Dark Queen - Schwarze Seele, schneeweißes Herz - Kimberly Derting - E-Book

Dark Queen - Schwarze Seele, schneeweißes Herz E-Book

Kimberly Derting

4,5
7,99 €

Beschreibung

In dem von Aufständen erschütterten Königreich Ludania bestimmt die Zugehörigkeit zu einer Klasse, welche Sprache du sprichst - oder verstehst. Wenn du vergisst, wo dein Platz ist, kennen die Gesetze der Königin keine Gnade. Allein auf den Blickkontakt mit gesellschaftlich Höhergestellten steht der Tod. Die siebzehnjährige Charlaina - kurz Charlie - versteht alle Sprachen, jeden Dialekt. Eine gefährliche Fähigkeit, die sie schon ihr ganzes Leben lang verstecken muss. Nur in den illegalen Clubs im Untergrund der Stadt kann sie das für kurze Zeit vergessen. Dort trifft sie den geheimnisvollen Max, der eine Sprache spricht, die Charlie noch nie gehört hat, und der beinahe ihr Geheimnis entdeckt. Und als die Rebellen die Stadt schließlich überrennen, ist er es, der erkennt, dass Charlie der Schlüssel für ihren Sieg sein könnte. Doch für wen wird Max sich entscheiden, für das Mädchen, das ihn fasziniert, oder für seine Königin?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 382




Inhalt

Titel

Widmung

Teil I

Prolog

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

Teil II

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

Danksagung

Über die Autorin

Impressum

Kimberly Derting

DARK QUEEN

SCHWARZE SEELE, SCHNEEWEISSES HERZ

Aus dem Englischen

von Tanja Ohlsen

Für Abby, Connor und Amanda. Ihr wisst, warum.

Teil I

PROLOG

142 JAHRE NACH DER REVOLUTION

DER HERRSCHENDEN

Sobald das Mädchen das Zimmer betrat, begann die Luft zu knistern wie vor einem drohenden Gewitter. Sie war nur ein Kind und doch veränderte ihre Ge-genwart sofort die Atmosphäre.

Mühsam wandte sich die Königin ihr zu, als die Kleine in Pantoffeln durchs Zimmer tappte. Das Kind hielt den Kopf fest auf die Brust gesenkt und knüllte das Nachthemd in den Fäusten, die es nervös öffnete und schloss.

Den Wachen der Königin fiel die Veränderung wahrscheinlich gar nicht auf, doch ihr selbst wurde plötzlich voll bewusst, wie ihr das Blut durch die Adern rauschte und sich ihr Puls beschleunigte. Sie hörte jeden Atemzug, den sie tat – doch nicht länger unregelmäßig und keuchend.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Männer, die das Kind begleitet hatten.

»Lasst uns allein«, verlangte sie mit ehemals befehlsgewohnter Stimme, die jetzt jedoch rau und brüchig klang.

Sie hatten keinen Grund, den Befehl infrage zu stellen, und das Mädchen war bei seiner Mutter zweifellos sicher.

Die Kleine zuckte zusammen und riss die Augen auf, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Noch immer weigerte sie sich, ihre Mutter anzusehen.

»Prinzessin Sabara«, sagte die Königin leise und so sanft wie möglich, um das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen. Während seiner sechs kurzen Lebensjahre hatte die Königin nur wenig Zeit mit ihrer Tochter verbracht und sie weitgehend der Fürsorge der Gouvernanten, Kindermädchen und Lehrer überlassen. »Komm zu mir, mein Liebling.«

Das Mädchen schlurfte näher, heftete den Blick jedoch weiter auf den Boden – eine Angewohnheit der untersten Klasse, wie seine Mutter mit Bedauern feststellte. Sechs Jahre war nicht alt, vielleicht zu jung, aber sie hatte es so lange wie möglich hinausgezögert.

Auch die Königin selbst war noch jung. Ihrem Körper hätten noch viele gute Jahre verbleiben sollen, doch jetzt lag sie krank und sterbend danieder und konnte es sich nicht leisten, länger zu warten. Außerdem hatte sie das Mädchen auf diesen Tag vorbereitet.

Als das Kind neben ihrem Bett stand, streckte die Königin die Hand aus, hob das Kinn der Prinzessin an und zwang sie, sie anzusehen.

»Du bist meine Erstgeborene«, erklärte sie. Etwas, das sie ihr bereits Dutzende Male erzählt hatte, auch um sie daran zu erinnern, dass sie etwas Besonderes war. Jemand Wichtiges. »Aber darüber haben wir ja schon gesprochen, nicht wahr? Du hast doch keine Angst, oder?«

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf, Tränen in den Augen, die nervös hin und her blickten.

»Du musst jetzt tapfer sein, Sabara. Kannst du für mich tapfer sein? Bist du bereit?«

Plötzlich straffte das Mädchen die Schultern, beruhigte sich und begegnete endlich dem Blick der Königin. »Ja, Mama, ich bin bereit.«

Die Königin lächelte. Das Kind war zwar jung, aber entschlossen.

Eines Tages wird sie eine Schönheit sein, dachte die Königin und betrachtete die glatte Porzellanhaut und die großen, leuchtenden Augen. Sie wird stark und mächtig und gefürchtet sein, eine Macht, mit der man rechnen muss. Die Männer werden sich ihr zu Füßen werfen …

Und sie wird sie vernichten.

Sie wird eine große Königin werden.

Zitternd holte sie Luft. Es war so weit.

Sie fasste nach der Hand des Mädchens und hielt seine Finger fest, dann erlosch ihr Lächeln, während sie sich auf die Aufgabe vorbereitete, die vor ihr lag.

Sie forschte nach ihrer Seele, dem Teil von ihr, der sie in ihrem Innersten zu dem machte, was sie war. Ihrem Wesen. Sie spürte, wie es sich fest in ihr zusammenrollte, im Gegensatz zu ihrem Körper noch immer voller Leben.

»Du musst die Worte sprechen, Sabara.«

Es klang fast wie ein Flehen, und sie hoffte, dass das Mädchen nicht merkte, wie verzweifelt sie sie brauchte, wie dringend sie diese Aufgabe verrichten musste.

Das kleine Mädchen hielt dem Blick der Königin stand und reckte das Kinn ein wenig höher, als sie die Worte aufsagte, die sie gemeinsam einstudiert hatten: »Nimm mich, Mama. Nimm mich an ihrer Stelle.«

Die Königin holte tief Luft, und ihre Hand umfasste fest die des Kindes, als sie die Augen schloss. Sie fühlte keinen Schmerz. Es war eher eine Art Freude, als sich ihr Wesen entfaltete, wie ein dichter Nebel in ihr aufwallte, und endlich von seinen Fesseln befreit in ihr ausbreitete.

Sie hörte, wie das Kind keuchte und sich plötzlich wehrte, wie es versuchte, seine Finger aus dem Griff der Mutter zu befreien. Doch es spielte keine Rolle. Es war zu spät. Sie hatte die Worte ausgesprochen.

Das Gefühl der Ekstase überwältigte sie beinahe, dann wurde es langsam wieder schwächer, als sich ihr Wesen an seinem neuen Platz niederließ und wieder in sich zusammenrollte – endlich Frieden fand.

Sie schloss fest die Augen, noch nicht bereit, sie zu öffnen, noch nicht bereit, zu erfahren, ob der Transfer gelungen war oder nicht. Doch dann hörte sie ein ganz leises Geräusch, ein schwaches Gurgeln.

Und dann nichts mehr.

Ohrenbetäubende Stille.

Langsam, ganz langsam öffnete sie die Augen, um zu sehen, was es war …

… und merkte, dass sie neben dem Bett stand und in die leeren Augen der toten Königin blickte – in Augen, die einst ihr gehört hatten.

I

81 JAHRE SPÄTER 223 JAHRE NACH DER REVOLUTION

DER HERRSCHENDEN

Ich biss die Zähne zusammen, als Mr Graysons Stimme immer lauter wurde, bis seine Absicht, in der ganzen verstopften Straße gehört zu werden, unmissverstänlich klar war. Obwohl er genau wusste, dass dort niemand auch nur ein Wort von dem verstand, was er sagte.

Es war jeden Tag dasselbe. Ich musste mir seine schamlosen Heucheleien nur deshalb anhören, weil sich sein Laden an dem dicht bevölkerten Markt genau gegenüber vom Restaurant meiner Eltern befand. Er versuchte erst gar nicht, seine Verachtung für die Flüchtlinge zu verbergen, die unsere Stadt überfluteten und »Armut und Krankheiten« mit sich brachten.

Und er tat es direkt vor ihrer Nase und grinste ihnen mit falschem Lächeln ins Gesicht, während sie an seinem Laden mit den Waren, die er ihnen zu verkaufen hoffte, vorbeigingen. Sie konnten natürlich nicht wissen, dass sich der Ladenbesitzer über sie lustig machte. Es sei denn, sie erkannten es an seinem Tonfall. Er sprach Parshon, und sie waren ganz offensichtlich keine Händler. Sie waren arm und hielten den Kopf gesenkt, wie die Angehörigen der Dienstbotenklasse. Selbst wenn der Kaufmann ihnen Schimpfworte zurief, die sie nicht verstanden, sahen sie nicht auf. Es war nicht erlaubt.

Erst als er sie in der Universalsprache Englaise ansprach, blickten sie zu ihm auf.

»Ich habe viele schöne Stoffe«, brüstete er sich, in der Hoffnung, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen – und hoffentlich auch den Inhalt ihrer Geldbörsen. »Seide und Wolle feinster Qualität.« Leise, doch laut genug, um gehört zu werden, fügte er hinzu: »Und Reste und dreckige Lumpen habe ich auch.«

Ich sah über die Flut der müden Gesichter hinweg, die zu dieser Stunde den Markt bevölkerten, und bemerkte, dass Aron zu mir herübersah. Ich kniff die Augen zu einem Schlitz zusammen und verzog die Mundwinkel zu einem bösartigen Lächeln.

»Dein Vater ist ein Scheißkerl«, raunte ich.

Obwohl er nicht hören konnte, was ich sagte, verstand er wohl, was gemeint war, und grinste zurück. Seine strohblonden Haare standen in wirren Büscheln von seinem Kopf ab.

»Ich weiß«, raunte er zurück, und auf seiner linken Wange bildete sich ein Grübchen. Seine warmen goldenen Augen glitzerten.

Meine Mutter stieß mir mit dem Ellbogen in die Rippen. »Das habe ich gesehen, junge Dame! Pass auf, was du sagst.«

Seufzend wandte ich mich von Aron ab. »Keine Angst, ich passe immer auf, was ich sage.«

»Du weißt genau, was ich meine. Ich will so etwas von dir nicht hören, schon gar nicht vor deiner Schwester. Du solltest es eigentlich besser wissen.«

Ich trat ins Haus zurück, um vor der glühenden Morgensonne Schutz zu suchen. Meine kleine Schwester saß an einem der leeren Tische, ließ die Füße baumeln und nickte mit dem Kopf, während sie so tat, als würde sie das schäbige Stofftier vor ihr auf dem Tisch füttern.

»Erstens hat sie es gar nicht gehört«, protestierte ich. »Niemand hat es gehört. Und offensichtlich weiß ich es wohl nicht besser.« Ich hob die Augenbrauen, während meine Mutter weiterdie Tische abwischte. »Und im Übrigen ist er ein Scheißkerl.«

»Charlaina Hart!« Meine Mutter wechselte, wie immer, wenn sie die Geduld mit mir verlor, in das kehlige Parshon. Sie schnippte mit einem Zipfel ihres Handtuchs nach mir. »Sie ist vier! Und sie ist nicht schwerhörig!« Sie blickte zu meiner Schwester, deren weißblondes Haar im Sonnenlicht glänzte, das durch das Fenster schien.

Meine kleine Schwester sah nicht einmal auf, sie war meine Ausdrucksweise gewöhnt.

»Wenn Angelina in die Schule geht, lernt sie hoffentlich bessere Manieren als du!«

Die Worte meiner Mutter machten mich wütend. Ich hasste es, wenn sie so etwas sagte, denn wir wussten beide, dass Angelina nicht zur Schule gehen würde. Wenn sie nicht bald anfingzu sprechen, würde man sie dort nicht zulassen.

Aber anstatt mich mit ihr zu streiten, zuckte ich nur steif mit den Schultern und antwortete auf Englaise: »Wie du schon sagtest, sie ist erst vier.«

»Und du mach, dass du losgehst, bevor du noch zu spät kommst. Und vergiss nicht, dass wir dich nach der Schule hier bei der Arbeit brauchen, also geh nicht nach Hause.« Sie sagte das, als sei es etwas Ungewöhnliches. Dabei arbeitete ich jeden Tag nach der Schule. »Oh, und geh bitte mit Aron. Es sind eine Menge neuer Leute in der Stadt, da wäre mir wohler, wenn ihr beide zusammen bleibt.«

Ich stopfte die Schulbücher in meine schäbige Tasche und ließ mich vor Angelina nieder, die schweigend mit ihrem Stofftier spielte. Ich küsste sie auf die Wange und schob ihr heimlich ein Stück Zucker in die schon klebrige Hand.

»Sag Mami nichts davon«, flüsterte ich ihr ins Ohr, wobei mich ihre Haarsträhnen in der Nase kitzelten, »sonst kann ich dir nichts mehr zustecken, okay?«

Meine Schwester nickte mir mit klaren blauen, vertrauensvollen Augen zu, doch sie sagte nichts. Sie sprach nie.

Bevor ich ging, hielt mich meine Mutter zurück: »Charlaina, du hast doch deinen Pass, oder?«

Es war eine überflüssige Frage, aber sie stellte sie trotzdem jeden Tag, sobald ich aus ihrer unmittelbaren Nähe verschwand.

Ich zog an dem Lederband um meinen Hals und zeigte ihr den Ausweis, der in meinem Hemd hing. Die Plastikhülle war warm und mir so vertraut wie meine eigene Haut.

Dann zwinkerte ich Angelina zu, erinnerte sie noch mal daran, dass wir ein Geheimnis teilten, und eilte hinaus auf die verstopften Straßen.

Ich hob die Hand über den Kopf, winkte Aron zu, als ich am Laden seines Vaters vorbeiging, und bedeutete ihm, dass wir uns an der üblichen Stelle treffen sollten: am Platz auf der anderen Seite des Marktes.

Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge und dachte an die Zeit – vor der Bedrohung durch eine neue Revolution –, als die Straßen noch nicht so überfüllt gewesen waren, als der Marktplatz noch einfach ein Handelsort war, an dem es nach Räucherfleisch und Leder, Seife und Ölen roch. Die Gerüche gab es immer noch, aber jetzt stank es außerdem nach Verzweiflung und ungewaschenen Körpern. Der Markt war ein Zufluchtsort für die Unerwünschten des Landes geworden, die Angehörigen der Dienstbotenklasse, die man aus ihren Häusern vertrieben hatte, als die Handelslinien von den Rebellenkräften unterbrochen wurden – als die, die sie beschäftigten, sie sich nicht länger leisten konnten.

Sie kamen in unsere Stadt, in der Hoffnung auf Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung.

Doch wir konnten sie kaum unterbringen.

Die monotone Stimme aus den Lautsprechern über unseren Köpfen war uns so vertraut, dass ich sie gar nicht mehr bemerkt hätte, wäre sie nicht zu einem so unpassenden Zeitpunkt erklungen. »ALLE UNREGISTRIERTEN IMMIGRANTEN MÜSSEN SICH IM KAPITOLGEBÄUDE MELDEN.«

Ich packte den Riemen meiner Tasche fester und hielt den Blick gesenkt, während ich weiterging.

Als ich mich endlich aus dem Menschenstrom herausgearbeitet hatte, sah ich Aron bereits vor dem Springbrunnen auf dem Platz stehen und auf mich warten. Für ihn war es immer ein Wettrennen.

»Von mir aus«, brummelte ich, doch ich konnte mir das Lächeln nicht verkneifen, als ich ihm meine Büchertasche gab. »Aber ich weigere mich, es auszusprechen.«

Ohne sich zu beschweren, nahm er meine schwere Tasche und strahlte mich an.

»Gut, Charlie, dann sage ich es eben. Ich habe gewonnen!« Dann griff er in seine eigene Tasche, die er sich über die Schulter geworfen hatte. Hinter uns spielte der Springbrunnen seine plätschernde Musik.

»Hier«, sagte er und reichte mir ein kleines Päckchen aus weichem schwarzen Stoff. »Das habe ich dir mitgebracht. Es ist Seide.«

Als sich meine Finger um das weiche Material schlossen, hielt ich den Atem an. Noch nie hatte ich so etwas gefühlt. Seide, wiederholte ich in Gedanken. Das Wort kannte ich wohl, doch ich hatte so einen Stoff noch nie berührt. Ich drückte ihn, strich mit den Fingerspitzen darüber und bewunderte seinen Glanz und wie er die Sonne reflektierte. Dann wandte ich mich an Aron und flüsterte: »Das ist zu viel.«

Ich versuchte, es ihm zurückzugeben.

Abwehrend stieß er meine Hand weg. »Komm schon! Mein Dad wollte es sowieso in den Müll werfen. Du bist klein genug, dass du dir aus den Stücken ein neues Kleid machen kannst oder so.«

Ich sah auf meine abgetragenen Stiefel und das langweilige graue Leinenkleid hinunter, das ich trug. Es war schlicht und saß so locker wie ein Sack. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie sich dieser Stoff auf meiner Haut anfühlen würde. Wie Wasser, dachte ich, kühl und glatt.

Als Brooklynn kam, ließ sie Aron ihre Tasche vor die Füße fallen. Wie üblich kein »Guten Morgen« oder »Nimmst du das, bitte?« Doch Aron nahm wie selbstverständlich ihre Tasche.

Im Gegensatz zu seinem Vater war Aron kein bisschen unfreundlich. Vielleicht war »dumm« aber auch ein besseres Wort, um den älteren Grayson zu beschreiben. Oder unverschämt. Oder faul. Doch das spielte keine Rolle, denn offensichtlich war keine einzige dieser unangenehmen Eigenschaften des Vaters an den Sohn vererbt worden.

»Was? Und mir hast du nichts mitgebracht?« Sie verzog ihre vollen Lippen zu einem Schmollmund, und ihre dunklen Augen blitzten neidisch zu der Seide in meiner Hand.

»Tut mir leid, Brook, aber mein Dad würde es merken, wenn ich zu viel auf einmal klaue. Vielleicht nächstes Mal.«

»Ja, klar, Winzling. Das sagst du jetzt, aber nächstes Mal ist es dann wieder für Charlie.«

Ich musste über den Spitznamen lächeln. Mittlerweile war Aron größer als Brooklynn, er war größer als wir beide, doch sie bestand immer noch darauf, ihn Winzling zu nennen.

Ich ließ den zarten Stoff ganz vorsichtig in meine Tasche gleiten und überlegte, was ich wohl damit machen würde. Ich freute mich schon, ihn mit Nadel und Faden zu bearbeiten.

Brook ging voran, und wir liefen um den Platz herum, wo die meisten Menschen waren. Wie üblich machten wir einen Umweg, um den Hauptplatz zu vermeiden. Ich bildete mir gerne ein, dass es Brooks oder sogar Arons Idee gewesen war – oder dass wenigstens einem von ihnen die Dinge, die dort vor sich gingen, genauso wenig gefielen wie mir selbst. Aber ich bezweifelte, dass es stimmte. Nein, ich wusste, dass es mir mehr ausmachte.

»ALLE VERDÄCHTIGEN AKTIVITÄTEN MÜSSEN UMGEHEND DER NÄCHSTEN WACHE GEMELDET WERDEN.«

»Die Pässe«, verkündete Aron ernst, als wir einen neuen Checkpoint am Fuß des gigantischen Bogens erreichten, der in die Stadt führte. Ebenso wie wir griff er in sein Hemd und zog die Ausweiskarte hervor.

Es gab in letzter Zeit immer mehr solcher Checkpoints, und über Nacht schienen ständig weitere aufzutauchen. Dieser hier unterschied sich kaum von den anderen: vier bewaffnete Soldaten, zwei für jede Reihe – eine für Männer, und eine für Frauen und Kinder. Nachdem sie das Passfoto mit dem Träger des Ausweises verglichen hatten, wurde die Karte mit einem tragbaren elektronischen Kartenleser gescannt.

Diese Checkpoints waren eigentlich bedeutungslos, schließlich waren sie nicht für uns gedacht. Wir gehörten nicht zu den Rebellen, die sie daran hindern wollten, sich frei in der Stadt zu bewegen. Für Brook, Aron und mich bedeuteten sie nur eine Sicherheitsmaßnahme, eine Folge des Krieges, der sich in unserem Land zusammenbraute.

Und was Brooklynn anging, so waren die Checkpoints ein Geschenk – eine neue Gelegenheit, bei der sie ihre Fähigkeiten zu Flirten testen konnte.

Brook und ich standen schweigend in unserer Reihe und warteten. Als unsere Ausweise vom System gescannt wurden und wir auf die Freigabe warteten, sah ich zu, wie Brook dem jungen Soldaten, der ihre Karte hatte, mit ihren dichten schwarzen Wimpern zublinzelte.

Er sah vom Scanner wieder zu ihr, dann zuckten seine Mundwinkel fast unmerklich nach oben. Als das grüne Licht an dem tragbaren Computer ihre Freigabe bestätigte, trat sie näher als notwendig heran und schnurrte mit weicher, dunkler Stimme: »Dankeschön.«

Sie ließ den Ausweis wieder in ihr Hemd gleiten und achtete darauf, dass er hinsah.

Die Ausweise waren nichts Neues für uns. Ihre Einführung lag schon so lange zurück, dass sich niemand mehr daran erinnerte. Doch erst seit ein paar Jahren waren wir gezwungen, sie ständig bei uns zu tragen, damit wir »verfolgt« werden konnten, damit die Königin und ihre Beamten immer wussten, wo wir uns aufhielten. Eine weitere Erinnerung daran, wie sehr die Rebellen ihren Druck auf die Krone verstärkt hatten.

Einmal hatte ich gesehen, wie jemand an einem der Kontrollpunkte verhaftet worden war. Eine Frau hatte versucht, sich mit dem Pass einer anderen durchzuschmuggeln. Die visuelle Überprüfung bestand sie, doch als die Karte gescannt wurde, leuchtete anstatt des grünen Lichts eine kleine rote Lampe auf. Der Pass war als gestohlen gemeldet worden.

Die Königin duldete keinerlei Verbrechen. Diebstahl wurde ebenso bestraft wie Mord. Auf alles stand die Todesstrafe.

»Charlie!«

Arons Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich eilte den anderen nach, denn ich wollte nicht zu spät in die Schule kommen, daher steckte ich den Ausweis wieder in den Ausschnitt und rannte los. Als ich sie eingeholt hatte, erklang hinter uns – von dem überfüllten Platz, den wir gerade hinter uns gelassen hatten – lautes Jubelgeschrei.

Keiner von uns zuckte zusammen oder wurde langsamer. Keiner von uns blinzelte auch nur, um anzudeuten, dass wir das Geräusch gehört hatten, nicht, solange wir so nah an den Wachen des Checkpoints waren, die stets alles beobachteten.

Kurz dachte ich an die Frau, die ich damals gesehen hatte, die mit dem gestohlenen Ausweis, und ich überlegte, wie es wohl für sie gewesen war, als sie dort am Galgen stand, umgeben von johlenden Zuschauern. Ich fragte mich, ob ihre Familie gekommen war, um zuzusehen. Ob sie die Falltür gesehen hatten, die sich unter ihren Füßen geöffnet hatte. Ob sie die Augen schlossen, als sich das Seil um ihren Hals festzog, und ob sie weinten, als ihre Füße unter dem leblosen Körper baumelten.

Dann mahnte uns die Stimme aus dem Lautsprecher: »EIN FLEISSIGER BÜRGER IST EIN GLÜCKLICHER BÜRGER.«

Insgeheim blutete mir das Herz.

»Habt ihr gehört, dass die Dörfer an der Südgrenze alle belagert werden?«, fragte Brooklynn, als wir an den Soldaten am Checkpoint vorbei waren und vom Marktplatz in die leereren Straßen der Innenstadt gelangten.

Ich warf Aron einen Blick zu und verdrehte die Augen. Wir wussten längst, dass die Grenzstädte angegriffen wurden, das war schon seit Monaten so. Alle wussten es. Deshalb wurden unsere Städte ja von Flüchtlingen überflutet. Fast jeder hier hatte heimatlose Familienangehörige und ihre Diener aufgenommen.

Soweit mir bekannt war, war meine Familie eine der wenigen, die niemanden beherbergte, aber das lag nur daran, dass wir keine weitreichende Familie außerhalb der Stadt hatten.

»Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis die Gewalt unsere Hauptstadt erreicht«, fuhr Brook theatralisch fort.

»Königin Sabara wird nie zulassen, dass sie es bis hierher schaffen. Sie wird ihre eigene Armee ausschicken, bevor sie der Hauptstadt zu nahe kommen«, wandte ich ein.

Eigentlich war es lächerlich, unsere Stadt als »Hauptstadt« zu bezeichnen, da innerhalb ihrer Betonmauern niemand wohnte, der irgendetwas zu sagen hatte. Der Begriff deutet auf Autorität und Einfluss hin, doch im Prinzip war es nur die Stadt, die dem Palast am nächsten lag.

Noch war die Königin die Einzige, die wirkliche Macht besaß.

Doch wenigstens hatte unsere Stadt einen Namen.

Die meisten Städte in Ludania hatten dieses Privileg vor langer Zeit verloren und wurden einfach durch den Quadranten des Landes gekennzeichnet, in dem sie lagen, und dann nach ihrer Größe nummeriert. 1West, 4South, 2East.

Kinder wurden oft nach den alten Städten benannt. Früher war es ein Akt der Rebellion gewesen, ein Baby Carlton, Lewis oder Lincoln zu nennen, ein Weg, seinen Unmut darüber zu äußern, dass die Krone die Städte zu reinen Statistiken herabwürdigte. Doch mittlerweile war es nur noch eine Tradition, und Kinder wurden nach Orten auf der ganzen Welt benannt.

Die meisten Leute glaubten, dass mein richtiger Name Charlotte war, nach einer uralten, weit entfernt liegenden Stadt. Aber meine Eltern behaupteten, dass sie an nichts teilnehmen wollten, was auch nur entfernt nach Rebellion klang, nicht einmal an einem längst akzeptierten Brauch wie der Namensgebung von Kindern.

Sie zogen es vor, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Brooklynn hingegen gab gerne damit an, woher ihr Name stammte. Es war ein großer Bezirk in einer noch größeren Stadt, die nicht länger existierte.

Mit fiebrig leuchtenden Augen neigte sie sich vor: »Nun, wie ich gehört habe …«, sie ließ die Worte in der Luft hängen, um zu betonen, dass sie offensichtlich mehr Informationen hatte als wir, »… soll sich die Armee der Königin im Osten sammeln. Den Gerüchten zufolge will sich Königin Elena den Rebellen anschließen.«

»Wer hat dir das gesagt? Einer deiner Soldaten?«, flüsterte ich, so dicht an ihrem Gesicht, dass ich ihre Stirn fast berührte, als ich ihr prüfend in die Augen sah. Ich zweifelte eigentlich nicht an ihren Worten. Brooks Informationen stimmten meistens. »Woher weißt du, ob sie die Wahrheit sagen?«

Brook grinste ein schamloses, langsames Grinsen.

»Sieh mich an, Charlie! Warum sollten sie mich anlügen?« Dann fügte sie ernster hinzu: »Es heißt, dass die Königin müde wird. Dass sie zu alt ist, um noch länger zu kämpfen.«

»Das ist Unsinn, Brook. Alt oder nicht, Königin Sabara wird ihr Land nie aufgeben.«

Es war eine Sache, richtige Neuigkeiten von der Front zu berichten, aber es war etwas ganz anderes, Lügen über unsere Königin zu verbreiten.

»Was bleibt ihr denn auch übrig?« Brook zuckte mit den Achseln und fuhr fort: »Es gibt keine Prinzessin, die ihren Platz einnehmen kann, und sie wird sicher nicht erlauben, dass ihr ein Mann auf den Thron folgt. Das ist seit vierhundert Jahren nicht mehr geschehen, und sie wird es auch jetzt nicht zulassen. Eher gibt sie das Königshaus auf, als dass je wieder ein König das Land regiert.«

Wir näherten uns der Akademie, und ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte.

»Das stimmt wohl«, meinte ich abwesend und nicht länger an politischen Diskussionen interessiert. »Wahrscheinlich wird sie sich weigern, zu sterben, bevor sie nicht eine passende Erbin gefunden hat.«

Ich wünschte mir, ich könnte angesichts des beeindruckenden Gebäudes ruhig bleiben, gelassen und nonchalant. Und vor allem wollte ich nicht, dass die Ratskinder sahen, wie unwohl ich mich fühlte.

Alles an dieser Eliteeinrichtung, einschließlich der makellos passenden Uniformen, schrie: Wir sind besser als du.

Selbst die riesigen weißen Marmorstufen zu dem breiten pompösen Eingang der Akademie waren auf Hochglanz poliert und sahen aus, als müsse man aufpassen, wenn man darüberging.

Ich hasste meinen Wunsch, wissen zu wollen, was für ein Geräusch meine Schuhe auf ihnen machen würden.

Ich versuchte, nicht zu den Akademieschülerinnen zu sehen, die oben an der Treppe standen. Aus irgendeinem Grund ärgerten mich diese Mädchen am meisten. Diese beiden, die uns aufmerksamer betrachteten als die anderen, und die es liebten, uns zu verspotten, wenn wir vorübergingen.

Heute war es nicht anders. Die Röcke ihrer identischen Uniformen hatten scharfe Falten, und die schneeweißen Blusen waren gestärkt und blütenrein. Diese Mädchen wussten mit Sicherheit, wie sich Seide anfühlte.

Ich tat so, als würde ich nicht bemerken, dass eine von ihnen zielstrebig die Stufen herunterkam und uns ins Auge fasste. Sie fegte ihr blondes Haar über die Schulter, ihre Wangen waren leicht gerötet und in ihren Augen glitzerte Bosheit.

Auf dem Gehweg blieb sie stehen und hob die Hand, um anzudeuten, dass wir anhalten sollten. »Wohin seid ihr drei denn so eilig unterwegs?«, fragte sie absichtlich auf Termani, weil es uns nicht erlaubt war, diese Sprache zu verstehen.

Ihre Worte ließen die Luft um mich herum erzittern, und das Atmen fiel mir auf einmal schwer. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Jeder wusste es. Neben mir blickte Aron zu Boden, und Brooklynn tat dasselbe. Ein Teil von mir wollte der Logik trotzen – wollte dem Gesetz trotzen –, und bei ihren bissigen Worten presste ich die Kiefer aufeinander. Aber ich würde es nicht tun. Es war nicht nur mein Schicksal, das ich herausforderte, wenn ich das Gesetz brach. Man konnte auch Brook und Aron mitverantwortlich machen.

Also senkte ich den Kopf und versuchte, das Prickeln auf meinen Armen zu ignorieren, als ich die Blicke des Mädchens spürte, die sich auf mich hefteten.

Ihre Freundin hatte sich neben sie gestellt und bildete mit ihr eine Mauer vor uns.

»Ich weiß gar nicht, warum man diese Hausierer zur Schule gehen lässt, weißt du es, Sydney?«

Wieder begann die Luft, in heißen Wellen zu vibrieren.

»Sei nicht albern, Veronica, sie müssen doch zur Schule gehen. Wie sollen sie sonst lernen, zu zählen und uns das Wechselgeld zu geben, wenn sie für uns arbeiten? Ich meine, sieh dir nur ihre Hände an. Sie arbeiten doch schon irgendwo und haben wahrscheinlich keine Ahnung vom Lesen und Rechnen und schon gar nicht vom Schreiben.«

Ich hasste sie beide dafür, dass sie uns für dumm hielten, und ich verbiss mir die Antworten darauf so stark, dass mir die Zähne wehtaten. Aber mit brennenden Wangen warf ich einen heimlichen Blick auf Sydneys perfekt manikürte Hände. Zumindest hatte sie damit recht, vom Tellerwaschen im Restaurant meiner Eltern waren meine Nägel kurz und meine Haut gerötet. Zu gerne hätte ich sie hinter meinem Rücken versteckt, aber ich konnte nicht riskieren, sie merken zu lassen, dass ich ihre Beleidigungen verstand.

Ich hielt meinen Blick abgewendet und versuchte, an ihr vorbeizugehen, aber sie passte ihren Schritt meinem an, ging mit mir und blieb mir im Weg. Mir pochte das Blut in den Ohren.

»Geh doch noch nicht«, flötete sie. »Wir fangen doch gerade erst an, uns zu amüsieren. Amüsieren wir uns nicht, Veronica?«

Es entstand eine unangenehme Pause, dann antwortete ihre Freundin gelangweilt: »Nein, nicht wirklich, Syd. Ich gehe wieder hinein. Die sind es nicht wert.«

Sydney blieb noch ein paar Sekunden länger und versperrte uns den Weg, dann ließ sie uns schließlich stehen und folgte ihrer Freundin die polierten Marmorstufen hinauf. Ich hob den Kopf erst, als ich hörte, wie sich die Tür der Akademie hinter ihnen schloss.

Dann stieß ich laut den Atem aus.

»Warum machen sie so etwas?«, fragte Brook, sobald wir die strahlende Schule hinter uns gelassen hatten. Ihre Wangen waren gerötet, und in ihren Augen blinkten Tränen. Sie nahm meine Hand. »Was in aller Welt haben wir ihnen getan?«

Aron schien ebenso durcheinander. »Ich frage mich, was sie über uns reden, wenn sie das tun.« Seine Stimme klang brüchig, und er schüttelte traurig den Kopf.

Ich zuckte nur mit den Achseln. Mehr konnte ich nicht tun. Ich konnte ihnen nicht erzählen, was Sydney und ihre Freundin gesagt hatten.

Wir kamen zu unserer Schule, einem alten Backsteinbau, weit weniger großartig und glänzend als die Akademie. Nicht die auffallenden Ziegel wie bei den schönen historischen Gebäuden, sondern die krümelige Art, die eher aussieht, als wollten die Mauern jeden Augenblick einstürzen. Wir hatten keine schicken Uniformen, nicht einmal einen Namen wie die Akademie. Man nannte sie schlicht Schule 33.

Aber wir konnten uns schlecht beschweren. Es war eine Schule, und wir durften sie besuchen. Und trotz der Kämpfe in unserem Land war sie noch offen. All das waren Dinge, für die man dankbar sein musste. Es gab Schlimmeres im Leben, als eine Händlerschule zu besuchen.

Zum Beispiel, gar nicht zur Schule zu gehen.

Die Morgenglocke läutete, und wir erhoben uns ebenso wie alle anderen Schüler an allen anderen Schulen im Land. Gemeinsam hoben wir mit angewinkeltem Ellbogen die rechte Hand, die Faust zum Himmel gereckt.

Es war das einzige Mal, dass wir während der Schulstunden Englaise sprachen. Es war der Eid der Königin:

Mit meinem Atem gelobe ich,

meine Königin vor allen anderen zu ehren.

Mit meinem Atem gelobe ich,

die Gesetze meines Landes zu befolgen.

Mit meinem Atem gelobe ich,

meine Vorgesetzten zu respektieren.

Mit meinem Atem gelobe ich,

dem Fortschritt meiner Klasse zu dienen.

Mit meinem Atem gelobe ich, all jene zu melden,

die meiner Königin und meinem Land schaden wollen.

Mit meinem Atem gelobe ich dies.

Meist achtete ich gar nicht auf die Worte, ich sagte sie einfach herunter und ließ sie nachlässig von meinen Lippen tropfen. Nach Jahren der Wiederholung waren sie zur Gewohnheit geworden, fast wie das Atmen.

Doch heute hörte ich vielleicht zum ersten Mal überhaupt richtig hin. Ich bemerkte die Worte, die betont wurden: ehren, befolgen, respektieren, dienen, melden. Im Geist ordnete ich die Bedeutungen der Reihe nach: Erst Königin, dann Land, dann Klasse. Der Eid war ebenso ein Befehl wie ein Versprechen, eine weitere Art der Königin, von uns zu verlangen, sie und unsere Lebensweise zu verteidigen.

Ich ließ meinen Blick über die anderen, über meine Klassenkameraden schweifen. Sie trugen Kleidung in unterschiedlichen Schattierungen von grau, blau, braun und schwarz. Farben der Arbeiterklasse. Praktische Farben. Die Stoffe und Muster waren vernünftig. Baumwolle, Wolle, sogar Leinen, haltbar und schmutzunempfindlich. Ich musste mich nicht umsehen, um zu wissen, dass alle Schüler im Raum aufrecht standen und das Kinn erhoben hatten. Das war etwas, was uns unsere Eltern und Lehrer jeden Tag eintrichterten: dass wir stolz darauf sein sollten, wer wir waren.

Ich fragte mich, warum ich in die Klasse der Kaufleute und Händler geboren worden war. Warum waren wir besser als manche und doch nicht so gut wie andere? Dabei kannte ich die Antwort. Es hatte nichts mit uns zu tun. Es war einfach Schicksal.

Wären wir in die Dienstbotenklasse geboren worden, wären wir jetzt nicht in der Schule. Und würden unsere Eltern dem Rat angehören, dann wären wir heute die glänzenden Stufen zur Akademie emporgeschritten.

Der Lehrer räusperte sich, und ich zuckte zusammen, weil ich bemerkte, dass der Schwur beendet war und meine Faust sich als einzige noch in die Luft reckte.

Mit brennendem Gesicht, unter den Blicken der fünfundvierzig Kinder der Kaufmannsklasse, die diese Stunde mit mir teilten, ließ ich die Faust an meine Seite sinken, ballte sie fest zusammen und setzte mich. Neben mir grinste Brooklynn.

Ich sah sie finster an, aber sie wusste, dass ich es nicht böse meinte, und grinste nur umso breiter.

»Du hast es auch schon gehört, nicht wahr?«, flüsterte Aron, als ich in der Mittagspause im Hof zu ihm hinüberging. Außer während des Schwurs durften wir an unserer Schule nur Parshon sprechen.

Aron musste nicht in die Einzelheiten gehen. Natürlich hatte ich den neuesten Tratsch gehört. Auch ich senkte meine Stimme und rutschte auf der steinernen Bank näher an ihn heran.

»Weißt du, ob sie die ganze Familie geholt haben? Auch ihre Eltern und Geschwister?«

Brook gesellte sich zu uns und bemerkte sofort unsere gedämpften Stimmen und wie unsere Blicke hin und her schweiften – dass wir alle beobachteten und niemandem trauten.

»Cheyenne?«, fragte sie halb flüsternd.

Ich griff in meine Büchertasche und gab Brook das Lunchpaket, das meine Mutter für sie gemacht hatte, so wie jeden Tag seit dem Tod von Brooks Mutter.

Sie setzte sich auf Arons andere Seite, und wir steckten die Köpfe zusammen.

Aron nickte und sah erst mich und dann sie an. »Ich habe gehört, sie sind in der Nacht gekommen und haben nur sie mitgenommen. Sie wird im Palast zur Befragung festgehalten, aber es sieht nicht gut aus. Es heißt, dass es diesmal echte Beweise gibt.«

Wir sprachen nicht weiter, als der kleine Junge, der den Müll aufsammelte, über den Rasen lief. Er sprach mit niemandem, sondern ging langsam und methodisch weiter, sorgsam auf seine Schritte achtend. Als Angehöriger der Dienstbotenklasse stand ihm nur Englaise als Sprache zur Verfügung. In der Schule war es ihm – außer beim Schwur – verboten, zu sprechen. Er sah nur nach unten, während er den Abfall einsammelte.

Er war kaum älter als Angelina, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, mit störrischem schwarzen Haar und Schwielen an den schmutzigen nackten Füßen. Da er den Kopf gesenkt hielt, konnte ich nicht erkennen, welche Farbe seine Augen hatten.

Er blieb neben uns stehen und wartete ab, ob wir irgendwelchen Müll für ihn hatten. Ich griff in meine Lunchtüte und nahm einen Keks heraus, den meine Mutter gebacken hatte. Ich reichte ihn dem Jungen so, dass niemand sehen konnte, was ich in der Hand hielt, und hob den Blick in der Hoffnung, dass er es auch tun würde.

Doch das geschah nie.

Als er in Reichweite kam, gab ich ihm den Keks, als wäre es Müll aus meiner Tüte. Wenn uns jemand beobachtete, hätte er sich nichts dabei gedacht.

Wie jeden Tag nahm der Junge den Keks. Und hatte ich Freude oder Dankbarkeit von ihm erwartet, wurde ich enttäuscht. Sein Gesicht blieb ausdruckslos und sein Blick gesenkt. Er war vorsichtig … und clever. Cleverer als ich offensichtlich.

Als er davontrabte, sah ich, wie er den Keks in die Tasche steckte, und lächelte verstohlen.

Brooklynns Stimme ließ mich wieder aufhorchen.

»Was für Beweise haben sie denn gefunden?«, fragte sie Aron angespannt. Die Nachricht von Cheyennes Verhaftung machte alle nervös.

Unglücklicherweise war Cheyenne nicht allein. Die leisen Gerüchte über Illoyalität gegenüber der Krone fassten langsam Fuß, sie begannen als Virus und verbreiteten sich wie eine Seuche. Sie infizierten und korrumpierten normale Bürger, denen eine Belohnung versprochen wurde, wenn sie jeden meldeten, der des Hochverrats verdächtig war. Die Menschen wandten sich gegeneinander und suchten nach Informationen über Freunde, Nachbarn und sogar Familienangehörige, um sich die Gunst der Königin zu erschleichen. Vertrauen war etwas, das sich nur wenige leisten konnten.

Und echte Beweise, die, die mehr enthielten als kleinlichen Tratsch, waren tödlich.

»Sie haben Karten in ihrem Besitz gefunden. Karten, die dem Widerstand gehören.«

Brook presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf. »Mist.«

Aber ich war noch nicht überzeugt. »Wie können sie sicher sein, dass es Karten der Rebellen sind? Wer hat dir das erzählt?«

Aron blickte auf und sah mich mit seinen goldgefleckten Augen traurig an. »Ihr Bruder hat es mir erzählt. Es war ihr Vater, der sie angezeigt hat.«

Den ganzen Tag lang musste ich an Cheyenne Goodwin denken. Was bedeutete es, wenn sich der Vater gegen die eigene Tochter wandte? Wenn Eltern sich gegen ihre Kinder wandten?

Ich machte mir meinetwegen keine Sorgen. Meine Eltern waren grundsolide und so vertrauenswürdig und loyal, wie Eltern nur sein konnten.

Das wusste ich, weil sie mein Geheimnis schon mein ganzes Leben lang für sich behielten.

Aber was war mit den anderen? Was war, wenn die Rebellion an Fahrt gewann und die Königin sich immer stärker bedroht sah? Wie viele andere Familien würden ihr noch ihre Kinder zum Fraß vorwerfen?

DIE KÖNIGIN

Königin Sabara zog sich die Wolldecke über den Schoß und strich sie mit ihren knorrigen Fingern glatt. Sie war zu alt für diese Kälte und ihre Haut zu dünn – fast wie Papier –, und ihr mageres Fleisch hing an müden Knochen.

Zwei Dienstmädchen traten tief gebeugt ein und unterhielten sich leise miteinander, um sie nicht zu erschrecken.

Lächerlich, dachte sie. Sie war alt, nicht schreckhaft.

Eine von ihnen – die neuere der beiden – griff dummerweise nach dem Lichtschalter an der Wand, um die Deckenlampe einzuschalten. Das andere Mädchen hielt sie gerade noch rechtzeitig auf und packte sie am Handgelenk, bevor sie den Fehler machen konnte. Offensichtlich war sie noch nicht lange genug hier, um zu wissen, dass ihre Königin das grelle Leuchten einer elektrischen Glühbirne verabscheute und Kerzenlicht bei Weitem vorzog.

Sabara betrachtete die beiden neugierig – ihre Augen waren so scharf wie immer –, während sie mehr Holz in den Kamin legten und die Flammen neu entfachten. Doch einen Augenblick später wandte sie ihren Blick wieder der Fensterfront zu, die über den üppigen Rasenflächen ihres Anwesens lag.

Sie musste über so vieles nachdenken, und sie war bekümmert, denn sie trug die Last eines Landes in Aufruhr auf ihren Schultern …ihres Landes. Was sollte aus ihrem Thron werden, wenn die Truppen der Rebellen nicht bald aufgehalten wurden? Sie richteten bereits zu viel Schaden an, und sie litt fast körperlich die Schmerzen, die sie ihrem Land und ihren Untertanen zufügten.

Wie viel konnte eine alte Frau noch ertragen?

Doch dann mahnte sie sich erneut, dass sie keine Wahl hatte. Hätte eine andere ihren Platz einnehmen können, wäre sie mit Freuden abgetreten. Aber traurige Tatsache war, dass es niemanden gab.

Ihr Körper hatte sie im Stich gelassen, und sie verfluchte ihn dafür, dass er nur einen einzigen Erben hervorgebracht hatte – auch noch einen Sohn. Ein einziges, bescheidenes, männliches Kind.

Und dann verfluchte sie im Stillen ihren Sohn, dessen Nachkommen zwar zahlreicher waren als ihre eigenen, doch keiner von ihnen war weiblich.

Sie waren alle Narren. Schwach und ohne die Fähigkeiten, die man benötigte, um ein Land zu regieren … unfähig, ihr das zu geben, was sie brauchte.

Wenn sich nur die Gerüchte der Vergangenheit bewahrheiten würden. Wenn sie nur die Eine aufspüren könnte, eine Überlebende des alten Throns, die verlorene Erbin, die ihre Nachfolgerin werden konnte. Aber selbst wenn es ein solches Mädchen geben sollte, müsste die Königin sie erst finden. Bevor sie ihren Feinden in die Hände fiel.

Bis dahin, oder bis ein anderes geeignetes Kind geboren wurde, musste sie an der Macht bleiben. Sie musste am Leben bleiben.

Wieder betrachtete sie die Dienstboten bei der Arbeit, die keinen einzigen Blick auf ihre Königin warfen. Sie kannten ihren Platz in dieser Welt. Als ihr Chefberater zur Tür hereinplatzte, nahmen sie ihn kaum zur Kenntnis.

Sabara sah ihm vage entgegen, als er hereinstürmte, sich tief verneigte und ungeduldig wartete, bis sie ihm erlaubte, sich wieder aufzurichten.

Den Blick auf seinen Kopf gerichtet, zögerte sie unnötig lange, wohl wissend, dass er sich unwohl fühlte und ihm der Rücken schmerzte.

Schließlich räusperte sie sich.

»Was gibt es denn, Baxter?«, erkundigte sie sich und gab ihm endlich das Zeichen, sich zu erheben.

Er warf den Dienstboten im Zimmer einen misstrauischen Blick zu, und zwei Augenpaare starrten zurück. Doch sobald er in die Königssprache verfiel, senkten sie schnell die Blicke und hielten sie auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet.

»General Arnoff hat seine Truppen an der Ostgrenze zusammengezogen. Wenn Königin Elena darauf besteht, sich den Rebellen anzuschließen, wird sie sich einem Kampf stellen müssen. Sie wird ihr Gewissen mit dem Blut vieler Toter belasten.« Er hielt inne, gerade lange genug, um tief Luft zu holen, und fuhr dann fort: »Aber ich fürchte, wir haben ein viel größeres Problem.«

Hinter der kühlen Fassade der Königin brodelte der Zorn. Mit so etwas sollte sie sich nicht mehr befassen müssen. Sie sollte nicht gezwungen sein, Kriegsberichten zu lauschen oder zu entscheiden, welche Truppen als nächste geopfert wurden, oder sich fragen, wie lange es noch dauern würde, bis die Streitkräfte der Rebellen ihren Palast belagerten. Mit diesen Problemen sollte sich längst eine neue Herrscherin herumschlagen, nicht eine klapprige alte Frau.

Sie beobachtete das neue Dienstmädchen und wünschte, sie würde den Blick heben, forderte sie geradezu heraus, nicht nur die Etikette zu verletzen, sondern das Gesetz zu brechen, indem sie in Gegenwart einer ihr übergeordneten Sprache die Augen erhob.

Das Mädchen war erst seit ein paar Wochen im Dienst der Königin. Lange genug, um aufzufallen, und lange genug, um zu erkennen, dass ihre Königin keineswegs gütig war. Sie wusste, dass sie in diesem Moment nicht aufsehen sollte, und konzentrierte sich auf ihre Füße.

»Nun, was ist es denn? Sag schon, weshalb du gekommen bist«, verlangte Sabara, denn sie wusste, dass er sie ohne entsprechende Neuigkeiten nicht gestört hätte. Doch sie behielt das Mädchen im Blick.

»Euer Majestät«, sagte Baxter unterwürfig und senkte respektvoll den Kopf. Er bemerkte nicht, dass er gar nicht die volle Aufmerksamkeit seiner Königin besaß. »Die Rebellen werden immer stärker. Wir nehmen an, dass sich die Zahl ihrer Anhänger verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht hat. Letzte Nacht haben sie die Schienen zwischen 3South und 5North zerstört. Das war die letzte funktionierende Handelsverbindung zwischen dem Norden und dem Süden, was bedeutet, dass noch mehr Dörfler in die Städte strömen werden, um Lebensmittel und Unterstützung zu erflehen. Es wird Wochen dauern, bis …«

Noch bevor Baxter seinen Satz beenden konnte, war Sabara auf ihrem Podest aufgesprungen und starrte auf ihn herab. »Diese Rebellen sind doch nichts als Ausgestoßene! Bauern! Und du sagst mir, dass meine Armee nicht dazu in der Lage ist, sie aufzulösen?«

In diesem Augenblick beging das Dienstmädchen ihren fatalen Fehler. Ihr Kopf zuckte nur ein paar Millimeter, es war kaum merklich. Aber ihre Augen …

Ihre Augen sahen auf, in Gegenwart der Worte der Königin. Worte, die sie nicht verstehen konnte, und die sie nicht einmal zur Kenntnis nehmen durfte.

Und die Königin hatte sie beobachtet.

Sabaras Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen, und ihr Atem ging stoßweise. Sie bebte vor Aufregung, so sehr, dass sie es kaum verbergen konnte.

Darauf hatte sie gewartet.

Baxter musste gespürt haben, dass etwas nicht in Ordnung war, denn er blieb stehen und erstarrte, als er sah, wie seine Königin langsam und herrisch die Hand erhob und den Wachen an der Tür ein Zeichen gab.

Das Mädchen schien zu erschrocken, um etwas anderes zu tun, als sie anzustarren wie ein Tier im Visier des Jägers. Sabara hatte sie in die Ecke gedrängt.

Zuerst überlegte sie, ob sie sich selbst mit dem Mädchen befassen sollte, und ihre Fingerspitzen kribbelten in der Vorfreude, als sie ihre Hand verräterisch zur Faust zu ballen begann. Wäre sie noch jünger – stärker –, wäre es mühelos gewesen, ein einfaches Ballen der Hand. Sekunden später wäre das Mädchen bereits tot.

Doch im Moment konnte sie sich die Energieverschwendung, die es bedeuten würde, nicht leisten. Also rollte sie die Finger wieder auseinander und deutete stattdessen mit einer raschen Bewegung auf das verlorene Dienstmädchen.

»Schickt sie an den Galgen«, befahl sie auf Englaise, damit sie jedermann im Raum verstand. Ihre Schultern waren straff gespannt, und sie hielt den Kopf hoch erhoben.

Die Wachen gingen auf das Mädchen zu, das sich nicht die Mühe machte, sich zu wehren oder um Gnade zu bitten. Sie wusste, was sie getan hatte, und sie kannte die Strafe dafür.

Die Königin sah den Männern nach, die das Mädchen aus dem Zimmer führten. Sie fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr.

Sie hatte soeben ein neues Spiel erfunden.

II

Ich bückte mich, um rasch die Gabel aufzuheben, die scheppernd auf den Boden gefallen war, und lächelte etwas verlegen den Mann an, der allein an einem Tisch saß.

»Ich bringe Ihnen sofort eine neue«, versprach ich.

Sein entschuldigendes Grinsen erreichte sogar seine Augen, was mich überraschte. Bei Leuten aus der Ratsklasse war Ehrlichkeit selten.

Aber ich konnte wohl froh sein. Zumindest muss ich seine Gabel nicht ablecken, dachte ich und schmunzelte Brooklynn auf dem Weg zum Tresen zu. Sie kam mit einem Korb frisch gebackener Brote aus der Küche.

»Hast du die Kerle an Tisch sechs gesehen?«, zwinkerte sie mir zu. »Hoffentlich kann ich heute Abend ordentlich Geld verdienen.«

Brooklynn erzählte allen, dass sie nur der Trinkgelder wegen lieber im Restaurant meiner Eltern arbeitete als in der Metzgerei ihres Vaters, aber ich wusste es besser. Seit dem Tod ihrer Mutter nutzte sie jede Gelegenheit, die sich bot, ihrer Familie – und dem Familienunternehmen – fernzubleiben.

Für mehr Geld zu arbeiten, war in Wirklichkeit nur eine bequeme Art, schmerzlichen Erinnerungen aus dem Weg zu gehen, genau wie einem Vater, der ihre Existenz nicht länger anerkannte.

Aber was auch immer ihre Gründe sein mochten, ich hatte sie gerne um mich.

Über die Schulter warf ich einen Blick auf die drei Männer, die sich um den Ecktisch drängten. Zwei von ihnen – sie sahen viel zu groß für den Tisch aus – beobachteten Brooklynn mit gierigen Blicken. Die meisten Männer sahen sie so an.

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaube kaum, dass es dir schwerfallen wird, von denen Trinkgelder zu bekommen, Brook.«

Sie runzelte die Stirn.

»Ja, aber den Hübschesten kriege ich nicht dazu, mich zu bemerken.«

Ich sah, wen sie meinte. Der dritte Mann, ein wenig jünger als die anderen und etwas kleiner, schien von seinen Freunden und der ganzen Umgebung eher gelangweilt. Brook hatte es nicht gern, wenn man sie ignorierte, aber so leicht gab sie nicht auf.

»Da werde ich meinen Charme wohl etwas aufdrehen müssen«, meinte sie neckisch und mit blitzenden Augen.

Kopfschüttelnd holte ich eine neue Gabel für den Mann an meinem Tisch. Ich bezweifelte keinen Augenblick, dass Brook am Ende ihrer Schicht die Tasche voller Geld hatte.

Als ich an den Tisch zurückkehrte, spürte ich, wie mein Herz ein wenig schneller schlug und meine Wangen sich röteten.

Der Ratsherr aß doch nicht allein. Während ich weg war, hatte sich seine Familie zu ihm gesellt.

Das Mädchen bei ihm erkannte ich sofort – seine Tochter, nahm ich an. Ein Mädchen, dem ich fast jeden Morgen an der Akademie begegnete. Das Mädchen, das sich einen perversen Spaß daraus machte, sich über mich und meine Freunde lustig zu machen, wenn wir vorbeigingen.

Sydney.

Hier war sie, noch in ihrer Schuluniform, und erinnerte mich daran, dass sie ein privilegiertes Leben führte und nach der Schule nicht zum Restaurant ihrer Eltern laufen musste, um dort den ganzen Abend zu arbeiten.