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DAS ANDERE GEHEIMNIS ist der dritte Band in der neuen psychologischen Krimireihe der Debütautorin Ava Strong, die mit DIE ANDERE FRAU beginnt (Band 1). Als ein beliebter Fitnesstrainer aus dem Ort in einer gehobenen Vorstadt ermordet vorgefunden wird, reist FBI-Spezialagentin Stella Fall zum Einsatz in die ultraexklusive Küstenstadt. Schon bald entdeckt sie, dass die Stadt voller Geheimnisse ist, und lüftet den Schleier über einen Kreis fremdgehender Ehefrauen, die ihren Radfahrkurs in eine Art Kult umgewandelt haben. In dieser abgeschotteten Yachtclub-Gemeinschaft sagt niemand ein Wort; die Welt scheint perfekt zu sein. Doch schon bald erfährt Stella, dass hinter der perfekten Fassade alles bis ins Mark verdorben ist. Diese klatschsüchtige und hinterhältige Stadt hält dunkle Geheimnisse und Fehden verborgen, und Stella, der das aus eigener Vergangenheit bekannt ist, beschließt, mit ihrem brillanten Verstand der Psychologie der Bewohner auf den Grund zu gehen und den Mörder zu entlarven. Währenddessen kann Stella nicht anders als eine gewisse Verbindung zu ihrem FBI-Partner zu verspüren. Doch als sie unerwartet mit ihrer erniedrigenden, narzisstischen Mutter über die Geheimnisse ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, werden alte Wunden in Stellas labiler Psyche aufgerissen, und die schockierenden Enthüllungen ihrer Kindheit könnten sie für immer aus der Bahn werfen. DAS ANDERE GEHEIMNIS, ein rasanter psychologischer Krimi mit unvergesslichen Figuren und atemberaubender Spannung, bildet den dritten Band in einer fesselnden neuen Reihe, die Sie bis spät in die Nacht weiterblättern lassen wird. Weitere Bände in der Reihe werden in Kürze erhältlich sein.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Das andere Geheimnis
(ein Stella-Fall-Thriller – Buch 3)
a v a s t r o n g
Ava Strong
Die Debütautorin Ava Strong ist Autorin der REMI LAURENT-Krimireihe, die aus sechs Büchern besteht (weitere folgen), der ILSE BECK-Krimireihe, die aus sieben Büchern besteht (weitere folgen) und der STELLA FALL-Psychothriller-Reihe, die aus sechs Büchern besteht (weitere folgen).
Als begeisterte Leserin und lebenslange Liebhaberin des Krimi- und Thriller-Genres freut sich Ava darauf, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.avastrongauthor.com, um mehr zu erfahren und mit Ava Kontakt aufzunehmen.
Copyright © 2021 by Ava Strong. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Jacket image Copyright Jeremie86HUN, verwendet unter der Lizenz von Shutterstock.com.
BÜCHER VON AVA STRONG
EIN STELLA-FALL-THRILLER
DIE ANDERE FRAU (Buch #1)
DIE ANDERE LÜGE (Buch #2)
EIN SPANNUNGSGELADENER REMI LAURENT FBI THRILLER
DER TODESCODE (Buch #1)
DER MORDCODE (Buch #2)
EIN ILSE BECK-FBI-THRILLER
NICHT WIE WIR (Buch #1)
NICHT WIE ER SCHIEN (Buch #2)
NICHT WIE GESTERN (Buch #3)
INHALT
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
KAPITEL DREIUNDDREISSIG
Heute bin ich hier, um endlich die Wahrheit über meine Vergangenheit zu erfahren, dachte Stella Fall entschlossen.
Sie verlangsamte das Tempo ihres Mietwagens. Hinter einer Reihe verwilderter Bäume erstreckte sich der Horizont, kahl und öde. Selbst jetzt, während der Regenzeit, schien eine Staubwolke in der Luft zu hängen.
Zu Hause.
Es war, als wäre sie direkt wieder in einem ihrer Alpträume gelandet. Da war dasselbe namenlose Grauen, das Kribbeln der Angst in ihrem Bauch, das sie fast dazu brachte, sich umzudrehen und wegzurennen.
Sie entdeckte den vertrauten Orientierungspunkt: den trockenen Dornenstrauch, von dem sie gehofft hatte, er sei eingegangen, der aber hartnäckig im sandigen Boden verwurzelt blieb. Seine krummen Äste hatten Stella immer an krallenartige Hände erinnert.
Sie schauderte und wandte den Blick ab, während ihr Wagen die Sandpiste entlang rumpelte, die sich über drei Kilometer voller Schlaglöcher erstreckte.
Erst vor ein paar Tagen hatte sie beim Entrümpeln des Dachbodens in alten Kisten einen Brief ihres Vaters entdeckt, der spurlos verschwunden war, als sie zehn Jahre alt gewesen war. Ihre Mutter hatte immer wieder betont, dass er gestorben sein musste. Am Boden zerstört durch den Verlust des ruhigen, freundlichen Mannes, der ihr Mentor und Beschützer gewesen war, hatte Stella schließlich akzeptiert, dass dies die einzige Erklärung sein konnte.
Schockiert hatte Stella am Poststempel jedoch feststellen können, dass die kurze, knappe Notiz Wochen nach seinem Verschwinden abgeschickt worden war. Ihre Mutter hatte also gewusst, dass er noch am Leben war! Trotzdem hatte sie Stella gegenüber nie ein Wort darüber verloren.
Es war an der Zeit, sie zur Rede zu stellen. Wo war ihr Vater wirklich? Warum hatte Rhonda Fall gelogen?
Sie knirschte mit den Zähnen, als das kleine Auto in ein großes Schlagloch donnerte. Kurzzeitig war sie abgelenkt gewesen und ihr Blick zum Horizont gewandert. Sie musste sich zusammenreißen. In dem harten Leben, das sie in dem kleinen Holzhaus am Ende dieser Straße geführt hatte, war kein Platz für Zukunftsträume gewesen.
Da war das Haus. Mit seinem gedrungenen Umriss schien es sich fast an die unwirtliche Landschaft zu klammern.
Rhondas alter Truck, dessen Heckscheibe mit Staub bedeckt war, stand im spärlichen Schatten einer alten Pappel. Stella erinnerte sich an die Fahrten zur Schule, die sie in diesem Auto ertragen hatte. Rhonda hatte Stella dabei entweder angeschrien oder war, in eisigem Schweigen versunken, vor sich hin gefahren, je nach ihrer Stimmung.
Kalte Angst machte sich in ihr breit, als sie den Wagen anhielt und ausstieg. Sie gab sich alle Mühe, sie zu vertreiben. Was sie jetzt benötigte, war Entschlossenheit.
Sie strich sich mit den Fingern durch ihr dunkles Haar und schob es aus dem Gesicht. Sie hatte vergessen, dass der unerbittliche Wind es ihr immer in die Augen wehte.
Sie griff zurück ins Auto und holte die Tragetasche heraus. Stella hatte einen kurzen Zwischenstopp in der Stadt eingelegt, um Einkäufe zu erledigen. Dann ging sie den maroden Weg hinauf und starrte auf die Pflastersteine, die noch von ihrem Vater verlegt worden waren. Zeit und Abnutzung hatten ihren Tribut gefordert. Das Pflaster war kaum noch zu erkennen.
Aber wo war er?
Stella holte einmal tief Luft. Dann klopfte sie an die Tür. Ein paar Sekunden lang, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, herrschte Stille. Hinter dem Haus ertönte das Gackern von Hühnern.
Und dann, von drinnen, die Stimme ihrer Mutter, mit dem üblichen Unterton von Spott.
„Du bist spät dran. Und warum klopfst du? Du weißt, dass du das nicht tun musst.“
Stella öffnete die Tür. Die Scharniere knarrten, als sie eintrat und die Gerüche einatmete, die sie aus ihrer Erinnerung kannte. Ausgedörrte Bretter, staubiges Glas, der bittere Geruch der Holzbeize, die ihre Mutter verwendet hatte. Die einzigen Renovierungsarbeiten, die Rhonda jedes Jahr vornahm, waren die Behandlung der abgenutzten, nach Süden ausgerichteten Außenbretter. Stella hasste diesen Geruch. Genauso wie sie den schwachen Duft von Eiern, Öl und gekochtem Kohl hasste, der ewig in der Küche zu hängen schienen.
Sie nahm das leise Geplapper des Fernsehers wahr, als sie den winzigen Flur in Richtung Wohnzimmer durchquerte. Er war kaum groß genug für die ausrangierten Schuhe und Regenschirme, die sich dort buchstäblich stapelten.
Rhonda saß in ihrem hölzernen Schaukelstuhl am Fenster.
„Hallo“, sagte sie und wandte sich an Stella.
Von starken Gefühlen überwältigt betrachtete sie das schlanke Gesicht ihrer Mutter, ihre schnabelförmige Nase, die hellen, intensiven Augen. Ihr grobes, dunkles Haar, das jetzt grau durchzogen war, hatte sie zu einem festen Zopf zurückgebunden. Die Falten auf ihrer Stirn und ihren Wangen waren tiefer und ausgeprägter als beim letzten Mal, als sie sie gesehen hatte.
Sie starrte in die eisblauen Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Es bestürzte sie, wie stark die Gene ihrer Mutter offensichtlich waren und wie ähnlich sie sich in Hautfarbe, Größe und dem schlanken, hageren Körperbau waren. Manchmal fragte Stella sich verzweifelt, ob es noch andere Ähnlichkeiten zwischen ihnen gab. Würde sie genauso enden wie ihre Mutter? Wann würden die schrecklichen Wutausbrüche, die Stimmungsschwankungen, die endlosen Schimpftiraden beginnen?
Warum war Rhonda so geworden? Waren die psychischen Probleme ihrer Mutter und ihre Hartnäckigkeit, mit der sie sich weigerte, Hilfe in Anspruch zu nehmen, erblich bedingt?
Jeden Tag hatte sie das Gefühl, gegen die Bedrohung durch eine genetische Zeitbombe ankämpfen zu müssen, die möglicherweise in ihr schlummerte. Im Moment jedoch war Rhonda in einer sanften Stimmung, was sie zutiefst misstrauisch machte.
„Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Mein Flug war verspätet.“ Ihre ersten Worte waren eine Entschuldigung. Typisch.
„Es ist sehr lange her, dass mein einziges Kind mich besucht hat“, sagte Rhonda leise. „Es muss mehr als zwei Jahre her sein, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Ich habe dich sehr vermisst. Bleibst du über Nacht? Darüber hast du nicht gesagt.“
Stella bemühte sich, nicht in das Spiel hineingezogen zu werden, das ihre Mutter üblicherweise spielte.
„Ich hatte wirklich viel zu tun. Ich habe Geld geschickt, wann immer ich konnte“, sagte sie kurz. „Ich kann nicht über Nacht bleiben. Ich fliege heute Abend zurück, weil ich morgen umziehen werde. Aber ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“
„Das ist nett von dir. Sehr nett sogar. Du hast so ein gutes Herz“, murmelte Rhonda und nahm die Tasche entgegen.
Mehr als alles andere hasste Stella die Ungewissheit, was bei ihrer Rückkehr nach Hause auf sie wartete. Würde ihre Mutter aggressiv werden, schreien und brüllen? Oder würde sie so sein wie jetzt – ruhig und höflich und Stella glauben machen, dass alles zwischen ihnen in Ordnung sein könnte, wenn sie sich nur ein wenig mehr anstrengen würde?
Das war noch anstrengender. Es war, als würde man auf einen Sturm warten, weil die Stimmung jeden Moment in Wut umkippen konnte. Die Furcht, sie auszulösen, hing über jedem Wort. Aber auch ihre Mutter war in dieser Stimmung manipulativer. Während eines Wutanfalls würde sie vielleicht einfach die Wahrheit hinausbrüllen – und dafür war sie schließlich hergekommen: Stella wollte unbedingt die Wahrheit erfahren.
Aus dem wissenden, aber dennoch vorsichtigen Ausdruck in den Augen ihrer Mutter schloss Stella mit Schrecken, dass sie vermutlich bereits wusste, warum ihre Tochter hier war. Rhonda war alles andere als dumm. Auch das hatte sie an ihre Tochter weitergegeben – Scharfsinn und Intelligenz.
„Möchtest du es nicht aufmachen?“, fragte Stella und wies auf die Tasche, in der Hoffnung, dass das Geschenk ihre Mutter besänftigen würde.
„Öffnen? Ja, natürlich, das kann ich machen.“
Sie tauchte eine Hand mit schlanken Fingern in die Tasche.
„Karamellkekse. Mein Lieblingsgebäck.“ Sie hielt inne. „Zumindest waren sie das einmal. Mein Arzt hat gesagt, dass ich weniger Zucker zu mir nehmen soll. Aber keine Sorge, ich habe Freunde, die sich darüber freuen werden.“
Stella biss die Zähne zusammen.
„Handcreme. Die kann ich brauchen. Granatapfel? Wie interessant. Ich kann nicht behaupten, dass ich mir den Duft jemals auf meiner Haut hätte vorstellen können. Aber wir werden sehen, nicht wahr? Ich freue mich darauf, es herauszufinden.“ Sie schenkte Stella ein verschwörerisches Lächeln. „Und Bücher. Ich kann es kaum erwarten, alle drei zu lesen. Da das Geld so knapp ist, ist der Kauf von Büchern ein Luxus, den ich mir in letzter Zeit nicht erlaubt habe. Ich musste mich auf unsere örtliche Bibliothek verlassen, die, wie du weißt, nicht besonders gut ausgestattet ist.“
Nachdem sie es geschafft hatte, Stella auf subtile Weise ein schlechtes Gewissen wegen jedes einzelnen Artikels in der Geschenktüte zu machen, legte Rhonda sie beiseite. Dann starrte sie Stella herausfordernd an.
„Warum also die plötzliche Entscheidung, auf einen Blitzbesuch vorbeizukommen?“, fragte sie.
Die Plauderstunde war wohl vorbei, und es hatte keinen Sinn, die sozialen Nettigkeiten in die Länge zu ziehen. Es war an der Zeit, den wahren Grund ihres Besuchs zu offenbaren.
„Ich bin gekommen, um dich nach diesem Brief zu fragen“, sagte Stella. Sie holte ihn aus ihrer Handtasche.
Ihre Mutter ließ sich nichts anmerken, als sie ihn sah. Nichts in ihrem Gesicht deutete darauf hin, dass sie sich der Bedeutung des Briefes überhaupt bewusst war.
„Was ist damit?“, fragte sie in einem nur wenig interessierten Ton.
„Ich muss ihn versehentlich eingepackt haben, als ich meine Sachen mitgenommen habe. Ich habe ihn gestern gefunden. Er lag ganz unten in einer Kiste. Er ist von Papa.“
Obwohl sie sich nach Kräften bemühte, die gleiche eisige Beherrschung wie ihre Mutter zu bewahren, spürte Stella, wie ihre Stimme zitterte.
„Ein Brief von deinem Vater? Du bist hierhergekommen, um mich danach zu fragen?“ In Rhondas Stimme schwang echte Verblüffung mit.
„Sieh dir den Poststempel an“, sagte Stella. Sie hielt den Brief fest in der Hand. Sie wusste, dass Rhondas Stimmung im Handumdrehen umschlagen konnte. Sie könnte ihr den Brief entreißen und ihn vernichten. Das wollte Stella nicht riskieren.
„Ja.“ Rhonda blickte nach unten. „Einer seiner letzten Briefe. Er muss ein oder zwei Monate nach seinem Verschwinden angekommen sein.“
Stella spürte eine so starke Wut, dass sie die mühsam aufgebaute Selbstbeherrschung zu verlieren drohte.
„Er ist genau sieben Wochen, bevor dieser Brief geschrieben wurde, verschwunden“, betonte sie. „Ich erinnere mich genau an das Datum, von dem an er nicht mehr nach Hause kam. Und du hast auch eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Du hast darauf bestanden, einen ganzen Tag damit zu warten. Für mich hatte sich das angefühlt wie hundert Leben“, sagte Stella und erinnerte sich an ihre Qualen während der langen Nacht und des endlosen Tages darauf.
Erst am Abend war Rhonda in ihren Wagen gestiegen und hatte Stella trotz ihrer tränenreichen Bitten zurückgelassen, um die knapp fünfundzwanzig Kilometer zur örtlichen Polizeistation zu fahren, wo Detective Fall arbeitete, um ihn als vermisst zu melden.
Seitdem quälte Stella die Sorge, was wohl mit ihm geschehen war. Immer wieder hatte sie versucht, sich einzureden, dass ihr Vater gestorben sein musste, aber sie konnte das starke, wenn auch irrationale Gefühl nicht loswerden, dass er noch am Leben war.
„Ich habe gewartet, weil ich gehofft habe, dass er zurückkommt“, sagte Rhonda streng, bevor sie sich wieder dem Brief zuwandte. „Der wurde geschickt von – wo?“ Sie blickte auf den Brief hinunter, und Stella konnte in ihren Augen nichts anderes sehen als den aufrichtigen Wunsch, die Wahrheit zu erfahren. „Dein Daumen verdeckt den Teil. Nimm ihn beiseite.“
Stella hielt das Blatt weiter fest in der Hand, bewegte aber wie gewünscht den Daumen.
Rhonda seufzte, als ob alles klar wäre.
„Aus Colorado. Natürlich.“
„Was ist daran natürlich?“ Der Knoten in ihrem Bauch wurde stärker.
„Er fuhr regelmäßig nach Colorado. Es ist unser Nachbarstaat, und es gab es eine Menge grenzüberschreitender Verbrechen, bei denen die Polizei zusammenarbeitete. Du hast davon nichts gewusst, weil du dachtest, wir würden uns nur streiten.“ Jetzt lag ein Hauch von Schärfe in Rhondas Stimme. „Du dachtest, du wärst die kleine Prinzessin deines Vaters und sein Augenstern. Du hast nicht verstanden, dass wir eine funktionierende und glückliche Ehe führten. Angesichts dessen kann ich nicht verstehen, warum du so rachsüchtig mir gegenüber geworden bist. Man sagt, dass nur die Menschen Psychologie studieren, die selbst Probleme haben. Kannst du das bestätigen? Hat es deine Berufswahl beeinflusst?“ Sie sah Stella skeptisch an.
Sie wollte gerade einen wütenden Kommentar abgeben, als sie merkte, dass ihre Mutter sie absichtlich provozierte, damit sie die Beherrschung verlor. Außerdem hatte sie gekonnt das Thema gewechselt.
Stella grub ihre Nägel so fest sie konnte in ihre Handfläche, froh über die Ablenkung, die der stechende Schmerz bot. Zumindest half es ihr, sich zu konzentrieren, während ihre Mutter weitersprach.
„Das ist genau der Grund, warum ich dich von diesem Weg abbringen wollte. Du bist ein labiler Mensch, Stella. Du kommst mit dem Stress einer solchen Karriere nicht zurecht, schon gar nicht in der Strafverfolgung. Deshalb habe ich dir auch immer davon abgeraten. Wenn du Reichtum und ein komfortableres Leben als ich haben willst, dann heirate gut. Such dir jemand Besseren als ich es getan haben.“
Stella wollte den Köder nicht schlucken. Sie wollte nicht in die Falle tappen und über ihren Master-Abschluss in forensischer Psychologie und ihre kürzliche Entscheidung, zum FBI zu gehen, sprechen. Ihre Mutter brauchte das nicht zu wissen. Sie wagte es nicht, von den Erfolgen ihres Abschlusses in einem der härtesten Ausbildungsprogramme der Strafverfolgungsbehörden zu erzählen, und auch nicht von dem Angebot, dem Team in der FBI-Außenstelle in New Haven beizutreten. Das war auch der Grund, warum sie diesen Besuch so kurz halten wollte. Sie musste persönlich mit ihrer Mutter sprechen, aber heute war der einzige Tag, den sie übrig hatte, da sie ihre neue Wohnung in New Haven beziehen und am Dienstag ihren neuen Job antreten musste.
Stella wusste, dass ihre Mutter ihre Erfolge verdrehen und ihr das Gefühl geben würde, sich dafür schämen zu müssen. Das hatte sie immer wieder getan. Es war besser, nichts zu sagen.
Stattdessen zwang sich Stella, den Lärm und die Ablenkungen zu ignorieren und sich auf den Zweck ihres Besuchs zu konzentrieren. Rhonda blieb ebenfalls ruhig, was an sich schon ein Warnsignal war. Stella musste weitermachen. Sie musste es einfach! Was gab es hier zu verbergen?
„Der Poststempel“, beharrte sie.
Rhonda zuckte mit den Schultern. „In den hintersten Winkeln von Colorado haben sie die Post bearbeitet, wenn ihnen danach war. Dein Vater und ich haben immer darüber gelacht. Meistens war er vor seinen Briefen zurück.“
Stella spürte, wie sie schwach wurde. Das klang plausibel. Es könnte tatsächlich so sein.
Doch dann erinnerte sie sich an das Talent ihrer Mutter, sie immer wieder hinters Licht zu führen. Hartnäckig hielt sie an ihrer Version fest.
„Sieben Wochen? Ich denke, das ist übertrieben. Vom örtlichen Briefkasten zum Postamt dauert es höchstens ein paar Tage. Selbst in abgelegenen Gegenden funktionierte die US-Post. Vor allem in abgelegenen Gegenden“, argumentierte Stella weiter. „Und warum hat er in dem Brief gesagt, dass du es mir sagen sollst, wenn ich bereit bin? Was hat er damit gemeint? Kannst du mir das bitte erklären?“, fragte sie mit Nachdruck.
Rhonda wirkte kurz verärgert, als ob Stella sie bei etwas ertappt hätte. Dann schüttelte sie traurig den Kopf. „Mein liebes Mädchen, du willst dich unbedingt weiter damit quälen, nicht wahr?“
Ihre Stimme war sanft, aber ihr Blick durchbohrte Stella wie eine Klinge aus Stahl.
„Warum sagst du das?“ Jetzt wünschte Stella, ihre Mutter würde in Wut umkippen. Diese unerbittliche Ruhe war eine Barriere, die sie nicht durchbrechen konnte.
„Die Wahrheit wird dir nicht gefallen“, Rhondas Stimme war auf einmal nur noch ein heißeres Flüstern.
„Vielleicht. Aber ich will es wissen. Ich verdiene es.“
Stella bemühte sich, ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen. Inzwischen klopfte ihr Herz so laut, dass ihr das Blut in den Ohren rauschte. Endlich würde ihre Mutter einlenken. Sie würde ihr sagen, was wirklich geschehen war. Konnte sie spüren, wie aufgeregt sie war? Es wäre besser, wenn Rhonda das nicht merken würde. Wenn sie glaubte, dass es Stella eher nicht so wichtig war, würde sie eher bereit sein, ihr alles zu erzählen.
„Die Wahrheit“, flüsterte Rhonda.
„Bitte“, sagte Stella leise.
„Also gut. Du sollst sie haben.“
Stella lehnte sich näher heran. Endlich würde sie die Antworten bekommen, nach denen sie sich sehnte.
Und dann warf Rhonda ihren Kopf zurück und schrie die Worte heraus.
„Es gibt keine Antworten! Es gibt nur eine Realität, nämlich dass dein Vater uns im Stich gelassen hat. Er hat sich von seiner Familie abgewandt. Von dir, seinem einzigen Kind, das ihn als Helden verehrte, obwohl er Abschaum war. Er ist weggegangen. Er hat uns gehasst! Hat uns gehasst! Warum willst du mir nicht glauben? Warum glaubst du, dass ich lüge, wenn ich selbst mit dieser schrecklichen Wahrheit leben muss, jeden Tag meines Lebens?“
„Aber ich …“, begann Stella.
Ihre Mutter hörte nicht mehr auf zu schreien.
„Verschwinde! Du bist den ganzen Weg hierhergekommen, nur um uns beide zu traumatisieren. Raus hier!“
Ihre Schreie hallten in dem kleinen Haus von den Wänden wider und ließen Stella sich wieder klein und hilflos und zehn Jahre alt fühlen.
Sie würde keine Antworten bekommen, wurde ihr verzweifelt klar, während sie sich aufrappelte und zur Haustür eilte. Es gab nur verschiedene Versionen von Lügen, die sich genauso ständig drehten wie der unerbittliche Wind, der gegen die staubigen Scheiben schlug.
Ihre Mutter kannte die Wahrheit, davon war sie überzeugt. Aber sie wollte sie nicht mit ihr teilen, und Stella fürchtete, sie würde ihre Geheimnisse mit ins Grab nehmen.
Es gab keine andere Möglichkeit mehr, als zu gehen. Sie musste zurück nach New Haven fliegen und ihren brandneuen Job und ihr brandneues Leben beginnen, ohne den Abschluss, nach denen sie sich so sehr gesehnt hatte.
Zwei Tage später.
Stella schritt durch den Haupteingang des FBI-Hauptquartiers in New Haven. Der Schritt durch die Tür fühlte sich wie ein lebensverändernder Moment an. Und das war er auch. In den letzten Monaten hatte sich ihr Leben auf eine Weise verändert, die sie nie für möglich gehalten hatte. Von heute an war sie hier eine vollwertige Angestellte. Vor zehn Tagen hatte sie ihren Abschluss an der FBI-Akademie gemacht, nachdem sie den Director’s Award gewonnen hatte. Jetzt war sie eine Außendienstmitarbeiterin in ihrem allerersten Einsatz. Es fühlte sich immer noch surreal an.
Auf dem Weg zum Sicherheitsschalter, um dem Wachpersonal ihren neuen, glänzenden Ausweis zu zeigen und sich anzumelden, stellte Stella fest, dass sie sich an ihrem ersten Arbeitstag nicht so wohlfühlte, wie sie es sich erhofft hatte.
Die Konfrontation mit ihrer Mutter hatte ihrem Selbstvertrauen einen schweren Schlag versetzt. Rhonda Fall schien sie mit den Geheimnissen, die sie hatte, quälen zu wollen. Ihre fortgesetzte Weigerung, Fragen zu beantworten, hatte Stella dazu gebracht, an ihren eigenen Instinkten und Fähigkeiten zu zweifeln. Stella hatte das Gefühl, dass sie nicht nur eine nutzlose Ermittlerin, sondern auch ein schlechter und gefühlloser Mensch war. Selbstzweifel und düstere Selbstkritik hatten auf dem ganzen Weg zurück zum Flughafen an ihr genagt.
Bevor sie an Bord ging, schickte sie ihrer Mutter eine Nachricht, in der sie sich für die Kürze ihres Besuchs und dafür entschuldigte, dass sie das Thema ihres Vaters wieder angesprochen hatte. Sie sagte, dass sie so bald wie möglich wiederkommen würde und dass sie ab dem nächsten Monat mehr Geld nach Hause überweisen könnte.
Rhonda hatte die Nachricht gelesen, aber nicht darauf geantwortet, und das Ausbleiben einer Antwort hatte Stella noch mehr zu schaffen gemacht.
Sie wollte sich am ersten Tag einer so anspruchsvollen neuen Karriere, die ihre Fähigkeiten und ihre mentale Stärke in jeder Hinsicht auf die Probe stellen würde, nicht ablenken lassen. Sie hatte gehofft, dass sie nach dem Besuch bei ihrer Mutter ihre Arbeit gelassen und mit dem Gefühl des Abschlusses beginnen können. In Wirklichkeit war das genaue Gegenteil eingetreten.
Sie sagte sich, dass sie darüber hinwegkommen müsse. Inzwischen müsste sie eigentlich wissen, welche Wirkung ihre Mutter auf sie hatte. Sie konnte nichts anderes tun, als die Flut negativer Gedanken abzuwehren, die sie jedes Mal überkam, wenn ihre Gedanken in ihre Richtung schweiften.
„Guten Morgen. Ich bin die neue Agentin Stella Fall“, stellte sie sich vor. Der Wachmann reichte ihr das iPad, damit sie ihre digitale Registrierung abschließen konnte.
„Guten Morgen, Agent Fall“, sagte er förmlich.
Stella gab ihre Daten ein und reichte das iPad an den Wachmann zurück. Während er die Informationen verarbeitete, schaute sie sich um und musterte das beeindruckend große Gebäude, das ihr neuer Arbeitsplatz war.
Wenn sie nicht im Außendienst war, würde sie von nun an jeden Tag dieses makellose vierstöckige Gebäude betreten. Sie vermutete, dass die ursprünglich in den 1940er-Jahren errichteten Büros hinter der modernen und schlichten Backsteinfassade komplett umgebaut worden waren.
Es war ein beeindruckender, geschäftiger Ort. Die moderne Rezeption, die glänzenden Kacheln, die Haltung und das Auftreten des Wachpersonals und der Mitarbeiter vermittelten ein Gefühl des Stolzes. Es war aufregend, aber auch einschüchternd zu wissen, dass sie nur ein winziges Rädchen in dieser gigantischen Maschinerie der Gerechtigkeit sein würde. Doch wenn sie sich anstrengte und ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten ausreizte, konnte sie im Kampf um die gute Sache etwas bewirken.
Ihre Anmeldung war abgeschlossen. Stella merkte, dass sie nicht wusste, wohin sie jetzt gehen sollte. Sie war sehr früh dran gewesen. Special Agent Roth, ihr neuer Chef, hatte gesagt, dass er sie um acht Uhr morgens treffen würde, und es war erst sieben Uhr dreißig.
Stella wusste, wo in dem Gebäude sich sein Büro befand. Es war noch nicht lange her, dass sie sogar mit einem Hubschrauber hier angekommen war. Sie war von ihrer letzten Studienwoche an der Akademie abgeholt worden, weil Clem, ihr Mentor und ehemaliger FBI-Spezialagent, der Meinung gewesen war, dass sie bei der Lösung eines Falles wichtige Erfahrungen mitbringen würde.
Tatsächlich hatte Stella am Ende den Fall gelöst. Roth hatte sie in den höchsten Tönen gelobt, und als Ergebnis hatte sie sich einen Job in seinem Team verdient. Er benötigte ihre Fähigkeiten und vor allem ihren fachlichen Hintergrund aus dem Studium der Psychologie.
Stella ging den Korridor entlang zu dem Bereich, in dem Roth und sein Team stationiert waren. Sie würden nicht viel Zeit in den Büros verbringen, hatte Roth ihr gegenüber betont. Er war überzeugt, dass ein Außendienstmitarbeiter vorwiegend im Außendienst tätig sein sollte. Aber sie war neu, also würde sie wahrscheinlich noch nicht direkt auf Fälle losgelassen werden, dachte Stella, und fragte sich, was die nächsten Monate bringen würden.
Sie betrat die kleine Lobby, in der ein Beamter damit beschäftigt war, in einem der Aktenschränke zu stöbern. Diesen Mann hatte sie noch nie gesehen. Er wirkte konzentriert, aber auch etwas besorgt. Er fand die Akte, die er benötigte, nickte ihr kurz zu und eilte dann wieder hinaus.
Es gab nichts, was sie tun konnte, bis Roth eintraf. Alle waren beschäftigt, und sie würde lieber warten, bis er sie vorstellte, als herumzulaufen und ihren Kopf in Büros zu stecken, um Fremde zu begrüßen.
Sie fühlte sich ganz wie das neue Mädchen in der Klasse, als sie auf einem der Stühle Platz nahm. Es weckte alte Erinnerungen an die Highschool, und mit diesen Erinnerungen im Kopf kam ihr plötzlich eine Idee.
Stella nahm ihr Handy heraus und scrollte durch ihre Nachrichten. Sie hatte nicht vor, sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter geschlagen zu geben. Sie würde weiterhin Antworten verlangen.
Schnell tippte sie eine Nachricht ein.
„Mama, ich weiß, dass du weißt, wo Papa ist. Findest du es nicht unfair, mir das vorzuenthalten? Warum solltest du so etwas tun wollen? Wäre es dir nicht lieber, ich würde ihn persönlich konfrontieren und die wahre Geschichte erfahren? Bitte, bitte, sag es mir! Denn ich fühle mich sehr unglücklich und unsicher, weil ich es nicht weiß.“
Sie las die Nachricht. Es war nicht genau der Ton, den sie wollte, es fühlte sich zu persönlich an, aber sie wusste auch nicht, was der richtige Ton überhaupt wäre. Vielleicht würde das Eingeständnis ihrer eigenen Verletzlichkeit das Herz ihrer Mutter berühren. Bevor sie alles noch einmal überdenken und verwerfen konnte, drückte sie schnell auf Senden.
Stella schaute genau hin und sah, dass die Nachricht angekommen war. Ihre Mutter hatte sie gelesen, das sah sie, und ihr Puls beschleunigte sich. Was würde sie denken? Würde sie sofort antworten oder würde es eine Weile dauern?
Als sie Stimmen von draußen hörte, steckte Stella ihr Handy weg. Sie sprang auf, als Roth den Raum betrat.
Roth wirkte gestresst, als er ins Büro geeilt kam. Sein besorgtes Stirnrunzeln ließ auch nicht nach, als er kurz in ihre Richtung nickte. Sein kastanienbraunes Haar war länger als beim letzten Mal; es sah so aus, als wäre ein Schnitt mehr als überfällig. In den letzten Wochen hatte Roth offenbar nicht einmal Zeit gehabt, zum Friseur zu gehen.
Es schien, also ob die Arbeit als Supervisory Special Agent in dieser großen Außenstelle mit mehr Stress verbunden war, als sie sich hatte vorstellen können.
„Agent Fall. Willkommen an Ihrem neuen Arbeitsplatz. Sie sind an einem sehr arbeitsreichen Tag angekommen.“ Stella vermutete, dass alle Tage gleich waren, als Roth eilig fortfuhr: „Die meisten meines Teams sind mit Fällen beschäftigt. Sie werden vorerst hier arbeiten.“
Er deutete auf den kleinen Schreibtisch in der einzigen Ecke der Lobby, die nicht mit Aktenschränken vollgestopft war.
„Danke“, sagte Stella und blickte aufgeregt auf den ihr zugewiesenen Arbeitsplatz und fragte sich, was ihre erste Aufgabe sein würde. Der Schreibtisch war vollständig mit Aktenstapeln bedeckt. Sie fragte sich, wohin man sie bringen könnte.
„Als neue Agentin wollen Sie sich sicherlich nützlich machen.“
Stella nickte eifrig.
„Aber als neue Agentin wird in Ihren Aufgabenbereich fallen, die alltäglichen Aufgaben zu erledigen, für die sonst niemand Zeit hat. Angefangen mit diesen Akten.“ Es lag ein Hauch von Humor in seiner Stimme, als er auf die Stapel deutete.
Stella blickte wieder auf den Schreibtisch, diesmal mit mehr Sorge. Was musste mit diesen Bergen von Papierkram geschehen? Sie würde sich der Herausforderung stellen, natürlich. Es war nur – nicht die Herausforderung, die sie erwartet hatte. Aber Roth hatte recht. Jemand musste die Arbeit machen, und wenn es das war, was nötig war, um das Büro in New Haven wie eine gut geölte Maschine am Laufen zu halten, dann war sie die richtige Person für diesen Job.
Jedenfalls versuchte Stella, sich mit diesem tapferen inneren Dialog aufzumuntern.
„Es handelt sich um kürzlich aufgeklärte Fälle, aber da unsere Büros jetzt digital arbeiten, müssen alle Informationen überprüft und dann eingescannt werden, damit es eine Online-Version jeder Akte gibt.“
„Verstehe“, sagte Stella, die sich von dem gewaltigen Ausmaß dieser Aufgabe etwas eingeschüchtert fühlte.
„Gehen Sie diese Akten durch und sehen Sie sich das Inhaltsverzeichnis auf der Vorderseite an. Dann vergewissern Sie sich, dass alle Inhalte auch tatsächlich in der Akte und entsprechend der nummerierten Liste richtig angeordnet sind. Sie glauben gar nicht, wie sehr das unser Leben erleichtert, wenn wir dringend ein Beweisstück oder einen Zeugenbericht suchen müssen – oder wie sehr es die Dinge verkompliziert, wenn etwas nicht auffindbar ist. Sie können den Computer und den Scanner im Büro nebenan benutzen, um die Seiten einzuscannen. Sobald sie damit fertig sind, speichern Sie sie im System nach Jahr, Monat, Fallname und Fallnummer. Sie werden schnell verstehen, wie das geht, wenn Sie einmal damit angefangen haben.“
„Was soll ich tun, wenn Seiten fehlen?“, fragte Stella.
„Der Name des für den Fall zuständigen Agenten steht auf der Vorderseite der Mappe. Setzen Sie sich mit diesem in Verbindung und fragen Sie ihn nach den fehlenden Informationen. Sobald die Mappen gescannt sind, können sie manuell nach der Fallnummer abgelegt werden.“
„Ich fange gleich an“, sagte Stella, die sich nicht anmerken lassen wollte, wie überwältigt sie von diesem mannshohen Stapel war. Stattdessen bemühte sie sich um eine positive Einstellung, indem sie daran dachte, wie gut sie sich in den Fallgeschichten zurechtfinden und auch die zuständigen Agenten kennenlernen würde, falls noch Seiten fehlten. Sie würde also auch ihre Kollegen kennenlernen!
Sie blickte auf, aber Roth war bereits hinausgeeilt und überließ es ihr, die erste Aufgabe allein zu bewältigen.
Als sie den ersten von schätzungsweise hundert Ordnern herunternahm, stellte sie fest, dass der Schreibtisch so vollgestopft war, dass sie dort eigentlich nicht arbeiten konnte. So verbrachte sie zunächst einige Zeit damit, die Ordner neu zu sortieren, um eine Ecke freizumachen. Jetzt waren die verbleibenden Stapel zwar noch höher, aber sie würden sich schnell lichten, wenn sie einmal angefangen hatte.
Kaum hatte Stella diesen Gedanken zu Ende gedacht, als ein gestresst wirkender Agent hereingestürmt kam. Ohne sie wirklich anzusehen, rannte er zum Schreibtisch hinüber und legte fünf neue Akten auf den Stapel.
Er rannte direkt wieder hinaus und Stella saß ihm bestürzt hinterher.
Und dann geschah etwas noch Schlimmeres.
Vom Gang her hörte sie eine markante Stimme. Scharf, hoch und sehr selbstbewusst jagte sie ihr ein ungewolltes Kribbeln über den Rücken.
„Wo ist Supervisory Special Agent Roth? Ist er hier drin? Man sagte mir, ich solle mich vorstellen.“
Stella wollte sich am liebsten hinter den Papierbergen verstecken. Das konnte sie natürlich nicht.
Stattdessen sah sie entsetzt zu, wie ihre große, schlanke, selbstbewusste Erzfeindin eintrat.
Dies war die Frau, die alles getan hatte, um Stella in Quantico zu sabotieren und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht als Agentin qualifizierte. Dies war die Frau, der Stella kurz vor ihrem Abschluss einen Schlag in den Magen verpasst und sie von den Füßen geholt hatte; das hatte ihr eine bittere und dauerhafte Feindschaft eingebracht, zusätzlich zu dem Groll, den die andere Frau bereits vorher gegen sie gehegt hatte.
Sie hätte sich nie träumen lassen, dass sie Carrie Potts jemals wiedersehen würde!
Und an deren gleichermaßen empörten Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass die neue Agentin Carrie Potts genauso wenig damit gerechnet hatte.
Einen langen Moment lang starrte Stella Carrie an und sah ihre entsetzten Gedanken in den grünen Augen der anderen Frau widergespiegelt.
Mit einer Drehung ihres Kopfes und einem spöttischen Blick ihre schmale, perfekt geformte Nase entlang, war Carrie die Erste, die sich erholte.
„Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen, Stella Fall. Mein Team hat mir gerade gesagt, dass sie eine Junior-Stelle zu besetzen haben.“
Ihr Tonfall war beleidigend, aber Stella konnte die Unsicherheit in ihren Augen sehen.
„Wie schön, dich zu sehen“, antwortete Stella gleichgültig. „Es ist wirklich ein Zufall, dass wir beide hier arbeiten werden.“
Innerlich konnte sie ihr Pech nicht fassen. Sie versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass New Haven ein großes Büro war. Es war sogar so groß, dass Satellitenbüros im weiteren Umkreis von Connecticut eingerichtet worden waren. Bei einem so großen Betrieb würden sie sich hoffentlich nicht allzu oft über den Weg laufen. Idealerweise gar nicht.
Carrie starrte sie mit einem seltsamen, wissenden Ausdruck an.
„Hast du darum gebeten, hierher versetzt zu werden?“
„Nein, mir wurde die Stelle angeboten“, antwortete Stella kurz.
„Das ist also ein weiterer Zufall. Denn ein Freund von mir hat mir erzählt, dass du dich in der Gegend auskennst. Stimmt das?“
Sie legte einen schlanken Finger an ihr Kinn, als würde sie nachdenken.
„Ja, und das weißt du auch“, erwiderte Stella ungeduldig. „Ich wurde während unserer letzten Ausbildungswoche hierher beordert, um bei einem Fall zu helfen. So habe ich Agent Roth kennengelernt.“
Sie starrte Carrie mit steinerner Miene an. Carrie war nicht erfreut gewesen, als sie hörte, dass Stella in einen Fall hineingezogen worden war, bevor ihre Ausbildung überhaupt abgeschlossen war. Hatte Carrie das einfach vergessen, oder ignorierte sie es einfach?
„Ja, ja, das wusste ich. Das meinte ich nicht.“
Stella spürte einen Anflug von Sorge. Natürlich würde da noch etwas anderes sein. Carrie hatte den Köder nicht ohne Grund ausgelegt. Leider war ihre Rivalin sowohl scharf als auch scharfsinnig.
„Das hat mir ein Freund erzählt. Ich habe viele Freunde in dieser Gegend, weißt du. Ich stamme ursprünglich aus Bridgeport, deshalb habe ich um eine Versetzung in diese Außenstelle gebeten.“
„Ach, wirklich?“, fragte Stella und machte sich noch mehr Sorgen.
„Ja, wirklich. Als ich vor einer Weile deinen Namen erwähnte, hieß es, dass es Anfang des Jahres einen großen Skandal gegeben habe, in den du verwickelt warst. Der Onkel meiner Freundin, Gordon Marshall, sagte ihr, dass er nicht glauben konnte, welchen Ärger du verursacht und wie Sie versucht hattest, seine Familie zu zerstören. Nachdem sie einen schrecklichen Verlust erlitten hatten, glaube ich.“
Stella blieb das Herz stehen.
Carrie hatte von einem Vorfall erfahren, den sie am liebsten vergessen hätte. Der Mord an ihrem Verlobten Vaughn Marshall hatte sie in Schwierigkeiten gebracht. Mehr noch, sie war sogar die Hauptverdächtige bei diesem kaltblütigen und gewalttätigen Verbrechens gewesen.
Dieser Mord war der Grund, warum sie niemals in den Bundesstaat Connecticut hatte zurückkehren wollen. Hier lebte die extrem reiche und korrupte Familie Marshall. Es war der einzige Faktor, der sie hatte zögern lassen, Roths Jobangebot anzunehmen.
Jetzt wusste Carrie Bescheid, und diese Information könnte schädlicher nicht sein.
„Ich glaube, Gordon hat versprochen, dass er sich für den Schmerz und das Leid, das du verursacht hast, und für die Art und Weise, wie du versucht hast, ihren guten Namen zu beschmutzen, rächen wird. Als ehemaliger Senator ist er sehr einflussreich, wie du offensichtlich weißt“, fuhr Carrie fort, und Stella wurde gleich noch nervöser.
Natürlich stand Rache ganz oben auf Gordon Marshalls Liste, nachdem sie die Verfehlungen der Familie aufgedeckt hatte. Aber sie hätte nie gedacht, sie noch immer als Zielscheibe diente. Sie hatte angenommen, sie würde für immer aus dem Leben der Familie verschwinden und man würde sie irgendwann vergessen. Jetzt war sie wieder da, und man redete offensichtlich bereits darüber. Wenn Gordon herausfand, wo sie arbeitete, würde er seine Bemühungen, sie zu vernichten, fortsetzen.
Sie war eine Bedrohung für ihn und seine korrupte Familie, und schlimmer noch, sie war diejenige, die ihre Geheimnisse aufgedeckt hatte.
Stella hatte die Nachrichten verfolgt. Das Anwaltsteam der Familie versuchte, den Namen des Clans reinzuwaschen. Mit den besten Anwälten, die der Staat zu bieten hatte, könnte ihnen das auch gelingen.
„Du siehst besorgt aus“, sagte Carrie und klang zufrieden.
Stella wusste, dass sie es nicht war. Sie zeigte nur selten ihre Gefühle und hatte in dem Moment, in dem sie merkte, worauf Carries Gespräch hinauslief, sofort dicht gemacht.
„Es tut mir leid.“ Sie schenkte Carrie ein strahlendes Lächeln. „Ich war auf die Checkliste in dieser Mappe konzentriert und habe nicht aufgepasst. Das war unhöflich von mir. Ich entschuldige mich dafür.“
Carrie funkelte sie an, und Stella freute sich, dass sie richtig eingeschätzt hatte, wie ihr Kommentar aufgenommen würde.
„Hast du von den Marshalls gesprochen?“, fragte Stella dann unschuldig. „Ich denke, wenn ich ihren Namen wirklich in den Schmutz gezogen hätte, hätten sie eine Verleumdungsklage eingereicht. Da sie das nicht getan haben, sind dir vielleicht nicht alle Fakten bekannt. Wie auch immer, das ist Vergangenheit. Ich bin nicht nachtragend“, sagte sie mit sarkastischem Unterton.
Sie konnte fast hören, wie Carrie mit den Zähnen knirschte.
„Ich traue deiner Version nicht, Stella Fall“, schimpfte sie. „Nicht nachdem ich vier Monate in Quantico zugehört habe, wie du die Wahrheit verdrehst und Leute manipulierst!“
Stella zuckte mit den Schultern. „Es ist schade, dass du so denkst“, sagte sie gleichgültig.
Carrie wählte einen anderen Blickwinkel und starrte auf die Stapel von Ordnern.
„Ich überlasse dich jetzt deinem Papierkram“, sagte sie. „Ich sitze heute Morgen mit meinem Team zusammen und gehe einige Fälle durch, die relevant sein werden, wenn ich in den Außendienst gehe. Und da ich die erste neue Agentin bin, die in diesem Jahr in New Haven eingestellt wurde, wird das bald geschehen“, sagte sie triumphierend. „Sie wollen mich so schnell wie möglich zu einer vollwertigen Außendienstmitarbeiterin machen. Aber ich bin mir bewusst, dass auch Sachbearbeiter einen Wert haben, und ich bin sehr dankbar, dass du hier bist, um unserer Abteilung bei der Basisarbeit zu helfen.“
Sie schenkte ihr ein falsches, süßes Lächeln, drehte sich um und schlenderte hinaus.
Stella stieß einen langen, zittrigen Atem aus. Es hätte nicht schlimmer kommen können.
Die äußerst wettbewerbsorientierte und fähige Carrie würde wahrscheinlich vor Stella in den Außendienst gehen, und sie war eindeutig für die erste freie Stelle ausgewählt worden. Stella war zwar von Roth eingestellt worden, aber sie war eine Ergänzung des Teams in letzter Minute.
All das bedeutete wenig im Vergleich zu dem viel ernsteren Problem: Carrie hatte Freunde, die mit den Marshalls in Verbindung standen.
Dadurch hatte sie ein viel größeres Druckmittel, um Schaden anzurichten. Sie hatte keinen Zweifel, dass Carrie diese Information zu ihrem Vorteil nutzen würde, sobald sie erkannte, wie mächtig Gordon Marshall war und wie weit er gehen würde, um Stella zu vernichten,
Mit einem Seufzer wandte sich Stella wieder ihrer Ablage zu.
„Oh, Agent Roth!“, hörte sie Carrie von der Lobby aus rufen. „Ich wollte Ihnen einen guten Morgen sagen und mich vorstellen. Ich bin die neue Agentin, Carrie Potts, die unter Special Agent Billings arbeiten wird.“
Als sie mit Stella geredet hatte, war Carries Stimme voll Gift gewesen. Aber jetzt klang sie zuckersüß und gleichzeitig so professionell, wie Stella es an der Stelle eines viel beschäftigten Chefs gerne hören würde.
Offensichtlich war Roth davon überzeugt.
„Es ist schön, Sie kennenzulernen“, sagte er, und Stella bemerkte, dass seine Stimme viel wärmer klang als bei der ersten Ansprache. „Ich freue mich auch darauf, mit Ihnen zu arbeiten. Wir haben in Quantico sehr gute Erfahrungen mit Ihnen gemacht.“
„Das freut mich sehr zu hören. Und ich werde mich bemühen, dem gerecht zu werden. Ich möchte, dass Sie stolz auf mich sind, Agent Roth, und ich werde mein Bestes für mein Team geben.“
Hmm, dachte Stella. Sie hätte nie gedacht, dass die hochmütige Carrie jemals Demut zeigen könnte, aber es war genau das, was sie gerade tat.
Wenn Carrie nur keinen Groll gegen sie hegen würde, dachte sie verzweifelt. Als sie einen Blick auf die nette Seite erhaschte, die Carrie offensichtlich nach Belieben zeigen konnte, fühlte sie sich noch schlechter. Warum konnte sie diese Feindschaft nicht beiseiteschieben?
Die Dinge zwischen ihnen waren in Quantico schon schlimm genug gewesen. Aber in stressigen Arbeitsumfeld und mit Carries neu gewonnenem Wissen über ihre Vergangenheit befürchtete sie, dass die Rivalität karriereschädigende Folgen haben könnte.
Irgendwie musste sie es schaffen, diese potenzielle Katastrophe abzuwenden und sich gleichzeitig mit all den anderen komplexen Aspekten ihrer neuen Tätigkeit auseinanderzusetzen.
Sie hatte nicht gedacht, dass ihr erster Tag so verlaufen würde.
Larry Hartford verließ den Tweed-Flughafen in New Haven und ging auf den Abholbereich zu, wo der Fahrer mit seinem glänzenden schwarzen Mercedes gerade vorfuhr.
Er telefonierte mit einem Kunden und verpasste kein einziges Wort des Gesprächs, während der Fahrer ausstieg und Larry respektvoll zunickte, als er einstieg.
„Auf jeden Fall. Wir werden den Vertrag für das Franchise-Gebiet noch heute unterzeichnen, und ich werde Garth dazu bringen, diese Änderungen am Vertrag vorzunehmen.“ Larry gab dem Mann schnell eine Fünfzig-Dollar-Note und schloss dann die Tür. Einen Moment später verband sich sein Telefon mit dem Bluetooth des Wagens und die Stimme des Kunden erfüllte den prächtigen, mit Leder ausgekleideten Raum.
„Wenn die Änderungen vorgenommen werden, ist alles gut.“
„Ausgezeichnet. Wir sind froh, Sie bei Choice Coffees an Bord zu haben.“
