Das Amulett 10 – Liebesroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

Der phantastische Liebesroman von Patricia Vandenberg dreht sich um ein Amulett, das mit seiner magischen Ausstrahlung Schicksale lenkt. Immer wieder wechselte es seinen Besitzer, aber nicht jedem bescherte es Glück. Denn die Inschrift des Amuletts lautet: Glück dem, der auserwählt ist. Dem Bösen wird die Macht genommen. Was fühlt ein Mensch, der vor der Tür einer ihm wohlbekannten Wohnung steht und an dieser einen anderen Namen findet, als den, den er erwartet hat? Veronique Cramer, zwanzig Jahre jung, von einer weiten Reise ermüdet, von einer schweren Enttäuschung niedergedrückt, verspürte blankes Entsetzen. Den letzten Brief ihrer Schwester Angela hatte sie vor vier Wochen in Lugano erhalten, und es hatte nicht darin gestanden, daß sie vorhatte, ihre Wohnung zu wechseln. Angela hatte in Paris eine gutbezahlte Stellung als Modezeichnerin. Sie liebte diese Stadt und hatte bisher niemals den Wunsch geäußert, sich zu verändern. Dies alles überlegte Veronique blitzartig, bevor sie sich entschloß, auf den Klingelknopf zu drücken. Sie sprach sich selbst Mut zu. Vielleicht hatte Angela eine hübschere Wohnung gefunden, bestimmt jedoch keine billigere in dieser teuren Stadt. Konnte sie sich eine bessere überhaupt leisten? Es dauerte ziemlich lange, bis sich hinter der Tür etwas rührte. Dann wurde ein Schlüssel herumgedreht, und vor Veronique stand ein junger Mann, der trotz seines schlaftrunkenen Aussehens ziemlich eindrucksvoll wirkte. Er war sehr groß und breitschultrig, ein richtiger Hüne mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, rostbraunen Haaren, die ihm in die breite Stirn fielen, und klugen, wachsamen tiefblauen Augen. "Na, wer ist denn das?" fragte er verwundert. "Haben Sie sich verlaufen, Mademoiselle?"

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Das Amulett -10-

Du mußt vergessen, Martina!

Roman von Patricia Vandenberg

Was fühlt ein Mensch, der vor der Tür einer ihm wohlbekannten Wohnung steht und an dieser einen anderen Namen findet, als den, den er erwartet hat?

Veronique Cramer, zwanzig Jahre jung, von einer weiten Reise ermüdet, von einer schweren Enttäuschung niedergedrückt, verspürte blankes Entsetzen.

Den letzten Brief ihrer Schwester Angela hatte sie vor vier Wochen in Lugano erhalten, und es hatte nicht darin gestanden, daß sie vorhatte, ihre Wohnung zu wechseln. Angela hatte in Paris eine gutbezahlte Stellung als Modezeichnerin. Sie liebte diese Stadt und hatte bisher niemals den Wunsch geäußert, sich zu verändern.

Dies alles überlegte Veronique blitzartig, bevor sie sich entschloß, auf den Klingelknopf zu drücken. Sie sprach sich selbst Mut zu. Vielleicht hatte Angela eine hübschere Wohnung gefunden, bestimmt jedoch keine billigere in dieser teuren Stadt. Konnte sie sich eine bessere überhaupt leisten?

Es dauerte ziemlich lange, bis sich hinter der Tür etwas rührte. Dann wurde ein Schlüssel herumgedreht, und vor Veronique stand ein junger Mann, der trotz seines schlaftrunkenen Aussehens ziemlich eindrucksvoll wirkte. Er war sehr groß und breitschultrig, ein richtiger Hüne mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, rostbraunen Haaren, die ihm in die breite Stirn fielen, und klugen, wachsamen tiefblauen Augen.

»Na, wer ist denn das?« fragte er verwundert. »Haben Sie sich verlaufen, Mademoiselle?«

Es hatte den Anschein, als sei er es nicht gewohnt, Damenbesuch zu empfangen, und die Unordnung in der Diele, die Veronique sofort bemerkte, als er die Tür etwas weiter öffnete, ließ darauf schließen, daß er auf Besuch überhaupt nicht vorbereitet war. Immerhin, das mußte sie zugeben, war es auch reichlich spät, um einen Besuch zu machen.

»Ich suche meine Schwester Angela«, erklärte sie verlegen. »Sie hat hier gewohnt.«

»Mademoiselle Cramer? Ja, die hat hier gewohnt«, erklärte er freundlich. »Bis vor vierzehn Tagen. Jetzt wohne ich hier.«

»Das sehe ich«, meinte Veronique kleinlaut. »Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich meine Schwester finden kann?«

Er runzelte die Stirn. »Ich weiß es nicht.«

»Es ist aber sehr wichtig für mich«, beteuerte Veronique. »Ich muß sie finden. Ich kenne hier doch niemanden.«

Er trat zur Seite. »Kommen Sie erst einmal herein«, forderte er sie in seinem ziemlich schwer verständlichen Französisch auf. »Aber schauen Sie sich nicht so genau um. Ich fürchte, ich bin ein recht unordentlicher Mensch.« Ein flüchtiges Lächeln flog um seinen energischen Mund. »Es ist schon ziemlich spät«, fügte er nachdenklich hinzu.

»Ich war sehr lange unterwegs. Ich komme von Lugano«, erklärte Veronique entschuldigend.

»Ich bin Mischa Czernik, Tscheche«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. »Ich spreche noch nicht besonders gut Französisch.«

»Können Sie Deutsch?« fragte Veronique.

Er nickte, und diesmal erreichte das Lächeln seine Augen. »Dann können wir uns besser verständigen.«

Er war höflich, machte einen sehr wohlerzogenen und gebildeten Eindruck. Die recht bescheidene Einrichtung der Wohnung

schien nicht ganz zu seiner Persönlichkeit zu passen. Das fiel Veronique auf, obgleich sie völlig übermüdet und erschöpft war.

Mit einem seltsamt geschmeidigen Gang durchquerte er das Zimmer und nahm schnell ein paar herumliegende Kleidungsstücke weg, um sie achtlos in einen alten wackligen Schrank zu stopfen.

»Sie brauchen meinetwegen nicht aufzuräumen«, meinte Veronique verlegen.

»Ich bin es nicht gewohnt, Damenbesuch zu erhalten«, entschuldigte er sich. »Überhaupt keinen Besuch. Und ich bin auch noch nicht daran gewöhnt, allein zu leben. Früher hat meine Mutter für mich gesorgt.«

»Ich möchte Sie nicht belästigen«, wehrte Veronique ab, »aber ich muß Ihnen doch erklären, warum es so wichtig für mich ist, meine Schwester zu finden. Ich habe nicht viel Geld. Die Hotels in Paris sind sehr teuer.«

»Wem sagen Sie das?« seufzte er. »Bitte, nehmen Sie Platz! Der Stuhl wird schon nicht zusammenbrechen. Sie sind ja so zierlich. Mich hält er nicht aus.« Wieder lächelte er.

»Was wissen Sie von Angela?« fragte sie flehend.

»Kaum etwas. Ich erfuhr, daß diese Wohnung zu vermieten sei. Ich glaube, Ihre Schwester wollte heiraten.«

»Heiraten?« fragte Veronique entsetzt. »Davon weiß ich nichts.«

»Frauen sind oft rätselhafte Geschöpfe«, belehrte er sie philosophisch. »Man weiß nie, woran man bei ihnen ist. Als meine Schwester heiratete, erfuhr ich es auch erst nach ihrer Trauung.«

»Wir verstanden uns aber immer sehr gut«, wandte Veronique ein.

»Meine Schwester und ich verstanden uns auch sehr gut. Dann trat ein Mann in ihr Leben, und sie dachte an niemand anderen mehr«, entgegnete er ruhig. »Haben Sie Hunger? Möchten Sie etwas trinken?«

Wortlos verschwand er und kam nach kurzer Zeit mit Brot, Wurst und Butter zurück. Dann holte er eine Flasche Rotwein.

»Stärken Sie sich erst einmal«, forderte er sie freundlich auf. »Man sagt uns Tschechen nach, wir wären ein gastfreundliches Volk. Sie sehen sehr hungrig und vor allem müde aus.«

Veronique lächelte dankbar zu ihm auf. »Ich habe nicht damit gerechnet, Angela nicht anzutreffen«, erwiderte sie immer noch etwas verwirrt. »Sonst hätte ich mir etwas zu essen besorgt. Ich habe Sie gestört. Sie schliefen doch schon?«

»Ich muß sehr früh aufstehen. Ich trage Zeitungen aus«, erläuterte er.

»Sie tragen Zeitungen aus?« fragte sie ungläubig.

»Ich muß mir auf manche Weise mein Geld verdienen«, meinte er. »Arbeit schändet nicht.«

»Das wollte ich auch nicht sagen. Verzeihen Sie. Ich muß mir auch auf alle möglichen Arten mein Studium verdienen. Aber Sie sehen eher aus, als wären Sie...« Sie unterbrach sich, als er sie erstaunt ansah.

»Als wäre ich?« fragte er neugierig.

»Na, so als wären Sie jemand.« Sie lächelte.

Er ging nicht darauf ein. »Kommen wir zu Ihrer Schwester«, lenkte er ab. »Ein sehr charmantes Mädchen. Aber ihr Verlobter gefiel mir nicht sonderlich. Wenn ich das sagen darf«, setzte er vorsichtshalber hinzu.

»Sie haben ihn kennengelernt?« fragte Veronique rasch.

»Ja, aber nur flüchtig«, fuhr er fort. »Seinen Namen habe ich nicht behalten. Vielleicht weiß die Concierge die neue Adresse. Aber jetzt ist es fast Mitternacht. Die Alte hört schwer und es wäre zwecklos, bei ihr zu läuten.«

Veronique ergab sich seufzend in ihr Schicksal. »Dann werde ich mich doch nach einem Nachtquartier umsehen müssen«, meinte sie resigniert.

»Jetzt? Um diese Zeit? Paris ist ein gefährliches Pflaster für ein Mädchen, das allein ist und sich nicht auskennt. Sie können hier auf dem Sofa schlafen, wenn Sie mögen. Es kostet nichts, und mir können Sie vertrauen.«

Es war ihr zwar selbst unbegreiflich, aber sie vertraute ihm tatsächlich.

»Sie sind sehr nett«, sagte sie befangen.

»Ich weiß, wie es ist, wenn man allein in einer fremden Stadt ist«, erwiderte er mit freundlicher Selbstverständlichkeit. Seine rauhe Stimme hatte einen weichen Klang bekommen. Etwas wie Mitleid war in seinen klugen, scharfen Augen. »So, nun müssen Sie aber wirklich etwas essen«, drängte er.

Schon nach dem ersten Glas Wein fühlte Veronique eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern. Gegen ihren Willen sank sie auf das Sofa. Verschwommen sah sie noch, wie sich ein Gesicht über sie neigte. Sie fühlte, wie jemand eine leichte Decke über sie legte. Die Angst, die sekundenlang in ihr erwacht war, schwand, und ihre Augen fielen zu.

Lange blickte Mischa Czernik auf sie hinab. Ein unergründlicher Ausdruck lag über seinem herben, ernsten Gesicht, als er sich abwandte. Aber dann kam er noch einmal zurück und warf mit flüchtiger, großzügiger Schrift ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier, das er deutlich sichtbar auf den Tisch legte.

Nur ein paar Stunden Schlaf blieben ihm noch, dann mußte er wieder aufstehen. Er überzeugte sich, als es soweit war, daß das Rasseln des Weckers Veronique nicht aufgeweckt hatte, und auf Zehenspitzen verließ er die kleine Wohnung.

*

Veronique erwachte von einem kreischenden Geräusch. Erschrokken fuhr sie empor und mußte sich erst einmal zurechtfinden. Dann wurde ihr bewußt, daß sie sich in Angelas Wohnung befand, die allerdings jetzt einem fremden jungen Mann gehörte. Scham erfüllte sie, als sie daran dachte, daß sie ganz einfach und in seiner Gegenwart eingeschlafen sein mußte.

Die leichte Decke, die er über sie gebreitet hatte, fiel zu Boden, als sie aufstand. Ihr Kleid war zerknittert und klebte am Körper. Sie sah sich suchend um.

Einige Sonnenstrahlen kamen durch die trüben Scheiben und fielen auf den Zettel, der auf dem Tisch lag.

Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen, gnädiges Fräulein, las sie und mußte unwillkürlich lächeln. Bitte, gehen Sie nicht, ohne Ihre Anschrift zu hinterlassen. Ich werde mich bemühen, die neue Adresse Ihrer Schwester in Erfahrung zu bringen. Mischa Czernik.

Ein warmes, gutes Gefühl durchflutete sie. Wie nett er war und wie aufmerksam! Nein, ohne Dank würde sie bestimmt nicht gehen. Er hatte ihr etwas zurückgegeben, was sie schon für immer verloren glaubte. Es gab offenbar doch noch andere Männer als Mario.

Seinetwegen hatte sie Lugano so schnell verlassen. Und wenn sie nicht gütige Menschen gefunden hätte, die ihr geholfen hätten, wäre ihr das vielleicht nicht einmal möglich gewesen. Dann säße sie jetzt hinter Gittern, zu Unrecht verdächtigt, den Conte Oliviera bestohlen zu haben. Marios Vater, der es ihr nicht verzeihen konnte, daß sein Sohn, sein Erbe, sich in ein bürgerliches Mädchen verliebt hatte.

Mario selbst war schwach. Gewiß war er nicht schlecht, und vielleicht war er sogar aufrichtig in sie verliebt gewesen. Aber sie hätte sich niemals mit ihm einlassen, niemals seinen Treueschwüren Glauben schenken dürfen. Wenn Tammy nicht gewesen wäre und vor allem der liebe, kleine Danny, wer weiß, was dann aus ihr geworden wäre.

Sie blickte in den halbblinden Spiegel und betrachtete das schimmernde Amulett auf ihrer Brust. Tammy Roloff hatte es ihr geschenkt, damit es ihr Glück brächte. Es sollte die Macht haben, alles zum Guten zu wenden. Ein kostbares Schmuckstück war es außerdem, für das sicher manch einer eine große Summe bezahlen würde. Aber es wäre ein schlechter Dank an diese lieben Menschen, die ihr geholfen hatten, wenn sie es in klingende Münze umsetzen würde.

Es wird schon weitergehen, dachte Veronique. Doch wo war Angela? Sie mußte ihre Schwester finden. Wie hatte Mischa Czernik doch gesagt? Sie sei ein charmantes Mädchen, aber ihr Verlobter gefiele ihm nicht!

Sie öffnete weit die Fenster. Ein Preßlufthammer verursachte das Geräusch, von dem sie aufgewacht war. Die schmalen, düsteren Straßen warfen den Hall überlaut zurück.

Mit weiblicher Gründlichkeit begann sie Ordnung in den beiden bescheidenen Zimmern zu schaffen. Es herrschte nur eine oberflächliche Unordnung, sonst war alles sauber, auch die winzige Küche, in der nur ein paar benutzte Teller und Gläser standen.

Ein seltsamer Mann war das, freundlich und doch verschlossen. Sie sah ihn vor sich, seine hünenhafte Gestalt, sein eigenartiges, faszinierendes Lächeln. Ob er noch immer Zeitungen austrug? Sie blickte auf den Wecker, der neben seinem Bett stand, nachdem sie festgestellt hatte, daß ihre eigene Uhr stehengeblieben war. Es war fast neun Uhr.

Dann ging auch schon die Tür auf, und Mischa Czernik trat ein, beladen mit ein paar Tüten und einem Weißbrot, halb verlegen, halb erleichtert lächelnd.

»Guten Morgen«, rief er, »wie nett, daß Sie nicht ausgerissen sind! Ich habe mich sehr beeilt. Außerdem habe ich auch schon mit der Concierge gesprochen.« Er sagte alles in einem Atemzug, als hätte er Angst, sie könnte jetzt noch die Flucht ergreifen.

»Sie haben aufgeräumt«, seufzte er, bevor sie antworten konnte. »Danke!«

»Ich muß Ihnen danken«, wehrte sie ab. »Wo wäre ich gelandet, wenn ich Sie nicht getroffen hätte.«

»Machen Sie mich nicht verlegen. Ich bin ein viel zu großer Egoist, um echte Nächstenliebe zu kennen. Es ist so schön, einmal wieder mit jemandem richtig sprechen zu können. Das wollte ich ausnutzen.«

»Haben Sie denn gar keine Freunde?« fragte sie betroffen.

»Ich bin fremd hier«, erwiderte er kurz, »aber wir wollen nicht von mir sprechen. Die Concierge konnte mir Auskunft geben, wohin Ihre Schwester sich die Post nachschicken läßt.«

»Wohin?« fragte Veronique gespannt.

»Nach Marseille. Ich habe die Adresse aufgeschrieben.« Er warf ihr einen beunruhigten Blick zu. »Das bedeutet wohl, daß Sie Paris schnell wieder verlassen werden?«

Sie nickte. Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen zwischen ihnen. Er deckte den Tisch. Sie beobachtete gerührt, welche Mühe er sich dabei gab.

»Lassen Sie mich das machen«, schlug sie dann mit einem kleinen Lächeln vor, »Sie haben schon gearbeitet, und ich habe geschlafen.«

»Sie finden es wohl unwürdig, daß ich Zeitungen austrage?« meinte er forschend.

»Gewiß nicht!« beteuerte sie.

»Es war nur vorübergehend. Am Mittwoch trete ich eine neue Stellung an, die schon etwas gesellschaftsfähiger ist. Als Verkäufer in einem Antiquitätengeschäft.« Ein rauhes Lachen begleitete seine Worte.

»Verstehen Sie denn etwas davon?« fragte Veronique erstaunt.

»Ein wenig. Eigentlich bin ich Kunsthistoriker.«

Nun war sie sprachlos. Staunend musterte sie ihn. »Einen zeitungsaustragenden Kunsthistoriker habe ich allerdings noch nicht kennengelernt«, gab sie ehrlich zu.

»Nun kennen Sie einen. Wie ist überhaupt Ihr Vorname?«

»Veronique.«

Er schwieg eine Weile, dann wiederholte er ihn langsam: »Veronique.«

Sie senkte rasch den Blick. Etwas ging von ihm aus, das ihr fast den Atem raubte. Er war ein richtiger Mann, kein hübscher, charmanter Junge wie Mario, wenn man ihm auch einen gewissen

Charme kaum absprechen konnte, bei all seiner vitalen Männlichkeit.

»Sie werden es zwar kaum glauben, aber ich bin Kunststudentin«, gestand sie leise.

»Warum sollte ich es nicht glauben?« fragte er ruhig. »Ich merkte sofort, daß wir einige Parallelen haben. Man sagt uns Slawen nicht umsonst einen sechsten Sinn nach. Manchmal wenigstens. Alles kann ich nicht ahnen, aber ich möchte viel von Ihnen wissen. Ich bin von Natur aus neugierig.«

»Ich habe aber keinen historischen Wert«, erwiderte sie neckend.

»Nein, Sie sind ein ganz modernes Wesen.« Er blickte auf ihre Hände. »Sie malen?«

»Manchmal und nicht immer zu meinem Vergnügen. Mein eigentliches Gebiet ist die Graphik. Aber ich bin noch nicht soweit, daß ich davon allein existieren könnte.«

»Haben Sie außer Ihrer Schwester keine Angehörigen? Ich will nicht indiskret sein«, fügte er rasch und entschuldigend hinzu.

»Ich habe eine Mutter in England und einen Vater in Deutschland. Sie leben schon lange getrennt, und…« Wieder geriet sie ins Stocken.

»So fühlen Sie sich keinem von beiden richtig zugehörig«, vollendete er ihren unterbrochenen Satz verständnisvoll.

»Wie gut Sie mich schon kennen«, meinte sie verwundert. »Mit Angela war ich aber immer in Verbindung. Mein Gott, ich muß mich ja darum kümmern, wann ein Zug nach Marseille fährt. Hoffentlich habe ich noch genügend Geld!« Wieder errötete sie.

Seine schmale, sehnige Hand, die verriet, daß er zumindest während der letzten Wochen hart gearbeitet hatte, legte sich flüchtig auf ihren Arm.

»Ich bin ja auch noch da. Da ich ziemlich sparsam bin und eine ganz gut bezahlte Stellung in Aussicht habe, könnte ich Ihnen aushelfen.«

»Sie kennen mich doch gar nicht«, wehrte sie ab.

»Eben sagten Sie noch, daß ich Sie schon sehr gut kenne«, erinnerte er. »Lassen wir es dabei. Sie sind vom Himmel gefallen, um mir das Gefühl zu geben, daß es doch noch Menschen gibt, mit denen man gern beisammen ist. Und Sie haben mir Glück gebracht.«

»Ich habe Ihnen Glück gebracht?« fragte sie verwundert.

»Natürlich! Von zehn Bewerbern habe ich die Stellung in dem Antiquitätengeschäft bekommen. Heute morgen habe ich es gerade erfahren.«

»Aber Sie könnten doch ganz sicher auch eine finden, die Ihren Kenntnissen eher gerecht wird?«

»Wenn ich die Sprache besser beherrschen würde, gewiß. Das ist mal wieder ein Beweis, daß man gar nicht genug lernen kann.«

»Warum sind Sie nach Paris gekommen?«