriff ihres Koffers. »Und sind Sie in Orange County zu Hause? Oder fliegen Sie geschäftlich hin?«

»Nein, ich fliege nach Hause. Nach Anaheim. Und Sie?«

Lindsay ging zum Ausgabetresen. Adrian folgte ihr etwas langsamer, auch wenn die Art, wie er ihr nachging, durchaus etwas Entschlossenes hatte und Lindsay wohlige Schauer über den Leib jagte. Ihr Geschick hatte sich definitiv gewendet, denn auch sie wollte nach Anaheim.

»Für mich wird Orange County erst mein Zuhause. Ich ziehe wegen eines neuen Jobs hin.« Sie hatte nicht vor, mehr zu verraten, indem sie eine Stadt nannte. Schließlich wusste sie, wie sie sich selbst schützte, und sie wollte sich nicht noch mehr Probleme aufhalsen, als sie bereits hatte.

»Das ist ein ziemlich großer Schritt. Von einer Seite des Landes auf die andere zu ziehen.«

»Es wurde Zeit für eine Veränderung.«

Seine Lippen verzogen sich zu einem trägen Lächeln. »Essen Sie mit mir zu Abend.«

Die samtige Resonanz seiner Stimme steigerte Lindsays Interesse. Er war charismatisch und anziehend – zwei Eigenschaften, die kurze Begegnungen erinnerungswürdig machten.

Lindsay nahm die Tüte und das Getränk von dem Mitarbeiter hinter dem Tresen entgegen. »Sie kommen direkt zur Sache. Das gefällt mir.«

Der Aufruf ihrer Flugnummer lenkte Lindsays Aufmerksamkeit zum Gate zurück. Eine leichte Verspätung wurde angekündigt, was die wartenden Passagiere unruhig machte. Adrians Blick wich keine Sekunde von Lindsay.

Er wies auf die Stuhlreihe, vor der er vorhin auf und ab gegangen war. »Wir haben Zeit, uns kennenzulernen.«

Lindsay ging mit ihm zu den Stühlen. Wieder sah sie sich um und bemerkte, dass zahlreiche Frauen Adrian beobachteten. Und er fühlte sich nicht mehr ganz so sehr wie ein entfesseltes Unwetter an. Auch draußen hatte sich der Sturzregen zu einem dichteren Nieseln beruhigt. Dass beides zusammentraf, war erstaunlich.

Lindsays heftige Reaktion auf Adrian Mitchell und seine einzigartige Fähigkeit, ihren inneren Wetterradar zu aktivieren, zementierten ihre Entscheidung, ihm näherzukommen. In ihrem Leben verlangten Anomalien stets nach gründlicher Erkundung.

Er wartete, bis sie sich hingesetzt hatte, ehe er fragte: »Werden Sie am Flughafen abgeholt? Von Freunden oder Angehörigen?«

Keiner wartete dort auf sie. Lindsay hatte einen Transfer zu ihrem Hotel gebucht, wo sie wohnen würde, bis sie ein passendes Apartment gefunden hatte. »Es ist unklug, solche Informationen mit einem Fremden auszutauschen.«

»Dann lassen Sie mich das Risiko eingrenzen.« Er griff in seine Gesäßtasche und zog seine Brieftasche heraus. Aus der nahm er eine Visitenkarte und reichte sie ihr. »Rufen Sie diejenigen an, die Sie erwarten. Sagen Sie ihnen, wer ich bin und wie man mich erreicht.«

»Sie sind aber sehr entschlossen.« Und es offensichtlich gewohnt, Befehle zu erteilen. Was Lindsay nicht störte. Sie hatte selbst eine starke Persönlichkeit und brauchte die auch bei anderen, sonst übernahm sie gleich das Kommando. Gefügige Männer mochten in bestimmten Situationen prima sein, aber nicht in Lindsays Privatleben.

»Bin ich«, bestätigte er gelassen.

Lindsay nahm die Karte. Dabei berührten seine Finger ihre, und es fuhr Lindsay wie ein Stromschlag den Arm hinauf.

Seine Nasenflügel weiteten sich. Dann ergriff er ihre Hand. Seine Fingerspitzen kitzelten in ihrer Handfläche, und so erregt, wie Lindsay von dieser simplen Berührung war, hätte er sie ebenso gut zwischen den Beinen streicheln können. Er betrachtete sie mit einer fast greifbaren Sinnlichkeit, dunkel und durchdringend. Als wüsste er, wo ihre heißen Stellen waren … oder als hätte er zumindest die feste Absicht, sie zu entdecken.

»Ich merke schon, dass Sie mich in Schwierigkeiten bringen«, murmelte sie und drückte seine Hand, um seine Finger zu stoppen.

»Dinner. Reden. Ich verspreche, dass ich mich benehmen werde.«

Da sie ihn nicht loslassen wollte, nahm sie seine Visitenkarte mit der freien Hand. Ihr Puls raste, befeuert von dieser unmittelbaren, ungeheuren Anziehung. »Mitchell Aeronautics«, las sie. »Und Sie fliegen Linie?«

»Ich hatte andere Pläne«, antwortete er mit einem ironischen Unterton. »Aber mein Pilot fiel unerwartet aus.«

Sein Pilot. Lindsay grinste. »Ist das nicht immer wieder ärgerlich?«

»Eigentlich ja … Bis Sie erschienen.« Er zog sein Blackberry aus der Tasche. »Benutzen Sie mein Telefon, dann haben diejenigen, die Sie anrufen müssen, gleich meine Nummer.«

Widerwillig ließ Lindsay ihn los und nahm sein Telefon, obwohl sie ein eigenes dabeihatte. Nachdem sie ihren Becher auf den Boden gestellt hatte, stand sie auf. Adrian erhob sich mit ihr. Er war lässig, elegant, wohlerzogen, höflich und umwerfend. Doch so vornehm seine Manieren auch sein mochten, war etwas Gefährliches an ihm, das die niedersten Instinkte einer Frau ansprach. Vielleicht überforderte der volle Terminal aber auch bloß Lindsays hypersensible Sinne. Oder sie beide waren einfach auf Anhieb völlig aufeinander eingestimmt. Wie auch immer, sie beklagte sich nicht.

Sie ließ ihre Tüte mit den Brezel-Sticks auf dem Stuhl liegen, ging einige Schritte auf Abstand und wählte die Nummer der Autowerkstatt ihres Vaters. Und während sie nun beschäftigt war, ging Adrian zum Gate-Schalter.

»Linds. Bist du schon da?«

Sie wunderte sich über die Begrüßung. »Woher weißt du, dass ich es bin?«

»Anruferkennung. Da stand ein 714er-Vorwahl.«

»Ich bin noch in Phoenix und warte auf meinen Anschlussflug. Und ich benutze das Handy eines anderen Passagiers.«

»Was ist mit deinem? Und warum bist du noch in Phoenix?« Eddie Gibson war seit zwanzig Jahren alleinerziehender Vater mit einem sehr starken Beschützerinstinkt, was angesichts der entsetzlichen Todesumstände von Regina Gibson nicht verwunderlich war.

»Mit meinem Telefon ist alles in Ordnung, aber ich hatte meinen Anschlussflug verpasst. Außerdem habe ich jemanden kennengelernt.« Lindsay erzählte ihm von Adrian und gab ihm die Informationen von der Visitenkarte. »Ich mache mir keine Sorgen. Er scheint mir bloß jemand zu sein, der ein wenig Widerstand braucht. Ich glaube nämlich nicht, dass er oft ein Nein hört.«

»Wahrscheinlich nicht. Mitchell ist wie Howard Hughes.«

Lindsay merkte auf. »Wie das? Geld, Filme, Starlets? Alles auf einmal?«

Sie musterte Adrian von hinten und nutzte die Gelegenheit, ihn eingehender zu betrachten, solange er abgelenkt war. Die rückwärtige Ansicht war genauso eindrucksvoll wie die von vorn. Und er hatte einen tollen Hintern.

»Würdest du mal länger als fünf Minuten stillsitzen, wüsstest du es«, sagte ihr Vater.

Tatsächlich erinnerte sie sich nicht, wann sie das letzte Mal eine Zeitschrift gelesen hatte, und sie hatte schon vor Jahren aufgehört, Geld fürs Kabelfernsehen herauszuwerfen. Filme und Serien lieh sie sich, wenn sie wollte, denn sogar die Werbepausen waren ein Luxus, für den sie keine Zeit erübrigen konnte. »Ich kriege kaum mein eigenes Leben auf die Reihe, Dad. Woher soll ich die Zeit nehmen, mich auch noch mit dem anderer zu beschäftigen?«

»Na, in meines mischst du dich dauernd ein«, scherzte er.

»Dich kenne ich, und ich liebe dich. Aber Berühmtheiten? Eher nicht.«

»Er ist keine Berühmtheit. Vielmehr schirmt er sein Privatleben ziemlich strikt ab. Er wohnt auf einer Art Anwesen in Orange County. Das habe ich mal in einem Special gesehen. Es soll so was wie ein architektonisches Wunder sein. Mitchell ähnelt insofern Howard Hughes, als er ein sehr zurückgezogen lebender Milliardär ist, der Flugzeuge mag. Die Medien berichten gern über ihn, weil die Leute ein Faible für Flieger haben. Das war immer schon so. Und er ist angeblich attraktiv. Das kann ich aber nicht beurteilen.«

Ausgerechnet den hatte sie sich ausgesucht? »Danke für die Info. Ich rufe dich an, wenn ich angekommen bin.«

»Ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst, doch sei trotzdem vorsichtig.«

»Bin ich immer. Und kein Fast Food zum Abendessen! Koch dir etwas Gesundes. Oder noch besser: Such dir eine nette Frau, die für dich kocht.«

»Linds!«, warnte er sie im Scherz.

Lachend beendete sie das Gespräch und löschte die Nummer aus dem Speicher des Blackberrys.

Adrian kam mit der Andeutung eines Lächelns auf sie zu. Er bewegte sich fließend und strahlte eine Macht und Selbstsicherheit aus, die Lindsay sogar noch attraktiver fand als sein Aussehen. »Alles okay?«

»Oh ja.«

Er hielt ihr einen Boarding Pass hin. Lindsay sah ihren Namen und runzelte die Stirn.

»Ich war so frei, uns Sitze nebeneinander geben zu lassen«, erklärte er.

Sie nahm das Ticket. Erste Klasse, Sitznummer zwei, was mehr als zwanzig Reihen weiter vorn war, als sie ursprünglich sitzen sollte. »Das kann ich nicht bezahlen.«

»Als würde ich erwarten, dass Sie die Rechnung für eine Änderung übernehmen, um die Sie nicht gebeten haben.«

»Man muss den Ausweis vorlegen, um ein Ticket umzuschreiben.«

»Na ja, ich habe ein paar Fäden gezogen.« Er nahm das Telefon zurück, das sie ihm reichte. »Ist das okay?«

Sie nickte, allerdings schrillten sämtliche Alarmglocken in ihrem Kopf. Angesichts der strengen Reglements im Flugverkehr kam es schon einem göttlichen Akt gleich, ihr Ticket ohne ihre explizite Erlaubnis zu ändern. Vielleicht war die Frau am Gate-Schalter schlicht Adrians Charme erlegen, oder er hatte sie kräftig geschmiert. So oder so ignorierte Lindsay derartige Warnsignale nie. Sie müsste ein wenig gründlicher nachforschen, was ihn betraf, und sich wahrlich gut überlegen, ob sie diese kurze heiße Affäre, auf die sie gehofft hatte, ernsthaft wollte.

Offen gesagt, war es für jemanden wie Adrian überflüssig, größere Anstrengungen auf sich zu nehmen, um eine Frau wie Lindsay herumzukriegen. Jede Frau am Terminal beäugte ihn, und nicht wenige von ihnen mit diesem Blick, der sagte: Gib mir das kleinste Zeichen, und ich gehöre dir. Im Ernst, sogar einige der Männer sahen ihn so an! Und er überging dieses lüsterne Interesse mit einer Nonchalance, aus der Lindsay nur folgern konnte, dass ihm das dauernd passiert. Er ließ seinen Blick umherschweifen, nirgends verharren, und trug seine Gleichgültigkeit wie einen Schutzschild vor sich her. Den hatte Lindsay mit ihrem direkten Komm-und-hol’s-dir-Augenkontakt durchdrungen. Doch im Grunde ergab es keinen Sinn, dass er ihren Köder geschluckt hatte. Sie war klatschnass vom Regen und alles andere als gut gekleidet. Zugegeben, mächtige Männer fühlten sich von Selbstbewusstsein angezogen, und das besaß sie. Trotzdem erklärte das nicht, warum sie sich fühlte, als wäre sie geködert worden.

»Nur damit das klar ist«, begann sie, »ich wurde dazu erzogen, von Männern zu erwarten, dass sie mir Türen aufhalten, Stühle hinrücken und in Restaurants die Rechnung übernehmen. Im Gegenzug ziehe ich mich hübsch an und versuche charmant zu sein. Aber mehr ist nicht drin. Man kann mich nicht zwecks Sex kaufen. Ist das okay für Sie?«

Wieder erschien das inzwischen vertraute träge Lächeln. »Perfekt. Wir haben eine Stunde Flugzeit, während der wir uns unterhalten können. Sollten Sie sich danach nicht vollends wohl mit mir fühlen, gebe ich mich mit einem Austausch von Telefonnummern zufrieden. Andernfalls habe ich einen Wagen, der mich abholt, und wir können zusammen vom Flughafen aus weiterfahren.«

»Abgemacht.«

Da war ein Anflug von Selbstzufriedenheit in seinem Blick. Lindsay bemühte sich, nicht ganz so siegesgewiss zu erscheinen. Ungeachtet dessen, was er sonst noch sein oder was ihn motivieren mochte, war Adrian Mitchell eine Herausforderung, die sie jetzt schon genoss.

3

Ich habe sie. Adrian kostete diesen Triumph aus.

Wüsste Lindsay Gibson, von welcher erotischen Habgier sein Sinn für Eroberung geprägt war, würde sie es sich zweifellos noch mal überlegen, ob sie mit ihm zu Abend essen wollte. Sein erster Impuls, als er sie gesehen hatte, war gewesen, sie gegen die nächste geeignete Oberfläche zu pressen und schnell und hart zu nehmen. Für sie begegneten sie sich zum ersten Mal. In Wahrheit aber waren sie nach zweihundert Jahren endlich wieder vereint. Nach zwei höllischen Jahrhunderten des Wartens und des Sehnens.

Und das ausgerechnet heute! Das Leben hatte fürwahr eine seltsame Art, ihn zu den unpassendsten Zeiten bei den Eiern zu packen. Dennoch würde er sich hierüber nicht beschweren – nein, niemals.

Shadoe, meine Liebe.

Nie zuvor waren sie so lange getrennt gewesen. Ihre Wiedersehen waren von jeher willkürlich und unvorhersehbar gewesen, aber unvermeidlich. Ihre Seelen zogen einander an, ganz gleich, in welch gegensätzliche Richtungen ihre Wege sie führen mochten.

Der endlose Kreislauf ihres Sterbens und ihre Unfähigkeit, sich zu erinnern, was sie einander bedeuteten, waren seine Strafe, weil er jenes Gesetz gebrochen hatte, das zu vollstrecken er geschaffen wurde. Und es war eine quälend wirksame Vergeltungsmaßnahme. Adrian starb sozusagen in Zeitlupe; seine Seele – der Kern seiner Engelsexistenz – war verwüstet von Trauer, Zorn und Rachsucht. Jedes Mal, wenn er Shadoe verlor, und jeder Tag, den er ohne sie leben musste, beeinträchtigten seine Fähigkeit, seinen Auftrag zu erfüllen. Ihr Verlust schadete seinem Pflichtbewusstsein, dem Fundament all dessen, was er war – Soldat, Anführer und Kerkermeister jener Wesen, die genauso mächtig waren wie er.

Zweihundert verdammte Jahre. Sie war lange genug fort gewesen, dass Adrian gefährlich wurde. Ein Seraph, dessen Herz in Eis gefangen war, stellte eine Gefahr für alles und jeden um sich herum dar. Er war auch eine Gefahr für sie, denn sein Verlangen nach ihr war derart überbordend, dass er nicht wusste, ob er sich zügeln könnte. Wenn sie fort war, war die Welt für ihn tot und die Stille in ihm ohrenbetäubend. Dann kehrte sie zurück, und überall um ihn explodierten die Sinneseindrücke – das Pochen seines Herzens, die Hitze ihrer Berührung, die Wucht seines Verlangens. Leben. Für ihn endete es jedes Mal, wenn er sie verlor.

Als sie wieder zu ihren Stühlen gingen, sagte Lindsay: »Mein Dad meinte, Sie seien der Howard Hughes meiner Generation.«

Ungeduld nagte an ihm. Nach den heutigen Ereignissen empfand er es als pervers und qualvoll, über seine notwendige, aber bedeutungslose Fassade zu sprechen. Er war mehr als aufgewühlt und erhitzt von Zorn und Gier.

»Ich bilde mir gern ein, weniger exzentrisch zu sein«, entgegnete er in einem Tonfall, der nichts von seiner Unruhe preisgab. Jede Faser seines Seins war auf Lindsay Gibson eingestimmt – das Gefäß der Seele, die er liebte. Die verbotenen körperlichen Gelüste seiner menschlichen Hülle nahmen bedenkliche Ausmaße an und erinnerten ihn daran, wie lange es her war, dass sie das letzte Mal in seinen Armen gelegen hatte. Nie könnte er vergessen, wie gut es mit ihnen beiden war. Ein einziger sengender Blick des jeweils anderen konnte ein Verlangen in ihnen entzünden, das zu stillen Stunden dauerte.

Er lechzte nach diesen intimen Stunden mit ihr. Lechzte nach ihr.

Obwohl Shadoes physische Gestalt die genetischen Anlagen von Lindsays Familie spiegelte, fühlte und erkannte er sie doch mit absoluter Sicherheit, egal, in welchem Körper sie geboren wurde. Im Laufe der Jahre hatte ihre Erscheinung und ethnische Zugehörigkeit immer wieder stark variiert; Adrians Liebe aber brannte jedes Mal gleich stark. Ihn zog die Verbundenheit mit ihr an, das Gefühl, in ihr die andere Hälfte seiner selbst gefunden zu haben.

Lindsay zuckte mit den Schultern. »Mich stört Exzentrik nicht. Vielmehr macht sie die Dinge interessanter.«

Regentropfen glitzerten in ihrem Haar. In dieser Inkarnation war sie blond mit krausen Locken, die höllisch sexy waren. Sie waren nicht besonders lang, vielleicht zehn Zentimeter. Adrian ballte seine Hände gegen den Drang, in ihre Haarpracht zu greifen und sie zu halten, während sein Mund ihren einnahm und seinem verzweifelten Wunsch nachgab, sie zu schmecken.

Er liebte Shadoes Seele, doch Lindsay Gibson entfachte seine Lust. Die daraus resultierende Reaktion war zerstörerisch und überwältigte ihn in einem Moment, in dem er ohnehin schon sehr angespannt war. Ein unruhiges Kribbeln in seinem Rücken zwang ihn, seine Flügel zu bändigen, die sich vor lauter Freude über Lindsays Anblick und Duft ausbreiten wollten. Neben ihr im Flugzeug zu sitzen würde Himmel und Hölle zugleich sein.

Er hatte den Vorteil, sich an jede ihrer früheren Beziehungen zu erinnern; Lindsay hingegen konnte allein ihrem Instinkt folgen, und der signalisierte ihr eindeutig, dass sie nicht sicher war, wie es weitergehen sollte. Ihre Nasenflügel bebten leicht, ihre Pupillen waren geweitet, und ihre Körpersprache bestätigte, dass die Anziehung gegenseitig war. Sie war kein bisschen schüchtern, sondern forsch und selbstsicher. Und sie fühlte sich ganz offensichtlich wohl in ihrer Haut. Er mochte sie jetzt schon sehr, und das ungeachtet seiner Geschichte mit Shadoe.

»Wohin wollen Sie in Orange County?«, fragte er. »Und was lockt Sie dort so sehr, dass Sie dafür Ihre Zelte abbrechen und weit fortziehen?«

Obwohl Adrian sie so gut kannte, wie ein Mann seine Frau nur kennen konnte, fing er größtenteils immer wieder bei null an, wenn er sie fand. Lindsays Vorlieben und Abneigungen, ihre Persönlichkeit und ihr Naturell, ihre Erinnerungen waren einzigartig und nur ihre. Jede Wiedervereinigung war eine Neuentdeckung.

Lindsay zog den dünnen Plastikdeckel von ihrem Getränkebecher und trank einen Schluck. »Anaheim. Ich arbeite im Hotel- und Gaststättengewerbe, daher ist der Tourismus in Südkalifornien genau meine Branche.«

Er tat, als wollte er in seine Gesäßtasche greifen. Mit der Hand auf dem Rücken beschwor er einen Strohhalm herbei und reichte ihn ihr. »Restaurants oder Hotels?«

Wie trank sie ihren Kaffee? Mochte sie überhaupt Kaffee? Schlief sie auf dem Rücken oder auf dem Bauch? Wo mochte sie berührt werden? War sie eine Nachteule oder eine Frühaufsteherin?

Lindsay starrte auf den Strohhalm, bevor sie ihn fragend ansah. Dann nahm sie den Trinkhalm und zog die Plastikhülle ab. Doch es war nicht zu übersehen, dass sie sich wunderte, woher Adrian den hatte. »Danke.«

»Ist mir ein Vergnügen.«

Es gab so vieles zu erfahren, und Adrian konnte unmöglich wissen, wie viel Zeit ihm blieb. Einmal war sie nur für zwanzig Minuten zu ihm zurückgekommen, ein anderes Mal für zwanzig Jahre. Ihr Vater fand sie immer. Den Anführer der Vampire zog es ebenso sicher zu ihr wie Adrian, und Syre war entschlossen, zu beenden, was er begonnen hatte. Er wollte seine Tochter mittels Vampirismus unsterblich machen, wodurch die Seele sterben würde, die sie mit Adrian verband.

Aber das sollte garantiert nicht passieren, solange Adrian noch atmete.

»Hotels«, antwortete sie auf seine Frage. »Ich mag diese Energie, die in ihnen herrscht. Sie schlafen nie, schließen nie. Der endlose Strom von Reisenden sorgt für ständig neue Herausforderungen, die gemeistert werden wollen.«

»Welches Hotel?«

»Das Belladonna. Es ist ein neues in der Nähe von Disneyland.«

»Das gehört Gadara Enterprises.« Raguel Gadara war ein Immobilientycoon, der in direkter Konkurrenz zu Steve Wynn und Donald Trump stand. Für seine neuen Projekte wurde jeweils kräftig geworben, doch an der Publicity lag es nicht, dass Adrian ihn gut kannte. Und das nicht nur im irdischen Leben. Er kannte Raguel aus ihrem gemeinsamen himmlischen Leben, denn Raguel war einer der sieben Erzengel auf Erden, die mehrere Ränge unter Adrian als Seraph in der Engelshierarchie standen.

Lindsays dunkle Augen leuchteten. »Sie haben davon gehört!«

»Raguel ist ein alter Bekannter.« Im Geiste plante er schon die nötigen Schritte, um ihre Geschichte von ihrer Geburt bis zu diesem Moment zu recherchieren. In seiner Welt gab es keine Zufälle. Er hatte Shadoe nicht zufällig in jeder Inkarnation getroffen, sondern weil es ihnen bestimmt war, dass sich ihre Wege kreuzten. Aber dass sie so in die Nähe seiner Zentrale zog und auch noch bei einem Engel arbeiten sollte … Raguel besaß Immobilien überall auf der Welt, einschließlich eines Hotelkomplexes unweit der Ostküste, wo Lindsay herkam. Es konnte kein Zufall sein, dass die Umstände sie nach Orange County führten.

Adrian musste herausfinden, welche Entscheidungen sie so direkt in sein Leben geführt hatten. Solche Nachforschungen stellte er grundsätzlich an, wenn sie zurückkehrte. Er suchte nach Mustern und Abläufen, die sich wiederholten, eignete sich Wissen an, mit dem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewinnen konnte. Und er suchte nach irgendwelchen Hinweisen, dass sie manipuliert wurden, denn bald würde es so weit sein, und er würde für seine Überheblichkeit zahlen müssen. Er hatte sich eine Übertretung zuschulden kommen lassen, für die er andere scharf verurteilte: Er hatte sich in Shadoe verliebt – eine Naphil, das Kind einer sterblichen Frau und des Engels, der ihr Vater einst gewesen war –, und er war unzählige Male den Verlockungen der fleischlichen Lust erlegen.

Er selbst hatte ihren Vater für denselben Regelverstoß bestraft und dem gefallenen Engel die Flügel abgetrennt. Dabei hatte Syre seine Seele verloren und war zum ersten Vampir geworden.

Irgendwann würden Adrian die Folgen seiner Doppelmoral einholen; längst hatte er akzeptiert, dass es unvermeidlich war. Falls Raguel vom Schöpfer ausgewählt wurde, um ihn zu strafen, musste Adrian es wissen und vorbereitet sein. Er musste sicherstellen, dass für Shadoe gesorgt war, wenn seine Zeit kam.

Er blickte zu seinen Lykaner-Wachen, die zu beiden Seiten wenige Reihen entfernt saßen. Sie beobachteten ihn neugierig. Und ihnen entging nicht, dass er auf Lindsay anders reagierte als auf andere Frauen. Das letzte Mal, dass Shadoes Seele bei ihm gewesen war, waren die beiden Lykaner noch nicht geboren gewesen, aber sie kannten Adrians Privatleben. Sie wussten, wie wenig er das andere Geschlecht beachtete.

Nun würde er mehr als zwei Leibwächter brauchen, damit er seine Jagd nach Syre wiederaufnehmen konnte, und Lindsay bräuchte ihre eigenen Bodyguards. Adrian war klar, dass er es vorsichtig in die Wege leiten musste. Sie war jung – höchstens fünfundzwanzig – und fing allein an einem neuen Ort an. Dies war eine Zeit, in der sie ihren Horizont erweitern sollte, und nicht bei einem neuen Liebhaber landen, der die völlige Kontrolle über ihr Leben an sich riss.

Lindsay drehte den Strohhalm zwischen ihren Fingern, und für einen Moment verharrten ihre Lippen über dem Halm, bevor sie den Mund leicht öffnete und trank.

Eine Hitzewelle durchfuhr Adrian. Nicht einmal das Wissen, dass er sie wieder verlieren würde, dass er abermals seine Pflicht vernachlässigte, konnte das rauschhafte Verlangen bändigen, das seinen Puls beschleunigte. Er wollte diese Lippen auf seiner Haut, musste fühlen, wie sie über seinen Körper glitten, grobe und zärtliche Worte flüsterten, während sie ihn erbarmungslos erregten. Obwohl es den Hütern verboten war, sich mit Sterblichen zu vereinen, konnte Adrian nichts davon überzeugen, dass Shadoe nicht geboren worden war, um ihm zu gehören.

Sie hatte mit ihrem Dad telefoniert …

Adrian wurde sehr still.

Er ließ sich nichts anmerken, doch alle seine Sinne waren konzentriert. Shadoes unterschiedliche Inkarnationen waren immer mit einer alleinstehenden Mutter aufgewachsen, nie nur mit einem Vater. Es war, als hätte Syre ihre Seele zu Beginn jener Verwandlung gezeichnet, die sie zu einem Vampir machen würde, auf dass kein anderer Mann jemals seine Vaterrolle in ihrem Leben einnehmen konnte. »Wohnen Ihre Eltern in Raleigh?«

Ein Schatten huschte über ihre Züge. »Nur mein Dad. Meine Mutter starb, als ich fünf war.«

Adrians Finger zuckten unruhig. Die Reihenfolge, in der ihre Eltern starben, hatte noch nie variiert.

Seine stets stabile Welt war an diesem Morgen aus dem Gleichgewicht geraten, und Lindsay Gibson gefährdete dieses Gleichgewicht noch weiter, sodass alles um ihn herum langsam von seinem vorbestimmten Platz zu kippen schien. Die Lykaner wurden täglich unruhiger, die Vampire hatten mit Phineas’ Ermordung und dem Angriff im Hubschrauber eine gefährliche Grenze überschritten, und nun kehrte Shadoe nach endloser Abwesenheit zurück, und dabei waren die Grundmuster ihrer Reinkarnation völlig verändert.

»Das tut mir leid«, murmelte er. Es war eine gängige Bemerkung gegenüber trauernden Sterblichen, die den Tod so oft als jammervolles Ende betrachteten.

»Danke. Was ist mit Ihnen? Haben Sie eine große oder eine kleine Familie?«

»Eine sehr große mit reichlich Geschwistern.«

»Da beneide ich Sie. Ich habe gar keine Geschwister. Mein Dad hat nicht wieder geheiratet, weil er nie über den Tod meiner Mom hinweggekommen ist.«

Adrian war mittlerweile geschult darin, Mütter für sich zu gewinnen. Männer hingegen machten eher einen großen Bogen um ihn, egal, wie sehr er sich bemühte, sie zu beschwichtigen. Instinktiv spürten sie die Macht in ihm; in jedem Bereich durfte es jeweils nur einen Alpha geben, und der war Adrian. Es könnte also mühsam werden, sich die Anerkennung von Lindsays Vater zu sichern, aber es wäre die Zeit und Mühe wert. Familiäre Unterstützung war einer der vielen Wege, über die Adrian erreichte, dass seine Gefährtin sich ihm vollkommen unterwarf. Und das musste sie. Koste es, was es wolle.

Er berührte ihre Hand, die locker auf der Armlehne ruhte, und kostete die elektrische Ladung aus, die ihm bei dem einfachen Kontakt den Arm hinauf in den Körper fuhr. Gleichzeitig hörte er Lindsays Herzschlag so deutlich, als wäre sein Ohr an ihren Busen gepresst. Durch die Lautsprecherdurchsagen mit Fluginformationen, Boarding-Aufrufen und Gate-Änderungen hindurch war der feste, gleichmäßige Takt ihres Herzschlags für ihn kristallklar vernehmbar. »Manche Frauen sind unvergesslich.«

»Sie klingen wie ein Romantiker.«

»Überrascht Sie das?«

Sie lächelte verhalten. »Mich überrascht gar nichts.«

Sein Herz schmerzte beim Anblick dieses Lächelns. Er war zu lange ohne sie gewesen, und das Warten war noch lange nicht vorbei. Auch wenn sie die Anziehung zwischen ihnen spüren musste, liebte sie ihn nicht. Und er hätte ihren Körper nur für eine begrenzte Zeit, sodass sein Verlangen zwar ein wenig gelindert, nicht jedoch gestillt werden würde.

Seine Aufmerksamkeit wurde von Elijah abgelenkt, der aufgestanden war und den mit Teppichboden ausgelegten Wartebereich verlassen hatte, um sich in den Hauptgang zu begeben. Lykaner hielten sich ungern in engen, überfüllten Räumen auf. Adrian hätte ein Flugzeug chartern oder auf eines seiner eigenen warten können. Beides hätte seinen Leibwachen diese Situation erspart. Aber er musste jedem Vampir, der dumm genug war zu glauben, der Verlust seines Stellvertreters oder der Hinterhalt in der Luft könnten Adrian geschwächt haben, in aller Schärfe demonstrieren: Kommt ruhig, und versucht es wieder!

»Sie mögen Überraschungen«, mutmaßte Lindsay.

Adrian sah wieder zu ihr. »Nein, ich kann sie nicht ausstehen. Es sei denn, es handelt sich um Sie.«

Lindsay lachte leise, und eine längst vergessene Wärme regte sich in Adrians Brust.

Eine junge Frau schob einen Kinderwagen und trug ein quengelndes Baby direkt an ihnen vorbei zum Gate-Schalter. Während sie mit einem Kleinkind stritt, das einen kleinen Trolley zog, klingelte Adrians Telefon. Er entschuldigte sich bei Lindsay und ging ein Stück beiseite.

Das Display zeigte eine Nummer, aber keinen Namen. »Mitchell«, meldete Adrian sich.

»Adrian.« Die eisige Stimme erkannte er sofort.

Pure, urwüchsige Aggressivität beschleunigte Adrians Puls. Prompt zuckte ein Doppelblitz über den Himmel, gefolgt von einem lauten Donnerkrachen. »Syre.«

»Du hast etwas, was mir gehört.«

4

Betont lässig blickte Adrian sich um. Könnte Syre seine Tochter zuerst gefunden haben und ihr gefolgt sein? »Und das wäre?«

»Nur nicht so zurückhaltend, Adrian. Das passt nicht zu dir. Reizende Brünette, zierlich. Du gibst sie zurück – unversehrt.«

Adrian entspannte sich. »Falls du auf die tollwütige Kuh mit dem Schaum vorm Mund anspielst, die mich heute angriff, der brach ich das Herz. Ich zerquetschte es in meiner Faust, um genau zu sein.«

Für eine entsetzlich lange Zeit herrschte Stille am anderen Ende. »Nikki war die netteste Frau, die mir je begegnet ist.«

»Falls das deine Definition von ›nett‹ ist, war ich wohl zu nachsichtig. Versuch noch mal so eine Nummer, und ich bringe euch alle zur Strecke«, warnte er Syre gelassen.

»Dazu besitzt du weder die Befehlsgewalt noch das Recht. Halt deinen Größenwahn im Zaum, Adrian, oder du endest wie ich.«

Adrian wandte sich von Lindsays wachsamem Blick ab und atmete ruhig, um seinen rasenden Zorn zu bändigen. Er war ein Seraph, ein Hüter, und sollte über menschliche Regungen erhaben sein. Durch seinen Tonfall oder sein Handeln zu verraten, dass er es nicht war, würde ihn extrem verwundbar machen. Was geschehen war, ließ sich nicht mehr ungeschehen machen; seine sterbliche Liebe hatte ihn an die Erde gebunden, fernab himmlischer Abgeklärtheit.

»Du hast keine Ahnung, wozu ich autorisiert bin«, erwiderte er. »Sie griff mich am helllichten Tag an und bewies damit, dass einer von deinen Gefallenen – oder vielleicht sogar du selbst – sie in den letzten achtundvierzig Stunden nährte. Womit es mir freisteht, mich und meine Hüter auf jede Weise zu verteidigen, die ich für angemessen halte. Überleg es dir gut, bevor du noch einen lebensmüden Untergebenen zu mir schickst. Ich bin nicht Phineas. Du und ich, wir wissen bereits, dass du einen Kampf gegen mich nicht gewinnen kannst.«

Alles in allem entsprach das der Wahrheit. Syre mangelte es an dem Nahkampftraining, wie es die Hüter absolviert hatten; doch er hatte Jahrhunderte Zeit gehabt, seine Guerillataktiken zu verfeinern. Außerdem hatte er aus seinen Fehlern gelernt und gebärdete sich ebenso rastlos wie die Lykaner. Seine Vampire würden ihm in die Hölle folgen, wenn er es ihnen befahl. All das machte ihn außerordentlich gefährlich. Obwohl Adrian wusste, dass er Syre wieder besiegen konnte, würde es beim nächsten Mal nicht mehr so einfach werden.

Und Lindsay Gibson könnte mittendrin stecken.

»Vielleicht ist Gewinnen nicht das Ziel«, sagte Syre hämisch.

Adrian blickte zu Lindsay und wurde sich grausam bewusst, welches Elend er in ihr Leben bringen würde. Aber er konnte auch nicht von ihr lassen, zumal er im Vergleich zu Syre noch das kleinere zweier Übel war.

»Falls du von einem Todeswunsch beseelt bist, nur zu«, sagte Adrian, als ein weiteres Donnergrollen über den Himmel zog. »Komm zu mir, und ich helfe dir mit Freuden.«

Lindsay runzelte die Stirn über etwas, und Adrian folgte ihrem Blick. Die Frau mit den beiden kleinen Kindern stritt nach wie vor mit dem älteren. Und der kleine Junge wurde so laut, dass alle in Hörweite hinsahen.

Der Anführer der Vampire lachte. »Nicht, ehe ich sicher bin, dass meine Tochter von dir befreit ist.«

»Dafür wird dein Tod sorgen.«

Bis in alle Ewigkeit würde Adrian die Schwäche verfluchen, die ihn zu Syre trieb, als Shadoe tödlich verwundet wurde. Er hatte irrtümlich geglaubt, der Anführer der Gefallenen liebte seine Tochter so sehr, dass er in ihrem Interesse handeln würde. Doch Syres Rachsucht überwog alles andere – zusammen mit seinem Durst nach Blut. Ihm war jedes Mittel recht, um zu verhindern, dass seine Tochter dem Hüter Glück brachte, der ihn, Syre, einst bestrafte. Er hatte versucht, sie in einen Vampir zu verwandeln, in eine seelenlose, blutsaugende Kreatur, die auf ewig in Dunkelheit leben musste, statt zuzulassen, dass sie Adrian mit ihrer sterblichen Seele liebte.

Sobald Adrian begriff, was Syre vorhatte, hatte er ihre Verwandlung in eine Vampirin gestoppt. Das wiederum hatte unvorhersehbare Folgen gehabt, denn ihr Körper war gestorben, ihre Naphil-Seele hingegen wurde unsterblich. Die unvollständige Verwandlung hatte bewirkt, dass Shadoe in einem endlosen Kreislauf zurückkehrte, weil ihre Seele, anders als eine sterbliche, zur Hälfte die eines Engels war, und das unabhängig von den Flügeln. Sterbliche Seelen überlebten die Verwandlung nicht, und Engelsseelen starben mit dem Verlust der Flügel, doch für Nephalim galt weder das eine noch das andere. Als Shadoes Körper die Verwandlung nicht abschließen konnte, überlebte ihre Naphil-Seele, allerdings gebunden an den, der begonnen hatte, sie zur Vampirin zu machen. Wenn Adrian ihren Vater tötete, sollte das Syre alle Macht über ihre Seele nehmen und sie befreien. Einzig der Vampir, der eine Verwandlung ausgelöst hatte, konnte sie auch zum Abschluss bringen.

Leider war die Zeit Adrians Feind. Er hatte nur Lindsays ungewisse Lebensspanne, mit der er arbeiten konnte. Für einen Unsterblichen war das ein schrecklich kleines Zeitfenster.

»Egoistischer Schweinehund«, fauchte der Vampir. »Du würdest Shadoe lieber sterben sehen, als sie ewig leben zu lassen.«

»Und du lässt sie lieber unter deiner Strafe leiden, obwohl sie die nicht verdient. Du hattest das Gesetz gebrochen, nicht sie.«

»Hatte sie das wirklich nicht, Adrian? Immerhin hat sie dich mit sich in den Abgrund gelockt.«

»Das war meine Entscheidung. Folglich ist es auch meine Schuld.«

»Dennoch leidest du nicht so wie wir.«

»Ach ja?«, fragte Adrian leise. »Woher willst du wissen, ob ich leide, Syre?«

Er sah wieder zu Lindsay. Sie beobachtete ihn von ihrem Platz aus mit diesen dunklen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Für jemanden ihres Alters wirkten sie viel zu erfahren.

Fragend zog sie die Brauen ein wenig hoch.

Adrian warf ihr ein Lächeln zu. Sie war genauso auf ihn eingestimmt wie er auf sie, mit dem Unterschied, dass sie keinerlei Erinnerung an die Geschichte dieser Zuneigung hatte. Er musste achtgeben, um sie nicht zu verschrecken oder zu ängstigen. Seine starken Emotionen waren ein Zeichen dafür, wie tief er gesunken war, wie menschlich seine Liebe zu ihr ihn gemacht hatte. Der Himmel beklagte seine Sterblichenschwäche und äußerte es über das Wetter – Regen, wenn er trauerte, Donner, wenn er wütend war, Temperaturschwankungen je nach seinen Stimmungen.

»Du begehrst ihre Seele, weil sie das Einzige ist, was sie an dich bindet«, schnurrte Syre.

»Und an dich.«

»Dennoch lässt du sie mich nicht zur vollen Reife bringen. Warum nicht, Adrian? Fürchtest du dich davor, dass sie dich wieder schwach machen könnte?«

Der trotzige kleine Junge trat seiner Mutter gegen das Schienbein. Sie schrie auf. Das erschrockene Baby auf ihrem Arm kippte nach hinten. Aus dem Gleichgewicht geraten und sichtlich am Ende ihrer Kräfte, konnte die junge Frau das Baby nicht länger halten, und es entglitt ihr.

Adrian eilte zu ihr, wobei er sich zwang, ein natürliches menschliches Tempo einzuhalten …

… da fing Lindsay das Kind auf. Zu schnell. So verdammt schnell, dass es schien, als hätte das Baby nie in Gefahr geschwebt, auf den Boden zu fallen. Die Mutter blinzelte mit offenem Mund, unübersehbar verblüfft, dass Lindsay direkt vor ihr stand. Eben hatte sie noch mehrere Schritte entfernt von ihr gesessen.

»Vergiss nicht«, fuhr Syre fort, »dass die von dir so geschätzte Seele mit jeder Inkarnation wieder an die Oberfläche dringt, ob ich nachhelfe oder nicht. Kannst du mich kriegen, bevor meine Tochter ihre Empfindungen zurückgewinnt? Was wird Shadoe von dir halten, wenn alles wieder hochkommt und sie sich an den Schmerz der vielen Leben erinnert, die du sie gekostet hast? Wird sie dich dann immer noch lieben?«

»Ich vergesse nichts. Und ganz sicher werde ich nicht vergessen, was du mir für die Verluste schuldest, die ich heute erlitten habe.« Adrian beendete das Gespräch und konzentrierte sich auf die Frau, deren soeben bewiesene übernatürliche Schnelligkeit auf eine kolossale Komplikation hinwies. Dass Shadoes Naphil-Gaben bei Lindsay so ausgeprägt waren, ließ eine tiefere Verflechtung beider Frauen vermuten, als sie bei früheren Inkarnationen erkennbar gewesen war.

Adrian rannte die Zeit davon. Seelen gewannen mit Alter und Erfahrung an Kraft. Es war eine unumstößliche Tatsache, dass Shadoes Seele eines Tages stärker als die des Körpers sein würde, den sie einnahm.

Und auf den Moment war keiner von ihnen vorbereitet.

Adrian steckte sein Telefon ein und eilte zu Lindsay.

Adrian hatte makellose Füße.

Von ihrem super bequemen Sitz in der ersten Klasse aus ließ Lindsay ihren Blick Adrians lange, ausgestreckte Beine entlangwandern und stellte fest, dass sie noch nie besonders auf die Füße eines Mannes geachtet hatte. Normalerweise fand sie die auch eher hässlich: raue Haut, krumme Zehen, grob gekürzte und gelbliche Zehennägel. Nicht so Adrians. Seine Füße waren in jeder Hinsicht makellos. Wie überhaupt alles an ihm perfekt symmetrisch und wunderbar gestaltet war. Er war geradezu atemberaubend vollkommen.

Als sie aufsah, begegnete ihr Blick seinem, und sie lächelte. Sie erklärte nicht, warum sie seine Füße in den Sandalen betrachtet hatte, denn es schien unnötig, so wie er sie ansah. Die körperliche Anziehung zwischen ihnen war nicht zu leugnen. Sie sprach von Hitze und Spannung und sorgte dafür, dass Lindsays Körper ein bisschen durcheinandergeriet. Von Adrians Seite her nahm sie allerdings auch noch etwas Sanfteres wahr, etwas Zärtliches, beinahe Vertrautes. Und darauf reagierte sie mit einem übertriebenen Besitzdenken. Ein primitiver Teil von ihr knurrte: Er ist mein!

»Sie essen Ihre Brezel-Sticks ja gar nicht«, bemerkte er mit dieser sonoren Stimme, an die sie sich sofort anschmiegen wollte.

Er war so eisern beherrscht, absolut kontrolliert. Obwohl sie die Unruhe in ihm deutlich spürte, ließ er sich äußerlich nichts anmerken. Seine Stimme blieb ruhig, seine Haltung entspannt und selbstsicher. Sogar als er auf und ab gelaufen war, hatte er es lässig getan. Die Kombination dieser vollkommenen Beherrschtheit mit seiner ungezügelten Sexualität war verdammt reizvoll.

Es entsprach Lindsays Natur, Wellen zu schlagen und andere in Aufruhr zu versetzen, und das würde sie mit ihm tun. Sie würde unter die ruhige Oberfläche tauchen, weil sie ziemlich sicher war, dass in seinem Fall die stillen Wasser sehr tief waren.

»Wollen Sie denn?«, bot sie an. »Ich möchte mir nicht den Appetit verderben.«

Seine Augen blitzten amüsiert, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er bisher noch nicht richtig gelacht hatte. Lindsays Leben war schon finster genug, deshalb stand sie gewöhnlich auf unbekümmerte Männer, die gern Spaß hatten. Adrians Sexappeal sorgte jedoch dafür, dass seine verhaltene Intensität ihr Interesse nicht dämpfen konnte.

»Was hätten Sie gern zum Abendessen?«, fragte er.

»Irgendwas. Ich bin eigentlich für alles zu haben.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute Lindsay sie. »Das kam falsch raus.«

»Sie müssen sich nie wegen etwas sorgen, was Sie in meiner Gegenwart sagen, solange Sie ehrlich sind.«

»Das bin ich grundsätzlich, und es bringt mich oft in Schwierigkeiten.«

»Manche Schwierigkeiten sind durchaus lohnenswert.«

Nach wie vor angeschnallt, wandte sie ihren Oberkörper Adrian zu. »In was für Schwierigkeiten bringen Sie sich?«

»In solche epischen Ausmaßes«, gestand er trocken.

Dieser Anflug von Humor weckte ihr Interesse. »Jetzt bin ich neugierig. Erzählen Sie mir mehr.«

»Nein, das ist Stoff für das dritte Date. Da müssen Sie sich also noch öfter mit mir verabreden.«

Wie wäre es, mit einem Mann wie Adrian ernsthaft zusammen zu sein? Nur für eine kleine Weile … »Das ist Erpressung.«

Er schien kein bisschen reumütig. »Ich bin skrupellos, wenn es darum geht zu bekommen, was ich will. Womit ich wieder beim Thema wäre, was ich zum Abendessen koche. Was ist Ihre sündige Leibspeise?«

»Sie kochen?«

»Es sei denn, Sie haben etwas dagegen.«

Sie schmunzelte. Adrian war es eindeutig gewohnt, alles zu bekommen, was er wollte. »Irgendwann sollte ich Sie wohl mal abweisen, damit Sie nicht zu übermütig werden.«

Sein Blick war glühend. »Und an welchem Punkt genau wäre ich Ihrer Meinung nach zu übermütig?«

»Wenn Sie glauben, Sie könnten das Tempo vorgeben, wo ich es bestimmen will.«

»Das gefällt mir jetzt schon.«

»Schön.« Lindsay nickte zustimmend. Er wurde von Minute zu Minute zugänglicher. Greifbarer. »Was das Essen bei Ihnen betrifft, habe ich nichts dagegen. Aber ich möchte, dass Sie das Menü bestimmen. Beeindrucken Sie mich.«

»Keine Allergien? Keine Tabus?«

»Ich bin kein Fan von Leber, Insekten und blutigem Fleisch.« Sie rümpfte die Nase. »Ansonsten geht alles.«

Ihre Aufzählung entlockte ihm das erste richtige Lächeln. »Ich bin ebenfalls kein Fan von Blut.«

Seine sinnlich geschwungenen Lippen bewirkten, dass sich eine Wärme von Lindsays Bauch aus in ihren Körper ausbreitete und sie herrlich entspannte, während ihr zugleich ein wenig duselig wurde. Sie fühlte sich erhitzt und völlig hingerissen.

Es war ja klar, dass dieser Mann, der sie abgehen ließ wie eine Rakete, ganz offensichtlich einiges mehr zu bieten hatte, als man auf den ersten Blick vermutete.

Als wäre das, was man auf den ersten Blick sah, nicht genug …

»Wozu brauchst du Bodyguards?«

Adrian zuckte mit der Schulter, während seine Augen weiter Lindsay fixierten, wie sie es schon taten, seit sie seinen Lieblings-Bioladen betreten hatten. Sie war groß, schlank und sportlich. Ihr Körper war ein Geschenk des Schöpfers, und sie hielt ihn bestens in Form und bewegte sich mit der anmutigen Geschmeidigkeit einer Wildkatze. Äußerlich wirkte sie entspannt, doch Adrian fühlte die Anspannung in ihr. Seine Stimmung übertrug sich sehr stark auf sie, doch hatte sie sich bewundernswert unter Kontrolle.

Lindsay war in weit besserer Verfassung als er.

Shadoes Rückkehr hatte seine Selbstbeherrschung in ihren Grundfesten erschüttert. Zutaten für ein Abendessen einzukaufen kam Adrian angesichts des überwältigenden Verlangens, das seinen gesamten Körper unter Hochspannung setzte, absurd vor. Hier war endlich die Frau, die ihn begehren, sehnen und fühlen lassen konnte wie keine andere. Die Frau, bei der er jede Sekunde seines zweihundertjährigen Zölibats spürte … und er konnte sie nicht haben. Noch nicht.