Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Dark Village - Band 4 - Kjetil Johnsen

"Dark Village. Zurück von den Toten" ist der 4. Band der erfolgreichen Krimi-Soap, um die mittlerweile zerrissene Mädchenclique aus dem einst idyllischen Bergdorf Dypdal: Nora ist von Selbstzweifeln zerfressen. Benedicte hält einen tödlichen Beweis in den Händen. Trines brutaler Mord stellt die Ermittler weiter vor ein Rätsel. Vilde stürzt sich in eine gefährliche Affäre, um den Schmerz über den Verlust ihrer großen Liebe zu betäuben. Die Serie an grausamen Morden reißt nicht ab und die Ermittler arbeiten auf Hochtouren. Wie schon die Vorgänger ist auch "Zurück zu den Toten" ein absoluter Pageturner.

Meinungen über das E-Book Dark Village - Band 4 - Kjetil Johnsen

E-Book-Leseprobe Dark Village - Band 4 - Kjetil Johnsen

ISBN 978-3-649-61764-8 (eBook)

eBook © 2014 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2014

ISBN 978-3-649-61304-6 (Buch)

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright © Kjetil Johnsen

© Cappelen Damm AS 2011

Originalverlag: Cappelen Damm

Originaltitel: „4 Venninner – Tilbake fra de døde“ und „4 Venninner – Et siste offer“

Aus dem Norwegischen von Anne Bubenzer und Dagmar Lendt

Umschlaggestaltung und Artwork: Eisele Grafik·Design, München,

unter Verwendung einer Illustration von Mascha Greune

Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG, Münster

Quellenverzeichnis der Songtexte

Printed in Germany

www.coppenrath.de

Trine wird tot aufgefunden. Nackt und in Plastikfolie gewickelt treibt sie auf dem kleinen See in der Nähe von Dypdal.

Drei Wochen davor: Vilde, Nora, Benedicte und Trine kennen sich schon ihr ganzes Leben. Und obwohl ihre Freundschaft in letzter Zeit gelitten hat, halten sie immer noch zusammen. Als die Mädchen nach den Sommerferien in die zehnte Klasse kommen, haben sie eine neue Klassenlehrerin: Synnøve Viksveen. Außerdem ist Nick neu in der Klasse.

Nora verknallt sich in Nick. Aus den beiden wird ein Paar. Auch Vilde und Trine verlieben sich ineinander. Synnøve Viksveen erwischt die beiden in einem intimen Moment und erpresst Vilde. Sie verlangt, dass das Mädchen zu ihr nach Hause kommt. Dort trifft Vilde auf Nick, der ein heimliches Verhältnis mit der Lehrerin hat. Synnøve provoziert Nick, vor lauter Wut schubst er sie. Bei dem Sturz verletzt sie sich schwer und stirbt. Nick und Vilde hauen ab.

Benedicte hat über das Internet einen Mann kennengelernt, der sich Wolfman nennt. In einem schwachen Moment schickt sie ihm Nacktfotos, mit denen er sie erpresst und in ein Verhältnis zwingt. Es kommt heraus, dass Wolfman mit Synnøve Viksveen gemeinsame Sache gemacht hat. Über das Internet haben sie Mädchen und Jungen aufgetan und verführt.

Wolfman, mit richtigem Namen Doktor Wolff, droht Benedicte, eine ihrer Freundinnen umzubringen, wenn sie nicht tut, was er sagt. Und als Trine tot im See gefunden wird, ist Benedicte überzeugt, dass Wolff der Mörder ist. Außerdem ist er im Besitz eines Videos, das zeigt, wie Synnøve Viksveen zu Tode gekommen ist. Als Benedicte ihm eine Falle stellt, gesteht er den Mord an Trine und wird festgenommen. Doch schnell wird klar, dass er nicht der Täter ist. Er wird aus der Haft entlassen – und einen Tag später selbst ermordet aufgefunden.

Am selben Tag kommt Benedictes Vater Lucas blutbefleckt nach Hause. Als Pharmavertreter verkauft er Arzneimittel, vertickt aber unter der Hand Drogen. Benedicte hat den Verdacht, dass Wolff für ihren Vater gearbeitet haben könnte.

Vilde geht es nach Trines Tod nicht gut. Sie fügt sich selbst Verletzungen zu, um die Trauer aushalten zu können. Doch dann verliebt sie sich in Charlene, das hübsche amerikanische Au-pair der Familie.

Nick quälen die Geister der Vergangenheit: Bei einem Versuch, seine Schwester Katie vor einer Vergewaltigung zu retten, kamen sie und der Täter durch tragische Umstände ums Leben. Kurz entschlossen verlässt Nick Dypdal und steigt in einen Bus Richtung Oslo …

1

Erst fragten alle, ob sie irgendwas wisse. Nora sagte Nein. Und sie wolle auch nichts wissen.

Dann fragten sie, ob Schluss sei. So richtig und endgültig Schluss. Mit Nick. Ja, sagte sie, es sei Schluss. Aus, vorbei.

Danach fragte keiner mehr. Alle kapierten, dass etwas total schief gelaufen war. Dass es viel mehr war als bloß eine in die Brüche gegangene Liebesgeschichte.

Nicks Platz in der Klasse blieb leer. Die Lehrer wirkten irritiert. Niemand hatte eine Ahnung, was los war. Er war weg. Mehr wussten sie nicht. Das hieß natürlich nicht, dass er ermordet und entsorgt worden war, wie in den ersten Tagen überall getuschelt wurde. Nein, er hatte bei seinen Pflegeeltern einen Zettel hinterlassen und er war im Bus nach Oslo gesehen worden.

Er war aus freien Stücken verschwunden.

Irgendwie machte das die ganze Sache noch schlimmer, fand Nora. Er war einfach abgehauen, als würde nichts und niemand ihm etwas bedeuten. Weder Nora noch seine Freunde. Gar niemand. Er scherte sich einen Dreck um sie. Und machte sich nicht einmal die Mühe, eine SMS zu schicken.

Wie konnte er so etwas tun? Wie konnte er so kalt und gemein und voller Bosheit sein? Das hatte sie nicht von ihm gedacht. Nicht Nick. Und so einen hatte sie geküsst und von ihm geträumt! Ihn geliebt und Lust auf ihn gehabt!

All das. Und trotzdem war sie ihm nicht gut genug. Er hatte einfach durch sie hindurchgesehen. Er haute einfach ab, als ob ihre Gefühle – warm und aufrichtig, so wie sie eben war – total widerwärtig wären. Als ob er so etwas am liebsten nie wieder erleben wollte.

Arschloch, dachte Nora. Du verdammtes Arschloch.

2

Sie verbarrikadierte sich nicht. Sie ging in die Schule, redete mit den anderen und versuchte, sooft es ging, zu lächeln. Aber es war nicht einfach. Erst wenn sie am Nachmittag wieder in ihrem Zimmer war, konnte sie sich entspannen und ganz sie selbst sein. Dann schloss sie die Tür ab und kuschelte sich mit einem Buch in den Sessel. Meldete sich von der Welt ab. Ciao. Das Leben musste draußen bleiben.

Nora wusste, dass sie nicht mehr darüber nachdenken, nicht mehr nachfühlen sollte. Nick musste raus aus ihrem Kopf. Aber sie hatte keine Kraft. In ihrer Brust war ein großes Loch.

Sie musste die ganze Sache einfach vergessen. Warum sollte sie sich selbst so quälen? Sich an die Einzelheiten erinnern und alles noch mal fühlen, wenn es doch nur schrecklich weh tat? Du verdammtes, blödes Arschloch! Also versuchte sie, es bei dem Gedanken bewenden zu lassen.

Am Donnerstagabend klopfte ihre Mutter an die Tür und kam herein, ohne eine Antwort abzuwarten.

„He!“, sagte Nora.

„Hallo“, sagte ihre Mutter.

Nora schlug ihr Buch zu und setzte sich auf. „Du könntest ruhig warten, bis ich ‚herein‘ gesagt habe!“

„Hm?“, machte ihre Mutter mit erhobenen Augenbrauen. Als ob sie ernsthaft versuchte, Nora zu verstehen. Aber eigentlich hörte sie überhaupt nicht zu. Das konnte Nora genau sehen.

„Was liest du da?“, fragte ihre Mutter.

„Nichts“, sagte Nora. Es war eine neue Taschenbuchserie, da war eigentlich nichts dabei. Aber sie hatte einfach keine Lust, ihrer Mutter eine Antwort zu geben.

„Na ja“, sagte ihre Mutter abwesend und lehnte sich an den Türrahmen. „Du, ich muss morgen nach Oslo.“

„Aha.“ Nora sah ihre Mutter stirnrunzelnd an. So what?

„Ich bleibe über Nacht“, sagte ihre Mutter. „Wir müssen mit ein paar Experten die technischen Beweise durchgehen, die zur Analyse in Oslo waren. Und ich muss den Fall mit den Juristen von der Kripo besprechen. Das dauert sicher bis Freitagabend. Und am Samstagmorgen habe ich noch einen Termin vor Ort. Also …“ Sie zuckte die Schultern. „Ist ja Quatsch, für die eine Nacht nach Hause zu fahren. Das schaffe ich praktisch gar nicht. Jedenfalls kriege ich dann kaum Schlaf. Ich …“

„Mama“, sagte Nora. „Du schwafelst.“

„Ich schwafele?“

„Das sagst du doch immer, wenn ich um den heißen Brei rede.“

„Ich will dir ja nur erklären …“

„Ist schon in Ordnung. Echt. Ich meine, das ist doch dein Job, oder? Ich verstehe das schon. Fahr ruhig nach Oslo. Kein Thema.“

„Aber Peer ist auch nicht da“, sagte ihre Mutter. „Er fährt ins Trainingslager. Dann bist du ganz allein.“

„Super“, sagte Nora. „Endlich habe ich meine Ruhe.“

Ihre Mutter lächelte schmal. „Ja, ja.“

„Nur, wenn man mal genauer darüber nachdenkt, ist es natürlich ganz schön daneben – erst nervst du mich die ganze Zeit damit, dass ich vorsichtig sein soll und so, und dann lässt du mich einfach so allein. Verdrückst dich nach Oslo und ich sitze einsam hier rum“, zog Nora ihre Mutter auf.

„Wenn du nicht allein zu Hause bleiben willst, dann …“

„Halloooo? Das war ein Witz! Ein Wihitz!“

„Ich bin normalerweise nicht der Meinung, dass es gefährlich ist, vor die Tür zu gehen“, sagte ihre Mutter.

„Warum reitest du dann dauernd darauf rum? Du willst doch am liebsten, dass ich die ganze Zeit zu Hause bleibe.“

„Ich kann dir jemanden vorbeischicken“, schlug ihre Mutter vor.

„Nein! Das wirst du nicht tun!“

„Und wenn du dir ein paar Freundinnen einlädst?“, sagte ihre Mutter. „Benedicte und Vilde und ein paar Mädchen aus eurer Klasse? Wäre das nicht netter, als hier ganz allein zu hocken?“

„Ja, schon“, sagte Nora. Forderte ihre Mutter sie gerade auf, eine Party steigen zu lassen? Sie fragte lieber nicht nach. Sie war ja nicht dumm. Es war einfacher, sich später zu entschuldigen, als vorher eine Erlaubnis zu bekommen.

„Die Sache mit Trine ist jetzt bald drei Wochen her“, sagte ihre Mutter. „Es kann euch nur guttun, wenn ihr neben der Schule ein bisschen sozialen Umgang habt. Ihr müsst versuchen, wieder mehr Normalität ins Leben zu kriegen.“

Nora sah ihre Mutter an. Sie wusste, was sie meinte, und sie war sogar derselben Ansicht. Trotzdem stieß es ihr bitter auf. Das waren doch nur schöne Worte: sozialer Umgang, mehr Normalität. Wenn man es so ausdrückte, war es in Ordnung. Aber wenn sie in ihren eigenen, viel einfacheren Worten darüber nachdachte – Wann darf ich wieder fröhlich sein? Und: Muss ich noch lange darüber nachgrübeln? –, dann fühlte es sich schrecklich an. Wie Verrat an Trine und an allem, was sie geteilt hatten. Wie Verrat an all den Jahren, die sie sich kannten.

„Das ist doch eine gute Idee“, sagte ihre Mutter plötzlich ganz begeistert. „Triff dich doch morgen Abend mit ein paar Freundinnen hier und macht es euch richtig nett. Ihr habt es verdient.“ Sie klatschte in die Hände. „Vielleicht lädst du sogar alle Mädchen aus der Klasse ein? Wäre das nicht noch schöner? Dann könnt ihr mal richtig miteinander quatschen.“ Ihre Mutter lächelte breit. Offensichtlich war das Problem gelöst. „Ja? Nora? Machst du das?“

„Wie bitte?“, fragte Nora.

„Du kannst doch nicht ewig hier rumsitzen“, sagte ihre Mutter noch einmal.

„Ach nee“, sagte Nora.

„Du löst jedenfalls nichts, wenn du dir hier den Hintern platt sitzt.“

„Was soll ich denn bitte schön lösen?“ Nora legte ihr Buch auf den Tisch. „Bin ich bei der Polizei oder du?“

„Du hast ein Leben, oder nicht?“, sagte ihre Mutter. „Du kannst nicht einfach aussteigen.“ Sie schwieg und drehte sich um, dann hielt sie inne und wandte sich wieder an Nora. „Warst du nicht mit diesem neuen Jungen aus deiner Klasse zusammen, diesem Nick?“

„Was soll denn das jetzt?“

„Ihr wart doch zusammen, oder?“

„Mama.“

„Ich dachte ja nur“, sagte ihre Mutter. „Wo er doch jetzt plötzlich weg ist. Das ist bestimmt auch nicht so toll für dich.“

„Woher weißt du, dass er weg ist?“, fragte Nora.

„So was kriegt man bei der Polizei eben mit.“

„Liegt gegen ihn eine Anzeige vor, oder was?“

„Nein, nein. Aber er ist noch nicht volljährig. Er ist ja Pflegekind, und die Pflegeeltern sind verpflichtet, es zu melden, wenn was passiert. Sie haben schon seit ein paar Tagen nichts mehr von ihm gehört. Er hat einfach seine Sachen gepackt und ist verschwunden.“

„Oh.“

„Ja“, sagte ihre Mutter. „Und du? Hast du auch nichts mehr von ihm gehört?“

Nora schüttelte den Kopf.

„Gib mir Bescheid, wenn er sich bei dir meldet, dann kann ich den Pflegeeltern mitteilen, dass es ihm gut geht.“

„Mmm.“ Nora nickte.

„Schön.“ Ihre Mutter lächelte. „Komm doch nachher noch ein bisschen runter.“

„Ja.“

„Gut.“ Ihre Mutter ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Nora sah ihr nach. Dann griff sie nach ihrem Buch, schlug es aber nicht auf. Nach einer Weile bemerkte sie, dass der Einband ganz verknickt war, so fest hatte sie es umklammert.

Meine Mutter, dachte sie. Mama! Will von mir, dass ich eine Party feiere, damit mein Leben ein bisschen gepimpt wird. Am liebsten hätte sie laut über diese Hoffnungslosigkeit gelacht. Get a life, oder was? Bin ich wirklich so erbärmlich, dass die ganze Welt es sehen kann?

3

Am nächsten Morgen stand Lena Kristine Sigvardsen Moe, Noras Mutter, zwei Stunden früher auf als sonst. Sie ließ sich Zeit im Bad und zog sich ein relativ neues Outfit an. Sie hatte sich genau überlegt, was sie tragen wollte, und die Klamotten am Vorabend rausgesucht.

Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Hübsch, aber nicht zu hübsch. Schick, aber nicht zu schick für die Arbeit. Manchmal war sie wirklich neidisch auf die Kollegen, die Uniform trugen. Sie hatten jeden Tag dasselbe an und mussten sich nur zwischen langärmeligem oder kurzärmeligem Hemd entscheiden. Es war nervig, immer in Zivil zu sein. Immer musste sie sich überlegen, wie sie aussah. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Bis ins Zentrum von Oslo würde sie mindestens zwei Stunden brauchen. Sie war sehr selten dort. Vielleicht blieb sie auch noch im Stau stecken oder musste den Weg zur Polizeiwache suchen. Am besten brach sie so früh wie möglich auf.

Sie machte sich drei Scheiben Brot für unterwegs. Dann ging sie aus dem Haus, schloss den Wagen auf und startete den Motor. Sie setzte ihr Headset auf und rief Kripo-Kruse an. Sie musste lächeln. Bestimmt war sie nicht die Erste, die ihn so nannte.

Kruse war in Ordnung. Er war jung, noch nicht so hart und abgebrüht. In seinen Augen lag noch nicht der kripotypische „Ich hab schon alles Grausame dieser Welt gesehen“-Blick. Manchmal erschreckte sie das richtig. Vor allem beim Ermittlungsleiter. Sie hatte Schwierigkeiten mit seiner intensiven Art und seiner kalten Verbitterung. Es war total anstrengend, in seiner Nähe zu sein.

Das Freizeichen erklang. Es klingelte einmal, zweimal, dreimal. Er war ganz sicher wach. Das sollte er zumindest. Er hatte Nachtdienst und einen Haufen Arbeit vor sich gehabt, als sie am Vortag das Büro verlassen hatte.

Endlich ging er ans Telefon. Er räusperte sich in den Hörer.

„Hallo“, sagte sie. „Wie geht’s?“

Sie hörte, wie er sich streckte und ein Gähnen unterdrückte.

„Hast du was rausgefunden?“

„Oh ja. Dreimal darfst du raten!“

Und?“

„Ich weiß alles.“

„Alles?“

„Mmm.“

„Was denn alles?“

„Alles, bis ins kleinste Detail.“

„Was wird das hier? Ein Ratequiz?“ Lena Kristine Sigvardsen Moe lachte. „Was hast du rausgefunden?“

„Genug“, sagte Kruse.

„Genug wofür? Um ihn dranzukriegen?“

„Nein, erst mal noch nicht. Hauptsächlich Hintergrundmaterial. Aber das reicht dicke, um sicher zu sein, dass er es war. Ja. So sieht es aus. Er hat es getan. Alles. Da wette ich meine Boxershorts drauf.“

Lena Kristine Sigvardsen Moe lachte wieder. „Die will ich nicht!“

„Okay. Dann fress ich sie, wenn er es NICHT war.“

„Und wer muss sie fressen, wenn er es doch war?“

„Der Chef!“

Beide brachen in lautes Gelächter aus.

„Übrigens, Kruse“, sagte Lena Kristine Sigvardsen Moe. „Nora ist heute Abend und heute Nacht allein zu Hause. Sie hat ein paar Freunde aus ihrer Klasse eingeladen. Kannst du eine Zivilstreife vorbeischicken, die ab und zu nach dem Rechten sieht? Nur so zur Kontrolle?“

„Ja, logisch.“

„Aber nicht klingeln!“

„Nein, nein.“

„Nur gucken, ob alles okay ist.“

„Ja, ist klar.“

„Gut. Danke.“

„Und wenn nicht alles okay ist?“

„Was? Wenn nicht alles okay ist?“

„Ja.“

„Was meinst du mit ‚nicht okay’?“

„Na ja“, sagte Kruse. „Sollen wir reingehen, wenn es irgendwie Ärger gibt?“

„Was denn für Ärger?“

„Laute Musik, Leute, die in die Hecke kotzen. Was weiß ich. Ärger eben.“

„In die Hecke?“, fragte Lena Kristine Sigvardsen Moe ernsthaft schockiert. Sie überlegte. „In die Hecke …“, murmelte sie. „Also …“

Kruse half ihr auf die Sprünge. „Lena. Ich fahre selbst mal hin. Und ich gehe nur rein, wenn es wirklich Probleme gibt. Gönnen wir dem Mädchen doch einfach ein bisschen Privatsphäre, oder?“

„Ja, na gut“, sagte Lena Kristine Sigvardsen Moe.

„Das hat sie sich verdient“, sagte Kruse.

„Mm.“

„Okay, abgemacht.“ Kruse grinste im Stillen. Mütter! „Also, entspann dich. Es wird schon nichts passieren. Wir haben alles unter Kontrolle. Wir haben ihn. Wenn die technische Analyse ergibt, dass die Beweise wasserdicht sind, gibt es keinen Zweifel mehr. Dann kriegen wir ihn für die ganze Geschichte dran. Game over.“

4

Ein weiterer Morgen. Wieder einmal nackt vor dem Spiegel. Wieder einmal konnte sie es sich nicht verkneifen, sich anzustarren, zu analysieren und zu grübeln. Immer dieselbe Prozedur, dieselbe Überlegung: Nora war nicht dick. Das sagte sie sich jedes Mal selbst. Aber schlank war sie auch nicht. Sie war durchschnittlich. Durchschnittlich groß. Sie hatte ein durchschnittliches Gewicht. Sie war in allem irgendwie durchschnittlich. Nichts Besonderes, so wie die große, schlanke Vilde und die blonde, perfekte Benedicte. Nur braun und grau und … ja, ein bisschen abgenutzt irgendwie. Sie hatte mehr Haare als alle anderen – und zwar überall. Das war das Einzige. Manchmal rasierte sie sich, aber sie traute sich nicht, zu viele Haare wegzumachen. Jedenfalls nicht untenrum, sonst würde es am Ende noch eine von den anderen bemerken, wenn sie nach dem Sport duschten. Sie konnte ja auch nicht plötzlich mit Bikinihose duschen – obwohl manche das sogar taten. Ihr aber wäre es vorgekommen wie das Eingeständnis, dass sie etwas zu verbergen hatte. Als ob etwas Ekliges passiert wäre. Oder irgendwas, das mit Sex zu tun hatte.

Oder? Sie wusste es nicht. Aber sie hatte so was von keine Lust mehr, sich Gedanken zu machen. Echt.

Sie warf die Haare zurück und fasste sie mit einer Hand zusammen. Dann betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel und sog dabei die Wangen ein. Sie drehte den Kopf, um zu sehen, ob das Gesicht so schmaler wirkte. Nicht viel. Sie seufzte und ließ die Haare wieder fallen.

Nora blickte an sich hinunter und strich sich mit einer Hand über den Bauch. Dann ließ sie den Blick langsam über ihre Schenkel wandern und dachte dabei an Nick.

Sie fühlte nicht mehr dasselbe, wenn sie an ihn dachte. Der Zwischenfall im Park an der Mühle hatte alles kaputt gemacht. Sie stellte einen Fuß auf den Rand der Badewanne und ließ die Hand ein Stück weiter oben landen. Vorsichtig, ein Stück vom Ziel entfernt.

Nick war beinahe genau so nah dran gewesen. Sie hatte seine Hand dorthin geführt und gefragt, ob er Lust habe. Aber er hatte so getan, als sei sie gar nicht da. Als sei sie ein Niemand.

Das war sie nicht! Sie war nicht niemand.

Früher vielleicht. Jedenfalls hatte sie mal von sich selbst gedacht, sie sei ein Niemand und würde auch niemals ein Jemand werden. Aber die Dinge hatten sich geändert. Sie hatte sich entschieden, ein Jemand zu sein. Keiner hatte das Recht, etwas anderes zu behaupten. Natürlich war sie jemand!

Aber das Spiegelbild … Himmel, was stand sie hier eigentlich so rum und glotzte sich an? Sie wandte den Kopf ab und nahm den Fuß von der Wanne.

Selbstcoaching nackt vor dem Spiegel. Den Schritt schön im Blick. Tolle Idee! Als ob das funktionieren könnte.

Das war doch alles Mist. Warum war sie nicht hübsch und sexy und angemessen scharf auf Jungs? Alles wunderbar, kein Grund, sich weiter Gedanken zu machen. No problems. Warum war sie bloß ein bisschen zu klein, ein bisschen zu dick und total auf Sex fixiert? Das passte ja wohl überhaupt nicht zusammen!

5

Sie rissen die Häuser ab. Es verschlug ihm den Atem, als er das sah.

Früher hatte hier eine schnurgerade Reihe aus fünf Häusern gestanden. Jetzt waren drei davon weg. Von den ersten beiden waren sogar schon die Grundmauern verschwunden. Ein monströser Bagger stand bereit, um auch das Fundament des dritten Hauses in Angriff zu nehmen.

Nicks Elternhaus war das letzte in der Straße. Nur ein Gebäude vom Abriss entfernt. Wäre er ein paar Tage später gekommen, hätten sie es vielleicht schon dem Erdboden gleichgemacht! Zu Steinen und Brettern und Staub zermahlen. Und ein oder zwei Tage danach – nur noch ein Loch.

Oben, wo man in die Straße einbog, stand ein Schild. Hier baut Thorvaldsen AS im Auftrag der Stadt Oslo einen Kindergartenpark. Schwierig, sich auszumalen, dass hier massenhaft Kinder herumlaufen, spielen und lachen würden. Nick schüttelte leicht den Kopf. Nein, das konnte er sich nicht vorstellen.

So früh am Morgen war es ziemlich kalt. Die letzten Nächte hatte er im Bahnhof auf einer Bank geschlafen und war immer früh aufgewacht, steif und verfroren. Heute Morgen war er in der U-Bahn schwarzgefahren und dann das letzte Stück zu Fuß gegangen. Eigentlich wusste er gar nicht, was er hier wollte. Das Haus war einer der Gründe gewesen, nach Oslo zu fahren. Aber jetzt, wo er davorstand, die Hände tief in den Taschen seiner Lederjacke vergraben und die kalte Morgenluft im Gesicht, war dieser Grund hinfällig.

Am liebsten hätte er sich einfach umgedreht und wäre gegangen. Aber auch das schaffte er nicht. Das Haus stand da und lud ihn ein. Nein, es stand nicht einfach da, es hockte da, irgendwie schief und gespannt, als würde es jeden Augenblick losspringen und ihn fangen.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Es reicht, Mann. Verpiss dich einfach. Aber seine Beine gehorchten ihm nicht.

Sein MP3-Player lief. Bono sang: See the stone set in your eyes. See the thorn twist in your side.

Er zog sich die Stöpsel aus den Ohren. Warum war er gekommen? Was sollte das eigentlich?

Du wirst hier nichts finden, dachte er. Es ist leer. Damals war da nichts und heute ist da genauso wenig.

Aber das stimmte nicht. Damals war da sehr wohl etwas gewesen. Das einzig Wertvolle in seinem Leben: Katie und er. Ihr gemeinsames Leben. Schön und warm, beinahe sicher. Selbst hier, mit dem Vater.

Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er blinzelte und es wurde noch kälter in den Augenwinkeln.

Wird es immer so sein?, dachte er. Werde ich das niemals los?

Langsam ging er die Einfahrt zum Haus hinauf.

6

„Was? Echt?!“, fragte Benedicte.

„Ja, wenn ich es doch sage.“

„Mann“, sagte Benedicte. „Im Ernst? Hat sie das wirklich gesagt? Alle Mädchen aus der Klasse? Full House?“

„Ja, ehrlich.“

„Und? Willst du?“

Sie gingen zusammen zur Schule. Alle drei. Vilde beteiligte sich nicht besonders an dem Gespräch, aber sie wirkte auch nicht sauer oder so. Im Gegenteil, sie lächelte still vor sich hin, ganz in ihrer eigenen Welt. Total untypisch.

„Was?“, fragte Nora und sah von Vilde zu Benedicte.

„Hallo! Machst du jetzt eine Party heute Abend oder nicht?“

„Also …“

„Ach, komm schon“, sagt Benedicte.

„Ich weiß nicht“, sagte Nora.

Da lachte Vilde und sprach genau das aus, was Nora gestern schon gedacht hatte: „Echt, Nora. Was willst du eigentlich? Deine Mutter bettelt ja quasi drum, dass du eine Party machst.“

Benedicte lachte ebenfalls.

Vilde rempelte Nora mit dem Ellenbogen an. „Ein Mal, Nora.“

Überrascht machte Nora einen Schritt zur Seite. „Was hast du denn heute für einen Clown gefrühstückt?“, fragte sie und merkte selbst, dass sie säuerlich klang.

„Oh-oh“, sagte Benedicte. „Fräulein Sensibel.“

„Das ist erlaubt. Nett sein auch.“ Vilde war offenbar unter die Gedankenleser gegangen. „Niemand reißt uns den Kopf ab.“

„Partymachen ist auch erlaubt“, sagte Benedicte.

„Ist ja gut“, winkte Nora ab.

„Aber du kannst doch nicht nur Mädchen einladen. Ich meine, ehrlich. Was bringt das denn?“

„Hm, ich weiß nicht“, sagte Nora.

Vilde schwieg und lächelte noch immer geheimnisvoll in sich hinein. Sie hätte eine gute Mona Lisa abgegeben.

„Habt ihr denn Bock?“, fragte Nora.

„Na logisch“, sagte Benedicte.

„Ja.“ Vilde nickte. „Gibt Schlimmeres.“

„Ihr kommt also?“, fragte Nora.

„Klar.“

„Und ihr helft mir?“

„Ich kann Wein besorgen“, sagte Benedicte.

„Ich meinte, bei mir zu Hause“, sagte Nora. „Vorbereiten und aufräumen.“

„Vorbereiten geht in Ordnung“, sagte Benedicte. „Für später kann ich nicht garantieren.“

„Hast du noch was vor?“, fragte Nora.

Vilde brach in Gelächter aus.

„Das will ich ja mal stark hoffen“, sagte Benedicte.

7

Die Haustür war abgeschlossen. Die Verandatür ebenfalls.

Er drehte eine schnelle Runde und warf einen Blick auf die Fenster. Keins stand offen. Er schaute hinein. Es war ein grauer Tag und drinnen war es dunkel. Schwer, irgendwas zu erkennen. Aber er konnte sehen, dass die Wände nackt und die Räume leer waren. Dort, wo früher Bilder gehangen und Teppiche gelegen hatten, zeichneten sich helle Flecken ab. Er stieg noch einmal die Treppe zur kleinen windschiefen Veranda hoch. Unter ihm knirschte und schwankte es. Er musste an den Cyclone denken. Dieses Monster von Achterbahn, mit dem Katie und er auf Coney Island gefahren waren.

Er erinnerte sich noch genau an die Schläge, als der Wagen über die Schienen rollte, an all die schreienden Menschen. Bäng, Pang, Peng. Ahhhhhh! Er versetzte der Verandatür einen kräftigen Tritt. Eigentlich ging sie nach außen auf, aber der Rahmen war morsch und gab nach. Er trat noch mal dagegen und wunderte sich dabei über seine eigene Heftigkeit. Er hatte nicht bemerkt, wie die Wut ihn übermannt hatte. Aber jetzt war sie plötzlich da. Er kochte.

Wieder und wieder trat er zu. Der Rahmen zerfiel in lange dunkle feuchte Splitter und die Tür hing immer schiefer in den Angeln, bis sie irgendwann nach innen fiel. Eine Staubwolke stieg darunter auf. Und Nick war wieder dort, wo alles angefangen hatte. Er trat über die Schwelle, streckte die Hand aus und berührte vorsichtig den zersplitterten Türrahmen. Als wollte er sich versichern, dass seine Umgebung real war.

Er ging hinein. Mitten im leeren Wohnzimmer blieb er stehen. Mit ausgebreiteten Armen drehte er sich im Kreis, als wäre die Luft voll von Dingen, die er fangen wollte.

Wie beengt es hier war! War das Wohnzimmer tatsächlich so klein gewesen? Genau hier hatte er gestanden, als die Sonne durch die Vorhänge fiel und vor ihm der Schatten schwebte. Er hatte dieses durchdringende Gefühl gehabt, verloren zu sein, weg, fort. Ein winzig kleiner Zwerg in einer Welt, die ihn jeden Moment zerquetschen konnte. Und das Geräusch! Nnnn …!

Hatte sein Vater es vielleicht getan, weil die Wände immer näher kamen und die Kinder immer größer wurden? Weil das Leben immer bedrängender wurde?

Da oben am Dachbalken war immer noch ein schmaler Strich zu sehen, wo das Seil sich durch die Farbe gescheuert hatte. Nein.

Er drehte sich um. Er schaffte das nicht. Vielleicht war er hergekommen, um Frieden zu finden. Um sich den Erinnerungen zu stellen. Sie wie ein Erwachsener zu verarbeiten. Aber dafür war es zu früh. Es ging nicht. Er war nicht stark genug.

Er wusste noch, was Katie gesagt hatte, als sie aneinandergedrängt vor dem Vater standen, der an einem Strick vor ihnen baumelte: Ich hoffe, er kommt in die Hölle.

Wie hatte sie das alles eigentlich aufgenommen? Wie alt war sie gewesen? Zehn? Was hatten die Sache mit dem Vater, New York und der ganze andere Horror in ihr ausgelöst?

Wer warst du, Katie? Warum habe ich nie die Chance gehabt, dich wirklich kennenzulernen?

8

Eines Tages bricht die neue Katie in ihr durch. Es passiert genau zu dem Zeitpunkt, als die alte Katie nicht mehr kann, als sie die Grenze dessen erreicht, was sie ertragen kann.

Es gibt keinen Ausweg. Da bekommt der Körper eine neue Chance, eine neue Katie. Eine Katie, die nicht mehr lieb, folgsam und vorsichtig ist. Eine Katie, die sich von einer Drohung wie Entweder du oder dein kleiner Bruder nicht einschüchtern lässt. Die neue Katie ist hart, wild und zornig. Und sie kommt zum Vorschein, als die alte Katie gerade die Augen geschlossen hat, um zu verwelken und für immer zu verschwinden.

Sie ist zum Stauwerk gegangen, zum Kontrollraum. Sie hat ihm sein Butterbrot gebracht. Sie sind allein. Mit einer Geste befiehlt er ihr, sich umzudrehen. Gleichzeitig öffnet er schon seine Gürtelschnalle. Er fasst sie am Genick und zwingt sie, sich über die Armlehnen des Bürostuhls zu bücken. Sie stellt sich hin, wie er es verlangt. Er zerrt an ihrem Hosenbund.

Da passiert es. Eine rasende Wut überfällt sie und etwas in ihr bricht auf. Innerhalb eines Augenblicks verändert sich alles. Die neue Katie ist da, und sie tritt nach hinten, so heftig, dass ihre Hüfte schmerzt.

Jetzt geht es um Leben und Tod, denkt sie. Leben oder Tod.

9

Nick versuchte, das Zimmer zu finden, das er und Katie sich damals geteilt hatten. Aber es war nicht mehr da.

Er durchstreifte das Haus. Doch er fand keinen Raum, der das Kinderzimmer hätte sein können. Erst dachte er, dass ihm seine Erinnerung einen Streich spielte. Er hatte ja auch alles viel größer im Kopf, als es jetzt tatsächlich war. Aber nein, er fand das Zimmer nicht. Und irgendwann ging ihm auf, warum: Jemand hatte eine Wand oder vielleicht sogar zwei eingerissen, um einen neuen, größeren Raum zu schaffen. Er war pfirsichgelb gestrichen und an der Decke hingen merkwürdige Stuckleisten.

Nick stand in dem großen, neuen Raum und hatte Schwierigkeiten, es zu begreifen. Es kam ihm so seltsam vor, dass sein altes Kinderzimmer verschwunden war, ja, dass es gar nichts mehr gab, zu dem er irgendeinen Bezug hatte. Es gab keine Erinnerungen mehr. Sie waren ausgelöscht, entfernt. Das war irgendwie noch schlimmer als die schmerzhaften Gedanken selbst.

Ich komme hier nicht mehr vor, dachte er und war überrascht, wie traurig ihn das machte, denn eigentlich wollte er ja gar nicht mehr da sein. Hier am allerwenigsten! Aber in ein paar Tagen würde das Haus abgerissen werden. Dann gab es nur noch ein Loch in der Erde. Was war dann noch übrig? Was würde dann noch darauf hindeuten, dass er einmal hier gewohnt hatte? Zusammen mit Katie. Dass sie gemeinsam in diesem Zimmer gestanden und den Vater an einem dicken blauen Tau hatten hängen sehen, das unablässig über den Dachbalken quietschte?

Verdammt! Warum musste er immer alles verlieren? Warum war für ihn nie etwas von Dauer? Warum hatte er keine andere Wahl, als einfach nur dazusitzen und zuzusehen, wie ihm der Sand durch die Finger rann?

10

Baff!

Das Nächste, an das Katie sich erinnert, ist ein Schlag, der ihren ganzen Körper erschüttert. Gleichzeitig wird es eiskalt. Erst ist um sie herum alles weiß, ein blendender Blitz. Dann wird es so dunkel, dass sie rein gar nichts mehr sehen kann.

Es dauert einen Moment, bis sie es begreift. Wasser.

Das ist Wasser. Ich bin unter Wasser. Ich werde sterben.

Der Gedanke ist erschreckend logisch: Jetzt ist es vorbei. Mein Leben ist zu Ende. Aber so einfach überlässt sie sich ihm nicht. Die alte Katie hätte vielleicht aufgegeben, aber nicht die neue. Die neue Katie ist da, weil sie leben will.

Sie rudert mit Armen und Beinen. Es geht von Anfang an unglaublich schwer. Es gibt keine trockene Stelle mehr an ihrem Körper – nein, sie ist triefnass und auf einen Schlag mindestens zehn Kilo schwerer.

Sie strampelt so heftig, dass ihre Muskeln verkrampfen. Sie reckt den Hals und streckt sich nach oben, als ob die Oberfläche, der Sauerstoff nur ein paar Zentimeter entfernt wären. Vielleicht kann sie es schaffen, wenn sie nur alles, was noch an Kraft und Bewegung in ihrem Körper ist, darauf verwendet, hochzukommen. Nach oben, nach oben!

In Panik kommt ihr der Gedanke, dass sie vielleicht in die falsche Richtung schwimmt. Woher weiß sie denn eigentlich, wo oben ist? Um sie herum ist alles pechschwarz! Schwimmt sie womöglich nach unten oder zur Seite? Vielleicht ist sie direkt unter der Oberfläche, schwimmt seitwärts den Fluss entlang und ertränkt sich selbst?

Aber nein. Da muss es nach oben gehen. Denn alles andere zieht sie in die entgegengesetzte Richtung. Wenn sie aufhört zu schwimmen, wird sie untergehen wie ein Stein. Also muss in diese Richtung unten sein, der Grund, wo der Tod auf sie wartet. Der Tod und die Fische und die Würmer.

Oder ist es nur die Strömung? Reißt die Strömung sie mit sich? Zerrt sie noch heftiger an ihr als die Tiefe? Dann macht sie es verkehrt, dann muss sie …

Ja! Sie hat das Gefühl, etwas zu sehen.

In ihr zieht sich alles zusammen. Bauch, Brust und Lungen schreien nach Sauerstoff.

Aber da ist doch was! Sie hat etwas gesehen, irgendwas kommt auf sie zu, und das ist stärker als die Dunkelheit. Es ist ein unbestimmter hellblauer Nebel, der ihr entgegenflimmert. Der durch das Wasser fällt und sie durch die Kälte und die Angst erreicht.

Und dann! Ihre Hand bekommt etwas zu fassen, das leichter als Wasser ist, das keinen Widerstand leistet.

Sie bekommt eine gigantische, eiskalte Ohrfeige, die wie die Hölle im Gesicht brennt. Aber niemand hat sie geschlagen. Nein, das war einfach nur die Luft, die ihr entgegenschlug – Luft. Wunderbare Luft!