Dark Wicca: Unheimliche Brut - Anna Yorck - E-Book

Dark Wicca: Unheimliche Brut E-Book

Anna Yorck

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Beschreibung

Nora zieht mit ihrer Freundin Anne nach Beybury, ein idyllisches Dorf in den Cotswolds. Anne hat dort einen Job als Ärztin gefunden. Nora renoviert das alte Honeysuckle Cottage, das sie gekauft haben. Doch die Idylle trügt, denn das Cottage birgt ein grausames Geheimnis. Die vorherigen Bewohner sind im Wald verschwunden. Mit dem ganzen Dorf scheint etwas nicht zu stimmen. Nachdem Anne und Nora ahnungslos an Lughnasadh, einem der acht Hexenfeste, teilgenommen haben und Nora danach schwanger ist, fürchtet sie, ihren Verstand zu verlieren. Ein schauriger Folk Horror im Cottagecore Stil, der die schrecklichsten Urängste wahr werden lässt. Hüte dich vor den Hexen in den alten Wäldern!

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Anna Yorck

Dark Wicca: Unheimliche Brut

Inhaltsverzeichnis

1. Das Honeysuckle Cottage

2. Eine Dose voller Zähne

3. Passiflora

4. Lughnasadh

5. Blut und Schlamm

6. Das Mädchen im Wald

7. Die Ratte

8. Das Geschenk

9. Ritus

10. Mildred Clint

11. Exit

12. Offenbarung

13. Die Geburt

14. Muttermilch

15. Neuanfang

Anna Yorck

Dark Wicca: Unheimliche Brut

Horror

Über dieses Buch

Nora zieht mit ihrer Freundin Anne nach Beybury, ein idyllisches Dorf in den Cotswolds. Anne hat dort einen Job als Ärztin gefunden. Nora renoviert das alte Honeysuckle Cottage, das sie gekauft haben. Doch die Idylle trügt, denn das Cottage birgt ein grausames Geheimnis. Die vorherigen Bewohner sind im Wald verschwunden. Mit dem ganzen Dorf scheint etwas nicht zu stimmen. Nachdem Anne und Nora an Lughnasadh, einem der acht Hexenfeste, teilgenommen haben, wird Nora ungewollt schwanger. Sie fürchtet, ihren Verstand zu verlieren. Denn sie weiß nicht, wie das passieren konnte. Ihrer ahnungslosen Freundin kann sie sich nicht anvertrauen, denn die würde den vermeintlichen Betrug nicht verzeihen. Für Nora beginnt ein Alptraum. Ein schauriger Folk Horror im Cottagecore Stil, der die schrecklichsten Urängste wahr werden lässt. Hüte dich vor den Hexen in den alten Wäldern!

Hinweis: In diesem Buch konsumieren diverse Personen verschiedene Rinden, Blumen und Wurzeln, welche nicht genießbar oder sogar giftig sind, jedoch hier als essbar dargestellt werden. Dies entspringt der Fantasie der Autorin. Die Autorin rät von Nachahmung ab und weist auf die gesundheitlichen Risiken hin.

1. Das Honeysuckle Cottage

„Darf ich endlich die Augenbinde abnehmen? Dein Fahrstil ist so schon kaum zu ertragen und jetzt muss ich das blind durchstehen.“

„Oh Gott Nora, du bist immer so ungeduldig. Die paar Minuten wirst du abwarten können. Ich kann dir jetzt schon verraten, dass du begeistert sein wirst.“

„Das kommt mir fast wie eine Entführung vor. Die letzten Wochen warst du so geheimniskrämerisch, immer weg und beschäftigt und jetzt das. Was verbirgst du vor mir, Anne?“

„Du wirst es lieben.“

Ihr Wagen hatte die kurvigen Straßen verlassen und jetzt fuhren sie über Kies. Durch das heruntergekurbelte Fenster nahm Nora den Duft der Natur wahr. Es umgaben sie nicht mehr die Geräusche des Londoner Stadtverkehrs, sondern Vogelgezwitscher.

Endlich war die Fahrt zu Ende und Anne bremste.

„Bitte keine weiteren Verzögerungen, Anne. Ich platze gleich vor Aufregung.“

„Gut, meine Schöne. Wir sind angekommen. Noch nicht die Binde abnehmen. Ich helfe dir aus dem Wagen.“

Anne öffnete die Wagentür, nahm Noras Hand und zog sie hoch. Während sie Nora am rechten Unterarm stützte, gingen sie gemeinsam einen Kiesweg entlang. Nora spürte nasses Gras, das am Rande des Kieswegs wuchs und kühle Luft, die um ihre Knöchel strich. Die Beschaffenheit des Weges unter ihren Füßen änderte sich. Nun gingen sie über Steinplatten. Sie war so aufgeregt und wusste nicht, wohin sie Anne entführt hatte.

Endlich nahm Anne ihr die Augenbinde ab und drückte ihre Hand.

Sie standen in einem verwilderten Garten. Ringelblumen, Rittersporn, Lavendel, Goldruten und Hortensien wucherten vor ihnen. Es herrschte ein überwältigender, sommerlicher Duft. Mitten aus dem Grün ragte das Standbild einer antiken, von Moos bedeckten Dame. Auf ihrem Kopf wuchs ein kleiner Farn. Nora entdeckte zwischen alten Aprikosenbäumen einen verwitterten Schuppen und vielleicht etwas, das vor langer Zeit als Hühnerstall gedient hatte. Ihr Herz schlug schneller vor Freude. Sie begann etwas zu ahnen. Eine Wäschespinne war umgekippt und mit Winden bewachsen. Neben dem Schuppen wucherten Tomaten, Kürbis und Erbsen, die sich selbst überlassen worden waren. Unbehauene Granitblöcke reihten sich zwischen knorrigen Buchshecken auf. Inmitten dieser wilden Schönheit erhob sich ein Cottage - weiß verputzt, mit schwarzem Fachwerk und drei Schornsteinen, die in den blauen Himmel ragten. Es gab einen ersten Stock und unter dem Strohdach konnte sich ein Spitzboden verbergen. Hinter dem Haus begann der Wald - eine Wand aus dunkelgrünen, dichten Baumwipfeln. Nora drehte sich aufgeregt zu Anne um.

„Was ist das?“, stotterte sie.

„Das, Darling, ist unser Paradies. Sein Name ist Honeysuckle Cottage, eine alte Dame aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sie freut sich, uns kennenzulernen.“

Nora starrte Anne an und wusste nicht, was sie sagen sollte. „Werden wir Kensington verlassen? Was ist mit unserer Wohnung? Dein Job im Krankenhaus? Unsere Freunde?“

„Viele Fragen“, sagte Anne und grinste. „Lass uns zuerst hineingehen. Ich glaube, im Kühlschrank wartet etwas Erfrischendes auf uns und ich verdurste nach dieser langen Fahrt.“

Nora begann hysterisch zu lachen. Dann fiel sie Anne um den Hals. „Es ist wunderbar. Bitte zwick mich noch nicht. Ich möchte nicht aufwachen.“

Anne schloss die grüngestrichene Haustür mit einem altmodischen Bartschlüssel auf. An der Tür hing eine Art Türkranz – Eibe, in der kleine Spiegel und gelbliche Knollen befestigt waren. Spinnen hatten sich in dem Kranz eingenistet und ihn weißlich versponnen.

„Oh Gott“, lachte Nora. „Was ist das?“

„Von den Vorbesitzern. Ich gehe davon aus, dass du etwas anderes anbringen wirst. Ich glaube, im Garten wirst du reichlich Material finden.“

„Hortensien, Rosen und Rosmarin“, setzte Nora an. „Und natürlich Geißblatt.“

„Dir wird bestimmt etwas Wunderbares einfallen. Komm erst mal rein. Das Haus wird dir die Sprache verschlagen. Vor uns haben hier ein Bildhauer und seine junge Muse gelebt. Das Haus ist etwas boho und shabby eingerichtet. Du wirst begeistert sein.“

Als die Tür aufschwang, klimperte ein Mobile aus Silberlöffeln und Glöckchen, das über dem Türrahmen befestigt war. Im Flur stand eine wuchtige Kommode. Darauf lag ein dicker, vertrockneter Strauß aus Beifuß, Engelwurz und Wacholder. Im Stillen, da Anne solche esoterischen Gedanken nicht mochte, überlegte Nora, dass mit solchen Sträußen Häuser von schädlicher Energie gereinigt wurden. Aber vielleicht war die Kombination dieser Pflanzen auch nur ein reiner Zufall.

Die Diele war in einem abscheulichen Babyblau gestrichen und Nora wusste, dass sie das als erstes umgestalten würde, wenn Anne und sie hier länger bleiben würden. Sie fragte sich, ob diese Bonbonfarbe für Anne boho oder shabby war.

Sie folgte Anne durch den muffig riechenden Gang in die Küche. Der Boden knarzte wie ein altes Schiff, das zwischen Eisbrocken zerrieben wird, doch Nora mochte dieses Geräusch. Im Haus ihrer Großmutter hatte der Boden auch so geknarzt.

Auch die Küche war teilweise möbliert. Es gab einen Geschirrschrank, Töpfe und Pfannen hingen an einem Board. Der gusseiserne Herd mit dem gewaltigen Ofen ließ ihr Herz höherschlagen. In der Mitte stand ein großer Esstisch. Das karierte Tischtuch war mit Staub und Pollen bedeckt.

Nora hätte darum gewettet, dass sich in dem Brottopf auf der Küchenanrichte noch steinhartes Brot befand, dass die vorherigen Hausbewohner vergessen hatten. Die Kräutertöpfe auf der Fensterbank waren vertrocknet. Irgendein Ungeziefer hatte sich angesiedelt und von dort auf den gelb-grün karierten Vorhängen ausgebreitet.

Doch der Schmutz machte Nora nicht viel aus. Viel lieber wollte sie den Charme dieses Hauses in sich aufsaugen. Interessiert betrachtete sie die Delfter Kacheln, die mit blauen Ornamenten verziert waren. Doch statt mit Windmühlen, Fischen oder Segelschiffen waren die Kacheln mit Skorpionen, Augen, Monden, Sternen und Spiralen bemalt. Überrascht hob Nora die Augenbrauen. Doch lange dachte sie darüber nicht nach. Aufgeregt stieß sie ein Fenster zum Garten auf. Sie entdeckte Obstbäume, einen weiteren Schuppen und zwei Korbsessel, die unter einer Bergulme standen, in der eine zerrissene Wimpelkette hing. Dahinter fing der dunkle, undurchdringliche Wald an. Am Waldrand wuchsen Thujen und Eichen.

Anne ging pfeifend zum Kühlschrank und holte eine Flasche Champagner heraus.

„Perlend und prickelnd.“ Sie suchte aus einem der Wandschränke zwei Gläser heraus, die sie unter dem Wasserhahn ausschwenkte, dann goss sie Nora ein.

„Auf unsere wunderbare Zukunft hier.“

„Ich liebe dich, Anne. Was auch immer du dir ausgedacht hast, es ist wunderbar.“ Nora beugte sich nach vorne und küsste Annes weiche Lippen. Sie liebte diese Frau so sehr. Anne erwiderte Noras Kuss leidenschaftlich. Dann trank sie das Glas in einem Zug aus.

„Herrlich. Wir sollten jeden Tag Champagner trinken. Es ist so erfrischend.“ Wie es ihre Art war, wenn sie mit sich und der Welt zufrieden war, warf sie ihre schwarzen Haare zurück, die sie in einem strengen Bob trug.

„Das ist mein Geschenk an dich zu unserem Dreijährigen.“ Sie grinste zufrieden und sah dabei aus wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland.

„Geschenk? Hast du das Haus gekauft? Wie hast du es gefunden? Was geschieht mit deinem Job und meinem Café? Was ist mit unseren Freunden in London? Ich bin etwas verwirrt. Das alles hier ist herrlich, aber unser Leben in London ist doch auch schön.“

„Du weißt, Darling, der Job im Krankenhaus macht mich schon länger fertig und ich habe nach einer Arztpraxis gesucht, die ich übernehmen kann. Nachdem Tante Mary gestorben ist und ich eine kleine Summe geerbt habe, habe ich tatsächlich aufgehört zu träumen und mit der Suche begonnen. Zuerst habe ich Dr. Benson aus Beybury kennengelernt. Dr. Benson ist ein Landarzt wie aus dem Bilderbuch – eine beruhigende Stimme, immer hilfsbereit, geliebt von seinen Patienten. Dr. Benson plant vorzeitig in Ruhestand zu gehen und sucht jemanden, der die Praxis übernehmen will. Wir sind uns schnell einig geworden. Er wird noch zwei weitere Jahre in der Praxis arbeiten und mir beim Übergang helfen. Dann möchte er aufhören und mir alles überlassen. Es ist ein so großes Glück!

Du wirst dich hier so wohl fühlen. Die Leute sind wirklich freundlich. Beybury ist ein Ort wie aus einem Märchenbuch. Wenn wir morgen zurückfahren, zeige ich dir Beybury.

Nachdem ich mit Dr. Benson einig geworden bin, habe ich in der Umgebung nach einem Haus für uns gesucht. Der Makler hat mir einige Cottages gezeigt, aber in dieses Haus habe ich mich sofort verliebt. Honeysuckle Cottage – was für ein wunderbarer Name! So ganz habe ich nicht verstanden, warum das Haus verkauft worden ist. Der vorherige Eigentümer, dieser Bildhauer, ist plötzlich verstorben, nachdem seine Geliebte, so ein junges Ding, verschwunden ist und ein entfernter Neffe, der alles geerbt hat, wollte die Hütte unbedingt loswerden. Er hat das Haus noch nicht einmal ordentlich ausgeräumt. Ich sag dir, du wirst nicht glauben, was hier alles rumsteht. Wir haben jetzt ein fantastisches Bett im Schlafzimmer. Unser altes Bett in London werden wir sofort zum Sperrmüll fahren.“

„Aber was ist mit meinem Café?“, wollte Nora wissen. Sie war glücklich, aber auch verunsichert. Sie hing an ihrem Café, in das sie viel Herzblut investiert hatte.

„Das wäre das einzige Opfer, das du für mich bringen müsstest. Ich bitte dich, dein Café aufzugeben. Ich weiß, dass das viel von dir verlangt ist. Du liebst dieses Café und es steckt dein halbes Leben darin, doch jetzt fangen wir hier gemeinsam ein neues Leben an. London ist zu weit entfernt, als dass du jeden Tag pendeln könntest. Außerdem hasst du Autofahren. Ich möchte das alles mit dir erleben und keine Wochenendbeziehung führen. Würdest du das für mich tun, mein Herz?“

„Was soll ich denn hier machen? Ich will mich nicht von dir aushalten lassen.“ Der Gedanke, ihr Café aufzugeben, erschreckte Nora etwas.

„Du könntest ein Café im ehemaligen Atelier des Bildhauers einrichten. Das Atelier liegt nahe am Waldrand. Dort verläuft ein Wanderweg. Am Wochenende ist die Gegend beliebt bei Wanderern. Sie könnten bei dir eine Pause einlegen.

Außerdem könntest du etwas aus deiner Ausbildung zur Patissière machen und Kuchen und Törtchen backen. Im Dorf gibt es einen Naturkostladen und eine Bäckerei, die du mit Köstlichkeiten beliefern könntest. Da werden die Leute hier Augen machen.

Außerdem, wenn ich es richtig verstehe, hattest du in letzter Zeit einige Probleme mit deinem Café. Es rentiert sich finanziell nicht mehr. Mit den Schaben will ich gar nicht erst anfangen.“

Nora seufzte. An die Schwierigkeiten, die in London auf sie warteten, wollte sie lieber nicht erinnert werden. Die verdammten Schaben setzten ihr wirklich zu. Sie schienen in jeder Ritze ihres Cafés zu sitzen, obwohl sie immer so reinlich gewesen war und wirklich jede Hygienevorschrift befolgt hatte. Das Ungeziefer war derart penetrant, dass sie fast das Gefühl hatte, ein Konkurrent setzte ihr die Schaben ins Café. Trotzdem, sie liebte ihr Café und war stolz darauf.

„Im Übrigen erwarte ich nicht von dir, dass du Unmengen von Geld heranschaffst. Der Verkauf deines Cafés wird Einiges bringen. Tante Mary hat mir ein nettes Sümmchen vermacht. Außerdem übernehme ich Dr. Bensons Praxis. Es gibt keinen Anlass, sich Sorgen zu machen. Besser könnte es für uns nicht laufen.“

Kurz musste Nora trocken schlucken, weil sich alles drehte. Anne hatte sie komplett überrumpelt, doch so war sie eben.

Anne war eine Person, die ihre Partnerinnen gerne vor endgültige Entscheidungen stellte, die sie getroffen hatte und mit denen man sich abzufinden hatte. Passte das nicht, konnte man sich auch verabschieden. Anne machte keine Kompromisse. Wenn sie einmal ein Ziel verfolgte, ließ sie sich davon nicht abbringen. Annes vorherige Freundinnen waren damit nicht klargekommen. Doch Nora brauchte das – eine starke Hand, die sie führte und an die sie sich klammern konnte. Sie tat sich schwer, Entscheidungen zu treffen.

Natürlich hätte sie sich gefreut, wenn Anne sie in ihre Entscheidungsfindung miteinbezogen hätte. In ihrem Innersten wusste Nora jedoch, dass sie dann nie zu einem Ergebnis gekommen wären. Nora hätte sich niemals freiwillig von ihrem Café getrennt. So blieb ihr jetzt keine andere Wahl, wenn sie mit Anne leben wollte.

Jetzt gefiel ihr der Gedanke, mit Anne in Beybury alt zu werden. Bisher hatte sie keine Freundin gehabt, von der sie sich gewünscht hatte, gemeinsam mit ihr zu altern. Doch bei Anne hatte sie diese tiefen Gefühle.

„Es ist alles wunderbar, Anne.“

„Ich weiß, Nora, sag es ruhig. Ich bin schrecklich.“

„Oh Gott, Anne, wirklich nicht.“

Nora umarmte Anne. Dann küsste sie Annes Nacken, ihre Lippen, fuhr unter ihren Baumwollpullover, unter dem Anne keine Unterwäsche trug und berührte Annes feste Brüste.

„Ich weiß, dass dir diese Entscheidung nicht leicht fällt. Du bist ein toller Mensch, Nora! Jetzt zeige ich dir unser himmlisches Schlafzimmer“, verkündete Anne und zog ihre Freundin aus der Küche.

Nachdem sie sich, beschwipst von reichlich Champagner, in dem absurd großen Bett geliebt hatten, schliefen sie beide erschöpft ein. Irgendwann in der Nacht wachte Nora auf, da sie fror. Anne hatte die Patchworkdecke weggezogen, wie fast jede Nacht, wenn sie sich eine Decke teilten und sich wie eine Mumie eingewickelt. Da sie Anne nicht aufwecken wollte, suchte sie nach Annes Wollpullover und zog ihn über. Der würde ihr fürs Erste reichen.

Durch das geöffnete Schlafzimmerfenster wehte ein lauer Wind. Nora konnte sich nicht erinnern, dass sie oder Anne das Fenster geöffnet hatten. Sie ging zum Fenster, um es zu schließen. Der Himmel war sternenklar. Es kam ihr fast so vor, als ob hier der Himmel reicher an Sternen war als der über London. Wenn sie dort in die Dunkelheit blickte, entdeckte sie nur einige schwache Kleckse im Schwarz.

Die Baumkronen rauschten im Wind. Eine Eule oder ein Käuzchen schrie heiser. Der Wald atmete eine sonderbare Kühle aus, die süßlich roch. Als sie das Fenster schloss, fasste sie am Griff in etwas Weiches. Bei näherem Hinsehen musste sie feststellen, dass auf dem Fenstergriff und Fensterrahmen Flechten wuchsen, die ein durchsichtiger Schleim überzog. Sie wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab und schwor sich, sobald sie eingezogen waren, das Haus von unten bis oben gründlich zu reinigen.

Sie verdrehte die Augen genervt. So hatte sich Anne das also vorgestellt. Das mit dem Café im ehemaligen Atelier hatte sie Nora nur zur Ablenkung erzählt. In Wahrheit durfte Nora dieses Anwesen die nächsten Jahre renovieren und zwischendrin ein paar Kuchen backen. Von Anne, die über keinerlei handwerkliches Geschick verfügte, konnte sie keine Unterstützung erwarten. Das Haus war leider eine Bruchbude – hübsch und charmant, aber in einem schlechten Zustand.

Sie tastete vorsichtig über den Fenstergriff und fragte sich, warum den Vorbesitzern dieser Flechtenwuchs im Haus nicht aufgefallen war. Die Flechten konnten unmöglich in der Zeit gewachsen sein, in der das Haus leer gestanden hatte. Dem Zustand des Gartens nach zu urteilen, hatte das Haus höchstens ein halbes Jahr leer gestanden. Aber wer weiß, in welcher Verfassung sich der Künstler zuletzt befunden hatte. Anne hatte nicht erwähnt, an was er gestorben war – vielleicht war er zum Ende hin dement gewesen.

In diesem Moment hörte sie das Mobile aus Glocken und Löffeln klimpern, das über der Haustür hing. Erschrocken drehte sie sich zu Anne um, aber die schlief wie immer tief und fest. Man hätte neben ihr eine Kanone abfeuern können und sie wäre nicht aufgewacht.

Nora riss sich zusammen, verließ das Schlafzimmer und betätigte den Lichtschalter im Flur. Sie war erleichtert, als zumindest eine einzelne Glühbirne aufleuchtete. Die anderen Lampen hatten entweder keine Glühbirnen oder die Birnen waren durchgebrannt. Die vorherigen Bewohner waren wirklich nachlässig gewesen.

„Hallo, ist da jemand?“, rief sie zaghaft.

Als sie die Treppe hinunterging, wurde ihr bewusst, dass sie splitternackt unter dem Pullover war. Sie hoffte, dass nur der Wind die Haustür aufgedrückt hatte und nicht ein finsterer Besucher durch das Haus schlich.

Annes Handtasche und ihr Rucksack lagen unangetastet auf der Kommode im Flur. Sie warf einen hastigen Blick hinein. Erleichtert stellte sie fest, dass nichts fehlte.

Die Haustür stand offen, die Löffel schlugen gegen die Glöckchen im Wind. Eigentlich hätte sie die Haustür schließen und das Haus absuchen sollen, doch ein eigenartiger Duft, der aus dem Garten wehte, reizte sie, das Haus zu verlassen und barfuß hinauszugehen.

Der Garten lag im fahlen Mondlicht vor ihr. Blumenblüten waren geschlossen und doch war es ihr, als ob der Garten atmete. Die Hortensienblüten leuchteten wie kleine, blaue Feuer. Zwischen großen Rhabarberblättern tanzten Glühwürmchen. Irgendwie ließ das ihre Angst verschwinden. Natur hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf sie entfaltet.

Nora ging zu einem hohen Büschel Ziergräser und streichelte fasziniert die flauschigen Blüten. Bei dieser Bewegung lösten sich Samen und trieben im Wind davon. Zu ihren Füßen im hohen Gras zwischen Farnen und niedrigen Blaubeersträuchern bewegte sich etwas. Erschrocken trat Nora zurück.

Sie sah im Lichtkegel, der aus dem Haus fiel, einen Hasen vor ihre Füße hoppeln. Zuerst bemerkte sie das Seltsame nicht. Aber dann fiel es ihr auf. Ein entsetzter Schrei entfuhr ihrer Kehle. Der Hase hatte zwei Köpfe! Sein Fell war weiß und die Augen ganz rot. Nora schrie noch einmal laut auf. Die zwei Köpfe wandten sich ihr zu und fast schien es ihr, als ob der Hase grinste, was unmöglich sein konnte. Was war das für ein seltsamer Ort, an dem eine solche Mutation lebte?

Sie rannte ins Haus, stolperte die Treppe hinauf und rüttelte an Anne. „Wach endlich auf, verdammt. Ich will hier weg.“

Anne, die von ihren Nachtschichten im Krankenhaus plötzliches Aufwecken gewöhnt war, richtete sich sofort auf. „Nora, was ist denn? Du zitterst am ganzen Körper.“

„Ich habe im Garten einen doppelköpfigen Hasen gesehen.“

„Was hast du bitte im Garten gemacht? Ich dachte, du schläfst.“

„Die Haustür ist aufgesprungen und ich wollte sichergehen, dass niemand rumschleicht. Ich habe im Garten nachgesehen und da war dieser Hase.“

Anne begann zu lachen. „Oh Gott, Nora. Wegen einem angeblich doppelköpfigen Hasen machst du so einen Aufstand? Und wenn schon. Das ist ein bemitleidenswertes Tier, von seinen Artgenossen vermutlich auf Grund seiner Andersartigkeit ausgestoßen.“

„Aber die Haustür stand offen.“

„Das hatte ich vergessen zu erwähnen. Die Maklerin hatte mich gewarnt. Man soll die Tür absperren, sonst springt sie beim kleinsten Luftzug auf. Wir müssen das Schloss reparieren lassen.“

Nora sah Anne weiterhin unruhig ein. Der Hase mit zwei Köpfen hatte ihr einen solchen Schrecken eingejagt.

„Ich glaube, du brauchst eine heiße Milch mit Honig und Butterkekse und dann legen wir uns noch mal hin. Jetzt fahr ich ganz bestimmt nicht nach London zurück.“

„Ein doppelköpfiger Hase ist ein Omen, ein böses Vorzeichen“, beharrte Nora.

„Kannst du deinen Aberglauben bitte beherrschen? Du musst deine Großmutter aus deinem Kopf aussperren. Sie war alt und verwirrt und ist schon seit langem tot. Ich habe dieses Haus für uns gekauft. Ich dachte, du wolltest nicht mehr in der lärmenden Großstadt leben. Ich glaube, unser Leben in Beybury wird wunderbar werden..“

Nora atmete tief durch. Anne hatte Recht. Es gab eigentlich keinen Grund durchzudrehen.

„Es tut mir leid. Ich habe überreagiert.“

„Ganz ruhig, Baby, alles vergessen. War etwas viel, schätze ich. Ich hätte dich nicht so überrumpeln sollen. Ich wollte dich nur so gerne überraschen, da ich überzeugt war, dass du dieses Haus lieben würdest.“

Während Nora mit Anne runter in die Küche ging, schwor sich Nora, den Anhänger ihrer Großmutter Lucinda herauszusuchen, der sie vor dämonischen Blicken bewahren sollte. Sie würde dieses Haus nicht nur mit Besen und Schrubber säubern, sondern auch einer energetischen Reinigung unterziehen. Falls sich hier negative Energie angestaut hatte, würde sie diese ausräuchern. Aber das musste sie unbemerkt von Anne vollziehen. Ihre Freundin verabscheute jegliche Art von Hokuspokus. Sie würde bestimmt ausrasten, wenn sie erfahren würde, dass Nora plante, in diesem Haus eine energetische Reinigung durchzuführen.

2. Eine Dose voller Zähne

Trotz Noras anfänglicher Bedenken fiel ihr der Neuanfang in Beybury leichter als gedacht. Nora wurde von vielen Aufgaben abgelenkt, die es zu erledigen galt und hatte keine Zeit, sich über sonderbare Erscheinungen und böse Vorzeichen Gedanken zu machen.

Wenn die Sonne schien, wühlte sie sich durch den Garten. Wenn die Tage feucht und neblig waren, hatte sie im Haus zu tun.

Abends fiel Nora wie tot ins Bett und hatte noch nicht einmal mehr Kraft mit Anne ein Glas Rotwein zu trinken. Selbst das duftende und knisternde Feuer im Wohnzimmerkamin konnte sie nicht mehr zu Anne locken. Oft schlief sie ein, bevor sie sich die Zähne geputzt und ausgezogen hatte. Anne zog sie dann aus, denn morgens wachte sie in einem sauberen Nachthemd auf.

Nora nahm sich Zimmer für Zimmer vor. Es gab viel auszuräumen. Außerdem musste sie in jedem Zimmer feststellen, ob die Fenster schlossen, ob Wasserflecken an den Wänden waren oder der Putz bröckelte. Es war sonderbar, wie häufig sie Flechten, Schimmel- und Pilzbefall in Ecken und Ritzen entdeckte. Das Haus war zwar schlecht isoliert, aber es herrschte Durchzug und sonderlich feucht waren die Räume eigentlich nicht.

Nachdem sie Teppiche weggerollt hatte, sah sie, dass das Parkett von grünlichem Moos überzogen war. Asseln und kleine Tausendfüßler krabbelten in der plötzlichen Helligkeit hastig in die Rillen des Parkettbodens.

Aus der Gästetoilette rankte sogar Efeu, dessen Wurzeln sie trotz großer Bemühungen nicht herausreißen konnte und der daher immer wieder aufs Neue trieb. Frustriert kippte sie säurehaltige Putzmittel in die Toilette und hoffte, dass sie damit die Rohre frei bekommen würde. Doch der Efeu war hartnäckig. Das ärgerte sie. Efeu hatte in einer Toilettenschüssel nichts verloren.

Den Wohnzimmerkamin konnten sie als Einzigen von den drei Vorhandenen nutzen. Die zwei weiteren Kamine im Schlafzimmer und Gästezimmer waren mit Brettern zugenagelt. Sie beschloss, da sie noch so viel zu tun hatte, die Kamine erst im Winter zu öffnen. Wer wusste schon, was alles in den Schornsteinen lebte und sich dann im Haus einnisten würde.

Es war, als ob die Natur das Honeysuckle Cottage für sich beanspruchte und sich nur schwer vertreiben ließ.

Den größten Teil der Besitztümer des Bildhauers hatte niemand weggeschafft. Sie fragte sich, ob Anne für die Entrümpelung des Hauses einen Preisnachlass hatte herausschlagen können. Das wäre angemessen gewesen, denn es war verdammt viel Arbeit. Anscheinend wurden nur die wertvollen Sachen mitgenommen und der Rest des Inventars ihnen überlassen.

An manchen Tage, wenn sie eine Schublade aufzog und darin feine Seidenunterwäsche und eine Haarbürste mit blondem, langem Haar zwischen den Borsten vorfand, war es ihr, als ob die Vorbesitzer hier noch lebten, lediglich im Urlaub waren und sie und Anne das Haus hütete.

Die meisten Sachen entsorgte sie. Es widerstrebte ihr, Dinge wie Kleidungsstücke oder persönliche Aufzeichnungen eines Toten aufzubewahren, den sie noch nicht einmal gekannt hatte. Von dem Mädchen, mit dem der Bildhauer gelebt haben sollte – seine Muse, junge Geliebte –, wusste sie noch nicht einmal, was mit ihr passiert war.

Es war ihr, als ob an diesen Gegenständen noch so viel Leben hing.

Ihre Großmutter hätte die Fundstücke besehen, wäre mit ihren faltigen Händen darüber gefahren und hätte ihr erzählen können, wie die Menschen gewesen waren, die hier gelebt hatten. Sie war in dieser Hinsicht besonders begabt gewesen.

Anne war etwas pragmatischer als Nora eingestellt. Wenn etwas Qualität hatte, wollte sie es nicht wegwerfen. Beispielsweise entdeckte sie einen Hut mit blauschimmernden Federn und ein rotes Leinenkleid hinter einer Tür an einem Garderobenhaken. Eigentlich wollte Nora das alles entsorgen, doch Anne überzeugte sie, das Leinenkleid zu behalten und Anne nahm den Hut. Es war ein Hut mit einer breiten Krempe, der vermutlich früher dem Künstler gehört hatte. Wenn Anne ihn trug, überkam Nora ein schlechtes Gewissen. Das rote Kleid hatte Nora ganz hinten in ihrem Kleiderschrank versteckt, damit Anne sie nicht nötigte, es zu tragen.

Die Möbel, die sie nicht entsorgten, schaffte Nora in das ehemalige Atelier des Bildhauers, wo sie ihr Café einrichtete. Hier konnte sie Tische, Stühle, Regale und Lampen gut gebrauchen. Den Rest, für den sie wirklich keine Verwendung hatten, lagerten sie in einem Schuppen ein, in dem sie auch Gartengeräte und Dünger aufbewahrten. Sie packten die Möbel mit Planen und Laken ein und hofften, dass weder Wetter noch Tiere sich allzu sehr daran zu schaffen machen würden.

Manche Sachen konnten sie auch einfach nicht wegwerfen, denn sie waren zu hübsch.

Das Haus hielt einige geheimnisvolle Überraschungen für sie bereit. Nicht nur die ungewöhnlichen Symbole auf den Kacheln in der Küche bereiteten Nora Kopfzerbrechen. Sie hatte auch die blaue Wandfarbe im Flur abgeschält. Darunter war eine geschmacklose Blümchentapete zum Vorschein gekommen, doch auf diese Tapete waren sonderbare Symbole und altertümliche Schriftzeichen wie Runen gemalt. Zudem entdeckte sie die mannshohe Zeichnung einer sonderbaren Gestalt mit einem gewaltigen Geweih, leeren Augenhöhlen und einem klaffenden Mund, die ihr Unbehagen bereitete. Über die Gestalt war ein Drudenfuß gepinselt. Sie klopfte die Wand und den Boden ab, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Anne lachte sie natürlich aus und schlug vor, die Tapete so schnell wie möglich abzureißen und den Flur in einem freundlichen Senfgelb zu streichen. Bevor Anne die Tapete abreißen konnte, machte Nora allerdings noch heimlich Fotos und schickte sie an eine befreundete Historikerin, die am Imperial College in London forschte. Sie hoffte, schnell Rückmeldung zu erhalten.

Auf ihren Streifzügen im Haus entdeckte sie auch Verborgenes. Eines Tages, nachdem sie einen Teppich zur Seite gerollt hatte, fiel ihr ein Dielenbrett auf, das locker war. Sie hob es an und sah darunter. Im Boden war eine längliche Dose mit Blümchenaufdruck versteckt, in der früher vermutlich Pralinen aufbewahrt worden waren. Sie öffnete den Deckel. In der Dose befanden sich Fotos. Die meisten Bilder waren Nacktfotografien, die allesamt ein junges Mädchen im Teenageralter zeigten. Mal saß sie, die Beine gespreizt, auf einem Sessel. Dann stand sie lachend unter einer Dusche im Freien oder räkelte sich auf einer Blumenwiese. Nora blätterte die Bilder durch. Eine Fotografie war darunter, die ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Bild war im Dämmerlicht mitten im Wald aufgenommen worden. Zwei schemenhafte Figuren tanzten auf einer Lichtung. Die Frau war nackt, ihr langes Haar zerzaust. Sie wurde von einer großen Person geführt, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Denn die Lichtverhältnisse waren zu schlecht. Nora hatte den Eindruck, dass die große Person in einem Kostüm aus Zweigen und Blättern steckte. Anders konnte sie sich die Schatten nicht erklären. Die Tanzenden wirkten ekstatisch, fast dämonisch. Nora vermutete eine gruselige Inszenierung des Künstlers. Nora blätterte schnell weiter. Das Bild löste ein unangenehmes Gefühl in ihr aus.

Zwischen den Fotos steckte ein Brief. Es musste sich um einen Entwurf handeln, denn einige Worte waren durchgestrichen. Sie versuchte den Text zu entziffern. Sie las:

Mein lieber Jacob,

ich weiß, du bist hier sehr glücklich und ich sollte das auch sein. Du bist so kreativ und schaffst Erstaunliches. Das Haus und der Wald inspirieren dich. Doch ich habe hier schreckliche Angst. Sie werden kommen, um mich zu holen. Ich bin in Beybury nicht mehr sicher und bitte dich inständig, mich von hier wegzubringen.

Deine dich ewig liebende Becky

Nora schluckte. Das musste ein Brief von dem Mädchen an den Bildhauer Jacob Murphy sein. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Die Namen passten. Sie fragte sich, warum sich das Mädchen nicht sicher gefühlt hatte. In welcher Gefahr hatte sie geschwebt? Wer hatte Becky bedroht? Verstört packte sie den Brief mit den Fotos in die Dose zurück und stellte diese in ein Bücherregal. Der verzweifelte Tonfall des Briefes ging ihr lange nicht mehr aus dem Kopf.

Das Haus und die Lebensgeschichte der vorherigen Hausbewohner regte ihre Fantasie an und verursachte Nora Alpträume. Am Tag hielt sie Ausschau, was Becky verängstigt haben könnte und nachts bekam sie im Dunkeln Angst. Es dauerte, bis sie sich an die vielen nächtlichen Geräusche des Hauses gewöhnt hatte und wieder klar denken konnte.

Nachdem die Haustür repariert worden war, schnellte Nora nicht mehr bei jedem kleinen Knacken nachts hoch. Mäuse, die im Efeu kletterten, Marder im Spitzboden und Igel, die im Keller rumorten, erschreckten sie nicht mehr, denn sie konnte die Geräusche zuordnen. Sie wusste, wo die Marder unterm Dach tobten und kannte das Husten und Fauchen des alten Igels, der nachts durch den Keller zog. Sie war inzwischen darauf vorbereitet, wenn sie nachts eine Lampe anschaltete, dass ein Nachtschwärmer groß wie eine Fledermaus gegen die Glühbirne brummen konnte.

Wenn sie von einem unerklärlichen Knacken wach wurde, das durch das Haus zu wandern schien, erinnerte sie sich an die Gute-Nacht-Geschichte, die ihre Großmutter Lucinda ihr und ihrer älteren Schwester Ivy zum Einschlafen erzählt hatte. Die Geschichte war grausam, doch gleichzeitig auch tröstlich. Eigentlich hätten kleine Mädchen eine solche Geschichte, zumal zum Einschlafen, nicht hören sollen. Doch ihre Großmutter hatte sie ihnen Abend für Abend erzählt, als ob sie ihren Enkelinnen eine Weisheit hatte einbläuen wollen, die sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen sollten. Doch Nora war sich bis zum heutigen Tage nicht sicher, was ihrer Großmutter an dieser Geschichte so wichtig gewesen war.

Die Geschichte handelte von einem kleinen Mädchen namens Lucia, das mit ihren Eltern in einem Haus am Rande eines großen Waldes lebte und einer abscheulichen Kreatur, die im Wald auf Beute lauerte.

Das Monster fraß mit Vorliebe kleine Mädchen. Es raubte sie aus ihren Betten und verschleppte sie tief in den Wald, wo es die Kinder verspeiste. Ihre Köpfchen band es an einen Stab, den es bei sich trug. Die Münder der kleinen Köpfe waren mit Lehm versiegelt, damit sie nicht andere Mädchen vor dieser schrecklichen Kreatur warnen konnten.

Das war ganz und gar keine schöne Gute-Nacht-Geschichte. Auch jetzt noch überkam Nora ein leichtes Grauen, wenn sie daran dachte. Doch sie wusste, wie die Geschichte ausging und das ermutigte sie. Sie spürte fast, wie ihre Großmutter auf ihrer Bettkante saß und flüsterte: „Alles wird gut, das weißt du doch. Mut wird belohnt.“

Diese Kreatur in den Wäldern war ein Seelenfresser, der in einen Baum eingesperrt gewesen war. Ein einfältiges Mädchen, dem es die schönsten Reichtümer dieser Erde versprochen hatte, hatte den Seelenfresser aus dem Baum befreit. Der Seelenfresser fraß das Mädchen und erlangte so ihre jugendliche Kraft. Solange er immer wieder Mädchen fraß, blieb seine Seele frei. Er konnte sich dem Fluch widersetzen, der ihn eigentlich in den Baum zurückzukehren zwang.

Eines Tages wurde ein Mädchen Namens Lucia geboren, dessen Licht so hell und stark war, dass der Seelenfresser von ihr angezogen wurde. Er musste sich dieses Kind einverleiben.

Als sie klein war, hüteten ihre Eltern sie wie ihren Augapfel, denn sie wussten, wie gefährlich der Seelenfresser war. Wenn die Kreatur nachts um das Haus schlich und nach dem Kind rief, umklammerte ihre Mutter Lucia und der Vater hielt Wache. Sie legten einen Feuerring um das Haus, der das Monster blendete und davon abhielt, in das Haus einzudringen.

Doch die Mutter wurde älter und schwächer und der Vater starb. Das Mädchen, dessen Licht so hell wie der Abendstern schien, musste sich eine List einfallen lassen, um den Seelenfresser zu täuschen und in Zukunft ohne Angst leben zu können.

Eines Tages traf Lucia beim Beerenpflücken im Wald eine alte Frau. Sie war einst eine mächtige Hexe gewesen. Doch auch ihre Kraft war schwächer geworden und der Seelenfresser hatte eine Unachtsamkeit ihrerseits genutzt und ihre Tochter geraubt und gefressen und so war sie voller Zorn. Sie riet dem Mädchen, sich mit Nachtkerzenöl einzureiben, denn dann würde sie ihr Strahlen überdecken, das den Seelenfresser anlockte. Die alte Hexe wusste, dass es Lucias Schicksal war, diese Kreatur zu besiegen.

Die Hexe ermahnte Lucia, sobald sie sich mit dem Nachtkerzenöl eingerieben hatte, sich zu beeilen, denn die Wirkung des Öles hielt nicht lange an. Sie musste das Herz des einfältigen Mädchens, das im Körper des Seelenfressers schlug, der aus Lehm und Wurzelwerk geformt war, herausschneiden und verzehren. Dann hätte sie die Seele des Seelenfressers auf Ewig in das Reich der Schatten verbannt.

Das mutige Mädchen Lucia tat wie ihr geheißen worden war. Sie rieb sich mit Nachtkerzenöl ein, verschmolz mit der Nacht, überfiel den Seelenfresser und schnitt ihm das schlagende Herz aus der Brust.

Doch sie schaffte es nicht, das schlagende Herz dieses armen Mädchens zu essen. Also verschloss sie das Herz in einer Kiste aus Eisen und übergab es der Hexe. Die Hexe vergrub dieses Herz tief im Wald. Die Kräfte des Seelenfressers schwanden und er musste in den verfluchten Baum zurückkehren. Die Bewohner lebten wieder in Frieden.

Diese Geschichte wird von Generation zu Generation weitergegeben, damit nicht vergessen wird, dass ein Seelenfresser in einem Baum im Wald lebt und nur darauf wartet, von einem gutgläubigen Mädchen befreit zu werden.

Sobald Nora sich daran erinnert hatte, dass Lucia die Welt von dem Monster befreit hatte, war sie auch schon eingeschlafen – den besonderen Duft ihrer Großmutter nach Patschuli und Nelken noch in der Nase.

Den Anhänger ihrer Großmutter, ein Geschenk zu ihrem zwölften Geburtstag, kurz bevor ihre Blutung eingesetzt hatte – denn das Blut junger Mädchen zieht böse Geister an, wie ihre Großmutter sagte –, trug sie an einer dünnen Silberkette um den Hals. Es war ein kleiner, verbogener, grünlich angelaufener Spiegel. Sie trug ihn nie offen, sondern immer unter ihrem T-Shirt versteckt, damit Anne ihr keinen Vortrag halten konnte, wie blödsinnig ihr abergläubisches Getue war. Nora wusste nicht genau, weswegen Anne auf Esoterik so schlecht zu sprechen war. Sie hatte gehört, dass eine frühere Partnerin von Anne an Krebs verstorben war, da sie die Schulmedizin abgelehnt und sich allein auf Schamanismus verlassen hatte.

Doch Nora beruhigte der Anhänger, denn sie hatte das Gefühl, ihre Großmutter begleitete und beschützte sie, falls dem doppelköpfigen Hasen noch andere Schauderhaftigkeiten folgen sollten. Nora glaubte nicht wirklich an Dämonen oder Geister. Doch sie war überzeugt, dass es Unerklärliches gab, Unbeschreibliches, was die meisten Menschen nicht wahrnehmen konnten, obwohl es ihr Leben beeinflusste. Manche Menschen aber wussten um diese Geheimnisse und konnten sich dieses Wissen zu Nutzen machen. Ihre Großmutter war so jemand gewesen.

Eines Abends rief ihre Schwester Ivy an. Das freute Nora, denn zu Ivy hatte sie schon länger keinen Kontakt mehr gehabt. Es hatte keinen Streit gegeben, der sie entzweit hätte. Es war nur Ivys Ehemann Fred, den Nora nicht ertragen konnte. Er war immer höflich zu ihr gewesen. Sie konnte ihm nichts vorwerfen. Doch Fred war ein konservativer Zeitgenosse.

Fred und Ivy lebten in der Nähe von Oxford in einem uralten Herrenhaus, das schon seit Jahrhunderten im Besitz von Freds Familie war. Ivy hatte mit Fred fünf Kinder. Ihr gesamtes Leben hatte ihre Schwester Fred und den Kindern gewidmet. Fred musste nicht arbeiten, sondern lebte vom beträchtlichen Familienvermögen. Wenn er nicht gerade einen Gottesdienst besuchte, was er recht häufig tat, denn er war tiefgläubig oder Whiskey in der hauseigenen Destillerie verköstigte, nahm er seinen Schweißhund und ging auf die Jagd. Nora hatte stets das Gefühl, wenn sie ihre Schwester besuchte, dass Fred ihre Lebensart als lasterhaft und unnatürlich verurteilte. Nora fühlte sich daher in seiner Anwesenheit immer unwohl. Er sah sie so vorwurfsvoll an. Da Ivys und ihr Leben sich auch so von einander entfernt hatten, hatten sich die Schwestern nicht mehr viel zu sagen.

„Ivy, wie schön von dir zu hören.“

Nachdem sie sich auf den neuesten Stand gebracht hatten, meinte Ivy: „Es ist schon seltsam, aber in letzter Zeit habe ich mir öfters eingebildet, dass mich Großmutter Lucindas Geist besucht. Es war so ein Gefühl, ein flüchtiger Schatten, eine Wärme. Sie fehlt mir sehr.“

„Ich vermisse sie auch jeden Tag. Dabei liegt ihr Tod schon so lange zurück. Gerade jetzt muss ich häufiger an sie denken. Das Cottage, das ich mit Anne bewohne, ist eigenartig. Stell dir vor, ich habe sogar eine energetische Räucherung des Hauses vorgenommen. Oma hätte sich gefreut.“

„Weißt du überhaupt, wie das geht? Ich würde mir Sorgen machen, dass ich das Haus abfackele.“ Ivy lachte nervös.

„Ist bei dir alles in Ordnung, Ivy?“ Ihr nervöses Lachen gefiel Nora nicht. Das sah ihrer Schwester überhaupt nicht ähnlich.

„Ich hatte so einen seltsamen Traum, der mir ziemlich Angst eingejagt hat. Deswegen rufe ich auch an.“

„Was hast du denn geträumt?“, wollte Nora neugierig wissen.

Ivy holte tief Luft. „Es war ein Traum, der sich furchtbar real angefühlt hat. Kennst du das? Ich bin durch einen dichten Wald gegangen und zu einem großen Zelt aus Holz gelangt. Es wirkte fast wie eine Kathedrale mit zwei Seitenschiffen. Ich wusste, dass dies eine Kirche zu Ehren des Seelenfressers war. Erinnerst du dich an diese Geschichte? Ich weiß nicht, wie ich nach einer so langen Zeit auf diese Geschichte gekommen bin.“

„Ich denke auch in letzter Zeit öfters an Omas Erzählung. Dass sie uns das zum Einschlafen erzählt hat. Nicht sehr kindgerecht. Ich hoffe, dass deine Kinder abends andere Geschichten hören.“

„Natürlich, was denkst du von mir? Zurück zu meinem Traum. Ich bin also in das Zelt marschiert. Dort habe ich dann dich in einer Ecke entdeckt, an einen Stuhl gekettet. Du hast eine Kreatur gestillt – ein Zwischending aus Reh und Mensch. Du warst blutüberströmt und hast geschrien. Es war so ekelhaft, wie dieser Rehkopf mit seiner rauen Zunge an deiner Brust genuckelt hat. Ich wollte dir helfen, konnte aber nicht, denn meine Füße waren neben dem Eingang am Boden festgefroren. Es war schrecklich, dich so leiden zu sehen. Dann habe ich den durchsichtigen Schatten bemerkt, der durch den Raum gehuscht ist. Ich wusste, dass dies Großmutter Lucinda war, die gekommen war, um uns beide zu retten. Dann bin ich aufgewacht und mein Kopfkissen war nass geweint.“

„Was für ein scheußlicher Alptraum.“

„Tu mir bitte den Gefallen, Nora. Wenn dir irgendetwas Eigenartiges zustößt, komm zu uns. Wir wohnen noch nicht einmal eine Stunde von euch entfernt. Falls irgendetwas wäre, ich schicke Fred sofort los und er holt dich.“

Nora war wirklich gerührt. „Ich werde dran denken“, flüsterte sie.

Der Anruf ihrer Schwester gab ihr zu denken.

In Beybury war Nora bisher nur ein einziges Mal gewesen, um sich Dr. Benson vorzustellen. Wenn sie Lebensmittel oder Dinge aus dem Baumarkt benötigten, brachte Anne diese nach der Arbeit mit. Bisher hatten sie nur ein Auto und das brauchte Anne, um zu Dr. Benson zu kommen. Nora stand lediglich ein klappriges Hollandrad zur Verfügung.

Wenn Nora nicht gerade das Haus auf Vordermann brachte, war sie damit beschäftigt, Gemüse und Obst im Garten zu ernten und einzulegen. Sie konnte nicht mit ansehen, wie die Tomaten am Boden verfaulten, die Mirabellen ins Gras fielen und die Gurken im Regen zermatschten. Nora kochte Marmeladen, stellte Ketchup und Pestos her. Das machte ihr Spaß. Zu Anne sagte sie, wenn die sie fragte, wer das alles aufessen sollte, dass sie die Gläser in ihrem Café verkaufen würde. Sie überlegte auch, beim Naturkostladen in Beybury anzufragen, ob man ihr nicht ein paar Gläser abnehmen wollte. Außerdem hatte sie noch ein paar Adressen kleinerer Feinkostgeschäfte in London, die vielleicht ihre Marmeladen vertreiben würden.

Als ein Monat seit ihrem Einzug vergangen war und die Holundersträucher voller Beeren hingen, hatte Nora bereits so viel erledigt, dass sie sich die Gemüsebeete vornehmen konnte. Sie hatte die Vorstellung von einem weitläufigen Obst- und Gemüsegarten mit Blumen. Jetzt war alles noch zugewachsen. Die Zucchini, die von Brombeerranken fast erdrosselt wurden, erdrückten die Tomaten mit ihrer letzten Lebenskraft. Dazwischen schoben sich Fenchel und Thymian hindurch, auf der Suche nach Licht. Brennnesseln umzingelten die Himbeersträucher, sodass man kaum die reifen Beeren pflücken konnte.

Nora hatte sich von der Idee verabschiedet, in diesem Jahr noch Hühner anzuschaffen. Auch eine Eröffnung ihres Cafés im Herbst schien nicht realistisch.

Mit der Einrichtung des Cafés hatte sie trotzdem bereits begonnen. Es war aber noch so viel zu tun. Sie hatte längst noch nicht allen Gipsstaub aus dem Schuppen gespritzt. Außerdem standen noch Speck- und Marmorsteine herum, die zum Teil bearbeitet waren. Da musste sie noch jemand mit genug Kraft finden, der diese Brocken abtransportieren konnte. An die Metallschränke im hinteren Teil des Ateliers, in die der Künstler seine Skizzenbücher und allerlei Papierkram gestopft hatte, traute sie sich noch nicht heran. Sie hatte Hemmungen, in das Seelenlebens dieses fremden Menschen zu blicken. Es reichte ihr bereits, seine löchrigen Socken in die Mülltonne zu stopfen.

Nora krempelte die Ärmel ihres Pullovers hoch, zog die Gartenhandschuhe über und begann, die Blumenbeete von Ranken und wuchernden Gräsern zu befreien. Das Geißblatt, das mehrere Pfingstrosen zu erdrücken drohte, schnitt sie großzügig zurück. Einige Ranken legte sie zur Seite, um später Kränze daraus zu binden. Auch der Rosmarin musste gestutzt werden. Vogelmiere spross in allen Winkeln. Der Garten sollte nicht zu einer undefinierbaren Flut an grüner Masse verkommen.

Mit einer kurzen Harke lockerte sie die Erde, um besser Unkraut ausreißen zu können.

Beim Graben stieß sie auf weiße Rüben, die sie aus der Erde befreite. Das erinnerte sie daran, dass sie endlich in Kontakt mit der Besitzerin des Naturkostladens treten musste. Die Regale in der Küche und auch im Keller ächzten unter der Last an Gläsern und Flaschen.

Sie war sich sicher, dass in dem Laden nicht nur Einheimische einkauften, sondern auch Ausflügler, die am Wochenende nach Beybury kamen. Die Städter würden ihre ausgefallen Kreationen zu schätzen wissen. Sie hatte schon immer von einer eigenen Marmeladenmanufaktur geträumt.

Nachdem Nora die Rüben in einen Korb gelegt und die Pfingstrosen von letzten Ranken befreit hatte, wandte sie sich einem Abschnitt zu, der vielleicht früher ein Beet mit Gemüsezwiebeln gewesen war. Etliche Zwiebeln wuchsen hier, überdeckt von Gras und Unkraut. Das Kraut der Zwiebeln war teilweise gelblich vertrocknet, manche standen bereits in violetter Blüte.

Nora hatte sich vorgenommen, die Erde umzugraben, die Zwiebeln zu ernten, und in dem Beet Johannisbeersträucher zu pflanzen.

Während sie die Erde lockerte, wanderten die Zwiebeln in einen Korb. Voller Freude stellte sie fest, dass unterschiedliche Sorten gepflanzt worden waren. Es gab nicht nur rote Küchenzwiebeln, sondern auch Schalotten und Perlzwiebeln.

Als Dünger hatte jemand Hornspäne in die Erde gemischt. Außerdem grub sie allerhand Unrat aus, der nur von einem nachlässig geführten Komposthaufen stammen konnte. Sie stieß auf Knöpfe, Keramikscherben, stumpfe Buntstifte, einen abgebrochenen Schürhaken, Löffel und ein Brillengestell, bei dem die Gläser zerbrochen waren. Sogar eine alte, verbeulte Blechdose war bei den Funden dabei.

Als sie die Dose in den Eimer mit Abfall warf, klapperte ihr Inhalt. Das weckte ihre Neugierde. Fast hoffte sie auf Münzen oder Halbedelsteine, Schätze, die Kinder vergraben hatten. Doch als sie die Büchse öffnete, befanden sich Zähne darin. Erschrocken schrie Nora auf und hätte fast die Büchse fallen gelassen.

Sie verfügte über keine medizinische Bildung, aber sie wusste instinktiv, dass es sich um menschliche Zähne handeln musste.

---ENDE DER LESEPROBE---