Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick - Joe R. Lansdale - E-Book

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick E-Book

Joe R. Lansdale

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9,99 €

Beschreibung

Eigentlich wollte Willie Jackson nur ein paar Besorgungen machen. Doch dann erhascht er unfreiwillig einen Blick auf die Unterwäsche einer weißen Frau. Deren Mann nimmt die Sache persönlich, und Willie muss Hals über Kopf fliehen. Joe R. Lansdale erzählt die filmreife Lebensgeschichte eines ehemaligen Sklaven, der zur Westernlegende Deadwood Dick wurde. Nachdem Willie unverschuldet eine Einladung zum Lynchen erhält, stiehlt er ein Pferd und flieht. Er begibt sich unter den Schutz eines ehemaligen Soldaten namens Loving, der ihm Lesen und Schießen beibringt. Als er erneut fliehen muss, nimmt Willie den Namen Nat Love an und meldet sich im Norden freiwillig zur Armee. Er und ein anderer freigelassener Sklave sind kurz darauf die einzigen Überlebenden ihrer Einheit bei einem Apachenhinterhalt. Gemeinsam machen sie sich auf nach Deadwood, wo Nat sich in eine wunderschöne junge Frau verliebt, das Leben von Wild Bill Hickok rettet – und auf Rache an seinen Verfolgern sinnt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 683




Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Lebendes Deadwood Dick

Roman

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Paradise Sky«

im Verlag Mulholland Books, New York

© 2015 by Joe R. Lansdale

Für die deutsche Ausgabe

© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Herburg Weiland, München

Unter Verwendung einer Illustration von © Ken Laager

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-50140-7

E-Book: ISBN 978-3-608-10937-5

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

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Anmerkung des Autors

Den Gillette Brothers gewidmet:

Pipp Gillette und dem leider verstorbenen Guy Gillette, die texanische Geschichte und texanische Musik lebendig bewahrt haben und bewahren.

Durch Übung lernt man leicht Unglück ertragen – das Unglück anderer Leute, meine ich.

REISE UM DIE WELT, MARK TWAIN

Lügner kann ich nicht ausstehen und hab auch keinen Respekt vor ihnen. Aber wer gekonnt übertreibt, verdient immer meine volle Aufmerksamkeit und grenzenlose Hochachtung.

NAT LOVE

1

In meinem Leben hab ich so manchen Revolverhelden und ein paar gefährliche Bestien getötet, außerdem vier Chinesinnen geliebt, alle in derselben Nacht und demselben Wagen, wobei eine ein Holzbein hatte und es dadurch manchmal ein bisschen schwierig war. Einmal, als ich über die Prärie geritten bin, hab ich sogar was von einem Toten gegessen, auch wenn ich gleich klarstellen will, dass ich ihn nicht gut gekannt hab und wir ganz bestimmt nicht verwandt waren, und überhaupt ist es nur durch ein Missverständnis dazu gekommen.

Oben in Deadwood hab ich einen Wettkampf im Schießen gegen ein paar verdammt gute Schützen gewonnen, allesamt Weiße, nur ich hab als Einziger schwarz geglänzt wie Vulkanstein. Sogar Groschenromane wurden schon über mich verfasst, wobei manche behaupten, ich hätte den Namen Deadwood Dick, Schwarzer Reiter der Prärie, bloß angenommen, um im Leben mehr herzumachen, und in den Geschichten ginge es gar nicht wirklich um mich. Das ist nicht wahr, auch wenn die Romanschreiber in diesen Heften verdammte Lügen verzapft haben, und das will ich jetzt endlich von Anfang bis Ende richtigstellen. Aber ich sollte von vorne beginnen. Ich greife hier schon vor und lösch das Feuer, bevor’s brennt.

Losgegangen ist es wohl so: Wenn man Richtung Westen zieht und sich den schwarzen Soldaten anschließt, bekommt man echte Yankee-Dollar ausgezahlt, dreizehn pro Monat, außerdem zu essen und anzuziehen und ein Pferd zum Reiten. Das hatte ich im Kopf, als mein Abenteuer begann. Der Gedanke lag rum wie ein fauler Hund in der Sonne. An dem Tag aber, von dem hier die Rede ist, bekam der Hund plötzlich Feuer unter dem Hintern. Irgendwann später sah’s nach einer richtig guten Idee und klugen Berufswahl aus, aber das lag nur an einer Unwägbarkeit des Schicksals, wie das einer mal genannt hat. Jedenfalls wurde ich zu einem Lynchmord eingeladen.

Wobei ich nicht derjenige war, der den Strick halten oder ein frommes Lied anstimmen sollte. Ich war der Ehrengast. Die wollten mir den Hals langziehen wie einem Huhn die Gurgel am Sonntag vor dem Essen.

Als das passierte, war ich noch keine zwanzig Jahre alt. Und was ich gemacht hab, war keine Absicht gewesen. Pa hatte mich in die Stadt geschickt, um Mehl und so zu holen, ein Fußweg von ungefähr fünf Meilen. Hab mich nicht gefreut, einen Sack mit Mehl und Mais und anderen Sachen fünf Meilen zurückschleppen zu müssen, aber so war das nun mal. Wir hatten nur ein Pferd, und Pa war dabei, das Maisfeld zu pflügen. Also musste ich laufen.

Der Hinweg war in Ordnung, der Sack war leer und wog kaum was, es war ein schöner Tag, die Sonne hat alle und alles gewärmt, und die Vögel haben in den Bäumen gezwitschert, so fröhlich als wären sie klar bei Verstand. Ich hab fast den ganzen Weg gepfiffen. Bloß gut, dass keiner bei mir war, weil ich nicht gut pfeifen kann. Aber es war so ein schöner Morgen und ich war gut gelaunt, obwohl ich’s gleich mit Weißen zu tun bekommen sollte – und dann auch noch Veteranen aus dem Bürgerkrieg. Leuten, die ständig über den Krieg redeten, egal wer ihnen gerade über den Weg lief. Sie behaupteten, wenn der gute alte Robert E. Lee dies und nicht das gemacht hätte, wüssten wir Nigger noch, was uns zusteht und die, die’s nicht wüssten, bekämen die Peitsche, so dass sie spuren würden, weil wir nämlich alle nicht mehr in der Birne hätten, als Kleinkinder. Wenn wir uns selbst überlassen blieben, meinten sie, würden wir ziellos umherirren, uns weder richtig ernähren noch kleiden und es mit dem Vieh treiben.

Über sowas hab ich an dem Tag aber nicht nachgedacht. Ich hatte Spaß, einfach so dahinzuspazieren, unterwegs zu Wilkes Gemischtwarenladen, um von dem wenigen Geld, das Pa mit dem Verkauf von Kartoffeln und Tomaten im letzten Jahr eingenommen hatte, ein bisschen was zu kaufen. Er hielt das Geld so fest in seinen Krallen wie eine Krähe funkelndes Silberzeug, aber unsere Vorräte waren fast aufgebraucht, und ich musste was dazu besorgen, damit wir bis zur nächsten Ernte hinkamen und dann wieder von dem leben konnten, was wir auf unserem eigenen Land angebaut hatten. Bei Schwarzen kam das in etwa so selten vor, wie sie in einem überdachten Pferdewagen die Hauptstraße runterfuhren und Weiße ihnen von beiden Straßenseiten zujubelten und winkten.

Und mit einer Weißen hat auch der ganze Ärger angefangen. Als ich da mit dem leeren Sack über der Schulter langging dachte ich dran, wie ich’s hasste, bei Wilkes durch die Hintertür zu gehen und dann mit dem Sack dastehen zu müssen, bis der alte Wilkes oder sein Sohn Royce endlich mal auf die Idee kamen, mich zu fragen, was ich wollte, nur um mir dann für viel zu viel Geld das schlechteste Schrot und Mehl anzudrehen. Von mir wurde erwartet, dass ich verhandelte, ohne hochnäsig oder dreist zu erscheinen. Sowas kann einen fertig machen, egal ob jung oder alt. Aber das gehörte bei uns zum Überlebenstraining.

Allerdings bin ich überhaupt nicht bis zum Laden gekommen. Ich hab eine Abkürzung genommen, bin hinten rum über einen schmalen Pfad und dann zwischen den wenigen Häusern durch, vorbei an einem Hinterhof, wo eine Weiße Wäsche aufhängte. Vor fünf Jahren hatte sich das Haus noch am Stadtrand befunden, aber jetzt war die Stadt gewachsen, und es stand eingezwängt zwischen der Pferdestation und dem Frisör. Viel hat es übrigens nicht hergemacht. Das Land drum herum war nach dem Krieg verkauft worden, und wenn man den Eigentümer Mr. Sam Ruggert so reden hörte, hätte man meinen können, vor dem Krieg wär’s weites Ackerland mit üppigen Obstgärten gewesen, aber das stimmte nicht. Eher Disteln und Gestrüpp, und hätte Ruggert weniger Zeit in der Scheune mit seinem Schwarzgebrannten verbracht, hätte er vielleicht auch was anderes außer Unkraut anbauen können. Aber er sah das anders. Er meinte, seine Familie und er seien wegen des verlorenen Kriegs auf den Hund gekommen – und wenn man sich anhörte, was er regelmäßig in dem Laden, in den ich gerade wollte, so erzählte, dann waren die Yankees und die Nigger für jedes Loch in seiner langen Unterhose verantwortlich. Ruggerts Ansicht nach gehörte ich beiden Gruppen an: Letzterer seit meiner Geburt, der anderen aufgrund meiner Gesinnung. Dem Ruf nach war er ein eigenartiger und jähzorniger Mann, sogar gefährlich, wenn man ihm in die Quere kam. Vor seiner Bruchbude hingen ständig Felle zum Trocknen und auf einer Seite sackte das Dach durch. Wo eigentlich ein paar Schindeln hätten erneuert werden müssen, hatte er bloß eine Plane drübergelegt.

Als ich mit meinem leeren Sack vorbeikam, drehte ich mich um und sah die junge rothaarige Frau mit ihrem großzügigen, aber wohlproportionierten Körper am Zuber stehen, Wäsche auf eine Leine hängen und mit Klammern feststecken. Ich kannte sie vom Sehen, sonst nicht. Sie war Ruggerts dritte Ehefrau. Die erste hatte sich totgeschuftet, die zweite war davongelaufen, und diese hier war die Tochter der Davongelaufenen. Von hinten war sie eine attraktive junge Frau, aber von vorne erinnerte sie mit ihrem schmalen Gesicht und der langen Nase an die scharfe Klinge eines Hackebeils.
Allerdings war das nicht die Seite, die ich gerade ins Auge fasste. Ich geb gerne zu, dass ich neugierig war, weil ihr Hinterteil so viel anziehender wirkte als die Vorderseite, aber ich hatte absolut nichts Unanständiges vor. Ich hab nur den Kopf gedreht und gesehen, wie sie in den Korb gegriffen und sich ihr stattlicher Hintern unter ihrem dünnen karierten Kleid abgezeichnet hat.

In genau diesem kurzen schicksalsträchtigen Augenblick kam ihr Ehemann, der bereits erwähnte Sam Ruggert, zur Hintertür heraus und entdeckte mich. Die Vorstellung, dass ich gerade beäugt hatte, was auch jeder andere gesehen hätte, der vorbeigelaufen wäre, kroch ihm wie ein waidwundes Tier in den Arsch und verreckte. Und den Gestank konnte er nicht ertragen.

Er stand da und glotzte mich durchdringend aus kleinen Schweinsäuglein an. Am Körper trug er nicht mehr als Hose und Stiefel und sein dicker weißer Bauch hing wie ein Kartoffelsack über seinen Gürtel, seine Lippen zuckten wie zwei rote Würmer in seinem Bart, die verzweifelt versuchen, sich aus wild wucherndem Gras zu befreien.

Bevor ich mich versah, war die Fliege in der Buttermilch ersoffen. Er brüllte mich an, warf mir vor, ich hätte mich an einer Weißen vergangen, als hätte ich mir gewaltsam Zutritt zu seinem Grundstück verschafft und sie vergewaltigt. Dabei hatte ich nur was ganz Natürliches gemacht, nämlich ihr hübsches Hinterteil bewundert, als sie’s mir entgegenstreckte.

Inzwischen hatte sich die Frau umgedreht und mir durch den Anblick ihrer Visage jeglichen Spaß an ihrer Rückseite verdorben. Sie schimpfte mich alles Mögliche, und ihr könnt wetten, dass dabei auch zwei oder drei Mal das Wort Nigger fiel. Gottverdammter Bimbo war noch die freundlichste Bezeichnung, die die beiden für mich übrig hatten. Natürlich erwähnten sie auch meine Ohren, die wie weit aufgerissene Scheunentore von meinem Kopf abstanden.

So brüllten sie mich an und hörten nicht auf, und Ruggert sah sich um, hoffte wohl, irgendwo eine Axt oder eine Hacke oder am besten noch einen Stein zu finden, um mich damit zu bewerfen. Nichts davon war gerade zur Hand, also rannte er ins Haus. Ich wusste, dass er mit einer Waffe rauskommen würde. Höchstwahrscheinlich einer großen.

Hätte er mich wider Erwarten nicht erschossen, konnte ich bereits die aufgebrachte Bande von Weißen vor mir sehen, wie sie zähnefletschend mit einem Strick angerannt kamen, um mich ohne Prozess oder auch nur eine einzige weitere Frage an den nächsten Baum oder ein Vordach zu hängen. Sowas hatte ich schon mal erlebt. Ein alter Mann, den die Weißen Uncle Bob nannten, hatte was gesagt, das einem von ihnen sauer aufgestoßen ist, dabei war’s so läppisch gewesen, dass sich später keiner dran erinnern konnte. Im nächsten Augenblick baumelte Uncle Bob schon am Baum und brannte, weil sie ihm ein Streichholz ans Hosenbein gehalten hatten. Das aber erst nachdem eine nette Kirchgängerin ihm den Stall vorne aufgemacht, das Gemächt mit einem Taschenmesser abgeschnitten und einem Hund zum Fraß vorgeworfen hatte.

Ich war zehn Jahre alt, als ich das mit angesehen hab. Damals war meine Mama noch am Leben und zu Hause, der Krieg war vorbei und ihr Verkauf nicht mehr rechtmäßig, deshalb war sie zu uns zurückgekommen. Sogar Pa war schon frei. Als Junge war ich nur ein paar Jahre lang Sklave gewesen und kann mich zum Glück nicht mehr allzu gut dran erinnern. Wenn man so will, war der Mann, dem wir gehört haben, eigentlich ganz nett. Ich meine, er hat uns nicht geschlagen, aber wir waren trotzdem sein Eigentum. Wären wir weggelaufen, hätten sie uns mit Hunden und Gewehren gejagt. Und Mama hat er ja schließlich auch verkauft. Wenn ich also sage, dass er nicht so schlimm war wie andere, dann war’s wohl besser als woanders, aber zufrieden konnte man damit nicht sein.

Mama hat’s jedenfalls wieder nach Hause geschafft und eigentlich ging’s uns gut, aber leider nicht lange. Mir kam’s vor, als wär überhaupt nicht viel Zeit vergangen, bis sie krank wurde und gestorben ist. Aber das mit Uncle Bob war vorher. Mama und ich waren in die Stadt gegangen, um mit unseren wenigen Tauschwaren was zu besorgen, und bevor wir wussten, wie uns geschah, kam uns der alte Uncle Bob entgegengerannt wie ein Hund mit einem geklauten Schinken im Maul.

Der Mob war direkt hinter ihm. Sie haben sich auf ihn gestürzt wie ein riesiger Schwarm großer schwarzer Fliegen auf einen Hundehaufen. Mama wollte mir die Hand vor die Augen halten, aber ein Weißer sah uns da stehen und sagte zu Mama: »Nimm die Finger aus seinem Gesicht. Seht euch das gut an, damit ihr wisst, was euch blüht.« Alles ging so schnell und war so brutal, dass man in derselben Zeit nicht mal richtig in der Nase hätte bohren können, aber dann war’s auch schon vorbei, und absolut nichts Tröstliches dran zu finden. Uncle Bob war zerschnitten und erhängt. Einen toten Vogel vom Straßenrand haben sie auch noch aufgelesen und ihm in den Mund gestopft. Ich glaube, aus keinem anderen Grund als Gemeinheit.

Der Tag hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt, deshalb bin ich weggelaufen, nachdem ich Mrs. Ruggerts Hintern gesehen hatte. Ich lief zur Pferdestation und hab dem schwarzen Pferdejungen dort ein Pferd vor der Nase weggeklaut, der sagte: »Ach du Scheiße, jetzt sitzt du aber in der Klemme.«

Von einem Augenblick auf den anderen steckte ich nicht mehr nur aufgrund eines Missverständnisses in Schwierigkeiten, sondern hatte einen handfesten Diebstahl begangen.

Zeit, das Pferd zu satteln, hatte ich keine, und mir außerdem auch nicht das Beste ausgesucht. Die Mähre war alt und fast lahm. Ich ritt daher weniger aus der Stadt, als dass mein Pferd mit mir auf dem Rücken davonhumpelte.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, und beschloss, nach Hause zu reiten und Pa zu erzählen, was passiert war. Nach ungefähr einer halben Meile ließ ich das Pferd stehen, weil ich dachte, dass man’s mir dann vielleicht verzeihen würde. Natürlich war das nicht klar gedacht, denn schließlich sollte ich für etwas rein Zufälliges und Belangloses ermordet werden. Wäre das Pferd zurück zur Station getrabt, hätte reden können und die Situation erklärt, einen stichhaltigen Bericht der Ereignisse geliefert und allen versichert, dass ich es kopflos vor Angst nur geborgt hatte, hätte das keine Rolle gespielt. Hätte das Pferd das Wort zu meiner Verteidigung ergriffen, wäre es selbst zuerst aufgehängt worden und ich daneben, beide mit toten Vögeln zwischen den Zähnen.

Den Rest des Wegs rannte ich wie ein Reh und war noch nicht angekommen, als ich begriff, dass schon bald der Pöbel hinter mir her sein würde. Die Geschichte meiner Missetaten musste inzwischen so aufgebauscht worden sein, dass aus einem Fuß ein Yard geworden war. Bestimmt stand längst fest, dass ich nicht nur Ruggerts beilgesichtige Frau belästigt und ein Pferd gestohlen, sondern auch alle anderen Frauen im Umkreis irgendwie behelligt und deren Männer in ihrer weißen Männlichkeit beleidigt hatte, was auf keinen Fall toleriert werden durfte.

Auch ging mir in dem Moment auf, dass ich Pa vielleicht in Schwierigkeiten brachte. Aber bis ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, war ich schon zu Hause und traf ihn draußen auf dem Feld beim Pflügen an.

Er blieb stehen, um sich meine Geschichte anzuhören, und ich hab ihm die ganze schlimme Angelegenheit erklärt. Dann machte er das alte Pferd vom Pflug los und zusammen gingen wir zum Haus. Er band das Tier dort fest, und wir sind rein. Unter ein paar Bodendielen lag in einem Sack eine in Ölpapier eingewickelte Pistole. Eine Kaliber 44, erklärte mir Pa, deren Perkussionsschloss auf Patronen umgerüstet worden war. Als er sie mir gab, wär ich fast durch den Boden gekracht, so schwer war das Ding.

»Lauf jetzt besser«, meinte er. »Ich sag nicht, dass ich dich gesehen hab. Den alten Gaul nimmst du nicht mit, der wär sowieso tot, wenn du ihn einen Nachmittag lang richtig reiten würdest, und dann würden sie wissen, dass du hier warst und ihn genommen hast, und du hast sie direkt an den Fersen. Am besten rennst du querfeldein runter zum Bachbett, da kannst du dich zwischen den Bäumen verstecken. Geh weiter, bis du zum Kiefernwald kommst, den durchquerst du in westlicher Richtung und dann immer weiter. Und mein Sohn, am besten kommst du nie wieder zurück, denn die werden auf dich warten. Wenn’s um Schwarze geht, haben Weiße ein gutes Gedächtnis für unwichtige Sachen. Und dieser Ruggert ist einer von den Schlimmsten.«

Ich nickte, fühlte mich so schwach, dass ich kaum stehen konnte und hatte noch gar nicht ganz verstanden, dass ich für immer fortgehen sollte.

»Nimm die Pistole. Sie ist geladen, aber benutz sie möglichst nicht. Doch wenn sie dich kriegen und sich ein ganzes Rudel auf dich stürzt, nimmst du sie in beide Hände und zielst dahin, wo du die meisten erwischst. Eine Kugel hebst du für dich selbst auf, jagst sie dir in den Kopf und lässt es gut sein, weil es nur noch viel schlimmer kommt, wenn sie dich lebendig in die Finger kriegen.«

Ich hatte sowieso schon eine Riesenangst, aber nach seinen guten Ratschlägen hatte ich’s umso eiliger. Bevor ich kapierte, was los war, nahm Pa seine alte billige Taschenuhr und gab sie mir, als könnte es unter den gegebenen Umständen wichtig sein, zu wissen, wie spät es ist. Dann umarmte er mich. Ich vergrub die Uhr ganz tief in meiner Tasche, steckte den Colt in einen Sack und war innerhalb weniger Minuten aus dem Haus und übers Feld gerannt, runter in die tiefe Bachrinne hinten.

Im Rennen hörte ich Pa rufen: »Lauf, Willie, lauf!«

Ich bin gelaufen wie nichts Gutes, und so hat es nicht lang gedauert, bis ich zu dem von Bäumen gesäumten Bach kam. Als ich die Böschung runterkletterte, stolperte ich und hätte dabei fast das riesige Schießeisen verloren. Zum Glück kam ich aber gleich wieder auf die Füße und rannte durch das flache Wasser, das die Rinne wie eine dünne, nasse Schlange entlangkroch. So lang ich im Wasser war, dachte ich, würden mich die Hunde nicht riechen können, und wenn genug Steine auf dem Grund des Baches lagen, würde sich meine Spur verlieren. Der Plan ging schnell zum Teufel, als ich merkte, dass ich nur im Matsch watete und eine Spur hinter mir herzog, der sogar ein Blinder am Stock hätte folgen können. Es dämmerte mir auch, dass ein Hund gar nicht meine Füße wittern musste, nur mich, das würde schon genügen. Trotzdem ging ich weiter, und es kam mir gar nicht lange vor, bis ich erreichte, was ich gesucht hatte: den Kiefernwald.

Ich kletterte die Böschung rauf und verschwand zwischen den Bäumen, da hörte ich auch schon Hufe durchs Wasser spritzen. Sie waren schneller hinter mir her, als ich mir hatte vorstellen können. Einen Moment blieb ich stehen, riskierte einen Blick und sah ein Pferd über die Uferkante steigen, und obendrauf saß Ruggert, jetzt mit Hemd und einem alten schwarzen Hut. Im Holster an seiner Hüfte hing ein Revolver.

Er war kaum oben angekommen, als auch schon ein anderer auf einem Pferd folgte. Ich hab nicht gewartet, um zu zählen, wie viele es waren. Dass sie in der Überzahl waren, wusste ich ja.

Sie trennten sich, schwärmten zwischen den Kiefern aus, und ich nahm die Beine in die Hand. Ich hielt es für das Schlauste, einen großen Bogen um sie herum zu machen und hinter ihnen wieder in den Bachlauf zu steigen. Hunde hatten sie keine dabei, sich aber korrekt ausgerechnet, dass ich erstmal zu Pa laufen würde, und ich begriff, dass sie deshalb so schnell hinter mir her waren, weil sie meine Fußabdrücke auf dem frischgepflügten Feld gefunden hatten.

Ich rannte zurück durch den Wald zum Wasser, aber an eine Stelle viel weiter vorne. Als ich wieder die Böschung runterkletterte, war dort kein kleines Rinnsal mehr. Der Bach war eher ein Sumpf. Schilf wuchs an den Seiten, altes trockenes Holz schwamm darin und sogar ein paar Bäume wuchsen dort. Mir fiel nichts Besseres ein, als hindurchzuwaten und zu versuchen, es bis ans trockene Land zu schaffen, was noch ein gutes Stück entfernt war.

Ich ließ mich mit dem schweren Pistolensack ins Wasser runter, das nicht tief war, aber sehr schlammig. Dann lief ich dorthin, wo die Bäume ganz hinten am dichtesten standen, und war noch nicht weit gekommen, als ich ein Pferd ins Wasser platschen hörte. Ich drehte mich um und sah, dass es kein anderer als Ruggert war, der auf mich zugeritten kam, wobei sein Pferd im Matsch erhebliche Probleme hatte.

Er schrie den anderen zu, er habe mich in die Enge getrieben, und da wurde das Wasser tief und plötzlich stand ich bis zum Hals drin, umklammerte den Sack mit der Pistole, wusste aber, dass sie wahrscheinlich nass war und sich gar nicht mehr abfeuern lassen würde.

Ich machte einen weiteren Schritt und merkte, dass das Wasser noch tiefer wurde. Bevor ich »Scheiße« sagen konnte, war ich auch schon untergetaucht.

Keine Ahnung, wie tief, aber mir kam es ganz schön tief vor. Sicher weiß ich nur, dass es nass war und ich prustend wieder an die Oberfläche kam. Gleichzeitig fiel ein Schuss und über dem Ohr spürte ich ein Brennen am Kopf, als hätte mich ein Blitz getroffen. Dann wurde alles schwarz.

Ich kann nicht lange ohnmächtig gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam, stand Ruggert auf seinem Pferd genau über mir. Noch im Sattel streckte er die Hand aus, wollte mich am Kragen packen, hochziehen und seitlich ans Pferd binden, um so mit mir aus dem Wasser zu reiten und anschließend richtig Hand anzulegen.

Im Vergleich zu ihm war ich eher leicht und dünn. Er war stark und versuchte, mit seinem Pferd aus dem Wasser zu steigen, und mich dabei mitzuschleifen. In dem Moment hab ich weit ausgeholt mit meinem Pistolensack, den ich sogar bewusstlos noch fest umklammert hielt, und ich will verflucht sein, wenn ich ihm nicht ordentlich eine verpasst hab – ungefähr an der gleichen Stelle, an der mich sein Streifschuss erwischt hatte.

Er gab ein Geräusch von sich wie eine Kuh beim Kalben, und schon lag er reglos mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Ich weiß nicht warum, aber ich hab ihn umgedreht, damit er nicht ertrinkt. Dabei hab ich ihm ins Gesicht gesehen und ihn kurz betrachtet. Er sah älter aus, als er war. Seine Stirn war voller Falten und dort, wo ich ihn erwischt hatte, wuchs eine rote Beule. Sein Schnurrbart war nass und grau meliert. Ich stellte fest, dass er zwar stämmig war, aber eigentlich nicht groß, eher klein und muskulös, und einen dicken Bauch hatte er. Keine Ahnung, warum ich ihn mir so genau angesehen habe, aber ich hab’s gemacht und dann ließ ich ihn treiben und hab mich beeilt, da rauszukommen, weil ich dachte, dass sich die anderen gleich auf mich stürzen. Kein Alligator wäre schneller durch den Sumpf gerast als ich, obwohl ich Angst hatte, einem zu begegnen, zumal es Schwemmland war und der Sabine River gar nicht weit.

Ich hatte keine Ahnung, wie weit ich gelaufen war oder wie lange es dauern würde, bis Ruggert gefunden wurde, den ich zu dem Zeitpunkt für tot hielt. Ich bin einfach immer weiter.

Die Bäume wuchsen jetzt dichter in dem Sumpf und der Untergrund wurde trockener. Eine ganze Weile später hatte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen, bewegte mich relativ mühelos durch einen Laubwald, in dem sich auch vereinzelt Kiefern fanden. Allmählich verkroch sich der Tag, und ich blieb ein paar Mal stehen, um mich auszuruhen, lauschte nach Hufgeklapper, hörte aber nichts. In dem dichten Wald konnte ich die Sonne kaum erkennen und nicht feststellen, wo sie unterging, ich war total durcheinander, was die Himmelsrichtungen anging.

Als die Bäume lockerer standen, kam ich an eine Lichtung. Ich blickte hinaus und merkte, dass ich im Kreis gelaufen und wieder an unserem Land angekommen war, nur dass jetzt dort, wo vorher unser Haus gestanden hatte, ein Haufen aus schwarzer Asche und verkohlten Brettern lag.

Mein erster Antrieb war, rüberzurennen und Pa zu suchen, aber ich hab’s nicht gemacht. Es war eine schwere Entscheidung, aber ich hatte mich den ganzen Tag durch den Sumpf und die Wälder geschleppt, zu meiner Rechten ging jetzt die Sonne unter wie ein zerquetschter Apfel und wies mir endlich den Weg nach Westen. Ich setzte mich zwischen die Bäume, den Sack mit dem Colt auf dem Schoß und wartete, bis es richtig dunkel war.

In der Nacht schien der Mond nur ein kleines bisschen, aber es reichte, so dass ich mich übers Feld zu unserem niedergebrannten Haus schleichen konnte. Im Mondlicht sah ich mich um, so gut es ging, hatte Angst, Pas Leiche zu finden, und tat genau das. Er war noch schwärzer als schon von Natur aus und qualmte wie ein Haufen glühender Tabak, seine Rippen und sein Schädelknochen waren freigelegt, das Feuer hatte das Fleisch runtergebrannt.

Unser Schwein hatten sie zu ihm geworfen, es anscheinend vorher erschossen oder erschlagen. Es war genauso verbrannt wie er, nur die Beine ragten in die Luft, und aus den Schweinehufen stiegen kleine Rauchwölkchen auf, wie Wattebäusche. Es roch nach gebratenem Schweinefleisch, jedenfalls wollte ich mir das einbilden, und ich bekam gleichzeitig Hunger und mir wurde schlecht.

Ich war so schwach, dass ich fast nicht mehr stehen konnte. Es war zu heiß, um reinzugehen und Pa rauszuziehen, und es war sowieso egal. Er würde sich nicht mehr erholen und wieder gesund werden. Er war so tot, wie man nur sein konnte, und sie hatten ihn entweder da drin umgebracht oder es vorher getan und ihn dann mit dem Schwein in die Hütte gesperrt und sie angezündet, einfach nur so. Mir war nicht klar, was sie für ein Problem mit dem Schwein gehabt hatten. Wahrscheinlich hatten sie einfach bloß noch was anderes umbringen wollen, und da ich nicht zur Hand gewesen war, hatte das arme Schwein dran glauben müssen.

Ich fand, dass ich Pa dennoch nicht dort liegen lassen konnte, bis er abgekühlt war, und ging zur Scheune raus, die sie nicht abgefackelt hatten, holte einen Strick und zog seinen toten Körper mit dem Lasso aus unserer zerstörten Hütte. Ich legte ihn unter eine alte Eiche, holte noch eine Schaufel aus der Scheune und begrub ihn. Dabei hat er immer noch gequalmt. Ein Kreuz hab ich nicht gemacht und auch keinen Steinhaufen, weil ich nicht wollte, dass man sah, wo er lag, falls die rachsüchtigen Bastarde sich auch noch an seinen Überresten vergreifen wollten. Ich klopfte die Erde schön fest und warf noch ein paar Blätter mit der Schaufel drüber, so dass das Grab nicht zu finden sein würde, wenn man nicht danach suchte.

Als ich fertig war, überlegte ich, ob ich’s vielleicht riskieren konnte, in der Scheune zu schlafen, da sah ich im Mondschein zwischen den Bäumen am Bach die Umrisse von vier Reitern. Sie bewegten sich auf die Hütte zu.

Mit der Schaufel und meinem Pistolensack, den Strick zusammengerollt über der Schulter, verzog ich mich in den Wald, kauerte mich auf den Boden und beobachtete sie. Ruggert erkannte ich sofort an der Art, wie er im Sattel saß. Er war nicht tot. In dem Moment wünschte ich, meine Pistole wäre nicht nass gewesen, denn ich wollte es nicht drauf ankommen lassen und abdrücken, wenn sie am Ende vielleicht gar nicht losging. Trotzdem holte ich sie aus dem Sack, Wasser lief aus dem Lauf, ich sah in den Kammern nach und entdeckte drei Kugeln. Selbst wenn sie funktioniert hätte, hätte ich mich damit nicht wehren können, erst recht nicht, wenn ich noch eine Kugel für mich selbst aufsparen wollte. Aber ich behielt sie trotzdem, für den Fall, dass mir keine andere Wahl blieb.

Da saß ich also, im Schutz des Waldes, hockte auf meinem Hintern, sah die Pferde in einer Reihe hintereinander zur Hütte traben und hörte die Männer jetzt sogar reden. Die Nachtluft trug jedes einzelne Geräusch so klar und deutlich zu mir herüber, als hätten sie direkt neben mir gestanden. Ich belauschte sie, bis sie an die Ruine kamen. Sie sahen sich eine Weile um, stiegen aber nicht von den Pferden.

»Anscheinend ist er total verbrannt, Sam«, sagte einer der Männer direkt neben Ruggert. »Ich kann nicht mal mehr Knochen erkennen.« Ich hatte ihn schon in der Stadt gesehen, kannte ihn aber nicht gut, wusste nur, dass er ein Säufer war und Hubert oder so ähnlich hieß. Die anderen kannte ich gar nicht.

»Ich will den verdammten unverschämten Nigger«, sagte Ruggert. »Will ihn aufschlitzen, hängen, abfackeln und sonst noch was.«

Der unverschämte Nigger war natürlich ich.

»Wenn wir schon mal hier sind, sollten wir die Scheune auch noch abbrennen«, sagte Ruggert. »Ich glaub, die haben Hühner, die können wir abmurksen.«

»Ach, scheiß drauf«, sagte der auf dem Pferd neben ihm. »Lass uns zurückreiten. Mir reicht’s. Einen haben wir erwischt, ich bin zufrieden.«

»War ja auch nicht der Hintern deiner Frau, den er angestiert hat«, sagte Ruggert.

»Verdammt, ich glaub, der Hintern ist das Einzige, was für deine Frau spricht«, sagte ein anderer. »Hab hin und wieder selbst mal einen Blick riskiert.«

»Aber der Nigger hat geglotzt«, erwiderte Ruggert. »Wenn’s ein Weißer macht, kann ich das verstehen, aber ein Nigger? Das darf nicht sein, und das weißt du auch.«

»Wir haben getan, was wir konnten, für mich ist der Fall erledigt«, sagte Hubert. »Ich werd nicht die ganze Nacht einen Nigger durch den Sumpf jagen.«

»Ich wollte auch erst morgen früh wieder los«, sagte Ruggert.

»Ohne mich«, meinte einer der Männer.

»Ich muss zum Essen zu Hause sein«, behauptete ein anderer.

»Ich geb nicht auf, bis ich ihn habe«, erklärte Ruggert. »Und wenn ich einen Fährtenleser holen muss.«

In dem Moment hörte ich hinter mir ein Geräusch, als würde sich was anschleichen. Ich hab mich mit der großen Pistole in der Hand umgedreht und gehofft, dass sie zündet, wenn’s drauf ankommt, und unsern alten Ackergaul entdeckt, der Jesse hieß. Er kam durch den Wald direkt auf mich zuspaziert. Verdeckt von einem Baum, stand ich auf, und das Pferd kam rüber zu mir und hat mich angesehen, wollte wahrscheinlich das Getreide haben, das es noch nicht bekommen hatte. Es wieherte leise.

Ich hörte Ruggert sagen: »Da ist das Pferd von dem alten Nigger.« Ein Schuss fiel, Jesse bäumte sich leicht auf, machte kehrt und galoppierte unter Schmerzen davon.

Ein weiterer Schuss wurde in den Wald abgefeuert, in die Richtung, in der Jesse verschwunden war, dann war es wieder still. Ich legte mich flach auf den Boden und spähte hinter dem Baumstamm hervor. Jetzt ritten sie davon. Sie hatten unser Haus abgebrannt, meinen Pa und unser Schwein getötet, unsere Hühner bedroht und unser Pferd angeschossen. Und versucht, mich umzubringen. War ein anstrengender Tag für sie gewesen.

Ich überlegte, ihnen in die Stadt zu folgen und alle vier abzuknallen. Aber selbst in meinem Zustand wusste ich, dass das kein guter Plan war. Im Vergleich zu denen war ich ein Kind, sie hatten geladene Pistolen und ich nur ein altes, nasses Schießeisen, das vielleicht nicht mal funktionierte, und selbst wenn, hatte ich nur drei Schuss, und sie waren zu viert.

So sehr ich mich auch darüber ärgerte, ich blieb liegen und ließ sie davonreiten. Als ich sicher war, dass sie weg waren, steckte ich die Pistole in den Sack und ging in den Wald auf die Suche nach Jesse. Ich fand ihn gleich. Er war alt und wirklich kein Rennpferd mehr. Hab ihn gestreichelt und gesehen, dass ihn die Kugel unten am Bauch gestreift hatte. Anscheinend war knapp daneben schießen Ruggerts Spezialität.

Ich verließ den Wald und wie erwartet, folgte mir Jesse zur Scheune. Ich öffnete das Tor, ließ ihn rein, fütterte ihn mit Getreide, holte einen Eimer Wasser vom Brunnen und kippte ihn in seinen Trog. Dann sah ich mich nach Essbarem um, aber da war nichts. Hinter der Scheune hatten wir ein paar Hühner im Stall, ich ließ sie frei, da sie sowieso keiner mehr füttern würde, sammelte ungefähr ein halbes Dutzend Eier ein, die an diesem Tag noch niemand geholt hatte und legte sie in einen Futtereimer. Dann kehrte ich damit in die Scheune zurück, nahm sie alle aus dem Eimer und legte sie ins Heu.

In der Scheune waren ein paar Streichhölzer, und mit ein bisschen Heu und ein paar Stöcken von draußen machte ich ein kleines Feuer, stellte den Eimer auf ein paar Scheite, schlug die Eier auf und briet sie auf dem Eimerboden. Sie klebten fest, aber ich hab sie mit den Fingern abgekratzt, als der Eimer und die Eier so weit abgekühlt waren, dass es sich aushalten ließ. Hab mir das Rührei von den Fingern geschleckt.

Nach dem Essen hab ich mich zwei Stunden zum Schlafen hingelegt. Und bin heulend aufgewacht. Ich hab um Mama geweint, weil sie tot war, und um meinen ermordeten Pa. Ich war zornig, weil man mich gejagt und beinahe umgebracht hätte, nur weil ich einer Weißen kurz auf den Hintern geguckt hatte. Außerdem war ich wütend, weil sie auf den armen alten Jesse geschossen hatten, der ihnen so gefährlich hätte werden können wie ein wehendes Blatt im Wind.

Ich erhob mich von der Pferdedecke, die ich zum Schlafen ausgebreitet hatte, holte Sattel und Zaumzeug und legte es Jesse an. Dann führte ich ihn nach draußen. Die Nacht war still und die Luft frisch. Der Mond tauchte alles in goldenes Licht, so geschmeidig wie mit dem Messer verstrichene weiche Butter. Seltsam, dass die Welt so hübsch aussah und die Luft so rein schmeckte, wo doch mein Pa unter einem Baum vergraben lag.

Ich führte Jesse an die Eiche, wo ich mich von Pa verabschiedete. Mama lag auf dem Friedhof für Schwarze. Kurz hab ich überlegt, ob ich ihr Grab besuchen sollte, aber dann dachte ich, dass sie und Pa tot waren und es keine Rolle mehr spielte. Mama hat mir mal gesagt, dass ich’s besser haben sollte, und geglaubt, wo ich jetzt frei war, wär das vielleicht möglich. Sie sagte: »Wenn du eine Chance siehst, dann musst du sie ergreifen.«

Mir fiel auch wieder ein, wie sie krank im Bett lag, wie sie im Sterben meine Wange mit der Hand berührte und sagte: »Willie, du bist unsere Hoffnung. Du musst was aus dir machen. Du bist für was Besseres bestimmt.«

Na ja, ich wusste nicht, ob sie recht hatte, aber ich wusste, dass Mama dran geglaubt hat, und ich wollte auch dran glauben. Lieber einem Traum nachjagen, den sie sich für mich ausgedacht hat, als an ihr Grab gehen. Das eine hatte Zukunft, das andere nicht.

Mir fielen die Geschichten ein, die ich über die Armee der Schwarzen gehört hatte, und beschloss, ihren Vorposten draußen in West Texas anzusteuern, was kein Katzensprung war. Ich führte Jesse an den Bach und die Böschung runter. Als er im Wasser stand, stieg ich auf und Jesse platschte voran, bis zum Sumpfland. Dort stiegen wir aus der Rinne und ritten eine Weile auf dem Weg, der am Sumpf entlangführte. Wir kamen an der Stelle vorbei, wo ich mich mit Ruggert gekeilt hatte. Obwohl Jesse sich abmühen musste, als würde er einen Pflug ziehen, kamen wir ein paar gute Meilen voran. Über dem Sumpf lag so dichter Nebel, dass es aussah, als wär eine Wolke vom Himmel gefallen. Wir ritten mittendurch, und die Feuchtigkeit klebte an uns wie ein nasser Lappen.

Schließlich brannte die Sonne den Nebel herunter. Wir verließen den Weg und wanderten zwischen Bäumen weiter. Der Boden war mächtig sauber, bis wir in die Nähe des Flusses kamen, wo Brombeersträucher wuchsen.

Ich hatte Getreide für Jesse mitgenommen, und als es gut war und hell, blieb ich stehen und ließ ihn direkt aus dem Sack fressen. Aber nur so viel, dass er nicht einknickte, wenn er außerdem noch Wasser trank. An Trinkbarem hatten wir nur das Wasser, das ich in den alten Whiskeykrug aus der Scheune gefüllt und mit einer Schnur am Sattel festgebunden hatte. Aber da war noch der Sabine River, den wir gleich überqueren würden. Für ein Pferd war das Wasser in Ordnung, aber ich selbst hatte beim Fischen mal davon getrunken und so schlimmen Dünnpfiff bekommen, dass ich schon glaubte, den Rest meines Lebens auf dem Klo verbringen zu müssen.

Der Sabine war breit, aber auch tief, und Jesse musste schwimmen. Das Wasser war träge, zwei Schildkröten schauten raus und paddelten schnell weiter. Ich beobachtete ihre schlangenartigen Köpfe, während sie im Schatten der überhängenden Bäume am Ufer im Fluss trieben. Ein fetter Barsch schwamm vorbei, er war so bunt und das Licht so hell, dass ich ihn gut erkennen konnte, und von seinem Anblick allein bekam ich schon wieder Hunger.

Ein paar Mal dachte ich, Jesse würde schlapp machen, aber er blieb dabei, und wir kamen heil auf der anderen Seite an. Ich stieg ab, nahm eine Handvoll schweren, stinkenden Schlamm vom Ufer und klatschte ihn mir auf meine Wunde am Kopf, die aufgerissen war und jetzt heftig blutete. Auch auf Jesses Streifschuss packte ich ein bisschen Matsch und führte ihn so lange, bis ich glaubte, dass er genug verschnauft hatte, so dass ich weiterreiten konnte. Wir bewegten uns immer weiter, stetig wie das Ticken einer Uhr, immer weiter raus nach Westen.

2

Viel weiter als bis zur Mitte von East Texas kamen wir an diesem Tag nicht, und zum Schluss hatte ich so einen Hunger, dass ich gebuttertes Maisbrot über den Boden kriechen sah. Ich gab Jesse zu fressen und kaute selbst auch was von seinem trockenen Getreide. Es machte nicht mal annähernd satt. Keine Ahnung, was Jesse dran fand. Das war kein besonders vernünftiger Gedanke, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon nicht mehr klar bei Verstand. Ich hielt mich immer noch an Orte, wo ich eher nicht gesehen wurde, doch nach den Ereignissen des Vortags und weil ich nur kurz geschlafen hatte, war ich so kraftlos, dass ich schließlich einfach der Sonne folgte. Hätte Ruggert mich jetzt erwischt, wäre ich erledigt gewesen. Überall hatte ich Zecken und Sandflöhe und alles juckte, auch meine Weichteile, und ich wusste, wenn ich Halt machte, käme ich vielleicht nicht wieder in Gang.

Der Wald wurde lichter, und ich stieß auf eine gerodete Stelle, überall waren noch Stümpfe zu sehen. Auf dem gut gepflügten Land dahinter war auf ungefähr acht Hektar Gemüse angebaut. Daneben sah ich ein heimelig wirkendes Haus, eine Scheune und einen Holzzaun, außerdem ein Mastgehege. Es wirkte alles gut gepflegt, was ich immer zu schätzen wusste. Und wahrscheinlich würde ich es auch zu schätzen wissen, mir was aus dem Garten einzuverleiben.

Inzwischen war’s heiß geworden. Ich band Jesse an einen Baum, nahm die Pistole aus dem Sack, legte diesen auf den Boden, die Pistole drauf und kroch in den Garten. Ich pflückte ungefähr ein halbes Dutzend Tomaten von den Sträuchern – große, dicke –, dann schob ich mich weiter zum Mais und riss ein Dutzend Halme ab, teilweise gleich mit mehreren Kolben dran. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, einfach anderer Leute Ernte zu plündern, aber ich war an einen Punkt gelangt, wo ich essen musste, sonst wäre ich ohnmächtig geworden.

Als ich wieder zu der Stelle zurückkam, wo Jesse festgemacht war, gab ich ihm die Maisstiele und aß den frischen Mais selbst. Wie gern hätte ich die dicken saftigen Kolben mit ein bisschen Salz in kochendes Wasser gelegt. Ich aß die Tomaten, oder jedenfalls vier davon. Danach war ich satt. Was übrig blieb, bekam Jesse.

Wir warteten die Mittagshitze ab. Ich schlief auf Kiefernnadeln und hoffte, Jesse würde nicht auf mich drauftreten. Eine Hand ließ ich dabei auf der alten Pistole liegen.

Als ich aufwachte, war es kühl und dunkel. Jesse stand mit gesenktem Kopf da. Ich holte meinen Sack, packte die Pistole ein, führte Jesse am Acker entlang bis zum Ende und spazierte weiter zur Scheune und zur Koppel.

In dieser Nacht war die Mondsichel noch schmaler geworden, aber es war trotzdem hell genug zum Weitergehen. Ich sah sogar eine Bullennatter über den Boden gleiten, hübsch wie nur was. Da wusste ich, dass ich weit genug unten war und hätte mitkriechen können.

Ich kam an die Koppel. Ein paar Pferde standen drauf. Die Scheune war offen, und die Pferde konnten rein und raus, wie’s ihnen gefiel.

Ich nahm Jesse den Sattel und das Zaumzeug ab und ließ ihn auf die Koppel laufen. Dann nahm ich Pas Uhr aus dem Sack und legte sie auf einen Zaunpfahl. In dem Moment kam sie mir schwer vor wie ein Amboss. Jesse und die Uhr waren alles, was mir von ihm geblieben war. Trotzdem hätte er nicht gewollt, dass ich ein Pferd nähme, ohne dafür zu bezahlen, auch wenn Jesse und die Uhr nicht annähernd so viel wert waren, wie jedes einzelne dieser schönen Cayuse-Pferde auf der Koppel.

Ich tätschelte Jesse, fühlte mich ganz krank, ihn stehen zu lassen, aber ich dachte, wem auch immer der hübsche Hof hier gehörte, er würde sich besser um ihn kümmern, als ich das konnte. Am liebsten hätte ich einen Brief geschrieben und demjenigen gesagt, wie toll er gepflügt hatte und was für ein guter Mensch er sein musste, aber ich hatte keinen Bleistift und kein Papier.

Ich nahm Jesses Zaumzeug und die Zügel, stieg über den Zaun und näherte mich den Pferden. Den Sack mit der Pistole hatte ich an meinem Gürtel festgemacht. Das Pferd, das ich mir ausgesucht hatte, war ein großes schwarzes. Ich versuchte, es zu beruhigen, aber es wich immer wieder vor mir zurück und schnaubte.

Ich gurrte es an wie eine Taube und hätte es fast mit den Händen packen können, als es sich plötzlich aufbäumte, mit den Vorderbeinen austrat und mich mit einem Schlenker erwischte. Ich blieb unverletzt, aber es war knapp. Gerade wollte ich aufstehen, als ein großer Mann mit Schlapphut aus der Dunkelheit trat, sich über mich beugte und mich in ein großes Loch am Ende eines Pistolenlaufs gucken ließ. Selbst im Mondlicht konnte ich erkennen, dass eine geflickte Konföderiertenhose in seinen hohen Stiefeln steckte.

»Sei bloß still«, sagte er, »sonst muss ich dich erschießen.«

Er richtete sich wieder auf und so wie das Mondlicht auf ihn fiel, erkannte ich sein Gesicht unter der Hutkrempe ganz deutlich. Es war ein raues altes Gesicht, kantig und verbraucht, wie Ackergerät. Auch der verfilzte Backenbart trug zu dem Eindruck bei.

»Ich wollte nichts stehlen«, sagte ich.

»Nein?«, fragte er. »Fast hätte ich’s geglaubt.«

»Ich hätte ein Pferd und eine Uhr zum Tausch dagelassen«, sagte ich.

»Hättest du, ganz bestimmt …« Er sah sich um, sein Blick blieb an Jesse hängen. »Wär der Klappergaul da noch ein bisschen älter, könnte es das trojanische Pferd sein.«

Ich hatte noch nie von einem trojanischen Pferd gehört, aber ich vermutete, dass es ein sehr altes sein musste.

»Hab auch eine Uhr dagelassen«, sagte ich.

»Ach was, wirklich?«

»Hab ich«, sagte ich und wollte aufstehen, weil ich auf einen großen Haufen Pferdeäpfel gefallen war. Die Kacke war nicht nur nass, sondern sickerte schon durch mein Hemd und stank fürchterlich.

»Was macht die Uhr?«, fragte er.

Ich ahmte ein Ticken nach.

»Nein, das mein ich nicht«, sagte er. »Läuft sie gut?«

»Läuft einwandfrei, nur das Glas ist ein bisschen verkratzt von den Münzen und so in Pas Tasche.«

»Sieht man die Zeiger noch?«

»Mit guten Augen schon.«

»Ich hab aber schon eine Taschenuhr.« Nachdem er mich ein paar Augenblicke lang eindringlich gemustert hatte, sagte er: »Ich sollte dir einen Knoten in den Schwanz binden, mein Sohn, dafür dass du dich hier draußen auf meiner Pferdekoppel rumtreibst.«

»Bin in einer verzweifelten Lage«, erklärte ich.

»Ach was, wirklich?«, sagte er.

Eine Weile verharrten wir in dieser Stellung, als wollten wir für ein Gemälde Modell sitzen, dann blickte er gen Himmel und sagte: »Hättest von der anderen Seite kommen müssen, an der Scheune entlang, dann auf die Koppel und das Pferd in die Scheune treiben, wo du nicht gesehen werden kannst. Wenn ein Pferd in der Scheune steht, hat’s nicht so viel dagegen, wenn sich einer nähert oder es von den anderen trennen will. Wahrscheinlich macht es da eher kein Geräusch.«

»Hab ich nicht gewusst«, sagte ich. Ich hielt es für das Beste, höflich zu sein und ihm die Führung zu überlassen.

»Na ja, ist bloß ein kleiner Hinweis, aber wenn du Pferdestehlen zu deinem Beruf machen willst, kannst du ein paar Tipps gebrauchen.«

»Waren Sie selbst in der Branche tätig?«, fragte ich.

»Das war ich, aber damals war Krieg, und da fanden wir’s in Ordnung, Pferde zu stehlen.«

»Ich bin sozusagen auch im Krieg, hab’s wohl ähnlich gesehen.«

»Ach was, wirklich?«

Ich stützte mich auf meine Ellbogen, versuchte, den Kerl genauer zu betrachten, fragte mich, ob ich einfach über den Zaun springen und schnell weglaufen sollte. Aber irgendwas an der Art, wie er die Pistole hielt, als wär sie Teil seiner Hand, ließ mich wie angewurzelt sitzen bleiben.

»Ich sag dir was«, meinte er nach einer so langen Pause, dass fast schon wieder die Sonne aufging. »Wieso erzählst du mir nicht, warum du mein Pferd stehlen wolltest.«

»Wollen Sie das wirklich hören?«, fragte ich.

»Sonst hätt ich nicht gefragt, oder?«

Ich überlegte, ob ich lügen sollte, merkte aber, dass ich’s gar nicht hinbekommen hätte, also hab ich’s erzählt, wie’s war, und auch nicht vergessen zu erwähnen, dass ich das erste gestohlene Pferd laufen gelassen hatte und es wahrscheinlich längst wieder in der Station stand und machte, was Pferde nachts am liebsten machen.

»Das ist vielleicht eine Geschichte«, sagte er, als ich fertig war.

»Ist die Wahrheit.«

»Ach was, wirklich?«

»So wahr, wie’s geht«, sagte ich, was mir ein bisschen wehtat, kaum dass ich’s gesagt hatte, weil’s so klang, als hätte ich gelogen und nur so getan, als wär’s die Wahrheit gewesen.

»Schwörst du, dass es die Wahrheit ist?«

»Ich schwör’s.«

»Hast du dich mit deiner Mama gut verstanden?«, fragte er.

»Richtig gut. Mit meinem Pa auch. Ich mag Maisgrütze und kann auch Rübenkraut vertragen, wenn’s richtig gewürzt ist.«

»Deinen Pa haben sie verbrannt?«, fragte er. »Der, den du gemocht hast?«

»Hab nur den einen gehabt.«

»Ich hatte zwei«, sagte er. »Einer hat mich gemacht, der andere großgezogen. Aber richtig gut verstanden hab ich mich mit keinem von den beiden. Na ja, ich weiß nicht, wie ich mich mit dem verstanden hätte, der mich gemacht hat, hatte ja keine Gelegenheit, es rauszufinden. Als er einfach abgehaun ist, hat das unserer Beziehung einen Knacks gegeben.«

»Kann ich verstehen«, sagte ich.

»Hast du die Ohren von deiner Ma oder deinem Pa?«

»Von meinem Pa«, sagte ich.

»Ein Glück. Wenn du sie von deiner Ma gehabt hättest, hätte sie lange gebraucht, um sich ein Kopftuch umzubinden. Ein Mann kommt mit solchen Ohren besser klar. Na gut. Steh auf.«

Er führte mich mit vorgehaltener Waffe ins Haus, ging hinten rum mit mir rein und ließ mich mein scheißeverschmiertes Hemd und die Hose ausziehen, die Schuhe auch. Ganz nackt bin ich mit ihm ins Haus. Allmählich machte ich mir schon Sorgen, der Kerl könnte Schlimmeres mit mir vorhaben als Ruggert.

Es stellte sich aber raus, dass er ein paar alte Klamotten für mich hatte. Die zog ich an, so wie er’s verlangte. Die Hose musste ich ein bisschen hochkrempeln; das Hemd hing lang an mir runter. Ich war jung, aber fast einsneunzig, ihr könnt euch also vorstellen, wie groß mein Gefängnismeister war. Vermutlich war er an die fünf Zentimeter größer als ich und mindestens noch mal fünfundzwanzig breiter. Seine Schultern waren so ausladend, dass er sich ein bisschen seitwärts drehen musste, um durch die Tür zu kommen, und sein Brustkorb wirkte wie ein Fass unter dem Hemd. Er hatte eine kleine Wampe, aber dick konnte man ihn eigentlich nicht nennen.

Das Haus war von einer guten Größe. Unsere alte Hütte hätte drei, vielleicht sogar vier Mal reingepasst, und es wäre immer noch Platz gewesen für Jesse, ein halbes Dutzend Hühner und ein Maultier auf Besuch. Außer dem Zimmer, in dem ich stand, gab’s noch andere. An der Wand hingen Teppiche, was mir komisch vorkam. Es roch ein bisschen verraucht, und das lag daran, dass der Herd undicht war und qualmte, anscheinend war die Ofenklappe nicht ganz in Ordnung. Außerdem roch es nach was gutem Gekochten. Mein Magen verknotete sich wie ein Galgenstrick.

Mir war nicht so ganz klar, was vor sich ging, aber ich sah, dass er die Pistole ins Holster schob und seinen Hut an einen Haken neben der Tür hängte. Jetzt betrachtete ich ihn genauer. Wahrscheinlich hatte er in jungen Jahren mal ganz gut ausgesehen, aber das Gesicht, mit dem er herumlief, wirkte wie wund gepeitscht, im Regen liegen gelassen und von der Sonne gegerbt.

»Hast du in letzter Zeit was gegessen?«, fragte er.

»Nein, Sir«, antwortete ich.

»Dann kümmern wir uns zuerst darum. Hab bloß Maisbrot da, aber guten Rübensirup zum Tunken.«

Ich beäugte ihn noch eindringlicher, um rauszubekommen, ob er’s ernst meinte. Anscheinend schon. Dann sagte ich: »Das wär ganz wunderbar, wenn Sie was zu essen entbehren könnten.«

»Wenn du und ich’s nicht essen, fressen es die Ameisen.«

Also ein bisschen geschwindelt hatte er. Da waren tatsächlich Maisbrot und Sirup, aber es war frisch gebacken und außerdem hatte er noch einen großen Topf mit Wachtelbohnen, die mit Zwiebeln, Speck, Salz und einer guten Portion scharfer Peperoni gekocht waren.

Ich musste mich hinsetzen und mich von ihm bedienen lassen, als wär er bei mir angestellt. Davon bin ich ganz nervös geworden. Kein Weißer hat je sowas für mich gemacht. Er hat mir Bohnen auf den Teller geschaufelt, ein großes Glas Sirup mit einem Löffel drin geholt, mir einen Becher gebracht und Kaffee eingeschenkt.

Dann hat er sich selbst was auf den Teller getan, sich ans andere Ende gesetzt und mich angeschaut. Ich hab gesagt: »Danke Sir, dass Sie mich nicht erschossen haben und mir was zu essen geben.«

»Na ja, nach dem Essen kann ich dich ja immer noch erschießen.«

Da ist mir der Löffel voll Bohnen auf halbem Weg zum Mund stehengeblieben.

»Nee«, sagte er und entblößte eine hübsche Reihe Zähne. »Hab dich bloß veräppelt. Da ist also der alte Sam Ruggert hinter dir her?« Das wusste er natürlich, ich hatte es ihm ja ehrlich erzählt, als ich auf der Koppel in der Pferdescheiße saß.

»Ja, Sir«, sagte ich und wurde fast schon unverschämt, so wie ich mir die Butter mit dem Messer abschnitt und auf mein Maisbrot strich. Ich hab mir den Zucker löffelweise in den Kaffee geschaufelt und noch einen Schuss Milch aus der Kanne dazugegeben. »Kennen Sie ihn, Sir?«

»Wir waren zusammen im Krieg. Ich war mal Prediger, in der Kirche.«

»Prediger?«, fragte ich.

»Vor dem Krieg. War ein leichtes Leben. Die haben einen bezahlt, und jeden Sonntag hat man noch die Kollekte abgeräumt. Ein schönes Spektakel. Aber jetzt, wo ich nicht mehr religiös bin, käm’s mir nicht richtig vor. Wenn’s deine Aufgabe ist, die frohe Botschaft zu verkünden, und du dich dafür bezahlen lässt, dann glaubst du selbst nicht mehr dran. Und ich hatte keine Lust mehr, drüber zu grübeln, wieso in der Bibel an der einen Stelle das eine steht und an einer anderen was ganz anderes. Meistens predigt man drum rum – ich hab mir immer rausgesucht, was gut klingt, und den Rest ignoriert. Schließlich hab ich entschieden, dass ich Christ sein will, aber ohne den ganzen Christenquatsch.«

»Oh«, sagte ich.

»Ich geb mir einfach Mühe, das Richtige zu machen, weil’s richtig ist, und brauch dafür keinen anderen Grund. Güte um der Güte willen. Was nicht heißen soll, dass ich dir nicht die gottverdammten Eier abschieße, wenn du mir blöd kommst.«

Es war keine schlaue Frage, aber sie brannte mir trotzdem unter den Nägeln.

»Hatten Sie vor dem Krieg auch Sklaven?«

»Vier, und das waren harte Arbeiter. Eines Tages, als ich noch Prediger war, hab ich die Geschichten über die Sklaven in Ägypten gelesen, wie Moses sie befreit hat, sie abgehauen sind, er das Meer geteilt hat und diesen ganzen Mist, den man nur schwer glauben kann, und das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich stell mich hin und erzähl was von den armen hebräischen Sklaven, mir kommen bei der Predigt fast die Tränen, als wär ich höchstpersönlich dabei gewesen, und zuhause lass ich selbst vier für mich schuften. Das ist doch ein gottverdammter Widerspruch, oder? Wie sind die Bohnen?«

»Ausgezeichnet, Sir.«

»Gut. Weißt du, ich hab einen älteren Sklaven gehabt, der hat immer davon geredet, wie nah wir uns sind und wie froh er ist, dass ich ihm was zu essen geb und ein Dach über dem Kopf. Als der Krieg ausgebrochen ist, hab ich die anderen drei verkauft und ihn behalten. Er hat für mich auf meinen Besitz aufgepasst, während ich losgezogen bin, um zu kämpfen. Hab gedacht, wir machen die Yankees in sechs Monaten fertig. Na, daraus wurde nichts. Als ich endlich wieder heimgehumpelt bin, war alles verwahrlost, und Chase, so hab ich den alten Schwarzen genannt, war hoch in den Norden getürmt, hatte alles Mögliche mitgenommen. Ich dachte, okay, der hat dich wohl doch nicht geliebt, wie er behauptet hat. Und außerdem hab ich gedacht: Wieso denn auch? Meine Frau, die noch ein Jahr zu leben hatte, bis sie an den Pocken starb, hat gemeint, sie kann’s nicht fassen, dass er sowas macht, wo wir doch so viel für ihn getan haben. Sogar ins Zimmer hat er gekackt. Mitten rein, genau dahin.«

Er zeigte mit dem Finger auf den Tatort, nicht allzu weit vom Tisch entfernt.

»Hat sich hier reingeschlichen und geschissen, so dass meine Frau den Haufen findet.«

Ich betrachtete die Stelle, auf die er zeigte.

»Keine Sorge«, sagte er. »Das war vor Jahren, ist längst wieder sauber.«

»Ja, Sir«, sagte ich.

»Klingt nicht nach viel, aber die Sache da und dass er das gemacht hat, weggelaufen ist, hat mich drauf gebracht, dass ein schwarzer Sklave vielleicht gar nichts anderes ist als ein hebräischer, und da musste ich auf einmal umdenken. Danach konnte ich nie wieder predigen. War dafür verdorben. Ich hab bei der Predigt immer über Ham gesprochen, der seinen Vater Noah nackt gesehen hat, und dass Noah Hams Sohn deshalb verflucht hat. Verflucht, weil sein Vater die Eier seines Großvaters gesehen hat. Nicht Ham hat er verflucht, sondern seinen Sohn – Kanaan – und alle seine Nachfahren. Hat sie schwarz gemacht, das hab ich so beigebracht bekommen, und versklavt, nur weil ihm sein eigener Sohn auf die Eier geglotzt hat. Damals hat mir das eingeleuchtet, weil ich nie richtig drüber nachgedacht hab. Aber nach dem Krieg schon. Ich hab’s nicht drauf angelegt, andern auf die Eier zu glotzen, aber im Lauf der Zeit hab ich einige gesehen. Das kommt vor, wenn man bei der Armee ist oder in einem Gefangenenlager der Yankees, so wie ich. Dass ich anderer Leute Eier gesehen hab und die meinen, hat mich aber nicht dazu gebracht, ihre Kinder auf Generationen hinweg zu versklaven. Das war Blödsinn, und das hab ich plötzlich so klar und deutlich vor mir gesehen, wie einen sonnigen Sommermorgen.«

»Sogar meine Eier haben Sie schon gesehen«, sagte ich und meinte, als ich mich vor ihm umgezogen hatte.

Er überlegte, dann lachte er. »Hab ich wohl, aber ich hab nicht drauf geachtet.«

»Ich könnte Sie verfluchen«, sagte ich, »dann wären von jetzt an alle Weißen Sklaven.«

Da hat er erst richtig gelacht, so heftig sogar, dass ich schon dachte, gleich fällt er vom Stuhl und kullert über den Boden. So lustig war’s gar nicht, aber wahrscheinlich hat er auch noch Aufgestautes rausgelassen. Lachen ist für sowas gut.

Als er seinen Verstand wieder unter Kontrolle hatte und reden konnte, sagte er: »Weißt du, Noah muss da echt zwei hässliche Dinger hängen gehabt haben, dass er so beleidigt ist, nur weil ihm einer draufglotzt. Ich meine, das ist doch ein Hammer, oder? Du hast meinen Sack gesehen, deshalb verfluch ich deine ganze Generation und alle deine Nachfahren.«

»Ja, Sir«, sagte ich. »Das müssen die hässlichsten Zwetschgen gewesen sein, die jemals zwischen zwei Beinen gebaumelt sind.«

Er grinste, dann verdüsterten sich seine Gedanken. Das Grinsen war ihm wie aus dem Gesicht gewaschen, ein in den Sand gezeichneter Strich im Schwemmwasser. »Weißt du, mein Sohn ist auch in den Krieg gezogen. Wurde gleich am ersten Tag in der Schlacht getötet. Irgendwo an einem traurigen Ort oben in Virginia liegt er begraben. Hat weit weg von mir gekämpft. Drüben an einem anderen Kriegsschauplatz – in einem anderen Theater könnte man sagen. Irgendwann später, als ich aus dem Gefangenenlager raus und wieder zu Hause war, kam ein Junge zu mir und hat mir Tads Taschenuhr gebracht. Er hat behauptet, sie sei stehengeblieben in dem Moment, in dem er erschossen wurde, und damit habe Gott gezeigt, dass er seinem Tod Beachtung geschenkt hat. Na ja, zu der Erkenntnis über Ham, Noah und Kanaan war ich ja schon gelangt, hab gewisse Schlussfolgerungen gezogen, was die Sklaverei betrifft, aber jetzt war’s für mich endgültig vorbei. Ich hab gedacht, mein Junge wird erschossen und seine Uhr bleibt stehen – das soll ein Zeichen von Gott sein? Er hat nicht machen können, dass die Kugel ihn verfehlt, hat mir meinen Jungen nicht heil nach Hause gebracht oder ihn von den Toten auferstehen lassen, aber er macht sich die Mühe, seine Uhr anzuhalten? Wie können die bei dem ganzen Durcheinander in einer Schlacht überhaupt sicher sein, dass die Uhr in dem Moment zu ticken aufgehört hat, in dem er gestorben ist? Und vielleicht ist sie nur stehengeblieben, weil er draufgefallen ist. Vorher haben mir solche kleinen Zeichen was bedeutet. Eine Wolke, die wie zwei Engelsflügel aussieht. Ein Habicht, der mit einer Schlange im Schnabel über mich hinwegfliegt.

Als mir der Mann die Uhr gegeben hat und wieder seiner Wege gegangen ist, hab ich noch mal gründlich über alles nachgedacht. Von da an hielt Gottes Eimer kein Wasser mehr für mich. Im Eimer war ein Loch. Ich hab noch ein bisschen länger über die Uhr nachgedacht, und dann ist mir aufgegangen, dass Gott kein Liebender ist. Er ist wie ein großer Uhrmacher, und wir sind das Innere seiner Uhr, und die Erde hier, auf der wir stehen, ist das rutschige Ziffernblatt. Gott hat die Uhr fertig gebaut und aufgezogen, und als sie getickt hat, hat er sich zurückgelehnt und gesagt: ›Na dann, viel Glück ihr armen Schweine, ich bin nämlich fertig hier.‹«

Ich dachte über seine Argumente nach und verdammt noch mal, die waren ganz schön einleuchtend, was mir ein bisschen Angst machte. Wenn der große Mann recht hatte, dann waren wir alle vollkommen auf uns selbst gestellt.

Er sah mich an, als würde mir ein Käfer quer übers Gesicht krabbeln, und fragte: »Kuchen?«

»Wie bitte, Sir?«

»Willst du ein Stück Kuchen? Ich hab noch Apfelkuchen im Ofen und mir sah’s aus, als wär er ganz gut gelungen, nur ein bisschen eingefallen in der Mitte.«

Tatsächlich war er völlig in Ordnung, und wir haben ihn aufgegessen, den ganzen verdammten Kuchen. Und ungefähr eine Kanne Kaffee dazu getrunken. Dann ist er hinten mit mir raus, und wir sind zu dem Feld gegangen, das ich vorher schon gesehen hatte. Es war gerodet, abgesehen von ein paar Stümpfen und der riesigen Eiche in der Mitte, unter der Stühle standen. Dort setzten wir uns hin. Über uns war eine große Lücke zwischen den Ästen, wie ein Fenster im Baum zum Himmel. Man konnte raufsehen und die Sterne klar erkennen. Er erklärte mir, dass es sowas wie Konstellationen gibt, und als wir da auf unseren Stühlen saßen, haben wir genau auf eine draufgeschaut. Er hat mir auch gesagt, welche es war, aber ich hab den Namen vergessen. Damals hab ich mich nicht so richtig dafür interessiert, vielleicht ist er deshalb nicht hängengeblieben. Ich war satt und total erschöpft, trotz Kaffee. Irgendwann, wie er da so über die Sterne gequatscht hat, ist mir der Kopf in den Nacken gefallen, ich hab die Augen zugemacht und bin eingeschlafen, als wäre ich sachte über einen Abhang runter in die Dunkelheit auf weiches, trockenes Gras geglitten.

3

Als ich am nächsten Tag aufwachte, lag Tau auf mir, oder jedenfalls auf meinem Gesicht, aber ich hatte eine dicke Decke übergeworfen und allmählich wurde mir warm. Ich schlug ein Auge auf und merkte, dass ich immer noch unter der Eiche saß.