Darkmouth - Der Legendenjäger - Shane Hegarty - E-Book + Hörbuch

Darkmouth - Der Legendenjäger E-Book

Shane Hegarty

4,8

Beschreibung

Minotauren, Monster, Höllenhunde: Willkommen in Darkmouth! Es gibt 1000 Gründe, nach Darkmouth zu kommen. Und eine Million, es lieber zu lassen. Das Leben des zwölfjährigen Finn ist alles andere als langweilig. Denn er ist der Sohn des letzten amtierenden "Legendenjägers" von Darkmouth. Dabei will er mit den Monstern eigentlich gar nichts zu tun haben! Doch als der finstere Riese Gantrua plant, geheime Portale zur "Verseuchten Seite" zu öffnen und die gruseligsten und gefährlichsten Legenden auf Darkmouth loszulassen, hat Finn keine Wahl. Gemeinsam mit seinem Vater und der vorwitzigen Emmie stellt er sich dem großen Kampf. Der erste Band der "Darkmouth"-Serie: ein großes Abenteuer voller Tempo, Spannung und mit viel Witz.

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Seitenzahl: 349

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Beliebtheit




Für Maeve, die das Abenteuer möglich gemacht hat.

as kleine Örtchen Darkmouth taucht nur auf wenigen Karten auf, weil nur sehr wenige Menschen es finden wollen. Und wenn es doch auf einer Karte verzeichnet ist, dann eigentlich immer an der falschen Stelle. Entweder liegt die Stadt ein wenig zu weit nördlich von da, wo sie sein sollte, oder zu weit südlich. Ein bisschen zu weit links oder zu weit rechts. Eben immer ein bisschen daneben.

Wirklich jedes Mal.

Das bedeutet, dass die wenigen Besucher, die nach Darkmouth kommen, eigentlich nur irgendwo falsch abgebogen sein können. Und wenn das passiert ist, sind sie sich schon auf dem Weg dahin ziemlich schnell sicher, dass sie hier nur in einer Sackgasse landen können. Sie fahren unter einem Baldachin von Bäumen hindurch, deren Äste sich zu einem Blätterdach zusammenschließen, das mit jeder Meile undurchdringlicher wird. Bis die letzten Flecken von Licht schließlich immer weniger werden und die Straße selbst an den hellsten Tagen im völligen Dunkeln liegt.

Doch dann, kurz bevor die Äste die Farbe vom Wagen zu kratzen drohen und es schon so scheint, als würde die Straße unter ihnen ersticken, fahren die Besucher durch einen kurzen Tunnel und gelangen auf der anderen Seite plötzlich in einen Kreisverkehr – voll von blühenden Blumen. Und in der Mitte des Kreisverkehrs steht ein Schild mit der Aufschrift:

Die Zeile darunter wurde einige Male von Hand aktualisiert:

Auf einer Mauer entlang der Straße prangt außerdem ein großes, auffälliges Graffiti, das aus nur einem einzigen Wort besteht:

Allerdings hat das S die Form einer Schlange mit weit aufgerissenem Maul und gezackten Zähnen. Die Besucher starren sie an und fragen sich: Ist das ein …? Kann es wirklich sein, dass …?

Ja, die Schlange verschlingt tatsächlich ein Kind!

Die – inzwischen wahrscheinlich schon ein bisschen verzweifelten – Reisenden sind endlich in Darkmouth angekommen. Und ihr nächster Gedanke ist meistens: »Lasst uns schleunigst wieder von hier verschwinden!«

Also drehen sie eine Runde im Kreisverkehr und fahren in dieselbe Richtung zurück, aus der sie gekommen sind. Was eigentlich ziemlich schade ist. Denn wenn sie geblieben wären, würden sie feststellen, dass Darkmouth bei genauerer Betrachtung tatsächlich ein ganz hübsches Städtchen ist. Es gibt eine bunte, kleine Eisdiele am Hafen, Parkbänke am Strand, Picknicktische und einige lustige Klettergerüste für Kinder.

Und es ist ja auch schon eine ganze Weile niemand mehr von einem Monster gefressen worden.

Im Grunde sind es gar keine Monster. Sie sehen zwar wie Monster aus, und die Einheimischen nennen sie oft auch so, aber genau genommen sind es Legenden. Mythen. Fabeln. Vor langer, langer Zeit haben sie sich einmal die Erde mit den Menschen geteilt. Doch wie es meistens so ist, wurden die Legenden mit der Zeit neidisch auf die Menschen und schließlich sogar gewalttätig, sodass in den heimgesuchten Orten dieser Welt jahrhundertelang Krieg herrschte.

Heute ist Darkmouth allerdings längst der letzte dieser sogenannten heimgesuchten Orte. Und selbst dort tauchen nur noch ganz gelegentlich Legenden auf.

Gerade heute Morgen ist zufällig eine solche Gelegenheit.

ls er später darüber nachdachte, machte Finn diesen Morgen als den Zeitpunkt aus, an dem die Dinge begannen, so richtig aus dem Ruder zu laufen.

Als er später noch ein bisschen mehr darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass sich genau genommen so gut wie jeder Morgen seiner bisherigen zwölf Lebensjahre als Zeitpunkt ausmachen ließ, an dem die Dinge begannen, so richtig aus dem Ruder zu laufen.

Doch an diesem Morgen dachte er überhaupt nicht nach. Stattdessen rannte er. So schnell er konnte. In einem scheppernden Kampfanzug und mit einem schweren Helm auf dem Kopf. Im Regen. Gejagt von einem Minotaurus.

Noch fünf Minuten zuvor hatte es so ausgesehen, als liefe alles einigermaßen nach Plan, auch wenn Finn sich nicht ganz sicher war, wie der Plan eigentlich aussah.

Zu diesem Zeitpunkt war er noch der Verfolger gewesen, mit einem Exsikkator in der Hand, einer wuchtigen, silbernen Waffe, vor deren Abzug ein Zylinder baumelte. Er war der Jäger gewesen. Mit seinem schwarzen Helm und seinem Kampfanzug – der aus matten, kleinen Metallplättchen bestand, die so ungeschickt zusammengefügt waren, dass es bei jeder Bewegung klang, als würde ein Beutel Gabeln die Treppe herunterfallen – hatte er sich schwerfällig durch das Gewirr der Seitengassen von Darkmouth bewegt.

Der Anzug war zu groß für Finn. Seine Eltern hatten ihm geraten, genug Platz zu lassen, damit er noch hineinwachsen könne. Und er schepperte so entsetzlich, weil er ihn selbst gemacht hatte.

Ganz in der Nähe, etwa zwei Gassen entfernt, hörte Finn das Geräusch von Glas, das auf Steinen zertreten wurde. Vielleicht waren es aber auch Steine, die zu Glas zermalmt wurden. So oder so folgte dem Geräusch das Kreischen einer Autoalarmanlage – und kurz darauf das noch lautere Kreischen eines Menschen.

Darkmouth bestand aus lauter Sackgassen und Stichstraßen, deren hohe Mauern mit Glasscherben, scharfen Steinen und Klingen gespickt waren. Die Stadt war so angelegt worden, um Legenden zu verwirren, sie aufzuhalten oder sie in Sackgassen zu führen. Aber Finn kannte den Weg.

Er folgte den staubigen Spuren der Legende und kam zur Broken Road, der Hauptstraße von Darkmouth. Dort waren Fahrzeuge mit quietschenden Reifen wild durcheinander stehen geblieben, und die Bewohner, die nicht geflüchtet waren, kauerten in den Eingängen von Geschäften, die zu dieser Uhrzeit noch geschlossen hatten.

Am Ende der Straße stand er. Der Minotaurus. Und sah über seine Schulter.

Er war halb Mann, halb Stier und ganz und gar Furcht einflößend.

Finns Herz geriet für einen Moment ins Stocken und überschlug sich dann fast. Zitternd rang er nach Atem. Seine ganze Kindheit hatte er damit verbracht, sich Bilder von solchen Wesen anzusehen. Sie hatten sie immer als mächtige, fast schon noble Legenden dargestellt. Aber jetzt, wo er eine von ihnen leibhaftig vor sich hatte, begriff Finn, dass die Bilder zwar die Stärke der Legenden zeigen konnten, aber nicht ansatzweise, wie wild sie in Wirklichkeit aussahen.

Dort, wo die spitzen, gebogenen Hörner aus dem gewaltigen Stierschädel ragten, hatte der Minotaurus zottelige Haare, die an das Fell einer Promenadenmischung erinnerten. Als er den Kopf drehte, tropfte Schleim von seinen riesigen Zähnen und lief ihm über die Muskeln, die sich an seinem Rücken nach außen wölbten, hinunter über die Taille bis zu einigen Hautpartien, die so rissig waren wie gebrannter Ton. Er stand auf zwei Beinen. Doch er hatte keine Hufe. Stattdessen endeten seine Beine in bedrohlichen Klauen.

Der Minotaurus war schrecklicher als alles, was sich Finn jemals vorgestellt hatte. Und das war schon verdammt schrecklich gewesen.

Und er sah Finn direkt in die Augen.

Der flüchtete zu einem Hauseingang, wo sich bereits eine Frau versteckte. Sie hatte den Rücken an die geschlossene Tür gepresst und einen Hund im Arm. Ihr Gesicht war voller Angst.

»Keine Sorge, Mrs Bright«, sagte Finn mit vom Helm gedämpfter Stimme. »Sie und Yappy sind bald in Sicherheit. Nicht wahr, mein Kleiner?« Er tätschelte den Hund, einen Basset, mit seiner freien Hand, der ihn daraufhin lediglich unbeeindruckt annieste.

Ohne sonderlich dankbar zu wirken, nickte die Frau und blickte sich dann zögerlich um. »Wo ist eigentlich dein Vater, junger Mann? Sollte er nicht …«

Ein Stück die Straße hinauf gab es ein lautes Krachen. Der Minotaurus war an der Spitze der Broken Road um die Ecke gebogen.

Finn atmete noch einmal tief durch und huschte weiter, ihm hinterher.

Auf der anderen Seite einer Mauer gab es einen so heftigen Aufprall, dass die Erschütterung von Finns Füßen bis zu seinem Gehirn drang, das darin offenbar das Signal sah, dass es höchste Zeit war, schreiend in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.

Aber Finn rannte nicht. Er hatte für diese Situation trainiert. Er war für sie geboren. Er wusste, was von ihm erwartet wurde und was er zu tun hatte. Außerdem würde sein Vater enttäuscht sein, wenn er jetzt wegrannte. Schon wieder.

Ich werde da sein, wenn du mich brauchst, hatte Finns Vater heute Morgen zu ihm gesagt.

Doch als Finn auf den Knopf seines Funkgeräts seitlich am Helm drückte und flüsterte: »Dad? Bist du da?«, war die einzige Antwort ein gleichgültiges statisches Knistern.

Ein dunkler, bedrohlich aufragender Koloss kreuzte eine Querstraße und riss dabei die engen Mauern ein. Finn griff seinen Exsikkator und folgte ihm. An der Ecke kauerte er sich auf den Boden und schielte vorsichtig hinter die Mauer. Der Minotaurus war kaum zwanzig Meter entfernt stehen geblieben. Seine massigen Schultern hoben und senkten sich in wütenden Atemzügen, während er sich anscheinend darüber klar zu werden versuchte, wohin er gehen sollte.

Jetzt lag es an Finn. Er rief sich sein Training in Erinnerung. Konzentrierte sich auf das, was er gelernt hatte. Dachte an die erfahrenen Worte seines Vaters. Vorsichtig richtete er seine Waffe auf den Minotaurus. Finn hielt ganz still und atmete aus.

Genau in diesem Moment wandte sich der Minotaurus zu ihm um, die Augen wie zwei tiefe, schwarze Löcher zwischen den zernarbten Hörnern. Schaum tropfte von den abgeplatzten, spitzen Reißzähnen. Einen kurzen Moment lang war Finn von all dem Rotz, Blut und Regen abgelenkt, die sich an einem kristallenen Ring sammelten, den man dem Minotaurus durch die Nase getrieben hatte.

Die Legende brüllte auf.

Und Finn drückte ab.

Die Wucht des Schusses schleuderte Finn nach hinten. Eine sprühende, blaue Kugel schoss aus dem Lauf des Exsikkators, entfaltete sich zu einem leuchtenden Netz, das kreiselnd auf die Stelle zuflog, an der der Minotaurus noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte, und … wickelte sich um ein Auto, das dort geparkt war. Finn stöhnte.

Mit einem Aufblitzen und einem dumpfen WUUUUSCH brach der halbe Wagen in sich zusammen und wurde unter dem gequälten Knirschen einer Tonne Metall in die Form einer Coladose gepresst.

Finn sah sich nach dem Minotaurus um.

Er war verschwunden.

Finn drückte auf den Funkknopf. »Äh, Dad …?«

Immer noch nichts.

Er hielt kurz inne, beruhigte das Stimmengewirr in seinem Kopf, so gut es ging, und setzte sich wieder in Bewegung. Unter Anwendung der uralten Jagdtechniken, die sein Vater ihm beigebracht hatte, verfolgte er vorsichtig die Spuren des Minotaurus.

Er hätte sich die Mühe sparen können. Der Minotaurus fand ihn zuerst.

atürlich ergriff Finn die Flucht.

Dabei gingen ihm verschiedene Gedanken durch den Kopf, die sich hauptsächlich darum drehten, ob er sich umdrehen und schießen oder lieber ein Versteck suchen sollte. Und ob er vielleicht Zeit hatte, um stehen zu bleiben und seinen scheppernden Anzug beiseitezuwerfen.

Der Minotaurus wiederum hatte bei Finns Verfolgung nur einen einzigen Gedanken im Kopf. Und es war gut, dass Finn nicht wusste, wie oft die Worte »Augen ausstechen« darin vorkamen.

Finn stürmte durch die Gasse, so schnell es sein Kampfanzug zuließ. Sein Atem im Innern des Helms war heiß, und seine Waffe, die er sich mit einer Schnur ans Handgelenk gebunden hatte, schwang wild hin und her. Unmittelbar bevor der Minotaurus ihn erreichte, entdeckte Finn am Ende der Gasse einen kleinen Spalt in der Mauer und glitt in letzter Sekunde hinein. Die Kreatur knallte mit voller Wucht gegen die Mauer, und eine Wolke aus Steinen, Staub und Sabber stieg auf.

Finn lief weiter. Er rannte durch Gassen, stolperte um Ecken und quetschte sich durch Mauerspalten, bis ihm irgendwann dämmerte, dass, abgesehen vom Geschepper seines Kampfanzugs, nichts zu hören war als sein eigenes Keuchen.

Mühsam zwang er seine Beine, stehen zu bleiben.

Er kauerte sich in eine Ecke und hielt Ausschau nach Anzeichen des Minotaurus. Nichts.

Finn ließ sich zu Boden sinken und spürte die Ströme von Schweiß, die ihm über das Gesicht liefen, das Kratzen seines Anzugs und das Wummern in seiner Brust.

In der Nähe raschelte etwas. Ein flüchtiger Schatten huschte vorüber.

»Dad?«

Direkt vor ihm brach der Minotaurus durch die Mauer und stürzte mit so schrecklicher Wucht auf die Straße, dass seine Hörner Funken schlugen, als sie über den Asphalt kratzten. Er kam sofort wieder auf die Beine und baute sich über Finn auf. Der hob den Exsikkator. Doch der Minotaurus holte aus und schlug ihn Finn aus den Händen.

Mit dem Rücken an der Wand schmeckte Finn die tödliche Bitterkeit im Atem des Minotaurus und blickte in die tiefe Schwärze seines Mauls. Für einen kurzen Moment war er wie gebannt vom Glanz des dicken, diamantenen Rings in der Nase der Legende.

Dann suchte er fieberhaft nach einem Ausweg, nach einem Kampfmanöver, das ihm sein Vater beigebracht hatte, einem Plan, einem Fluchtweg – nach irgendetwas anderem, als sich dem unabwendbaren, niederschmetternden Gedanken hinzugeben, dass er gleich sterben würde.

Während er sich auf den alles entscheidenden Angriff vorbereitete, hatte der Minotaurus nach wie vor nur einen einzigen Gedanken. Allerdings kamen jetzt nicht mehr nur die Worte »Augen ausstechen« darin vor. Nein, er beinhaltete nun auch noch mehrfach das Wort »verstümmeln«.

Wäre die Legende nicht ganz so einfältig gewesen, hätte sie vielleicht begriffen, dass in dem flüchtigen Moment, den sie benötigte, um zum tödlichen Schlag auszuholen, ein Schatten die Zeit nutzte, um über ihn und den Jungen hinwegzugleiten. Er wurde größer und dunkler und sprang mit einem Satz über die riesigen Schultern der Kreatur hinweg, wo er schließlich Gestalt annahm und hinter ihr landete.

Der Minotaurus drehte sich um. Der Anzug dieses neuen Menschenwesens schimmerte so, dass man ihn kaum ansehen konnte. Der Mensch schien gleichzeitig da zu sein und doch wieder nicht. Die Gestalt trug eine Waffe, ähnlich wie die des Jungen, nur größer. Und dem Minotaurus war auf der Stelle klar, mit wem er es jetzt zu tun hatte.

Das hier war nicht irgendein Legendenjäger.

Es war der Legendenjäger.

Der Minotaurus hatte sich kaum einen Zentimeter von der Stelle bewegt, als er auch schon vom leuchtenden Netz aus der Waffe des Legendenjägers getroffen wurde. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte er starr in der Umhüllung des funkelnden blauen Gewebes. Dann implodierte der Minotaurus mit einem dumpfen WUUUSCH. Was von ihm übrig blieb, war eine feste, haarige Kugel, nicht größer als ein Tennisball.

Der Legendenjäger rührte sich nicht.

Ein dünner, blauer Rauchfaden quoll aus dem Lauf seiner Waffe.

»Den Stier haben wir an den Hörnern gepackt, was?«, sagte er, klappte das Visier hoch und enthüllte ein Gesicht, das ebenso kompakt war wie der Helm. Er grinste – offensichtlich begeistert von seinem eigenen Witz.

Finn rappelte sich auf und funkelte ihn wütend an.

»Wo bist du gewesen, Dad?«

enau wie andere heimgesuchte Orte auf der Welt – mit Namen wie Worldsend, Hellsgate, Bloodrock, Murderpath, Leviatown und Massacrecity – war auch Darkmouth seit Generationen die Heimat von Legendenjägern; Familien, die geschworen hatten, die Welt vor den nicht enden wollenden Angriffen der sogenannten Verseuchten Seite zu schützen.

Allerdings fanden die Angriffe schließlich doch ein Ende.

Größtenteils jedenfalls.

Von Jahr zu Jahr gab es weniger Berichte über Menschen, die von Legenden gefangen oder getötet wurden – und über Legenden, die von Legendenjägern gefangen oder getötet wurden.

Dorf für Dorf versiegten die Angriffe. Zum ersten Mal seit Tausenden von Jahren schien unsere Welt vom Reich der Legenden vollständig abgeschottet zu sein.

Nach generationenlangem Krieg konnten sich die Legendenjäger zur Ruhe setzen.

Abgesehen von einem Dorf. Von einer Familie.

»Du warst zu keinem Zeitpunkt in Gefahr«, sagte Finns Vater lässig. »Ich habe dich die ganze Zeit gedeckt.«

»Das Vieh hat mich fast umgebracht«, sagte Finn.

»Du weißt, dass ich das nie zulassen würde.«

»So hat es sich aber nicht angefühlt.«

»Hör mal, Finn, sei nicht so hart zu dir. Du hast deine Sache gut gemacht. Vielleicht warst du hier und da noch nicht ganz so treffsicher, aber schließlich hast du kein entlaufenes Huhn gejagt. Und eingeschnappt musst du auch nicht sein. Die meisten Zwölfjährigen würden dafür sterben, einer Legende nachjagen zu dürfen.«

»Sterben?«, wiederholte Finn.

»Du weißt, was ich meine.«

Finns Vater sah ihm noch einen Moment fest in die Augen, ehe er ihm sanft gegen den Arm boxte und anschließend die geschrumpften Überreste des Minotaurus aufhob.

Erschöpft nahm Finn einen Behälter von seinem Gürtel und gab auf dem Tastenfeld an der Seite einen Code ein. Mit einem Zischen sprang der Deckel auf und entließ eine kleine, blaue Gaswolke und einen schwachen Geruch, der an Orangensaft erinnerte. Sein Vater legte die haarige Kugel in den Behälter und drückte den Deckel zu.

»Da drinnen kann er eine ruhige Kugel schieben …«, sagte er.

Finn schüttelte leicht verächtlich den Kopf.

»Na, wie du willst«, sagte sein Vater, als er den Behälter an sich nahm und langsam davonging. »Zieh deinen Anzug aus, dann fahre ich dich in die Schule.«

»In die Schule? Ist das dein Ernst? Wie soll ich nach der Geschichte in die Schule gehen? Das mach ich nicht. Auf keinen Fall.«

Doch sein Vater lief einfach weiter.

Also nahm Finn widerstrebend seine Waffe. Doch gerade als er ihm folgen wollte, sah er im Schotter etwas aufblitzen. Dort, wo sein Vater soeben den Minotaurus exsikkiert hatte, lag ein schmaler, gebogener Kristall.

Er sah aus wie der Kristall, der in der Nase des Minotaurus gesteckt hatte.

Merkwürdig.

Finn hob ihn auf und betrachtete seine kantige Schönheit. Er wollte seinen Vater rufen, ließ es dann aber doch bleiben. Wenn er schon zur Schule gehen musste, wollte er wenigstens eine Belohnung.

Er steckte den Kristall in die Tasche, bevor er schwerfällig weitertrabte. Sein Anzug schepperte bei jedem Schritt.

Sie fuhren durch Darkmouth mit ihrem großen, schwarzen Auto, das aussah wie ein Metallblock auf Rädern. Die Sitze waren herausgerissen worden, um Platz zu schaffen für Reihen von Waffen und Werkzeugen verschiedenster Form, Größe und Schärfe.

Es waren nur noch wenige Leute auf der Straße, die meisten befanden sich inzwischen in der Schule oder an ihrem Arbeitsplatz. Diejenigen, die tatsächlich noch in der Stadt unterwegs waren, hatten die Köpfe unter Kapuzen verborgen und die Gesichter zum Schutz vor dem Nieselregen zu Boden gerichtet. Sie sahen so aus, als sei der letzte Ort auf Erden, an dem sie gerade sein wollten, der letzte Ort auf Erden, an dem die Legenden immer noch einfielen. Ihre Stimmung wurde auch dadurch nicht besser, dass das Auftauchen einer Legende immer mit schlechtem Wetter verbunden war.

»Es ist jedes Mal das Gleiche, wenn sich ein Tor öffnet«, sagte Finns Vater. »Aber wenigstens bringt ein kleines Tor nur leichten Regen. Es gab eine Zeit, da brachten die großen Tore schreckliche Stürme. In den alten Geschichten hat man die Götter dafür verantwortlich gemacht. Schön wär’s, was?«

Finn gab keine Antwort.

Sein Vater schnalzte mit der Zunge. Der Wagen schwenkte nach rechts.

Ehe er auf den Beifahrersitz gesprungen war, hatte Finn seinen Anzug hinten in den Wagen geworfen. Jetzt lagen seine Schultasche und der Exsikkator in seinem Schoß. Er hielt sich den Behälter vor das Gesicht und schüttelte ihn.

»Der Trick erstaunt mich immer wieder«, sagte sein Vater.

Finn empfand einen Funken Mitleid für das Geschöpf, das darin eingeschlossen war. Von außen war das einzige Anzeichen, dass ein Opfer des Exsikkatornetzes einmal ein lebendiges Wesen gewesen war, die Außenseite der entstandenen Kugel. Sie war mit genau dem überzogen, was das Geschöpf ursprünglich umgeben hatte: Fell, Schuppen, Haut oder Lederhosen.

»Findest du es nicht ein wenig grausam, ihnen das anzutun, Dad?«

»Vielleicht willst du den nächsten Minotaurus lieber durch Kitzeln zum Aufgeben zwingen. Oder ihn streicheln und ihm einen Keks anbieten. Also wirklich, Finn.« Er warf seinem Sohn einen Blick zu und bemerkte dessen finstere Miene. »Na schön, heute Morgen ist es nicht gerade perfekt gelaufen.«

»Und das letzte Mal auch nicht«, sagte Finn.

»Ja, aber …«

»Oder das Mal davor …«

»Ich will damit sagen, Finn, dass du noch dabei bist, zu lernen«, sagte sein Vater. »In deinem Alter war ich genauso. Habe ich dir je davon erzählt, wie ich …?«

»Ja«, sagte Finn mit einem Seufzen.

»Und von dem Tag, an dem ich …?«

»Davon auch. Ich höre überhaupt immer nur von den großartigen Dingen, die du in meinem Alter vollbracht hast. Du hast diese Legende besiegt und jene Waffe erfunden. Wenn du also nicht gerade eine Geschichte auf Lager hast, die damit endet, dass du ins Klo gefallen bist oder so etwas, machst du die Sache für mich im Augenblick nicht besser.«

Der Wagen hielt vor der Schule. Finn rührte sich nicht.

Sein Vater rutschte auf seinem Sitz hin und her, wobei das Material seines Kampfanzugs quietschte.

»Es ist doch nicht alles schlecht …«, begann er.

»Was kann daran nicht schlecht sein?«, unterbrach ihn Finn mit Verzweiflung in der Stimme. »Es ist nur noch ein Jahr bis zu meiner Vollendungszeremonie, Dad.«

»Wann genau bist du zwölf geworden?«

»Vor zwei Wochen«, sagte Finn.

»Elfeinhalb Monate bis zur Zeremonie. Also noch viel Zeit.«

»Was hast du heute Morgen eigentlich nicht mitbekommen?«, fragte Finn mit ungläubigem Kopfschütteln.

»Finn, unsere Familie beschützt Darkmouth seit zweiundvierzig Generationen.«

»Ich aber nicht.«

»Aber das wirst du«, sagte sein Vater. »Du wirst die dreiundvierzigste Generation sein.«

»Ich werde nicht bereit sein.«

»Du wirst die Verantwortung für Darkmouth übernehmen.«

»Das geht nicht«, widersprach Finn.

»Es muss gehen.« Sein Vater schwieg einen Moment, bevor er weitersprach. »Auf jeden Fall hat sich der Rat gemeldet«, berichtete er. »Sie haben gute Neuigkeiten.«

»Hat es mit mir zu tun?«, erkundigte sich Finn.

»Nein. Also ja. Irgendwie schon.« Sein Vater machte eine Pause. »Die Zwölf haben mir einen Sitz im Rat angeboten. Zweiundvierzig Generationen, Finn, und nicht einer aus unserer Familie wurde jemals in den Rat berufen und damit zu einem der führenden Legendenjäger dieser Welt. Natürlich sitzt der Großteil der Legendenjäger heutzutage zu Hause herum und setzt Speck an, trotzdem ist es eine große Ehre und …«

»Warte mal«, sagte Finn. »Du wirst Mitglied im Rat der Zwölf?«

»Ja, ist das nicht großartig?«

»Haben die ihren Sitz nicht in …«

»Liechtenstein. Das ist ein kleines Land mit hohen Bergen.«

»Dann musst du also weg aus Darkmouth?«

»Ja«, sagte sein Vater. »Manchmal schon.«

»Und ich?«

»Du nicht.«

»Na toll«, sagte Finn, der spürte, wie sich ihm eine große Last auf die Schultern legte. »Du bist weg, und die Verantwortung für Darkmouth liegt bei …«

»Dir. Ganz genau. Ist das nicht toll?«

Finn starrte ihn an, während er zu begreifen versuchte, was das bedeutete.

»Das ändert doch nichts, Finn«, sagte sein Vater. »Jedenfalls nicht viel. Du bist dabei, der erste richtige Legendenjäger zu werden, der seit vielen Jahren vollendet. Danach wäre Darkmouth ohnehin irgendwann in deine Verantwortung übergegangen. Außerdem werde ich nicht gleich weggehen. Die Zwölf sagen, es gäbe ein Verfahren und ein paar Überprüfungen.«

»Was für Überprüfungen?«

Sein Vater zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Hintergrundrecherchen, unter Vorbehalt der Einhaltung von Regel 31, Paragraf 14 oder so etwas. Du weißt schon, Papierkram. Den lieben die Zwölf. Auf jeden Fall wird es passieren.« Er räusperte sich. »Sobald du vollendest.«

»Und was ist, wenn ich nicht bereit bin?«

Der Kampfanzug seines Vaters quietschte wieder, als er sich auf dem Ledersitz umdrehte, um seinem Sohn in die Augen zu sehen. »Finn, jeder Legendenjäger in unserer Familie hat an seinem dreizehnten Geburtstag vollendet. Jeder Einzelne, so weit die Aufzeichnungen zurückreichen. Sie hätten warten können, bis sie fünfzehn oder siebzehn oder neunzehn sind, wie in schwächeren Familien, aber das haben sie nicht. Also ist unsere Familie – damals, heute und in der Zukunft – darauf angewiesen, dass du bereit bist. Ich bin es. Und diese Stadt ist es auch. Also wirst du auch bereit sein.«

Finn drückte die Autotür auf und stieg aus. »Jetzt geht’s mir schon viel besser. Danke, Dad.«

Während er die Tür schloss, sah Finn sein Spiegelbild im Wagenfenster. Seine Haare waren feucht, seine Haut gerötet. Wieder öffnete er den Mund, um dagegen zu protestieren, zum Unterricht gehen zu müssen, doch sein Vater schnitt ihm das Wort ab. »Darüber reden wir später.«

Die Tasche über der Schulter, stand Finn am Bordstein und lauschte dem leisen Brummen, mit dem der Wagen davonfuhr. Der Nieselregen kitzelte ihn auf der Stirn.

In der Hosentasche spürte er sein Handy vibrieren. Es war eine Nachricht von seiner Mutter.

TIEF DURCHATMEN. HAB DICH LIEB.

Er atmete tief durch, dann noch einmal, und wappnete sich für den nächsten Kampf.

Die Schule.

inn kam zu spät. Und er war sicher, dass alle wussten, warum.

Während er durch den Schulflur trottete, spürte er, wie ihm aus sämtlichen Klassenräumen, an denen er vorüberging, eine unruhige Spannung entgegenschlug. Der Unterricht wurde unterbrochen, damit Lehrer und Schüler ihn beobachten konnten.

»War es ein großer Kerl heute Morgen?«, rief ihm eine Stimme im Gang hinterher.

»Gibt’s ’ne Chance, dass du sie diesmal alle erwischt hast, Finn?«, fragte jemand anders.

Er blendete alles aus, bis er seinen eigenen Klassenraum erreichte, wo seine Ankunft ebenfalls für kurze, heftige Aufregung sorgte. Murmelnd entschuldigte er sich bei Mrs McDaid für sein Zuspätkommen und ging zum letzten freien Platz. Unglücklicherweise befand sich dieser ausgerechnet zwischen Conn und Manus Savage, zwei eineiigen Zwillingsbrüdern, die sich aufs Haar glichen, wenn man von Conns abgekautem Ohr absah. Das hatte er von einem Kampf mit einem Dobermann. Zumindest behauptete er das immer – und dass der Hund den Kampf verloren hatte.

Finn quetschte sich auf den Stuhl zwischen den beiden und kratzte dabei mit den Metallbeinen über den Boden.

Die Zwillinge sahen kurz ein wenig irritiert aus, als ihnen sein strenger Schweißgeruch in die Nase stieg.

»Hey, Monsterjunge«, zischte Conn aus dem Mundwinkel, »du hast heute Morgen wohl vergessen, deine Windel zu wechseln.«

»Miss?«, wandte sich Manus an die Lehrerin. »Dürfen wir ein Fenster aufmachen?«

»Lieber zwei«, rief sein Bruder.

Normalerweise hätte sich Finn nicht allzu viel aus den beiden gemacht. Er kannte seinen Platz. Als angehender Legendenjäger konnte er nicht wirklich Freunde haben. Er trainierte mit seinem Vater. Er lernte. Er aß. Er schlief. Er veranstaltete keine Geburtstagspartys und hatte keine Übernachtungsgäste. Er hatte überhaupt niemanden, der einfach so bei ihm vorbeikam. Und so bekam er auch nie die Gelegenheit, die ganzen Fragen zu beantworten, zum Beispiel nach dem dreiköpfigen Hund, den sein Dad gerade mit nach Hause gebracht hatte. Er würde nie in lässiger Echt-keine-große-Sache-Art sagen können: »Ach, macht euch nichts aus dem Zerberus. Ihr wisst ja: Hunde, die bellen, beißen nicht.« Die Eltern in Darkmouth waren verständlicherweise auch nicht sonderlich erpicht darauf, ihre Kinder in einem Haus wie Finns herumrennen zu lassen.

Seine Familie lebte seit zweiundvierzig Generationen in der Stadt, trotzdem würde Finn immer ein Außenseiter bleiben. Um ihn herum würde es immer Getuschel geben. Neugierige Fragen mit einer Spur von Ablehnung. Gerüchte. Warum Darkmouth der einzige heimgesuchte Ort war, an dem es noch Angriffe von Legenden gab. Warum nicht mehr dagegen unternommen wurde.

Er versuchte, so viel wie möglich davon zu ignorieren, doch es war nicht leicht, wenn es von allen Seiten auf einen einprasselte.

»Was hast du heute Morgen gemacht, um das Monster zu vertreiben?«, murmelte Conn. »Es angehaucht?«

»Wenn du einfach mit deinen Socken vor deren Nase rumwedeln würdest, könntest du sie vielleicht ein für alle Mal loswerden«, sagte Manus.

Langsam wurde Finn wütend. Es war eine Sache, ein Außenseiter zu sein, weil er war, was er war – das gehörte zu seinem Leben, und er hatte gelernt, damit klarzukommen. Aber es war etwas ganz anderes, ständig dumm von der Seite angemacht zu werden. Vor allem, nachdem man gerade versucht hatte, genau diese Leute davor zu bewahren, von einem wild gewordenen Fabelwesen zerfleischt zu werden.

Trotzdem hielt er den Mund.

Die Savage-Zwillinge waren einfach bescheuert – und schlimmer als manche Legende. Allerdings nahm er sich vor, ab jetzt immer Deo und Seife dabeizuhaben.

Mrs McDaid setzte den Unterricht fort, und der Großteil der Klasse passte wieder auf. Erst dann fiel Finn auf, dass sie eine neue Schülerin in der Klasse hatten. Sie saß hinten in der Ecke und starrte durch einen Vorhang aus roten Haaren zu ihm herüber.

Eine neue Schülerin? Aber sie hatten nie neue Schüler. Entweder war man hier geboren, oder man war nur kurz aus Versehen hier gelandet und kam nie wieder her. Niemand zog je nach Darkmouth.

Trotzdem war sie da.

Unter ihrem Pony schenkte sie Finn die winzige Andeutung eines Lächelns. Er wandte den Kopf ab. Als er wieder zu ihr hinsah, hatte sie den Blick auf die Lehrerin gerichtet.

Conn neigte sich zur Seite. »Na, schon in die Neue verknallt?«, flüsterte er.

»Wer weiß«, ergänzte Manus von der anderen Seite. »Vielleicht steht sie auf Eau de Mief.«

Finn stellte sich vor, wie die Zwillinge vom Minotaurus verfolgt wurden. Wie das Entsetzen auf ihren Gesichtern gefror, wenn dieser ihnen mit den Klauen die Köpfe vom Rumpf trennte. Die Vorstellung heiterte ihn ungefähr eine halbe Sekunde lang auf, ehe er wieder in sich zusammensackte, weil ihm klar wurde, dass dieser Tag eigentlich nur noch schlimmer werden konnte. Und so war es dann auch.

inn trottete nach Hause, das Gesicht unter der Kapuze seiner Jacke versteckt. Der Nieselregen hatte aufgehört, und die Stadt kehrte allmählich zur Normalität zurück – zumindest zu ihrer eigenen Form von Normalität. Finn spürte nicht zum ersten Mal die Last auf seinen Schultern, dass die Sicherheit dieser Stadt irgendwann ganz allein in seiner Verantwortung liegen würde.

Nur hatte man ihm gerade auch noch mitgeteilt, dass es bis »irgendwann« nicht einmal mehr ein Jahr hin war. Sein Vater würde fortgehen, um Mitglied des Rats zu werden. Beim bloßen Gedanken daran stockte ihm der Atem.

Er war mit den Geschichten über die Legendenjäger, die überall auf der ganzen Welt lebten, aufgewachsen. Sie waren die Verteidiger der heimgesuchten Orte. In jeder dieser Städte hatten Familien von Generation zu Generation Wissen, Techniken und Waffen weitergegeben und geschworen, die Menschen zu beschützen.

Nur dass die Legendenjäger auf der restlichen Welt nicht mehr gebraucht wurden. In ihren Städten war es ruhig geworden. Die Jäger blieben zwar vorsichtshalber in ihrer ehemals heimgesuchten Heimat – manche setzten für alle Fälle sogar ihr Training fort und bildeten weiterhin ihre Kinder aus –, aber die meisten hatten sich andere Beschäftigungen gesucht. Es war gut möglich, dass der Mann, der am Bahnhof die Fahrkarten abstempelte, aus einer langen Linie von Legendenjägern stammte. Genau wie der Tanzlehrer, der Sprecher des Wetterberichts oder der Typ, der gekommen war, um den Fernseher zu reparieren.

Aber nicht in Darkmouth. In Finns Familie reichten die Legendenjäger ebenso weit zurück wie die Geschichten selbst. Und solange die Legenden weiter in Darkmouth einfielen und nicht aufhörten, die Stadt anzugreifen, würde seine Familie gebraucht werden. Solange er das einzige Kind des einzigen Legendenjägers war, würde auch Finn gebraucht werden. Und jetzt, wo sein Vater in den Rat der Zwölf berufen wurde, würde er gebraucht werden, um Darkmouth zu beschützen. Allein.

Als er nach Hause ging, lastete jedes Gramm dieser Verantwortung auf ihm.

Verschlimmert wurde das alles durch die Tatsache, dass er nicht bereit war. Er hatte wieder einmal gerettet werden müssen. Seine dritte Jagd mit seinem Vater. Sein dritter Fehlschlag.

Die erste Legendenjagd vor einigen Wochen war eine einzige Demütigung gewesen. Bei der Legende hatte es sich um einen Basilisken gehandelt, ein besonders dummes und fettes Reptil mit einem Schnabel. Basilisken wuchsen in dem Glauben auf, ein einziger Blick von ihnen genüge, um einen Menschen zu töten. Trieb man sie in die Enge, blieben sie stehen, rissen die Augen auf und starrten dem herannahenden Menschen ins Gesicht. Das Problem war nur, dass ihr Blick kaum gefährlicher war als das Glucksen eines Babys. Einen Jäger brachte das nicht aus der Fassung.

Nur einem besonders unerfahrenen oder ungeschickten Legendenjäger konnte es misslingen, ein solches Geschöpf zu fangen. Finn passte zufällig in beide Kategorien.

Sein Vater hatte die Jagd sogar extra in die Länge gezogen, um ihm zu zeigen, wie man eine Legende mithilfe des eigenen Könnens zur Strecke brachte, ohne irgendwelche technischen Hilfsmittel. »Wenn ihre Welt auf unsere trifft, bildet sich eine Art Staub. Selbst der Regen kann ihn nicht abwaschen. Folge diesen Staubspuren. Nutze deine Ortskenntnis. Geh in gleichmäßigem Tempo …«

In diesem Augenblick war ihm aufgefallen, dass Finn nicht mehr hinter ihm war. Nachdem er den Basilisken dann selbst im Handumdrehen eingefangen hatte, fand er seinen Sohn zwei Gassen weiter. Er lag auf dem Rücken und strampelte wie eine gestrandete Schildkröte mit den Beinen. Sein Vater hatte befürchtet, eine Legende wäre über Finn hergefallen; stattdessen waren seinem Sohn sein eigener Kampfanzug und der Bürgersteig zum Verhängnis geworden. Und der war nicht gerade für seine Kampfkünste bekannt.

Auf dem Nachhauseweg war es unangenehm still gewesen.

Die zweite Jagd, vergangene Woche erst, fing eigentlich ganz gut an. Nachdem Finn an seinem Anzug ein paar Veränderungen vorgenommen hatte, bekam er sogar seinen eigenen Exsikkator. Sein Vater blieb bei ihm, und sie machten gemeinsam Jagd auf den Eindringling. Diesmal war es ein kleiner Mantikor. Mantikore sind Wesen mit dem Körper eines Löwen, den verkümmerten Flügeln eines Drachen, einem mit Giftstacheln besetzten Skorpionschwanz und – am gefährlichsten von allem – der nicht vorhandenen Fähigkeit, die Klappe zu halten.

Sie kamen schnell voran. Finn folgte dem Staub von der Verseuchten Seite, wie er es gelernt hatte, bis er den Mantikor schließlich in einer Gasse in die Enge getrieben hatte. Ab da ging alles schief. Als er seinen Exsikkator aus der Halterung an seinem Gürtel ziehen wollte, verfing sich sein Handschuh im Anzug, und er konnte nicht einmal mehr den Arm heben.

»Äh, Moment …«, sagte er zu dem Mantikor.

Das war ein Riesenfehler.

Das Erste, was ein Legendenjäger in der Ausbildung über Mantikore lernt: Lass dich niemals auf ein Gespräch mit ihnen ein. Niemals. Andernfalls hält einen der Mantikor den ganzen Tag fest, wobei er die meiste Zeit in Rätseln spricht. Schlechten Rätseln, die einen irgendwann in den Wahnsinn treiben.

Zum Glück wurde der Mantikor – genau in dem Moment, als er den Mund aufmachte, um mit einem vernichtenden Rätsel zu antworten – von Finns Vater exsikkiert.

Auf dem Nachhauseweg herrschte wieder eine schrecklich unangenehme Stille zwischen Finn und seinem Vater.

Und dann war da natürlich noch heute gewesen.

Man erwartete von Finn, dass er in weniger als einem Jahr seine Ausbildung vollenden und ein richtiger Legendenjäger werden würde. Zu den Voraussetzungen, um dafür auch nur in Erwägung gezogen zu werden, gehörten drei erfolgreich absolvierte Jagden. Stattdessen hatte die Tatsache, dass der Minotaurus heute Morgen ihn in die Enge getrieben hatte – und nicht andersherum –, einen Dreifach-Flop perfekt gemacht.

Als Finn vor der Schule aus dem Auto gestiegen war, hatte er gesehen, wie sein Vater vor Enttäuschung die Stirn gerunzelt hatte. Während er nun von der Schule nach Hause ging, wurde ihm das Ausmaß dieser Enttäuschung erst richtig bewusst. Ihm blieben zwei Möglichkeiten:

Entweder versagte er dermaßen kläglich, dass er nicht vollendete und dadurch verhinderte, dass sein Vater nach zweiundvierzig Generationen der erste Legendenjäger von Darkmouth wurde, der in den Rat der Zwölf aufgenommen wurde und damit den Traumjob jedes Legendenjägers ergatterte.

Oder er schaffte es irgendwie und stand mit der Verantwortung da, Darkmouth und alle, die darin lebten, allein verteidigen zu müssen.

Finn konnte sich nicht entscheiden, was besser war. Oder genauer gesagt, schlechter.

inn bog in eine Straße ein, die auf der einen Seite aus einer Reihe baufällig wirkender Häusern bestand; die Fenster waren entweder zugemauert oder vernagelt und hier und da mit ungeschickt aufgemalten Blumenkästen versehen – anscheinend ein Versuch, sie ein wenig freundlicher zu gestalten. Auch einige Bäume, die aus dem Asphalt wuchsen, lockerten das Straßenbild ein wenig auf. Doch die lange, nackte Mauer auf der anderen Seite verlieh allem einen unvermeidlich trostlosen Eindruck.

In einer Stadt, deren Straßennamen von Darkmouths gewalttätiger Vergangenheit zeugten, war diese eine Straße ohne Namen geblieben.

Finns Haus war das letzte in der Reihe. Ein ganz normales Haus, völlig gewöhnlich und unauffällig.

Während er darauf zuging, sah Finn, dass hinter dem Wagen seines Vaters ein Polizeiauto parkte. Die Haustür stand offen, und er erkannte im Haus die Gestalt des hiesigen Sergeants.

Finn huschte zu der niedrigen Mauer, die den kleinen Vorgarten seines Elternhauses umgab. Außer Sichtweite kauerte er sich hin und lauschte.

»Sie wissen, dass wir Ihre Arbeit schätzen, Hugo«, sagte Sergeant Doyle. »Und wir wissen auch, dass Sie den Jungen ausbilden müssen.« Der Sergeant war ein großer Mann, der früher einen breiten, fassartigen Brustkorb gehabt hatte, doch dieses Fass war im Laufe der Zeit ein ganzes Stück nach unten gerutscht. »Aber das ist jetzt das dritte Mal innerhalb weniger Wochen.« Dann war es still. Finn spähte über die Mauer und sah, wie Sergeant Doyle einen Notizblock aufklappte und vorzulesen begann. »Zwei pulverisierte Mauern in der Fillet Lane. Ein halb zerlegtes Auto beim Charmless Gap –«

»Schon gut, Sergeant«, sagte Finns Vater und hob die Hand. »Wir sorgen dafür, dass …«

»Zwei Leute, die wegen eines akuten Schockzustands behandelt werden mussten.«

»Wir können die Schäden bezahlen …«

»Den wahren Schaden tragen Sie davon, Hugo. Die Menschen hier haben vor den Monstern schon genug Angst. Sie sollten nicht auch noch Angst vor den Leuten haben, die sie eigentlich beschützen sollen.«

Sergeant Doyle machte nie den Eindruck, als sei er sonderlich froh darüber, in Darkmouth zu sein. Und heute war keine Ausnahme.

»Ich muss ihn ausbilden, Sergeant –«, begann Finns Vater.

»Wir wissen, dass Sie ihm das ganze Zeug beibringen müssen, aber es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben, als ihm eine Waffe in die Hand zu drücken und ihn einfach loszuschicken«, sagte Sergeant Doyle und entfernte sich von der Tür. Finn presste sich an die Mauer und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.

Sergeant Doyle ging, ohne ihn zu bemerken, direkt an Finn vorüber, stieg in seinen Wagen und kurbelte die Scheibe herunter. »Hugo, wir wissen beide, dass sich die Leute hier fragen, warum Darkmouth der letzte Ort ist, an dem es noch diese Angriffe gibt. Sie fangen an, Sie dafür verantwortlich zu machen. Einige fragen sich sogar, ob Sie die Monster absichtlich hereinlassen, damit Sie Ihren Job behalten können.«

»Also, jetzt hören Sie aber auf, Sergeant …«

»Es gibt Leute in Darkmouth, die sich fragen, ob es nicht besser wäre, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wir leben im 21. Jahrhundert, Hugo. Da glauben die Leute, sie könnten Monsterkiller-Sets im Internet kaufen.«

Finns Vater seufzte. »Sie heißen Legenden.«

»Was?«

»Machen Sie’s gut, Sergeant.«

Sergeant Doyle fuhr davon. Finns Vater stand an der Tür und sah ihm nach. »Mach die Tür zu, wenn du reinkommst, Finn«, sagte er, als er wieder ins Haus ging.

Finn stöhnte. Er hätte sich denken können, dass es praktisch unmöglich war, den wachsamen Augen seines Vaters zu entgehen. Mit seiner Unfähigkeit, auch nur so zu tun, als wüsste er nicht, wo sein Sohn war, hatte sein Vater Finn früher schon jedes Versteckenspielen ruiniert.

Als er zur Haustür ging, bemerkte Finn aus den Augenwinkeln weiter unten in der Straße einen Schatten, der hastig von einem Eingang zum nächsten huschte. Er war kleiner als Finn, aber immer noch groß genug. Und für einen kurzen Moment sah Finn etwas aufleuchten, das aussah wie Fell. Feuerrotes Fell. Entweder das oder …

Finn zögerte und wollte gerade seinen Vater rufen, überlegte es sich dann aber doch anders.

Er streckte prüfend die Hand aus. Kein Regen. Er horchte in Richtung Haus. Kein Alarm.

Er schaute noch einmal zur Haustür und dann wieder zu der Gestalt. Blitzschnell verschwand sie um die Ecke.

Diese Verfolgungsjagd musste Finn selbst übernehmen.

Er folgte der Gestalt.

obald er um die Ecke bog, konnte Finn das, was er verfolgte, besser erkennen.

Erleichterung durchströmte ihn, als sich bestätigte, was er vom ersten Moment an gehofft hatte. Er war jetzt sicher, dass er weder die Hilfe seines Vaters noch seinen Kampfanzug oder eine Waffe brauchen würde. Und er benötigte auch nicht den Mut, von dem sein Vater immer wieder behauptete, dass er ihn eines Tages haben würde.

Das, was Finn verfolgt hatte, war keine Legende. Es war eine Person. Und für jemanden, der aus irgendeinem Grund in der Nähe seines Hauses herumschnüffeln wollte, war ein feuerroter Haarschopf nicht gerade die beste Tarnung.

Als er zur nächsten Straße kam, sah er sie sofort. Sie hatte nicht einmal versucht, sich zu verstecken. Sie lehnte an der Mauer und schien auf ihn zu warten. Ihre Augen waren hinter den Haaren kaum zu sehen. Finn hatte den ganzen Schultag über das Gefühl gehabt, dass diese Augen auf seinen Hinterkopf gerichtet gewesen waren, doch immer wenn er sich nach ihr umgesehen hatte, hatte sie in die andere Richtung geschaut.

»Was willst du?«, fragte er und stellte fest, dass er gar nicht wusste, wie das Mädchen hieß.

»Du bist Finn, nicht?«

»Ja«, sagte Finn mürrisch. »Und du …?«

Sie gab keine Antwort.

»Warum spionierst du mir nach?«, fragte Finn. »Du hast meine Straße ja gesehen, oder? Dahin verirren sich nicht viele Besucher.«

»Da habe ich aber etwas anderes gehört.«

»Dann sollest du eigentlich wissen, dass es besser wäre, mir nicht zu nahe zu kommen.« Er atmete tief ein, um ein bisschen größer zu wirken. »Ich habe jeden Tag mit Dingen zu tun, die viel schlimmer sind als du. Und das geht für sie meistens nicht gut aus …«

»Da habe ich auch etwas anderes gehört.«

Finn sackte augenblicklich in sich zusammen. »Dann weißt du ja Bescheid«, sagte er mit einem piepsigen Unterton in der Stimme, der verriet, wie verletzt er war. »Also lass mich in Ruhe.«

Er drehte sich um und ging davon.

»Emmie!«, rief sie ihm nach. »Ich heiße Emmie. Tut mir leid. Ich wollte nicht fies zu dir sein. Ist mein erster Tag. Schätze, ich bin ein bisschen aufgeregt.«

»Tja, dann …« Finn zögerte, wusste aber immer noch nicht, was er sagen sollte.

»Mein Dad ist wegen seines Jobs hierhergezogen, und ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einer Kleinstadt lande. Ich bin nämlich in der Großstadt aufgewachsen, weißt du, und ich war noch nie irgendwo die Neue. Ich meine, ich hatte zu Hause auch nicht Tausende Freunde, aber wenigstens ein paar. Und jetzt sind sie dort, und ich bin hier. Und diese Stadt ist irgendwie seltsam. Ich durfte nicht mal Silver mitnehmen, weißt du, weil er sich wehtun würde, wenn er auf Mauern klettert – Silver ist übrigens meine Katze –, weil überall Glasscherben darauf verteilt sind. Mal ehrlich, was hat es mit dieser Stadt auf sich? Mit den hohen Mauern, den Scherben und diesem Gewirr von Gassen? Gefällt es den Leuten wirklich, so zu leben? Ich find es irgendwie, ich weiß auch nicht, deprimierend. Wenn das noch lange so weitergeht, drehe ich wahrscheinlich komplett …«

Emmie brach mitten im Satz ab, weil ihr plötzlich bewusst zu werden schien, dass sie ohne Pause auf Finn einredete.

Finn war ein bisschen verdutzt.

»Ach ja«, sagte sie. »Es soll diese, äh … Dinger aufhalten, stimmt’s? Ich habe alles über sie gehört. In der Schule.«